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Habermanns Verfolgung

18. September 2021
  • eine Geschichte in 4 Etappen

Prolog, Silver Spring, Maryland, USA, an einem sonnigen Herbstmorgen im Jahr 1998

Ein Mann im dunkelgrauen Anzug und mit Sonnenbrille betritt den Eingangsbereich eines Ford Händlers, durchquert die Halle und tritt an den Schalter. Die Empfangsdame begrüsst ihn mit den Worten:
«Guten Morgen, mein Herr, was kann ich für Sie tun?»
«Frederik Johnson, FBI» (er zeigt seinen Ausweis) «Ich brauche die Akten eines Ihrer Kunden: George Habermann. Ein roter Ford SHO.»
Die Empfangsdame lacht. «Da müssen Sie mir aber sagen, welcher der beiden Sie interessiert. Es gibt nämlich zwei George Habermann, die einen roten Ford SHO fahren! Unglaublich, nichtwahr?»
«Ich weiss, aber einer ist verschwunden. Ich brauche den anderen.»

Erste Etappe: Die Tochter der Wahrsagerin (Obersaxen – Washington, D.C.)
vier Jahre vorher, im August 1994

Es ging gar nicht. Es war völlig unmöglich. Wie sollte er sein zweites Ich einholen, das drei Jahre vor ihm gestartet war und somit eigentlich sein erstes Ich war? Es war völlig undenkbar, dass ein Mensch zweimal geboren wurde, im Abstand von wenigen Jahren, und doch hatte die junge Frau genau das behauptet, und zwar nicht von irgendjemandem in einer erfundenen Geschichte, sondern von ihm, George Habermann.

„Du bist nie ganz bei Dir, weil Du Dir vorausgeeilt bist. Wenn Du zu Dir finden willst, wenn Du ganz werden willst, musst Du Dich auf Deine Fersen machen. Und zwar schnell. Je länger Du wartest, desto schwieriger wird es für Dich, dich noch vor dem Ziel einzuholen.“

Und für diesen Unsinn hatte er auch noch 50 Dollar bezahlt, in einer Seitengasse des Dupont Circle in Washington, D.C. Der Schwiegersohn eines längst verstorbenen Schweizer Kinderbuchautors, dessen im Engadin spielende Werke jedes Kind seiner Generation kannte, hatte ihm eine Wahrsagerin empfohlen. Er halte sonst nichts von Wahrsagerinnen, hatte er ihm versichert, aber jedes Mal, wenn er in Washington sei, besuche er sie, und sie enttäusche ihn nie. Es sei einfach unglaublich, was sie über sein Leben wisse, ohne dass er ihr je auch nur das Geringste über sich erzählt habe, und ebenso verblüffend sei, wie oft das, was sie ihm voraussage, dann auch tatsächlich so oder ähnlich eintreffe. Und das alles für 25 Dollar.

Habermann hielt noch weniger als nichts von Wahrsagerinnen und spätestens als er an der Türe klingelte und eine jüngere Frau öffnete und ihm erklärte, ihre Mutter sei krank, aber sie würde sie vertreten, hätte er es sein lassen sollen. Stattdessen folgte er ihr die Treppe hoch in ein nur schwach ausgeleuchtetes Zimmer und setzte sich ihr gegenüber an den kleinen Tisch, auf dem keine Kristallkugel stand – wenigstens das nicht, dachte er.

Wie die Vertretung der Wahrsagerin (wer sagte, dass es sich wirklich um ihre Tochter handelte, und nicht um die Reinigungskraft, die ihre Chance auf ein paar leicht verdiente Dollar gekommen sah?) wissen konnte, dass er in der Schweiz eine ältere Schwester und einen jüngeren Bruder hatte, und dass seine Eltern einige Jahre zuvor kurz nacheinander ums Leben gekommen waren, konnte er sich dann allerdings nicht erklären.

Er hatte sich vorgenommen, der Wahrsagerin keinerlei Informationen über sich zu geben, die sie ihm später auftischen konnte, und hatte das auch mit ihrer Tochter so gehalten. Ja und Nein waren seine einzigen Antworten auf ihre Fragen. Wie es schon in der Bibel geschrieben stand: „Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein; was darüber ist, das ist vom Übel.“ Als hätten die Autoren das digitale Zeitalter vorausgeahnt und ganz nebenbei einen Leitfaden für den Umgang mit Wahrsagerinnen und ihren Töchtern verfasst.

Hatte der Schwiegersohn des Kinderbuchautors vielleicht Informationen über ihn hinterlassen? Wusste er, den er nur zweimal getroffen hatte, im Zusammenhang mit einem Ausstellungsprojekt, das nie zustande kommen sollte, diese Dinge überhaupt? Hatte er sie ihm womöglich erzählt? Es war praktisch ausgeschlossen, obwohl er manchmal zu viel redete, wie ihm seine Frau ab und zu vorhielt. Also beschloss er, anstatt aufzustehen und diesen totalen Blödsinn abzubrechen, sitzenzubleiben und der jungen Frau zuzuhören. Er hatte noch etwas Zeit, bevor seine Mittagspause zu Ende war.

Hatte sie tatsächlich die Gabe Ihrer Mutter geerbt? Oder hatte auch ihre Mutter keine Gabe und ihrer Tochter lediglich das raffinierte Geschäftsmodell beigebracht, während ihr für Prophezeiungen weniger begabter Sohn im Hinterhof den Kilometerstand von Gebrauchtwagen manipulierte?

Nach ein paar weiteren erstaunlichen Aussagen über Habermanns Vergangenheit und seine Gegenwart kam die junge Frau ins Stocken. Sie stützte ihren Kopf in beide Hände, schloss die Augen und begann leise zu stöhnen.
„Ist Ihnen nicht gut?“ fragte Habermann? „Kann ich Ihnen ein Glas Wasser bringen?“ Er hatte zwar keine Ahnung, ob und wo es hier Wasser gab, aber es gab hier bestimmt eine Astgabel, mit der er nach Wasser suchen konnte. Oder ein Pendel.

„Du bist nicht ganz“, sagte sie, ohne die Augen zu öffnen.
„Nicht ganz was?“ fragte Habermann, und dachte: Nicht ganz bei der Sache? Nicht ganz gebacken?
„Du bist nicht ganz. Du bist nicht Dein ganzes Ich.“
„Will heissen…?“
„Ein Teil von Dir ist bereits unterwegs, ist Dir voraus. Vielleicht zwei, drei Jahre, vielleicht auch mehr, schwer zu sagen.“
„I see…“ sagte Habermann, obwohl er in diesem Augenblick weder etwas sehen noch etwas verstehen konnte.
„Du wurdest schon einmal geboren und wenn es Dir nicht gelingt, Dich einzuholen, wirst Du nie ganz sein.“ Mit diesen Worten öffnete sie die Augen.
„Das macht 50 Dollar“
„50?“ fragte Habermann, „Man hatte mir 25 gesagt…“
„Davon weiss ich nichts“ sagte die Tochter der Wahrsagerin, ohne mit den künstlichen Wimpern zu zucken.

Was konnte man tun, wenn sie nichts davon wusste? Wahrscheinlich hatte sie beim Frühstück in ihrem Kaffee gesehen, dass heute ein Europäer kommen würde, der das Doppelte des üblichen Preises bezahlt.

„Möchten Sie eine Verlängerung?“
„Nein, danke“ sagte Habermann, und gab ihr die 50 Dollar. Wer wusste, was bei einer Verlängerung noch alles zum Vorschein kommen würde. Vielleicht war er mit einem vorausgeeilten Teil seines Ichs, das er nun würde einholen müssen, noch gut bedient. Vielleicht gab es noch andere Ichs, die schon wesentlich mehr Vorsprung hatten, oder er würde von einem halben Dutzend später geborenen Ichs erfahren, die ihm wie eine Meute hechelnder Hunde auf den Fersen waren.

Als er ihr die Treppe hinunter zum Eingang folgte, fragte er sie: „Und wie macht man das, wie holt man sich selber ein?“
„Wie beim Velorennen“ sagte sie mit einem Lächeln, während sie ihm die Türe aufhielt, die hinter ihm ins Schloss fiel.

Habermann überquerte die Strasse und nahm die Rolltreppe hinunter zur Metro. Wie man so tief unter einer Stadt ein ganzes U-Bahnnetz bauen konnte, konnte er sich nicht wirklich vorstellen. Die Pyramiden von Gizeh? Gut, das war auch kein kleines Wunder, aber Stein auf Stein und mit unendlich viel Zeit und Sklaven konnte er es sich vorstellen. Ein U-Bahnnetz tief unter eine bereits existierende Stadt zu legen, überstieg hingegen seine Vorstellungskraft. Und trotzdem hatten sie genau das getan.

Was hatte sie gemeint mit Wie beim Velorennen? Er war kein grosser Radsport-Fan und wusste entsprechend wenig über Velorennen. Das einzige Rennen, das er sich hin und wieder im Fernsehen anschaute, war die Tour de France. Was er dabei neben den schönen Landschaften am meisten mochte, war, wie die Mannschaften funktionierten. Wie sie eine Taktik hatten, um ihre Sprinter in Position zu bringen für Zwischenwertungen und Etappensiege oder wie sie ihre Leader zum Gesamtsieg führten, wie die einen für die anderen arbeiteten und alles einem Plan folgte, einer Strategie, die manchmal sogar aufging.

Aber was hatte das mit seiner Situation zu tun? Er hatte kein Team, das ihn an sein ausgerissenes Ich hätte heranführen können. Hatte sie ein Einzel-Zeitfahren gemeint? Sein Ich war vor ihm auf die Strecke gegangen und es ging nun lediglich darum, die von ihm vorgelegte Zeit zu schlagen, um am Ziel ins goldene Trikot des Vereinigten Habermann eingekleidet zu werden?

Oder meinte sie den Windschatten? Riet sie ihm, seinem sich auf der Soloflucht befindlichen Ich im Verlauf des Rennens (was für ein Rennen?) so nahe zu kommen, dass er sich kurz vor der Ziellinie aus seinem Windschatten lösen und sich selber überholen konnte? Wäre das dann ein Doppelsieg oder würde er alleine jubeln?

Zurück im Büro blätterte er noch einen Moment in den Papieren, die ihm der Schwiegersohn des Buchautors hinterlassen hatte, und eigentlich hätte er nun ein paar Museen oder Galerien anrufen sollen, um die Möglichkeit einer Ausstellung auszuloten, aber es fehlte ihm an Energie, um zu versuchen, das Engadin seiner Kindheit nach Washington zu holen, und er fragte sich stattdessen, wieviel Vorsprung sein Ich bereits hatte, in welcher Situation es sich gerade befand und was es gerade tat. Hatte es eine Frau und Kinder wie er? Und was würde geschehen, falls es ihm tatsächlich gelingen würde, sich einzuholen

Zweite Etappe: Über die Brücke rennen (Virginia Beach – Delmarva-Halbinsel)
im Oktober 1996

„Lars Henriksen, Armando da Silva jr., Brandon Barnea, Steven Schenker, John Reilly, James Quigley, Garry Landsman, Tony Marino, Kenneth Anderson…”
„Reich mir doch bitte die Milch rüber…“
„Was…?“
„Die Milch…“
Habermann gab seiner Frau die Milch.
„Dieser Dallas Harrison – was für ein Name – der Junge ist ganze 31 Jahre alt. Fünf Sekunden habe ich ihm abgenommen.“
„Toll…“
Linda goss Milch in ihren Kaffee und beugte sich wieder über ihre Zeitung.
„Andererseits ist da dieser Bill Osburn. 72 Jahre alt. Das wäre dann, warte mal, Jahrgang 1924. Lief locker 16 Sekunden schneller als ich. Kannst Du dir das vorstellen? Ich renne über die Brücke, ich gebe alles, was ich habe, meine Füsse tun mir weh in den teuren Airmax, und auf dem letzten Kilometer, als es mir fast die Lunge zerreisst und ich mich am liebsten auf die Strasse legen würde, zieht dieser Greis locker an mir vorbei, wehendes weisses Haar, ausgelatschte Turnschuhe aus dem K-Mart, „Just do it“ auf dem T-Shirt.
Ist als Zwanzigjähriger in der Normandie gelandet, hat die Nazis eigenhändig besiegt und überholt mich fünfzig Jahre später kurz vor Sandy Point, am Ziel des Bay Bridge Runs. Atmet nicht einmal besonders schwer, während ich nach Luft schnappe. Himmelarschundzwirn!“
„Nicht am Tisch bitte, unterbrach ihn Linda, nicht vor den Kindern.“
„Ist aber so. Der Kerl verdrückt im Zielgelände rasch eine Gratisbanane, trinkt zwei Bier des Sponsors und fährt dann nachhause zu seiner fünfundzwanzigjährigen Frau. Seine dritte, versteht sich. Die zweite hat er nach zwanzig belanglosen Jahren grosszügig abgefunden. Sie telefoniert ihm jedes Jahr zu Weihnachten und hinterlässt jedes Mal dieselbe Nachricht auf seinem Beantworter: „Happy Christmas, Bill, I hate you!“. Dann hängt sie wieder auf. Die dritte Frau hat er im Health Club kennengelernt. Blondes, schulterlanges Haar und ein Gesicht wie ein Filmstar, nur nicht so steril. Stets guter Laune. Und natürlich schwer intelligent, sensibel, sinnlich. Sie bumsen nächtelang und spielen vor dem Frühstück zusammen zwei Stunden Squash.“
„George, Du bist widerlich.“
„Ich weiss…“

Er legte die Runner’s Gazette zur Seite und schenkte sich noch einen Kaffee ein. Dann stand er vom Tisch auf und ging mit der Tasse in der Hand in die Küche. Wieso konnte er sich nicht einfach freuen? Vor sechs Wochen hatte er sein erstes Rennen bestritten. Er würde bald vierzig werden und war tatsächlich noch einmal fit geworden, wie er sich das immer vorgenommen hatte, fit vor 40 und dann weiterrennen bis 85.

