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Kleine Kulturgeschichte des Waldes in Mitteleuropa unter besonderer Berücksichtigung der Bäume

7. August 2019

Vom Luxemburgischen Autor Guy Helminger gibt es einen Gedichtband mit dem Titel «Die Tagebücher der Tannen». Ich war aus zwei Gründen skeptisch, habe ihn dann aber doch bestellt. Erstens weil ich «Irgendetwas fehlt immer» angelesen hatte und es nicht halb so toll geschrieben fand, wie ich es aufgrund des starken Titels und der Besprechung, die ich gelesen hatte, erwartet hatte. Und zweitens, weil ich ziemlich sicher bin, dass Tannen, wenn überhaupt, eher nachts schreiben würden. Ja, ich weiss, aber trotzdem.

Der Titel («Die Tagebücher der Tannen») ist ja wirklich gut. Nicht nur wegen dem Stabreim («Das Tantrum der Tonnen» würde wohl niemand lesen wollen). Der Gedichtband liegt seit seiner Ankunft in einem wattierten Umschlag auf meinem Schreibtisch. Ich habe noch nicht wirklich reingeschaut. Vielleicht ein wenig aus Angst davor, dass der Inhalt beim Lesen wie bei «Irgendetwas fehlt immer» hinter das Versprechen des Titels zurückfällt. Vielleicht ist Helminger ja einer jener Autoren, die gute Titel finden und dann an einen mittelmässigen Text verschwenden.

Am schönsten ist es immer dann, wenn der Inhalt eines Buches das Versprechen seines guten Titels einlöst. «Diesseits des Van-Allen-Gürtels» von Wolfgang Herrndorf war für mich (jeder liest ja anders) ein solches Beispiel. Die Geschichten haben mich zwar nicht restlos begeistert, weder von ihrer Handlung her noch von der Art, wie sie geschrieben sind, aber ich kam nie auf den Gedanken, das Buch nicht zu Ende zu lesen, oder dass der gute Titel vergeudet gewesen wäre.

Als ich den Titel vor ein paar Minuten googelte, weil mir der Autor nicht sofort in den Sinn kam, gab ich irrtümlicherweise «Jenseits des Van-Allen-Gürtels» ins Suchfenster ein, worauf die Suchmaschine «Diesseits des Van-Allen-Gürtels» vorschlug. Sie hat nicht einmal gefragt: Meinten Sie «Diesseits des Van-Allen-Gürtels?». Sie hat einfach «Jenseits» mit «Diesseits» ersetzt. Vielleicht ist das eine subtile Selbstmordbremse. Jemand will ins Jenseits und die Suchmaschine lenkt ihn ins Diesseits um.

Zurück zum Wald. Die vorliegende kleine Kulturgeschichte befasst sich mit dem Wald in Mitteleuropa, weil man den Wald eingrenzen muss, damit nicht gleich alles verwaldet. Nicht nur Landschaften, auch ein Text kann rasch verwalden, wenn man ihn sich selber überlässt. Es wächst dann alles mit Interpretationen zu und die Kultur wird von einer besitzergreifenden Pseudokultur überwuchert, in der ein oft hermetischer Fachjargon um sich greift und Unwörter ins Kraut schiessen.

Unter Mitteleuropa verstehen wir hier (es braucht diese Präzisierung, denn anderswo versteht man darunter etwas Anderes) den Bereich zwischen Nordsee und Alpen sowie zwischen Ostsee und Schwarzem Meer, also ein ziemlich grosses, einst fast vollständig mit Wald überzogenes Gebiet.

Man muss sich das vorstellen, weil man es ja nicht mehr besichtigen kann: eine Luftaufnahme von Europa, oder eben Mitteleuropa, aus einem Aufklärungsflugzeug betrachtet, aus dem immense Flächen von Wald zu sehen sind. Eigentlich fast nichts Anderes als Wald, von ein paar wenigen grossen Flüssen durchzogen (die kleinen werden von der dichten Ufervegetation verdeckt), die sich mäandernd ihren Weg ins Meer suchen, und nur hier und da eine Brandrodung, ein kleines Dorf vielleicht? Wir müssen näher ran.

Bevor wir landen, müssen wir noch ein wenig Theorie abwerfen. Die natürliche Landebahn wird, wenn es überhaupt eine gibt, kurz sein und wir dürfen nicht zu schwer sein, falls wir durchstarten müssen. Das heutige Landschaftselement «Wald», so las ich in Wikipedia, sei eine in Jahrtausenden geschaffene Kulturlandschaft, die (ich zitiere) «fast ausschließlich auf Ersatzgesellschaften» beruhe. Hier musste ich als Leser den Reflex unterdrücken, aus dem Text auszuklinken und bei meiner eigenen Vorstellung von Wald zu bleiben.

Ersatzgesellschaften? Weshalb sollte eine Gesellschaft, die sich erst gerade in kleinen, mühsam der Wildnis entrissenen Rodungen entwickelt hatte, bereits ersetzt worden sein? Und von wem? Und warum sollte der «Wald» als Kulturlandschaft auf diesen Ersatzgesellschaften beruhen, die ihn zu roden versuchten? Und warum „Wald“? Was bedeuteten die Anführungszeichen? Standen sie für den Waldrand?

Mein Problem mit den meisten Wikipedia-Artikeln sind neben den oft wirren Formulierungen die andauernden Querverweise. Man möchte einen Begriff erklärt haben (versuchen Sie es an einem freien Abend ruhig einmal mit Kolonialisierung) und kommt, um die Erklärung einigermassen zu verstehen, per Link von einem Begriff zu so vielen anderen, dass man relativ rasch vergisst, was man eigentlich wissen wollte. Man weiss nur noch, was man alles nicht weiss und dass man es noch weniger versteht, wenn es einem erklärt wird.

Wissend, dass es mich von meinem Ziel entfernen würde, klickte ich dann doch noch auf den Begriff «Ersatzgesellschaft», weil es mich wirklich wunder nahm, was sich dahinter verbergen mochte, und ich las, dass damit Pflanzengesellschaften gemeint sind, die «unter anthropogenen Einflüssen entstanden sind, erhalten werden oder sich als direkte Folge aktueller oder ehemaliger Nutzungen einstellen.»

Was für ein wunderbarer, alles enthaltender Satz. Und weil ich nun schon so nahe am Verstehen war, nahm ich diesen einen Satz auch noch mit: «Der ursprüngliche natürliche Zustand und Grad der Beeinflussung durch den Menschen (Hemerobie) sind schwer abzuschätzen.».

Eine anthropogene Hemerobie also. Das erklärt alles. Daher also der viele Wald. Damit wird dann auch gleich die auffällige Dominanz von Buche Eiche, Fichte und Kiefer verständlich. Künstlich angelegte Forste soweit das Auge reicht, durch menschliche Eingriffe entstanden. Sind wir zu weit geflogen? Ich wollte das Frühmittelalter besichtigen. Brandrodungen. Vereinzelte Siedlungen, umgeben von Urwald, der heute in Mitteleuropa kaum mehr zu finden ist.

Der ursprüngliche Grund für die sich nun leider verirrende Expedition liegt weit zurück, in meiner Studienzeit, als ich auf eine Karte Frankreichs im 5. oder 6. Jahrhundert stiess. Man sah darauf nur Wald. Wald, ein paar grosse Flüsse und hier und da, wie eine kleine Insel, eine Brandrodung.

Es war keine richtige Karte, es war lediglich eine schematische Abbildung in einem Buch, und es war natürlich auch nicht Frankreich, das es damals noch gar nicht gab, aber es war Wald, unheimlich viel Wald, und es war mir augenblicklich klar, dass dieses Gestern genau das Gegenteil von meinem damaligen Heute zeigte, wo eine Luftaufnahme Frankreichs, das unterdessen entstanden war, nur noch ein paar vereinzelte Waldflächen zeigen würde, wie Inseln in einer viel zu gross geratenen Rodung.

Es kam dann leider wirklich so, wie ich befürchtet hatte. Anstatt wie geplant Ballast abzuwerten, hatten wir uns durch die schwerfälligen und viel zu langen Definitionen aus Wikipedia ein Übergewicht eingehandelt, das ein Durchstarten auf der kurzen Naturpiste zum aussichtslosen Unterfangen machte. Unser Pilot riss die Maschine hoch, als sich der Waldrand mit der Geschwindigkeit einer zweimotorigen Propellermaschine näherte und wir immer noch nur ein paar Meter vom Boden weg gekommen waren, aber es nützte nichts.

Ich rief noch „Es tut mir leid!“, denn ich fühlte mich verantwortlich, aber noch bevor die Maschine ins Unterholz krachte, war mir klar, dass ich es wieder versuchen würde. Mit neuem Personal. Ohne Wiki..

Land ohne Strand

1. August 2019

(wie ich Graham verlor)

Graham war wie ein Bruder für mich, damals. Was haben wir nicht alles zusammen gemacht. Nicht alles, eigentlich wenig, immer wieder dasselbe. Und es ist sehr lange her.

Graham existierte nicht wirklich, aber das spielte damals keine Rolle. Wenn man 14 ist, in einem Land ohne Strand lebt und die Beach Boys am Radio hört, gehört Graham dazu, auch wenn er nicht existiert.

Es tat jedenfalls weh, ihn zu verlieren, als der Tag kam, nach mehr als vier Jahrzehnten. Und es war kein Phantomschmerz, es tat wirklich weh. Graham war kein Phantom. Er war wie ein Bruder (nicht meiner).

Die Wege waren kurz, damals. Es begann jeweils mit „daaaaa-daradada….“ und dann kamen wir auch schon bei John B. an, Graham, Vater und ich.

Sloop war sein Spitzname. Sloop, wie andere Snoopy heissen, Droopy, Mäse oder Schampi. Er hiess Sloop, und er war ein Freund oder zumindest ein guter Bekannter meines Vaters. Jedenfalls gab es unweigerlich Krach, wenn wir ihn mit Vater besuchten. Jedes verfluchte Mal.

Wir tranken Alkohol und dann gab es ein Gerangel, das sich bald zu einem handfesten Krach ausweitete, bei dem ein Koffer in Brüche ging, und dann kam jeweils der Moment, wo der Sheriff kam und ihn abführte. Sloop, meine ich. John B. (oder den Kerl, der den Koffer aufgebrochen hatte).

In Handschellen. Aber vielleicht habe ich die gerade erfunden.

Graham und ich wollten nachhause. Wir fühlten uns miserabel. Vom vielen Bier, aber noch mehr vom Gerangel, vom Kampf zwischen den Erwachsenen, die sich gerade noch zugeprostet hatten. Wir waren fix und fertig. Es war zu viel für uns.

