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Die blaue Schale

2. Juni 2026

Ludovico war schon fast ein halbes Jahr zu Fuss unterwegs, als er an einem sonnigen Junimorgen einem Fluss entlangging. Er hatte sein Zimmer am Vorabend zusammen mit dem Abendessen bezahlt, seinen Zimmerschlüssel auf die Theke gelegt und die Herberge am Fluss in den frühen Morgenstunden verlassen.

Mittlerweile war es neun Uhr. Die Vögel sangen, ein leichter Wind spielte mit den Mohnblumen am Wegrand und die Sonne hatte damit begonnen, das auf den Feldern auf der anderen Seite des Flusses ausgebreitete Heu zu trocknen, während sein Weg noch im Schatten der Bäume lag, die das Ufer säumten. Ludovico war zufrieden. Schon seit Längerem – waren es Wochen? Monate? – erfüllte ihn nun diese tiefe Zufriedenheit, die ihm früher fremd gewesen war.

Als er seine Heimatstadt im Norden Italiens vor einem halben Jahr verlassen hatte, war er mit allem unzufrieden, am meisten mit sich selbst, ohne dass es dafür einen ersichtlichen Grund gegeben hätte. Er arbeitete im Geschäft seines Vaters, einer kleinen Manufaktur mit vier Angestellten am Ende der Via del Pietro; er hatte eine Handvoll guter Freunde aus seiner Schulzeit, mit denen er nach der Arbeit und an den Wochenenden viel Zeit verbrachte, und er war verlobt mit Antonella, einer Frau, die nicht nur klug war, sondern auch humorvoll und schön.

Ihre Heirat war zwischen den beiden Familien für den folgenden Herbst abgemacht. Sein Vater hatte ihm im Hinblick auf das frohe Ereignis, wie er es nannte, einen Erbvorbezug gewährt, damit er sich ein Häuschen unweit von dem seiner Eltern kaufen könne, und in ein paar Jahren, wenn sein Vater sich zur Ruhe setzen würde, würde er, Ludovico Sertullo, mit seiner Antonella Kinder haben und die Manufaktur in der Via del Pietro übernehmen.

Eines Morgens im Dezember, sein Vater war bereits im Geschäft und seine Mutter war einkaufen gegangen, packte Ludovico, der unter dem Vorwand, er müsse wegen der Anzahlung für das Haus zur Bank, zurückgeblieben war,  ein paar Kleider in seinen Rucksack, zog sein bestes Paar Schuhe und eine warme Jacke an, legte den Brief, den er am Vorabend geschrieben hatte, in einem Umschlag in die Mitte des Küchentischs, beschwerte ihn mit der kleinen blauen Schale, aus der er jeden Morgen sein Frühstück ass, und verliess das Haus, in dem er aufgewachsen war, ohne einen Schlüssel mitzunehmen.

Als seine Mutter anderthalb Stunden später nachhause kam, die Einkäufe auf den Küchentisch stellte und den Brief entdeckte, hatte Ludovico, der gut zu Fuss war, bereits die Aussenbezirke der Kleinstadt erreicht. Seine Mutter öffnete den Umschlag und las den Brief. Beim Lesen entfuhr ihr ein entsetztes Dio mio!, dann liess sie alle ihre Einkäufe auf dem Küchentisch stehen, verliess das Haus und ging hastigen Schrittes in Richtung Via del Pietro.

Als sie völlig ausser Atem und mit einem gequälten Gesichtsausdruck vor ihrem Mann stand und ihm den Briefumschlag entgegenstreckte, ahnte dieser Schlimmes. Waren es schlechte Nachrichten seines Arztes, die dieser vom Labor erhalten hatte und sich nicht traute, sie ihm von Angesicht zu Angesicht mitzuteilen? War es eine Nachricht vom Pflegeheim in den Abruzzen, in der ihm das Ableben seiner betagten Mutter mitgeteilt wurde?

«Was ist passiert?» fragte er seine Frau, die sich schwer atmend hinter seinem Schreibtisch auf den bequemen Sessel mit dem Lederpolster gesetzt hatte, aus dem er sich erhoben hatte, als sie in sein Büro gestürmt war.  Aber sie konnte nicht sprechen, zeigte nur auf den Briefumschlag.

Benito Sertullo entnahm den Brief dem geöffneten Umschlag und entfaltete ihn. Es war ein einziges Blatt Papier, beschrieben mit lediglich zwei Zeilen, die nicht einmal vollgeschrieben waren. Wieviel Schlechtes liess sich in zwei Zeilen mitteilen? Er wendete das Blatt, um nachzuschauen, ob es auf der Rückseite auch beschrieben war, aber die Rückseite war leer und er kehrte zur beschriebenen Seite zurück, auf die in der Handschrift seines Sohnes, die er sofort erkannt hatte, eine Nachricht geschrieben war, die aus drei kurzen Sätzen bestand: Gehe auf eine Pilgerreise. Bin in einem Jahr zurück. Und darunter: Danke für alles. Unterzeichnet: Ludovico.

 «Ist er jetzt verrückt geworden?» sagte Benito, dem man ansah, wie die Wut in ihm aufstieg, zu seiner Frau, die zu weinen begonnen hatte und wie ein Häufchen Elend in seinem Sessel versank. «Was glaubt er denn? Er könne einfach so weggehen, dieser verwöhnte Narr?» Das Weinen seiner Frau war in ein lautes Schluchzen übergegangen. Benito gab ihr sein Taschentuch. Dann schaute er wieder auf den Brief. «Danke für alles!» rief er wutentbrannt, «Danke für alles, Gott verflucht!» und seine Faust fuhr krachend auf seinen Schreibtisch nieder.

«Fluch nicht, Benito», sagte Giulia, und bekreuzigte sich. Aber Benito fuhr, jetzt völlig ausser sich vor Wut, fort: «Wenn er glaubt, dieser undankbare Lump, wir warten auf ihn und alles ist noch so, wie er es verlassen hat, wenn es ihm gefällt, zurückzukommen, dann hat er sich getäuscht. Nichts wird…»

«Er wird nicht zurückkommen», unterbrach ihn Ludovicos Mutter, nachdem sie sich die Tränen getrocknet und die Nase geschnäuzt hatte.

«Wie… nicht zurückkommen?» fragte ihr Mann. «Er schreibt doch, er sei in einem Jahr zurück…»

«Lies doch!», entgegnete Giulia Sertullo, «Eine Pilgerreise, schreibt er. Eine Pilgerreise! Als ob unser Sohn sich je etwas aus Gott und den Heiligen gemacht hätte. Er geht ja nicht einmal zur Kirche.»

«Nicht jeder, der eine Pilgerreise macht, glaubt an Gott,» sagte Benito, der sich wieder gefasst hatte, «und Gott glaubt nicht an jeden, der eine Pilgerreise macht. Er weiss genau, dass nicht alle Pilger fromm sind. Dass einige von ihnen nur flüchten. Dass sie sich aus dem Staub machen wollen. Und gegen eine Pilgerreise kann niemand etwas einwenden.»

Aber Giulia hatte ihm gar nicht zugehört.  Wenn sie ihm zugehört hätte, hätte sie vielleicht gefragt: Warum sollte er sich aus dem Staub machen? Vor wem soll er denn fliehen, unser Ludovico? Vor uns etwa? Oder gar vor Antonella?

Stattdessen fuhr sie fort, wo sie von Benito unterbrochen worden war, indem sie sagte: «Ludovico macht keine Pilgerreise, glaub mir, Benito. Und er kommt auch nicht in einem Jahr zurück. Unser Sohn ist fortgegangen. Wir habe ihn verloren.» Und mit diesen Worten fing sie wieder zu weinen an.

Benito starrte auf den Brief in seinen grossen Händen. Als das, was Giulia gerade gesagt hatte, in seinem Bewusstsein angekommen war, zerknitterte er ihn und warf ihn in eine Ecke seines Büros. Ludovicos Mutter erhob sich, ging in die Ecke und hob den zerknüllten Brief auf. Sie faltete ihn auf, strich ihn auf dem Bürotisch ihres Mannes flach und steckte ihn in den Umschlag, den Benito fallen gelassen hatte.

«Und von Dankbarkeit keine Spur», sagte sie, während sie den Umschlag in ihre Rocktasche steckte, «Sonst wäre er geblieben. Das Einzige, was in diesem Brief nicht gelogen ist, ist seine Unterschrift.» Dann verliess sie das Büro ihres Mannes und ging nachhause.

Benito ging an diesem Tag still seiner Arbeit nach, aber weil er auch sonst nicht viel sprach, fiel keinem seiner Arbeiter auf, dass er von grosser Sorge geplagt war. Seine Gedanken schweiften immer wieder zu seinem Sohn ab, den er, wenn sich seine Frau nicht täuschte, heute früh verloren hatte. Als er am Abend nachhause kam, sah er auf dem Küchentisch den Umschlag, beschwert mit einer blauen Schale, und die Wut stieg wieder in ihm hoch.

Er schrie «Ich will diesen Brief nicht mehr sehen!» und riss den Umschlag mit einer so heftigen Bewegung unter der Schale weg, dass diese umkippte und auf ihrem Rand über den Tisch rollte, bis sie zu Boden fiel und zerbarst.

***

Ludovico spürte ein Krabbeln in seinem Nacken. Reflexartig schlug er sich mit der flachen linken Hand auf den Nacken und als er sie vor sein Gesicht hielt, sah er, dass es ein Marienkäfer war, und es tat ihm sogleich leid, dass er nicht vorsichtiger gewesen war mit seiner Hand, dass er das kleine Geschöpf nicht einfach mit leichter Geste von seinem Nacken gewischt hatte. Ludovico hoffte, dass er den kleinen Glückskäfer nicht umgebracht hatte, aber dieser regte sich nach einer letzten Zuckung eines Flügels nicht mehr. Traurig legte ihn Ludovico auf ein von einem Hund abgenagtes Stück Holz, das am Wegrand lag, und ging dann gesenkten Hauptes weiter, nur um hundert Meter weiter wie angewurzelt stehen zu bleiben.  

Er stand da und schaute einem sich langsam von ihm entfernenden Bauern nach, der auf dem Bock eines Heuwenders sass, der von zwei Pferden gezogen wurde. In gemächlichem Trott zog das Pferdegespann das Gefährt über das Feld und hinter dem aufrecht auf dem Bock sitzenden Bauern wendeten die sich drehenden Arme des Heuwenders das Heu, damit es auch auf der unteren Seite, die nun oben war, von der Sonne getrocknet werden könne. Als der Bauer sein Gefährt beim Feldweg am Ende der Wiese wendete und sich nun auf ihn zubewegte, drehte sich Ludovico um und ging in die Richtung, aus der er gekommen war.

Als er an die Stelle gelangte, an der er den toten Marienkäfer zurückgelassen hatte, bückte er sich, aber der Käfer lag nicht mehr auf dem abgenagten Stück Holz. Vielleicht ist er runtergefallen, dachte Ludovico, ein Windstoss hat ihn ins Gras getragen. Er hob das Stück Holz sorgfältig auf, um darunter nachzuschauen, aber der Käfer war verschwunden, auch im umliegenden Gras keine Spur von ihm. Konnte es sein, dass ihn ein Vogel aufgepickt hatte? Oder die Ameisen hatten seinen gewichtslosen Körper weggetragen?  Das schien ihm unwahrscheinlich in dieser kurzen Zeit. Hatte er vielleicht doch überlebt? Ein Hauch von Fröhlichkeit huschte bei diesem Gedanken über sein Gesicht.

Ludovico erhob sich, drehte sich um und ging wieder seines alten Weges. Der Bauer, der unterdessen auf seiner Höhe angelangt war, wunderte sich ob der Unentschlossenheit des Wanderers, der nicht zu wissen schien, in welche Richtung er gehen wollte. Sein Erstaunen wuchs noch mehr, als er, nachdem er sein Gefährt wieder gewendet hatte, Ludovico tatsächlich wieder auf sich zukommen sah. Der arme Mann musste völlig verwirrt sein. Ob er trotz dem Schatten, in dem er sich bewegte, einen Sonnenstich erlitten hatte? 

Ludovico wusste nicht warum, aber er kam nicht mehr vorwärts. Er hatte es zweimal versucht, aber er kam nicht über den Punkt hinaus, an dem der Bauer sein Gefährt gewendet hatte. Es ging einfach nicht. Seine Füsse versagten ihm den Dienst und ihm wurde klar, dass seine Pilgerreise zu Ende war. Ihm blieb nichts anderes übrig, als den Heimweg anzutreten.

Als er erneut an der Stelle vorbeikam, an der der Marienkäfer verschwunden war, spürte er wieder ein Krabbeln im Nacken. Er blieb stehen. Nach ein paar Sekunden hörte das Krabbeln auf und Ludovico ging weiter. Was immer es war, es war weggeflogen.

Dass sich etwas verändert hatte, merkte Ludovico daran, dass seine bedürfnislose Zufriedenheit verflogen war, seit er den Heimweg angetreten hatte, und sich sein Kopf wieder mit Gedanken zu füllen begann, einige nur kurz und flüchtig, andere wie eine Abfolge von Bildern, die sich aus seiner Vergangenheit über die Landschaft legten, die er vor sich sah. In einem noch nicht abgemähten Kornfeld sah er ein Kind, dass einen Federball in die Luft warf und ihn mit seinem Schläger ins Korn schlug. Dann ging es ihn suchen und sobald es ihn fand, warf es ihn wieder in die Luft und schlug ihn in die Richtung, aus der er zuvor geflogen kam. Etwas später sah er seinen Onkel am gegenüberliegen Ufer sitzen, mit einem Picknickkorb neben sich und einer Fischerrute in der Hand. Winkte er ihm?

Als die Schatten der gegenüberliegenden Hügel schon fast bis zur Mitte des schmalen Tals reichten und ihren Mantel schon bald über den Fluss legen würden, erreichte Ludovico die Herberge, von der er am frühen Morgen zu seiner heutigen Etappe aufgebrochen war.  Es kam ihm vor, als sei er weit mehr als nur einen Tag unterwegs gewesen.  

Der Gastwirt, ein grobschlächtiger Mann, stand hinter der Theke und wischte sich seine Hände an seiner fleckigen Schürze ab.  

«Guten Abend wohl», sagte Ludovico. «Hier bin ich wieder. Ich brauche noch einmal ein Zimmer für die Nacht, wenn möglich das gleiche.» Der Wirt schaute ihn missmutig an. Er schien ihn nicht zu erkennen. «Alle Zimmer sind gleich», sagte er, und legte ihm einen Schlüssel auf die Theke.  

«Wenn das Zimmer über dem Ziegenstall, in dem ich letzte Nacht schlief, noch frei ist, wäre mir das angenehm», versuchte es Ludovico noch einmal. Das Zimmer, das er meinte, war eine fensterlose Kammer, aber Ludovicos Geld ging zur Neige, und die Kammer war günstig. Doch der Wirt sagte nur: «Die Treppe hoch, zweite Tür links.»  

«Gibt es noch Abendbrot?» fragte Ludovico, und der Wirt machte mit dem Kopf eine Bewegung hin zu den zwei langen Holztischen. Ludovico setzte sich an den zweiten, weiter von der Theke entfernten Tisch. Es dauerte eine ganze Weile, bis die Frau des Wirts aus der Küche kam und ihn fragte, was er wolle.

«Ist noch etwas vom köstlichen Schmorbraten da, den ich gestern genossen habe?» fragte Ludovico.

«Schmorbraten?» fragte die Wirtin, und kratzte sich hinter dem Ohr. «Schmorbraten mache ich nur im Winter. Es gibt Kartoffeln und Würste.»

«Dann nehme ich Kartoffeln und Würste» sagte Ludovico. «Und zum Trinken?»

«Ein Viertel Roten und einen Krug Wasser, bitte.» sagte Ludovico, der sich Mühe gab, für beide höflich zu sein.

Die Wirtin ging zur Theke und sprach kurz mit ihrem Mann, dann verschwand sie in der Küche.

Wenig später brachte der Wirt ein Viertel Rotwein, ein dreckiges Glas und eine Karaffe mit Wasser. Während er auf das Essen wartete und vom Roten trank (das Wasser schmeckte, als stamme es direkt aus dem Fluss), wunderte sich Ludovico, warum die Wirtin den Schmorbraten abstritt, und er dachte darüber nach, wie er hierhergekommen war, und ob es sein konnte, dass er zum zweiten Mal in einer Herberge übernachten würde, in der man vorgab, sich nicht an das erste Mal zu erinnern.

