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Mein Tod versucht’s in Ankara

23. März 2019

Ich hatte an diesem Tag lange gearbeitet. Sehr lange. Als ich endlich die Bürotür öffnete, stand der Tod vor mir. Kein Sensenmann wie im Kino. Ein Mann im dunklen Anzug, zwischen 30 und 40, soweit ich das im fahlen Restlicht des Flurs sehen konnte, sein Gesicht im Schatten, da ich das Licht in meinem Büro bereits gelöscht hatte.

Warum ich gleich wusste, dass es der Tod war und nicht ein Kollege, der ebenfalls länger geblieben war, oder ein Einbrecher, ein Terrorist? Es war der Tod. Man spürt das, wenn er vor einem steht.

Warum gerade jetzt? fragte ich ihn. Und warum holst Du mich im Büro ab und nicht zuhause im Bett, wenn ich schlafe zum Beispiel?

Weil Du die meiste Zeit Deines Lebens hier warst, antwortete er. Hier oder in einem anderen Büro. Und jetzt schliess die Türe ab, wir müssen gehen.

Er hatte eine angenehme Stimme. Ein wenig hell für den Tod vielleicht, aber angenehm. Eine Stimme wie ein Filmvater, der seinem Kind beim Schlafengehen etwas vorliest.
Liest Du mir noch etwas vor? fragte ich ihn, während ich die Türe hinter mir mit einem seltsamen Gefühl abschloss. War das jetzt wirklich das letzte Mal, dass ich diese Türe schliessen würde? Und sollte ich sie überhaupt noch schliessen? Hatte ich den Computer heruntergefahren?

Kann ich nochmal ganz kurz rein? fragte ich ihn. Ich bin mir nicht sicher, ob ich den Computer heruntergefahren habe…

Er legte mir die Hand auf die Schulter und im Halbdunkel bildete ich mir ein, dass ein Lächeln über sein Gesicht gehuscht war. Das ist nicht mehr wichtig, sagte er. Aber wenn es Dich beruhigt: Du hast ihn heruntergefahren. Auch den Bildschirm hast Du ausgemacht, wie Du es immer getan hast, und die externen Lautsprecher. Die Kerzen auf dem Adventskranz sind auch gelöscht, die Fenster sind zu. Alles in Ordnung also.         Wir können gehen.

Kann ich meiner Assistentin noch eine Notiz hinterlassen?. Es ist wegen einer Sitzung morgen… Es geht um ein Projekt, das ich geleitet habe. Die wissen sonst nicht, wie weitermachen. Es ist alles auf meinem Computer. Die kennen mein Passwort nicht. Kann ich es auf ein Post-it schreiben und es auf ihren Bildschirm kleben?

Nein, sagte der Tod. Dein Projekt ist nicht mehr wichtig. Sie werden ein neues beginnen. Komm jetzt.

Er ging voraus in Richtung Ausgang. Ich folgte ihm, wobei ich nur meine Schritte auf dem Marmorboden hören konnte. Als wir bei der Treppe angelangt waren, warnte ich ihn: Vorsicht, der Marmor ist hier sehr glatt. Man kann auf dieser Treppe leicht hinfallen (und sich den Hals brechen, dachte ich, vielleicht bricht er sich ja den Hals und ich bin noch einmal davongekommen…) und es hat einen losen Tritt.

Das war wirklich gefährlich. Ich wollte es immer mal dem Hauswart melden, er solle den losen Tritt endlich reparieren. Und es müsste doch möglich sein, Sensoren anzubringen, die das Licht anmachten, wenn man…

Zerbrich Dir den Kopf nicht, sagte der Tod. Es lohnt sich nicht. Die werden etwas unternehmen, wenn erst einmal einer richtig hinfällt. Und es wird einer richtig hinfallen. Schon bald.

Wer? Wer wird hinfallen?

Das musst Du nicht mehr wissen.

Gesichter aus meiner Belegschaft gingen mir durch den Kopf. Ich wünschte es keinem. Ich war froh, dass ich nicht entscheiden musste, wen es treffen würde. Ich würde überhaupt nichts mehr entscheiden müssen.

Er ging die paar Tritte hinunter und hielt mir die Schleusentüre auf. Danke, sagte ich.
Geh schon mal durch, ich muss die Innentüre mit dem Schlüssel schliessen.

Er trat durch die Aussentüre ins Freie und als ich mich zu ihm umdrehte, sah ich im Schein der Aussenlampe sein Gesicht. Es war ein sympathisches, gleichmässiges Gesicht, weder zu rund noch zu oval, mit einer mittelgrossen, geraden Nase. Seine Augen waren blau. Blau oder grau. Er war glattrasiert.

Das ist eine schöne Krawatte, hörte ich mich sagen. Wo kriegt man die?

Hast Du Angst? fragte er. Du musst keine Angst mehr haben.

Wohin gehen wir? fragte ich.

Nachhause, antwortete er.

Ich wohne gleich hier, neben der Botschaft. Das ist praktisch, weil der Arbeitsweg wegfällt, ich kann buchstäblich einmal hinfallen und ich bin im Büro und wieder zuhause. Die Kehrseite ist, dass es viel schwieriger ist, abzuschalten. In Riga zum Beispiel hatte ich eine halbe Stunde Fahrzeit vom Büro bis ich zuhause war. Ich hörte Musik, hing meinen Gedanken nach, freute mich auf den Feierabend. Warst Du schon einmal in Riga?

Keine Reaktion.

Mit «nachhause» meinst Du gar nicht mein Zuhause, nicht wahr?

Nein, sagte der Tod. Und ja, ich war schon in Riga. Ich war schon fast überall, wie Du Dir vielleicht vorstellen kannst.

Natürlich. Wie dumm von mir.

Wir hatten unterdessen den kleinen Vorplatz überquert und unter meinen Füssen knirschte der harte Schnee, der letzte Nacht gefallen war. Wenn ich tot sein soll, warum höre ich dann meine Schritte auf dem Schnee?, dachte ich.

Weil Du noch unterwegs bist, sagte der Tod.

Kannte er meine Gedanken?

Können wir noch kurz rein ins Haus? Kann ich mich verabschieden? Nur ganz kurz.       Es dauert nicht lange.

Kurz ist zu lange. Es tut mir leid, Walter. Du hast keine Zeit mehr.

Haben wir es wirklich so eilig? Du hast doch gerade gesagt, ich sei noch unterwegs.   Spielt es eine Rolle, ob ich zehn Minuten früher oder später tot bin? Oder habt ihr knappe Check-in Zeiten wie in einem schlechten Hotel?

Er stand vor mir und schaute mich nur an. Ich konnte keinen Ärger in seinem Gesicht erkennen, weil ich mit ihm haderte, keinen Spott, weil ich mit ihm um Minuten feilschen wollte, kein Mitleid, weil mein Scherz flau war, nicht einmal Gleichgültigkeit. Er schaute mich einfach nur an, und ich dachte, er ist so jung, er könnte mein Sohn sein.

Wolltest Du immer schon Tod werden?

Komm jetzt, sagte er, und zog mich am Arm fort vom Dienstboteneingang, zu dem ich uns manövriert hatte, den ich jeden Tag viermal benutzt hatte.

Ich blickte hoch zur Fensterfront. Da war noch Licht in der Küche. Natürlich. Der Koch bereitete das Essen für den Neujahrsempfang des Personals vor.

Wohin gehen wir genau? Zu einer Art Abschussrampe oder zur Haltestelle für den Sphärenbus?

Wir machen einen Spaziergang, sagte der Tod.

Ich mag Spaziergänge, sagte ich. Ich nehme mir immer vor, viel öfter spazieren zu gehen. Spazieren ist gesund. Gesünder als dieses idiotische Joggen, bei dem man sich die Gelenke ruiniert. Nur ist Ankara leider keine Stadt für Spaziergänger. Das wirst Du gleich selber erleben. Auch keine Stadt für Fahrräder. Berlin ist eine Stadt für Fahrräder. Flach, überall Fahrradstreifen. Herrlich. Ich bin da oft mit dem Fahrrad zur Arbeit gefahren. Die wussten ja nicht, wie lange sie noch eingeschlossen sein würden, also brauchten sie Grünflächen um im Notfall…

Sechsmal.

Wie bitte?

Ganze sechsmal bist Du mit dem Fahrrad zur Arbeit gefahren in Deinen drei Jahren in Berlin.

Führt ihr Buch über solche Dinge?

Nicht systematisch. Aber ich habe Dich beobachtet damals. Du warst früher geplant.

Scheisse… ihr wolltet mich schon damals…?

Reg Dich nicht auf. Wir haben Dich ja noch sieben Jahre leben lassen.

Und wieso bin ich jetzt an der Reihe? Ich habe ein wenig Übergewicht und mein Blutdruck ist ein Bisschen zu hoch. Aber daran stirbt man nicht. Was soll die Todesursache sein? Was habt ihr euch ausgedacht?

Das kann ich Dir nicht sagen.

Wie bitte?

Ich kann Dir nicht sagen, woran Du gestorben bist.

Ich möchte es aber wissen. Ich habe ein Recht darauf, denke ich. Es ist mein Tod.

Ist es nicht.

Wie bitte…?

Dein Tod gehört Dir nicht. Die anderen haben Deinen Tod. Wie Du den Tod Deiner Eltern hattest. Verstehst Du das? Keiner hat seinen Tod. Tod ist loslassen. Alles. Auch den eigenen Tod.

Ach leck mich doch! Ich streifte seine Hand von meinem Arm, was erstaunlich leicht ging, und rannte in Richtung Haus zurück. Jedenfalls wollte ich das. Ich wusste genau, wie man rennt, und ich rannte auch, langsam zwar, weil ich schon ein paar Jahre lang kaum mehr Muskeln hatte, die zu viel mehr als zum Stehen taugten, und völlig untrainiert war, aber ich rannte.

Nur kam ich irgendwie nicht vorwärts, nur ins Atmen, und das Ganze muss absolut lächerlich ausgesehen haben. Einer, der in Zeitlupe rennt und dabei keine Luft kriegt. Zum Glück hat das ausser ihm keiner gesehen.