Warum der Sheriff jedes Mal John B. verhaftet hat (Sloop) oder den Mann, der den Koffer aufgebrochen hatte, und nie meinen Vater, weiss ich nicht. Jedenfalls wollten Graham und ich nur noch nachhause. So rasch wie möglich. Es kam uns wie die schlimmste Reise vor, auf der wir je waren, und wahrscheinlich war es das auch.

Warum wir trotzdem jedes Mal wieder freudig mitgingen, wenn Vater sagte (er sang es mehr): „Come on to Sloop John B.!“ ist mir heute ein Rätsel.

Graham war zwei Jahre jünger als ich. Er war 13 damals. Maximum. Er hätte eigentlich noch kein Bier trinken dürfen. Aber Vater machte jedes Mal eine Ausnahme, wenn wir mit ihm zu John B. fuhren. Zu seinem Freund Sloop.

Auf dem Heimweg gab er uns beiden dann ein Lakritze-Bonbon. Wir nannten es Bärendreck. Es sollte verhindern, dass Mutter das Bier roch. Und wird durften auf keinen Fall etwas vom Kampf erzählen, der stattgefunden hatte. Natürlich roch sie es trotzdem.

„Wie kannst Du einem 13-jährigen Jungen Bier zum trinken geben? Wie kannst Du nur?“ schrie sie meinen Vater an. „Und was ist mit Deinem Auge passiert?“

An ihrer Aufregung lässt sich ablesen, dass wir uns in den frühen 70er-Jahren befanden. Es war noch nicht die Zeit, in der sich Teenager regelmässig volllaufen lassen bis sie sich übergeben müssen und nicht mehr wissen, wo und wer sie sind.

Es hat Graham nichts ausgemacht, das Bier. Er ist unversehrt gross geworden und hatte, soviel ich weiss, bis zu seinem plötzlichen Verschwinden noch sämtliche Hirnzellen.

Wie ich ihn verloren habe? Auf Youtube. Über vierzig Jahre nach der letzten Prügelei. Das Lied ist mir in den Sinn gekommen, eines Tages, im April, einfach so: Sloop John B., und ich habe den Titel eingegeben im Suchfenster und bin auf eine Version mit den Song-Lyrics gestossen.

Ich möchte, ich hätte es nicht getan. Ich würde viel dafür geben (meinen neusten Koffer, gefüllt mit was Sie wollen), wenn ich es ungeschehen machen könnte. Alles hat sich aufgelöst, innerhalb von drei Minuten. Nicht in nichts, in etwas anderes, aber was mich betraf, hätte sich ebensogut alles in nichts auflösen können. Vielleicht wäre das leichter gewesen.

Sloop John B. wurde eine Schaluppe, Graham und ich wurden „graaandfather and me“, Mutter konnte den Alkohol nicht mehr riechen und Vater kam überhaupt nicht mehr vor in der Geschichte.

Ich war zuhause, als ich Graham verlor. Ich sass in meinem Zimmer, vor meinem Computer, und ich wollte nur noch nachhause

Die dumme Sache mit dem Hut

29. Juli 2019

(wie Hektor seinen Koof verlor und wieder fand)

Hektor war noch nicht allzu lange ein Geist, als ihm die dumme Sache mit dem Hut passierte. Er ging eines Morgens in sein Lieblingslokal, in dem sich viele Geister nach ihrem nächtlichen Spuk noch eine Weile aufzuhalten pflegten, bevor sie, um Zeit zu sparen, an einen Ort verschwanden, der keiner war, und legte mit seinem Hut gleich auch seinen Kopf auf die Hutablage.

Nun könnte man sagen, es sei ihm nur deshalb passiert, weil er als Mensch nie einen Hut getragen hatte, oder weil bei einem Geist alle Glieder, auch der Kopf, nur ganz lose am Körper befestigt sind und sich sehr leicht von ihm lösen. Aber den Kopf mit dem Hut auf die Hutablage legen und dann zum Tresen schreiten: war das nicht ein wenig dumm, um nicht zu sagen kopflos?

Vielleicht war es sein Pech, wer kann das sagen vor dem Ende einer Geschichte, dass ihm das Missgeschick zu einem Zeitpunkt passierte, zu dem das Wirtshaus bereits von sämtlichen guten Geistern verlassen war. Nur die bösen und unentschlossenen hingen noch an der Bar und um die kleinen Tische herum und taten so, als würden sie Hochprozentiges trinken, das sie – was jeder wusste – weder schlucken noch bezahlen konnten.

Als Hektor bemerkte, dass er sich kopflos verhielt (er wollte gerade eine Lokalrunde spendieren, obwohl er keinen einzigen der anwesenden Geister kannte) griff er sich dort hin, wo sonst sein Kopf war, erschrak und kehrte augenblicklich zum Eingang zurück. Aber auf der Hutablage lagen ausschliesslich Hüte, darunter auch seiner, ohne seinen Kopf.

Wie dumm von mir, dachte er, wie ausserordentlich dumm, während er seinen Hut von der Ablage nahm und ihn sich auf den Hals setzte. Gleichzeitig wunderte er sich, dass er offenbar ohne Kopf denken konnte. Oder dachte sein Kopf dort, wo er sich gerade befand, wo auch immer das war, und sandte seinem Körper die Gedanken als Signale zu?

Wer war dann aber der Empfänger? Die erste Vermutung war sein Bauch, aus dem er zu Lebzeiten oft Entscheide getroffen hatte. Ja, wahrscheinlich war es sein Bauch, der die Signale empfing. Jedenfalls, soviel war ihm klar, hatte er keine Zeit, sich lange zu überlegen, warum er in diesem Zustand denken konnte, wenn er seinen Kopf wieder haben wollte.

Geister haben weniger Zeit als Menschen, obwohl das zunächst einmal absurd erscheinen mag, da sie nicht altern. Da sie aber (fast) überall erscheinen können und dies, mit einer gewissen Erfahrung, auch ohne weiteres an verschiedenen Orten gleichzeitig, und weil Zeit stets nur in Relation mit (einem) Raum wahrgenommen werden kann (was wäre eine halbe Stunde ohne den Zusatz “in der Badewanne”?) wird die Zeit für einen aktiven Geist, der überall sein will, irgendwann einmal knapp, und wenig später auch irgendwo.

Es ging nun darum, und nur darum, mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln (ein Geisterkörper mit einem Kopf, der irgendwo weiterdachte) die Suche nach dem verlorenen Kopf aufzunehmen, bevor sich dieser womöglich einem anderen Geist an den Hals geworfen hatte, dem sein Kopf abhanden gekommen war. Was ihm gerade widerfahren war, konnte ja auch anderen Geistern passieren. Oder war nur er so ungeschickt und dumm?

Es gab eigentlich nur eine Erklärung für das so blitzartige Verschwinden seines Kopfes. Jemand, ein anderer Geist, hatte den Kopf mitgenommen. Aber wozu? Ausser eben wenn er (oder sie, konnte es auch eine Sie sein?) den eigenen Kopf verloren hatte.

Hektor schaute sich um (wie er ohne Augen sehen konnte, war ihm ein weiteres Rätsel), ob einer der Geister seinen (seinen) Kopf auf dem Kragen oder unter dem Arm trug, aber er konnte sich nirgends sehen. Er versuchte zu erkennen, ob hie und da die Köpfe nicht auf die Hälse passten, denn vielleicht war das ja ein beliebtes Geisterspiel, von dem er nichts mitbekommen hatte, dass man einander die Köpfe entwendete. Aber nichts deutete darauf hin, dass ein Geist im Lokal war, der nicht seinen eigenen Kopf trug.

Hektor ging zurück zur Bar und fragte den Barmann (wie ein Bauchredner, der nicht befürchten muss, dass, sich sein Mund bewegt) ob in den letzten Minuten ein Geist das Lokal verlassen habe.

“Ein Geist oder ein Gast?” fragte der Barmann, von dem das Gerücht umging, er habe zu Lebzeiten einen Lehrstuhl für verschwundene mitteleuropäische Sprachen bekleidet (andere sagten, er sei ein eifacher Schneidergehilfe gewesen, Einigkeit bestand lediglich bezüglich seines verdorbenen Charakters), und Hektor stutzte für einen Augenblick, denn wer sich in den Spitzfindigkeiten des Barmanns verlor, kriegte nie mehr Antwort auf seine Frage. “Beides…” antwortete er dann. “Ist ein Geist oder ein Gast gerade gegangen, mit zwei Köpfen vielleicht?”

“Geister kommen, Gäste gehen, ich bin Barmann, nicht Hirte…” erwiderte der Barmann, “…und jetzt sag mir, was Du getrunken hättest, und mach Dich in den Staub.”

Hektor begriff, dass er mit dem Barmann nicht weiterkam. Er spielte einen kurzen Augenblick mit dem Gedanken, sich an die anderen Geister zu wenden, aber er konnte schon ihr Lachen hören, wenn er sie nach seinem Kopf fragen würde, ihr hohl klingendes, kaltes Lachen mit seinem Echo in anderen Räumen.

Sein Kopf war ganz offensichtlich nicht mehr in diesem Lokal, und wenn er ihn finden wollte, musste er ihn draussen suchen. Weit draussen womöglich. In einer Ferne, die selbst für bewegliche Geister weit weg war. Wie in aller Welt, und wo, sollte er seinen Kopf je wieder finden? Er hätte ihn jetzt wohl hängen lassen, aber da kam ihm ein Einfall zu Hilfe, ein Einfall, den ihm, so würde er es später erzählen, seinen Kindern vielleicht, wenn Geister Kinder haben, die frische Brise zutrug, die ihm entgegenwehte, als er ins Freie trat: der Titel!

Er hatte schon zu seinen Lebzeiten Titel immer sehr gemocht. Buchtitel. Untertitel. Zwischentitel. Vor allem die Zwischentitel. Bücher ohne Kapitelüberschriften waren schlecht lesbar. Mann kippte ja auch nicht Vorspeise, Hauptspeise und Nachspeise in einen Topf und nannte es Essen. Bücher mit schlechten Titeln waren ein Gräuel. Gute Titel waren die halbe Geschichte. Schlechte Titel verdarben die andere Hälfte.

Also ging Hektor zurück zum Titel, und wie hiess es da im Untertitel? „Wie Hektor seinen Kopf verlor und wieder fand.“ Und wieder fand! Er würde ihn also wiederfinden, seinen Kopf, spätestens am Ende der Geschichte. Wie gut das tat.

Und weil er schon an den Anfang der Geschichte zurückgekehrt war, las Hektor auch die erste Zeile noch einmal. „Hektor war noch nicht allzu lange ein Geist, als ihm die dumme Sache mit dem Hut passierte“, hiess es da.
Und da die Sache ihm eben erst passiert war, dachte Hektor, war er also noch nicht allzu lange ein Geist. Wie lange? Nur kurz? Wie kurz? Und wo (in der Zeit)?