Es dauerte lange, bis sein Essen vor ihm auf dem Tisch stand, und bis es so weit war, gingen ihm Stationen einer langen Reise durch den Kopf, deren Beginn sich im Nebel seiner Erinnerungen verloren hatte. Er wusste noch, wo er herkam, aber nicht mehr, warum er aufgebrochen war.  Und es war ihm unmöglich, zu sagen, ob er bei seinem Aufbruch ein Ziel gehabt hatte.    

In den ersten Wochen seiner Reise hatte er auf den langen Fussmärschen viel nachgedacht. Oft war Antonella der Mittelpunkt seiner Gedanken gewesen, und jedes Mal, wenn er an sie dachte, schien sie schöner zu sein als beim letzten Mal. Manchmal hatte er auch an ihre zukünftigen Kinder gedacht, wie sie im Garten herumrannten oder im Haus, für das sein Vater mit dem Besitzer, der in Rom lebte, für ihn einen guten Preis ausgehandelt hatte. Die Kinder waren laut und immer in Bewegung und Ludovico hätte nicht sagen können, ob es drei oder vier waren. Hätte er Antonella sagen müssen, dass er vor ihrer Hochzeit noch auf eine Reise geht? Würde sie ihm verzeihen, wenn er zu ihr zurückkehrte?

Mit fortschreitender Dauer seiner Reise hatte er immer seltener und schliesslich gar nicht mehr an Antonella gedacht, als hätte ihre Schönheit ihren Zenit erreicht und müsste nun, in einem Medaillon in seinem Herzen weggeschlossen, vor Blicken geschützt und bewahrt werden. Die Kinder waren mit jeder Woche, in der er sich weiter von zuhause entfernt hatte, ruhiger und leiser geworden. Sie hatten sich vom Garten ins Haus zurückgezogen, und im April waren sie zuerst aus dem Haus und dann aus seinen Gedanken verschwunden.

Auch sein zukünftiges Haus hatte Ludovico nicht mehr gesehen, seit die Tage wieder länger geworden waren. Er hatte keinerlei Vorstellung mehr von seiner Zukunft, und da irgendwann auch keine Erinnerungen mehr auftauchten, hatte er einen Zustand erreicht, in dem er überhaupt nichts mehr dachte. Er war nur noch durch die Natur gewandert und hatte die Landschaft in der Ferne betrachtet, die keinerlei Bedrohung für ihn enthielt, sowie die Bäume, Büsche und Blumen und die vereinzelten Tiere in seiner Nähe, und er hatte beobachtet, wie der Wind die Wolken am Himmel über ihn hinweg trieb, und war dabei zufrieden geworden.

Dann brachte die Wirtin einen Teller mit zwei kleinen Würsten und weichgekochten Kartoffeln und stellte ihn wortlos vor ihm auf den Tisch 

***

Auf seiner langen Reise zurück wurde es Sommer, dann Herbst und schliesslich Winter, und als Ludovico endlich die Ortstafel seiner Heimatstadt am Strassenrand sah, war es bitterkalt. Schon seit zwei Wochen hatte er kein Geld mehr und alles, was ihm noch zum Essen blieb, war ein trockener Laib Brot, von dem er sich jeden Tag ein Stück abbrach und mit Brunnenwasser aufgeweicht ass.  

Als er morgens um vier Uhr erschöpft, frierend und halb verhungert vor seinem Haus stand, kam ihm in den Sinn, dass er es vor langer Zeit ohne Schlüssel verlassen hatte. Aber er erinnerte sich auch, dass unter dem Blumentopf rechts neben der Haustüre ein Schlüssel hinterlegt war, damit der Milchmann die Milchflaschen in den Flur stellen konnte. Leise öffnete er die Tür und schlich durch den Flur, in dem nachts – seine Mutter wollte es so – immer ein Licht brannte, stets darauf achtend, nirgends anzustossen. Im schalen Lichtkegel, der vom Flur in die Küche drang, sah er auf dem Küchentisch einen Umschlag. Er nahm ihn mit in sein Zimmer, legte sich ins Bett und schlief sofort ein.  

***

Als Ludovico erwacht und in die Küche kommt, sitzen seine Mutter und sein Vater beim Frühstück. Er will seine blaue Frühstücksschale aus dem Küchenschrank nehmen, aber er kann sie nirgends sehen.  

«Wo ist meine blaue Schale?» fragt er seine Mutter, und sie antwortet, wobei sie, wie ihm scheint, seinem Vater einen verstohlenen Blick zuwirft: «Sie ist mir gestern beim Abwaschen zu Boden gefallen. Du musst Dir eine andere nehmen.» 

Nach einer Weile sagt sein Vater zu ihm: «Wir müssen los, Ludovico» und er antwortet: «Ich komme heute später ins Geschäft. Ich muss zur Bank wegen der Anzahlung für das Haus.»

Wenig später verlassen sein Vater und seine Mutter, die nach dem Frühstück immer einkaufen geht, gemeinsam das Haus. Ludovico bleibt noch einen Moment am Küchentisch sitzen. Sonderbar, denkt er.  Er kann sich nicht daran erinnern, dass seine Mutter je Geschirr zerschlagen hätte. Dann verlässt auch er das Haus und geht zur Bank, wobei er nicht den direkten Weg wählt, sondern einen kleinen Umweg über die Via Aldo Zeppone nimmt, um nicht vor der Bank zu stehen, bevor sie um 9 Uhr ihre Pforten öffnet.

Trotz des Umwegs ist es, als Ludovico die Treppe von der Piazza zur Bank hoch geht, noch nicht neun Uhr. Alles ist genauso, wie ich es verlassen habe, denkt er, während er sein Spiegelbild in der Glastüre betrachtet. Dann geht langsam der dunkelgraue Rollladen hinter der Glastüre hoch, und während sein Spiegelbild von unten nach oben eingeholt wird, denkt Ludovico: Heute Abend gehe ich zu Antonella.  

Er sieht durch die Glastüre, wie Dottore Razotti mit einem Schlüsselbund in der Hand das Schloss der Glastüre öffnet. Der kleine, rundliche Filialleiter ist ein alter Freund seines Vaters. Seltsam, denkt Ludovico, während er in Razottis gutmütiges Gesicht schaut und dessen stets etwas feuchte Hand schüttelt, dass vom ganzen Geschirr ausgerechnet meine blaue Schale zu Bruch gehen musste. 

Zeno und die Drachentöter

23. Mai 2026

Zeno war am Ende des Buches angelangt. Er blätterte die letzte Seite um. Sie war nur noch zur Hälfte beschrieben. Der untere Teil der Seite war leer. Es war eine andere Leere als die nach dem Ende eines Kapitels. Es war eine Leere, die das Ende der Geschichte ankündigte, noch bevor man die letzten Zeilen las. Das sind die letzten Sätze, sagte die Leere, es geht hier nicht weiter. Geniesse sie. Umblättern wird nicht mehr helfen. Siehst Du denn nicht, dass schon diese letzte Seite keine Seitenzahl mehr trägt? Was wäre Deiner Meinung nach die Seitenzahl einer nächsten Seite? Eins etwa, und alles finge wieder von vorne an? Möchtest Du noch einmal von vorne anfangen, Zeno?

Wie schade, dachte Zeno, als er die Leere erblickte. Es war ein gutes Buch, in dem er gerne las. Er hatte schon länger gewusst, schon seit er über die Mitte hinaus war, dass das Buch zu Ende gehen würde. Und er wusste aus Erfahrung, dass die zweite Hälfte des Buches schneller vorüber sein würde als die erste. Nicht weil er nach der Hälfte schneller las, es ging nicht bergab, seine Lesebrille war kein Fahrrad, aber je dünner der noch zu lesende Teil wurde, umso schneller, so schien es ihm, blätterte er die Seiten um, und gegen Ende war es, als schlügen sich die Seiten wie von selbst auf, als wollten sie so schnell wie möglich gelesen werden und zum dick gewordenen Teil des Buches hinüberwechseln, aus Angst, nicht dabei zu sein, wenn das Buch geschlossen  wird. Sie flüchteten aus ihrer kurzen Gegenwart in die Vergangenheit, weil sie nur dort als Teil von etwas Grösserem bleiben konnten.

Dass die letzte Seite eines Buches keine Seitenzahl mehr trug, war verständlich, dachte Zeno. Man wusste, ja, dass man auf der letzten Seite angelangt war. Wenn man den Schlusssatz eines Buches zitieren wollte (Er konnte leider nicht schwimmen) brauchte man dafür keine Seitenzahl. Man sagte einfach: Auf der letzten Seite von Fabian. Das fand jeder. Wie wenn man am Anfang einer Sackgasse steht und von einem Fremden, der annimmt, man sei hier ansässig, gefragt wird, wo jemand wohnt, den man kennt, und man antwortet, ohne zu zögern: Das letzte Haus in der Strasse. Man sagt nicht die Hausnummer, kennt sie nicht einmal. Hat sein Haus überhaupt eine Hausnummer?

Mag sein, dass später einmal, falls Platz dafür vorhanden ist, noch ein weiteres Haus am Ende der Sackgasse gebaut wird, aber dann wird es ein anderer Fremder sein, der nach einem anderen Anwohner fragt, der in einem anderen Haus wohnt, und eine andere Person, die Auskunft gibt, wenn sie kann. Ich muss den Weg dann nicht mehr beschreiben, dachte Zeno.

Ich kenne die Leute gar nicht, die dann im letzten Haus wohnen werden. Wenn mich trotzdem jemand fragen würde, weil ich zufällig vorbeispaziert und am Anfang der Sackgasse stehengeblieben bin, und weil ich, obwohl ich längst weggezogen bin, mit meinen beiden Hunden noch immer aussehe, als sei ich von hier, würde ich erklären, dass das zweitletzte Haus früher das letzte Haus war, dessen Bewohner ich gekannt hatte, während mir die junge Familie, deren Kinder jetzt im Garten spielen, nicht bekannt ist. Zu wem wollen Sie?

Im Übrigen hat das letzte Haus, als es zum zweitletzten wurde, eine Hausnummer erhalten. Dass ich das noch erlebe, hat es gedacht, als die Nummer angeschraubt wurde, und die Fensterläden geschlossen, mitten am Tag, damit man nicht sehen konnte, wie gerührt es war.

Auch Zeno hatte am Morgen die Jalousien in seiner Wohnung heruntergelassen. Gemäss Wettervorhersage würde es im Lauf des Tages bis dreissig Grad warm werden. Er war früh aufgestanden, hatte alle Fenster weit aufgerissen, die Hunde angeleint und war mit ihnen noch vor dem Frühstück auf den langen Spaziergang gegangen, den er sonst jeweils um die Mittagszeit machte, aber dann würde es bereits zu heiss sein.

Als er zurückkam, las er auf dem Balkon eine am Vortag begonnene Geschichte zu Ende. Es war eine sehr traurige Geschichte, in der Anfang des 20. Jahrhunderts in einem abgelegenen Tal unter sengender Sonne ein kleiner Drache samt seiner beiden Drachenkinder getötet wird. Die Dorfbewohner sehen der grausamen Jagdpartie stumm und reglos von den Höhen des Kraters zu, in dem sich das Drama wie in einer Arena abspielt, und können es nicht aufhalten.

Die einzige Frau in der Jagdpartie ist die schöne Gattin des Gouverneurs, deren Liebe zu ihrem verweichlichten Mann, falls sie ihn je geliebt hatte, längst erloschen ist und die ein Auge auf den jüngeren Grafen geworfen hat, der die Jagdpartie anführt. Als Zeno die so beschriebene Ausgangslage las, musste er unweigerlich an The Short Happy Life of Francis Macomber denken, die Geschichte von Hemingway, in der eine ihren Mann verachtende Frau diesen auf der Jagd vom Leiter der Safary erschiessen lässt, ausgerechnet im Moment, als dieser durch die Begegnung mit einem Löwen befähigt wird, seiner Stumpfheit zu entrinnen und glücklich zu werden.  

Würde auf der Jagd nach dem Drachen etwas Ähnliches passieren? Je länger die Geschichte dauerte, umso klarer wurde Zeno, dass nichts dergleichen geschehen würde.  Stattdessen zog sich die grausame Tötung des Drachens und seiner zwei Kinder in fast unerträgliche Länge und der einzige, angesichts der Qualen, die der Drache erleiden musste, geringe Trost, war am Ende der Geschichte ein Rauch, der aus den Flanken des sterbenden Drachens entwich, und den Grafen, der die Jagdpartie angeführt hatte, irgendwann nach dem Ende der Geschichte umbringen würde.  

Danach schloss Zeno die Balkontüre und sämtliche Fenster, liess in der ganzen Wohnung die Jalousien runter und gab seinen beiden Hunden frisches Wasser.  Hier seid ihr sicher, sagte er zu ihnen.  Hier wird euch nichts passieren.   

Grubenmanns letzter Patient

19. Mai 2026

«Was ist Dein grösstes Problem?», fragte Dr. Grubenmann.

«Mein grösstes Problem?», fragte Hübner. Die Frage überraschte ihn. War das eine Frage, die ein Therapeut seinem neuen Patienten stellen durfte? Unterstellte er ihm mit dieser Frage nicht bereits, dass er gar keine richtigen Probleme habe?  

«Weiss ich nicht, da muss ich nachdenken.»

«Ganz spontan…», sagte Grubenmann.

Hübner war versucht zu sagen: Da muss ich ganz spontan nachdenken, aber Grubenmann hatte schon früher keinen Humor gehabt, also liess er es sein.

Eigentlich hätte er sagen müssen: Die Texterkennungssoftware, die ich neulich gekauft habe, funktioniert nicht richtig. Und der Bot, mit dem man es bei der Help-Funktion zu tun bekommt, will nach jeder Frage die E-Mail-Adresse und das Kaufdatum noch einmal wissen. 

Das war zwar nicht sein grösstes Problem, wenn es ein solches überhaupt gab, aber das, was ihn momentan am meisten ärgerte. Aber konnte man so etwas einem Psychiater sagen? Es gab Menschen, die hatten Probleme mit dem Betriebssystem. Er musste etwas anderes finden, was sein grösstes Problem sein könnte.

«Nun…?», fragte Dr. Grubenmann, «…fällt Dir nichts ein?»

Warum sitzen die Therapeuten immer mit dem Rücken zum Fenster, damit man ihr Gesicht nicht richtig sehen kann? dachte Hübner. Schon Carell in Washington D.C., der aus Genf stammte und an beiden Orten eine Praxis hatte, hatte das so gehalten. Wurde ihnen das in der Schweiz in der Ausbildung beigebracht? Damit die Patienten nicht sehen können, wie sie während dem Zuhören die Augen verdrehen? Hörten sie überhaupt zu? Oder sassen sie mit geschlossenen Augen im Lichtschatten, dachten an den Ausflug, den sie für das Wochenende geplant hatten, und nahmen den Ball dann erst beim letzten Wort des Patienten wieder auf?

«Meine Texterkennungssoftware funktioniert nicht», sagte Hübner.

«Und warum ist das so ein grosses Problem?», fragte Dr. Grubenmann, kurzfristig zurück von seinem Segelturn auf dem Zürichsee.

«Weil sie nicht funktioniert. Und die Help-Funktion ist auch Schrott.» antwortete Hübner.  

«Was würdest Du denn für Texte damit erkennen wollen, wenn sie funktionieren würde?»

«Texte, die ich mit Schreibmaschine getippt hatte.»

«Alte Texte?»

Er ist wirklich ein schlauer Kerl, dachte Hübner.

«Zum Teil alt, ja. Zum Teil neueren Datums. Bis die Computer aufkamen.»

Ihm kam in den Sinn, wie er 1991 seinen eigenen PC in sein Büro in Teheran mitgenommen hatte, als die Bundesverwaltung noch mit elektrischen Schreibmaschinen funktionierte und nur die Sekretärinnen diese Schreibautomaten mit dem grünen, kleinen Display hatten.

«Reicht es Dir nicht, diese Texte zu lesen? Müssen sie dafür zuerst eingelesen werden?», fragte Dr. Grubenmann.