Von 1738 männlichen Teilnehmern hatte er die 759ste Zeit erreicht, also fast 1000 Läufer hinter sich gelassen auf den zehn Kilometern über die Chesapeake Bay Bridge. Und das alles bei beträchtlichem Gegenwind. Das war doch eigentlich ein schöner Erfolg, für jemanden, der noch vor ein paar Monaten beim Treppensteigen ins Keuchen gekommen war.

Aus dem Küchenfenster sah er seine Kinder im Garten spielen. Norris und Paul prügelten sich unter der Schaukel und Livia und Cindy füllten im Schatten der Bäume Wasserkessel mit Gras und Blüten. Er riss die Schiebtüre zur Veranda auf und schrie in den Garten hinaus:
„Herrgottnochmal, Norris! Willst Du ihn eigentlich umbringen?“
Aber Paul hatte sich bereits aus dem Griff des älteren Bruders befreit und rannte lachend ans andere Ende des Gartens, im Vorbeiweg gezielt den Kessel von Livia umtretend, worauf diese ihm unter grauenhaften Verwünschungen nachsetzte. Nie wieder würde sie mit ihm spielen. Nie! Und wenn er jetzt nicht augenblicklich…

Habermann schloss die Schiebetüre wieder. Nicht einmal seine eigenen Kinder ertrug er. Er war wirklich ein Prunkstück von Arschloch. Er spülte seine Tasse aus und ging mit der Sonntagszeitung nach oben. Die verdammte Zeitung war so dick, dass keiner sie ganz lesen konnte, auch wenn man früh aufstehen würde und den ganzen Sonntag lang nichts anderes vorhatte.

Dritte Etappe: Die Entdeckung des Schläfers (Potomac – Silver Spring – Potomac)
im September 1997

Drei Jahre waren seit dem Besuch bei der Tochter der Wahrsagerin vergangen. Drei Jahre, in denen die Washington Redskins jedes Mal die Playoffs verpasst hatten, sein Tennispartner Harry an Leberkrebs gestorben war und in denen Habermann kaum je an die unglaubliche Geschichte gedacht hatte, die sie ihm für ebenso unglaubliche 50 Dollar aufgetischt hatte.

Eines schönen Tages, die Bäume hatten gerade damit begonnen, ihr farbiges Laub fallen zu lassen, fuhr Habermann mit dem Garagenauto, das er erhalten hatte, bis sein Wagen aus der Werkstatt kommen würde, von seinem Haus in Potomac zur Ford Garage in Silver Spring, um seinen SHO abzuholen.

Er hatte sich diesen besonderen Wagen kurz nach seiner Ankunft in den USA gekauft. Eigentlich hatte er es ja auf einen Ford Mustang abgesehen gehabt, aber der Verkäufer hatte ihm davon abgeraten. Die Winter in Washington, meinte er, hätten zwar selten viel Schnee, aber die Strassen seien oft vereist, und wenn er auch im Winter zur Arbeit fahren wolle, sei ein Hinterradantrieb nicht ratsam. Stattdessen empfahl er ihm einen Ford SHO.

Ein SHO sei ein auf dem Mittelklassewagen Ford Taurus aufgebautes Sondermodell mit stärkerem Motor (Super High Output), erklärte er, das nur zwei PS weniger habe als der Ford Mustang, aber Vorderradantrieb. Weil man ihm seine Kraft nicht ansehe (er sah tatsächlich fast genauso aus wie ein normaler Ford Taurus, das meist verkaufte Auto in den USA), nenne man das Fahrzeug, von dem jährlich nur 10‘000 Stück hergestellt würden, Sleeper.

Habermann parkierte den Garagenwagen auf dem grossen Parkplatz vor der Werkstatt und trat ins Büro. Er überreichte der Dame am Empfang den Autoschlüssel und sagte:
„Der Name ist Habermann. George Habermann. Ich komme meinen Ford SHO abholen.“
„Hi, Mr. Habermann. Sure. Let me get the paperwork ready for you.”

Sie produzierte eine Rechnung, und Habermann wunderte sich über den für einen normalen Service viel zu hohen Betrag. Er schaute sich an, woraus sich dieser zusammensetzte, und sah rasch, dass es sich nicht um seinen Wagen handeln konnte.

„Das ist nicht mein Auto“ sagte er, „Es war nur ein regulärer Service, und auf dieser Rechnung stehen neue Bremsen, eine neue Kupplung, ein neuer Auspuff…“

Die Dame nahm die Rechnung wieder an sich, schaute sie an und sagte: „Sie haben doch einen roten Ford SHO, Jahrgang 94, richtig?“
„Ja, habe ich, aber…“
„Und ihre Adresse ist George Habermann, 29 Abott Road, Silver Spring, nichtwahr?“
„Nein, meine Adresse ist 25 Wimsley Court, Potomac.“
Die Dame schaute ihn ungläubig an, ging zurück zur Registratur und kam mit einer zweiten Rechnung zurück.

„Das ist absolut unglaublich, Mister Habermann! (absolutely incredible!) Es gibt tatsächlich zwei George Habermanns, beide wohnen in Maryland, beide fahren einen roten Ford SHO und beide haben ihren Wagen zur gleichen Zeit bei uns in der Garage. So etwas habe ich noch nie erlebt…“

So etwas hatte sie bestimmt noch nie erlebt, und nicht nur sie, auch die meisten anderen Einwohner von Maryland, Virginia, Washington D.C. und wahrscheinlich der ganzen Ostküste dürften so etwas kaum je erlebt haben, aber rein statistisch betrachtet war es wohl möglich, dass zwei Personen mit demselben Namen denselben Wagen kauften, in der gleichen Farbe, und ihn dann zur selben Zeit in dieselbe Garage brachten. Die Wahrscheinlichkeit liesse sich wahrscheinlich berechnen, und sie musste ziemlich klein gewesen sein bis zum Eintreffen des Ereignisses.

Zuhause angekommen erzählte Habermann seiner Frau von diesem unglaublichen Zufall und nach dem Abendessen suchte er im Telefonbuch nach der Adresse von George Habermann in Silver Spring. Er fand sie samt Telefonnummer und Beruf: Salesman.

Ruhetag: Doppel an der Partridge Lane, Potomac, Maryland
im September 1998

Habermann wachte gut gelaunt auf an diesem Samstagmorgen. Als er die kurze Hose seines Pyjamas abgestreift hatte, nahm er sie mit dem Fuss vom Boden auf, indem er sie durch die Luft schleuderte und mit dem Ausruf „Didier Cuche!“ mit der Hand auffing, wie es der Schweizer Abfahrer jahrelang nach jedem Skirennen mit seinem linken Ski gemacht hatte.

Seit zwei Jahren spielte Habermann fast jedes Wochenende am Vormittag Tennis mit einer Gruppe älterer Herren, von denen einer, Roemer, auf seinem Grundstück an der Partridge Lane einen Tennisplatz hatte, den sie im Herbst zuerst vom Laub befreiten und im Winter freischaufelten, falls es einmal geschneit hatte.

Der Potomac Tennis and Conversation Club bestand aus einem Dutzend Männern, die meisten unter ihnen zwischen 60 und 70 Jahre alt. Habermann war zusammen mit Arthur, der wie er um die Vierzig war, mit Abstand der Jüngste. Es wurde jeweils ein Satz Doppel gespielt und die Sieger blieben auf dem Platz, während die Verlierer im kleinen Pavillon neben dem Platz oder im Winter in der Küche Kaffee tranken, Zeitung lasen und diskutierten.

Das Schöne daran war, neben dem Tennisspielen, dass man nicht planen und sich anmelden musste. Man ging einfach hin, wenn man konnte und Lust hatte, und es waren immer mindestens vier, manchmal sechs, sieben oder acht Spieler da.

Keiner verlor an der Partridge Lane absichtlich ein Spiel, aber es ging nicht wirklich ums Gewinnen, sondern um den Spass am Spielen und das Zusammensein mit Freunden. Nur Alvin, der zweitbeste Spieler der Gruppe, regte sich jedes Mal fürchterlich auf, wenn er einen Doppelfehler machte, während Harry, wie Habermann einer der schwächsten Spieler der Gruppe und sein Lieblingspartner, nach einem der seltenen gewonnenen Punkt zu sagen pflegte: „Nur etwas ist tödlicher als meine Vorhand: meine Rückhand.“

Auf dem Heimweg von seinem Tennismorgen kam Habermann die Tochter der Wahrsagerin in den Sinn, die ihm von seinem anderen ich erzählt hatte, und er musste an den Mann in Silver Spring mit demselben Namen und demselben Auto denken. Wenn dieser tatsächlich sein anderes Ich war, das vor ihm gestartet war, weshalb war er dann nicht weiter als bis Silver Spring gekommen? War das alles, was man mit zwei oder drei Jahren Vorsprung bis zur Einholung durch das Feld herausholen konnte? Ein paar Punkte für die Bergpreiswertung und einen Umzug von Potomac nach Silver Spring?

Wenn dieser Verkäufer (was verkaufte er wohl?) aus Silver Spring tatsächlich sein früher geborenes Ich sein sollte, war er lediglich sein Vorausgänger? Würde auch er selber in ein paar Jahren in Silver Spring wohnen und als Verkäufer für sagen wir, Kühlschränke, unterwegs sein? Wie würde er dazu kommen, seinen Beruf als Diplomat aufzugeben, um in Silver Spring sesshaft zu werden und Kühlschränke zu verkaufen?

Oder war dieser George Habermann in Silver Spring nicht sein Vorausgänger, sondern ein vor ihm geborenes Ich, das einen ganz anderen Weg gegangen war, eine andere Frau geheiratet hatte und vielleicht nicht vier, sondern zwei oder gar keine Kinder hatte? Lebte er gar alleine?
War nicht nur sein Wagen ein Sleeper, sondern er selber, und er wartete nur darauf, dass er ihn einholen würde?

In der Tour de France wurden Ausreisser, die nach einer langen Soloflucht von ihren Verfolgern gestellt wurden, meistens gleich nach der Einholung stehengelassen und kamen danach mit grossem Rückstand ins Ziel, weil sie sich auf ihrer langen Flucht alleine im Gegenwind zu stark verausgabt hatten. Oder sie schafften es gar nicht mehr ins Ziel und wurden vom Besenwagen eingesammelt, der am Schluss des Trosses all diejenigen Fahrer aufnahm, die aufgeben mussten.

Was würde passieren, wenn Habermann Habermann eingeholt haben würde? Würde sein Vorausgänger nach dem Ende seiner langen Flucht erschöpft in den Besenwagen steigen? Würden beide Existenzen weitergehen, mit vertauschten Rollen, oder nur eine? Und wenn nur eine – welches Leben würde weitergehen: seines oder seines?

Es gab nur einen Weg, um das herauszufinden, und Habermann fürchtete sich davor. Trotzdem bog er nicht von der River Road zu seinem Haus ab, sondern fuhr weiter bis zum Abzweig nach Silver Spring.

Vierte Etappe: Contre la montre (Potomac – Silver Spring)
immer noch im September 1998

Zuerst war es nur ein Punkt, der weit vor ihm auf der geraden Strasse fuhr und nur langsam grösser wurde, dann konnte er das Heck eines roten Personenwagens ausmachen, und schliesslich war er nahe genug, um den Wagen erkennen zu können.

Habermann wurde beim Anblick des vor ihm fahrenden roten Ford SHO von einem Gemisch aus Nervosität, Angst und Anspannung befallen. War er das?
Und was sollte er jetzt tun? Ihm bis nachhause folgen?

Die Wahrsagerin kam ihm in den Sinn. Wie beim Velorennen.
Hatte sie damit gemeint, er solle ihn aus dem Windschatten überholen? Brauchte man Windschatten zum Überholen, wenn man einen SHO mit 240 PS fuhr, weil der andere auch 240 PS hatte?

Was würde passieren, wenn er zum Überholen ansetzte? Würde sich die Zeit krümmen und er würde während des Überholvorgangs nicht nur das Gesicht des Fahrers von der Seite sehen, sondern auch die rechte Seite des Fahrzeugs und das Gesicht der Beifahrerin?
Oder würde gar nichts passieren und der SHO würde in seinem Rückspiegel kleiner werden und schliesslich verschwinden?

Habermann fürchtete sich davor, den SHO zu überholen. Aber er fand auch nicht den Mut, ihm bis nachhause zu folgen und zu sehen, was aus ihm werden würde. Da kein Gegenverkehr in Sichtweite war, drückte er das Gaspedal ganz nach unten und die rasante Beschleunigung des SHO trug ihn im Nu auf die Höhe des Fahrzeugs vor ihm und an ihm vorbei. Der Fahrer schaute ihn ungläubig an. Der Beifahrersitz war leer.

Siegerehrung (Silver Spring, Maryland)
ohne Zeitangabe

Auf der Schlussetappe der Tour de France wird der Leader nach einem ungeschriebenen Gesetz nicht mehr angegriffen. Die Fahrer nehmen es normalerweise gemütlich und auf der Avenue des Champs Élysées wird auf dem Fahrrad Champagner getrunken iund geplaudert.

Habermann mochte keinen Champagner. Er trank nur ein Glas mit, weil seine Frau sich ein Champagnerfrühstück gewünscht hatte.