War er überhaupt ein Geist? Konnte es sein, dass er die Sache mit dem Hut nur träumte und alles, was er tun musste, um seinen Kopf wieder zu finden, war aufwachen? Hatte er nicht gerade neulich geprahlt damit, dass es ihm regelmässig gelang, aus einem Traum aufzuwachen, wenn ihm dieser zu unangenehm oder zu bunt wurde? Dass er dann ganz einfach beschliessen könne: „Das reicht!“, und dann wachte er sogleich auf?

Wenn es so war, war es die Nacht auf den 10. August 2018, zu der er zurück musste, als er geträumte hatte, er sei ein Geist namens Hektor (stammte der Name aus dem Traum oder von dessen Niederschrift?), der seinen Kopf mit dem Hut auf die Hutablage legte, und alles andere hatte er später erfunden?

Der 10. August 2018 stand als Datum unter den ersten Aufzeichnungen dieses Textes. Das war also das einzige, was feststand: der 10. August 2018. Aber woher war dieser sonderbare Traum gekommen, wenn es denn einer war, und was war „alles andere“, was er dazu erfunden hatte? Wo war die Grenze zwischen Traum und Erfindung? Spielte sie überhaupt eine Rolle, wenn man die Wirklichkeit einmal aus den Augen verloren hatte? Und wie viel von dem, was er (oder Hektor) zwischen dem 10. August 2018 und dem heutigen Tag, fast ein Jahr später, erlebt zu haben glaubte, hatte er wirklich erlebt?

Hektor war müde. Ich war müde. Die Hunde waren müde (woher kamen plötzlich die Hunde?). Der Wind wurde stärker. Wir drehten uns um und gingen zurück ins Lokal.

Die meisten Geister waren inzwischen gegangen. Ich fragte den Barkeeper (Hektor fragte nie etwas, das musste immer ich tun) ob ich etwas Wasser für die Hunde haben könnte. Ich erwartete eine seiner dummen Gegenfragen, wie „Für die Hunde oder die Hände?“, aber er bückte sich unter die Theke und gab so den Blick auf den Spiegel frei, in dem ich meinen Kopf sah, unverkennbar auf meinem Hals.

Als er wieder hochkam, einen Napf mit Wasser für die Hunde in der Hand, war ich fort. Er blickte nach rechts und nach links, schüttelte den Kopf und goss das Wasser in den Ausguss.

***

NACHSPANN
(zu Bachs Cello Suite No.1 in G-dur, gespielt von Mischa Maisky)

Hektor heisst eigentlich Hector und ist tatsächlich ein Geist. Aufenthaltsort unbekannt. Zeit hat er immer noch einige, in beiden Richtungen.

Dem Barmann wurde noch vor Ende Jahr gekündigt. Er soll vergeblich versucht haben, seinen Lehrstuhl zurückzuerhalten.
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Ich bin danach noch mehrmals aufgewacht, momentan meistens in eine Residenz in Wien.

Die Hunde sind nun ein Jahr alt. Wir haben viel Freude mit ihnen.

Mein Tod versucht’s in Ankara

23. März 2019

Ich hatte an diesem Tag lange gearbeitet. Sehr lange. Als ich endlich die Bürotür öffnete, stand der Tod vor mir. Kein Sensenmann wie im Kino. Ein Mann im dunklen Anzug, zwischen 30 und 40, soweit ich das im fahlen Restlicht des Flurs sehen konnte, sein Gesicht im Schatten, da ich das Licht in meinem Büro bereits gelöscht hatte.

Warum ich gleich wusste, dass es der Tod war und nicht ein Kollege, der ebenfalls länger geblieben war, oder ein Einbrecher, ein Terrorist? Es war der Tod. Man spürt das, wenn er vor einem steht.

Warum gerade jetzt? fragte ich ihn. Und warum holst Du mich im Büro ab und nicht zuhause im Bett, wenn ich schlafe zum Beispiel?

Weil Du die meiste Zeit Deines Lebens hier warst, antwortete er. Hier oder in einem anderen Büro. Und jetzt schliess die Türe ab, wir müssen gehen.

Er hatte eine angenehme Stimme. Ein wenig hell für den Tod vielleicht, aber angenehm. Eine Stimme wie ein Filmvater, der seinem Kind beim Schlafengehen etwas vorliest.
Liest Du mir noch etwas vor? fragte ich ihn, während ich die Türe hinter mir mit einem seltsamen Gefühl abschloss. War das jetzt wirklich das letzte Mal, dass ich diese Türe schliessen würde? Und sollte ich sie überhaupt noch schliessen? Hatte ich den Computer heruntergefahren?

Kann ich nochmal ganz kurz rein? fragte ich ihn. Ich bin mir nicht sicher, ob ich den Computer heruntergefahren habe…

Er legte mir die Hand auf die Schulter und im Halbdunkel bildete ich mir ein, dass ein Lächeln über sein Gesicht gehuscht war. Das ist nicht mehr wichtig, sagte er. Aber wenn es Dich beruhigt: Du hast ihn heruntergefahren. Auch den Bildschirm hast Du ausgemacht, wie Du es immer getan hast, und die externen Lautsprecher. Die Kerzen auf dem Adventskranz sind auch gelöscht, die Fenster sind zu. Alles in Ordnung also.         Wir können gehen.

Kann ich meiner Assistentin noch eine Notiz hinterlassen?. Es ist wegen einer Sitzung morgen… Es geht um ein Projekt, das ich geleitet habe. Die wissen sonst nicht, wie weitermachen. Es ist alles auf meinem Computer. Die kennen mein Passwort nicht. Kann ich es auf ein Post-it schreiben und es auf ihren Bildschirm kleben?

Nein, sagte der Tod. Dein Projekt ist nicht mehr wichtig. Sie werden ein neues beginnen. Komm jetzt.

Er ging voraus in Richtung Ausgang. Ich folgte ihm, wobei ich nur meine Schritte auf dem Marmorboden hören konnte. Als wir bei der Treppe angelangt waren, warnte ich ihn: Vorsicht, der Marmor ist hier sehr glatt. Man kann auf dieser Treppe leicht hinfallen (und sich den Hals brechen, dachte ich, vielleicht bricht er sich ja den Hals und ich bin noch einmal davongekommen…) und es hat einen losen Tritt.

Das war wirklich gefährlich. Ich wollte es immer mal dem Hauswart melden, er solle den losen Tritt endlich reparieren. Und es müsste doch möglich sein, Sensoren anzubringen, die das Licht anmachten, wenn man…

Zerbrich Dir den Kopf nicht, sagte der Tod. Es lohnt sich nicht. Die werden etwas unternehmen, wenn erst einmal einer richtig hinfällt. Und es wird einer richtig hinfallen. Schon bald.

Wer? Wer wird hinfallen?

Das musst Du nicht mehr wissen.

Gesichter aus meiner Belegschaft gingen mir durch den Kopf. Ich wünschte es keinem. Ich war froh, dass ich nicht entscheiden musste, wen es treffen würde. Ich würde überhaupt nichts mehr entscheiden müssen.

Er ging die paar Tritte hinunter und hielt mir die Schleusentüre auf. Danke, sagte ich.
Geh schon mal durch, ich muss die Innentüre mit dem Schlüssel schliessen.

Er trat durch die Aussentüre ins Freie und als ich mich zu ihm umdrehte, sah ich im Schein der Aussenlampe sein Gesicht. Es war ein sympathisches, gleichmässiges Gesicht, weder zu rund noch zu oval, mit einer mittelgrossen, geraden Nase. Seine Augen waren blau. Blau oder grau. Er war glattrasiert.

Das ist eine schöne Krawatte, hörte ich mich sagen. Wo kriegt man die?

Hast Du Angst? fragte er. Du musst keine Angst mehr haben.

Wohin gehen wir? fragte ich.

Nachhause, antwortete er.

Ich wohne gleich hier, neben der Botschaft. Das ist praktisch, weil der Arbeitsweg wegfällt, ich kann buchstäblich einmal hinfallen und ich bin im Büro und wieder zuhause. Die Kehrseite ist, dass es viel schwieriger ist, abzuschalten. In Riga zum Beispiel hatte ich eine halbe Stunde Fahrzeit vom Büro bis ich zuhause war. Ich hörte Musik, hing meinen Gedanken nach, freute mich auf den Feierabend. Warst Du schon einmal in Riga?

Keine Reaktion.

Mit «nachhause» meinst Du gar nicht mein Zuhause, nicht wahr?

Nein, sagte der Tod. Und ja, ich war schon in Riga. Ich war schon fast überall, wie Du Dir vielleicht vorstellen kannst.

Natürlich. Wie dumm von mir.

Wir hatten unterdessen den kleinen Vorplatz überquert und unter meinen Füssen knirschte der harte Schnee, der letzte Nacht gefallen war. Wenn ich tot sein soll, warum höre ich dann meine Schritte auf dem Schnee?, dachte ich.

Weil Du noch unterwegs bist, sagte der Tod.

Kannte er meine Gedanken?

Können wir noch kurz rein ins Haus? Kann ich mich verabschieden? Nur ganz kurz.       Es dauert nicht lange.

Kurz ist zu lange. Es tut mir leid, Walter. Du hast keine Zeit mehr.

Haben wir es wirklich so eilig? Du hast doch gerade gesagt, ich sei noch unterwegs.   Spielt es eine Rolle, ob ich zehn Minuten früher oder später tot bin? Oder habt ihr knappe Check-in Zeiten wie in einem schlechten Hotel?

Er stand vor mir und schaute mich nur an. Ich konnte keinen Ärger in seinem Gesicht erkennen, weil ich mit ihm haderte, keinen Spott, weil ich mit ihm um Minuten feilschen wollte, kein Mitleid, weil mein Scherz flau war, nicht einmal Gleichgültigkeit. Er schaute mich einfach nur an, und ich dachte, er ist so jung, er könnte mein Sohn sein.

Wolltest Du immer schon Tod werden?

Komm jetzt, sagte er, und zog mich am Arm fort vom Dienstboteneingang, zu dem ich uns manövriert hatte, den ich jeden Tag viermal benutzt hatte.

Ich blickte hoch zur Fensterfront. Da war noch Licht in der Küche. Natürlich. Der Koch bereitete das Essen für den Neujahrsempfang des Personals vor.

Wohin gehen wir genau? Zu einer Art Abschussrampe oder zur Haltestelle für den Sphärenbus?

Wir machen einen Spaziergang, sagte der Tod.

Ich mag Spaziergänge, sagte ich. Ich nehme mir immer vor, viel öfter spazieren zu gehen. Spazieren ist gesund. Gesünder als dieses idiotische Joggen, bei dem man sich die Gelenke ruiniert. Nur ist Ankara leider keine Stadt für Spaziergänger. Das wirst Du gleich selber erleben. Auch keine Stadt für Fahrräder. Berlin ist eine Stadt für Fahrräder. Flach, überall Fahrradstreifen. Herrlich. Ich bin da oft mit dem Fahrrad zur Arbeit gefahren. Die wussten ja nicht, wie lange sie noch eingeschlossen sein würden, also brauchten sie Grünflächen um im Notfall…

Sechsmal.