Worauf wollte er mit seiner Frage hinaus? Vermutete er, dass es sich um Texte über schwierige Dinge handeln könnte, die ihm, Hübner, Mühe machten, und die er deshalb lieber einscannte und ablegte, anstatt sie zu lesen? Wozu würde er dann eine Texterkennungssoftware brauchen? Damit er sie bearbeiten und leichter machen konnte, damit sie weniger bedrohlich waren, bevor er sie ablegte?

Vielleicht war es doch keine so gute Idee gewesen, zu einem Psychiater in die Therapie zu gehen, mit dem man in die Schule gegangen war, dachte Hübner. Es bestand die Gefahr, dass er alles (was auch immer) auf Ereignisse in der Zeit zurückführte, die man zusammen erlebt hatte. Oder darauf, wie er den Menschen, der ihm nun als 70-jähriger gegenübersass, drei Zentimeter kleiner als damals, als 16-jährigen Schüler in Erinnerung hatte. Wie hatte er ihn in Erinnerung? Grubenmann konnte ihn kaum in guter Erinnerung behalten haben.

Er hätte wohl ebenso wenig gedacht, dass aus Hübner einmal ein Diplomat werden würde, wie Hübner es für möglich gehalten hätte, damals, dass Grubenmann Psychiater wird. Aber Hübner war Diplomat geworden, und Grubenmann Psychiater. Er hatte nicht nur das Medizinstudium abgeschlossen – anders als drei ihrer Klassenkameraden, die nach der Mittelschule das Medizinstudium begonnen und bald einmal abgebrochen hatten (nur Carla Baronchelli hatte es wie Theodor Grubenmann abgeschlossen und später ihren Mathematiklehrer operiert) – er war Psychiater geworden, um sich dem komplexesten aller Studienobjekte zuzuwenden: der menschlichen Seele.

Dabei war Hübner damals sicher, dass Grubenmann das Medizinstudium nicht schaffen würde. Wie sollte jemand, der in der Biologie grösste Mühe damit hatte, Hühnerembryos zu töten (sie hatten eine Weile lang jede Woche unter Anleitung eines sadistischen Biologielehrers befruchtete Eier geöffnet, um das Wachstum der Embryos zu messen), eine menschliche Leiche sezieren? Er war sich sicher, dass Grubenmann schon beim Gedanken daran in Ohnmacht fallen würde. Offenbar hatte er sich in ihm getäuscht. Aber hatte sich Grubenmann auch in ihm getäuscht?

Er hatte selbst auch grösste Mühe damit gehabt, die Embryos aus dem Ei zu nehmen, zu strecken und zu messen und dann zu entsorgen, aber das wäre kein Grund gewesen, in ihm keinen zukünftigen Diplomaten zu sehen. Im Diplomatenlehrgang werden keine Leichen seziert. Man lernt, wie man Tote als nicht mehr sehr lebhafte Personen umschreibt.

Grubenmann hatte ihn damals bestimmt für einen lauten, dumme Witze machenden Fussballer gehalten, dem jegliches Feingefühl abgeht, was er wahrscheinlich auch war, und nun musste er feststellen, dass aus ihm ein Botschafter in sechs Ländern geworden war. Ein Botschafter allerdings, aber das wusste Grubenmann nicht, der so oft er konnte Fussballspiele schaute und bei offiziellen Essen unsäglich dumme Witze erzählte, und alle mussten zuhören und auch noch lachen, weil er der Gastgeber war.

«Ich will die Texte bearbeiten können», sagte Hübner, als Grubenmanns Segel gerade um das Zürichhorn verschwinden wollte.

«Worum geht es in diesen Texten?» fragte Grubenmann.

«Um Verschiedenes» antwortete Hübner.

«Auch um den frühen Tod Deiner Eltern?»

Was wusste Grubenmann vom Tod seiner Eltern? Hatte er an einer der Klassenzusammenkünfte, an denen Hübner wegen seiner Auslandaufenthalte nicht hatte teilnehmen können, davon erfahren? Er hatte noch mit zwei ehemaligen Mitschülern Kontakt. Aber warum hätten sie Grubenmann davon erzählen sollen?

«Auch, ja», sagte Hübner.

«Und das möchtest Du nun umschreiben?»

Er hatte das gesagt, nicht diese Texte.

Carell hatte Orgel gespielt. Wenn Hübner jeweils nach der Therapie auf den Lift gewartet hatte, hatte er aus Carells Wohnung Orgelmusik gehört. Als müsste Carell sich alles, was ihm Hübner gerade erzählt hatte, von der Seele spielen. Spielte Grubenmann auch ein Instrument? Am Ehesten Geige, dachte Hübner. Geige würde zu Grubenmann passen. Geige oder gar nichts.

Carell hatte Hübner zum Abschied eine CD mit seiner Orgelmusik geschenkt. Die Therapie war nicht abgeschlossen, die wöchentlichen Sitzungen liefen aus, weil Hübners Einsatz in Washington an sein Ende gelangt war. Carrels CD hatte Hübner danach in sechs Länder begleitet, ohne dass er je hineingehört hätte. Auch die Aussage von Carell, er, Hübner, müsse vielleicht (oder hatte er wahrscheinlich gesagt?) irgendwann etwas tun, was für ihn und seine Familie sehr schwer sein werde, begleitete Hübner auf seinem weiteren Lebensweg, aber im Gegensatz zu Carells Orgelmusik hörte er sie immer wieder.

«Nicht umschreiben, neu formatieren», sagte Hübner, und war sicher, dass der Psychiater Grubenmann mit dieser Aussage etwas anfangen konnte.

«Hallo Theodor, da ist Werner», hatte Hübner gesagt, als er, nachdem er zuvor dreimal an seiner Vorzimmerdame abgeprallt war (Herr Grubenmann ist gerade in einer Sitzung), endlich direkt mit Dr. Grubenmann verbunden worden war.

«Werner…?»

«Werner Hübner…»

Einen Moment lang war es still am anderen Ende. Dann sagte Grubenmann:

«Ahh…. aus dem Gymnasium, nicht wahr? Stadelhofen…»

«Zuerst Rämibüel, dann Stadelhofen», sagte Hübner.

Sie waren als erst zweiter Klassenzug des Kurzzeitgymnasiums an der Kantonsschule Rämibüel nach zwei Jahren aufgelöst worden, weil von den verbliebenen sieben Schülern vier im Provisorium waren. Drei retteten sich, nachdem bekannt geworden war, dass sie mangels einer Parallelklasse am Rämibüel an die Kantonsschule Stadelhofen transferiert würden, um dort – als erste Knaben an einer bis dahin reinen Mädchenschule – in eine Mädchenklasse integriert zu werden.  

«Das waren noch Zeiten», hatte Grubenmann gesagt. 

Die erste Sitzung fand zwei Wochen nach dem Telefonat statt. Es war Ende Juli und Grubenmann war, obwohl er, wie Hübner von dessen Vorzimmerdame bei der Vereinbarung des Termins erfahren hatte, direkt aus den Sommerferien kam, bleich wie ein Leintuch. Hübner glaubte sich zu erinnern, dass er schon in der Mittelschule stets bleich gewesen war, während der andere Theodor, der kleiner war als Grubenmann, stets rote Backen hatte.

Sie sprachen praktisch die ganze erste Sitzung von der gemeinsamen Schulzeit, und als Hübner auf dem Heimweg war, fand er, das sei doch mal ein schöner Beruf. Eine Stunde mit einem Patienten über die gemeinsame Schulzeit sprechen und dafür bezahlt werden.  

«Weisst Du, was aus Gasteiger geworden ist?» hatte Grubenmann gefragt, als sie schon unter der Tür standen.

Und Hübner, seit Inspektor Colombo immer auf der Hut vor Fragen, die unter der Tür gestellt werden, hatte geantwortet: «Keine Ahnung».

Seltsam, dachte er, als er draussen auf der Strasse war und über den Sechseläutenplatz zum Seebecken blickte, dass Grubenmann nach Gasteiger fragte. Theodor Gasteiger war in der Schulzeit der ständige Gefährte von Grubenmann. Theodor & Theodor waren praktisch unzertrennlich.

Natürlich konnten sie sich aus den Augen verloren haben, oder sie hatten sich kurz nach der Mittelschulzeit zerstritten und wollten einander nicht mehr sehen. Hübner hätte sich gerne einen Moment auf Grubenmanns Lehnstuhl vor dem Fenster gesetzt und Grubenmann hätte für ihn auf dem Sofa platzgenommen und ins Gegenlicht geblinzelt.

Soll ich die Jalousien runterlassen? Hätte Hübner ihn gefragt, und dann, wann es zum Streit unter Theodoren gekommen war. Und warum er jetzt von ihm, ausgerechnet von ihm, der mit Gasteiger schon während der Schulzeit kaum Kontakt gepflegt hatte, wissen wollte, was aus Gasteiger geworden war. Was war der Sinn dieser Frage? Und was war sein grösstes Problem (spontan)?

Hätte Grubenmann ihn gefragt, was aus Wild oder Barcola geworden sei, hätte er das verstanden und die Frage nicht hinterfragt. Sogar nach Ramon Zoss hätte er ihn fragen können, ohne seinen Argwohn zu wecken. Ramon Zoss war auf der Klassenliste, als sie zusammen im Rämibüel das Kurzzeitgymnasium begannen, aber Ramon Zoss war nie aufgetaucht. Die ersten zwei Wochen (jedenfalls schien es ihm, als habe es zwei Wochen gedauert), fragten alle Lehrer am Anfang der Stunde, wo Ramon Zoss sei, bis die Schulleitung ihn von der Liste strich. Ob die Schulleitung wusste, was aus Ramon Zoss geworden war?

Die Frage nach Roman Zoss wäre eine gute Frage gewesen. Eine Frage, die sich Hübner auch ab und zu gestellt hatte, noch lange nach der Mittelschulzeit: Was war aus Ramon Zoss geworden? Seine entschiedene Abwesenheit, von der er sich auch von der Nachfrage der Lehrer nicht abbringen liess, machte ihn interessanter, als er wahrscheinlich gewesen wäre, wenn er zum Schulantritt erschienen wäre. Einmal wollte Hübner sogar einen Roman über ihn schreiben. Er entwarf ein Umschlagbild dafür, und dieser Umschlag ist das Einzige, was von dem Vorhaben blieb. Roman Zoss und darunter, in etwas kleineren Lettern: Roman

Gasteiger war nicht halb so interessant wie Roman Zoss. Hübner hatte, nachdem er ein Jahr nach seiner Pension in die Schweiz zurückgekehrt war, die Namen seiner Klassenkameraden gegoogelt und war dabei auf das LinkedIn Profil von Theodor Gasteiger gestossen. Es war ein sehr reichhaltiges Profil mit viel Information über Gasteiger. Weshalb hatte Grubenmann ihn also gefragt, wenn sich Gasteiger doch so einfach finden liess und sein Leben so offenherzig vor allen ausbreitete, die es sehen wollten? 

«Wenn man etwas umformatiert», sagte Grubenmann, vom Horn eines Raddampfers aus seinem Segel Tripp aufgescheucht, «bleibt der Inhalt derselbe, nicht wahr?»

«Ja», sagte Hübner, der den langgezogenen, tiefen Ton auch gehört hatte, «aber es sieht dann anders aus. Ein wenig besser.»

Die Stunde war zu Ende. Hübner verabschiedete sich von Grubenmann und fragte sich, während er in Richtung des Sternengrills spazierte, wie diese Therapie enden würde. Sein Wegzug kam als Grund nicht mehr in Frage.  Am wahrscheinlichsten war, dass Grubenmann altersbedingt seine Praxis schloss und jedem Patienten zum Abschied ein kleines Segelboot schenkte.

He, Robot

15. Mai 2026

Er wohnte im selben Haus und war mindestens einen Kopf grösser als ich – nichts Besonderes, seit ich (so sagte meine Hausärztin) drei Centimeter geschrumpft war. Er war Ende Zwanzig, Anfang Dreissig, eine sehr gepflegte Erscheinung, stets modisch gekleidet, mit farblich fein abgestimmten Accessoires und einer Designerbrille. Das Besondere an ihm aber war seine Stimme.

Es war eine dieser tragenden Bass-Stimmen, die man schon von weitem hört und nicht überhören kann, wenn man noch wollte. Ich glaube, nein, ich bin mir sicher, ich bin ihm kein einziges Mal begegnet, ohne dass er sprach. Er sprach im Gehen, mit dem Mikrofon seines Telefons im Ohr, er sprach im Fahrstuhl, er sprach im Treppenhaus, ich hatte nicht den Schatten eines Zweifels, dass er auch im Bus oder im Zug sprach, nur hatte ich das bisher noch nicht miterlebt.

Wenn er im Fahrstuhl sprach, hörte man seine Stimme so klar, dass man meinte, er sei im Treppenhaus, und wenn er im Treppenhaus sprach, war man sicher, er ist auf demselben Stockwerk, kommt gleich um die Ecke, war und kam aber nicht. Auffallend war, dass er unablässig, ganz ohne Unterbruch sprach, ohne Luft zu holen. Sagte die Person am anderen Ende der Verbindung nie etwas? War es seine Mutter, der er auf dem Heimweg seinen Tag erzählte, bevor er in seine stille Wohnung ging?   

Wie es sich zutrug, ging ich einige Male am Abend, als ich mit den Hunden auf dem Heimweg von unserem Spaziergang war, hinter ihm her, als er dem Kiesweg unserer Siedlung entlang in Richtung unseres Hauses folgte. Er sprach jedes Mal und ohne Ausnahme über Kinder und deren Erziehung. Laut und deutlich. Nicht zu überhören.

„Das allerletzte, was ich möchte, wenn ich Kinder hätte, wäre …“

Und ein anderes Mal: „Wenn sie das als Kind schon machen, kann man …“

War er Kinderpsychologe? War er nicht etwas jung dafür? Studierte er vielleicht Kinderpsychologie? Oder war er Kindergärtner? Primarlehrer für untere Klassen vielleicht? Arbeitete er in einer Kita? Bei der KESP?

Als ich wieder einmal auf dem Heimweg hinter ihm her ging und er laut über Kinder dozierte, dachte ich: das habe ich doch schon einmal gehört. Er spricht also nicht nur so, dass alle es hören müssen, er wiederholt sich auch noch dabei. Er sagt dasselbe laut und deutlich vernehmbar für seine Mutter und alle, die es nicht hören wollen, vor allem nicht zweimal. Will seine Mutter es zweimal hören? Merkt sie gar nicht, dass sie es zum zweiten Mal hört, weil sie gerade eine Feierabendserie schaut? Ein Rerun aus den 60er-Jahren, als sie ein kleines Mädchen war? Sprung aus den Wolken?  

Der Sommer ging langsam zu Ende und die Tage waren bereits merklich kürzer geworden. An einem trockenen Dienstag (ich weiss, dass es ein Dienstag war, weil ich am Dienstag immer Tennis spiele und an jenem Dienstagmorgen hatte ich mir dabei den Fuss vertreten) hinkte ich am Ende eines kurzen Spaziergangs mit den Hunden hinter ihm her in Richtung unseres Hauseingangs, und jetzt war ich sicher: Er erzählte exakt das Gleiche, das er schon einmal erzählt hatte. Satz für Satz, Wort für Wort.

Das kann ja nicht sein, sagte ich zu den Hunden, die mich fragend anblicken. Und weil ich es nicht glauben wollte, dass jemand zweimal exakt dasselbe erzählt, installierte ich eine dieser leistungsfähigen Recorder-Apps auf meinem Mobiltelefon und nahm von da an jedes Mal, wenn er vor mir herging und über das Verhalten von Kindern und deren Erziehung sprach (er sprach nur über das Verhalten von Kindern und deren Erziehung), machte ich eine Aufnahme davon. Dank seiner lauten und tragenden Stimme war das auch möglich, wenn er einige Meter vor mir ging. Mein Fuss hatte sich von meinem Fehltritt erholt und ich konnte ihm mühelos folgen.

Ich wusste mittlerweile, mit welchem Zug er am Abend ankam und wann er beim Gemeindehaus um die Ecke kommen und dozierend in unseren Kiesweg einbiegen würde, und ich richtete meinen Spaziergang so aus, dass ich jeden Tag genau um diese Zeit beim Gemeindehaus eintraf. Bis Ende Oktober hatte ich fast 50 Vorlesungen aufgenommen und an einem regnerischen Sonntag begann ich damit, sie auszuwerten.