«Ich hatte einen seltsamen Traum heute Nacht», sagte sie.
«Was hast Du denn geträumt?»
«Es war ein wirres Durcheinander. Ich weiss nicht mehr alles. Einmal waren wir an einem Strand in der Bretagne, dann in den Pyrenäen, dann wieder hier zuhause. Wir hatten mehrere Hunde dabei, kleine und grosse. Sogar Kinder hatten wir. Kurz bevor ich erwachte, standen wir in einer Menschenmenge vor einem leeren Siegerpodest.
Die Leute jubelten und klatschten, aber es stand niemand auf dem Podest. Es war wirklich bizarr.»

Nach dem Frühstück ging Habermann ins Badezimmer und zog sich aus, um zu duschen. Seine Frau kam gerade richtig, um zu sehen, wie er mit dem Fuss seine Unterhose durch die Luft wirbelte und dabei etwas sagte, was wie «Deede Kush» klang.
«Was machst Du da?»
«Lustig, nicht?» antwortete Habermann, und stieg in die Duschkabine.

Als Habermanns Frau wieder im Wohnzimmer war, hörte sie die Türglocke klingeln. Sie ging zur Türe und sah durch das Guckloch einen Mann im dunkelgrauen Anzug, der eine Sonnenbrille trug, obwohl es ein bedeckter, grauer Tag war.


Hämpel

23. Januar 2021

Eines Tages, es war an einem Abend im Herbst und wir waren gerade aus dem Ausland nach Oberkulm umgesiedelt, wo meine sieben Jahre jüngere Frau nach meiner Pensionierung ein kleines Café eröffnen wollte, erhielten wir ebenso unerwartet wie unangemeldet Besuch von meinem Onkel Hans-Ulrich. Er brachte mir eine Flasche Portwein und zwei Brüder vorbei, die er, wie er sagte, auf seinem Estrich gefunden hatte.

Es konnte sich nicht um meine Brüder handeln, nur schon wegen Ihres Alters, denn die beiden Burschen, die sich schüchtern in der Eingangshalle unseres neuen Hauses umschauten, ohne sich vom Fleck zu rühren, und dabei nicht viel mehr als Umzugs-Kartons sahen, die einen offen und bereits zur Hälfte ausgeräumt, die anderen noch verschlossen, waren um die zwanzig, während sowohl mein Vater als auch meine Mutter seit mehr als 30 Jahren tot waren. Und wenn sie es hätten sein können: Wie waren sie auf seinem Estrich gelandet?

Seine Brüder konnten es ebenso wenig sein, denn Hans-Ulrich, genannt Hämpel, hatte im zweiten Weltkrieg das Licht der Welt erblickt, am 18. Juni 1941, um genau zu sein, am selben Mittwoch, an dem Joe Louis in New York seinen Titel als Schwergewichtsweltmeister gegen Billy Conn verteidigte, indem er ihn in der 13. Runde mit einem fürchterlichen Faustschlag auf die Matte schickte. Er war der zehn Jahre jüngere Halbbruder meiner Mutter (Hämpel natürlich, nicht Joe Louis), das Kind meiner früh verstorbenen Grossmutter und ihres zweiten Ehemanns, des Muttikillers, aber das ist eine andere Geschichte.

„Meine Brüder?“ fragte ich völlig verblüfft, in der einen Hand die Flasche Portwein haltend und mit der anderen noch immer Hämpels Hand schüttelnd, die er mir zum Gruss hingehalten hatte.

„Ja, Deine Brüder“, antwortete Hämpel, „Ich gehe auf eine längere Reise und ich kann sie nicht mitnehmen.“ Dabei liess er meine Hand los und ging an mir vorbei durch den Flur ins Wohnzimmer. Die beiden jungen Männer folgten ihm.

„Rahel…“ rief ich die Treppe hoch, „Kannst Du mal runterkommen? Wir haben Besuch.“ Rahel…?“ Einer unserer Hunde bellte irgendwo im Obergeschoss.

Als ich ins Wohnzimmer kam, sass Hämpel auf dem Sofa, dem einzigen Möbelstück, das bereits ausgepackt und aufgestellt war, weil es nichts zu montieren gab, und meine neuen Brüder knieten auf dem Boden und waren daran, ein Büchergestell zusammenzuschrauben. Ich ging auf sie zu und wollte ihnen sagen, sie müssten doch nicht, aber Hämpel unterbrach mich. „Lass sie nur machen – dann sind sie beschäftigt“, und er fuhr gleich fort: „Ich habe nicht viel Zeit, aber wenn ihr sowieso etwas essen wolltet, sage ich nicht nein.“

„Ich weiss nicht“, antwortete ich, „wir hatten eigentlich vorgehabt, später etwas zu bestellen, aber vielleicht…“ In diesem Augenblick trat Rahel ins Wohnzimmer. „Mach es nicht kompliziert“ sagte sie zu mir (sie ist der Meinung, ich mache immer alles kompliziert). „Natürlich kann ich uns etwas kochen“.

„Ich bin Rahel, Walters zweite Frau“, sagte sie, und streckte Hämpel ihre Hand hin.

„Freut mich“, sagte Hämpel. „Das sind Walters Brüder und ich bin sein Onkel, Hans-Ulrich.“

„Mögt ihr Spaghetti?“ sagte Rahel zu den beiden Brüdern, die unterdessen bereits das erste Büchergestell verschraubt und aufgerichtet hatten. Sie schienen sehr geschickt zu sein. Und schnell. Sie nickten und machten sich ans zweite Büchergestell.

„Hast Du Wein?“ fragte Hämpel. „Ich glaube ja, im Keller. Ich muss nur die richtigen Kartons finden.“ Ich folgte Rahel in die Küche, die in diesem alten Haus noch nicht im Wohnzimmer integriert war. „Er sagt, es seien meine Brüder. Und er will sie hierlassen“, flüsterte ich, während sie einen Karton öffnete und ihm wie durch ein Wunder eine grosse Pfanne entnahm, die sich bestens dazu eignete, Spaghetti zu kochen. „Und woher sollen wir Spaghetti nehmen? Hast Du auf dem Weg hierher etwa noch eingekauft?“

„Sie können uns beim Einrichten helfen,“ antwortete Rahel, als ob nichts von dem, was ich gerade gesagt hatte, sie überrascht hätte, „und später können sie im Café servieren.“

„Aber es sind gar nicht meine Brüder“, sagte ich. „Es könnten seine Söhne sein. Er hat zwei Söhne….“ Dann fiel mir ein, dass das ebenso unmöglich war. Seine Söhne mussten mittlerweile um die 50 sein. „Oder seine Grosskinder…“. Einer seiner Söhne hatte, so glaubte ich mich zu erinnern, geheiratet und hatte Familie. Aber wie sollten seine Grosskinder auf seinem Estrich gelandet sein und wo waren deren Eltern, dass er sie nun bei mir deponieren wollte?  

„Hol den Wein aus dem Keller“ sagte Rahel. „Und vorher bittest Du Deine neuen Brüder, den Esszimmertisch und ein paar Stühle auszupacken, damit wir nicht zu fünft auf dem Sofa essen müssen. Die Kartons sind angeschrieben“. „Sie sind nicht meine Brüder“ erwiderte ich, aber Rahel lachte nur und drehte das Gas an.

Während ich im Keller nach den Kartons mit dem Rotwein suchte, und im Gegensatz zu meiner Frau öffnete ich, wie sollte es anders sein, zuerst alle anderen Kartons, nur nicht die mit dem Rotwein, versuchte ich mich zu erinnern, wann ich Hämpel zum letzten Mal gesehen hatte.

Ich meinte, dass er mich irgendwann einmal kontaktiert hatte, als ich in der Türkei stationiert war (oder war es im Iran?). Er war damals schon pensioniert (er hatte als Journalist bei der Tagesschau gearbeitet) und reiste offenbar viel. Also konnte es nicht im Iran gewesen sein, denn da wäre er noch nicht in Pension gewesen. Es musste also in der Türkei gewesen sein.

Ich erinnerte mich, dass er beabsichtigte, Orte zu besuchen, die man in der Türkei nicht ohne weiteres besuchen kann, und dass er vorhatte, sich mit kritischen Themen zu befassen, und zu beidem wollte er Informationen von mir, und ich machte mir damals ein wenig Sorgen deswegen, weil man als Diplomat leicht in Schwierigkeiten geraten kann, wenn man einem investigativen Journalisten Informationen gibt oder mit ihm in Verbindung gebracht wird. Heute schäme ich mich ein Bisschen dafür, dass ich ihm, wie ich es in Erinnerung habe, nicht wirklich weitergeholfen habe. Ich weiss nicht einmal mehr, ob er am Ende bei mir vorbeigekommen ist oder nicht.   

Woran ich mich hingegen noch klar und deutlich erinnere, als wäre es gestern gewesen (man sagt ja, dass das Langzeitgedächtnis besser wird im Alter, während sich das Kurzzeitgedächtnis permanent entrümpelt, als müsste es von Tag zu Tag in ein neues Bewusstsein umziehen, in dem immer weniger Platz vorhanden ist), sind seine regelmässigen Besuche, die er als Student an der Universität Zürich seiner Schwester (meiner Mutter) in Höngg abstattete.

Meist kam er wie zufällig kurz vor dem Mittagessen auf seiner Vespa angebraust und blieb gerne zum Essen. Vielleicht hatte ihn meine Mutter auch jedes Mal eingeladen, auf jeden Fall waren seine Besuche stets eine lustige Abwechslung für mich und meine Schwester, denn Hämpel war ein lebhafter, origineller und witziger Geist, und nicht zuletzt auch deshalb, weil wir nach dem Essen, bevor er zurück an die Uni fuhr, noch eine Runde auf dem Rücksitz seiner Vespa drehen durften.

Als ich endlich den Karton mit dem Rotwein gefunden hatte und mit zwei Flaschen die Treppe hoch und ins Wohnzimmer ging, hatten meine neuen Brüder bereits den Esstisch und vier Stühle aufgestellt und meine Frau rief aus der Küche, ich solle doch bitte die Spaghetti holen kommen.

Beim Abendessen entwickelte sich eine angeregte Unterhaltung, die vor allem von meiner Frau und Hämpel bestritten wurde. Wir sprachen über seine Reisen, meine Mutter und die anderen drei Geschwister (Hämpel war der Jüngste), von denen nur noch eine Schwester lebte, auch über seine Zeit beim Fernsehen und am Schluss noch kurz über seine beiden Söhne, aber obwohl meine Frau im Gegensatz zu mir sehr neugierig ist und sich auch nicht scheut, heikle Fragen zu stellen, gab es seltsamerweise auch von ihr keinen Versuch, die Identität der beiden wortlos ihre Spaghetti essenden Brüder (denn dass sie Brüder waren, sah man auf den ersten Blick) zu klären.

Irgendwann stand Hämpel dann vom Tisch auf und sagte: „Ich muss los“.

Bei der Türe umarmte er mich kurz und dann meine Frau ziemlich innig und lange. Danach hielt er sie an den Oberarmen fest, schaute ihr tief in die Augen und sagte zu ihr: „Pass gut auf Anton und Paul auf. Sie haben jetzt niemanden mehr ausser euch.“

Nach einer kurzen aber innigen Umarmung mit Anton und Paul öffnete er die Eingangstür und verschwand im Dunkel der Nacht. Ich weiss, dass das jetzt aufgesetzt wirkt und nicht wirklich glaubhaft klingt, aber ich wäre dumm, es deshalb nicht zu erwähnen. Bevor ich die Haustüre schloss, hörte ich, wie eine Vespa angeworfen wird.

Der Rest der Geschichte dauerte noch viele Jahre, aber er ist schnell erzählt. Wohin Hämpels Reise damals führte, haben wir nie erfahren. Das Einzige, was in Erfahrung zu bringen war, war, dass er sein Haus ein paar Tage vor seinem Besuch bei uns geräumt und verkauft hatte. Wo er die wenigen Jahre verbracht hat, bis eines Tages seine Todesanzeige in der Zeitung erschien, wissen wir nicht.

Meiner Frau gelang es, ihren Traum vom eigenen Café zu verwirklichen. Anton und Paul, die entweder Zwillinge oder kurz nacheinander geborene Brüder waren, spielten nicht nur beim Ausbau des Cafés eine zentrale Rolle, ja man kann sagen, sie haben das Café eigenhändig gebaut und nach den Wünschen meiner Frau eingerichtet, sie haben das Café auch zusammen mit meiner Frau geführt und es zu einem Ort gemacht, wo Menschen bis heute stets gerne einen Moment zur Ruhe kommen und bei einem guten Kaffee ein Stück der Quarktorte geniessen, die meine Frau wie niemand sonst backen kann.

Ich, der ich stets befürchtet hatte, das Café würde für mich bedeuten, dass ich weiterarbeiten müsste, sitze derweil an einem Ecktisch, von den Gästen völlig unbehelligt, und schreibe Geschichten wie diese.  

Unterwegs zum Ball

15. Januar 2021

(ein Beitrag zur Frage des Verhältnisses von Sprache und Realität)

Eine Frage, die mich gerade beschäftigt, ist, ob Hunde Geister sehen können, und wenn ja, ob sie den Unterschied zwischen lebenden Menschen und Geistern erkennen. Hunde haben eine Beobachtungsgabe, die der unsrigen in nichts nachsteht. Ich bin sogar überzeugt, dass sie die besseren Beobachter sind, mit feineren Sinnen, und dass sie mehr und genauer wahrnehmen als wir.

