Es war Mitte April. Nachdem es die ganze Nacht ununterbrochen geregnet hatte, erwachte die Stadt in einen freundlichen Montagmorgen. Es war kurz vor acht Uhr, als Remigius Stettler die Strasse überquerte und ins Café Strauss eintrat. Während die Glastüre sich hinter ihm sanft schloss, blieb er einen Augenblick stehen, schaute sich im Lokal um und ging dann direkt auf einen freien Tisch an der Wand gegenüber der Theke zu, im Vorübergehen links und rechts die Gäste grüssend, die bei ihrem Morgenkaffee sassen.
Kaum jemand bemerkte die Begrüssung, die aus einem zugewandten Nicken und der Andeutung eines Lächelns bestand. Die meisten waren in ihre Morgenzeitung oder ihr Telefon vertieft. Zwei Gäste, ein Mann und eine Frau, sassen über ihre Laptops gebeugt, obwohl ein Schild an der Wand ausdrücklich darum bat, zu respektieren, dass es sich um ein laptopfreies Café handelte, und ein Mann, der von sich dachte, er sei im besten Alter, war gerade damit beschäftigt, mit seinem Kaffeelöffel ein weggebrochenes Stück Croissant aus seinem Milchkaffee zu fischen.
Remigius setzte sich und drehte als erstes die Tasse um, die mit der Öffnung gegen unten in der Untertasse stand. Dann nahm er die Papierserviette aus dem Teller und legte sie daneben. Als er wieder aufschaute, betrat ein neuer Gast das Café. Remigius Stettler begrüsste ihn mit einem leichten Kopfnicken und der Andeutung eines Lächelns. Dann wandte er sich der Kellnerin zu, die soeben zwei Tische weiter einem weiblichen Gast eine Tasse Tee auf den Tisch gestellt hatte und sich in Richtung Theke abwenden wollte, als sie von Remigius Stettlers Blick abgefangen wurde. Nie würde Remigius Stettler eine Bedienung durch Zurufen auf sich aufmerksam machen. Zurufe waren etwas für Kutscher.
Guten Morgen, sagte Stettler zur Kellnerin, auf deren Namensschild «Lore» stand. Wie ist ihr werter Name?
Lore, antwortete die Kellnerin, mit nach hinten gebogenem Zeigefinger auf ihr Namensschild weisend, während sie mit der anderen Hand mit einem weissen Lappen den Tisch abwischte. Was darf ich ihnen bringen?
Remigius Stettler störte es, wenn Kellner und Kellnerinnen mit ihren Vornamen angeschrieben waren.
Ihren Familiennamen wüsste ich gerne, sagte Stettler.
Die Kellnerin schaute ihn an, als wollte sie ihm etwas unterstellen, dann sagte sie: Oberson. Und was darf es jetzt sein?
Ich hätte gerne einen Milchkaffee, Frau Oberson, und, sofern noch welche da sind, ein Croissant, sagte Stettler, in einem Tonfall, aus dem auch mit viel Misstrauen nichts ausser Höflichkeit zu lesen war.
Als die Kellnerin mit seinem Kaffee auf ihn zu kam, sah Remigius Stettler schon bevor sie seinen Tisch erreichte, dass sie kein Croissant dabeihatte.
Lore Oberson stellte den Milchkaffee auf den Tisch und sagte: Es sind keine Croissants mehr da.
Das sehe ich, sagte Remigius Stettler, wie bedauerlich.
Da kann ich nichts machen, sagte Frau Oberson.
Ich weiss, dass es nicht ihre Schuld ist, sagte Remigius. Aber um 8 Uhr, eine Stunde nach Öffnung des Lokals, sollten noch Croissants verfügbar sein.
Frau Oberson wandte sich bereits um, als Remigius sie noch einmal ansprach.
Ausserdem…
Sie drehte sich noch einmal zu ihm um. Was kam jetzt noch?
Ausserdem möchte ich, fuhr Remigius Stettler fort, dass die Tassen von jetzt an nicht mehr umgedreht in den Untertassen stehen. Umgedrehte Tassen sind etwas für eine Betriebskantine. In einem Café sollten die Tassen stolz und aufrecht stehen.