Ich sah das Haus, die beleuchtete Fensterfront mit der grossen Küche, wo der Koch vermutlich gerade wieder einmal die Spätzli versalzte, und ich hörte meine Schuhe auf der Schneekruste knirschen, aber ich kam verdammt nochmal nicht vom Fleck, obwohl ich nicht mehr am selben Ort stand, als ich es aufgab, davonzurennen.

Was soll das? fragte er mich. Du weisst doch, dass das nicht geht.

Fünf Minuten! – schrie ich ihn an. Beschissene fünf Minuten! Ist das zu viel verlangt?
Eine Minute, um den Koch in den Hintern zu treten, und vier, um mich zu verabschieden. Mehr verlange ich nicht. Sei jetzt kein Spielverderber. Ich bin tot, Du hast gewonnen, also gönn mir diesen kurzen Moment, diese minimale Overtime.                Jeder tätowierte Fussballspieler, der während dem Spiel gefoult wurde und gepflegt werden musste, kriegt Nachspielzeit. Sogar wenn er nur simuliert hatte. Sogar der, der ihn gefoult hatte, kriegt Nachspielzeit. Was habe ich getan, dass sie mir verweigert wird? Magst Du keinen Sport? Habt ihr die Regeln geändert? Ist Sepp Blatter gestorben?

Es würde Dir nichts bringen, Dich zu verabschieden. Dir nicht und Deiner Frau schon gar nicht. Es würde alles nur viel schlimmer machen. Ihr wollt den Tod noch immer nicht akzeptieren. Obwohl jeder Mensch, der je gelebt hat, gestorben ist.                    Glaube mir: Es ist am besten für euch, wenn man euch einfach aus dem Spiel nimmt. Ohne Vorwarnung. Auch wenn ihr den Handschlag verweigert.

Im Prinzip hatte er Recht. Aber hier ging es um mich.

Und wenn ich auf den Spaziergang verzichte, reicht es dann für eine Verabschiedung?

Nein.

Man kann in Ankara wirklich nicht spazieren. Wir haben das mehrmals versucht, meine Frau und ich. Die einzige Möglichkeit, einmal abgesehen von der kleinen Altstadt, um einen einigermassen schönen Spaziergang zu machen, ist zu diesem See zu fahren, ich kann mir den Namen nie merken, und ihn einmal zu Fuss zu umrunden. Mit dem Auto ist man in einer halben Stunde da. Soll ich den Schlüssel holen?

Wir spazieren hier, sagte der Tod. Keine Autofahrten mehr. Du bist nachts praktisch blind und ich kann nicht fahren.

Kannst Du nicht oder darfst Du nicht? Hat man Dir den Ausweis weggenommen?
Komm jetzt.

Er führte mich die Treppe runter, an der Botschaft vorbei und zur hinteren Gartentüre, wo wir erst neulich eine Personenschleuse eingebaut hatten. Wenn man raus wollte, musste man einen Knopf drücken und die Wächter oben beim Haupttor sahen dann auf ihrem Bildschirm, wer raus wollte, und bedienten die Schleuse. Vielleicht war das meine Chance. Ich drückte den Knopf und nach wenigen Sekunden erschien Eyüp auf dem kleinen Bildschirm.

Guten Abend, Eyüp bey, yak shamlar, sagte ich. Ich bin es (wie sinnvoll…).

Guten Abend Herr Botschafter, sagte Eyüp.

Ich muss nochmal raus, sagte ich. Können Sie meiner Frau sagen, ich…

Der Tod legte seine Hand auf meine Schulter und zog mich von der Kamera weg.

Ist alles in Ordnung? hörte ich Eyüp bey fragen.

Nein, ich werde entführt, rief ich, und gestikulierte in Richtung Tod.

Na dann wünsche ich einen schönen Abend, sagte Eyüp, und öffnete die Schleuse.

Hatte er mich nicht verstanden?

Auf der Strasse angekommen, ging der Tod nach rechts, die Strasse hoch.

Darf ich wissen, wo wir hingehen? Starbucks ist in der anderen Richtung.

In ein Restaurant, in dem Du ganz zu Beginn Deines Einsatzes hier einmal warst.

Und was machen wir dort?

Was man in einem Restaurant normalerweise macht, etwas trinken, vielleicht etwas Kleines essen.

Ich habe zwar keinen Hunger, aber OK, wenn ihr das so macht. Nur muss ich Dich warnen. Ich muss unmittelbar nach dem Essen zur Toilette, das funktioniert bei mir so, und ich gehe nur zuhause richtig auf die Toilette, verstehst Du? (ich hatte ihn!)

Das wird nicht nötig sein. Dieses Essen wirst Du nicht mehr verdauen.

Das Restaurant war mehr eine Bar, in der meine Frau und ich tatsächlich in den ersten Wochen in Ankara einmal einen Kaffee getrunken hatte. Absurd, dass das mein letzter Ort sein sollte. Und überhaupt, wozu das ganze Theater mit Spaziergang und letztem Essen?

Ich muss mal, sagte ich, gleich nachdem wir uns an einen Ecktisch gesetzt hatten.

Natürlich kam er mit. Er stellte sich neben mich und tat so, als würde er auch pinkeln.

Ein anderer Gast kam rein und stellte sich neben ihn.

Neben mir ist frei, sagte ich zu ihm, denn ich war mir sicher, dass er meinen Tod nicht sehen konnte. Aber er verstand kein Deutsch und schaute mich nur komisch an.

Zurück am Tisch kam die Kellnerin und fragte mich, was ich möchte.

Ich bestellte einen doppelten Espresso, einen gemischten Salat und ein Tuna-Sandwich.
Der Tod machte mir unter dem Tisch mit dem Fuss ein Zeichen.
…und noch ein Mineralwasser und ein Kebab, bitte.

Als die Kellnerin zurück zum Tresen ging, schaute ich ihr kurz nach. Na ja, es war das letzte Mal. Als ich meinen Blick wieder auf den Tod richtete, sah ich, das er ihr auch nachgeschaut hatte.

Nu, gefällt sie Dir? Wie wär´s wenn Du sie anstatt mich…

Er nahm einen Schluck von seinem Mineralwasser.
Wen möchtest Du zuerst treffen: Kurt Marti oder Leonard Nimroy?

Wie bitte?

Wen Du zuerst treffen möchtest, wenn Du drüben bist. Wir müssen das ja planen.       Wir wissen, wen Du alles treffen wirst, aber Du darfst bestimmen, mit wem Du beginnst. Du musst nicht, Du kannst. Wenn Du nichts sagst, triffst Du womöglich zuerst eine Unmenge von Menschen, die Dir im Leben nur wenig oder gar nichts bedeutet haben. Vielleicht sogar eine Reihe von Leuten, die Dir auf den Wecker gegangen sind.

Moment mal. Heisst das, ich treffe alle Menschen wieder, denen ich hier unten begegnet bin? Sagt man überhaupt hier unten? Meinen Physiklehrer, den Kameraden, der mir beim Fussball die Schaufelzähne rausgeschlagen hat? Und in ein paar Jahrzehnten auch die hübsche Serviertochter und den Mann, der gerade neben uns gepinkelt hat?        Mach mich nicht schwach. Wieso sterben wir, wenn wir alle wieder treffen?

Du triffst nicht alle wieder. Du triffst alle Toten, die im Leben wichtig für Dich waren, und zur Auflockerung eine gewisse Anzahl von Menschen, denen Du nur flüchtig begegnet oder an denen Du achtlos vorbeigegangen bist.

Unglaublich. Ihr seid wirklich unglaublich. Aber weisst Du was? Ich beginne mit Leonard Nimroy. Ich war zwar kein grosser Star Treck Fan, aber Mr. Spock ist ein guter Start.      Er ist erst neulich gestorben, nicht wahr? Wie alt ist er geworden? 86? 87?

83

Aha. Und wie geht es ihm? Trägt er noch seine Vulkanierohren? Hat er Scotty schon gefragt, ob er ihn wieder runterbeamen könnte?

Das Leben ist wie ein Garten. Perfekte Momente sind möglich, aber sie können nicht bewahrt werden, ausser im Gedächtnis.

Was ist das jetzt? Euer Motto? Steht das über dem Eingang?

Das hat Nimroy getwittert, wenige Tage bevor wir ihn geholt haben.

Ich fass es nicht – ihr folgt den Promis auf Twitter? Seid ihr auch auf Instagram und YouTube? Hast Du die Füchse nachts auf dem Trampolin gesehen? Und den Hund, der Tonleitern furzen kann?

Und wen willst Du nach Nimroy sehen?

Das muss ich mir überlegen. Hat man Zeit zum Überlegen bei euch? Habt ihr überhaupt Zeit da oben? Vielleicht Kurt Marti. Ich hab mal ein Treffen organisiert für ihn. Bei einem Staatsbesuch in der Schweiz. Ich habe ihn in Mitten all der hochoffiziellen Treffen eine halbe Stunde mit Václav Havel in einem Zimmer eingeschlossen, damit sich die beiden von Schriftsteller zu Schriftsteller unterhalten konnten. Havel ist auch schon bei euch, nicht wahr? Treffen sich die beiden ab und zu? In einer Schriftstellerkneipe? Kann ich da auch hingehen?

Martis Leichenreden gehört zu meinen Lieblingsbüchern. Oder muss ich jetzt sagen gehörte? Gibt es Bücher bei euch? Wahrscheinlich ja nicht. Aber ich lass mir das nicht nehmen. Ich kann sehr vieles auswendig, weisst Du. Nicht nur Gedichte. Und mein Gedächtnis werdet ihr mir ja wohl lassen. Oder?

Mein Gott! Herr Botschafter…!

Das würde ja keinen Sinn machen, dass wir alle wiedersehen, aber wir erkennen sie nicht mehr… was würde das für einen Sinn ergeben?

Herr Botschafter… wachen Sie auf!

… oder macht nichts mehr Sinn bei euch? … ist das nur etwas für hier?

Wachen Sie auf, um Gottes Willen!