Ich transkribierte die einzelnen Vorlesungen und analysierte sie dann. Das Ergebnis war absolut verblüffend. Es stellte sich heraus, dass er ein Set von zehn Vorlesungen hatte, die er an fixen Tagen pro Woche hielt. Eine am Montag, eine am Dienstag, und so weiter bis Freitag (keine Vorlesungen am Wochenende), und nach zwei Wochen begann er am Montag wieder von vorne und hielt genau denselben Vortrag wie vor vierzehn Tagen. Satz für Satz, Wort für Wort.  

Auch wenn dahinter eine Absicht lag (wieso sollte jemand so etwas absichtlich tun?), war es schwer vorstellbar, dass er zehn Vorträge auswendig konnte und sie ohne eine einzige Abweichung, ohne das geringste Stocken, ohne Versprecher, ohne ein einziges äähh… rezitierte. Es schien mir geradezu unmenschlich.

Da ich ausschliessen konnte, dass es sich bei meinem Nachbarn um einen Ausserirdischen handelte, weil sich bei einem Ausserirdischen das Auge im Nacken geöffnet hätte, wenn er sich verfolgt fühlt, weil ich dauernd hinter ihm hergehe, blieb nur eine Erklärung: er musste ein Roboter sein. Aber wie konnte ich meine Vermutung bestätigen?           

Eines Tages kam mir der Zufall zu Hilfe. Allerdings, ob es wirklich eine Hilfe war, oder ob mir der Zufall wieder einmal etwas eingebrockt hatte, sei dahingestellt. Mein Nachbar ging einmal mehr am Feierabend auf dem Kiesweg vor mir her und als er sagte: „Diese Kinder wissen doch ganz genau, wenn sie etwas wollen, müssen sie nur…“ und dabei ruckartig die rechte Hand hob, fiel ein Gegenstand aus seiner offenen Freitag Tasche, die über seiner rechten Schulter hing.

Als ich ihn erreicht hatte, hob ich den Gegenstand auf. Es war ein türkises Brillenetui. Ich wischte es an meiner Jacke ab und wollte dem davonschreitenden Nachbarn („…und genau deshalb darf man nicht jedes Mal sofort…“) nachrufen, aber ich tat es zu meinem eigenen Erstaunen nicht. Stattdessen steckte ich das Brillenetui in meine Jackentasche und ging weiter.

Als ich zu unserem Haus einbog, sah ich, dass er noch bei den Briefkästen stand und seine Post sichtete. Ich wollte nicht draussen warten, wie hätte das ausgesehen, also öffnete ich die Aussentür und sagte „Guten Abend“ (er sagte auch guten Abend), dann öffnete ich mit dem Schlüssel die Innentüre und er folgte mir, offenbar fertig mit der Durchsicht seiner Post, zum Fahrstuhl.

Ich nahm die Hunde an die kurze Leine und mit der freien Hand zog ich den Reissverschluss meiner Jackentasche hoch. Was hätte ich gesagt, wenn er sein Brillenetui entdeckt hätte? Er drängte sich in die Ecke beim Spiegel und sagte mit Blick auf die Hunde: „Die sind aber wirklich lieb.“

„Das sind sie“ sagte ich, mit der freien Hand auf meiner Jackentasche, und es kam mir in den Sinn, dass er uns beim letzten Mal, als wir uns vor dem Fahrstuhl trafen, mit den Worten „Ich bin allergisch“ den Vortritt liess und nicht einstieg. „Das sind Pudel, die haaren nicht. Auch Allergiker können…“, hatte ich geantwortet, aber die Lifttür hatte sich rasch geschlossen und ich weiss nicht, wie viel davon er noch gehört hat. Jedenfalls traute er sich nun mit uns in den Fahrstuhl. Vielleicht war er inzwischen auch die Allergie losgeworden. Es gab ja diese Therapien mit Spritzen, aber meines Wissens dauerte das ein Jahr.

Wie dem auch sei. Der Fahrstuhl hielt im vierten Stock, zuerst stieg ich mit den Hunden aus, dann stieg er aus, die Lifttür schoss sich hinter ihm, wir wünschten uns praktisch gleichzeitig einen schönen Abend, dann ging er die Treppe hoch zum 5. Stockwerk und ich schloss unsere Tür auf. 

Nachdem ich die Hunde abgeleint und meine Jacke aufgehängt hatte, nahm ich sein Brillenetui aus der Jackentasche. Ich öffnete es. Es war leer. Natürlich war es leer. Die Brille war auf seiner Nase. Ich schloss es wieder und legte es auf die Kommode bei der Wohnungstüre. Das passte, denn die Türen der Kommode (von einem Schreiner in Ulus, der Altstadt Ankaras, in der Nacht vor unserer Abreise aus alten Fensterläden hergestellt) waren ebenfalls türkis.  

Warum hatte ich ihm das Etui nicht sofort zurückgegeben, als ich es aufgehoben hatte? Hatte ich etwas vor damit? Wusste mein Hirn mehr als ich?

Erst am nächsten Tag wusste ich, warum ich das Etui eingesteckt hatte, anstatt es ihm gleich nachzutragen. Das Etui war mein Schlüssel zu seiner Wohnung. Wenn ich ihm das Etui zurückbrachte, würde ich dabei einen Blick in seine Wohnung erhaschen, und ich stellte mir vor, warum auch immer, dass man an der Wohnung eines Roboters erkennt, dass es die Wohnung eines Roboters ist.

Nachdem ich ihn am Abend mit zehn Schritten Abstand vom Gemeindehaus bis zum Hauseigang begleitet hatte (ein stummes Geleit für einen lauten Gehenden), wo ich bei den Briefkästen stehen blieb und ihm – er hielt mir die die Lifttür auf – durch die Glasscheibe ein Zeichen gemacht hatte, es würde dauern, er müsse nicht auf mich warten, ging ich hinauf in meine Wohnung und wartete eine halbe Stunde, um ihm Zeit zu geben, abzulegen und anzukommen. Dann sagte ich zu den Hunden, ich bin gleich wieder da, schloss die Tür hinter mir ab und ging die Treppe hoch.    

Ich hatte mir vorgenommen, auf keinen Fall seine Wohnung zu betreten. Ich hatte Angst davor, mit einem Roboter alleine zu sein.

Ich klingelte. Nach einer gefühlten Ewigkeit, die wahrscheinlich nicht länger als 20 Sekunden dauerte, öffnete er die Tür.

„Hallo,“ sagte ich, und streckte ihm sein Brillenetui entgegen. „Sie haben es gestern vor dem Haus verloren.“

Er nahm es entgegen und als er den Blick senkte, tat ich dasselbe. War das ein Kabel, das von seiner Ferse ausging?

„Tatsächlich, das ist meines.“ sagte er, „Vielen Dank“ Und dann kam es: „Darf ich Ihnen einen Tee anbieten?“

„Auf keinen Fall,“ schoss es viel zu schnell aus mir heraus. „Ich habe einen Hund auf dem Herd und muss noch mit den Pfannen raus, bevor es dunkel wird.“

„Na dann,“ sagte er lächelnd, „Danke nochmal und schönen Abend.“

„Ihnen auch“ sagte ich, und ging die Treppe runter. Ich schloss die Tür auf, wurde von den Hunden stürmisch begrüsst, wie es sich nach drei Minuten Abwesenheit gehört, verschloss die Tür hinter mir und drückte die Falle zur Kontrolle zweimal runter.   

Hätte man sich dümmer aufführen können, als ich das gerade getan hatte? Was würde er von mir denken, wenn er kein Roboter war? Und – schlimmer noch – was, wenn er einer war? Warum hatte er nicht gefragt, wieso ich wusste, dass es sein Brillenetui war? Was taten Roboter, wenn sie merkten, dass man sie entdeckt hatte?

Ich musste mich beim Kabel versehen haben. Da lag ein Kabel am Boden, aber es stammte bestimmt von einem Staubsauger, den er gerade ausgesteckt hatte. Ganz sicher kam es nicht aus seiner Ferse. Hätte er mich auf einen Tee hereingebeten, wenn er gerade dabei war, sich aufzuladen?  

Ich beschloss, mich geirrt zu haben. Ich machte noch den nächtlichen Rundgang mit den Hunden auf dem knirschenden Kies und ging dann früh zu Bett. Ich schlief lange nicht ein, während meine Gedanken kreisten. Würde die Verwaltung eine Wohnung an einen Roboter vermieten? Benutzten Roboter Staubsauger mit Kabel, weil sie keine anderen Roboter um sich duldeten? Als ich gegen drei Uhr morgens endlich doch noch einschlafen konnte, wurde es ein unruhiger, von wirren Träumen durchsetzter Schlaf.     

Beim Frühstück am nächsten Morgen suchte mich ein noch verrückterer Gedanke heim. Was, wenn alle Menschen in unserem Haus, in unserer Siedlung, Roboter waren? Nicht nur der Vortragsreisende in Sachen Kindererziehung, auch die Familie mit der Katze (ein Roboter?) im Parterre, das freundliche deutsche Paar, deren (echte) Blumen ich goss, wenn sie in den Ferien waren, der Hauswart, der Serbe mit dem roten Bentley sowie sämtliche Seniorinnen und Senioren im Haus gegenüber und ihr Pflegepersonal? War ich der einzige Mensch in der Siedlung? Der einzige Mensch in Regensdorf?

Nach einem Moment der Panik, der schnell vorüberging, musste ich über mich selber lachen. Roboter, die sich im Pflegeheim um Roboter kümmern. Das war nichts anderes als die nächste Stufe nach den Robotern, denen man die Pflege der Alten und Kranken anvertrauen wollte. Roboter waren die perfekte Lösung aller drängenden Probleme. Wenn Roboter die Arbeit übernahmen, konnte die Zuwanderung getrost gedeckelt werden. Auch für die Entlastung des Gesundheitswesens (Roboter hatten keine Wahl, es gab nur das Hausmechaniker-Modell) war gesorgt, und die Finanzierung der AHV für die nächsten Rentnergenerationen war mit Robotern gesichert. Man konnte ihnen widerspruchslos mehr Lohnprozente abziehen und wenn sie einst in Pension gingen, bezogen sie selber keine AHV. Sie lagen dann den ganzen Tag im Jura auf sich automatisch zur Sonne drehenden Liegestühlen und erzählten einander Geschichten, die sie nachtsüber erfunden hatten.   

Gottfried liest in einem Buch

26. April 2026

(es darf nur nicht regnen)

Es ist acht Uhr morgens. Mitte April. Die Sonne ist an der Rückseite des Hauses gegenüber hochgeklettert und hat sich an ihren frühen Strahlen über den Giebel gezogen. Am Morgen ist die Sonne übermütig wie ein Kind. Sie klettert überall hoch. Du kommst jetzt sofort da runter!, ruft ihre Mutter, aber die Sonne denkt nicht daran. Nicht am Morgen. Sie kommt erst am Abend wieder runter. Auf der anderen Seite, wenn sich die Mutter beruhigt hat.  

Die Sonne scheint auf den Balkon, auf dem Gottfried im vierten Stock auf einem weissen Klappstuhl sitzt, auf den er sich ein Sofakissen gelegt hat, weil es so weicher ist. Und wärmer. Morgens um acht ist es im April noch kühl, an manchen Tagen sogar richtig kalt. Auf dem Balkontisch steht eine halbvolle Tasse Kaffee, und daneben noch eine zweite Tasse, die fast leer ist. Gottfrieds Frau sitzt neben ihm auf dem Balkon. Gottfried hat ihr auch ein Kissen auf den Stuhl gelegt. Sie hat eine zweite Jacke um ihre Schultern gelegt. Sie hat ihre Lesebrille auf und liest in einem Buch.

Auch Gottfried liest in einem Buch. Die erste Geschichte war nicht so gut. Auch die Art, wie sie geschrieben war, mochte er nicht. Ab der zweiten Geschichte war Gottfried begeistert. Die Sprache passte genau zu den Geschichten. Diese Geschichten konnten gar nicht in einem anderen Stil erzählt werden. Gottfried war froh, dass er das Buch nach der ersten Geschichte nicht weggelegt hatte. Er dachte daran, wie er früher jeweils in einer Buchhandlung die erste Seite eines Buches gelesen hatte (Gedichtbücher hatte er irgendwo aufgeschlagen), und wenn ihm nicht gefiel, was er las, legte er das Buch auf den Tisch oder stellte es zurück ins Regal und kaufte es nicht. Dieses Buch hätte er damals verpasst.

Heute kaufte Gottfried Bücher nicht mehr zufällig. Er kaufte entweder neue Werke von Autoren, die er schon gelesen hatte, oder von solchen, auf die er aufgrund von Empfehlungen von Freunden oder wegen einer Buchbesprechung in der Zeitung aufmerksam geworden war. Es kam ab und zu trotzdem vor, dass er ein Buch überhaupt nicht mochte. Sogar eines von einem Autor oder einer Autorin, von denen er schon Bücher gelesen und gemocht hatte.

Neulich hatte er ein in der Zeitung äusserst wohlwollend besprochenes Buch eines Schweizer Schriftstellers, von dem er schon zwei Bücher gelesen hatte, kurz nach der Hälfte in die Mülltonne geworfen, enttäuscht über die Art, wie es geschrieben war (schlechter als die Buchbesprechung) und verärgert über den Inhalt der zuletzt gelesenen Geschichten. So ein Buch konnte man weder verschenken noch in sein Büchergestell stellen, wo der Platz beschränkt und unter Büchern begehrt war. Es verdiente nicht einmal, zum Altpapier gelegt zu werden. Es gehörte in den Müll, und den Name des Autors wollte er für künftige Bücherkäufe vergessen.

Gottfried fragte sich, ob sich in einem solchen Fall der Autor verändert hatte, ob er anders und Anderes schrieb,  oder ob er, Gottfried, sich verändert hatte und anders oder lieber Anderes las. Um sich der Antwort auf diese Frage anzunähern, hätte er die alten Bücher des Autors noch einmal lesen müssen, aber dazu fehlte ihm jede Lust, auch wenn dadurch vielleicht zwei Plätze in seinem Büchergestell frei geworden wären. Lieber las er in diesem wunderbaren Buch weiter, dessen Geschichten ihn (ab der zweiten) fesselten und inspirierten.  

Der Autor war zwanzig Jahre jünger als Gottfried. Gottfried wünschte ihm ein langes Leben und sich, dass er noch viele solche Bücher schreibe. Wenn Sie so weiterschreiben, lieber Herr S., hätte Gottfied ihm geschrieben, wenn er seine Adresse gekannt hätte (an den Verlag schreiben mochte er nicht), kann ich mit dem Schreiben aufhören und nur noch lesen.  

Er wünschte sich, dieses wunderbare Buch (auch der Titel und der Umschlag gefielen ihm) würde noch lange nicht zu Ende gehen. Aber er hatte schon weit über die Hälfte davon gelesen und wusste, dass er schon bald am Ende des Buchs angelangt sein würde. Jedes Mal, wenn er eine Seite umblätterte und eine neue aufschlug, wurde es ihm bewusst. Er hoffte, die zweite Hälfte würde länger halten als die erste, aber er wusste auch, dass der Heimweg immer kürzer ist als der Hinweg. Es sind vielleicht noch drei oder vier Geschichten, dachte er. Maximal. Er mochte nicht nachschauen.

Jeden Morgen vor dem Frühstück liest Gottfried eine Geschichte. In drei oder vier Tagen wird er das Buch ganz gelesen haben. Es war, wie so vieles, was sie gemeinsam taten, eine Erfindung seiner Frau Chana: Jeden Morgen um acht auf dem Balkon sitzen mit einer Tasse Kaffee, noch vor dem Frühstück, auch wenn es noch kalt ist. Nur regnen darf es nicht. Er fand das im März keine gute Idee. Es war wirklich noch kalt am Morgen auf dem Balkon. Er blieb lieber noch etwas länger im warmen Bett, während Chana dick eingehüllt mit ihrem Kaffee auf dem Balkon sass und las. Im April setzte er sich dann eines Morgens neben sie und seither fangen alle ihre Tage gemeinsam an, mit einer Tasse Kaffee und einem Buch auf dem Balkon, ihre Hunde neben ihnen auf einem Hundekissen, dass er ihnen auf den kalten Boden legt.