Lore Oberson schaute ihn an, unsicher, was sie von dem, was er gerade gesagt hatte, halten sollte, und Stettler fuhr fort: Und die Servietten, wenn ich das auch noch sagen darf…
Was ist mit den Servietten? Liegen die auch verkehrt rum?
Sie gehören links neben den Teller, nicht auf den Teller.
***
Als Lore Oberson zurück zur Theke kam, fragte sie Klaus Jenzer, der ihren Austausch mit dem Gast beobachtet und für zu lang befunden hatte: Was wollte der?
Klaus Jenzer führte das Café Strauss seit bald dreissig Jahren. Er hatte es von seiner Mutter übernommen.
Er möchte, dass die Servietten nicht mehr auf dem Teller, sondern daneben liegen, links daneben, sagte Lore Oberson, und dass die Tassen nicht mehr umgedreht auf den Untertellern stehen, sondern aufrecht.
Klaus Jenzer lachte. Es war ein verklemmtes Lachen, kein offenes, das von Herzen kam.
Und was möchte er sonst noch? Dass die Wände grün gestrichen werden?
Das hat er nicht gesagt, sagte Lore. Aber er findet, dass um 8 Uhr noch Croissants da sein sollten.
Ich werde ihm gleich sagen, was um 8 Uhr alles da sein sollte und was nicht, sagte Klaus Jenzer, und schritt entschlossen um die Theke, aber als er zu Stettlers Tisch blickte, war dieser leer.
Hat er bezahlt? fragte er Lore. Gehen Sie nachschauen, ob er bezahlt hat.
Lore Oberson ging zu Stettlers Tisch. Sieben Franken fünfzig lagen auf der Rechnung. Sie steckte das Trinkgeld in ihre Schürzentasche und nickte ihrem Chef zu, dann wischte sie den Tisch ab und trug das gebrauchte Gedeck zur Theke.
Falls der wiederkommt, sagte Jenzer, lassen Sie es mich wissen.
Lore, mit vollem Namen Hannelore Oberson, trug das neue Gedeck zu Stettlers Tisch. Sie stellte die Tasse aufrecht in die Untertasse und legte die Serviette links neben den Teller. Eigentlich hat er ja recht, dachte sie.
***
Der nächste Tag war ein Freitag. Das Café Strauss war bereits kurz nach sieben gut gefüllt, wie immer an einem Freitag. Die Leute wollten früh bei der Arbeit sein, um dann früh ins Wochenende gehen zu können. Um viertel vor acht war nur noch ein Tisch an der Wand gegenüber der Theke frei. Hannelore Oberson erzählte später, bis acht Uhr seien mehrere Gäste ins Café getreten, hätten sich umgeschaut, und nachdem sie festgestellt hätten, dass auch die Hochsitze an der Theke alle besetzt waren, das Lokal wieder verlassen – als hätten sie alle den freien Tisch an der Wand übersehen, der doch eigentlich nicht zu übersehen war.
Um Punkt 8 Uhr trat Remigius Stettler ins Café Strauss. Er blieb kurz stehen, während sich die Glastüre hinter ihm schloss, schaute zu seinem Tisch an der Wand gegenüber der Theke, und setzte sich dann in Bewegung, im Vorübergehen links und rechts die zahlreichen Gäste grüssend, mit einem zugewandten Nicken und der Andeutung eines Lächelns.
Er hatte sich kaum hingesetzt, als Hannelore Oberson, die ihn hatte eintreten sehen, an seinem Tisch stand.
Einen Milchkaffee und ein Croissant? fragte sie ihn, freundlich lächelnd.
Guten Morgen, Frau Oberson, sagte Stettler, dem die aufrechtstehende Tasse und die links neben dem Teller liegende Serviette sofort aufgefallen waren. Wie geht es Ihnen?
Gut, und Ihnen? antwortete Hannelore Oberson. Milchkaffee und Croissant?
Gerne, sagte Remigius, falls noch welche da sind.
Hannelore Oberson nahm seine Tasse und kam kurz danach zurück mit seinem Milchkaffee und einem Buttercroissant.