Wie bitte?

Ganze sechsmal bist Du mit dem Fahrrad zur Arbeit gefahren in Deinen drei Jahren in Berlin.

Führt ihr Buch über solche Dinge?

Nicht systematisch. Aber ich habe Dich beobachtet damals. Du warst früher geplant.

Scheisse… ihr wolltet mich schon damals…?

Reg Dich nicht auf. Wir haben Dich ja noch sieben Jahre leben lassen.

Und wieso bin ich jetzt an der Reihe? Ich habe ein wenig Übergewicht und mein Blutdruck ist ein Bisschen zu hoch. Aber daran stirbt man nicht. Was soll die Todesursache sein? Was habt ihr euch ausgedacht?

Das kann ich Dir nicht sagen.

Wie bitte?

Ich kann Dir nicht sagen, woran Du gestorben bist.

Ich möchte es aber wissen. Ich habe ein Recht darauf, denke ich. Es ist mein Tod.

Ist es nicht.

Wie bitte…?

Dein Tod gehört Dir nicht. Die anderen haben Deinen Tod. Wie Du den Tod Deiner Eltern hattest. Verstehst Du das? Keiner hat seinen Tod. Tod ist loslassen. Alles. Auch den eigenen Tod.

Ach leck mich doch! Ich streifte seine Hand von meinem Arm, was erstaunlich leicht ging, und rannte in Richtung Haus zurück. Jedenfalls wollte ich das. Ich wusste genau, wie man rennt, und ich rannte auch, langsam zwar, weil ich schon ein paar Jahre lang kaum mehr Muskeln hatte, die zu viel mehr als zum Stehen taugten, und völlig untrainiert war, aber ich rannte.

Nur kam ich irgendwie nicht vorwärts, nur ins Atmen, und das Ganze muss absolut lächerlich ausgesehen haben. Einer, der in Zeitlupe rennt und dabei keine Luft kriegt. Zum Glück hat das ausser ihm keiner gesehen.

Ich sah das Haus, die beleuchtete Fensterfront mit der grossen Küche, wo der Koch vermutlich gerade wieder einmal die Spätzli versalzte, und ich hörte meine Schuhe auf der Schneekruste knirschen, aber ich kam verdammt nochmal nicht vom Fleck, obwohl ich nicht mehr am selben Ort stand, als ich es aufgab, davonzurennen.

Was soll das? fragte er mich. Du weisst doch, dass das nicht geht.

Fünf Minuten! – schrie ich ihn an. Beschissene fünf Minuten! Ist das zu viel verlangt?
Eine Minute, um den Koch in den Hintern zu treten, und vier, um mich zu verabschieden. Mehr verlange ich nicht. Sei jetzt kein Spielverderber. Ich bin tot, Du hast gewonnen, also gönn mir diesen kurzen Moment, diese minimale Overtime.                Jeder tätowierte Fussballspieler, der während dem Spiel gefoult wurde und gepflegt werden musste, kriegt Nachspielzeit. Sogar wenn er nur simuliert hatte. Sogar der, der ihn gefoult hatte, kriegt Nachspielzeit. Was habe ich getan, dass sie mir verweigert wird? Magst Du keinen Sport? Habt ihr die Regeln geändert? Ist Sepp Blatter gestorben?

Es würde Dir nichts bringen, Dich zu verabschieden. Dir nicht und Deiner Frau schon gar nicht. Es würde alles nur viel schlimmer machen. Ihr wollt den Tod noch immer nicht akzeptieren. Obwohl jeder Mensch, der je gelebt hat, gestorben ist.                    Glaube mir: Es ist am besten für euch, wenn man euch einfach aus dem Spiel nimmt. Ohne Vorwarnung. Auch wenn ihr den Handschlag verweigert.

Im Prinzip hatte er Recht. Aber hier ging es um mich.

Und wenn ich auf den Spaziergang verzichte, reicht es dann für eine Verabschiedung?

Nein.

Man kann in Ankara wirklich nicht spazieren. Wir haben das mehrmals versucht, meine Frau und ich. Die einzige Möglichkeit, einmal abgesehen von der kleinen Altstadt, um einen einigermassen schönen Spaziergang zu machen, ist zu diesem See zu fahren, ich kann mir den Namen nie merken, und ihn einmal zu Fuss zu umrunden. Mit dem Auto ist man in einer halben Stunde da. Soll ich den Schlüssel holen?

Wir spazieren hier, sagte der Tod. Keine Autofahrten mehr. Du bist nachts praktisch blind und ich kann nicht fahren.

Kannst Du nicht oder darfst Du nicht? Hat man Dir den Ausweis weggenommen?
Komm jetzt.

Er führte mich die Treppe runter, an der Botschaft vorbei und zur hinteren Gartentüre, wo wir erst neulich eine Personenschleuse eingebaut hatten. Wenn man raus wollte, musste man einen Knopf drücken und die Wächter oben beim Haupttor sahen dann auf ihrem Bildschirm, wer raus wollte, und bedienten die Schleuse. Vielleicht war das meine Chance. Ich drückte den Knopf und nach wenigen Sekunden erschien Eyüp auf dem kleinen Bildschirm.

Guten Abend, Eyüp bey, yak shamlar, sagte ich. Ich bin es (wie sinnvoll…).

Guten Abend Herr Botschafter, sagte Eyüp.

Ich muss nochmal raus, sagte ich. Können Sie meiner Frau sagen, ich…

Der Tod legte seine Hand auf meine Schulter und zog mich von der Kamera weg.

Ist alles in Ordnung? hörte ich Eyüp bey fragen.

Nein, ich werde entführt, rief ich, und gestikulierte in Richtung Tod.

Na dann wünsche ich einen schönen Abend, sagte Eyüp, und öffnete die Schleuse.

Hatte er mich nicht verstanden?

Auf der Strasse angekommen, ging der Tod nach rechts, die Strasse hoch.

Darf ich wissen, wo wir hingehen? Starbucks ist in der anderen Richtung.

In ein Restaurant, in dem Du ganz zu Beginn Deines Einsatzes hier einmal warst.

Und was machen wir dort?

Was man in einem Restaurant normalerweise macht, etwas trinken, vielleicht etwas Kleines essen.

Ich habe zwar keinen Hunger, aber OK, wenn ihr das so macht. Nur muss ich Dich warnen. Ich muss unmittelbar nach dem Essen zur Toilette, das funktioniert bei mir so, und ich gehe nur zuhause richtig auf die Toilette, verstehst Du? (ich hatte ihn!)

Das wird nicht nötig sein. Dieses Essen wirst Du nicht mehr verdauen.

Das Restaurant war mehr eine Bar, in der meine Frau und ich tatsächlich in den ersten Wochen in Ankara einmal einen Kaffee getrunken hatte. Absurd, dass das mein letzter Ort sein sollte. Und überhaupt, wozu das ganze Theater mit Spaziergang und letztem Essen?

Ich muss mal, sagte ich, gleich nachdem wir uns an einen Ecktisch gesetzt hatten.

Natürlich kam er mit. Er stellte sich neben mich und tat so, als würde er auch pinkeln.

Ein anderer Gast kam rein und stellte sich neben ihn.

Neben mir ist frei, sagte ich zu ihm, denn ich war mir sicher, dass er meinen Tod nicht sehen konnte. Aber er verstand kein Deutsch und schaute mich nur komisch an.

Zurück am Tisch kam die Kellnerin und fragte mich, was ich möchte.

Ich bestellte einen doppelten Espresso, einen gemischten Salat und ein Tuna-Sandwich.
Der Tod machte mir unter dem Tisch mit dem Fuss ein Zeichen.
…und noch ein Mineralwasser und ein Kebab, bitte.

Als die Kellnerin zurück zum Tresen ging, schaute ich ihr kurz nach. Na ja, es war das letzte Mal. Als ich meinen Blick wieder auf den Tod richtete, sah ich, das er ihr auch nachgeschaut hatte.

Nu, gefällt sie Dir? Wie wär´s wenn Du sie anstatt mich…

Er nahm einen Schluck von seinem Mineralwasser.
Wen möchtest Du zuerst treffen: Kurt Marti oder Leonard Nimroy?

Wie bitte?

Wen Du zuerst treffen möchtest, wenn Du drüben bist. Wir müssen das ja planen.       Wir wissen, wen Du alles treffen wirst, aber Du darfst bestimmen, mit wem Du beginnst. Du musst nicht, Du kannst. Wenn Du nichts sagst, triffst Du womöglich zuerst eine Unmenge von Menschen, die Dir im Leben nur wenig oder gar nichts bedeutet haben. Vielleicht sogar eine Reihe von Leuten, die Dir auf den Wecker gegangen sind.

Moment mal. Heisst das, ich treffe alle Menschen wieder, denen ich hier unten begegnet bin? Sagt man überhaupt hier unten? Meinen Physiklehrer, den Kameraden, der mir beim Fussball die Schaufelzähne rausgeschlagen hat? Und in ein paar Jahrzehnten auch die hübsche Serviertochter und den Mann, der gerade neben uns gepinkelt hat?        Mach mich nicht schwach. Wieso sterben wir, wenn wir alle wieder treffen?

Du triffst nicht alle wieder. Du triffst alle Toten, die im Leben wichtig für Dich waren, und zur Auflockerung eine gewisse Anzahl von Menschen, denen Du nur flüchtig begegnet oder an denen Du achtlos vorbeigegangen bist.

Unglaublich. Ihr seid wirklich unglaublich. Aber weisst Du was? Ich beginne mit Leonard Nimroy. Ich war zwar kein grosser Star Treck Fan, aber Mr. Spock ist ein guter Start.      Er ist erst neulich gestorben, nicht wahr? Wie alt ist er geworden? 86? 87?

83

Aha. Und wie geht es ihm? Trägt er noch seine Vulkanierohren? Hat er Scotty schon gefragt, ob er ihn wieder runterbeamen könnte?

Das Leben ist wie ein Garten. Perfekte Momente sind möglich, aber sie können nicht bewahrt werden, ausser im Gedächtnis.

Was ist das jetzt? Euer Motto? Steht das über dem Eingang?

Das hat Nimroy getwittert, wenige Tage bevor wir ihn geholt haben.

Ich fass es nicht – ihr folgt den Promis auf Twitter? Seid ihr auch auf Instagram und YouTube? Hast Du die Füchse nachts auf dem Trampolin gesehen? Und den Hund, der Tonleitern furzen kann?

Und wen willst Du nach Nimroy sehen?