Chana liebt Balkone. Sie kann den ganzen Tag auf dem Balkon zubringen. Wenn sie sich in letzter Zeit manchmal nach einer neuen Wohnung umsahen, suchten sie einen Balkon mit Wohnung. Der Balkon ist für Chana das Wichtigste. Wo sie herkommt, verbringen die Menschen auch im Winter viel Zeit auf den Terrassen und Balkonen, weil es nie so kalt wird, dass man lieber drinnen bleibt. Vielleicht auch deshalb, weil die Heizungen nicht viel taugen und es drinnen kaum wärmer ist als draussen.

Als Gottfried umblättert und feststellt, dass er auf der letzten Seite der heutigen Geschichte angelangt ist, sieht er im Augenwinkel links neben dem Buch, wie ein Insekt über die Betonplatten des Bodens rennt. Er schaut ihm nach, aber es verschwindet in einer Ritze zwischen den Platten. Eine Zecke? Rennen Zecken? Zecken sind Spinnen. Spinnen können ziemlich schnell rennen. Muss er die Hunde in Sicherheit bringen?

Gottfried liest die Geschichte zu Ende. Mo hat unten vor dem Haus gerade den Motor des Panzers angelassen, den es gar nicht gibt. Wieder huscht etwas über den Boden, aber diesmal ist es keine Spinne, sondern einer dieser schwarzen Punkte, die manchmal durch Gottfrieds Augen wandern. Keine Angst, es war keine Zecke, sagt er zu den Hunden. Es ist nur ein schwarzer Punkt.

Gottfried trägt seine leere Tasse in die Wohnung, stellt sie auf den Esstisch und schaut durch die offene Balkontüre die lesende Chana mit den Hunden zu ihren Füssen an. Ich muss das einmal zeichnen, denkt er, und: Gott ist gnädig mit mir.   

Mirlind

6. April 2026

Es war nicht einmal, und auch nicht in einem fernen Land vor unserer Zeit. Es ist jetzt und zuletzt ganz in meiner Nähe.  Mirlind lebt mit seiner Mutter Herlinde seit ein paar Monaten in einem Vorort von Zürich, wo die Hochhäuser nicht gerade wie Pilze, aber doch eines nach dem andern aus dem Boden schiessen, um die schnell wachsende Bevölkerung des Furttals aufzunehmen.

Und begonnen hat es so:

Mirlind ist ein Riese. Verglichen mit anderen Riesen wäre er mit seinen drei Metern Körpergrösse (dreimeternullzwei, um genau zu sein) wohl eher ein kleiner Riese, aber die Hochhäuser der Vorortsgemeinde sind, wenn man sie mit jenen in New York oder Shanghai vergleicht, auch ziemlich klein, und Riesen sollte man nicht vergleichen. Sie kriegen Kopfweh davon. 

Dass Mirlind nicht wie andere Riesen in einem Märchenbuch lebt, hat mit seinen Eltern zu tun. Seine Mutter Herlinde stammt aus dem Montafon, wo sie als jüngstes von sechs Kindern auf einem kleinen Hof in Gaschurn aufwuchs. Mit 18 zog Herlinde nach Wien, wo sie Arbeit fand als Serviertochter im Hotel Sacher, und dort Sorin kennenlernte.

Sorin arbeitete als Tellerwäscher im Hotel Sacher. Er stammte aus Rumänien und war kleinwüchsig. Um seiner Arbeit nachgehen zu können, musste er einen Schemel ans Spülbecken stellen, aber niemand hat Sorin deswegen je ausgelacht oder auch nur gehänselt, denn die gesamte Küchenmannschaft wusste, und Neue lernten es schnell und einige von ihnen auf schmerzhafte Weise, dass Sorin nicht mit sich spassen liess.   

Als Herlinde Sorin zum ersten Mal nach Gaschurn mitnahm, um ihren zukünftigen Mann ihren Eltern vorzustellen, fragte sie ihr Vater nach dem gemeinsamen Mittagessen, als Sorin auf die Toilette verschwunden war, die sich ausserhalb des Hauses befand:

«Was willst Du mit diesem Zwerg?»

«Er ist kein Zwerg, Vater, sag das nicht!» hatte Herlinde geantwortet, «Er hat ein grosses Herz.»

Ein Jahr später waren Herlinde und Sorin verheiratet und lebten in einer Einzimmerwohnung in Schwechat. Drei Jahre später wurde Herlinde schwanger.  Die ersten drei Monate der Schwangerschaft verliefen normal. Im vierten Monat stellte die Kinderärztin beim Ultraschall fest, dass das Baby zu schnell wuchs. Zu Beginn des sechsten Monats war es grösser als die meisten Neugeborenen und Mitte des siebten Monats brachten die Ärzte es mit Kaiserschnitt zur Welt. Sorin stand weinend vor Freude am Bett und Herlinde hielt einen gesunden jungen Riesen im Arm.

«Wollen wir ihn Mirlind taufen?», fragte Herlinde. Und Sorin, der nicht aufhören konnte zu weinen, sagte mit brüchiger Stimme «Ja».

Mirlind war ein sehr ruhiges Kind. Er lernte schnell gehen, sass aber am liebsten. Er konnte stundenlang zuhause auf dem Fussboden sitzen und mit den drei Holztieren spielen (zwei Kühe und ein Schwein, dem ein Bein fehlte), die ihm Sorin auf einem Wiener Flohmarkt gekauft hatte.  Als er an seinem dritten Geburtstag noch kein Wort gesagt hatte und keine Reaktion zeigte, wenn man ihn ansprach, machte sich Herlinde Sorgen und liess ihn abklären, ohne dass sie Sorin etwas davon sagte.   

Das Resultat der Abklärung war, dass Mirlind hören konnte und auch die physischen Voraussetzungen hatte, um sprechen zu können. Es handle sich wohl lediglich um eine Verzögerung in seiner Entwicklung, meinte der junge Arzt. Möglich sei aber auch, sagte er, dass Mirlind autistisch veranlagt sei, aber um dies festzustellen, sei es noch zu früh. Dass er sich ungern bewegte, hänge wahrscheinlich mit seinem schnellen Wachstum zusammen, mit dem die Muskeln nicht mithalten.    

Vor seinem fünften Geburtstag war Mirlind eins zweiundsechzig. Er sprach noch immer nicht, sass weiterhin am liebsten auf dem Boden und betrachtete – ganz offensichtlich zufrieden – die Dinge um ihn herum.

«Wir können ihn so nicht in den Kindergarten schicken» sagte Herlinde eines Abends zu Sorin.

«Wie so?» fragte Sorin.

«Er spricht nicht, er bewegt sich kaum, und Frau Henggart sagt mir, er spielt auch nicht mit ihren Kindern, obwohl sie sich ganz süss um ihn bemühen.»

Frau Henggart war Mirlinds Tagesmutter in Schwechat. Sie hatte selber zwei kleine Kinder und hatte sich bereit erklärt, Mirlind während der Woche, wenn Sorin und Herlinde in Wien bei der Arbeit waren, bei sich aufzunehmen, wenn ihr Herlinde dafür am Wochenende die Wäsche machte und ihr die Sachertorte brachte, die die Angestellten des Sacher alle drei Monate günstiger erhielten.  Also sass Mirlind von Montag bis Freitag in Frau Henggarts Wohnzimmer und schaute Fernsehen, der bei Frau Henggart den ganzen Tag lief.

 «Er mag Trickfilme» sagte Frau Henggart eines Abends, als Herlinde Mirlind abholte. «Er lacht zwar nie, aber er strahlt wie ein Glückskäfer, wenn der Kojote über die Klippe rennt.»

Als ein Brief von der Schulbehörde eintraf mit der Einteilung Mirlinds in den Kindergarten und der Einladung zu einem Elternabend, geriet Herlinde in Panik und sah nur noch einen Ausweg. Sie packte noch in derselben Nacht ihre sieben Sachen, fuhr mit Mirlind mit dem Regionalexpress nach Wien und von dort aus mit dem Nachtzug nach Innsbruck, wo sie den ersten Reisebus ins Montafon bestiegen.    

Ihr Vater war unterdessen gestorben und ihr ältester Bruder hatte den Hof übernommen. «Du kannst kommen und hier wohnen,» hatte er am Telefon gesagt,  «aber Du musst arbeiten, und Dein Sohn auch. Kann er Kühe hüten?»

Sorin war traurig, als Herlinde und Mirlind Schwechat verliessen, aber er wusste auch keine bessere Lösung.  Womöglich hätte man ihnen Mirlind weggenommen, und in den Bergen würde es ihm gut gehen. Vielleicht würde auch er später ins Montafon ziehen, aber im Moment konnte er es sich noch nicht vorstellen, der Knecht des Bruders seiner Frau zu sein.

Es stellte sich bald heraus, dass Mirlind sehr gut Kühe hüten konnte. Er bewegte sich zwar noch immer sehr langsam und nur ungern, aber es gefiel ihm ganz offenbar, auf der Weide zu sitzen und den Kühen und Rindern zuzuschauen, wie sie den ganzen Tag Gras assen und widerkauten.

Und die Kühe schienen sich in seiner Anwesenheit wohlzufühlen und entfernten sich nie weit von ihm. «Ich glaube, ich kann mir den Zaun sparen», sagte Herlindes Bruder eines Tages zu seiner Schwester. «Der Kleine» (so nannte er Mildrid seit seiner Ankunft) «ist der geborene Hirt.»

Herlinde arbeitete viel, meist im Haus und im Garten, und wenn das Heu eingebracht werden musste auch an den steilen Hängen, aber sie war zufrieden, weil sie sah, dass es Mirlind gut ging.

«Er liebt die Tiere,» schrieb sie Sorin auf eine Postkarte, die das Gebirge zeigte, «vor allem die Kühe. Und die Kühe lieben ihn.» 

Und Sorin schrieb zurück (auf einer Postkarte, die das Riesenrad auf dem Prater zeigte):

«Das wundert mich nicht. Spricht er jetzt?»

«Nein, er spricht nicht,» antwortete Herlinde. «Aber er ist ein guter Junge. Zwei Meter und vierundvierzig.»

Alles passte auf dem Hof im Montafon, es war wie ein Paradies für eine Mutter und ihren Riesen, aber irgendwann kam es zum Streit zwischen Herlinde und ihrem Bruder. Wegen einer Lappalie, aber der Streit eskalierte und führte am Ende dazu, dass Herlinde mit Mirlind den Hof verliess und aus dem Montafon wegzog. Sie reiste nur nachts und kam irgendwann in einem Vorort von Zürich an, wo es ihr, Gott weiss wie, gelang, eine Wohnung zu mieten.

***

Als ich Mirlind zum ersten Mal sah, erkannte ich ihn nicht. Es war zwei Uhr morgens. Ich war aufgestanden, weil ich auf die Toilette musste. Danach ging ich in die Küche, weil ich Durst hatte. Es war Vollmond. Ich brauchte das Licht nicht anzumachen. Ich öffnete den Wasserhahn und liess das Wasser laufen, bis es wirklich kalt war. Dann trank ich und drehte mich während dem Trinken vom Spülbecken weg zur Balkontüre.

Alle Häuser in der Umgebung waren dunkel. In keinem einzigen Fenster brannte Licht. Auch die Wohnung gegenüber war dunkel. Aber im Mondlicht konnte ich erkennen, dass die Balkontüre offenstand. Mit dem Rücken an den Türrahmen gelehnt glaubte ich die Silhouette unserer Nachbarin zu erkennen. Was machte sie da um diese Zeit?

Am Balkontisch, mit dem Rücken zur Wohnung,  war ein Umriss, der aussah wie ein sitzender Mann, nur viel zu gross. Ich ging wieder zu Bett und träumte mit seltener Klarheit von Menschen, die ich seit der gemeinsamen Schulzeit nicht mehr gesehen hatte. 

Mitsamt ihren Namen marschierten sie vor mir auf – ein nicht enden wollender Umzug von Kindern, die ich mit ganz wenigen Ausnahmen gleich nach der Schulzeit aus den Augen verloren und seither kaum einmal an sie gedacht hatte. Es war unglaublich, wie viele Gesichter und Namen aus dem Nichts auftauchten und sich in meinem Traum anmeldeten.

 Jetzt, wo sie pensioniert und einige, wie mir zu Ohren gekommen war, bereits verstorben waren, kamen sie als Kinder zu mir zurück. Sie versammelten sich auf dem Pausenplatz des Bläsi-Schulhauses in Höngg, wo heute ein Hallenbad steht, als wollten sie ihr Leben von da weg noch einmal leben. Oder war ich es, der das wollte? 

Ein paar Tage später erwachte ich um drei Uhr und ging auf die Toilette. Danach ging ich in die Küche und goss mir ein Glas Wasser ein. Als ich mich umdrehte und zum Balkon hinüberschaute, sah ich denselben Umriss am Balkontisch wie vor ein paar Tagen. Ein sitzender, übergrosser Mann.  

Ein grosser Mann in den kleinen Stunden, dachte ich. Vielleicht träumte ich ihn ja. War das Wasser wirklich kalt? Dann bewegte er sich. Es sah so aus, als wollte er aufstehen, aber die Nachbarin trat sofort aus dem Schatten, legte ihre Hand auf seine Schulter und sorgte dafür, dass er sitzen blieb.   

Seine Schultern waren breit, sein Kopf war grösser als ein normaler Kopf.

Ich rührte mich nicht, damit man mich nicht entdecken würde, und wartete darauf, wie es weitergehen würde.    

Mein Traum von den Schulkindern hatte nach ihrer Parade auch ein paar Erlebnisse aus der Schulzeit zurückgebracht. Am Rande des Pausenplatzes gab es einen Fahrradständer, bei dem man die Fahrräder mit dem Vorderrad an Haken aufhängen konnte. Eines schlimmen Tages stiess ein Junge beim Fangspiel einen anderen Jungen in den Rücken und dieser stürzte mit dem Gesicht voran in einen dieser Haken und stach sich ein Auge aus. Im Traum war es ein Stummfilm, aber ich konnte mich an den Schmerzensschrei erinnern. Der Name des Jungen kam mir nicht mehr in den Sinn. Ich weiss nur noch, dass er einen älteren Bruder hatte und dass beide blaue Windjacken mit Kapuze trugen. Hiess einer von Ihnen vielleicht Andreas? Der Einäugige oder sein Bruder?

Nach einer Weile (es mochten zehn Minuten vergangen sein, vielleicht aber auch nur zwei – in den kleinen Stunden ziehen sich die Minuten in die Breite), trat die Nachbarin aus dem Schatten, ging zum Tisch und der sitzende Mann erhob sich. Er musste über zweieinhalb Meter gross sein. Er ging zum Balkongeländer und schaute sich um, dann nahm sie ihn bei der Hand und führte ihn zur Balkontüre, wo er sich tief vornüber neigen musste, bis er eintreten konnte. Die Nachbarin schloss hinter ihm die Balkontüre und zog die Vorhänge zu. 

***

«Unsere Nachbarin versteckt einen Riesen» sagte ich beim Frühstück zu meiner Frau.

«Was…?»

«Ich habe ihn gestern Nacht gesehen, als ich ein Glas Wasser trank, schon zum zweiten Mal, aber beim ersten Mal hatte ich ihn noch nicht erkannt. Er sitzt in den kleinen Stunden am Balkontisch und sie steht im Türrahmen und wacht über ihn. Er ist ein wohlbehüteter Riese.»

«Bist Du sicher, dass es nur Wasser war…?»

«Du glaubst mir nicht, oder? Heute Nacht wecke ich Dich, wenn er wieder am Tisch sitzt.»

Aber in den folgenden Nächten erschien der Riese nicht auf dem Balkon. Zwei Wochen vergingen, ohne dass sich auf dem Balkon gegenüber etwas bewegte, und ich begann bereits zu glauben, dass ich ihn wirklich geträumt hatte, den Riesen der kleinen Stunden.

Dann, in einer Nacht von Sonntag auf Montag, sah ich, dass die Balkontüre offenstand, und nachdem ich eine Weile vergeblich darauf gewartet hatte, dass die Nachbarin und ihr Riese auf dem Balon erscheinen würden, hörte ich ein leises Singen aus der Wohnung.