Eine andere Frage, die mir seit einiger Zeit immer wieder im Kopf herum geht, ist die, wo sich all das, was man in einem bestimmten Moment aufschreibt, vorher aufgehalten hat. Wo war das alles? Wo kommt es her? Wo waren die Gedanken und Sätze – wo waren sie bis zum Moment, wo man sie formuliert?  Und kann man sich auch ohne Sprache etwas fragen? Stellen sich Hunde Fragen?  

Ich gehe davon aus, dass ich weder die eine noch die andere Frage schlüssig beantworten kann, bevor es wieder dunkel wird (und vor allem über der ersten Frage sollte man nicht nachts brüten). Es wird mir nicht gelingen. Aber das soll mich nicht daran hindern, ihnen nachzugehen.  Auf viele Fragen, die uns beschäftigen, finden wir nie eine Antwort, vielleicht weil wir am falschen Ort suchen, vielleicht weil wir die Antwort, wenn wir sie vor uns haben, nicht erkennen, vielleicht aber auch weil es ganz einfach keine Antwort gibt.

Ich bin gerade aus dem Garten zurückgekommen. Aus dem Garten dieses herrschaftlichen Hauses im Westflügel des Palais Schwarzenberg, das die Botschaft und die Residenz des Schweizer Botschafters beherbergt. Nachdem die Hunde ihr Geschäft erledigt hatten, stand der eine plötzlich bockstill, wenn man das bei einem Hund so sagen kann, fixierte eines der grossen Fenster im Erdgeschoss, in dem sich die Repräsentationsräume befinden, hob eine Vorderpfote an und begann zu bellen. Der andere Hund reagierte nicht. Seine Augen sind nach einer Operation noch halb zugenäht, damit sie besser heilen können.

Ich versuchte, im Fenster, das der Hund fixierte, etwas zu erkennen, aber nichts regte sich. Jedenfalls konnte ich nichts erkennen. Ist da wieder einer unterwegs? fragte ich mich. Ein Geist natürlich, denn es wäre nicht das erste Mal.

Im vergangenen Sommer, als ich eines sonnigen Sonntagnachmittags mit den Hunden im Garten war und in Richtung Haus blickte, nahm ich einen Schatten wahr, der vom grossen Salon in Richtung Esszimmer schritt. Auch die Hunde schienen etwas zu sehen. Gebannt und regungslos schauten sie zum Fenster. Ich machte mir keine Gedanken. Es war meine Frau, die durch das Esszimmer in die grosse Küche ging.

Aber als ich sie fragte, was sie gerade in der grossen Küche gesucht habe (denn unsere private kleine Küche ist auf der ersten Etage), antwortete sie mir, sie sei weder in der grossen Küche noch im Grossen Salon noch im Esszimmer gewesen. Sie sei überhaupt nicht im Erdgeschoss gewesen. Sie hätte sich die ganze Zeit, in der ich mit den Hunden im Garten war, in ihrem Zimmer aufgehalten. Ihr Zimmer befindet sich in der ersten Etage und ist zur Prinz Eugen Strasse ausgerichtet, nicht zum Garten.  

Wenn ich das alles hier sehr genau und im Detail festhalte, so tue ich das deshalb, weil das Reich der Geister das Ungefähre und Ungenaue ist. Dort sind sie in ihrem Element, es IST ihr Element, und wenn man sie überhaupt je zu fassen kriegen will, wenigstens im übertragenen Sinn, muss man, davon bin ich überzeugt, sehr genau und detailgetreu sein, sowohl in der Beobachtung als auch in ihrer Beschreibung.   

Vielleicht ist das ein guter Moment, um ein erstes Mal auf die andere Frage zurückzukommen, die sich mir in letzter Zeit oft stellt. Es ist nicht so, dass sie mich plagt. Ich habe ihretwegen keine Probleme beim Einschlafen. Aber sie ist halt da und stellt sich mir. Sie ist nicht permanent vorhanden, sie wandert umher und ab und zu treffe ich auf sie und dann will sie, dass ich mich ein wenig mit ihr befasse. Wo sind alle Gedanken, bevor man sie äussert oder niederschreibt?

Dass sie erst dann entstehen, ist wohl eine zu einfache Erklärung, obwohl ich mich immer wieder daran erfreue, auch jetzt gerade, weil es mir Zuversicht gibt, dass ein Text während dem Schreiben entsteht. Es entbindet mich von der Bürde, schon wissen zu müssen, worauf ich hinauswill, wenn ich mit Schreiben beginne. Und es erhöht die Freude am Schreiben, weil man den Text selber zum ersten Mal liest. Ich wusste, als ich aus dem Garten ins Haus zurückkam, lediglich, dass ich einen Text schreiben wollte, der mit der Frage beginnen würde, ob Hunde Geister sehen können.

Als ich dann in der Küche am Herd stand (in der kleinen, auf der ersten Etage), und mir in einer Bratpfanne ein paar Teigwaren wärmte, kam mir der zweite Teil des Satzes in den Sinn: ob sie (die Hunde) den Unterschied zwischen lebenden Menschen und Geistern erkennen.  Das war alles, was ich wusste, bevor ich mich mit einem Teller gewärmter Teigwaren vor den Computer setzte und zu schreiben begann.   

Wo also kommt der ganze Rest her, den ich seit dem ersten Satz geschrieben habe? Assoziation? Führt das eine einfach zum anderen? Führt die Frage, ob Hunde Geister erkennen können, praktisch automatisch zur Frage, wer schärfere Sinne hat, der Hund oder der Mensch, und von da gelangt man dann ohne grosse Anstrengung zur Frage, ob alle Fragen beantwortbar sind, und ehe man es sich versieht steht man im Garten und es ist Sommer anstatt Winter und ich brauche jetzt einen Kaffee?

Begibt man sich mit einem ersten Satz auf eine schiefe Ebene, auf der man unweigerlich in eine Richtung gezogen wird? Gibt es so etwas wie eine Schwerkraft der Sprache, die unter Einbezug der spezifischen Erfahrungen und Erinnerungen des Schreibenden mitbestimmt, wohin ein Text geht? Ist somit im Moment, wo ich zu schreiben beginne, mehr oder weniger vorgegeben, wo ich landen und wie ich dort hinkommen werde? Kann die Richtung eines Textes bewusst verändert oder durch äussere Einflüsse verändert werden?

Wenn man einen Text begonnen hat, sollte man ihn jedenfalls nicht zur Seite legen, bevor man ihn zu Ende geschrieben hat. Das Gravitationsfeld, in das man geraten war, ändert sich oder es verschwindet ganz und man wird feststellen, dass man, wenn man sich dem Text wieder zuwendet, entweder nicht weiterweiss und auf das oder vergeblich wartet.

Einen Kaffee machen liegt als Unterbrechung gerade noch drin.  Als ich in der Küche stand und wartete, bis das Wasser kochte, kam mir die Schwerkraft in den Sinn und noch etwas anderes, was ich leider vergessen habe, seit ich weiterschreibe.  Denn ich bin es, der schreibt, wenn ich auch durch mein persönliches Gravitationsfeld, das mich assoziativ durch meine Erfahrungen und meine Erinnerungen führt, geleitet werde.

Ach ja, das war es, was mir in der Küche in den Sinn gekommen ist: Dass ich nach wie vor dafür bin, und zwar ohne Ausnahme, ohne Rücksicht auf Namen, dass Schreibende, die auf die Frage, woher ihr Schreiben komme, antworten, es schriebe mit ihnen, einen kräftigen Tritt in den Hintern verdienen.

Es gibt kein es, das mit jemandem schreibt. Es gibt nur ihr oder sein ich, das mit einem ersten Satz in eine Richtung aufbricht, die durch Erinnertes und Gespeichertes bestimmt wird, das am vorherigen Satz andockt. Welche Richtung das ist, denn es sind immer verschiedene Richtungen möglich, wird vom Gravitationsfeld bestimmt. Das Gravitationsfeld wiederum…

Gut, jetzt habe ich mich wahrscheinlich ein Bisschen verrannt und bin, anstatt der Gravitation zu folgen, die durch den ersten Satz entstanden ist, viel zu lange in eine Richtung gegangen, die vielleicht gar nicht so interessant ist und jedenfalls vom Punkt ablenkt, zu dem der Text führen will.

Finde ich den Weg zurück, bevor das Gravitationsfeld seine Kraft verliert? Sehen Hunde Geister? Sehen meine Hunde Geister? Um die Frage zu klären, oder um wenigstens ein wenig Licht darauf zu werfen (es wird bereits dunkel), müsste man zuerst wissen, ob es in diesem grossen Haus, in dem ich noch fast zwei Jahre leben darf, Geister gibt. Die Antwort scheint mir nach etwas mehr als drei Jahren einigermassen klar, und sie lautet ja.

Ich spreche nicht vom gelegentlichen Knarren und Knacken, wie es in jedem alten Haus zu vernehmen ist. Ich bin mir auch sehr bewusst, dass in diesem grossen Haus, wie in jeder Residenz eines Botschafters, viele Menschen unterwegs sind, von den Residenzangestellten über den Hauswart oder die Botschaftsmitglieder, die einen Empfang vorbereiten, bis hin zu Handwerkern, und oft ohne Voranmeldung. Es ist also nicht so, dass ich mich durch ganz normale Vorgänge dazu verleiten liesse, an die Existenz von Geistern zu glaube.

Es ist jedoch so, dass in den drei Jahren, in denen meine Frau und ich nun dieses Haus bewohnen, viele Dinge (zu viele) vorgefallen sind, die ich mir am besten durch die Existenz von Geistern erklären kann. Alles andere wäre unheimlich.

Bevor ich heute mit den Hunden in den Garten ging und einer von ihnen ganz offensichtlich etwas wahrgenommen hat im Haus (ich glaube, er hat es gesehen, denn gerochen hätte es der andere Hund auch), hörte ich meine Frau meinen Namen rufen. Aus der grossen Küche im Erdgeschoss, wie mir schien. Ich stand also von meinem Computer auf, wo ich seit dem Frühstück persönliche Post erledigt hatte, und ging zum Absatz, wo eine schmale Treppe zur Küche im Erdgeschoss führt. «Ja…?» rief ich hinunter. Keine Antwort. Ich ging ins Zimmer meiner Frau (offenbar hatte sie von da gerufen): «Hast Du mich gerufen?».

Die Antwort war nein. Jemand hatte mich aber gerufen. Ich habe die Stimme und meinen Namen deutlich gehört. Es war nicht das erste Mal, dass ich im Haus eine Stimme höre, aber das erste Mal, dass sie meinen Namen nannte. Bei anderen Gelegenheiten hörten meine Frau und ich, wie sich zwei Stimmen im Erdgeschoss unterhielten, aber als wir nachschauten, war niemand im Haus. Manchmal hört man durch die schlecht isolierte Aussentüre, die zur grossen Küche führt, Stimmen von Menschen, die draussen vorübergehen, aber das klingt anders, als was wir hin und wieder von innerhalb des Hauses hören.   

Es sind einerseits diese Stimmen und andererseits die Schatten, die man durch den grossen Salon schreiten sieht, wenn man vom Garten ins Haus schaut. Und da ist noch etwas. Schon zweimal bin ich mitten in der Nacht, in den kleinen Stunden, aufgewacht und hatte das Gefühl, einen Umriss zu erkennen, der sich von rechts nach links durch unser Schlafzimmer bewegte. Die Gestalt schien aus dem Schuhschrank meiner Frau zu kommen und das Zimmer durch die Wand in Richtung unseres Wohnzimmers zu verlassen.

Ich bin froh, dass ich sie sah, und nicht meine Frau. Sie fürchtet sich vor Geistern und dieses Haus ist ihr auch ihretwegen unheimlich. Vom anderen Grund werde ich ein andermal erzählen.     

Mir machen diese Geister keine Angst. Jedenfalls vorläufig nicht. Ich halte sie für ehemalige Bewohner oder Gäste dieses Hauses, und sie sind offensichtlich, wenn man sie zu Gesicht bekommt, unterwegs an einem bestimmten Punkt, denn sie bewegen sich alle in dieselbe Richtung.  Ich vermute, ohne sagen zu können, woher diese Vermutung stammt, dass dieser Punkt sich ausserhalb der Residenz befindet. Vielleicht im direkt anschliessenden Teil des Gebäudes, das heute als Kanzlei benutzt wird. Vielleicht gehen sie dort aber auch durch das bei der Renovation 2015 frisch erstellte Mauerwerk hindurch und ihr Ziel ist das Palais Schwarzenberg.

Sind sie tagsüber zu einer Partie Bridge und nachts zu einem Ball unterwegs? Leihen sich die weiblichen Geister Schuhe aus von meiner Frau und kommen deshalb aus ihrem Schrank? Wann bringen sie sie zurück?

Ich würde nur allzu gerne von meinen Hunden erfahren, was sie glauben, im Fenster gesehen zu haben. Vielleicht könnten sie dazu beitragen, die Frage nach der Existenz von Geistern und nach deren Vorhandensein in diesem Haus weiter zu erhellen. Vielleicht könnten sie auch die Frage beantworten, gerade weil sie sich für sie nicht stellt, weil sie nicht in unserer Sprache sprechen oder schreiben, wo das alles ist – die Küche, das Schlafzimmer, die Schuhe, die Geister – bevor wir es aussprechen oder niederschreiben.

Eine schwimmende Insel im Weissensee

23. August 2020

(Nachrichten aus dem Basiscamp)

Jeder macht Dinge zum ersten Mal. Bloss liegen die Premieren, je älter wir werden, oft lange zurück, und die, die sich viel besser als wir daran erinnern könnten, sind lange tot. Die ersten Schritte, ohne sich am Sofa festzuhalten.