…ich will nicht aufwachen. Es reicht doch, dass ich tot bin. Es reicht völlig. Und nimm Deine Hände aus meinem Gesicht.

Sie sind nicht tot. Sie sind hingefallen.

Ich öffnete die Augen und sah ins schnauzbärtige Gesicht von Ahmed, dem Wächter, den meine Frau Mustafa nannte.

Ahmed…?

Sie sind hingefallen, Herr Botschafter. Ihre Frau hat uns alarmiert, weil sie nicht nachhause gekommen sind. Haben Sie sie sich weh getan?

Ich richtete mich auf und sah, dass ich im Korridor vor meiner Bürotür war.

Nein, im Gegenteil, Mustafa, ganz im Gegenteil. Es geht mir ganz wunderbar.

Er half mir hoch. Ich wischte meine Kleider ab, obwohl es nichts abzuwischen galt.

Vielen Dank, Mustafa. Vielen, lieben Dank, çok teşekkürler!

Bitte rufen Sie meine Frau an und sagen Sie ihr, ich sei gleich zuhause. In zwei Minuten. Aber sagen Sie ihr nicht, dass ich hingefallen bin.

Und sagen Sie Engin morgen, er soll unverzüglich den losen Tritt bei der Eingangstür reparieren. Da bricht sich sonst noch jemand den Hals.

Abgerissene Aufhänger

15. März 2019

“Er hat ein wenig abgegeben”, sagte der Mann, der seit Beginn der Zugfahrt über ein Sprechset mit seiner Mutter sprach, während er an seinem Laptop herumspielte. Er sass mir schräg gegenüber und war, wie man aus seinem Dialekt und der Tageszeit kombinieren konnte, unterwegs nachhause in die Ostschweiz. Er würde bis zur Endstation des Intercity Zugs auf seinem Sitz sitzen bleiben und vielleicht ab Bahnhof Romanshorn einen Regionalbus nehmen. Gut möglich, dachte ich, dass er bis zur Station Zürich Flughafen, wo ich ihm entkommen werde, mit seiner Mutter spricht.

Ich wusste natürlich nicht, ob am anderen Ende wirklich seine Mutter war. Es tönte für mich einfach so. Aber wer hatte abgegeben? Und was meint man eigentlich, wenn man von jemandem sagt, er habe abgegeben? Ich weiss natürlich, was man landläufig damit meint. Ich habe das vielleicht auch schon das eine oder andere Mal über einen älteren Menschen gesagt. Er oder sie habe abgegeben. Aber heute ärgert mich der Ausdruck. Er kommt mir ausgesprochen dumm vor.

Warum früher nicht? Warum erst heute? Habe ich nun selber Angst davor, abzugeben? Habe ich vielleicht sogar schon mit Abgeben begonnen? Ich mag mich nicht erinnern, schon einmal gehört zu haben, wie jemand zu jemandem sagt: “Ich glaube, ich habe in letzter Zeit ein wenig abgegeben”. Merkt man es, wenn man abgibt?

“Seine Schwestern sterben gerade”, sagte der Mann. Und nach einer kurzen Pause:
“Nein – SEINE Schwestern…”
Vielleicht war es doch nicht seine Mutter. Seine Mutter hätte nicht nachfragen müssen.

Von wem auch immer die Rede war im Zugabteil zwischen Bern und Aarau: Ich empfand Mitleid für ihn. Nicht wahnsinnig tief empfunden, ich kannte ihn ja nur vom Hörensagen, aber doch Mitleid. Er hatte offenbar zuletzt abgegeben und jetzt starben ihm auch noch seine Schwestern weg. Nicht eine, seine. Das war etwas viel.
(Hatten sie vorher abgegeben? Gingen sie voll bepackt? Und warum gleich alle zusammen?)

Dann war das Gespräch plötzlich zu Ende. Er müsse noch ein wenig arbeiten, sagte der Mann mit dem Sprechset, verabschiedete sich und begann wieder in seinen Laptop zu tippen. Woraus seine Arbeit bestand, wurde wenig später klar, als er mit jemandem aus seiner Firma sprach, der entweder noch im Büro oder gerade in einem anderen Zug sass. Es ging um eine Offerte, aus der man einen Teil, so schlug es der Mann jedenfalls seinem Gesprächspartner vor, weglassen sollte, weil man das besser separat offeriere. Das machte absolut Sinn, obwohl ich nicht wusste, wer ihm gegenüber sass.

Es war zum Glück ein kurzes Gespräch. Und seine Mutter rief auch nicht zurück. So verlief der Rest der Zugfahrt wohltuend ruhig. Auf den Wiesen lag noch ein wenig Schnee und aus meinem Rucksack roch es angenehm nach Kaffee. Wahrscheinlich hatte ich einen der Kaffeebeutel, die ich hastig im Rucksack verstaut hatte, um den Zug nicht zu verpassen, beschädigt.

Dass man mich nicht missverstehe: ich habe mich nicht geärgert über den Mann. Jedenfalls nicht sehr. Er hatte das Recht, mir gegenüber zu sitzen und Gespräche zu führen. Es war kein Ruhewagen. Und er war mir auch nicht unsympathisch, wie er vom ersten Konzert seines Kindes in der Schule erzählte. Er ist sicher ein guter Ehemann und Vater. Ich wünsche ihm, dass es noch lange dauert, bis er selber abzugeben beginnt. Und falls er Schwestern hat, wünsche ich ihnen ein langes Leben, damit sie ihn überleben und ihm nicht irgendwann wegsterben. Ich stelle mir das einfacher vor für ihn.

Bestimmt dachte er, ich sei ein Idiot. Und ich kann es ihm nicht einmal verübeln. Wer in ein Zugabteil tritt, seinen teuren Mantel an der Aussenwand seines Sitzes aufhängt, ihn noch sorgfältig zur Seite schiebt, nur um sich dann doch draufzusetzen und – ratsch – den Aufhänger abzureissen, ist tatsächlich ein Idiot, ein gut gekleideter zwar, aber eindeutig ein Idiot.

Und so etwas passierte mir ja bei Weitem nicht zum ersten Mal. Wenn ich darüber Buch geführt hätte, über das Abreissen meiner Aufhänger, würde ich schätzen, dass es mir so oder ähnlich schon mindestens zehn mal passiert ist. Das heisst im Schnitt einmal alle sechs Jahre. Und das ist wahrscheinlich konservativ geschätzt.

Schon sehr bald wird man solche Dinge nicht mehr schätzen oder hochrechnen müssen. Überwachungskameras werden den öffentlichen Raum, also auch das Innere von Zügen, obwohl dort zunehmend private Gespräche geführt werden, lückenlos erfassen und wegen dem Datenschutz wird man seine eigenen Bilder und Filme, dank Gesichtserkennung aussortiert, abrufen können.

Nicht nur die Bahn wird dann jederzeit darüber Auskunft geben können, wie viele Idioten sich an einem Tag oder in einer Woche den Aufhänger ihrer Mäntel und Jacken abgerissen haben, auch wir Idioten wären imstande, unsere eigene Tölpel-Statistik abzurufen und die Einzelfälle mit Freunden und Verwandten zu teilen. Schau mal – hier schütte ich mir zum vierten Mal diese Woche den Kaffee auf das Hemd. Das war, als ich unterwegs war zum Ministertreffen. Und natürlich hatte ich kein zweites Hemd dabei. Was haben wir gelacht.

Ich glaube, das Geheimnis, wenn es ein Geheimnis gibt, ist, nicht aufzuhören, über sich selber zu lachen. Auch wenn man älter wird und dadurch noch ungeschickter, als man es ohnehin war. Auch wenn man vielleicht schon damit begonnen hat, abzugeben, und es möglicherweise sogar merkt. Die Fähigkeit, über sich zu lachen, sollte man erst ganz zuletzt abgeben.

Vielleicht kann man nicht immer sofort lachen. Wenn es den Film schon geben würde, wie ich mir den Aufhänger abgerissen habe auf dieser Zugfahrt, und wenn der Film auch Ton haben würde, könnte man hören, wie ich leise fluche. Aber kurz darauf, noch bevor ich von den sterbenden Schwestern erfuhr, konnte ich bereits darüber lachen.

Darüber, wie ich mich wie ein Idiot aufführe. Über die oft tölpelhafte Rolle, die ich in meinem Leben spiele. Ich stamme in direkter Linie von Tölpeln ab. Vom Grossvater über meinen Vater, die zudem noch den gleichen Vornamen trugen wie ich. Nur meine jüngste Tochter, der ich das Tölpel-Gen vererbt habe, heisst nicht Walter.

Habe ich erwähnt, dass der Mann, der mit seiner Mutter sprach, nicht nach Romanshorn fuhr, sondern tatsächlich vor mir aus dem Zug gestiegen ist?

Hunde spazieren von Wien über Boston nach Salt Lake City

13. Oktober 2018

(ein Plädoyer für eine Sozialgeschichte des Gehsteigs)

Seit wir zwei junge Hunde haben, bin ich wieder öfter im Freien, obwohl die Kleinen noch nicht wirklich Gassi gehen wollen. Sie jagen einander lieber in horrendem Tempo durch Wohnung und Garten, bis sie völlig geschafft sind und mal schnell vier Stunden schlafen müssen. Am liebsten mit dem Kopf auf einem Schuh oder in einer Sandale meiner Frau.

Das gleiche (sich jagen) machen sie auch in den Strassen und Gassen von Wien, auf den Plätzen, Gehsteigen und in den Stadtgärten, wenn sie nicht gerade herumschnüffeln und alles in den Mund nehmen, was herumliegt. Gib aus!

Wenn ich dann stehe und warte, bis das Schnüffeln kurz unterbrochen wird, oder bis sich der purzelnde Knäuel wieder entwirrt und zu zwei Hunden wird, fällt mir vieles auf, was ich vorher im raschen Vorübergehen höchstens gesehen, aber nicht wirklich angeschaut hatte.