Ich wusste sofort, dass es der Riese war, der mit heller Stimme ein Kinderlied sang.

«Jetzt falled d Blättli wieder, de Summer isch verbii…»

Er sang ganz langsam. Ich konnte nicht anders, ich musste weinen.

Als ob sie mein Weinen bemerkt hätte, kam die Frau und schloss hastig die Balkontüre.

***

Drei Wochen später ass ich mit einem Freund in einem Gartenrestaurant Eglifilets im Bierteig und Blattsalat.  Wir sprachen über Arzttermine, Ferienpläne und darüber, dass wir wieder einmal zusammen eine Fahrradtour machen sollten.

Mein Freund ist ein pensionierter Lehrer. Er hilft ab und zu noch in seiner alten Schule aus. Im Moment war er gerade Schuldirektor zwischen dem alten und dem neuen Schuldirektor. Daneben macht er Freiwilligenarbeit. Er hilft Immigrantenkindern bei ihren Hausaufgaben und ihren Eltern beim Ausfüllen der Steuererklärung. Ich bekomme immer ein wenig ein schlechtes Gewissen, wenn meine Freunde von ihrer Freiwilligenarbeit erzählen, weil ich nichts mache.

«Ich leiste übrigens jetzt auch Freiwilligenarbeit», sage ich beim Dessert.  

«Wirklich? Was machst Du?» fragt mein Freund.

«Ich gebe Kurse für Leute, die sich für die Diplomatenprüfung vorbereiten.»

Mein Freund lacht. Er kennt mich zu gut und weiss, dass ich das zuallerletzt tun würde. Nicht einmal für viel Geld. Er denkt, das Ganze mit meiner Freiwilligenarbeit war ein Scherz, und fragt nicht nach, was ich wirklich tue.

So kann ich ihm nicht erzählen, dass ich zweimal pro Woche einen Riesen hüte, um seine Mutter, unsere Nachbarin, zu entlasten.  

Ich habe begonnen, mit Mirlind Spiele zu spielen, damit er nicht den ganzen Tag nur Fernsehen schaut. Wir spielen Memory und Eile mit Weile. Beim Memory ist Mirlind praktisch unschlagbar. Er sieht Bildpaare, die ich nicht als solche erkenne. Beim Eile mit Weile fährt er mit seinen und meinen Figuren, vorwärts und rückwärts, und weil er so gerne würfelt, würfelt er auch für mich.  Wenn eine Figur überholt wird, setzt Mirlind sie nicht in ihr Haus zurück, sondern in den Himmel. So ist am Ende jedes Spiels niemand mehr zuhause und alle Figuren sind im Himmel vereint. Mirlind strahlt dann vor Freude und greift zur Fernbedienung.

***

Von linken und rechten Ufern und allem, was sich auf ihnen befindet 

1. April 2026

(anstelle einer Oster-Reise nach Paris)

Wer am Ostern verreist, ist bekanntlich selber schuld. Im Geiste spart man nicht nur viel Geld, man vermeidet auch Stau und Wartezeiten, und sollte man trotzdem einmal ein Gepäckstück verlieren, ist in der Regel ausser ein paar Gedanken und Sätzen, die man sich leicht wieder zuschreiben kann, nicht viel verloren.

Wenn man in Paris auf der Pont des Invalides steht und in Richtung des fliessenden Wassers der Seine blickt, während man von seiner Frau (oder einer anderen Person, mit der man gerne reist) fotografiert wird, liegt das linke Flussufer links und das rechte Flussufer rechts.

Durch die praktische Konvention, dass mit Blick in Fliessrichtung eines Flusses das linke Ufer links und das rechte Ufer rechts liegt, in die angenehme Lage versetzt, mit  Ortskenntnissen anzugeben, die man gar nicht hat, weist man mit ausgestrecktem Arm mit der linken Hand nach links, während sich die rechte Hand auf das steinerne Brückengeländer stützt, und sagt: «Hier ist die Rive Gauche».  

Wenn die Strömung einmal so schwach wäre oder der Nebel so dicht, dass die Fliessrichtung mit blossem Auge von einer hohen Brücke aus nicht zweifelsfrei festzustellen wäre, kann man stattdessen einfach von der Quelle des Flusses her in Richtung seiner Mündung blicken. Von Paris bis zum Plateau von Langres, wo die Seine entspringt, sind es allerdings fast 250 km Luftlinie, und es ist deshalb einfacher, talabwärts zu schauen, um die Lage des rechten und linken Flussufers zu bestimmen.

Obwohl auch das nicht unbedingt weiterhilft. Wie sich – entgegen der übermütigen Redensart – nicht überall wo ein Wille ist, auch ein Weg finden lässt, ist auch nicht überall, wo ein Fluss ist, ein Tal. Oft gab es einmal ein Tal, das vom Wasser des Flusses gegraben wurde, ein Kerbtal oder ein Sohlental, aber mit der Zeit sind viele dieser fluvialen Täler verschwunden, weil die Erosion die Hügel an ihren Flanken abgetragen hat, oder weil die Talebene so weit ist, dass es wirkt, als hätten sich die flankierenden Hügel schon vor langer Zeit vom Fluss getrennt.  

Es kommt aber auch vor, dass man in einem Gletschertal steht (einem sogenannten U-Tal oder Trogtal), das durch die Bewegung des Gletschereises entstanden ist, ganz ohne Mitwirkung eines Flusses, womit sich die Bestimmung des linken und rechten Ufers erübrigt. Auch tektonische Täler, die entstehen, wenn sich die Erdkruste nach dem Aufstehen streckt und Teile dazwischen absinken, kommen ganz ohne Flüsse aus und die Uferbestimmung ist somit ebenso wenig ein Thema wie bei durch das Einstürzen unterirdischer Hohlräume entstandenen Einsturztälern, falls man sich in einem Karstgebiet aufhält, ohne es zu wissen.   

Die Unterscheidung von rechts und links wird im Kindesalter erlernt. Trotzdem ist es auch mit weit über sechzig Jahren noch verwirrend, wenn man sich auf der Invalidenbrücke umdreht und das Wasser kommt einem entgegen und das Rive Gauche liegt nun plötzlich rechterhand.

Ein Cousin von mir, der lange in Zürich als Zoowärter gearbeitet hat, vielleicht sogar heute noch arbeitet, hat zur Bestimmung des Geschlechts von Zebras empfohlen, sich hinter das Tier zu stellen. Ich habe das nie wirklich begriffen, habe es aber, ehrlich gesagt, auch nie ausprobiert. Man kommt ja auch nicht ohne Weiteres in ein Zebragehege.

Die linke und rechte Körperhälfte mit ihren jeweiligen Körperteilen werden anatomisch aus der Sicht des Individuums beschrieben, das – wie im Beispiel – auch ein Zebra sein kann. Man spricht deshalb von einer egozentrischen Sicht (wobei mir nicht bekannt ist, dass Tiere egozentrisch wären). Die Übertragung dieser Sichtweise auf die Körper anderer Personen, erfordere einen weiteren Lernschritt, so lese ich, und möchte gleich ergänzen «…und auf Tiere, zum Beispiel Zebras».

Wie das Zebragehege im Zürcher Zoo nur einen Teil des ganzen Zoos ausmacht, der seit meiner Kindheit massiv vergrössert wurde, umfasst die Rive Gauche nur diejenigen Teile von Paris, die südlich der Seine, also – wenn wir in Richtung von Le Havre schauen und uns Le Havre kurz vorstellen – links liegen (ausser wir bewegen uns gerade flussaufwärts). Rive Gauche umfasst somit das alte Zentrum der Stadt mit dem Quartier Latin und den Vierteln Germain-des-Prés und Montparnasse, nicht aber die Randgebiete im Südwesten und Südosten der Stadt, die lieber für sich bleiben.  

Auch Nebenflüsse oder Zubringer werden auf diese Weise in linke oder rechte Flüsse benannt und bei Seen werden die Ufer nach der Abflussrichtung in ein rechtes und linkes Ufer eingeteilt, wobei bei einer Seeumrundung schwer feststellbar ist, wo man das linke Seeufer verlässt oder ob man das rechte schon betreten hat.  

Auch bei Tälern wirkt sich die linke und rechte Seite in Fliessrichtung des Talgewässers aus, indem man von linken Hängen oder rechten Gipfelgraten spricht. Bei einem Gletschertal oder bei tektonischen Tälern, ganz zu schweigen von Einsturztälern, die alle ohne Flüsse entstanden sind, kommen die Hänge und Grate ohne Richtungsbezeichnung aus. Ein Hang ist da ein Hang, ein Berggrat ein Berggrat.  

Das Einzige, was sich überall gleichbleibt, ist, dass auf der gegenüberliegenden Seite, je nachdem, aus welcher Richtung man gerade kommt, alles anders ist, oft sogar  umgekehrt.

Die Konvention, die Ufer und alles, was sich auf ihnen befindet, in Fliessrichtung der Flüsse in links und rechts zu unterteilen, wurde im deutschen Sprachraum Anfang des 18. Jahrhunderts erstmals angewandt. Sie löste die bis dahin gebräuchlichen diesseits und jenseits ab. Der Vorteil von links und rechts sei, hiess es damals, dass wenn jemand in Leipzig sagte, die Stadt Mainz liege jenseits des Rheins, diese Aussage für jemanden in Strassburg schwer verständlich war. Es sei deshalb vor der Festlegung des linken und rechten Ufers gemäss Fliessrichtung des Flusses immer darauf zu achten gewesen, wo sich der Verfasser der Geschichte gerade aufhielt.  

Dem wäre anzufügen, dass es auch unter Anwendung der neuen Konvention zuweilen verwirrend sein kann, wenn etwa die Rive Gauche plötzlich auf der rechten Seite ist, wie bei unserer Reise nach Paris. Am einfachsten wäre es vielleicht, wenn man sich nicht dabeihätte. Es gäbe dann nur die Seine mit ihrer Fliessrichtung von der Quelle zur Mündung, ihr Wasser, das unter der Invalidenbrücke hindurchfliesst, und die Rive Gauche da, wo sie hingehört, auf der linken Seite. Niemand auf der Pont des Invalides, der sich umdrehen und verwirrt sein könnte.     

Oh je, nun sind wir, so scheint mir, entgegen meiner einleitenden Behauptung, auf unserer geistigen Reise doch noch irgendwie in einen Stau geraten, und das tut mir aufrichtig leid. Vielleicht liegt es daran, dass der Fluss meiner Gedanken mäandert – ähnlich wie die Seine in ihrem Unterlauf in der Normandie, wo sie grosse Talschleifen gebildet hat, um die sich die Schiffe mühen, ohne gross vorwärts zu kommen.

Vielleicht sind meine Gedankenflüsse aber auch nur auf einer bestimmten Länge schiffbar, und irgendwann müssen die Lesenden an Land, um wieder festen Boden unter den Füssen zu haben, egal auf welchem Ufer.     

(Frohe Ostern!)

Schreib über mich!

27. März 2026

(vom Erkennen)

«Schreib über mich.»

«Wie bitte…?»

«Schreib über mich!»

«Was soll ich denn schreiben? Ich weiss nichts über Dich.»

«Erfinde etwas. Oder erinnere Dich.»

Sagte es, und verschwand im Strom der Menschen, die an diesem strahlenden Vorfrühlingstag beim Mythenquai dem See entlang flanierten, tauchte unter in der Menge, im Stimmengewirr, im Nichts, aus dem sie gekommen war.

Es war lange kalt gewesen. Noch am Vortag lagen die Temperaturen bei drei Grad. Und dann so ein Tag, als wäre man mit einem Schlag mitten im Frühling angelangt, als wollten alle Knospen zusammen aufgehen, jetzt, sofort, als würde die Welt mit einem Mal zu tanzen und hüpfen beginnen, als seien alle Schlafenden zusammen aufgewacht und niemand, überhaupt niemand hätte es noch drinnen ausgehalten, alle drängten gleichzeitig raus ins Freie, in die Sonne, in ihr neu erwachtes Leben.

Schreib über mich, hatte sie gesagt. Unvermittelt hatte sie sich vor mir aufgebaut wie eine Zöllnerin am Grenzübergang in ein mir unbekanntes Land. Sie versperrte mir den Weg und sagte: Schreib über mich!

Woher wusste sie, dass ich schreibe? Ging sie davon aus, dass sie irgendjemanden aus der flanierenden Menge ansprechen konnte, eine zufällige Passantin, einen beliebigen Spaziergänger, weil heute fast jeder und praktisch jede irgendwann schreibt?

Was soll ich denn schreiben? hatte ich gefragt, Ich weiss nichts über Dich.

Erfinde etwas, hatte sie geantwortet. Dann hatte sie auf dem Absatz kehrt gemacht und kurz bevor sie in die Menge abtauchte, drehte sie sich noch einmal halb zu mir um und rief mir über die Schulter zu:

«Jetzt hast Du bereits einen ersten Dialog für meine Geschichte.»

«Das ist kein Dialog», rief ich ihr nach, «Das ist ein Wortwechsel…».

Dann war sie weg.

Ich schaute mich um.

«Wir kennen uns nicht» sagte ich zu einem älteren Mann, der stehengeblieben war und mich mit strengem Blick musterte.   

«Schämen Sie sich» sagte er, und wandte sich von mir ab, und eine junge Frau in einem roten Mantel, die offenbar die ganze Zeit direkt hinter mir gestanden hatte, fügte an: «Jawohl, schämen Sie sich. So geht man nicht mit seiner Freundin um!»

«Also…» sagte ich, «…spinnt ihr jetzt alle? Ich kenn die Frau doch gar nicht.»

Ich ging weiter. Wenn ich hier noch länger stehenbleibe, befürchtete ich, werden sie mich festnehmen und über mich zu Gericht sitzen. Zwei Jahre bedingt wegen mutwilliger Vernachlässigung einer Unbekannten, ein Rayonverbot an Wochenenden für das untere Seebecken, dazu eine Ordnungsbusse wegen Verursachung eines Volksauflaufs an einem sonst so sonnigen Sonntag (so-so, so-so!) plus natürlich die Anwalts- und Verfahrenskosten sämtlicher involvierter Parteien.

Was hatte diese Frau von mir gewollt? Warum sollte ich über sie schreiben? Und was? Wollte sie, dass ich ihr ein Leben erfinde? Ein kurz gefasstes, hätte ich ihr gesagt, wenn wir die Zeit gehabt hätten, ihren Auftrag zu besprechen, kriege ich vielleicht hin. Ich kann kurze Texte schreiben. Für ein ausführlich erzähltes Leben bin ich definitiv nicht der Richtige. Das endet bei mir unweigerlich als Anfang in der Schublade bei meinen anderen Anfängen. Soll aus Ihnen ein Anfang in meiner Schublade werden, der nie seine Mitte findet, obwohl er ein Ende wüsste? Das kann nicht Ihr Wunsch sein, oder? Wo rennen Sie hin? 

Oder erinnere Dich, hatte sie gesagt. Erfinde mich, oder erinnere Dich.

Läuft es am Ende nicht auf dasselbe hinaus? hätte ich Sie gefragt, wenn wir die Gelegenheit gehabt hätten, ihren Wunsch zu besprechen. Erinnerungen erfinden wir ja auch, je phantasievoller, desto weiter sie zurückliegen.

Kannte ich sie womöglich? Ich hatte keinerlei Erinnerung an sie. Sah sie jemandem ähnlich, den ich einmal gekannt hatte? Mir fiel keine Frau ein, an die sie mich hätte erinnern können. Hatte sie sich mit den Jahren so stark verändert, dass ich sie nicht mehr erkannte? Wahrscheinlich würde ich mich auch nicht mehr erkennen, wenn ich mich so lange nicht gesehen hätte. Hatte die Zeit sie unkenntlich gemacht für mich? Hatten sich die Jahre über sie gelegt wie Herbstblätter über einen Schlüsselbund, der einem beim Spazieren aus der Hosentasche gefallen ist, als man ein Taschentuch hervorkramte? Hatte ich sie absichtlich vergessen? Und woher kam all das Laub im März?  

Konnte man Menschen, die man einmal gekannt hatte, vielleicht sogar gut, ganz vergessen, aus Nachlässigkeit oder weil man sie vergessen wollte? Wer war sie für mich, als ich sie noch erkannte, weil ich sie zu kennen glaubte, und wer wurde sie, als ich sie vergass?