Ich habe es für Sie auf die Seite gelegt, sagte sie.
Das ist sehr aufmerksam von Ihnen, sagte Remigius, Ich danke Ihnen.
Hannelore Oberson lächelte und wandte sich einer Frau mit einer angesichts ihres schmalen Gesichts viel zu grossen, strengen Brille zu, die dringend zahlen wollte. Warum sagt ihr niemand, dass ihre Brille für ihr Gesicht viel zu massiv ist? dachte Hannelore. 11 Franken 70, sagte sie zur Frau. Sie hielt ihr das Gerät hin und, während die Frau zum zweiten Mal ihren Pin-Code eingab, sichtlich genervt darüber, dass sie sich beim ersten Versuch vertippt hatte, dachte sie: Was sind das für Optiker, die jemandem eine solche Brille verkaufen?
Um halb zwölf war Hannelore Oberson gerade damit beschäftigt, belegte Brote und Sandwiches in die Vitrine zu füllen, als sie merkte, dass jemand hinter ihr stand. Sie drehte sich um und schaute ins Gesicht von Klaus Jenzer.
Warum haben Sie mir nicht gesagt, dass er da ist? fragte Jenzer.
Wer? fragte Hannelore Oberson, obwohl sie genau wusste, von wem er sprach.
Sie wissen genau, von wem ich spreche, sagte Jenzer.
Ach der, antwortete Hannelore Oberson. Der war nur ganz kurz da.
Kurz ist schon zu lange, sagte Jenzer, Ich will, dass er nicht mehr bedient wird. Wenn er das nächste Mal ins Lokal kommt, sagen sie es mir, haben Sie verstanden, Lore? Ich will ein Lokalverbot aussprechen.
Verstanden, sagte Hannelore, obwohl sie überhaupt nicht verstand, warum Jenzer den Mann nicht mehr in seinem Café wollte.Und als Jenzer sich wegdrehte, sagte sie: Mein Name ist übrigens Hannelore, Hannelore Oberson. Sie öffnete die Sicherheitsnadel, mit dem ihr Namenstäfelchen an ihrer Uniform befestigt war, nahm es ab und legte es vor Jenzer auf die Theke.
Was soll das jetzt? fragte Jenzer, Kündigen Sie etwa?
Nein, sagte Hannelore Oberson, ich will nur meinen ganzen Namen auf dem Schild. Und wenn er zu lang ist, möchte ich den Nachnamen.
Kommt das von ihm? entfuhr es Jenzer.
Das kommt von mir, sagte Hannelore Oberson, schloss die Vitrine und ging in die Küche, um weitere Brote zu holen.
Muss ich mir das bieten lassen? fragte sich Jenzer, und gab sich die Antwort gleich selber. Ich muss mir das nicht bieten lassen. Ich kann sie jederzeit entlassen.
***
Als es Herbst wurde, arbeitete Hannelore Oberson noch immer im Café Strauss. Auf ihrem Namensschild stand Oberson, und die Wände des Cafés, die während den Betriebsferien im Juli frisch gestrichen worden waren, waren nun grün. Es war ein schönes, warmes Grün, wie es Hannelore Oberson ausgesucht hätte, wenn man sie gefragt hätte. Seit den Betriebsferien standen die Tassen aufrecht in den Untertassen und die Servietten lagen links neben den Tellern, als wäre das immer so gewesen, und Croissants waren noch um zehn Uhr erhältlich.
Der Gast, der das alles in Bewegung gesetzt hatte, auch wenn die grüne Farbe nicht seine Idee war, war bis zu den Betriebsferien jeden Tag zu seinem Morgenkaffee mit Croissant erschienen. Stets sass er an seinem Tisch, an den sich niemand anders zu setzen wagte, auch am Nachmittag nicht, wenn er nicht da war. Nach den Betriebsferien aber tauchte er nicht mehr auf. Jeden Tag blickte Hannelore Oberson um acht Uhr zur Tür, um ihn wieder eintreten und zu seinem Tisch schreiten zu sehen, aber er erschien nicht. Nur sein leerer Tisch, an den sich auch seit seinem Fernbleiben noch immer niemand hinsetzte, erinnerte noch an ihn, und Hannelore tischte jeden Morgen ein frisches Gedeck für ihn auf.