Ins Freie getrieben und eingebremst von zwei schnüffelnden und raufenden Hunden beginne ich, Dinge zu betrachten und über sie nachzudenken. Haben Sie schon einmal zugesehen, wie jemand Randsteine setzt? Oder darüber nachgedacht, wofür Randsteine gut sind?

Wenn man keine Hunde hat, die einen die Dinge draussen betrachten lassen, und stattdessen zuhause im Internet nachschauen muss, könnte man leicht den Eindruck erhalten, Randsteine setzen sei eines der verbreitetsten Hobbys unserer Zeit, gleich hinter Kühlschränke abtauen. Es gibt zahllose Schritt-für-Schritt-Anleitungen.

Nachdem ich neulich an der Argentinierstrasse im vierten Bezirk eine Weile lang zugeschaut hatte, wie zwei Männer Randsteine setzten, während unsere beiden Pudel die Abschrankung ausschnüffelten, wurde mir klar, dass Randsteine notwendig sind. Der Gehsteig würde sich sonst in der Strasse verlieren. Oder sagt man in Wien Bürgersteig?

Trottoir, wie wir in der Schweiz, wohl eher nicht. Obwohl ich erst in Wien durch unsere Pudel begriffen habe, wie zutreffend der Begriff – eine Ableitung zum französischen Verb trotter – tatsächlich ist. In Trab gehen, traben, trippeln, umherschweifen – genau das machen unsere beiden Pudel auf dem Gehsteig, unterbrochen von intensivem Herumschnüffeln und Raufen.

Ob Trottoir, Gehsteig oder Bürgersteig: es braucht zur Strasse und zum Verkehr hin eine Abgrenzung durch den Randstein. Nur schon deshalb, weil man sonst nicht ungefährdet im Regen Gedichte lesen könnte. In Boston, fiel mir ein, hatte eine Organisation einmal Gedichte mit Schablonen auf die Bürgersteige gesprayt, die erst sichtbar wurden, wenn es regnete.

Weil die Hunde noch nicht weiterwollten und da ich schon in den USA war, erreichte mich aus dem Westen auch noch die Erinnerung an die Randsteine von Salt Lake City, die mir vor 35 Jahren aufgefallen waren, weil sie wegen der Schneeschmelze sehr hoch sind.

Dann waren die Hunde müde und wir kehrten nachhause zurück. Es gäbe noch vieles zu sagen zu Gehsteigen. Vielleicht sollte meine Tochter Theres nach Abschluss ihrer Studien eine Sozialgeschichte des Gehsteigs schreiben. Mit einem Kapitel über Pudel und Gedichte bitte, über Regen in Boston und die Schneeschmelze in Salt Lake City.

Dieses unverschämte Benehmen der Wirklichkeit

9. September 2018

Die Wirklichkeit gebärdet sich auf eine Weise, als gäbe es nur sie und alles andere würde überhaupt nicht zählen. Sie will uns ganz für sich in Anspruch nehmen, immer und überall. In Wirklichkeit, in Wirklichkeit…
Sie geht so weit in ihrer Arroganz, dass sie sich andere Namen gibt, wie Realität, Wahrheit oder «wahres Leben», und ihre Kinder, die sie uns jeden Tag zum Hüten gibt, sind Tatsachen und Fakten, schlecht erzogen und unerträglich laut. Man ist froh, wenn sie am Abend wieder gehen.
Sie anerkennt weder Hoffnung noch Traum und den Wunsch lässt sie erst gelten, wenn er wie sie geworden ist. Vorher verspottet sie ihn und möchte ihn am liebsten verbieten.
Aber nicht nur die Gegenwart und die Zukunft will sie für sich, auch auf die Vergangenheit erhebt sie einen totalitären Anspruch. «Alles, was geschehen ist, ist in Wirklichkeit geschehen» sagt sie, «das wollt ihr doch nicht auch noch abstreiten? Oder ist es etwa im Traum passiert?»
Dass der Blick in die Vergangenheit ebenso individuell geprägt ist wie das Erleben der Gegenwart und der Blick in die Zukunft, lässt sie nicht gelten. «Es gibt euren Blick, sagt sie, und es gibt mich, die Wirklichkeit. Wie auch immer ihr mir in die Augen schaut, wenn ihr es endlich wagt, ich bin so, wie ich bin: die Wirklichkeit. Ihr könnt mich nicht ändern.»
Es ist sinn- und hoffnungslos, mit ihr zu diskutieren. Erkenntnistheorie, Konzepte der Wahrnehmung – es interessiert sie nicht. «Ramsch!» sagt sie, oder «Wirklich?».
Ich glaube, sie ist ein wenig beschränkt. Ich vermute, sie hat die Theorie überhaupt nicht gelesen und meint, sie sei die Praxis. Das ist unverschämt und in der Absolutheit des Anspruchs auch nicht ganz ernst zu nehmen, aber ganz ignorieren können wir sie trotzdem nicht.
Vielleicht sollten wir sie aber ab und zu daran erinnern, dass sie es ist, die andauernd Tatsachen und Fakten schafft, und dass sie dafür auch eine gewisse Verantwortung übernehmen sollte. Vielleicht würde es ihr guttun, ab und zu selber auf ihre Kinder aufzupassen, anstatt sie bei uns zu deponieren. Wo ist eigentlich ihr Mann?

Blindmann, gegoogelt

4. Februar 2018

(oder wie man «wie sagt man» sagt)

Fisch sollte man, so lautet eine alte Volksweisheit, nur in Monaten essen, in denen ein „R“ vorkommt. Das machte früher noch einen gewissen Sinn, als Transporte vom Meer ins Inland den Fisch vom Kopf her verdarben, weil Kühlung von Mai bis August tagsüber nur schwer erhältlich war und nachts unterwegs zu sein nicht als gute Idee galt.

Aber schon damals war der Rat nicht für jeden Fisch sinnvoll. Was war mit Seen und Weihern, wo Fischers Fritz frische Fische fischte, wenn er nicht gerade aus dem Fenster furzte? Fischgenuss im Seerestaurant, die Füsse im Wasser baumelnd, wo lag das Problem? Wohl kaum auf dem Teller.

Auch gute Ratschläge überleben sich und der Volksmund gibt, wenn er ununterbrochen weiter labbert, viel Unsinn zum Besten. Weisheiten und Ratschläge müssten ein Ablaufdatum haben, woher immer sie kommen. Am besten zu befolgen bis. Man kann trotzdem durch Ableitung das eine oder andere aus alten, nicht mehr hilfreichen Redensarten und Volksweisheiten herausholen. Fische kann man heute gefahrlos ohne Volksweisheit geniessen. Computer sollte man hingegen im deutschen Sprachraum nur an Tagen benutzen, in denen ein «C» vorkommt. Also nur jeden Mittwoch.

Die Weisheit stammt von einem unterdrückten Volk, dem im 2. Jahrhundert vor Christus von einem progressiven Propheten wegen der Verbreitung panikmachender Pamphlete der Internetzugriff gesperrt wurde. Sie ist deshalb kaum bekannt und wird von niemandem befolgt. Obwohl sie extrem beruhigend wirken würde. Die ganze moderne Kommunikationslawine müsste ja irgendwie eingebremst werden. Telefonieren nur noch an Wochentagen ohne «T» wäre wohl kaum mehrheitsfähig.

Eher tauglich wäre die Einführung von Mobil-Telefonen, die sich nur noch entsperren lassen, indem sie innerhalb von fünf Minuten mindestens fünf lachende Gesichter erkennen, worunter das des Besitzers und von mindestens drei registrierten Freunden. Das fünfte Gesicht könnte zum Beispiel ein Kellner sein, der gerade ein gutes Trinkgeld erhalten hat. Ich wollte spontan «Serviertochter» schreiben, aber ich denke, das ist kein politisch korrekter Ausdruck mehr. Ausser man erwähnt im selben Satz einen Serviersohn. Oder eine Gastmutter. Was mich wieder einmal zu meiner alten Frage führt, warum es keine Gästin gibt. Selten hätte ein Wort so viel Sinn gemacht. Vielleicht fehlt dieser Ausdruck ja nur in der Deutschen Sprache. Aber wie frage ich danach in einer Sprache, die ich nicht kenne?

Wie sagt man «wie sagt man»? Wie fragt man jemanden, wie man in seiner Sprache «wie sagt man» sagt? Google Translate funktioniert ja nicht immer einwandfrei. Ich habe es gerade versucht, und obwohl ich Deutsch – Hebräisch gewählt habe, hat das Programm darauf bestanden, von Deutsch ins Englische zu übersetzen. How does one say? Darunter stand noch: «oder meinten Sie …» und da stand doch tatsächlich etwas in hebräischer Schrift. Als ich es anklickte, erschien im Deutsch-Fenster: «Er ist ein Duo». Ich bin von dieser Antwort nicht restlos überzeugt, finde sie aber durchaus interessant.

Ich denke, dass man gewisse Dinge wohl nur durch mehrmaliges Fragen herauskriegen kann, durch Wiederholungen derselben Frage, meine ich. Ein und dieselbe Frage, genügend oft wiederholt, führt irgendwann zu einer Antwort. Das erfahren schon Kinder, wenn Sie im Fragenalter sind und die Mutter bei den ersten vier Anläufen keine Antwort gibt. Ich vermute, dass hinter modernen Suchmaschinen mehr steckt, als das Auge antrifft, wenn es im Park spazieren geht.

Wenn man zum Beispiel sechzehnmal hintereinander «googeln» googelt (Sie wollen das nicht probieren), geht neben dem Eingabefenster ein zweites auf. Dort gibt man dann seine Schuhnummer und die Anzahl bereits ersetzter Amalgam-Füllungen ein, worauf der Text erscheint: «Wenn Sie nicht Blindmann sind, klicken Sie hier». Ich klicke sofort, denn die wissen natürlich ganz genau, dass ich nicht Blindmann bin. Keine Ahnung, wer Blindmann ist. Irgendein verfluchter Doppelagent womöglich. Ein Duo.