Bei den meisten von uns kommt Neues ab einem gewissen Alter immer seltener vor. Wir begegnen zwar noch viel Neuem, manchmal werden wir von Neuem geradezu überrollt, aber wir tun selber nicht mehr viel Neues. Wir machen lieber Bewährtes und wiederholen endlos dieselben Betätigungen, als müssten wir sie für eine grosse Schlussprüfung so lange einüben, bis wir sie im Schlaf beherrschen.

Natürlich gibt es Ausnahmen. Reinhold Messner suchte sich nach jeder Erstbesteigung sofort ein neues Ziel. Ich hätte ihm bei seinen Aufbrüchen in den Siebzigerjahren nicht folgen können, obwohl ich schon damals 14 Jahre jünger war als er.

Als er 1978 als erster Mensch (das war vor ihm auf zwei Beinen nur Yetis gelungen) ohne Sauerstoff aus Flaschen den Gipfel des Mount Everest erreichte, war ich gerade 20 Jahre alt und für meine Verhältnisse dank Militärdienst und Handball gut in Form. Trotzdem hätte ich keine Chance gehabt, ihm zu folgen, und die auch nicht nutzen wollen, danke Herbert, lieber nicht.

Ich muss Dich hier ziehen lassen, Reinhold, habe ich zu ihm gesagt. Ich kann Dich nicht begleiten. Du musst diesen und die anderen Achttausender alleine besteigen, es tut mir leid. Ich bin eine dieser Flaschen, die Du nicht mittragen willst. Nun geh schon. Nimm den Peter und ein paar Sherpas mit, die sind dafür besser geeignet. Ich bleibe im Basiscamp und schreibe Gedichte.

Er ist dann losgezogen, in einem Höllentempo, und als meine Mutter starb, hatte er bereits alle vierzehn Achttausender bestiegen (einen davon ganz alleine). Nur bei den Seven Summits war er nicht der erste. Aus Ärger darüber hat er die Antarktis, Grönland und die Wüste Gobi durchquert. An drei aufeinanderfolgenden Wochenenden.

Als wir uns 1978 trennten, oder vielleicht muss man sagen, als sich unsere Wege trennten, denn er hat sich nicht von mir verabschiedet, vielleicht, weil er mir mein Zurückbleiben übel nahm, vielleicht aber auch, weil er mich gar nie richtig wahrgenommen hatte, kehrte ich im Gefühl ins Tal zurück, wir könnten trotz allem, was zwischen uns nicht war und nie sein würde (all die Achttausender), Freunde bleiben, oder es irgendwann werden, sollten wir uns bei einer Buchsignierung kennenlernen.

Schreiben Sie „Für meine Tochter“, bitte. Nein: „für meine Söhne und Töchter“. Haben Sie schon begonnen? Schreiben Sie einfach: „Für meine Kinder“. Ich meine natürlich meine, nicht Ihre. Schreiben Sie “Für seine Kinder“. Oder besser „Für Walters Kinder“. Ich bin Walter, erinnerst Du Dich, Reinhold?

Wir haben vieles gemeinsam. Auch ich habe ein Jahr an einer Mittelschule unterrichtet. Nur nicht Mathematik, sondern Geschichte. Aber ich habe auch keinen Zweitwohnsitz in München, dafür einen guten Freund, und anstatt das Messner Mountain Museum (MMM) habe ich lediglich Walters Wunderbare Welt (WWW) gegründet.

Ich bin nach unserer Trennung nicht Extremsportler geworden wie Du, sondern Diplomat, und während Du das Höhenbergsteigen stilistisch verändert hast, habe ich Berichte ohne Tiefgang und Leser geschrieben. So spielt das Leben.

Wie bitte? Ach so. Entschuldigen Sie, Herr Messner. Schreiben Sie einfach: „Für Herrn Haffner, in Erinnerung an gar nichts.“
(er schreibt…)

Danke. Es wäre mit zwei „f“ gewesen, Haffner mit zwei „f“. Macht aber nichts.

Nach dieser zweiten Trennung von Reinhold, die nicht weniger schmerzhaft war als die erste im Jahr 1978, weil sie diesmal endgültig war oder zumindest endgültig schien, weil man sich ja immer zweimal verlässt im Leben, war ich niedergeschlagen und ging während Monaten kaum noch unter die Leute. Vielleicht war es auch wegen der COVID19-Epidemie.

Jedenfalls habe ich das fehlerhaft gewidmete Buch nie gelesen und es wird, wie so manches andere unnötige Buch, das als Mitbringsel und Geschenk den Weg in unseren Haushalt gefunden hat, den Auszug aus Wien mit Sicherheit nicht mitmachen. Vielleicht werde ich es auf einer Börse für signierte Bücher ausschreiben. Möglicherweise haben fehlerhaft gewidmete Bücher, ähnlich wie Fehldrucke bei Briefmarken, einen besonderen Wert.

Als meine Frau und ich mit den beiden Hunden Anfang August zum Weissensee aufbrachen, einem wunderbaren Bergsee in Kärnten, nahe der Grenze zu Italien, war ich müde, ja geradezu ermattet vom Nachdenken über das Bergsteigen, und ich fühlte mich, als wäre ich unterwegs in einen lang ersehnten Kuraufenthalt.

Wir waren schon ein Jahr zuvor im August eine Woche da gewesen und hatten es so genossen, dass wir – damals ein absolutes Novum in meinem Leben – beim Auschecken gleich wieder eine Woche für den nächsten Sommer gebucht hatten. Und ich nehme es hier vorweg: Wir haben auch nach dieser Ferienwoche, obwohl sie ganz anders verlief als die erste, gleich wieder für das nächste Jahr gebucht. Der Gast fällt bekanntlich nicht weit vom Stamm, und das sind wir ja nun wohl: Stammgäste.

Der Weissensee ist kurz gesagt ein kleines Paradies. Im Gegensatz zu vielen anderen, bekannteren österreichischen Seen, ist ein Grossteil seines Ufers unverbaut und wird es auch bleiben. Weite Teile der schilfbedeckten Uferlandschaft sind Naturschutzgebiet und mit seltenen Ausnahmen, die – johlende Kinder auf Bananenbooten hinter sich herziehend – nur die Regel bestätigen, sind Motorbote mit Verbrennungsmotoren auf dem See nicht erlaubt.

Hatte sich im Jahr zuvor ein Rhythmus eingespielt, bei dem wir mit dem Schiff zu einem Restaurant fuhren, dort eine leichte Mahlzeit einnahmen und dann auf einem entlang dem Ufer leicht erhöhten Pfad durch den schattigen Wald nachhause wanderten, dabei immer wieder den See mit seinen diversen Schattierungen von grün und blau im Blick, verbrachten wir diesmal die meiste Zeit auf dem See.

Wir mieteten jeden Tag nahe bei unserer Unterkunft ein Tretboot, ausgerüstet mit Kissen und Sonnenschirm, und stachen mit den Hunden, die sich auf dem kleinen Boot rasch wohl fühlten und sich auch bei Wellengang auf sicheren Pfoten bewegten, für vier Stunden in See.

Das Wetter spielte vorzüglich mit. Die Tage begannen sonnig und warm und gegen Mittag bildeten sich Wolken, die sich am späteren Nachmittag, wenn wir wieder zurück im Hotel waren, in zum Teil heftigen Gewittern entluden. Genau so, sagte ich zu meiner Frau, genau so waren die langen Sommer meiner Kindheit: am Tag sonnig und heiss und am Abend ein die Luft reinigendes und abkühlendes Gewitter. Wunderbar!

Eines dieser Gewitter hat dann beide hauseigenen Ruderbote vom Steg unseres Hotels losgerissen, und während das eine zurückgebracht wurde, ist das andere noch irgendwo draussen auf dem See oder – wahrscheinlicher – es verbirgt sich irgendwo am Ufer im Schilf, wenn es nicht vom Blitz zerstört gesunken ist.

Das bringt mich zum Schilf. Und ans Ufer. Zum schilfbewachsenen Ufer.

Bevor ich erzähle, worum es hier wirklich geht (alles bisher Geschriebene könnte man eine Einleitung nennen, wenn es mit dem, worum es hier geht, nur irgendetwas zu tun hätte) muss ich noch sagen, was am Tag zuvor geschah.

Am Tag zuvor kam uns mitten auf dem See ein von einem Elektromotor angetriebenes Floss entgegen, etwa zehn auf vier Meter, auf dem eine Gesellschaft bei Tisch sass. Das Floss zog mit fast unhörbarem Summen des Elektromotors an uns vorbei und aus einer Entfernung von sagen wir 30 Metern waren die Stimmen der Gesellschaft zu hören, ohne dass man verstehen konnte, worüber sie sich unterhielten.

Die Szene hatte etwas Unwirkliches oder Inszeniertes an sich, als stammte sie aus einem Film und auch da nur aus einer Traumsequenz. Das einzige, was fehlte, war Musik.

Am selben Nachmittag begann sich einer unserer Pudel, Sheli, seltsam zu benehmen. Sie lief sichtbar unwohl und unruhig auf dem Boot hin und her, wollte nicht gestreichelt werden (was sie sonst immer will), wollte keine Goodies (denen sie sonst nie widerstehen kann) und schien nach einem Platz zu suchen, wo sie gut von Bord gehen könnte.

Obwohl sie auch schon von Bord gesprungen war, um einer Ente nachzujagen, sprang sie aber nicht, und meine Frau liess sie schliesslich ins Wasser. Sofort schwamm sie in Richtung Ufer, auf das Schilf zu. Da ich befürchtete, dass sie sich mit ihrem Halsband im Schilf verheddern könnte, holte ich sie mit dem Tretboot ein und wir fuhren zu einem nahegelegenen Steg, wo meine Frau mit ihr ans Ufer ging, wo sie sogleich ihre Blase leerte.

Als ich am nächsten Morgen die Vorhänge in unserem Hotelzimmer aufzog, sah ich auf dem See etwas, was vorher nicht da war. Zunächst dachte ich, weil man in allem, was man sieht, Bekanntes erkennen will, es sei wieder ein Floss mit einer Gesellschaft, diesmal einer Frühstücksgesellschaft, aber ich realisierte im selben Augenblick, dass dem nicht so war. Das Ding, das da im See trieb, war mit Schilf bewachsen. Es war eine kleine, schwimmende Insel, kein Mensch zu sehen, kein Motor zu hören.

Ich habe, und ich weiss, dass das dumm klingt und es auch ist, die Insel nicht fotografiert. Man findet sie aber, wie alles, im Internet, auf Facebook, unter «Schwimmende Insel an Weissensee gesichtet…»

Die Hotelbesitzerin hat uns erklärt, dieses kleine Stück Land hätte sich vor ein paar Jahren bei einem Sturm vom Ufer losgerissen und habe dann irgendwo wieder angelegt. Bei jedem starken Sturm löse es sich wieder vom Ufer und drifte über den See zu einem neuen Ort.

Ihre Tochter ergänzte, es gäbe Leute, die behaupten würden, ein Seeanlieger hätte das kleine Stück Land absichtlich vom Ufer gelöst, um seinen gesetzlich limitierten Zugang zum See zu vergrössern. Seitdem sei die Insel, wann immer sie an einem bewohnten Ufer anlege, unerwünscht und werde von den Anrainern wieder hinaus in den See gestossen.

***

Auf der Heimfahrt nach Wien, während meine Frau mit Kopfhörer eine Lektion ihres Deutschkurses wiederholte und die Pudel auf dem Rücksitz in ihrer Box schliefen, ging mir Verschiedenes durch den Kopf.

Lange Autofahrten setzen bei mir immer allerlei Gedanken in Gang und bringen Erinnerungen an die Oberfläche, meist in rascher Reihenfolge und wild durcheinander, während die Landschaft ruhig vorbeizieht, und manchmal muss ich meine Frau dann bitten, etwas sofort aufzuschreiben, damit ich es nicht vergesse.

Reinhold Messner kam mir wieder in den Sinn. Warum hatte ein Mann, dem kein Gipfel zu hoch ist, mir zweimal den Handschlag verweigert und am Ende noch meinen Namen falsch geschrieben, als wollte er meine Existenz löschen, zumindest aus seinem Gedächtnis?

Bei Pferden sagt man, dass die Ursache für eine Verweigerung falsches Anreiten sein kann (zu nah, nicht nah genug, falsches Tempo, zu wenig Schwung, Unsicherheit beim Reiter). Was war bei Reinhold Messmer schiefgelaufen?

Gab es einen Zusammenhang zwischen der schwimmenden Insel im Weissensee und dem verschwundenen Ruderboot?

Wie würde ich mich fühlen, wenn nach dem bevorstehenden Ende meiner beruflichen Laufbahn der Strom der E-Mails, der täglich in ebenso end- wie belanglosen Wellen an mein Ufer plätscherte, von einem Tag auf den andern abbrechen würde?

Wenn die berufliche E-Mail-Adresse einmal wegfiel, blieb nur noch die private, und ein Blick in meine private Inbox zeigte klar: 9 von 10 E-Mails stammten von mir. Ich hatte sie mir aus dem Büro geschickt. Woher würde ich mir E-Mails schicken, wenn ich kein Büro mehr hatte?

Wo würde ich mich niederlassen nach dem Ende meiner Berufstätigkeit? Würde es mir gehen wie dieser entwurzelten Insel auf dem Weissensee, die keiner wollte?

Hatte meine Frau recht, wenn sie sagte, am besten würden wir nach dem Wegzug aus Wien ein Jahr in Paris leben, ein Jahr in London, ein Jahr ein Nizza?