Das muss ich mir überlegen. Hat man Zeit zum Überlegen bei euch? Habt ihr überhaupt Zeit da oben? Vielleicht Kurt Marti. Ich hab mal ein Treffen organisiert für ihn. Bei einem Staatsbesuch in der Schweiz. Ich habe ihn in Mitten all der hochoffiziellen Treffen eine halbe Stunde mit Václav Havel in einem Zimmer eingeschlossen, damit sich die beiden von Schriftsteller zu Schriftsteller unterhalten konnten. Havel ist auch schon bei euch, nicht wahr? Treffen sich die beiden ab und zu? In einer Schriftstellerkneipe? Kann ich da auch hingehen?

Martis Leichenreden gehört zu meinen Lieblingsbüchern. Oder muss ich jetzt sagen gehörte? Gibt es Bücher bei euch? Wahrscheinlich ja nicht. Aber ich lass mir das nicht nehmen. Ich kann sehr vieles auswendig, weisst Du. Nicht nur Gedichte. Und mein Gedächtnis werdet ihr mir ja wohl lassen. Oder?

Mein Gott! Herr Botschafter…!

Das würde ja keinen Sinn machen, dass wir alle wiedersehen, aber wir erkennen sie nicht mehr… was würde das für einen Sinn ergeben?

Herr Botschafter… wachen Sie auf!

… oder macht nichts mehr Sinn bei euch? … ist das nur etwas für hier?

Wachen Sie auf, um Gottes Willen!

…ich will nicht aufwachen. Es reicht doch, dass ich tot bin. Es reicht völlig. Und nimm Deine Hände aus meinem Gesicht.

Sie sind nicht tot. Sie sind hingefallen.

Ich öffnete die Augen und sah ins schnauzbärtige Gesicht von Ahmed, dem Wächter, den meine Frau Mustafa nannte.

Ahmed…?

Sie sind hingefallen, Herr Botschafter. Ihre Frau hat uns alarmiert, weil sie nicht nachhause gekommen sind. Haben Sie sie sich weh getan?

Ich richtete mich auf und sah, dass ich im Korridor vor meiner Bürotür war.

Nein, im Gegenteil, Mustafa, ganz im Gegenteil. Es geht mir ganz wunderbar.

Er half mir hoch. Ich wischte meine Kleider ab, obwohl es nichts abzuwischen galt.

Vielen Dank, Mustafa. Vielen, lieben Dank, çok teşekkürler!

Bitte rufen Sie meine Frau an und sagen Sie ihr, ich sei gleich zuhause. In zwei Minuten. Aber sagen Sie ihr nicht, dass ich hingefallen bin.

Und sagen Sie Engin morgen, er soll unverzüglich den losen Tritt bei der Eingangstür reparieren. Da bricht sich sonst noch jemand den Hals.

Abgerissene Aufhänger

15. März 2019

“Er hat ein wenig abgegeben”, sagte der Mann, der seit Beginn der Zugfahrt über ein Sprechset mit seiner Mutter sprach, während er an seinem Laptop herumspielte. Er sass mir schräg gegenüber und war, wie man aus seinem Dialekt und der Tageszeit kombinieren konnte, unterwegs nachhause in die Ostschweiz. Er würde bis zur Endstation des Intercity Zugs auf seinem Sitz sitzen bleiben und vielleicht ab Bahnhof Romanshorn einen Regionalbus nehmen. Gut möglich, dachte ich, dass er bis zur Station Zürich Flughafen, wo ich ihm entkommen werde, mit seiner Mutter spricht.

Ich wusste natürlich nicht, ob am anderen Ende wirklich seine Mutter war. Es tönte für mich einfach so. Aber wer hatte abgegeben? Und was meint man eigentlich, wenn man von jemandem sagt, er habe abgegeben? Ich weiss natürlich, was man landläufig damit meint. Ich habe das vielleicht auch schon das eine oder andere Mal über einen älteren Menschen gesagt. Er oder sie habe abgegeben. Aber heute ärgert mich der Ausdruck. Er kommt mir ausgesprochen dumm vor.

Warum früher nicht? Warum erst heute? Habe ich nun selber Angst davor, abzugeben? Habe ich vielleicht sogar schon mit Abgeben begonnen? Ich mag mich nicht erinnern, schon einmal gehört zu haben, wie jemand zu jemandem sagt: “Ich glaube, ich habe in letzter Zeit ein wenig abgegeben”. Merkt man es, wenn man abgibt?

“Seine Schwestern sterben gerade”, sagte der Mann. Und nach einer kurzen Pause:
“Nein – SEINE Schwestern…”
Vielleicht war es doch nicht seine Mutter. Seine Mutter hätte nicht nachfragen müssen.

Von wem auch immer die Rede war im Zugabteil zwischen Bern und Aarau: Ich empfand Mitleid für ihn. Nicht wahnsinnig tief empfunden, ich kannte ihn ja nur vom Hörensagen, aber doch Mitleid. Er hatte offenbar zuletzt abgegeben und jetzt starben ihm auch noch seine Schwestern weg. Nicht eine, seine. Das war etwas viel.
(Hatten sie vorher abgegeben? Gingen sie voll bepackt? Und warum gleich alle zusammen?)

Dann war das Gespräch plötzlich zu Ende. Er müsse noch ein wenig arbeiten, sagte der Mann mit dem Sprechset, verabschiedete sich und begann wieder in seinen Laptop zu tippen. Woraus seine Arbeit bestand, wurde wenig später klar, als er mit jemandem aus seiner Firma sprach, der entweder noch im Büro oder gerade in einem anderen Zug sass. Es ging um eine Offerte, aus der man einen Teil, so schlug es der Mann jedenfalls seinem Gesprächspartner vor, weglassen sollte, weil man das besser separat offeriere. Das machte absolut Sinn, obwohl ich nicht wusste, wer ihm gegenüber sass.

Es war zum Glück ein kurzes Gespräch. Und seine Mutter rief auch nicht zurück. So verlief der Rest der Zugfahrt wohltuend ruhig. Auf den Wiesen lag noch ein wenig Schnee und aus meinem Rucksack roch es angenehm nach Kaffee. Wahrscheinlich hatte ich einen der Kaffeebeutel, die ich hastig im Rucksack verstaut hatte, um den Zug nicht zu verpassen, beschädigt.

Dass man mich nicht missverstehe: ich habe mich nicht geärgert über den Mann. Jedenfalls nicht sehr. Er hatte das Recht, mir gegenüber zu sitzen und Gespräche zu führen. Es war kein Ruhewagen. Und er war mir auch nicht unsympathisch, wie er vom ersten Konzert seines Kindes in der Schule erzählte. Er ist sicher ein guter Ehemann und Vater. Ich wünsche ihm, dass es noch lange dauert, bis er selber abzugeben beginnt. Und falls er Schwestern hat, wünsche ich ihnen ein langes Leben, damit sie ihn überleben und ihm nicht irgendwann wegsterben. Ich stelle mir das einfacher vor für ihn.

Bestimmt dachte er, ich sei ein Idiot. Und ich kann es ihm nicht einmal verübeln. Wer in ein Zugabteil tritt, seinen teuren Mantel an der Aussenwand seines Sitzes aufhängt, ihn noch sorgfältig zur Seite schiebt, nur um sich dann doch draufzusetzen und – ratsch – den Aufhänger abzureissen, ist tatsächlich ein Idiot, ein gut gekleideter zwar, aber eindeutig ein Idiot.

Und so etwas passierte mir ja bei Weitem nicht zum ersten Mal. Wenn ich darüber Buch geführt hätte, über das Abreissen meiner Aufhänger, würde ich schätzen, dass es mir so oder ähnlich schon mindestens zehn mal passiert ist. Das heisst im Schnitt einmal alle sechs Jahre. Und das ist wahrscheinlich konservativ geschätzt.

Schon sehr bald wird man solche Dinge nicht mehr schätzen oder hochrechnen müssen. Überwachungskameras werden den öffentlichen Raum, also auch das Innere von Zügen, obwohl dort zunehmend private Gespräche geführt werden, lückenlos erfassen und wegen dem Datenschutz wird man seine eigenen Bilder und Filme, dank Gesichtserkennung aussortiert, abrufen können.

Nicht nur die Bahn wird dann jederzeit darüber Auskunft geben können, wie viele Idioten sich an einem Tag oder in einer Woche den Aufhänger ihrer Mäntel und Jacken abgerissen haben, auch wir Idioten wären imstande, unsere eigene Tölpel-Statistik abzurufen und die Einzelfälle mit Freunden und Verwandten zu teilen. Schau mal – hier schütte ich mir zum vierten Mal diese Woche den Kaffee auf das Hemd. Das war, als ich unterwegs war zum Ministertreffen. Und natürlich hatte ich kein zweites Hemd dabei. Was haben wir gelacht.

Ich glaube, das Geheimnis, wenn es ein Geheimnis gibt, ist, nicht aufzuhören, über sich selber zu lachen. Auch wenn man älter wird und dadurch noch ungeschickter, als man es ohnehin war. Auch wenn man vielleicht schon damit begonnen hat, abzugeben, und es möglicherweise sogar merkt. Die Fähigkeit, über sich zu lachen, sollte man erst ganz zuletzt abgeben.

Vielleicht kann man nicht immer sofort lachen. Wenn es den Film schon geben würde, wie ich mir den Aufhänger abgerissen habe auf dieser Zugfahrt, und wenn der Film auch Ton haben würde, könnte man hören, wie ich leise fluche. Aber kurz darauf, noch bevor ich von den sterbenden Schwestern erfuhr, konnte ich bereits darüber lachen.

Darüber, wie ich mich wie ein Idiot aufführe. Über die oft tölpelhafte Rolle, die ich in meinem Leben spiele. Ich stamme in direkter Linie von Tölpeln ab. Vom Grossvater über meinen Vater, die zudem noch den gleichen Vornamen trugen wie ich. Nur meine jüngste Tochter, der ich das Tölpel-Gen vererbt habe, heisst nicht Walter.

Habe ich erwähnt, dass der Mann, der mit seiner Mutter sprach, nicht nach Romanshorn fuhr, sondern tatsächlich vor mir aus dem Zug gestiegen ist?

Hunde spazieren von Wien über Boston nach Salt Lake City

13. Oktober 2018

(ein Plädoyer für eine Sozialgeschichte des Gehsteigs)

Seit wir zwei junge Hunde haben, bin ich wieder öfter im Freien, obwohl die Kleinen noch nicht wirklich Gassi gehen wollen. Sie jagen einander lieber in horrendem Tempo durch Wohnung und Garten, bis sie völlig geschafft sind und mal schnell vier Stunden schlafen müssen. Am liebsten mit dem Kopf auf einem Schuh oder in einer Sandale meiner Frau.

