Andererseits

Und auf der anderen Seite (des Atlantiks) kann einer Lula heissen und wird eines Tages Präsident eines riesigen Landes. Mit riesigen Regenwäldern, einer riesigen Verschuldung, aber auch zu riesiger Lebensfreude und Ausgelassenheit im Stande – eben nicht im Stande sondern im Tanz – auf den Strassen, tagelang, nächtelang, die ganze Bevölkerung auf den rhythmischen, nimmermüden Beinen, und danach kann keine und keiner mehr stehen, aber das kümmert sie nicht, diese Bevölkerung, das danach. Nach dem Karneval ist vor dem Karneval. Do brasil.

Einerseits ist es uns angenehm, dass hier alles funktioniert, in der Regel. Auch wenn sich die Ausnahmen häufen. Da habe ich letztlich um ein Haar den Schnellzug nach Bern verpasst, weil mein Vorortszug bummelte. Einer hinter mir in den Zug hechtenden Passagierin hat es die Tasche in der Zugtüre eingeklemmt und der Schaffner hat sie auch noch angeschnauzt. Worauf ich den Schaffner anschnauzte, er soll bitte die Dame nicht anschnauzen und besser dafür sorgen, dass die Vorortzüge pünktlich eintreffen und die Anschlüsse gewährleistet sind. Und dann belehrt er mich auch noch über Anschlussregeln (wer auf wen warten muss, unter den Zügen, und wer nicht) und Laub auf den Schienen und sicherheitbedingtes Langsamfahren und unmögliche Beschleunigungen bei besonderen Verhältnissen, und den gewaltigen Sturm von gestern. Wo waren Sie, so dieses Wochenende? Fragt er mich. Nichts mitgekriegt?
Doch, denke ich, mein Fensterladen hat einmal gerattert dieses Wochenende. Der Mann hat Recht. Aber kann er auch tanzen? War er schon in Rio am Karneval, dieser uniformierte Lulatsch, der alles so vernünftig erklären kann, dass man ihm gar nicht mehr grollt?
Und ist er sich bewusst, dass wegen ihm und mir und der Frau mit der eingeklemmten Tasche und ein paar anderen Typen in der 1. und 2. Klasse (vor allem in der ersten, aber ein Zweitklassfahrschein ist kein Persilschein) die Regenwälder abgeholzt werden in Brasilien? In rasender Geschwindigkeit. Von Karneval zu Karneval werden soviele Hektaren abgeholzt, dass es auf einen verspäteten Zug und eine beinahe verpasste Sitzung in Bern wirklich nicht ankommt.
Worüber hätten wir wahrscheinlich geredet, wenn es eine Sitzung gegeben hätte, die wir jetzt nicht verpasst haben? Über den Sinn von Reisen in Länder mit Problemen, die so gross sind, dass sie uns auch betreffen? Auch der Umweltexperte verbrennt bei einem Transatlantikflug an einen Umweltgipfel in Rio soviel Energie (und zwar nicht erneuerbare), wie eine Familie in Afrika ein ganzes Jahr zum Leben benötigt. Nicht nur der Badegast, der einmal in seinem miesen kleinen Leben die Copa Cabana sehen will. All die gebräunten, knackigen Ärsche. Versteht man doch.

Einerseits sind wir dafür. Für pünktliche Züge, weiche Polster in der 1. Klasse, gutes Essen, anständige Musik aus einer schockresistenten Stereoanlage und das Recht auf Urlaub an einem sonnigen Strand, wie es in der Charta der Ausgelaugten verbrieft ist. Schliesslich arbeiten wir hart dafür. Rackern uns ab, tagtäglich, jahrein, jahraus. Alles was Recht ist.
Andererseits hat man es schwer hier mit sich und den andern. Alle sind schnell gereizt und die Sommer sind kurz. Ob ich einen Gipfel will zum Kaffee, fragt mich der farbige Mann mit der Minibar (im Oberdeck bedient sie jetzt die Railbar), und ich klaube einen Laugengipfel aus dem Sack, den er mir hinhält, reiche ihm einen Fünfliber und sage, gut so, der Rest ist für Sie. Er hat ein Lächeln drauf, das er nicht aufsetzen muss. Nicht für mich, nicht für irgendjemanden. Strahlt irgendwie von Innen heraus, ganz für sich. „Erster Fahrgast – bester Fahrgast“ sagt er noch. Dann rollt er weiter. Tanzt in Fahrtrichtung davon. Ich blicke nach hinten über meine müde Schulter (es ist fünf Uhr sechsundzwanzig, grosser Gott, und Montag noch dazu), um nachzuschauen, ob ich wirklich der erste Fahrgast bin, den er bedient hat. Tatsächlich. Hinter mir nur noch drei Geschäftsleute, in die Börsenkurse vertieft.
So schnell er auch fährt, dieser Zug, geht es mir durch den Kopf – so schnell er auch fährt, er holt ihn nicht ein, den fröhlichen Mann mit der rollenden Bar. Nie holen wir den ein. Der ist uns abgefahren. Wir sind die Bedienten.

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