Hatte sie mich auch vergessen, dann aber wieder erkannt, als wir uns in der Menge über den Weg liefen? War es ein einseitiges Wiedererkennen? Und wenn wir uns wirklich gekannt hatten, wieso sollte ich dann über sie schreiben? Hätte sie dann nicht eher gefordert (denn das war es, eine Forderung, kein Wunsch), dass ich über uns schreibe? Über das, was damals zwischen uns nicht weitergehen konnte? Wegen mir?

Was für Unsinn rede ich da. Es konnte nichts gewesen sein zwischen uns. Dafür war sie viel zu jung, jetzt jedenfalls, und ich vermute, sie war es schon damals. Sie war maximal so alt wie meine Töchter, die damals, wenn es dieses damals wirklich gab, noch gar nicht geboren waren.

Ich trank auf dem Bauschänzli noch einen Kaffee und ging dann nachhause. Ich schaute die Sportschau und blieb danach beim Rumzappen bei einem alten Film mit Buster Keaton hängen. Ich wunderte mich, dass solche Filme immer noch ausgestrahlt werden, aber ja, es ist wahr: Die Trauer auf seinem Gesicht ist nicht zu überbieten.

In den nächsten Tagen und Wochen war ich sehr beschäftigt. Ich arbeitete viel, ohne zu wissen, woran, und an den Abenden traf ich mich mit niemandem. Ich las ein langes Buch von John Irving, in dem der Teufel Gott unter die Arme greift, und ging trotzdem früh zu Bett. Ich war im Begriff, die Frau, die sich mir unvermittelt in den Weg gestellt hatte, zum zweiten Mal zu vergessen, sollte ich sie wirklich einmal gekannt haben. Die seltsame Begegnung mit ihr trat immer mehr in den Hintergrund meines Bewusstseins. Länger werdende Schatten legten sich auf das Mythenquai und am Bürkliplatz wurden die Geleise erneuert, wieder einmal, bevor es, kurz darauf, wie mir schien, zum ersten Mal schneite, aber ich kann mich natürlich irren. Der Roman hatte mehr als 300 Seiten.  

Als ich sie fast restlos vergessen hatte, stand die Frau ein zweites Mal vor mir. Diesmal am Anfang des Rennwegs, wenn man von der Oetenbachgasse herkommt. Ich erkannte sie sofort. 

«Was machst Du denn für ein Gesicht?», fragte ich.

«Du hast mich falsch erfunden», antwortete sie, derweil ich mich wunderte, wie stark sie seit unserer letzten Begegnung gealtert war.  

«Das tut mir Leid» sagte ich. «Soll ich es noch einmal versuchen?»

«Nein» sagte sie, mit einer Bestimmtheit, die keinen Zweifel daran liess, dass das unsere letzte Begegnung war. Dann entfernte sie sich in Richtung St. Peter Kirche.  

Ich schaute ihr nach, bis sie ausser Sichtweite und, ich war mir sicher, aus meinem Leben verschwunden war. Als ich weitergehen wollte, stolperte ich über eine Einkaufstasche. Sie musste sie stehen gelassen haben.

Sie enthielt eine blaue Wolljacke von PKZ. Ich weiss bis heute nicht, wem ich sie schenken soll.

Dinge über Pia

17. Januar 2026

(Beobachtungen zu Ohrläppchen und ihrem Zusammenhang mit dem Auftauchen von  Erinnerungen)

An der Nordstrasse in Zürich-Wipkingen gibt es eine kleine Confiserie, hinter der sich ein Durchgang in die frühen Sechzigerjahre befindet. Das wissen aber die allerwenigsten Leute, wenn es ausser mir überhaupt jemand weiss.

Viele fahren hier jeden Tag mit nur noch 30 Stundenkilometern vorbei und es ist, obwohl es ihnen unendlich langsam vorkommt und sie damit drohen (wem, ist nicht ganz klar), eines Tages am Steuer einzuschlafen, immer noch zu schnell, als dass ihnen irgendetwas auffallen könnte.

Die meisten bemerken nicht einmal die kleine Confiserie mit den drei Treppenstufen, der verglasten Eingangstür und dem schmalen Schaufenster mit dem rosa gestrichenen Rahmen.

Aus Distanz betrachtet könnte es auch ein Änderungsschneider sein, oder einfach ein schmucker Hauseingang. Es ist aber eine Confiserie, von deren Existenz nur die Glücklichen wissen. Auch von ihnen, so vermute ich wenigstens, die hier – je nach Saison – Profiteroles, Blätterteigpastetli oder Osterkuchen kaufen, hat kaum je einer den Durchgang gefunden. Dabei ist er an Tagen, an denen er geöffnet ist, nicht besonders schwierig zu entdecken.

Wenn man unter dem Jugendstil-Kronleuchter steht und den Confiseur, einen freundlichen alten Mann, nach Saint-Honorés fragt, kann man hinter ihm den Durchgang zu seiner Wohnung sehen. Direkt hinter dem Durchgang hängt ein Spiegel im Flur an der Wand. Dieser Spiegel führt in die frühen Sechzigerjahre, und man braucht dazu nicht einmal Madeleines zu essen.

Es ist nun nicht so, dass ich besonders aufmerksam wäre und den Durchgang deshalb entdeckt hätte. Ich bin nicht dafür bekannt, Dinge zu sehen oder zu finden, die sonst keiner sieht und findet. Im Gegenteil, ich gehöre eher zu denen, die Dinge übersehen und verlieren, und wenn ich ab und zu einen Moment lang glaube, ich hätte etwas erfunden, stellt sich im nächsten Augenblick heraus, dass es schon Hunderte vor mir erfunden haben.

Dass ich den Durchgang in die frühen Sechzigerjahre gefunden habe, hat allein damit zu tun, dass ich in den letzten Jahren viel Zeit in Augenkliniken zugebracht habe und dabei immer wieder aufgefordert worden bin, auf das linke Ohr des behandelnden Augenarztes (in Ankara ein Arzt, in Wien eine Ärztin, in Zürich ein Arzt) zu schauen, während er (dann sie, dann wieder er) mit Hilfe einer blendend hellen Spaltlampe mein Auge untersucht hat.

Irgendwann ist es mir dann zur festen Angewohnheit geworden. Ich schaue meinem Gegenüber während wir reden früher oder später unaufgefordert auf das linke Ohr. Nicht andauernd natürlich, ich starre das linke Ohr nicht an. Ich will es nicht in Verlegenheit bringen.

Ich behalte den Augenkontakt mit der Person, mit der ich spreche, aber zwischendurch schaue ich immer wieder auf das linke Ohr, womit ich möglicherweise – aber bestimmt ohne jede Absicht – den Eindruck erwecke, ich würde mich für die Vielfalt der Formen von Ohrläppchen interessieren.

Einmal hat mich eine Schuhverkäuferin, der aufgefallen sein muss, wo ich während unserem Gespräch über Turnschuhe hinschaute, begeistert gefragt, ob ich auch Ohrläppchen studiere. Sie glaubte in mir einen Gleichgesinnten gefunden zu haben.

„Was soll ich studieren?“

„Ohrläppchen. Lobulus auriculae...“

Und als sie meinen leeren Gesichtsausdruck sah, fügte sie mit einem verschwörerischen Unterton an:

„Seth Weinberg und die 49 Gene…“

Blank…

„Sagt Ihnen nichts?“

„Nein, tut mir Leid. Haben Sie die in Grösse 44?“

Natürlich habe ich das zuhause nachgelesen. Ich wollte kein zweites Mal so unwissend in einem Schuhgeschäft stehen.  

Lange war man offenbar davon ausgegangen, dass die Form des Ohrläppchens, ob freihängend oder angewachsen, von einem einzigen Gen bestimmt wird.  

Der Inder Pratap Dutta hat dann 1963 zuerst „A Note on the Ear Lobe” und danach “Further Observations on Ear Lobe Attachment” publiziert und dabei nachgewiesen, dass Eltern mit angewachsenen Ohrläppchen auch Kinder mit freihängenden Ohrläppchen haben können. Es war eine Befreiung.

2017 bewies ein von Seth Weinberg geleitetes Forschungsteam an der Universität von Pittsburgh mittels einer Studie an fast 75‘000 Probanden aus aller Welt, dass mindestens 49 Gene Einfluss darauf haben, ob das Ohrläppchen hängt, angewachsen ist oder irgendetwas dazwischen.  

Fünf Jahre später, an einem sonnigen Mittwoch im September 2022, ich hatte den Confiseur gerade nach Saint-Honorés gefragt, schaue ich also auf sein linkes Ohr und daran vorbei, weil sich im Spiegel, der im Flur hinter der Confiserie hängt, etwas bewegt hat.

Es sieht so aus, als wäre der Spiegel flüssig und eine sanfte Welle würde ihn von unten nach oben durchwandern.  

***

Ich war an jenem Tag, als ich den Wasserspiegel entdeckte, zum ersten Mal seit meiner Gymnasialzeit wieder durch die Nordstrasse gefahren. Ich half meiner jüngeren Tochter beim Einzug in eine kleine Wohnung in einer Seitenstrasse der Nordstrasse, und wir hatten in ihrer alten Wohnung ein paar Kartons mit Hausrat geladen.

Als wir durch die Nordstrasse fuhren, sagte ich zu meiner Tochter: „Siehst Du die pinke Tür und das Schaufenster? Das ist eine Confiserie. Kaum zu glauben, dass sie noch existiert.“

„Warum sollte sie nicht mehr existieren?“, fragte meine Tochter.

„Weil mir meine Tante Pia, als ich ein kleiner Junge war, hier Süssigkeiten gekauft hat. Das war Anfang der 60er-Jahre. Ich war 5 oder 6 Jahre alt. Die kleine Confiserie wirkte schon damals wie aus einer anderen Zeit und heute gehört sie eigentlich in ein Märchenbuch. Tante Pia wohnte damals hier an der Nordstrasse. Von ihr stammt die Geschichte von Barry, die ich euch einmal erzählt habe. Erinnerst Du Dich?“

„Nicht gerade, nein… hilf mir auf die Sprünge“, sagte meine Tochter.

„Barry war der Familienhund, als Tante Pia im Aargau aufwuchs. Als die Familie Konrad nach Zürich in eine kleine Stadtwohnung in Albisrieden zog, konnten sie Barry nicht mitnehmen. Sie beluden einen kleinen Lastwagen mit ihrem Hausrat und fuhren nach Zürich. Ich erinnere mich nicht, bei wem sie Barry zurückliessen. Bei einem Nachbarn? Auf jeden Fall blieb Barry nicht dort, wo sie ihn zurückgelassen hatten. Barry riss aus und stand eines Tages vor dem Miethaus in Zürich, wo die Konrads seit zwei Wochen wohnten. Wie er es gefunden hatte, konnte man sich nicht erklären, und ob er bleiben durfte, habe ich vergessen. Ich will nichts anderes glauben als ja.“

„Doch, das hast Du uns schon einmal erzählt“, sagte meine Tochter, „Es ist eine schöne Geschichte.“

„Ja, das ist es. Ich weiss nur nicht, ob sie Tante Pia wirklich erlebt hat.“

„Was meinst Du?“

„Ich bin sicher, sie wird in vielen Familien erzählt. Ob sie in allen von einem Familienmitglied erlebt wurde, ist eine andere, im Gunde genommen völlig irrelevante Frage, weil sie der Schönheit der Geschichte nichts hinzufügt und ihr nichts wegnimmt. Vielleicht war Barry genau genommen nicht Tante Pias Hund, aber Tante Pia war genau genommen auch nicht meine Tante, sondern die Tante meiner Mutter.

Das war mir als Kind aber nicht bewusst, und es hätte auch keinen Unterschied gemacht. Tante Pia war unser aller Tante Pia, auch mein Vater, der ihr einst (Kraft seines Amtes als mein Vater) den Titel des Familien-Pabstes verliehen hatte, nannte sie Tante Pia, obwohl sie nicht seine Tante war.

Den Titel hatte er ihr verliehen, weil sie gegen die Heirat meiner Eltern war. Unsere Mutter, eine Konrad, war Katholikin, und Tante Pia opponierte gegen ihre Heirat mit meinem protestantischen Vater. Sie kam nicht an die Hochzeit und unsere Mutter soll deshalb am Hochzeitstag geweint haben.

Tante Pia war die Schwester meines früh verstorbenen Grossvaters. Ob die jüngere oder die ältere kann ich nicht sagen. Das lässt sich nicht mehr mit Sicherheit eruieren, weil man niemanden mehr fragen kann, der es wüsste.

Einmal im Jahr, um die Weihnachtszeit, nahm Tante Pia meine Schwester Marianne und mich mit ins Bernhardtheater oder ins Metzenthin Theater.

Diese Theaterbesuche waren jeweils ein Ereignis für uns, denn wir gingen nicht ins Theater mit unseren Eltern. Wir gingen auch nicht ins Kino, an Konzerte oder an Sportanlässe. Genau genommen gingen wir nirgendwo hin, ausser ab und zu in die Berge.  

Wir hatten den Garten und den Sandhaufen und den Birnbaum hinter unserem Haus und die stetig um- und ausgebaute Baumhütte auf dem Birnbaum (unser Vater sagte einmal, der Birnbaum hätte mehr Nägel als Äste).

Wir hatten den Bauernhof unten an der Michelstrasse und die Kuhweide hinter dem Haus. Wir hatten den Wald hinter der Hügelkuppe, wir hatten die Pfadfinder im Wald, deren Schnitzeljagden wir regelmässig in die Irre leiteten, und wir hatten den Club der Schwarzen Masken – wir hatten alles, was wir für eine glückliche Kindheit brauchten.

Tante Pia hatte fünf Freunde. Vielleicht hatte sie mehr als fünf, aber es gab fünf, von denen wir Kinder wussten, sofern es sich nicht um ein und denselben handelte, was sich wie so vieles nicht mehr klären lässt.   

Der erste hiess Werner. Mit ihm ging sie in die Oper. „Gestern war ich mit Werner in der Oper“, würde sie uns auf dem Weg ins Bernhard Theater sagen. „Sie haben Tosca von Verdi aufgeführt.“

Meine Schwester und ich, sauber gekleidet links und rechts an ihrer Hand gehend, neigten uns vor und schauten uns fragend an ihrem Rock vorbei an. Wir wussten nicht, was eine Oper war, und auch diesen Fredi, der Tosca verführt hatte, was immer das auch heissen mochte, kannten wir nicht. Wovon sie wohl sprach?

Mit ihrem zweiten Freund ging Pia wandern. Erstaunlicherweise hiess auch er Werner. „Werner und ich waren letztes Wochenende auf der Rigi, Kinder. Wart ihr auch schon auf der Rigi?“ Wir sagten nein, weil es stimmte, wir waren noch nie auf der Rigi, obwohl wandern eines der Dinge war, die wir (neben Eile mit Weile spielen) regelmässig mit unseren Eltern taten.

Das war dann aber eher in den Flumserbergen oder im Bündnerland, und die Begeisterung meiner Schwester für das Familienwandern hielt sich in Grenzen, weil fast auf jeder Wanderung unweigerlich der Moment kam, wo ich in einen Bergsee oder einen Bergbach fiel und sie mir einen Teil ihrer Kleider abgeben musste, damit ich nicht nass nachhause wandern musste.

Der dritte Werner war der Werner für Konzerte. Tante Pia ging mit ihm in die Zürcher Tonhalle und ab und zu reiste sie mit ihm bis nach Leipzig oder Wien, wo sie zusammen den dortigen Philharmonikern zuhörten. „Werner und ich haben die Philharmoniker gehört“, sagte Tante Pia dann. Und man konnte ihr ansehen, dass es ihr gefallen hatte.

Marianne und ich vermuteten, dass es sich um den selben Werner handeln könnte, mit dem Tante Pia die Oper besuchte. Das würde doch passen, oder nicht? Der Musikwerner.

„Ist der Konzertwerner eigentlich der selbe wie der Opernwerner?“ fragte ich Tante Pia einmal, aber sie lachte nur (sie hatte ein helles Lachen, das ihr, wenn sie länger lachte, Tränen in die Augen drückte) und sagte „Du hast eine blühende Phantasie, Walterli.“

Ich verstand das als Nein und ging in der Folge davon aus, dass jeder Werner sein eigener Werner war, ausser natürlich dass sie alle fünf Pias Werner waren. Ich stellte jedenfalls keine Fragen mehr.