Das gleiche (sich jagen) machen sie auch in den Strassen und Gassen von Wien, auf den Plätzen, Gehsteigen und in den Stadtgärten, wenn sie nicht gerade herumschnüffeln und alles in den Mund nehmen, was herumliegt. Gib aus!

Wenn ich dann stehe und warte, bis das Schnüffeln kurz unterbrochen wird, oder bis sich der purzelnde Knäuel wieder entwirrt und zu zwei Hunden wird, fällt mir vieles auf, was ich vorher im raschen Vorübergehen höchstens gesehen, aber nicht wirklich angeschaut hatte.

Ins Freie getrieben und eingebremst von zwei schnüffelnden und raufenden Hunden beginne ich, Dinge zu betrachten und über sie nachzudenken. Haben Sie schon einmal zugesehen, wie jemand Randsteine setzt? Oder darüber nachgedacht, wofür Randsteine gut sind?

Wenn man keine Hunde hat, die einen die Dinge draussen betrachten lassen, und stattdessen zuhause im Internet nachschauen muss, könnte man leicht den Eindruck erhalten, Randsteine setzen sei eines der verbreitetsten Hobbys unserer Zeit, gleich hinter Kühlschränke abtauen. Es gibt zahllose Schritt-für-Schritt-Anleitungen.

Nachdem ich neulich an der Argentinierstrasse im vierten Bezirk eine Weile lang zugeschaut hatte, wie zwei Männer Randsteine setzten, während unsere beiden Pudel die Abschrankung ausschnüffelten, wurde mir klar, dass Randsteine notwendig sind. Der Gehsteig würde sich sonst in der Strasse verlieren. Oder sagt man in Wien Bürgersteig?

Trottoir, wie wir in der Schweiz, wohl eher nicht. Obwohl ich erst in Wien durch unsere Pudel begriffen habe, wie zutreffend der Begriff – eine Ableitung zum französischen Verb trotter – tatsächlich ist. In Trab gehen, traben, trippeln, umherschweifen – genau das machen unsere beiden Pudel auf dem Gehsteig, unterbrochen von intensivem Herumschnüffeln und Raufen.

Ob Trottoir, Gehsteig oder Bürgersteig: es braucht zur Strasse und zum Verkehr hin eine Abgrenzung durch den Randstein. Nur schon deshalb, weil man sonst nicht ungefährdet im Regen Gedichte lesen könnte. In Boston, fiel mir ein, hatte eine Organisation einmal Gedichte mit Schablonen auf die Bürgersteige gesprayt, die erst sichtbar wurden, wenn es regnete.

Weil die Hunde noch nicht weiterwollten und da ich schon in den USA war, erreichte mich aus dem Westen auch noch die Erinnerung an die Randsteine von Salt Lake City, die mir vor 35 Jahren aufgefallen waren, weil sie wegen der Schneeschmelze sehr hoch sind.

Dann waren die Hunde müde und wir kehrten nachhause zurück. Es gäbe noch vieles zu sagen zu Gehsteigen. Vielleicht sollte meine Tochter Theres nach Abschluss ihrer Studien eine Sozialgeschichte des Gehsteigs schreiben. Mit einem Kapitel über Pudel und Gedichte bitte, über Regen in Boston und die Schneeschmelze in Salt Lake City.

Dieses unverschämte Benehmen der Wirklichkeit

9. September 2018

Die Wirklichkeit gebärdet sich auf eine Weise, als gäbe es nur sie und alles andere würde überhaupt nicht zählen. Sie will uns ganz für sich in Anspruch nehmen, immer und überall. In Wirklichkeit, in Wirklichkeit…
Sie geht so weit in ihrer Arroganz, dass sie sich andere Namen gibt, wie Realität, Wahrheit oder «wahres Leben», und ihre Kinder, die sie uns jeden Tag zum Hüten gibt, sind Tatsachen und Fakten, schlecht erzogen und unerträglich laut. Man ist froh, wenn sie am Abend wieder gehen.
Sie anerkennt weder Hoffnung noch Traum und den Wunsch lässt sie erst gelten, wenn er wie sie geworden ist. Vorher verspottet sie ihn und möchte ihn am liebsten verbieten.
Aber nicht nur die Gegenwart und die Zukunft will sie für sich, auch auf die Vergangenheit erhebt sie einen totalitären Anspruch. «Alles, was geschehen ist, ist in Wirklichkeit geschehen» sagt sie, «das wollt ihr doch nicht auch noch abstreiten? Oder ist es etwa im Traum passiert?»
Dass der Blick in die Vergangenheit ebenso individuell geprägt ist wie das Erleben der Gegenwart und der Blick in die Zukunft, lässt sie nicht gelten. «Es gibt euren Blick, sagt sie, und es gibt mich, die Wirklichkeit. Wie auch immer ihr mir in die Augen schaut, wenn ihr es endlich wagt, ich bin so, wie ich bin: die Wirklichkeit. Ihr könnt mich nicht ändern.»
Es ist sinn- und hoffnungslos, mit ihr zu diskutieren. Erkenntnistheorie, Konzepte der Wahrnehmung – es interessiert sie nicht. «Ramsch!» sagt sie, oder «Wirklich?».
Ich glaube, sie ist ein wenig beschränkt. Ich vermute, sie hat die Theorie überhaupt nicht gelesen und meint, sie sei die Praxis. Das ist unverschämt und in der Absolutheit des Anspruchs auch nicht ganz ernst zu nehmen, aber ganz ignorieren können wir sie trotzdem nicht.
Vielleicht sollten wir sie aber ab und zu daran erinnern, dass sie es ist, die andauernd Tatsachen und Fakten schafft, und dass sie dafür auch eine gewisse Verantwortung übernehmen sollte. Vielleicht würde es ihr guttun, ab und zu selber auf ihre Kinder aufzupassen, anstatt sie bei uns zu deponieren. Wo ist eigentlich ihr Mann?

Blindmann, gegoogelt

4. Februar 2018

(oder wie man «wie sagt man» sagt)

Fisch sollte man, so lautet eine alte Volksweisheit, nur in Monaten essen, in denen ein „R“ vorkommt. Das machte früher noch einen gewissen Sinn, als Transporte vom Meer ins Inland den Fisch vom Kopf her verdarben, weil Kühlung von Mai bis August tagsüber nur schwer erhältlich war und nachts unterwegs zu sein nicht als gute Idee galt.

Aber schon damals war der Rat nicht für jeden Fisch sinnvoll. Was war mit Seen und Weihern, wo Fischers Fritz frische Fische fischte, wenn er nicht gerade aus dem Fenster furzte? Fischgenuss im Seerestaurant, die Füsse im Wasser baumelnd, wo lag das Problem? Wohl kaum auf dem Teller.

Auch gute Ratschläge überleben sich und der Volksmund gibt, wenn er ununterbrochen weiter labbert, viel Unsinn zum Besten. Weisheiten und Ratschläge müssten ein Ablaufdatum haben, woher immer sie kommen. Am besten zu befolgen bis. Man kann trotzdem durch Ableitung das eine oder andere aus alten, nicht mehr hilfreichen Redensarten und Volksweisheiten herausholen. Fische kann man heute gefahrlos ohne Volksweisheit geniessen. Computer sollte man hingegen im deutschen Sprachraum nur an Tagen benutzen, in denen ein «C» vorkommt. Also nur jeden Mittwoch.

Die Weisheit stammt von einem unterdrückten Volk, dem im 2. Jahrhundert vor Christus von einem progressiven Propheten wegen der Verbreitung panikmachender Pamphlete der Internetzugriff gesperrt wurde. Sie ist deshalb kaum bekannt und wird von niemandem befolgt. Obwohl sie extrem beruhigend wirken würde. Die ganze moderne Kommunikationslawine müsste ja irgendwie eingebremst werden. Telefonieren nur noch an Wochentagen ohne «T» wäre wohl kaum mehrheitsfähig.

Eher tauglich wäre die Einführung von Mobil-Telefonen, die sich nur noch entsperren lassen, indem sie innerhalb von fünf Minuten mindestens fünf lachende Gesichter erkennen, worunter das des Besitzers und von mindestens drei registrierten Freunden. Das fünfte Gesicht könnte zum Beispiel ein Kellner sein, der gerade ein gutes Trinkgeld erhalten hat. Ich wollte spontan «Serviertochter» schreiben, aber ich denke, das ist kein politisch korrekter Ausdruck mehr. Ausser man erwähnt im selben Satz einen Serviersohn. Oder eine Gastmutter. Was mich wieder einmal zu meiner alten Frage führt, warum es keine Gästin gibt. Selten hätte ein Wort so viel Sinn gemacht. Vielleicht fehlt dieser Ausdruck ja nur in der Deutschen Sprache. Aber wie frage ich danach in einer Sprache, die ich nicht kenne?

Wie sagt man «wie sagt man»? Wie fragt man jemanden, wie man in seiner Sprache «wie sagt man» sagt? Google Translate funktioniert ja nicht immer einwandfrei. Ich habe es gerade versucht, und obwohl ich Deutsch – Hebräisch gewählt habe, hat das Programm darauf bestanden, von Deutsch ins Englische zu übersetzen. How does one say? Darunter stand noch: «oder meinten Sie …» und da stand doch tatsächlich etwas in hebräischer Schrift. Als ich es anklickte, erschien im Deutsch-Fenster: «Er ist ein Duo». Ich bin von dieser Antwort nicht restlos überzeugt, finde sie aber durchaus interessant.

Ich denke, dass man gewisse Dinge wohl nur durch mehrmaliges Fragen herauskriegen kann, durch Wiederholungen derselben Frage, meine ich. Ein und dieselbe Frage, genügend oft wiederholt, führt irgendwann zu einer Antwort. Das erfahren schon Kinder, wenn Sie im Fragenalter sind und die Mutter bei den ersten vier Anläufen keine Antwort gibt. Ich vermute, dass hinter modernen Suchmaschinen mehr steckt, als das Auge antrifft, wenn es im Park spazieren geht.

Wenn man zum Beispiel sechzehnmal hintereinander «googeln» googelt (Sie wollen das nicht probieren), geht neben dem Eingabefenster ein zweites auf. Dort gibt man dann seine Schuhnummer und die Anzahl bereits ersetzter Amalgam-Füllungen ein, worauf der Text erscheint: «Wenn Sie nicht Blindmann sind, klicken Sie hier». Ich klicke sofort, denn die wissen natürlich ganz genau, dass ich nicht Blindmann bin. Keine Ahnung, wer Blindmann ist. Irgendein verfluchter Doppelagent womöglich. Ein Duo.