Würde mich, einmal fest und nicht nur für vier Jahre irgendwo niedergelassen, die Angst packen und ich würde auf einen heftigen Sturm hoffen, auf dass er mich vom Ufer losreisse?

Musste Sheli gar nicht ihre Blase entleeren? Hatte sie die Insel entdeckt? Oder das Zweite Ruderboot? Lauerte etwas im Schilf?

Tamar…
Tamar…!
(sie nimmt die Kopfhörer ab…)
Ja?
Kannst Du bitte aufschreiben: Schwimmende Insel. Sommer meiner Jugend. Verschwundenes Ruderboot. Schilf…

Gines Traum

23. Januar 2020

– die Geschichte am Punkt, bis zu dem sie erzählt wurde

Wenn sich in einem Raum vier Menschen aufhalten und drei von ihnen sind wach, wie gross ist dann die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich im Traum des Schlafenden befinden?

Oder möchten Sie lieber eine andere Frage?

Was ist das Leben eher: ein Taubenschiss auf dem Fensterbrett eines unbewohnten Hauses, der vom Regen weggewaschen wird, bevor er trocknen kann, oder ein bunter Schmetterling, der auf einer Wildwiese von Blume zu Blume flattert, während die Vögel harmlos zwitschern und die Sonne seine Flügel wärmt?

***

Meine Tante ist 86. Vielleicht auch 85. Es läuft auf fast auf dasselbe hinaus. 86 und 85 ist wie Höngg und Wipkingen. Ich meine, sie sei sechs Jahre jünger als ihr Bruder, der im Alter von 28 mein Vater wurde. Er hat sie in ihrer gemeinsamen Jugend in Höngg im Wald an ihren langen blonden Zöpfen an einem Baum festgebunden, wenn er sie an einem schulfreien Nachmittag hatte mitnehmen müssen und auf dem Weg zu einer Massenkeilerei war, zu einer dieser epischen Prügeleien, bei denen sich die Jugend ganzer Schulhäuser, manchmal auch ganzer Quartiere, in den letzten Kriegsjahren gegenüberstand. Ich stelle es mir vor wie die Schotten gegen die Engländer, nur ohne Waffen.

Jetzt liegt sie in einem Spitalbett im Stadtspital Waid, in der Luftlinie keine zwei Kilometer von ihrem Haus mit dem halb verwilderten Garten entfernt, in dem sie ihr ganzes Leben verbracht hat und das nun, an diesem sonnigen Sonntag im Januar, an dem man aus dem Panoramafenster des Spitalzimmers das höchste Gebäude der Stadt und dahinter den Zürichsee sehen kann, unendlich weit weg ist für sie, vielleicht fast schon unerreichbar. Ihre Hühner gehen lautlos gackernd im Garten umher.

Mein Bruder ist da, der vor anderthalb Jahrzehnten in diesem Spital gearbeitet hat, und ich bin mit meiner Frau am Sonntagmorgen von Wien nach Zürich geflogen, als wir erfuhren, dass Gine am Tag zuvor in die Notfallstation eingeliefert worden war. Es klang nicht gut. Es klang, als würde es gleich zu regnen beginnen. Es klang, als wäre das Vogelgezwitscher verstummt und ein Vogel würde sich dem Schmetterling nähern.

Es klang, als hätten wir zwei Möglichkeiten: Entweder, wir setzten uns in ein Flugzeug, oder wir beschlossen, dass der Besuch in Höngg am Ende unserer Weihnachtsferien die letzte Begegnung mit Gine gewesen sein würde. Er hätte durchaus zur letzten Begegnung getaugt.

Wir sassen zu dritt in ihrem kleinen Wohnzimmer, in dem noch der geschmückte Weihnachtsbaum stand, löffelten zum Ticken der Wanduhr eine milde Gemüsesuppe, die meine Frau gekocht und mitgebracht hatte, und redeten über das Leben in Höngg in lange vergangenen Zeiten, während die tief stehende Wintersonne es gerade so durch die Vorhänge schaffte.

Irgendwann im Laufe des Nachmittags kam dann noch eine Nachbarin vorbei und wir tranken mit ihr Kaffee. Sie heisst Ruth und ist die kleine Schwester einer Schulkameradin von Gine. Wenn im Altersheim in Altstetten, auf der anderen Seite der Limmat, eine Vierzimmerwohnung frei wird, wird sie dort einziehen.

Wir beschlossen, zu fliegen. Obwohl wir nicht wussten, was uns erwarten würde. Würde Gine ansprechbar sein? Würde sie uns erkennen? Oder würde sie mich für meinen Bruder halten? Und wenn sie ihn nicht für mich halten würde, wer wäre er dann und was hatte er an ihrem Krankenbett zu suchen?

Im Flugzeug las ich einen Zeitungsartikel mit dem seltsamen Titel „Gibt es uns wirklich?“ Was für eine dumme Frage. Natürlich gibt es uns nicht wirklich. Aber es gibt uns auch nicht wirklich nicht. Definieren Sie Wirklichkeit, maximal zwei Seiten, sagte die Lehrerin am letzten Schultag zu den Gymnasiasten, Zeilenabstand 1.5, Arial 10. Und jetzt wünsche ich Ihnen schöne Weihnachtsferien und einen guten Start ins kommende Jahr und einen guten Start ins kommende Jahr und einen guten Start ins kommende Jahr.

Meine Schwiegermutter hat mir zum Geburtstag diese neuen Kopfhörer geschenkt. absolute Wunderdinger mit der Fähigkeit, Aussenlärm fast ganz zu unterdrücken, obwohl es nur Ohrenstöpsel sind. Man setzt sie ein und man hört, wie jemand eine Tür schliesst, durch die der Aussenlärm – immerhin zwei sich aufwärmende Flugzeugtriebwerke und das Geschnatter von missmutigen Passagieren, die versuchen, ihr Handgepäck in bereits vollen Fächern zu verstauen – danach nur noch gedämpft ans Ohr dringt. Ich wählte eine Leonard Cohen Playlist von meinem Telefon und begann zu lesen. There´s a crack, a crack in everything – that’s where the light comes in (that’s where the light comes in)…

Im Artikel ging es um die Frage, ob es sein kann, dass wir in einer Computersimulation leben. Wahrscheinlich wieder so ein Schwachsinn, ging es mir durch den Kopf, der darauf hinausläuft, dass Knaben und junge Männer viel zu viele Stunden mit Computerspielen verbringen und den Kontakt zur Wirklichkeit verlieren, in der die Generation ihrer Urgrossväter unablässig Kriege geführt hatte und sich ihre Grossväter quartierweise geprügelt haben. Ich wollte bereits zu den Sportseiten wechseln, las dann aber trotzdem weiter.

Es ging um drei Szenarien, die der Philosoph Nick Bostrom offenbar in einem im Jahr 2003 veröffentlichten Aufsatz mit dem Titel «Are You Living in a Computer Simulation?» beschrieben hat. Er stellte sich für das Universum in ungefähr 10‘000 Jahren drei Szenarien vor. Im ersten war die Menschheit ausgestorben. Das schien mir das angenehmste und einfachste Szenario, denn man musste nicht weiterdenken – es sei denn, man wäre an den Gründen des Aussterbens interessiert und meinte es vielleicht sogar verhindern zu müssen.

Im zweiten Szenario existiert in 10‘000 Jahren eine technisch weit fortgeschrittene posthumane Spezies, die in der Lage wäre, mit Megacomputern ihre Vorfahren in deren Welt und Zeit zu simulieren, inklusive ihres individuellen Bewusstseins, solche Programme aber nicht laufen lässt, zum Beispiel aus ethischen Gründen oder weil sie Besseres zu tun hat.

Das dritte Szenario geht davon aus, dass diese Spezies ihre Fähigkeit zur Simulation tatsächlich anwendet, was zur sogenannten Simulationshypothese führt. Diese besagt, dass wir gegenwärtig mit einiger Wahrscheinlichkeit in einer Computer-simulation leben. Dies deshalb, weil es als sehr unwahrscheinlich gelten müsse, dass gerade wir die „echte“ Zivilisation seien, welche die zur Simulation fähigen Superrechner eines Tages entwickeln wird.

Dass wir diese Zivilisation wären, sei deshalb unwahrscheinlich, weil es (auch das eine Annahme) nur eine „echte“ Welt gebe, jedoch vom Zeitpunkt an, an dem Welten simuliert werden können, fast unendlich viele simulierte Welten. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir nicht in der einzigen „echten“, sondern in einer dieser virtuellen Wirklichkeiten leben, wäre demnach sehr gross.

Mein Bruder sass rauchend auf einer Bank vor dem Spital, als wir uns von unserem türkischen Fahrer verabschiedeten und aus dem Uber stiegen. Wir umarmten uns und gingen unter seiner Führung auf die Station. Alles ist völlig anders hier seit dem Umbau, sagte er, während dem wir die Treppe hochgingen. Die haben alles völlig neu gemacht. Auf der Station angekommen, fragte er die diensthabende Schwester, ob wir zu Gine ins Zimmer gehen dürfen, und ob es später vielleicht möglich wäre, einen Arzt zu sprechen. Ja und wahrscheinlich nein lautete die Antwort.

Bostrom führt offenbar in seinem Artikel aus, dass eines der drei von ihm beschriebenen Szenarien eintreffen werde. Welches, liesse sich nicht sagen. Ob das so schlüssig ist, scheint mir zweifelhaft. Es sind ja neben seinen drei Szenarien (die im Grunde genommen nur zwei sind, wovon eines sich in zwei Unterszenarien aufteilt) ohne weiteres noch andere denkbar.

Neben dem Aussterben und der Weiterentwicklung zu einer posthumanen Spezies, die in der Lage wäre, ganze Welten zu simulieren, gäbe es ja zum Beispiel auch noch die Möglichkeit, dass die Menschheit zwar im 10‘000 Jahren noch existiert, aufgrund verschiedener Ereignisse jedoch einen beträchtlichen Teil ihres technologischen Wissens wieder verloren hätte und deshalb weit davon entfernt wäre, Welten zu simulieren.

Zudem ist es denkbar, dass es nie eine „echte“ Welt gegeben hat, in der sich im Zuge der Evolution die Spezies Mensch entwickelt hat, die dann auf einer Zeitachse Zivilisationen auf einem Planeten schuf, von denen einige wieder ausstarben und irgendwann eine die Technologie beherrschte, um ganze Welten zu simulieren. Es könnte auch sein, dass es nichts anderes als von Hochleistungscomputern oder Supergehirnen simulierte, virtuelle Welten gibt, die von irgendwelchen Wesen, die weder Gott noch Mensch sein müssen, als Nebenprodukt von etwas geschaffen wurden, das wir uns nicht vorstellen können.

Die Wahrscheinlichkeit, in einem städtischen Spital an einem Sonntagnachmittag den diensthabenden Arzt oder die diensthabende Ärztin sprechen zu können, ist unabhängig von der Annahme oder Ablehnung der einen oder anderen Hypothese verschwindend klein. Sie tendiert gegen Null, wenn man am Abend auf einen Rückflug nach Wien gebucht ist.

Gine schaute zufrieden in die Welt, in was für eine auch immer, simuliert oder echt. Sie beklagte sich über nichts, nur als ich fand, das sei ein schönes Zimmer, mit einer schönen Aussicht (ich wollte irgendetwas Positives sagen), meinte Sie, das Zimmer sei scheusslich. Wieviel der Zustand, in dem sie sich befand, mit den Medikamenten zu tun hatte, die man ihr wegen der Schmerzen gegeben hatte, weiss ich nicht. Dass sie sich an nichts erinnern konnte, auch nicht an unseren eine Woche zurückliegenden Besuch in Höngg, erstaunte nicht.

Sie hatte in den letzten zwei Jahren ab und zu Zustände der Verwirrung durchlebt, die jeweils ein paar Tage lang dauerten, an denen ihr Fernseher nur Programme und Nachrichten zeigte, die sie am Vortag genau so schon gesehen hatte.

Bostrom schätzt die Wahrscheinlichkeit dafür, dass wir in einer Computersimulation leben, auf ungefähr 20 Prozent. Elon Musk und der Computerspezialist George Hotz, der als Siebzehnjähriger das iPhone hackte, sollen von der Simulationshypothese zu 100% überzeugt sein.

Gine ist eine intelligente Frau. Man könnte mit ihr, sofern sie wieder klar wird, die Simulationshypothese sehr gut diskutieren. Ich wäre aber überrascht, wenn sie in die Nähe von Bostroms 20% kommen würde.

Während meine Frau Gines Hand hielt, sie auf die Stirne küsste und ihr sagte, sie sei eine schöne Frau, was Gine lächelnd abtat, stand ich auf und schaute aus dem Fenster. Im Park des Spitals spazierten ein paar Patienten mit ihren Besuchern. In Zeitlupe, wie es schien. Oder standen sie nur da und blickten auf die Stadt hinunter?

Ein paar Kinder spielten an einem Gerät, das entweder zu diesem Zweck bestimmt oder ein Kunstobjekt war, das sich bespielen liess. Für einen kurzen Augenblick meinte ich, im Gegenlicht Hühner zu sehen, die über den Rasen wackelten. Ich machte kurz hintereinander zwei Fotos mit meinem Telefon und musste an meine Eltern denken, die das Mobiltelefon-Zeitalter nicht mehr erlebt haben.

Seht ihr?, sagte ich zu ihnen. Man kann damit nicht nur telefonieren oder im Flugzeug auf seine ganze Musikbibliothek zurückgreifen, man kann auch fotografieren und in zehntausend Jahren ganze Welten simulieren, in denen Menschen mit ihrem Bewusstsein leben, zum Beispiel die Stationsschwester, die nun ins Zimmer tritt und uns erklärt, wie es weitergehen könnte mit Gine.