Mit dem vierten Werner ging Tante Pia in den Zoo und am See spazieren. Sie schien ihn nur im Sommer zu sehen. Wo er sich in den anderen Jahreszeiten aufhielt, war unbekannt.

Der fünfte und letzte uns bekannte Werner war der Werner für Café-Besuche. Ihn erwähnte Tante Pia etwa, wenn sie uns vor dem jährlichen Theaterbesuch zu Honold am Rennweg mitnahm, wo wir uns etwas Süsses, wie sie es nannte, aussuchen durften. „Diese Erdbeertörtchen sind köstlich“, sagte sie, um uns von der Qual der Wahl zu befreien, „Werner hat mich letztes Mal von seinem kosten lassen“.

Die mit Abstand besten Süssigkeiten aber gab es in der kleinen Confiserie an der Nordstrasse, nicht weit von Tante Pias Wohnung, in der sie mit ihrer Mutter (unsere Urgrossmutter) lebte, einer kleinen alten Frau, stets mit einer Wolldecke auf den Knien.

Wenn wir sie mit Mutter besuchen gingen, nahm uns Tante Pia jedes Mal, während Mutter mit ihrer Grossmutter Tee trank, mit in die kleine Confiserie, die damals noch von einer Frau geführt wurde.

All diese Dinge kamen mir wieder in den Sinn, als ich am Tag des Umzugs meiner Tochter mit ihr in die kleine Confiserie trat und am Ohr des Confiseurs vorbei den Spiegel im Flur sah, in dem sich etwas bewegte.

Ich ergriff die Hand meiner Tochter, aber sie war plötzlich gross und meine Hand sehr klein.

Die Staffelei

9. September 2025
Den Maler entdecken 
Ich bin noch nicht so weit wie Wallanders Vater, der immer wieder dasselbe Bild malt (schwedische Stillleben, mit oder ohne Auerhahn), aber wenn ich die Zeichnungen betrachte, die ich seit meiner Pensionierung vor zweieinhalb Jahren mit Pastellkreide angefertigt habe, muss ich einräumen, dass die Anzahl meiner Sujets überschaubar ist. Landschaften mit Bäumen und Wiesen, wenn möglich ein Haus oder ein Schopf, vielleicht eine Strasse, ab und zu ein Meeresstrand, und darüber – ob Meer, Wald oder Wiese - möglichst viele dunkle und ein paar helle Wolken. Ganz selten einmal ein Mensch, festgehalten beim Versuch, aus dem Bild zu schreiten.

Angefangen hatte alles damit, dass mein jüngerer Sohn ein Bild von mir wollte für seine neue Wohnung. Etwas mit Bäumen, wünschte er sich, und brachte mich damit in Verlegenheit. Ich hatte in den letzten Jahren nur noch grossformatige Portraits meiner Frau gemalt, Öl auf Leinwand. Bäume? Das traute ich mir mit Öl nicht zu. Mir kam aber in den Sinn, dass ich im Boesner in Berlin einmal eine grosse Schachtel Pastellkreiden gekauft und nach einem missratenen Versuch nie mehr angerührt hatte. Vielleicht liessen sich Bäume ja mit Kreide zeichnen?

In unsere Wohnung in Regensdorf, Manhattan, sehe ich aus dem Fenster meines Arbeitszimmers die von der Strasse abgewendete Seite des Häuserblocks, in dem sich in den unteren beiden Stockwerken ein Pflegeheim um alte Menschen kümmert, von denen viele an Alzheimer leiden. Man sieht sie manchmal auf ihren Balkonen im ersten Stockwerk oder auf der Terrasse im Parterre vor ihren Zimmern sitzen. Einige lesen, andere sitzen nur da und machen den Eindruck, als hätten sie zu warten aufgehört.
Besuch kriegen sie selten, jedenfalls wenn sie draussen sitzen. Und wenn mal welcher da ist, ist es deprimierend, zu hören, wie die Besucher mit ihren Vätern, Müttern, Tanten oder Onkeln reden. «Wieviel Zeit ist es auf Deiner Uhr? 11 Uhr 30? Schau her, auf meiner Uhr auch – wir haben die gleiche Zeit!» Abgesehen davon, dass das nicht stimmt, ist es demütigend, so mit jemandem so zu sprechen. Ich muss dann jeweils mein Fenster schliessen.

Gestern Nachmittag habe ich während dem Zeichnen aus dem Fenster geschaut und schräg unten im Parterre (wir wohnen im 4. Stockwerk) einen Mann entdeckt, der mit dem Rücken zu mir vor einer leeren Staffelei stand, das linke Bein leicht abgespreizt, den rechten Arm in die Hüfte gestützt und die linke Hand in der Hosentasche. Er stand da und betrachtete eine leere Staffelei.
Er trug einen roten Pullover mit einer Aufschrift auf dem Rücken, die ich nicht lesen konnte, eine schwarze Hose und eine schwarze Baseballmütze. Nachdem er eine ganze Weile so dagestanden hatte, ging er um die Staffelei herum zu einem kleinen Tisch und trank aus einer Tasse (einen Schluck Kaffee?), dann stellte er sich wieder vor die Staffelei, mit dem Rücken zu mir, und betrachtete sie.

Die Zeilen vollschreiben
Noch am selben Abend schrieb ich ein Gedicht über den Mann mit der Staffelei, und etwas später einen Haiku. Während Haikus von ihrem Versmass versiegelt sind (keiner käme je / auf die Idee, noch etwas / dazu zu schreiben), werden bei Gedichten, wie Lettau uns lehrte, die Zeilen nicht vollgeschrieben. Links und rechts Luft schützt vor Fabel.
Während ich die vorliegenden Zeilen links und rechts vollschreibe, dämmert mir, was er gemeint haben könnte damit. Kaum ist der Schutz aus Luft weg, beginnt das Fabulieren.

Als ich nach dem Schreiben des Gedichts aus dem Fenster geschaut hatte, war die Staffelei verschwunden. Der Mann im roten Pullover sass an seinem kleinen Tisch während es dunkelte. Etwas später, als ich den Haiku geschrieben hatte und den Kopf wieder hob, war es dunkel und auch der Mann war verschwunden.

Am nächsten Morgen, als ich nach dem Frühstück zu zeichnen begann, stand er wieder auf der Terrasse vor seinem Zimmer und hantierte, so glaubte ich zu erkennen, in leicht gebückter Haltung mit einem Mobiltelefon. Die Staffelei war nicht zu sehen, aber das Bild, wie er am Tag zuvor lange vor der leeren Staffelei gestanden hatte, ging mir nicht aus dem Kopf.
Was hatte er gesehen, als er die leere Staffelei betrachtete? Seine Haltung war die eines Mannes, der ein Bild betrachtet. Er betrachtete es lange, dann stellte er die Staffelei wieder in sein Zimmer.

In den nächsten Tagen erschien der Mann im roten Pullover nicht auf der Terrasse vor seinem Zimmer. War er krank? Als ich am späten Nachmittag des dritten Tages ohne Maler mit den Hunden einen langen Spaziergang machte, glaubte ich für einen Moment, ihn zu sehen, obwohl ich mir sogleich bewusst war, dass es äusserst unwahrscheinlich war, eigentlich unmöglich, ihn so weit (ich war schon über eine Stunde unterwegs) vom Pflegeheim entfernt anzutreffen. Ich hatte gerade den Kopf wieder gehoben, nachdem ich die Hunde von einer toten Maus weggezerrt hatte, als ich einen Mann mit einem roten Pullover und schwarzen Hosen um eine Wegbiegung verschwinden sah.

Als ich das Ende des Weges erreicht hatte und selber um die Biegung ging, um die er verschwunden war, sah ich ihn (sogar eine schwarze Baseballmütze trug er), wie er damit beschäftigt war, Holzscheite von einem Stapel auf die Ladefläche eines Anhängers zu werfen. Klong… klong… klong.., tönte es, wenn ein Scheit auf dem Blech der Ladefläche aufprallte. Er trug die gleichen Kleider wie mein Maler, aber er war es nicht. Als ich am Ende des Spaziergangs an der Terrasse des Heims vorbeikam, stand der Mann mit dem roten Pullover vor seinem Zimmer und wandte mir den Rücken zu.

Die Kuchenkarte spielen
Als ich am nächsten Tag in meinem Arbeitszimmer die Store hochzog, stand der Mann im roten Pullover wieder vor seiner leeren Staffelei - in genau gleicher Haltung, wie als ich ihn zum ersten Mal beobachtet hatte, als hätte er sich seither nicht vom Fleck bewegt. Es war der Tag, an dem meine Frau nachhause kommen würde – nach mehr als einem Monat bei ihrer Familie. Gleich beim Aufstehen hatte ich den Hunden gesagt, dass sie heute nachhause kommen würde. Aufgeregt rannten sie in der Wohnung umher und suchten nach ihr, ob sie vielleicht schon da sei.

Am Flughafen gab es das übliche Spektakel, bei dem meine Frau von den Hunden über den Haufen gerannt wird. Sie sind zwar klein, unsere zwei Hunde, aber ihre Aufregung und ihre Freude über ihre Rückkehr sind dermassen gross, dass meine Frau jedes Mal von ihrer Begrüssung überwältigt wird. Ich umarmte meine Frau, nachdem sie wieder aufgestanden war, und sagte ihr, wie froh ich war, dass sie wieder da sei. Ich musste mich beherrschen, nicht sofort zu sagen, was ich von ihr wollte. Aber meine Beherrschung hielt nicht lange an. Noch auf dem Heimweg sagte ich zu ihr:

«Ich glaube, das Pflegeheim braucht wieder einmal einen Kuchen.»
«Haben sie danach gefragt?»
«Nein,» sagte ich, «aber ich kann Dir sagen, warum. Es hat mit dem Mann mit der Staffelei zu tun.»
«Mit wem?»
«Hast Du das Gedicht und den Haiku in meinem Blog nicht gelesen?»
«Ach so, doch…. und er hat gesagt, er möchte einen Kuchen?»
«Nicht direkt, aber ich bin sicher, er möchte einen.»
«Dann werde ich dieses Wochenende einen backen.»

Es würde das dritte Mal sein, dass meine Frau einen ihrer berühmten Cheesecakes für das Pflegeheim backen würde. Aber das erste Mal, dass es ein Kuchen mit einem Hintergedanken war.

Die Utensilien besorgen
Als wir am Sonntag gegen drei Uhr nachmittags beim Pflegeheim klingelten (ich hatte wie die vorigen Male vorher angerufen, und unser Kommen mit Kuchen angekündigt), öffnete der Heimleiter persönlich.
«Das ist aber wirklich sehr nett von Ihnen, dass wir wieder so einen feinen Cheesecake erhalten. Unseren Bewohnern haben die letzten zwei wirklich geschmeckt.» Dann schmunzelte er und fügte an: «Und auch uns vom Team natürlich.»
«So soll es sein», sagte meine Frau.

Wir wurden zum Kaffee eingeladen und nach einer Weile fragte ich den Heimleiter nach dem Mann mit der Staffelei.
«Warum malt er denn nicht? Besorgt ihm seine Tochter keine Leinwände, Pinsel und Farben?
«Das ist nicht sein Tochter,» antwortete der Heimleiter. «Er hat keine Kinder. Das ist seine Galeristin.»
«Erst recht: wieso besorgt ihm seine Galeristin keine Malutensilien?»
«Ich weiss nicht, ob er wieder malen würde, wenn er welche hätte.» sagte der Heimleiter, während er sich ein zweites Stück vom Cheesecake abschnitt. «Ich bin nicht einmal sicher, ob er noch weiss, was man mit einer Staffelei macht. Er leidet an einer schweren Demenz und...»
«Unsinn!» unterbrach ich ihn. «Ich fahre morgen zu Boesner. Ich brauche Einlagen und Rahmen für meine Zeichnungen. Darf ich ihn mitnehmen?»

Es war nicht ganz einfach, den Heimleiter dazu zu bewegen, den Maler für ein paar Stunden in meine Obhut zu geben, aber schliesslich willigte er ein, und so kam es, dass ich am Montagmorgen mit dem Maler als Beifahrer den Hügel hinauf nach Höngg fuhr, durch den Wald vorbei am Restaurant Grünwald, dann runter zum Frankental und von da zur Europabrücke und schliesslich in Altstetten links abbog zu Boesner.

Während der Fahrt sprach ich zu ihm, aber entweder hörte er mich nicht oder er hatte keine Lust, mir zu antworten. Bei Boesner angekommen, parkierte ich und stieg aus. Ich ging um den Wagen herum und öffnete die Beifahrertüre, aber der Maler machte keine Anstalten, auszusteigen. «Hier gibt es Farben…» sagte ich zu ihm, «…und Leinwände, und Pinsel…», aber er blieb sitzen und versuchte, den airbag – Kleber mit dem Fingernagel seines Zeigefingers vom Armaturenbrett zu kratzen. Erst als ich es aufgegeben und seine Türe wieder geschlossen hatte, hörte ich, als ich um den Wagen ging, wie er die Türe öffnete und sah, wie er ausstieg.

In der Hoffnung, dass er sich für irgendetwas interessieren würde, ging ich mit ihm langsam die verschiedenen Regale entlang, auf denen von Öl über Acryl, Wasserfarbe, Kunstharz bis Kreide sämtliche Medien zu finden sind, die das Künstlerherz begehrt. Aber nichts davon schien ihn zu interessieren. Ich gab ihm das eine oder andere in die Hand (vielleicht muss er es berühren, dachte ich), aber er gab mir alles, was ich ihm in die Hand legte, gleich wieder zurück. Schliesslich kaufte ich eine Leinwand, ein Set Ölfarben, ein halbes Dutzend Pinsel, Leinöl und Terpentinersatz.

Als wir vor dem Pflegeheim standen und warteten, bis uns geöffnet würde, hielt ich ihm den Boesner Sack hin. «Das ist für Sie…» sagte ich zu ihm. Er nahm den Sack entgegen, schaute ihn an, dann mich, dann gab er ihn mir wieder zurück und sagte «Ich will das nicht».
Der Heimleiter gab mir den leeren Kuchenteller und ich ihm den Sack mit den Malutensilien. «Falls er doch noch malen möchte…».

Ich hatte es verbockt. Ich war viel zu direkt. Ich war nicht behutsam genug. Ich hatte viel zu viel auf ihn eingeredet. Ich hatte ihn nicht einmal gefragt, ob er mitkommen wolle. Ich hatte ihm einfach ein Öl-Set gekauft, obwohl er vielleicht sein Leben lang nur gesprayt hatte. Mehr hätte ich kaum falsch machen können. Ich war enttäuscht von mir.
«Du hast es gut gemeint», sagte meine Frau.

Die Ausstellung organisieren
Ich schlief in dieser Nacht lange nicht ein, aber als ich endlich doch einschlief, träumte ich einen versöhnlichen Traum, den ich so gar nicht verdient hatte. Ich träumte, ich hätte eine Ausstellung für den alten Maler organisiert. In der Galerie seiner Galeristin, die zuerst den Boesner Sack auch nicht wollte, dann aber einsah, dass meine Idee wirklich gut war. In ihrer Galerie, einem mittelgrossen Raum ohne Fenster in der Altstadt von Grüningen, früher offenbar ein Stall, standen ein Dutzend leerer Staffeleien und an den Wänden hingen keine Bilder des Malers, jedes beschriftet (etwa «Mühle im Abendlicht», Öl auf Holz, oder «Wiese bei Regensberg», Pastell auf Papier). An einigen der leeren Staffeleien und unter den fehlenden Bildern an der Wand hatte es schon zu Beginn der Ausstellung rote Punkte als Zeichen, dass sie in Privatbesitz waren. Es gab Weisswein und meine Frau hatte drei grosse Cheesecakes gebacken. Sämtliche Bewohner des Pflegeheims waren da, einige hatten Familie mitgebracht, und auch das Personal war vollzählig erschienen. Die Stimmung war heiter und ausgelassen. «Der Kuchen ist vorzüglich!», rief der Heimleiter über alle Köpfe hinweg, und als ich gegen sieben Uhr vom Geplauder der Pflegefrauen erwachte, die jeden Morgen auf der Terrasse ihren Kaffee trinken, waren sämtliche Bilder verkauft.