Ich will da auf gar keinen Fall hineingezogen werden, wo und was immer das ist. Ich kenne diese Filme. Bloss raus hier, und zwar schnell. Ich schalte den Computer ab. «Folgende Programme verhindern das Abschalten ihres Computers. Wollen Sie trotzdem abschalten, Blindmann?» Ich klicke auf ja, aber es passiert nichts, und dann höre ich auch schon Stimmen, weit entfernt, leise, aber ohne Rauschen:

„Wir haben ihn verloren…“
„Wie verloren…?“
„Er hat sich rausgeklickt“
„Warum macht er das? Er ist doch Blindmann…“
«Ja, aber er weiss es noch nicht.»

Dann fährt sich der Computer doch noch herunter, aber irgendwie bin ich nicht ganz sicher, ob er sich wirklich ganz ausgeschaltet hat, und ich ziehe ihm den Stecker raus.

Ich bin nicht Blindmann, glauben Sie mir. Und ich weiss nicht, was hier abläuft oder wer diese Leute sind. Sollte ich nächstens verschwinden, weiss ich auch nicht, was Sie tun können. Wahrscheinlich überhaupt nichts. Ausser vielleicht ihren Computer nur noch am Mittwoch benutzen. Und nie jemanden fragen, wie man «wie sagt man» sagt. Meiden Sie Fremdsprachen ganz allgemein. Missverständnisse sind vorprogrammiert. Aber auch dieser Ratschlag kann schlecht sein. Billig ist er auf jeden Fall.

Vielleicht warten Sie besser, bis es Mai oder Juni wird, und gehen dann in Begleitung eines Menschen, den Sie lieben, auf einen Markt in einem warmen Land. Flanieren Sie. Trinken Sie Tee mit den Händlern. Kaufen Sie Gewürze, meinetwegen auch Fisch. Berühren sie einen Seidenschal (vor dem Fischkauf) zu einem unglaublich tiefen Preis. Es spielt keine Rolle, ob Sie sich mit Seide auskennen oder nicht. Ein Seidenschal muss, so lautet die Regel, so fein und geschmeidig sein, dass man ihn durch einen Ring ziehen kann. Falls Sie den Ring nicht vom Finger kriegen oder keinen tragen, lassen Sie es besser bleiben.

 

Unnütz oder zu nichts Nutz?

25. Januar 2018

– erstaunliche Parallelen zwischen Milz und Diplomatie

Lange Zeit galt die Diplomatie als ebenso überflüssig wie die Milz. Heute kennt man ihre Funktion, während sich das Vorurteil über die Diplomatie bei vielen verfestigt hat: sie ist überflüssig. Das sind aber nicht die einzigen Unterschiede. Es gibt auch kaum Gemeinsamkeiten. Ein Blick in die Forschungsgeschichte von Milz und Diplomatie fördert trotzdem erstaunliche Parallelen zutage und es erweist sich einmal mehr, wie viel erkenntnisreicher interdisziplinäre Forschungsansätze sind, wenn man dabei nicht die gleichen Disziplinen vergleicht.

Aufenthaltsort unbekannt
Die meisten Menschen können nicht auf Anhieb und nicht einmal ungefähr sagen, wo in ihrem Körper sich die Milz befindet. Auch ihre Funktion ist weitgehend unbekannt. Die seit 1987 im Schengenraum zweimal jährlich durchgeführten Befragungen zur Erhebung des europäischen Milzbarometers (EUMiB) zeigen mit einer gewissen Konstanz ein gleichleibendes Unwissen des europäischen Durchschnittsbürgers bezüglich des Aufenthaltsortes seiner Milz. Von der Einführung der Organfreizügigkeit haben nicht nur Wandernieren profitiert, auch die Milz ist seither praktisch überall zu finden, bei angenehmem Wetter sogar in Konstanz.

Über die Funktion ihrer Milz wissen Europäer trotzdem wenig bis gar nichts. Sogar in Ländern wie der Schweiz mit einem Milzparlament und einer Milzarmee grassiert ein Unwissen, dass bei vielen mit zunehmendem Alter zu Leberverfettung führt. Die Bevölkerung hat ihr Unwissen über die Milz Jahrhunderte lang mit den Ärzten geteilt, wobei die Milz ihren Trägern mehr Probleme verursacht hat als das Unwissen über ihre Funktion den Ärzten, die sie kurzerhand entfernten.

Diese Praxis wurde so oft in der Praxis angewandt, weil nach Operationen in der Theorie oft Flecken auf dem Papier zurückblieben. Ein anderer Grund war, dass es offenbar ein Leben ohne Milz gibt. Dies lässt sich aus der Tatsache ableiten, dass Patienten, denen die Milz entfernt wurde, auch danach noch jahrelang zu Arztkonsultationen erschienen sind.

Auswertungen von Arztagenden in Schwaben und Nordrheinwestfahlen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts haben hingegen ergeben, dass Patienten, denen man das Herz, die Lunge oder die Leber entfernt hatte, in den allermeisten Fällen nicht mehr zu einem Nachuntersuch erschienen sind.

Die wenigen Ausnahmen führt die Autorin einer 2016 erschienenen Dissertation (Liselotte Schröder: «Einwegpatienten») darauf zurück, dass es in diesen damals mausarmen, ländlichen Gegenden Menschen gegeben hat, die sich einen Namen teilten, sowie ein paar wenige Fälle mit zwei Lungen oder drei Herzen.

Lange Zeit galt die Milz als Organ ohne Funktion, weil man ohne sie anscheinend problemlos überleben konnte und auch selten danach gefragt wurde. Bei Diplomaten war es wenn nicht ähnlich, so doch fast gleich. Jahrhunderte lang waren Staaten ohne Diplomaten ausgekommen und die ersten wurden nicht selten als Geiseln gehalten oder vom Empfangsstaat geköpft.

Aus der Moderne sind zahlreiche Falle von dysfunktionalen Diplomaten dokumentiert. Wer an der Zentrale Probleme verursachte oder nicht gut funktionierte, wurde ohne langes Federlesen ins Ausland versetzt und dort vergessen. Die Zentrale funktionierte danach mindestens gleich gut oder gleich schlecht, das liegt im Auge des Betrachters. Immerhin lässt der in den Quellen verwendete Begriff des dysfunktionalen Diplomaten vermuten, dass es eine Funktion des Diplomaten gibt.

Parallelen in der Erforschung
1729 hielt der englische Arzt und Poet Richard Blackmore in einer medizinischen Fachzeitschrift fest, «der Schöpfer der Natur» habe «nichts umsonst gemacht», die Milz müsse deshalb eine Funktion haben. Welche, wisse er nicht, aber er werde heute Abend seine Frau fragen.

Ungefähr zur selben Zeit (im Spätsommer 1734) schrieb der deutsche Kulturphilosoph und Bergsteiger Wendolin Schurter in sein mehrfach überarbeitetes und später wegen seinem allzu langen Titel nie publiziertes Standardwerk «Vom Unnützen – Dinge, die es wahrscheinlich besser nie hätte gegeben haben sollen und trotzdem gab- wer hat sie bloss erfunden» im kurzen Kapitel, das er der Diplomatie widmete: «Es kann nicht sein, dass die Gesandten überhaupt keinen Zweck erfüllen. Keine Organisation schickt jemanden samt Ehefrau und wenn möglich Kindern irgendwohin (und bezahlt ihn auch noch dafür), wenn es dort nichts, aber auch gar nichts zu tun gibt, und ich war selber dort.»

Warum, fragte Blackmore, sollten Wirbeltiere die Milz, wenn sie keine Funktion gehabt hätte, über sämtliche Evolutionsstufen hinweg bewahrt und sie auch regelmässig in die Ferien mitgenommen haben?

Schurter, auf der anderen Seite (für die er sich erst spät in seinem Leben und nach langem Zureden seines Friseurs entschieden hatte), war sich absolut sicher, dass er recht hatte mit seiner These. «Wieso», schrieb er in seinen Entwurf, «sollte jemand Ferien beziehen, der nicht arbeitet?» Obwohl er den Satz in seinem dritten Manuskript doppelt unterstrich, erschien er in der vierten Version gar nicht mehr.

Erst 200 Jahre später sollte Blackmore Recht erhalten. Er konnte allerdings nicht mehr allzu viel damit anfangen und seine Frau soll ihn deswegen beim Frühstück gehänselt haben, als der Postbote das Paket abgeliefert hatte. «Wie immer!», soll sie zu seiner Fotografie auf der Kommode gesagt haben, «Du reisst Dir den Arsch auf und irgendjemand anders erhält dann die Blaubeeren dafür. Das hast Du jetzt davon, tot zu sein.»

Schurter erging es nicht viel besser. Obwohl er von der Existenz eines Sinns der Diplomatie fest überzeugt war, gelang es ihm Zeit seines Lebens nicht, diesen Sinn nachzuweisen. Gegen sein Lebensende hin war er deswegen immer verzweifelter und am 26. November 1752, drei Monate vor seinem Tod, notierte er in sein Tagebuch. «Es geht mir zunehmend schlechter. Ich muss mich beeilen, wenn ich es noch schaffen will. Der indirekte Beweis anhand von Akten ist mir nun zum wiederholten Male misslungen. Ich werde einen (Diplomaten, Anm. der Red.) sezieren müssen.»

Schurter musste selber gewusst haben, dass dieses Unterfangen in einer Zeit, in der nur die Grossmächte Gesandte in andere Hauptstädte schickten, schwierig werden würde. Er trug in seinen letzten Wochen das Sezierbesteck stets auf sich, machte sich aber keine Illusionen über die Erfolgsaussichten seines Vorhabens.

Blackmore hat die Einführung von Impfungen für Personen ohne Milz ebenso wenig erlebt wie Schurter den Einsatz von Laptop-Botschaftern, die nur mit einem Laptop ausgerüstet aus einer Hotelküche im Nebenamt die Interessen ihres Staates vertreten. Bei Patienten ohne Milz helfen die Impfungen gegen Erreger wie Pneumokokken und Meningokokken, die neben einer zusätzlichen Zellmembran meist auch Anteile an einer Zweitwohnung in den Abruzzen besitzen, die sie sich mit einem Studentenkollektiv teilen.