Während sie spricht und wir Fragen stellen, ist mir unwohl, weil Gine, über die wir sprechen, daneben liegt und uns zuhört und es geht doch um sie, und sie ist ja nicht taub, sie hört, was wir sagen, und sie müsste ja eigentlich selber entscheiden können, was mit ihr passieren soll und was nicht, zumindest dort, wo es Optionen gab. Wie aussterben oder sich weiter entwickeln bis zur Simulationsreife.

Als die Stationsschwester den Raum wieder verlassen hatte, sagte Gine: Was für einen Schmarren ihr alle redet. Ich habe das alles geträumt.  Was alles?, fragte mein Bruder. Das alles. Dass ich hier in diesem scheusslichen Zimmer bin, dass ihr mich besuchen kommt, dass wir dieses Gespräch führen, dass ich sage: Ich habe das alles genau so geträumt.

Und wie ging es weiter in Deinem Traum?, fragte mein Bruder. Das habe ich vergessen, antwortete Gine.

Wenig später kam die Stationsschwester mit einer zweiten Schwester zurück, um Gine wieder auf die Notfallstation zu bringen. Sie hatte Blut im Harn und sie wollten ihr einen neuen Katheter legen. Wir verabschiedeten uns und ich sagte zu ihr: Wir müssen zurück nach Wien, aber wir kommen wieder. Um die Geschichte weiter zu erzählen, sagte Gine, und ich sagte ja: um die Geschichte weiter zu erzählen.

Mein Bruder verabschiedete sich. Meine Frau und ich traten zur Seite, damit die Schwestern das Bett von Gine an uns vorbeirollen konnten. Wir gingen hinter dem Bett her und warteten vor dem Fahrstuhl, der Gine in den Notfall bringen würde. Während wir auf den Fahrstuhl warteten, sah ich aus dem Fenster, wie mein Bruder die Strasse überquerte, zur Bushaltestelle ging und sich dort auf die Bank setzte. Hatte er nicht gesagt, er würde zu Fuss nachhause gehen?

Als wir aus dem Krankenhaus traten, traf gerade ein Bus bei der Haltestelle ein. Als er wieder wegfuhr, sass mein Bruder immer noch auf der Bank. Hast Du gehört, was Gine gesagt hat?, fragte ich meine Frau. Sie erwartet, dass wir beim nächsten Besuch die Geschichte weitererzählen. Lustig, nicht wahr? Wir haben doch gar keine Geschichte erzählt. Nein, sagte meine Frau, das habe ich nicht mitgekriegt.

Als ich wieder zur Haltestelle schaute, war mein Bruder verschwunden.

***

Wenn sich in einem Spitalzimmer vier Menschen aufhalten, wenn man aus dem Fenster einen kleinen Park sieht, dahinter die Kirche von Wipkingen, in der seit einiger Zeit nicht mehr gepredigt wird, etwas weiter entfernt das vorläufig höchste Hochhaus von Zürich und noch einmal weiter hinten den Zürichsee, und nur drei dieser vier Menschen glauben daran, wach und in ihrem echten Leben zu sein, während der vierte, eine alte Frau im Krankenbett, alles schon einmal genauso geträumt hat: wie gross ist dann die Wahrscheinlichkeit, dass sich die anderen drei im Traum der alten Frau befinden?

Und wie stehen die Chancen, dass sich die träumende Frau lediglich in einer Computersimulation aufhält, in der Linienbusse anhalten und wieder abfahren und Menschen abtransportieren, die gar nicht eingestiegen sind?

Dieser George Hotz mag mit 17 das iPhone gehackt haben, sein deklariertes Lebensziel, einen Weg aus der computergenerierten Welt zu finden, in der er sich zu befinden glaubt, wird er nicht erreichen. Maximal gelingt ihm die Flucht aus einer Computersimulation in die andere. Aber auch nur dann, wenn das in seiner Simulation so vorgesehen ist.

Vielleicht landet er aber auch in Gines Traum. Sollte es dazu kommen, was ich nicht völlig ausschliesse, bitte ich ihn, weil ich nicht weiss, wann ich selber wieder nach Zürich fliegen kann und ob mein Bruder wieder auftauchen wird, am Abend, jeden Abend, wenn die Hühner sich bei Einbruch der Dunkelheit ins Hühnerhaus zurückgezogen haben, die Türe gut zu verriegeln, wegen dem Fuchs.

Ein wirklich gutes Jahr

13. Oktober 2019

Von Sri Lanka nach Ceylon

Hast Du den alten Mann im Rollstuhl gesehen?
Ja, warum?
Was für ein Leben. Er ist gelähmt, kann jedenfalls nicht mehr selber gehen, wird von seiner Pflegerin jeden Morgen, nachdem sie die Hausarbeit erledigt hat, in diesen schäbigen Park gefahren, wo er wahrscheinlich gar nicht hin möchte, aber sprechen kann er ja nicht, und nun sitzt er stundenlang da und muss auch noch zuhören, denn hören kann er leider noch, wie sie in einer Sprache, die er nicht versteht, in einem nicht endenden Wortschwall mit ihrem Boyfriend spricht, der sie unbedingt davon überzeugen will, mit ihm zurück nach Sri Lanka zu gehen.
Was für ein Leben. Wenn er könnte, würde er dem Ganzen wahrscheinlich ein Ende machen. Lieber heute als morgen.

Was weisst Du, vielleicht gefällt es ihm ja. Vielleicht sitzt er gerne da und schaut den Menschen im Park zu. Und die Sprache seiner Pflegerin ist für ihn vielleicht wie eine schöne Musik aus einem fernen Land.

Ich möchte jedenfalls nicht so leben. Was ist das für ein Leben. Das ist doch kein Leben mehr.

Wenn Deine Eltern noch leben würden, und Deine Mutter oder Dein Vater sässen im Rollstuhl, würdest Du auch nicht wollen, dass ihr Leben zu Ende wäre.

Er hat keinen eigenen Willen mehr, verstehst Du? Vielleicht hat er ihn noch, aber er kann ihn nicht mehr äussern. Vielleicht kann er ihn noch äussern, aber er kann ihn nicht mehr durchsetzen. Vielleicht sagt er jeden Morgen, wenn sie ihn in den Rollstuhl hievt, ich will nicht in diesen Park, aber sie rollt ihn trotzdem in den Lift und fährt ihn in den Park, wo ihr Boyfriend bereits auf der Bank sitzt und es nicht erwarten kann, sie von der gemeinsamen Rückkehr nach Sri Lanka zu überzeugen.

Vielleicht gefällt es ihm aber auch, sagte Ellen. Vielleicht hat er ein schönes Leben hinter sich. Seine Grosskinder kommen ihn ab und zu besuchen, klettern auf seinen Rollstuhl und er ist dankbar, sie noch sehen und erleben zu können.

Es mochte sein, dass Ellen Recht hatte. Ebenso gut konnte aber seine Version zutreffen. Was war das für ein Leben. Hilflos im Rollstuhl den Launen und Plänen seiner Pflegerin ausgeliefert. Was kostete ein Flug nach Colombo?

Es war das erste Mal seit vielen Jahren, dass Ellen und er zum jüdischen Neujahr nach Israel gekommen waren, um mit ihrer Familie zu feiern. Sie hatten sogar die Hunde mitgenommen, die nun zusammen mit dem Hund von Ellens Mutter den kleinen Park in ihrer Nachbarschaft in Ramat Gan ausschnüffelten.

Der Flug war grauenhaft gewesen. Nicht wegen den Hunden. Die hatten sich in ihren Boxen erstaunlich ruhig gehalten. Vorbildlich eigentlich. Können Hunde Vorbilder sein? Er hatte trotzdem keine Ruhe und schon gar keinen Schlaf gefunden. Die religiösen Juden, in deren Mitte sie sassen als hätten sie so gebucht, hörten nicht zu reden auf und verlangten jedes Mal Eis mit ihren Getränken, und die österreichischen Stewardessen antworteten jedes Mal genau das Gleiche: Wir haben kein Eis, aber die Getränke sind kalt. Es war wie eine Endlosschlaufe aus der sich niemand befreien konnte.

Als sie schliesslich in der Wohnung von Ellens Mutter angekommen waren, war es zwei Uhr Morgens, und bis sie im Bett waren halb vier.

Was wusste er über Sri Lanka? Ohne Wikipedia wenig, obwohl er einmal da war. An einer Konferenz in Colombo, die er Anfang der 2000er Jahre organisiert hatte.

Er hatte damals ein paar Kollegen dazu gebracht, nach der Konferenz noch einen Tag anzuhängen und in den Norden zu fahren, zu einer Elefantenfarm, von wo er dann seinen Kindern aus Elefantendung hergestelltes Briefpapier mit nachhause gebracht hatte. Das war immerhin besser als der künstliche Papyrus, den er ihnen ein paar Jahre zuvor aus Ägypten mitgebracht hatte.

Und sonst? Eine Insel südlich (oder östlich?) von Indien, die früher einmal Ceylon geheissen hatte, wie der Tee. Wann war dieses Früher? Vor oder nach 1986?
1986/87 war die Wasserscheide. Wenn die Namensänderung vorher erfolgt war, hatten seine Eltern noch von der Existenz eines Landes namens Sri Lanka gewusst. Wenn sie nach 1986/87 erfolgt war, gab es in der versunkenen Welt seiner Eltern nur Ceylon und kein Sri Lanka.

Als er selber noch Kind war, musste sein Vater einmal ein paar Kisten Tee aus Ceylon importiert haben. Seine Schwester und er spielten jedenfalls mit dünnen Sperrholzplatten auf denen mit dieser schwarzen Schablonenschrift „Ceylon Tea“ aufgemalt war. Er konnte sich an quadratische Kisten auf dem Estrich erinnern, mit einer Seitenlänge von etwa 60cm und Verstärkungen aus dünnem Blech an den Ecken.

Natürlich konnte sein Vater die Kisten auch in der Schweiz gekauft haben, aber die Wahrscheinlichkeit war viel grösser, dass Tee aus Ceylon importieren eines seiner Projekte war, mit denen er sich selbständig machen wollte. Vielleicht in Zusammenarbeit mit Ramesh, einem Inder, der als Student im Elternhaus seines Vaters ein und aus gegangen war.

Ramesh stammte aus einer reichen Familie und jedes Mal, wenn er – inzwischen ein erfolgreicher Geschäftsmann – einen seiner seltenen Besuche in der Schweiz machte, manchmal begleitet von einer seiner Töchter, befürchtete seine Mutter, er würde seinen Vater wieder in irgendein halblegales Geschäft hineinziehen. Was hiess „wieder“? Vielleicht gab es nie irgendein Geschäft, legal oder halblegal. Vielleicht war da nur die Angst seiner Mutter. Und der kleine Elefant aus einem gut duftenden tropischen Holz. Er musste noch irgendwo vorhanden sein. Ob man den Duft noch riechen konnte?

Eine andere Idee seines Vaters war, Pogo Sticks aus den USA zu importieren. Sein Vater hatte immer wieder solche Ideen, kleine Träume der Selbständigkeit, die auf dem Asphalt seines Berufsalltags verdampften wie leichte Sommerregen. Trotzdem bewunderte er ihn dafür, als er selber erwachsen war und Kinder hatte, für diese kleinen, zum Scheitern verurteilten Versuche. Bei den Pogo Sticks war er nie zur Tat geschritten. Heute kann man sie wie alles andere auf Amazon bestellen.

Die kürzeste Entfernung zwischen Indien und Sri Lanka betrug damals wie heute 54,8 km. Seine Eltern hatten das Internet nicht erlebt. Sie hätten das in Meyers Grossem Konversationslexikon nachschauen müssen, und vor dessen Erwerb (etwa 10 Jahre vor ihrem Tod für den Preis eines kleinen Gebrauchtwagens) im Grossen Brockhaus, Jahrgang 1956, den er nach ihrem Tod noch zwei Jahrzehnte behalten hatte, ohne je wieder etwas nachzuschlagen. Er hatte die schweren Bände unter anderem deshalb behalten, weil er vorgehabt hatte, einmal einen Vergleich zu machen. Wie wurde etwas im Jahr 1956 erklärt und wie heute? War die eine Erklärung nützlicher oder verständlicher als die andere? War die alte unterdessen falsch geworden?

Die Namensänderung von Ceylon zu Sri Lanka war noch zu Lebzeiten seiner Eltern erfolgt, im Jahr 1972. Die kürzeste Zeitreise zwischen Sri Lanka und Ceylon betrug demnach heute 47 Jahre. Nächstes Jahr würden es 48 sein, übernächstes Jahr 49, dann ein halbes Jahrhundert…

Nimm sie weg da!
Wie?
Nimm sie weg da, sie isst wieder irgendeinen Scheiss. Siehst Du das denn nicht?
Du musst achtgeben, was sie tun. Alles müssen sie in den Mund nehmen.
Vielleicht müssen wir ihnen die Maulkörbe anziehen zum Spazieren.

Das fehlte noch. Ein Maulkorb. Er würde es nicht zulassen, dass seine Hunde zum Spazieren einen Maulkorb tragen mussten.
Zwergpudel mit Maulkörben. Das fehlte noch.

 

Von Ramat Gan zum Mond

Wie viele Neujahrsabende würde er noch erleben? Noch zwei? Noch drei? Oder war dies bereits sein letzter? Sicher keine weiteren 5000, dachte er, und fragte sich, ob man es seinem Gesicht ansah, dass er gerade schmunzelte. Aber niemand schaute ihm ins Gesicht.