Ich will da auf gar keinen Fall hineingezogen werden, wo und was immer das ist. Ich kenne diese Filme. Bloss raus hier, und zwar schnell. Ich schalte den Computer ab. «Folgende Programme verhindern das Abschalten ihres Computers. Wollen Sie trotzdem abschalten, Blindmann?» Ich klicke auf ja, aber es passiert nichts, und dann höre ich auch schon Stimmen, weit entfernt, leise, aber ohne Rauschen:

„Wir haben ihn verloren…“
„Wie verloren…?“
„Er hat sich rausgeklickt“
„Warum macht er das? Er ist doch Blindmann…“
«Ja, aber er weiss es noch nicht.»

Dann fährt sich der Computer doch noch herunter, aber irgendwie bin ich nicht ganz sicher, ob er sich wirklich ganz ausgeschaltet hat, und ich ziehe ihm den Stecker raus.

Ich bin nicht Blindmann, glauben Sie mir. Und ich weiss nicht, was hier abläuft oder wer diese Leute sind. Sollte ich nächstens verschwinden, weiss ich auch nicht, was Sie tun können. Wahrscheinlich überhaupt nichts. Ausser vielleicht ihren Computer nur noch am Mittwoch benutzen. Und nie jemanden fragen, wie man «wie sagt man» sagt. Meiden Sie Fremdsprachen ganz allgemein. Missverständnisse sind vorprogrammiert. Aber auch dieser Ratschlag kann schlecht sein. Billig ist er auf jeden Fall.

Vielleicht warten Sie besser, bis es Mai oder Juni wird, und gehen dann in Begleitung eines Menschen, den Sie lieben, auf einen Markt in einem warmen Land. Flanieren Sie. Trinken Sie Tee mit den Händlern. Kaufen Sie Gewürze, meinetwegen auch Fisch. Berühren sie einen Seidenschal (vor dem Fischkauf) zu einem unglaublich tiefen Preis. Es spielt keine Rolle, ob Sie sich mit Seide auskennen oder nicht. Ein Seidenschal muss, so lautet die Regel, so fein und geschmeidig sein, dass man ihn durch einen Ring ziehen kann. Falls Sie den Ring nicht vom Finger kriegen oder keinen tragen, lassen Sie es besser bleiben.

 

Unnütz oder zu nichts Nutz?

25. Januar 2018

– erstaunliche Parallelen zwischen Milz und Diplomatie

Lange Zeit galt die Diplomatie als ebenso überflüssig wie die Milz. Heute kennt man ihre Funktion, während sich das Vorurteil über die Diplomatie bei vielen verfestigt hat: sie ist überflüssig. Das sind aber nicht die einzigen Unterschiede. Es gibt auch kaum Gemeinsamkeiten. Ein Blick in die Forschungsgeschichte von Milz und Diplomatie fördert trotzdem erstaunliche Parallelen zutage und es erweist sich einmal mehr, wie viel erkenntnisreicher interdisziplinäre Forschungsansätze sind, wenn man dabei nicht die gleichen Disziplinen vergleicht.

Aufenthaltsort unbekannt
Die meisten Menschen können nicht auf Anhieb und nicht einmal ungefähr sagen, wo in ihrem Körper sich die Milz befindet. Auch ihre Funktion ist weitgehend unbekannt. Die seit 1987 im Schengenraum zweimal jährlich durchgeführten Befragungen zur Erhebung des europäischen Milzbarometers (EUMiB) zeigen mit einer gewissen Konstanz ein gleichleibendes Unwissen des europäischen Durchschnittsbürgers bezüglich des Aufenthaltsortes seiner Milz. Von der Einführung der Organfreizügigkeit haben nicht nur Wandernieren profitiert, auch die Milz ist seither praktisch überall zu finden, bei angenehmem Wetter sogar in Konstanz.

Über die Funktion ihrer Milz wissen Europäer trotzdem wenig bis gar nichts. Sogar in Ländern wie der Schweiz mit einem Milzparlament und einer Milzarmee grassiert ein Unwissen, dass bei vielen mit zunehmendem Alter zu Leberverfettung führt. Die Bevölkerung hat ihr Unwissen über die Milz Jahrhunderte lang mit den Ärzten geteilt, wobei die Milz ihren Trägern mehr Probleme verursacht hat als das Unwissen über ihre Funktion den Ärzten, die sie kurzerhand entfernten.

Diese Praxis wurde so oft in der Praxis angewandt, weil nach Operationen in der Theorie oft Flecken auf dem Papier zurückblieben. Ein anderer Grund war, dass es offenbar ein Leben ohne Milz gibt. Dies lässt sich aus der Tatsache ableiten, dass Patienten, denen die Milz entfernt wurde, auch danach noch jahrelang zu Arztkonsultationen erschienen sind.

Auswertungen von Arztagenden in Schwaben und Nordrheinwestfahlen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts haben hingegen ergeben, dass Patienten, denen man das Herz, die Lunge oder die Leber entfernt hatte, in den allermeisten Fällen nicht mehr zu einem Nachuntersuch erschienen sind.

Die wenigen Ausnahmen führt die Autorin einer 2016 erschienenen Dissertation (Liselotte Schröder: «Einwegpatienten») darauf zurück, dass es in diesen damals mausarmen, ländlichen Gegenden Menschen gegeben hat, die sich einen Namen teilten, sowie ein paar wenige Fälle mit zwei Lungen oder drei Herzen.

Lange Zeit galt die Milz als Organ ohne Funktion, weil man ohne sie anscheinend problemlos überleben konnte und auch selten danach gefragt wurde. Bei Diplomaten war es wenn nicht ähnlich, so doch fast gleich. Jahrhunderte lang waren Staaten ohne Diplomaten ausgekommen und die ersten wurden nicht selten als Geiseln gehalten oder vom Empfangsstaat geköpft.

Aus der Moderne sind zahlreiche Falle von dysfunktionalen Diplomaten dokumentiert. Wer an der Zentrale Probleme verursachte oder nicht gut funktionierte, wurde ohne langes Federlesen ins Ausland versetzt und dort vergessen. Die Zentrale funktionierte danach mindestens gleich gut oder gleich schlecht, das liegt im Auge des Betrachters. Immerhin lässt der in den Quellen verwendete Begriff des dysfunktionalen Diplomaten vermuten, dass es eine Funktion des Diplomaten gibt.

Parallelen in der Erforschung
1729 hielt der englische Arzt und Poet Richard Blackmore in einer medizinischen Fachzeitschrift fest, «der Schöpfer der Natur» habe «nichts umsonst gemacht», die Milz müsse deshalb eine Funktion haben. Welche, wisse er nicht, aber er werde heute Abend seine Frau fragen.

Ungefähr zur selben Zeit (im Spätsommer 1734) schrieb der deutsche Kulturphilosoph und Bergsteiger Wendolin Schurter in sein mehrfach überarbeitetes und später wegen seinem allzu langen Titel nie publiziertes Standardwerk «Vom Unnützen – Dinge, die es wahrscheinlich besser nie hätte gegeben haben sollen und trotzdem gab- wer hat sie bloss erfunden» im kurzen Kapitel, das er der Diplomatie widmete: «Es kann nicht sein, dass die Gesandten überhaupt keinen Zweck erfüllen. Keine Organisation schickt jemanden samt Ehefrau und wenn möglich Kindern irgendwohin (und bezahlt ihn auch noch dafür), wenn es dort nichts, aber auch gar nichts zu tun gibt, und ich war selber dort.»

Warum, fragte Blackmore, sollten Wirbeltiere die Milz, wenn sie keine Funktion gehabt hätte, über sämtliche Evolutionsstufen hinweg bewahrt und sie auch regelmässig in die Ferien mitgenommen haben?

Schurter, auf der anderen Seite (für die er sich erst spät in seinem Leben und nach langem Zureden seines Friseurs entschieden hatte), war sich absolut sicher, dass er recht hatte mit seiner These. «Wieso», schrieb er in seinen Entwurf, «sollte jemand Ferien beziehen, der nicht arbeitet?» Obwohl er den Satz in seinem dritten Manuskript doppelt unterstrich, erschien er in der vierten Version gar nicht mehr.

Erst 200 Jahre später sollte Blackmore Recht erhalten. Er konnte allerdings nicht mehr allzu viel damit anfangen und seine Frau soll ihn deswegen beim Frühstück gehänselt haben, als der Postbote das Paket abgeliefert hatte. «Wie immer!», soll sie zu seiner Fotografie auf der Kommode gesagt haben, «Du reisst Dir den Arsch auf und irgendjemand anders erhält dann die Blaubeeren dafür. Das hast Du jetzt davon, tot zu sein.»

Schurter erging es nicht viel besser. Obwohl er von der Existenz eines Sinns der Diplomatie fest überzeugt war, gelang es ihm Zeit seines Lebens nicht, diesen Sinn nachzuweisen. Gegen sein Lebensende hin war er deswegen immer verzweifelter und am 26. November 1752, drei Monate vor seinem Tod, notierte er in sein Tagebuch. «Es geht mir zunehmend schlechter. Ich muss mich beeilen, wenn ich es noch schaffen will. Der indirekte Beweis anhand von Akten ist mir nun zum wiederholten Male misslungen. Ich werde einen (Diplomaten, Anm. der Red.) sezieren müssen.»

Schurter musste selber gewusst haben, dass dieses Unterfangen in einer Zeit, in der nur die Grossmächte Gesandte in andere Hauptstädte schickten, schwierig werden würde. Er trug in seinen letzten Wochen das Sezierbesteck stets auf sich, machte sich aber keine Illusionen über die Erfolgsaussichten seines Vorhabens.

Blackmore hat die Einführung von Impfungen für Personen ohne Milz ebenso wenig erlebt wie Schurter den Einsatz von Laptop-Botschaftern, die nur mit einem Laptop ausgerüstet aus einer Hotelküche im Nebenamt die Interessen ihres Staates vertreten. Bei Patienten ohne Milz helfen die Impfungen gegen Erreger wie Pneumokokken und Meningokokken, die neben einer zusätzlichen Zellmembran meist auch Anteile an einer Zweitwohnung in den Abruzzen besitzen, die sie sich mit einem Studentenkollektiv teilen.

Im Normalfall kümmert sich die Milz rührend um all diese kleinen Kokken und wäscht ihnen auch einmal die Wäsche, wenn sie am Wochenende nachhause kommen um sich durchfüttern zu lassen. Einen Körper ohne Milz muss man sich hingegen unwirtlich und trostlos vorstellen und die Kokken kommen nach wenigen Wochen erst gar nicht mehr nach Hause. Die Milz hat also durchaus eine Funktion, auch wenn Blackmore den Nachweis dafür weder erbringen noch erleben durfte.

Schurter seinerseits hat bis zu seinem letzten Atemzug daran geglaubt, den Sinn der Diplomatie nachweisen zu können, ausser man neigt, wie sein Schüler Karl-Heinz Sonderegger, zur doch etwas gewagten Annahme, sein letzter Tagebucheintrag («Sie sind absolut sinnlos») beziehe sich auf das Objekt seines lebenslangen Studiums.