Neben der Art, wie aufgedeckt wurde, und der Farbe der Wände, hatte sich noch etwas anderes verändert. Der Name des Cafés war nicht mehr Strauss, es hiess nun «Café Claire» und hatte einen neuen Besitzer. Klaus Jenzer hatte noch vor den Betriebsferien das Personal informiert, dass das Café in andere Hände übergehen werde, und hatte angefügt, ihre Anstellungsverhältnisse würden von den neuen Besitzern übernommen. Wer die neuen Besitzer waren, sagte er nicht.
Was seine Angestellten nicht wussten, war, dass Jenzer den Familienbetrieb fast umsonst veräussert hatte und dass er selber nicht wusste, an wen. Er war schon im Februar zum Entscheid gelangt, das Café aufzugeben, und hatte seinen Treuhänder mit dem Verkauf beauftragt.
Als der Treuhänder, ein alter Freund der Familie, der nur noch wenige Kunden betreute, ihm nach ein paar Monaten eröffnete, es habe sich leider kein seriöser Käufer gemeldet, nur eine einzige Person, er wage es kaum zu sagen, habe sich brieflich mit einem unverschämt niedrigen Kaufangebot gemeldet, eine wirklich lächerlich kleine Summe, konnte er es kaum glauben, dass Jenzer sich gewillt zeigte, das Angebot anzunehmen und sein Café praktisch umsonst wegzugeben.
Jenzer brauchte das Geld nicht, und es war ihm völlig egal, wer das Café Strauss übernahm. Die Chinesen seinetwegen, die kauften ja alles. Sollten die sich doch mit dem widerspenstigen Personal und den schwierigen Gästen herumschlagen.
Jenzers Mutter Claire, die den Verkauf sicher nicht gutgeheissen hätte, war vor einigen Jahren an Alzheimer erkrankt und dämmerte in einem Pflegeheim vor sich hin. Jenzer hatte ihr bei einem Besuch Anfang Jahr von seiner Absicht erzählt, das Café Strauss zu verkaufen. Er hatte das Bedürfnis verspürt, es ihr zu erzählen, vielleicht auch, ihren Segen dafür zu erhalten, obwohl er wusste, dass sie nicht verstehen würde, worum es ging. Sie hatte ihm zugehört und ihn am Ende gefragt: Und woher sagten Sie, kennen Sie meinen Sohn?
***
Der Verkauf, der mehr eine Schenkung war, ging also über die Bühne, oder besser gesagt: er wurde hinter den Kulissen abgewickelt, und die Gäste gingen weiterhin lebhaft ein und aus in einem Café, in dem ausser der Belegschaft und dem Schild, es handle sich um ein laptopfreies Lokal, bald alles anders war.
Irgendwann ging dann auch dieser Herbst zu Ende. Hannelore Oberson hätte gerne noch ein paar weitere Wochen die überwältigende Farbenpracht genossen, aber es wurde von Tag zu Tag kälter und bald hielt der Winter Einzug und die Getränke im Café Claire wurden heisser. Nach einem langen Winter kam der nächste Frühling und die Sonne schien nun wieder etwas länger, ohne schon richtig zu wärmen.
Es war an einem Montag Mitte April, kurz vor 8 Uhr, als Remigius Stettler den Portier des Hotels Bristol mit einem freundlichen Guten Morgen der Herr grüsste und dann das Hotel betrat. Während die Drehtüre hinter ihm langsam zum Stillstand kam, blieb er einen Augenblick stehen, schaute sich in der Hotellobby um und ging dann auf die Reception zu, wobei er links die Gäste, die an ihm vorüber zum Ausgang gingen und rechts diejenigen, die in bequemen Fauteuils in der Lobby sassen und auf jemanden warteten, mit einem ihnen zugewandten Nicken und der Andeutung eines Lächelns grüsste – eine Begrüssung die, wie alles, was folgen würde, völlig umsonst war.