Im Normalfall kümmert sich die Milz rührend um all diese kleinen Kokken und wäscht ihnen auch einmal die Wäsche, wenn sie am Wochenende nachhause kommen um sich durchfüttern zu lassen. Einen Körper ohne Milz muss man sich hingegen unwirtlich und trostlos vorstellen und die Kokken kommen nach wenigen Wochen erst gar nicht mehr nach Hause. Die Milz hat also durchaus eine Funktion, auch wenn Blackmore den Nachweis dafür weder erbringen noch erleben durfte.

Schurter seinerseits hat bis zu seinem letzten Atemzug daran geglaubt, den Sinn der Diplomatie nachweisen zu können, ausser man neigt, wie sein Schüler Karl-Heinz Sonderegger, zur doch etwas gewagten Annahme, sein letzter Tagebucheintrag («Sie sind absolut sinnlos») beziehe sich auf das Objekt seines lebenslangen Studiums.

Heute ist es längst Standard geworden, dass eine Milz nicht mehr operativ entfernt wird, ausser sie macht wirklich Stunk. Auch eine Milz, die ihre Hauptfunktion nicht mehr ausführt (was bei störrischen alten Milzen ab und zu vorkommt), dient dem Körper immer noch als Friedhof für defekte rote Blutzellen. Wenn sie auch diesen Dienst verweigert, springt in der Regel die junge Leber von nebenan auf dem Heimweg vom Tageshort ein, obwohl sie das Filtersystem der Milz nicht wirklich ersetzen kann und es in ihrer Wohnung schnell einmal eng werden kann.

Wird die Milz heute nur noch in ganz seltenen Fällen vollständig entfernt (Splendektomie), so ist man bei den Diplomaten in den meisten Staaten beim bewährten Mittel der Versetzung geblieben (neuerdings auch auf bewertete Stellen). Nur im äussersten Fall wird eine Diplotomie vorgenommen, bei der ein Botschafter durch kräftige Herren in weissen Kitteln aus seiner Residenz entfernt wird.

Die Entfernung eines Botschafters kann gemäss Personalchef Erwin Rombacher aber dazu führen, dass es unter dem Residenzpersonal zu unkontrollierten Jubelszenen kommt, bei denen auch schon antikes Mobiliar zertrümmert wurde. Diplotomien werden deshalb nach Möglichkeit vermieden oder durch eine Frühpensionierung umgangen.

Abschliessend lässt sich festhalten, dass sich Milz und Diplomatie erstaunlich ähnlich sehen, irgendwie. Früher wusste man über beide praktisch nichts und die Moderne hat die Unterschiede noch verwischt, ja geradezu unkenntlich gemacht. Ultraschall und Computertomografie gehören heute ebenso zum Alltag wie ein Mähdrescher in ein Landwirtschaftsmuseum. Wer das nicht wahrhaben will, wird eines Tages mit Kopfweh erwachen, und sich fragen, was er mit seinem sich dem Ende zuneigenden Berufsleben angefangen hat. Antworten finden wird er allerdings nicht.*

(* dies ist eine Zusammenfassung eines Artikels, dessen Veröffentlichung das Wissenschaftliche Journal im Oktober 2014 abgelehnt hat, weil der Umschlag nicht genügend frankiert war)

No problem!

29. Oktober 2017

(ein Fall von verpasster Kunst)

Schmiede sind gemäss Wikipedia Personen, die mittels Hammerschlägen ein Erz oder Metall ausdehnen oder bearbeiten – eine Personenbeschreibung, die nicht nur dem Erz Eindruck macht. Metall ausdehnen…

Der Schmied stellte im Mittelalter Waffen, Werkzeuge und Geräte aus Eisen, Bronze und anderen Metallen her, sagt ein Eintrag auf einer anderen Website, und schliesst mit der Bemerkung, Schmiede seien damals sehr geschätzt worden. Der Schmied habe als unverzichtbarer Beruf gegolten. Was man damals wahrscheinlich über Modedesigner oder Werbeassistenten weniger sagen konnte.

Schmiede waren aber oft auch raue Gesellen, denen der Hammer locker hing. Wenn jemand Streit wollte, war er gut beraten, diesen mit der Zunft der Zuckerbäcker zu suchen, und nicht mit der Zunft der Schmiede.

Aber ich will hier keinen Vortrag über das Mittelalter, Feilenhauer, Windenschmiede und Grobschmiede halten. Es geht um eine verpasste Gelegenheit anlässlich einer Begegnung mit einem Schmied in der Türkei. Ich muss dieses Eisen meiner Erinnerung schmieden, solange ich es noch vor mir sehe. Bald wird es von Mehlspeisen und rauschenden Bällen überdeckt sein.

Auf einer unserer letzten Reisen in der Türkei waren wir wieder einmal nach Safranbolu gelangt. Safranbolu ist ein kleiner Ort an der Strecke, wenn man von Ankara direkt ans Schwarze Meer fährt. Eigentlich ist diese Beschreibung so unnötig wie schlecht.
Das einzige Mal, an dem wir (nach einer Übernachtung in Safranbolu) von da aus ans Schwarze Meer weiterfuhren, hat es uns dort überhaupt nicht gefallen.

Also noch einmal von vorne: Safranbolu ist eine kleine Stadt nördlich von Ankara, die zum UNESCO Weltkulturerbe gehört und wo es nebst einer schönen Altstadt mit Häusern im osmanischen Stil den besten Lokum der ganzen Türkei gibt – köstlichen Lokum mit Safrangeschmack. Weiterfahren lohnt sich nicht. Vor allem nicht gegen Norden.

Safranbolu dürfte nach Kappadokien der Ort in der Türkei sein, an den wir am meisten gereist sind. Ein paar Wochen vor dem Besuch, von dem ich hier erzähle, hatten wir hier drei alte, halb zerfallene Heiratstruhen gekauft. In solchen Truhen nahmen die türkischen Bräute ihre Mitgift, also den ganzen Haushalt mit in die Ehe. Heute heiraten in der Türkei jedes Jahr über 600‘000 Paare. Wenn die Brauttruhen noch in Mode wären, wären ihre Hersteller ein gewichtiger Pfeiler des Gewerbes.

Man kann diese alten Holztruhen auf dem Land fast umsonst kaufen. Sie sind meist in sehr schlechtem Zustand, mit verrosteten Beschlägen, beschädigt und zum Teil angefault, aber ein geschickter Schreiner – und wir hatten das Glück, einen besonders begabten zu kennen – macht aus ihnen im Handumdrehen Prunkstücke. Wir hatten am Ende ganze acht davon, obwohl meine Frau und ich zusammengezählt lediglich drei Töchter haben, von denen eine schon verheiratet ist.

Diesmal waren wir nicht auf der Suche nach Heiratstruhen. Wir schlenderten Lokum essend dahin, als wir in einer Seitengasse eine Reihe von Kleinschmieden fanden, die verschiedene Dinge feil boten. Haushaltgegenstände, Spitzhacken, Glocken, Helme und vieles mehr.

Am Ende der Gasse sah ich, als ich aus einem kleinen Schuppen mit Pfannen ins Freie getreten war, an einer Hauswand angelehnt eine völlig verrostete, gerahmte Eisenplatte von etwa einem Meter auf 80 Zentimeter. Sie sprang mir sofort ins Auge mit ihrem wunderbaren Rostrot und ihren Strukturen die aussahen wie ein modernes Gemälde. Man könnte das Ding aufhängen und es wäre sofort ein Kunstwerk, dachte ich.

Ich fragte den Schmied, der mir ins Freie gefolgt war, was er für die Platte haben wolle. 100 Türkische Lira, antwortete er, ohne lange zu überlegen. Das sind umgerechnet etwa dreissig Franken. Mein Gewinn wäre also, wenn ich das Kunstwerk in ein paar Jahren bei der ersten Gesamtschau meines Werks für sagen wir 10‘000 Dollar verkaufen würde, immens. Ich könnte zurückkommen und die Schmiede kaufen. Oder 20 Tonnen Safran-Lokum.

Ich zögerte trotzdem, denn würde ich wirklich aus der verrosteten Platte durch reines Aufhängen ein Kunstwerk herstellen oder würde sie leidglich in meinem trockenen Keller in Ankara eine Rostpause einlegen, in vier Monaten den Umzug nach Wien mitmachen, nur um dort vier weitere Jahre in einem anderen Keller zu stehen, bevor ich sie vor dem Umzug in die Schweiz, wo es verboten ist, verrostete Platten im Keller aufzubewahren, von einem Schrotthändler kostenpflichtig entsorgen lassen müsste?

Der Schmied sah mir meine Unentschlossenheit an und begriff sofort, dass er mich überzeugen musste, und zwar schnell, denn es regnete ganz leicht und es war absehbar, dass ich nicht mehr lange in seinem Vorhof verweilen würde. Er griff sich also die Eisenplatte, warf sie vor sich in den Dreck und sprang drauf. „No problem!“ rief er mir zu, sprang in die Höhe, landete krachend auf meinem Kunstwerk und rief noch einmal laut „No problem!“.

Es war ein schlimmer Moment. Für mich, für die Kunst. Wahrscheinlich weniger für die Eisenplatte, denn sie war, obwohl dünn, tatsächlich sehr robust und es schien ihr nichts auszumachen, dass ein erwachsener Schmied auf ihr herumtrampelte. Aber das genügte ihm noch nicht. Der Mann nahm in seinem Verkaufseifer meine Hand und zog mich mit dem kräftigen Griff des Schmieds auch noch auf die Eisenplatte. „No problem!“

Was soll ich sagen. Ich habe die Platte am Ende nicht gekauft. Und ich meinte, mich damit für einmal klug zu verhalten, indem ich etwas nicht aufhob (von Kaufen kann man ja bei diesem Preis nicht sprechen), was dann doch nur an einem anderen Ort rumliegen würde. Und natürlich würde die Platte nun mit all den anderen noch nicht ausgepackten Bildern irgendwo im Labyrinth der neuen Residenz stehen, in die ich vor ein paar Wochen in Wien eingezogen bin. Und natürlich ist es äusserst ungewiss, ob ich sie je ausgepackt und durch blosses Aufhängen in ein Kunstwerk verwandelt hätte. Trotzdem war es ein Fehler, den ich bereue. Es ist verpasste Kunst.