Heute ist es längst Standard geworden, dass eine Milz nicht mehr operativ entfernt wird, ausser sie macht wirklich Stunk. Auch eine Milz, die ihre Hauptfunktion nicht mehr ausführt (was bei störrischen alten Milzen ab und zu vorkommt), dient dem Körper immer noch als Friedhof für defekte rote Blutzellen. Wenn sie auch diesen Dienst verweigert, springt in der Regel die junge Leber von nebenan auf dem Heimweg vom Tageshort ein, obwohl sie das Filtersystem der Milz nicht wirklich ersetzen kann und es in ihrer Wohnung schnell einmal eng werden kann.

Wird die Milz heute nur noch in ganz seltenen Fällen vollständig entfernt (Splendektomie), so ist man bei den Diplomaten in den meisten Staaten beim bewährten Mittel der Versetzung geblieben (neuerdings auch auf bewertete Stellen). Nur im äussersten Fall wird eine Diplotomie vorgenommen, bei der ein Botschafter durch kräftige Herren in weissen Kitteln aus seiner Residenz entfernt wird.

Die Entfernung eines Botschafters kann gemäss Personalchef Erwin Rombacher aber dazu führen, dass es unter dem Residenzpersonal zu unkontrollierten Jubelszenen kommt, bei denen auch schon antikes Mobiliar zertrümmert wurde. Diplotomien werden deshalb nach Möglichkeit vermieden oder durch eine Frühpensionierung umgangen.

Abschliessend lässt sich festhalten, dass sich Milz und Diplomatie erstaunlich ähnlich sehen, irgendwie. Früher wusste man über beide praktisch nichts und die Moderne hat die Unterschiede noch verwischt, ja geradezu unkenntlich gemacht. Ultraschall und Computertomografie gehören heute ebenso zum Alltag wie ein Mähdrescher in ein Landwirtschaftsmuseum. Wer das nicht wahrhaben will, wird eines Tages mit Kopfweh erwachen, und sich fragen, was er mit seinem sich dem Ende zuneigenden Berufsleben angefangen hat. Antworten finden wird er allerdings nicht.*

(* dies ist eine Zusammenfassung eines Artikels, dessen Veröffentlichung das Wissenschaftliche Journal im Oktober 2014 abgelehnt hat, weil der Umschlag nicht genügend frankiert war)

No problem!

29. Oktober 2017

(ein Fall von verpasster Kunst)

Schmiede sind gemäss Wikipedia Personen, die mittels Hammerschlägen ein Erz oder Metall ausdehnen oder bearbeiten – eine Personenbeschreibung, die nicht nur dem Erz Eindruck macht. Metall ausdehnen…

Der Schmied stellte im Mittelalter Waffen, Werkzeuge und Geräte aus Eisen, Bronze und anderen Metallen her, sagt ein Eintrag auf einer anderen Website, und schliesst mit der Bemerkung, Schmiede seien damals sehr geschätzt worden. Der Schmied habe als unverzichtbarer Beruf gegolten. Was man damals wahrscheinlich über Modedesigner oder Werbeassistenten weniger sagen konnte.

Schmiede waren aber oft auch raue Gesellen, denen der Hammer locker hing. Wenn jemand Streit wollte, war er gut beraten, diesen mit der Zunft der Zuckerbäcker zu suchen, und nicht mit der Zunft der Schmiede.

Aber ich will hier keinen Vortrag über das Mittelalter, Feilenhauer, Windenschmiede und Grobschmiede halten. Es geht um eine verpasste Gelegenheit anlässlich einer Begegnung mit einem Schmied in der Türkei. Ich muss dieses Eisen meiner Erinnerung schmieden, solange ich es noch vor mir sehe. Bald wird es von Mehlspeisen und rauschenden Bällen überdeckt sein.

Auf einer unserer letzten Reisen in der Türkei waren wir wieder einmal nach Safranbolu gelangt. Safranbolu ist ein kleiner Ort an der Strecke, wenn man von Ankara direkt ans Schwarze Meer fährt. Eigentlich ist diese Beschreibung so unnötig wie schlecht.
Das einzige Mal, an dem wir (nach einer Übernachtung in Safranbolu) von da aus ans Schwarze Meer weiterfuhren, hat es uns dort überhaupt nicht gefallen.

Also noch einmal von vorne: Safranbolu ist eine kleine Stadt nördlich von Ankara, die zum UNESCO Weltkulturerbe gehört und wo es nebst einer schönen Altstadt mit Häusern im osmanischen Stil den besten Lokum der ganzen Türkei gibt – köstlichen Lokum mit Safrangeschmack. Weiterfahren lohnt sich nicht. Vor allem nicht gegen Norden.

Safranbolu dürfte nach Kappadokien der Ort in der Türkei sein, an den wir am meisten gereist sind. Ein paar Wochen vor dem Besuch, von dem ich hier erzähle, hatten wir hier drei alte, halb zerfallene Heiratstruhen gekauft. In solchen Truhen nahmen die türkischen Bräute ihre Mitgift, also den ganzen Haushalt mit in die Ehe. Heute heiraten in der Türkei jedes Jahr über 600‘000 Paare. Wenn die Brauttruhen noch in Mode wären, wären ihre Hersteller ein gewichtiger Pfeiler des Gewerbes.

Man kann diese alten Holztruhen auf dem Land fast umsonst kaufen. Sie sind meist in sehr schlechtem Zustand, mit verrosteten Beschlägen, beschädigt und zum Teil angefault, aber ein geschickter Schreiner – und wir hatten das Glück, einen besonders begabten zu kennen – macht aus ihnen im Handumdrehen Prunkstücke. Wir hatten am Ende ganze acht davon, obwohl meine Frau und ich zusammengezählt lediglich drei Töchter haben, von denen eine schon verheiratet ist.

Diesmal waren wir nicht auf der Suche nach Heiratstruhen. Wir schlenderten Lokum essend dahin, als wir in einer Seitengasse eine Reihe von Kleinschmieden fanden, die verschiedene Dinge feil boten. Haushaltgegenstände, Spitzhacken, Glocken, Helme und vieles mehr.

Am Ende der Gasse sah ich, als ich aus einem kleinen Schuppen mit Pfannen ins Freie getreten war, an einer Hauswand angelehnt eine völlig verrostete, gerahmte Eisenplatte von etwa einem Meter auf 80 Zentimeter. Sie sprang mir sofort ins Auge mit ihrem wunderbaren Rostrot und ihren Strukturen die aussahen wie ein modernes Gemälde. Man könnte das Ding aufhängen und es wäre sofort ein Kunstwerk, dachte ich.

Ich fragte den Schmied, der mir ins Freie gefolgt war, was er für die Platte haben wolle. 100 Türkische Lira, antwortete er, ohne lange zu überlegen. Das sind umgerechnet etwa dreissig Franken. Mein Gewinn wäre also, wenn ich das Kunstwerk in ein paar Jahren bei der ersten Gesamtschau meines Werks für sagen wir 10‘000 Dollar verkaufen würde, immens. Ich könnte zurückkommen und die Schmiede kaufen. Oder 20 Tonnen Safran-Lokum.

Ich zögerte trotzdem, denn würde ich wirklich aus der verrosteten Platte durch reines Aufhängen ein Kunstwerk herstellen oder würde sie leidglich in meinem trockenen Keller in Ankara eine Rostpause einlegen, in vier Monaten den Umzug nach Wien mitmachen, nur um dort vier weitere Jahre in einem anderen Keller zu stehen, bevor ich sie vor dem Umzug in die Schweiz, wo es verboten ist, verrostete Platten im Keller aufzubewahren, von einem Schrotthändler kostenpflichtig entsorgen lassen müsste?

Der Schmied sah mir meine Unentschlossenheit an und begriff sofort, dass er mich überzeugen musste, und zwar schnell, denn es regnete ganz leicht und es war absehbar, dass ich nicht mehr lange in seinem Vorhof verweilen würde. Er griff sich also die Eisenplatte, warf sie vor sich in den Dreck und sprang drauf. „No problem!“ rief er mir zu, sprang in die Höhe, landete krachend auf meinem Kunstwerk und rief noch einmal laut „No problem!“.

Es war ein schlimmer Moment. Für mich, für die Kunst. Wahrscheinlich weniger für die Eisenplatte, denn sie war, obwohl dünn, tatsächlich sehr robust und es schien ihr nichts auszumachen, dass ein erwachsener Schmied auf ihr herumtrampelte. Aber das genügte ihm noch nicht. Der Mann nahm in seinem Verkaufseifer meine Hand und zog mich mit dem kräftigen Griff des Schmieds auch noch auf die Eisenplatte. „No problem!“

Was soll ich sagen. Ich habe die Platte am Ende nicht gekauft. Und ich meinte, mich damit für einmal klug zu verhalten, indem ich etwas nicht aufhob (von Kaufen kann man ja bei diesem Preis nicht sprechen), was dann doch nur an einem anderen Ort rumliegen würde. Und natürlich würde die Platte nun mit all den anderen noch nicht ausgepackten Bildern irgendwo im Labyrinth der neuen Residenz stehen, in die ich vor ein paar Wochen in Wien eingezogen bin. Und natürlich ist es äusserst ungewiss, ob ich sie je ausgepackt und durch blosses Aufhängen in ein Kunstwerk verwandelt hätte. Trotzdem war es ein Fehler, den ich bereue. Es ist verpasste Kunst.

Nächstes Mal, nehme ich mir vor, nehme ich so etwas mit. Mag es noch so rostig sein. Mag die Möglichkeit, sich an den rostigen Ecken und Kanten zu verletzen, noch so gross sein. Ich bin sicher, dass die Platte noch dort ist, wo ich sie nicht erworben habe. Ausser der Schmied hat sie entsorgt, weil ihm bewusstgeworden ist, dass ich seine absolut einmalige Chance war, aus einem rostigen Blech wenigstens ein bisschen Geld zu machen.

Wenn ich wieder einmal in Safranbolu bin, werde ich hingehen und nachschauen. Und wenn die Platte noch da ist, werde ich sie kaufen, auch wenn sich der Preis unterdessen verdoppelt haben sollte. Die Ausfuhr in die Schweiz oder nach Österreich wird dann natürlich nicht mehr so leicht sein, wie es als Teil meines Umzugsgutes gewesen wäre.

Es werden Formalitäten zu erledigen sein. Zollbestimmungen für die Einfuhr von Schrott werden zu studieren und erfüllen sein. Und wenn der Zöllner dann bei der Einfuhr überraschenderweise darauf bestehen sollte, dass es sich um Kunst handelt, nicht um Schrott (woran sieht er das bloss?), werde ich ihm das Gegenteil beweisen. Ich werde mit beiden Füssen auf die Platte springen und ihm zurufen: Kein Problem! Sehen Sie? Kein Problem!