Nächstes Mal, nehme ich mir vor, nehme ich so etwas mit. Mag es noch so rostig sein. Mag die Möglichkeit, sich an den rostigen Ecken und Kanten zu verletzen, noch so gross sein. Ich bin sicher, dass die Platte noch dort ist, wo ich sie nicht erworben habe. Ausser der Schmied hat sie entsorgt, weil ihm bewusstgeworden ist, dass ich seine absolut einmalige Chance war, aus einem rostigen Blech wenigstens ein bisschen Geld zu machen.

Wenn ich wieder einmal in Safranbolu bin, werde ich hingehen und nachschauen. Und wenn die Platte noch da ist, werde ich sie kaufen, auch wenn sich der Preis unterdessen verdoppelt haben sollte. Die Ausfuhr in die Schweiz oder nach Österreich wird dann natürlich nicht mehr so leicht sein, wie es als Teil meines Umzugsgutes gewesen wäre.

Es werden Formalitäten zu erledigen sein. Zollbestimmungen für die Einfuhr von Schrott werden zu studieren und erfüllen sein. Und wenn der Zöllner dann bei der Einfuhr überraschenderweise darauf bestehen sollte, dass es sich um Kunst handelt, nicht um Schrott (woran sieht er das bloss?), werde ich ihm das Gegenteil beweisen. Ich werde mit beiden Füssen auf die Platte springen und ihm zurufen: Kein Problem! Sehen Sie? Kein Problem!

Keine Beschriftung heisst nichts

29. Oktober 2017

– ein Plädoyer für die Abschaffung fehlender Beschriftungen

Es befremdet mich, dass nur auf einer Box ein «R» steht und auf der anderen nichts. Der Grund dafür liegt offenbar in der Logik. Wenn in einer der Boxen die rechte Kontaktlinse ist, muss in der anderen zwangsläufig die linke sein. Anschreiben muss man das in dieser Logik nicht.

Was aber, wenn ich zuerst die Box in die Hand kriege, auf der nichts steht? Muss ich dann auch die rechte Box zur Hand nehmen, um logisch schliessen zu können, dass in der unbeschrifteten Box die linke Linse sein muss? Was, wenn ich die Box mit dem «R» gerade nicht finde? Ist die Meinung, dass ich das in Erinnerung behalte («R» ist rechts, nichts ist links), oder ist die Überlegung die, dass ich die Kontaktlinsen nur dann montiere, wenn ich beide zur Hand habe?

Die Logik in sich zwar schlüssig, ihre Anwendung behagt mir aber nicht. Man könnte sie ja auch bei öffentlichen Toiletten anwenden. Bei den Damen steht ein «D» an der Türe und bei den Herren nichts. Wäre ja auch glasklar. Wenn an einem Ort die Frauen sind, sind am anderen die Männer. Oder ist das vielleicht der Wickel- oder Putzraum? Entschuldigung, ich wollte nicht stören.

In der Küche oder im Restaurant wäre diese Logik beim Salz und beim Pfeffer anwendbar (Kein S meint Pfeffer) oder beim Salz und beim Zucker. Im Badezimmer beim Warm- und Kaltwasser. Beim Mineralwasser könnte man sich auf ein «M» für mit Kohlensäure und nichts für ohne einigen. Nichts für ohne hätte wenigstens einen gewissen Sinn. Mehr jedenfalls als nichts ist Pfeffer oder kalt.

Grundsätzlich könnte man die Logik des Weglassens bei allem anwenden, wo man eine Wahl zwischen lediglich zwei Dingen hat. Wenn es nicht das eine ist, muss es ja das andere sein. Das leuchtet wirklich jedem ein. Ausser mir offenbar.

Sogar bei Verkehrsampeln liesse sich diese Logik anwenden, obwohl es da drei Farben gibt. Das Weglassen von Orange und Grün würde vermutlich gewaltige Einsparungen bringen. Wenn nicht rot ist, muss grün sein (allenfalls Orange, aber es geht ja auch ohne). Fahr endlich!

Ich stelle den Antrag, alle fehlenden Beschriftungen abzuschaffen, und mache hier Schluss für heute. Ich will mir das Ende vom Finalspiel Federer gegen del Potro anschauen. Falls Federer gewinnt, werden die Medien ausführlich darüber berichten. Falls del Potro gewinnt nicht. Muss man dann ja nicht noch besonders erwähnen.

Von blinden Pferden und fast geheilten Hunden

18. März 2017

(woran ich denke, wenn ich etwas sehe, und was ich sehe, wenn ich an etwas denke)

Es ist ein uns allen bekanntes Phänomen: wir sehen etwas lange Zeit nicht, dann plötzlich überall. Dazwischen hat sich etwas ereignet, was unseren Blick darauf gelenkt hat, denn vorhanden war es schon, nur haben wir es nicht wahrgenommen.

Was uns den Blick darauf freigemacht hat, kann ein Ereignis sein. Nachdem es eingetroffen ist, sehen wir das, was vorher schon da war, sich uns aber nicht gezeigt hat. Vielleicht hat es sich uns vorher schon zeigen wollen, hat uns sogar zugewinkt, aber wir waren das sprichwörtliche blinde Pferd, an dem ein Nicken vergeudet ist.

Ich weiss: Das braucht jetzt ein paar Beispiele, und mindestens eines sofort, sonst verlieren wir uns in der Erkenntnistheorie. Kant, Hegel, Würmelinger, Runzelbacher. Wer googelt, hat sich in meine Abschweifungen verlaufen, kommt nie mehr zurück.

Hier also gleich mein Suzuki-Beispiel: Vor dem Dezember 1986 hatte ich in der Schweiz praktisch nie einen Suzuki-Jeep wahrgenommen. Gab es überhaupt welche in der Schweiz vor jenem 9. Dezember 1986? Mein Bruder fuhr offenbar einen, aber der war so gut wie unsichtbar. Wahrscheinlich stand er mehrheitlich in seiner Garage.

Dann starb unsere Mutter und ich habe in den zwei Wochen danach verschiedene Dinge mit dem Suzuki-Jeep meines Bruders erledigt. Ich fuhr zu Ämtern, zum Gerichtsmedizinischen Institut, zur Kantonspolizei. Ich machte Einkäufe für die trauernde Sippe. Manchmal bin ich glaub ich auch einfach ziellos durch die Stadt gefahren, weil ich nirgendwo sein wollte.

Nach diesem Ereignis sah ich die Suzuki-Jeeps überall, jahrelang. Und jeder von ihnen versetzte mich unweigerlich zurück in die Tage, als meine Mutter starb.

Es muss ein strategischer Entscheid des Suzuki-Importeurs gewesen sein, der eines Morgens beim Kaffee entschieden hatte, den Schweizer Markt mit Suzuki-Jeeps zu überschwemmen. Jetzt ist der Moment, sagte er unvermittelt zu seiner Frau. Die Schweiz ist reif für den Suzuki-Jeep! Wenn Du meinst, Erwin. Einen blauen vielleicht?

Noch etwas Anderes war neben dem plötzlichen Auftauchen von Suzuki-Jeeps in jenen Wochen zu beobachten. Natürlich wiederum nur für die, die es sahen, beziehungsweise hörten. In den Schweizer Hitparaden kletterte „Your latest trick“ von den Dire Straits die Ranglisten hoch, oder hätte es jedenfalls tun müssen, denn ich hörte dieses Lied auf einem Tonband im Tapedeck des Suzuki-Jeeps immer und immer wieder.

All I can do is hand it to you – and your latest trick. Saxophonklänge und die wunderbar traurige Stimme von Mark Knopfler. Ich spulte das Band so oft an den Anfang des Lieds zurück, dass ich mich heute wundere, warum das Tapedeck das Band nicht reinzog und frass.

Später habe ich ein Saxophon gemietet. Der freundliche Mann im Musikgeschäft fragte mich, ob ich schon spielen kann oder ob ich einen Lehrer brauche. Denn ein Saxophon sei keine Blockflöte, auf der man einfach spielen könne. Aber ich wollte keine Hilfe. Ich wollte spielen. Nur dieses eine Lied. All I can do. Hand it to you.

Es schien mir die einzige Möglichkeit, mit dem Verschwinden meiner Mutter irgendwie zurecht zu kommen. Ich habe dann glaube ich insgesamt drei Töne aus dem Ding rausgebracht, nicht nacheinander, bevor ich es nach ein paar Wochen wieder zurückbrachte. “Sie sollten es unbedingt stimmen, bevor Sie es weitervermieten”. Ich hätte das gerne gesagt, aber ich brachte auch aus mir keinen Ton mehr raus.

Das Saxophon sei im Vergleich zu anderen Instrumenten noch gar nicht so wahnsinnig alt, sagt mir gerade Wikipedia. Sie sitzt meistens neben mir, wenn ich schreibe. Der belgische Instrumentenbauer Adolphe Sax habe es um 1840 erfunden. Berühmt gemacht hätten es dreissig Jahre nach seinem Tod Jazzmusiker in den USA. „Phon“ sei übrigens ein aus dem Griechischen stammender Wortbestandteil, plappert sie gleich weiter, der so viel wie „Klang“ oder „Ton“ bedeute. Danke. Es ist jetzt gut, Wiki.

Wiki selber wurde erst im Januar 2001 erfunden, als meine Mutter schon 15 Jahre tot war. Sie konnte von den kostenlosen lexikalischen Einträgen (Lemmata) nicht mehr profitieren. Sie hätte sie womöglich für Lemminge gehalten und in einem Quiz nach dem Erfinder des Saxophons gefragt, hätte sie ohne ihr Lexikon raten müssen und vielleicht auf Herbert Lohdemann getippt. Ein Lohdemannophon hätte ich mir dann allerdings nie ausgeliehen. Wer hätte so etwas spielen wollen.

30 Jahre später sind die Suzuki-Jeeps fast ganz wieder von den Schweizer Strassen verschwunden. Einzelne zirkulieren zwar noch, aber sie wirken kraftlos, sogar die ganz neuen Modelle, denn sie haben nicht nur den Treibstoffverbrauch gegenüber den 80er-Jahren erheblich reduziert, sie erinnern mich auch nicht mehr jedes Mal und unmittelbar an diese schweren Tage, als meine Mutter starb und ich durch ein Zürich fuhr, das sie nie mehr sehen würde.

Your latest trick hingegen hat heute noch die Kraft, mich unmittelbar in den Dezember 1986 zu katapultieren. Ich habe das Lied gerade dreimal abgespielt. Noch zweimal, vermute ich, und ich mache mich auf ins Niederdorf und miete noch einmal ein Saxophon.

Hier endet endlich mein Beispiel. Es ist lang geraten und Sie haben längst begriffen, was ich gemeint hatte mit dem uns allen bekannten Phänomen. Etwas ist unsichtbar, bis eines Tages ein persönlicher Bezug dazu hergestellt wird. Ich benutze bewusst die passive Form. Solche Dinge machen wir selten selber. Sie passieren uns, auch wenn sie nie ganz vorbeigehen. Irgendwann verschwinden zwar die Jeeps wieder, wahrscheinlich weil der Schmerz nachgelassen hat und die Zeit bekanntlich alle Hunde heilt, aber das Lied klingt nach.

Es passt natürlich auch andersrum, wie die Österreicher sagen würden. Nicht nur traurig in die Vergangenheit, auch freudig in die Zukunft. Auch ein bevorstehendes Ereignis kann den Blick auf etwas lenken, was schon da ist, was wir aber kaum oder gar nicht wahrgenommen haben.

Ich werde zum Beispiel im kommenden Sommer nach Wien versetzt, und seit der Transfer feststeht, sind die Zeitungen plötzlich voll von Meldungen über Wien und Österreich, während hinter dem Arlberg vorher ausser ein paar Skipisten rein gar nichts war.

Phänomenal, nicht wahr?

Erdmännchen im EDA

15. März 2017

Ich benutze diesen Blog eigentlich nie, um mich mit meinem realen Leben zu befassen. Mit meinem realen Leben befasse ich mich in meinem realen Leben. Aber heute komme ich nicht umhin, etwas aus meinem realen Leben hier zu deponieren, auch wenn und vielleicht weil es nicht wirklich wirklich klingt, sondern eher wie eine wilde, ziemlich absurde Phantasie.

Vor ein paar Wochen habe ich auf Lync, der bundes-internen Version von „Skype for Business“, bei meinem Absender ein Bild publiziert. Sie sehen es, wenn Sei ein wenig hinunter scrollen. Gestern habe ich nun von der Zentrale folgende E-Mail erhalten, mit dem Subjekt: „Foto im Intranet / Skype for Business (Lync)“:

Sehr geehrter Herr Gschwend

Sie haben kürzlich im Intranet / Skype for Business ein Bild publiziert. Leider entspricht das Bild nicht den Vorgaben. Diese lauten folgendermassen:

– Portraitfoto
– Dimensionen: mindestens 300×300 Pixel, Dateigrösse maximal 5MB, Hochformat oder      quadratisch
– Das Bild zeigt Sie ohne weitere Personen oder Objekte

Wir bitten Sie also, bis spätestens am 14.04.2017 ein neues Bild zu hinterlegen. Andernfalls werden wir das aktuelle Bild vom Intranet entfernen.

Mit freundlichen Grüssen

Silvia Kindermann
(Name geändert)

 
Wenig später folgte eine weitere E-Mail:

 
Sehr geehrter Herr Haffner

Bitte entschuldigen Sie das Versehen (ein „Copy – Paste“ Fehler). Das Mail ist natürlich an Sie gerichtet und nicht an Herrn Gschwend.

Mit freundlichen Grüssen
Evelyne Kindermann
(Name schon wieder geändert)

Und das ist die Antwort, die ich heute verfasst und gesendet habe:

Sehr geehrte Frau Kindermann

Ich bin, ich sage Ihnen das ganz offen, sehr erleichtert, dass Sie doch noch festgestellt haben, dass ich nicht Herr Gschwend bin.
Es hätte mir wirklich Mühe gemacht, mich mit diesem Gedanken anzufreunden.
Das ist jetzt überhaupt nicht gegen Herr Gschwend gerichtet, aber es hätte mich doch sehr erstaunt und es ist einfach viel einfacher und angenehmer, sich selber zu bleiben.
Wenn ich nur schon an all die Ausweise und Dokumente denke, die ich hätte ändern müssen. Womöglich samt Passfoto.

Und damit sind wir beim von Ihnen beanstandeten Bild, das ich auf Skype aufgeschaltet habe.
Wenn Sie das Bild in der Bildersuche von Google eingeben, erfahren Sie innerhalb von 0,67 Sekunden durch 25’270’000’000 Ergebnisse, dass es sich bei der Abbildung um ein Erdmännchen handelt.

Es mag sein, dass die Dimensionen des Bilds nicht exakt den geforderten 300×300 Pixeln entsprechen. Erdmännchen haben nur eine sehr oberflächliche Vorstellung von Pixeln, und sind dazu sehr selten an der Oberfläche, weil sie sich oft in ihrer Höhle aufhalten. Die anderen von Ihnen genannten Anforderungen sind jedoch erfüllt. Das Bild zeigt ganz klar nur mich (ohne weitere Personen oder Objekte) und es handelt sich eindeutig um ein Portraitfoto, denn, sehr geehrte Frau Kindermann , ich kann und möchte es auch nicht ändern: Ich bin ein Erdmännchen.
Und ich habe das, so möchte ich gleich anfügen, dem EDA  auch nie verheimlicht.

Ich bin vor 30 Jahren als Erdmännchen zum Concours angetreten und ich werde in ein paar Jahren als Erdmännchen pensioniert werden.
Ich habe, um meinen Beruf ausüben zu können, lediglich meine Ernährung ein wenig umstellen müssen, da Insekten, Skorpione, Schnecken, Nager und Reptilien bei diplomatischen Einladungen eher selten serviert werden. Dafür kommen auch Falken, Schakale und Schlangen (meine natürlichen Feinde) in den Kreisen, in denen ich mich beruflich bewege, eher selten vor. Oder höchstens im übertragenen Sinn.

Das Diplomatenleben eignet sich vor allem im letzten Karrieredrittel ausgezeichnet für Erdmännchen, denn wir leben in Höhlen, ziehen es aber vor, von anderen Tieren gegrabene Höhlen zu beziehen und diese lediglich unseren Bedürfnissen anzupassen. Das tue ich nun schon in der vierten Residenz. Dabei habe ich auch den natürlichen Lebensraum meiner Gattung, das südliche Afrika, verlassen und habe in Europa, Asien und Nordamerika gelebt.

Aber ich will Sie nicht weiter langweilen mit den Besonderheiten des Lebens eines Erdmännchens im diplomatischen Dienst. Möglicherweise ist Herr Gschwend ja ein Elch, und wenn wir Ihnen alle lang und breit erklären, wie wir als Tiere im EDA Jahrzehnte leben und überlebt haben, haben Sie am Ende keine Zeit mehr für die Informatik. Auch ich muss mich jetzt wieder meiner Arbeit zuwenden, denn Erdmännchen sind tagaktiv und wir sind in der Türkei zwei Stunden voraus, das heisst, der Abend ist nach dem Mittag nicht mehr sehr weit und ich werde mich schon bald wieder in meine Höhle zurückziehen.

Liebe Frau Kindermann , ich muss leider zum Schluss kommen.
Zuerst dachte ich, Sie würden sich wegen den dunklen Ringen unter meinen Augen Sorgen machen um meine Gesundheit oder daraus schliessen, ich arbeite zu viel und schlafe zu wenig, und ich war bereits ein bisschen gerührt, dass Sie mir empfehlen würden, im Herbst meiner Karriere aus Gesundheitsgründen weniger zu arbeiten. Ich hätte Sie beruhigen können. Wir Erdmännchen haben die Ringe auch wenn wir ausgeschlafen sind. Sie dienen dazu, zu verhindern, dass die Sonne uns beim Blick in die Ferne, wo wir nach Feinden Ausschau halten, blendet.
Aber dann schaute ich auf den Absender Ihrer E-Mail und sah, dass Sie nicht beim EDA-Personaldienst, sondern bei der EDA-Informatik angesiedelt sind.

Sie bitten mich nun, mein Bild zu entfernen und bis spätestens am 14.04.2017 ein neues Bild zu hinterlegen, und sie drohen mir an, andernfalls das aktuelle Bild vom Intranet zu entfernen.
Ich stehe nicht im Ruf, mich Anweisungen der Zentrale zu widersetzen. Ich muss Ihnen aber mitteilen, dass ich das Bild nicht durch ein neues ersetzen werde. Erdmännchen werden auf freier Wildbahn maximal 15 Jahre alt, im Zoo höchstens 12. Es gibt keine statistischen Erhebungen über das Lebensalter von Erdmännchen im diplomatischen Dienst. Ich könnte Ihnen nicht einmal sagen, wie viele wir sind. Tatsache ist, dass ich das für Erdmännchen übliche Alter schon lange überschritten habe. Ich nehme jeden weiteren Tag als Gunst und Gnade, und so werde ich es auch mit den Tagen halten, die meinem Bild noch verbleiben, bis Sie es vom Intranet nehmen, denn ich zweifle nicht daran, dass Sie ihre Drohung wahrmachen werden.

Schauen Sie mir also am 14. April noch einmal tief in die schwarz umringten Augen (meinem Lync-Bild meine ich natürlich) und dann löschen Sie es, wenn Sie es noch und nicht anders können.
Ich kann Ihnen versichern, dass ich Sie deshalb nicht als Feind betrachten werde. Aber ich werde am Abend des 14. April traurig sein, wenn ich in meine Höhle zurückkehre.

Freundliche Grüsse aus Ankara,

Walter Haffner