Nilany sass neben seinem Rollstuhl auf der Parkbank und sprach in aufgeregtem Tonfall mit ihrem Landsmann, den sie seit zwei Wochen jeden Morgen hier antrafen, was bestimmt kein Zufall war, und die wenigen Menschen, die sich am letzten Nachmittag des jüdischen Jahrs im kleinen Park zwischen der Atarot- und der Uzielstrasse aufhielten, waren mit anderem oder sich selber beschäftigt.

Eine etwa vierzigjährige Frau sass auf einer der Parkbänke, vor sich am Boden ihr angeleinter deutscher Schäfer, der zu schlafen schien, und tippte etwas in ihr Telefon. Eine Frau um die Fünfzig und ein etwas älterer Mann spazierten mit ihren drei Zwergpudeln an ihm vorbei. Er konnte hören, wie sie auf dem Stück Rasen hinter ihm die Hunde ermunterten, ihr Geschäft zu verrichten.
Auf einer anderen Parkbank unterhielt sich eine Frau mit einem Kinderwagen angeregt mit einem Mann in ihrem Alter, der nicht ihr Mann war. Er konnte so etwas sehen.

Er hatte stets nach wenigen Sekunden gewusst, ob zwei Menschen zusammen waren oder zusammengehörten, wenn er sie sah, oder ob sie sich nur unterhielten. Und er wusste es immer noch. Seine Augen waren vielleicht nicht mehr ganz so gut, wie sie es einmal waren, aber sie sahen noch immer vieles, was andere auch mit besseren Augen nie sehen konnten.

Er hatte Malka immer damit verblüfft, schon als sie ein junges Paar waren und nicht einmal davon geträumt hatten, einmal über 60 Jahre verheiratet zu sein.

Die zwei da drüben, mit ihren Teetassen: frisch geschieden. Maximal zwei Jahre.
Wie willst du das wissen? Hast Du gehört, was sie reden?
Wie soll ich hören, was sie besprechen, bei diesem Lärm, Malkele?
Schau sie Dir nur an. Sie sind geschieden, vielleicht ein Jahr, maximal zwei. Er hat abgeschlossen damit, aber an ihr nagt etwas. Sie will etwas von ihm, was er ihr nicht geben kann.
Sex?, kicherte Malka.
Nein, keinen Sex. Ihre Vergangenheit. Ihre Jugend vielleicht. Was weiss ich.
Aha, alles weiss er also doch nicht, der grosse Seher, sagte Malka, und schmiegte sich an ihn. Wie jung sie damals war. Und wie schön.

Zwei Kinder mit ihren Tretrollern umrundeten unermüdlich den Parcours, der mit geteilten Fahrbahnen auf den Weg zwischen den verschiedenen Abteilen des Spielplatzes aufgemalt war. Es war eine Art Lehrpfad mit farbigen Stoppsignalen und Kein-Vortritt Zeichen, aber die beiden Kinder, ein Mädchen und ein Junge, kümmerten sich nicht darum, sie überfuhren sämtliche Stoppsignale.

Er dachte oft an Malka, wenn er im Park sass, obwohl es in der Wohnung an der Shrugin, in der sie zusammen über 40 Jahre gelebt hatten, viel mehr Gründe gab, an sie zu denken.

Er konnte sich nicht erinnern, je mit Malka in diesem Park gewesen zu sein, obwohl sie gleich um die Ecke wohnten. Wozu auch? Es war kein besonders schöner Park, nie gewesen, auch nicht bevor sie ihn erneuert und all die farbigen Spielgeräte aufgestellt und den Parcours angelegt hatten. Hatte Malka das noch erlebt?

Als ihn Nilany zum ersten Mal hierher gerollt hatte, hatte er gedacht, warum fährt sie mich hierher? Was soll ich hier? Was soll ich in diesem trostlosen Park? Es gibt nichts zu sehen für mich hier. Ich habe nichts, was mich hier an irgendetwas erinnert. Er hätte ihr sofort gesagt, sie solle Kehrt machen, er wolle wieder nachhause, aber seit seinem zweiten Schlaganfall konnte er nicht mehr sprechen.

Was er wollte oder nicht wollte konnte er nur noch auf einen Block notieren, mit seiner linken Hand, die er im Gegensatz zu seiner Rechten, seiner guten Hand, noch bewegen konnte, und das Schreiben fiel ihm so schwer, dass er es nur tat, wenn wirklich Not herrschte. Zudem hatte er das Gefühl, Nilany würde ihm den Schreibblock und den Stift nur dann hinhalten, wenn sie wollte, dass er sich äussern konnte. Wenn sie Grund zur Annahme hatte, dass er etwas wollen oder nicht wollen würde, was sie nicht wollte oder wollte, blieben der Stift und der Block in ihrer Tasche.

Er nahm es ihr nicht allzu übel, denn sie behandelte ihn gut und tat ganz selten etwas, was er wirklich nicht gewollt hätte. Auch dieser Park erwies sich ja als ein Glücksfall, mit all den Erinnerungen, die er ihm ohne erkennbaren Anlass zurückbrachte. Es waren Bilder aus seinem früheren Leben, obwohl es keine Aufhänger für sie zu geben schien. Bilder, die er nie gesehen hätte, wenn ihn Nilany nicht hierhergeführt hätte. Wenn er sich hätte äussern können, wären sie keine Minute hiergeblieben und nie wieder hergekommen.

Wo Nilany herkam, bedeutete Nila Mond. Wie der Mond das Meer bewegte, bewegte Nilany ihn. Sie brachte ihn in diesen Park, der ihm jeden Tag eine Flut von Erinnerungen zurückbrachte, die erst wieder verebbten, wenn er früh morgens in seinem Bett endlich Schlaf fand. Sie gab ihm die Möglichkeit, Vergangenes ohne das Gefühl des Verlustes zu sehen. Ohne Nilany würde er die meiste Zeit in seiner Wohnung verbringen und jeder Gegenstand würde ihm von Malkas Berührungen erzählen, und davon, dass sie nicht mehr bei ihm war.

Was ist der Unterschied zwischen mir und dem Säugling da drüben, fragte er sich. Seine Mutter bettet ihn in den Kinderwagen und rollt ihn in den Park, ob er will oder nicht. Dann liegt er in seinem rollenden Bettchen und schläft oder blickt in einen Himmel, in dem er keine einzige Wolke erkennt. Hat ein Baby bereits Erinnerungen, denen es nachhängen kann? Denkt es an die Zukunft? Ist der Unterschied zwischen einem Säugling und einem Greis die Richtung der Erinnerungen?

Das Paar mit den drei Pudeln trat aus dem Gras hinter ihm wieder in sein Sichtfeld. Sie gingen nahe an ihm vorbei in Richtung des unteren Ausgangs des Parks. Er redete auf sie ein, und obwohl sie bereits ausser Hörweite waren, hatte er das Gefühl, es wäre dabei um ihn gegangen.

 

 
Vom Merkazi Schuster nach Even Yehuda

Zum Neujahrsabend war die ganze Familie bei Ellens Schwester und ihrem Mann in Even Jehuda eingeladen. Ellens Beitrag zur Feier würden die Kuchen sein. Also machten wir uns auf den Weg zum Merkazi Schuster, nahe bei der Tel Aviv Universität, wo sich die Boutique Central Filiale befand, die angeblich den besten Kuchen in ganz Tel Aviv hatte.

Weshalb der Kuchen dort besser sein sollte als in einer der anderen Filialen der Kette, wovon die eine oder andere sicher näher bei der Wohnung von Ellens Mutter lag, war mir ein Rätsel, aber ich eröffnete deswegen keine Diskussion. Nicht zuletzt deshalb nicht, weil es mir die Gelegenheit geben würde für einen Sprung in den Studentenladen der Universität, wo ich schon zweimal ein Buch mit wunderbaren Karikaturen gekauft hatte.

Wir liessen die Hunde also bei Ellens Mutter und fuhren los. Die Strassen waren erstaunlich leer. Nicht leer, aber angesichts der Tatsache, dass jedermann um diese Zeit unterwegs war, um letzte Neujahrsgeschenke oder Essen und Getränke für die Feier zu kaufen, herrschte ein ausgesprochen normaler Verkehr. Nach kurzer Zeit bogen wir auf den Parkplatz ein, wo wir immer parkierten, wenn wir hier einkaufen gingen, und bereits nach wenigen Minuten wurde ein Parkfeld frei.

Im Merkazi Schuster wimmelte es von Leuten, die letzte Besorgungen für die Feierlichkeiten tätigten, die kleinen Restaurants und Cafés waren voll und von überall her hörte man die Leute einander ein gutes Jahr und frohe Feiertage wünschen. Shana tova, hag sameach, shana tova.

Die Frau, die uns in der Boutique Central bediente, erinnerte sich an Ellen, obwohl wir sicher mehr als ein halbes Jahr nicht mehr hier waren, und überraschenderweise auch an mich, „den Schweizer“. Sie war sehr nett und als wir den kleinen Laden verliessen, schenkte sie uns ein Cupcake und wir wünschten ihr ein frohes neues Jahr.

Auf dem Weg zurück hielt Ellen am Strassenrand an. Es war kein richtiger Parkplatz, aber da ich nicht vorhatte, lange im Studentenladen zu bleiben, wollte sie im Auto warten. Ich gab ihr einen Kuss und stieg aus. Beinahe hätte ich ihr gesagt, fahr weiter, ich muss nicht unbedingt jedes Mal in den Studentenbuchladen. Ich würde, wenn überhaupt etwas, nur zum dritten mal dasselbe Buch mit Karikaturen kaufen, das ich einmal für mich und einmal für einen meiner Söhne gekauft hatte. Würden sie es immer noch haben? Und wem sollte ich es diesmal schenken?

Aber ich sagte nichts, Ellen hielt an und ich stieg aus. Diesmal hatte sie näher beim Buchladen anhalten können als das letzte Mal. Ich überquerte die beiden Fahrspuren, den Grünstreifen in der Mitte und dann die beiden Fahrspuren der Gegenfahrbahn.

Als ich durch die Passage neben dem Japanica-Restaurant ging und die Roller der Ausläufer sah, die in einer Reihe mit an den Strom angeschlossenen Kältezellen parkiert waren, dachte ich, vielleicht ist nicht nur das Restaurant, vielleicht ist auch der Studentenbuchladen am Vorabend des neuen Jahrs geschlossen.

Und ich hatte Recht. Die Türe und die Fensterfront waren von innen her mit Papier verklebt und die Türe war mit einer dicken Kette verriegelt. Vielleicht war der Studentenladen sogar umgezogen. Ich machte auf dem Absatz kehrt und rammte eine junge Frau, die direkt hinter mir stand.

Mein Gott, entschuldigen Sie bitte! Das tut mir wirklich leid.
Ich hätte Sie fast umgestossen.

Sie sah verwirrt und erschrocken aus.
Sie sagte etwas auf Hebräisch, was ich trotz meiner mangelhaften Kenntnisse der Sprache als „Laden geschlossen?“ verstand.

Ken, sagte ich. It’s closed. Sorry.
Dann machte ich mich auf den Weg zurück zum Auto.

Das Buch, das ich ein drittes Mal gekauft hätte, wenn es an Lager gewesen wäre, war ein Buch mit Karikaturen, die allesamt nicht schlecht waren, aber eine einzige war den Preis des Buches alleine wert. Auf drei Bildern waren zwei Hügel im Laufe der Zeit zu sehen. Auf dem ersten Bild sagte der eine Hügel zum andern: „Hey, Frank.“. Auf dem zweiten Bild sagte der andere Hügel: „What?“ und auf dem dritten Bild sagte der erste Hügel: „Never mind. You had something on your head, but it´s gone now.“ Auf dem ersten Bild war eine kleine Burg auf dem einen Hügel, auf dem zweiten war rund um die Burg eine Stadt entstanden und auf dem dritten war der Hügel leer.

Als ich aus der Passage auf die Strasse hinaustrat, hielt direkt vor meiner Nase ein Linienbus. Was, schoss es mir unvermittelt durch den Kopf, wenn ich einsteigen würde?

 

 

Von Tel Aviv nach Tahiti

Naomi Steinfels.
Und ihr Mann?
Aaron Steinfels.
Und wie genau soll er verschwunden sein?
Das habe ich Ihnen doch gerade erzählt.
Ich habe auf dem Rückweg vom Markezi Schuster im Auto auf ihn gewartet, während er im Studentenbuchladen noch ein Buch abholen wollte, das er bestellt hatte, und als ich nach ein paar Minuten von meinem Telefon hochschaue, sehe ich, wie er auf der anderen Strassenseite in einen Bus steigt, der in der Gegenrichtung davonfährt.
Und wann soll das passiert sein.
Gestern, und ich mag ihren Ton nicht. Es ist genauso passiert, wie ich es Ihnen gerade gesagt habe.
Vielleicht ist ihm ja nur etwas eingefallen und er wollte rasch zurück zum Markezi Schuster um noch ein Geschenk zu kaufen. Für Sie. Etwas, womit er sie überraschen wollte.
Blödsinn. Dann wäre er doch nicht verschwunden. Er wäre gleich zurückgekommen.
Und was soll ich jetzt Ihrer Ansicht nach tun?
Eine Vermisstenanzeige aufnehmen, herrgottnochmal, ihn ausschreiben.
Das kann ich nicht, Frau Steinfels. Wir können jemanden frühestens nach drei Tagen als vermisst ausschreiben. Wissen Sie, wie viele Leute jemanden als vermisst melden wollen, der am nächsten Tag wieder auftaucht?
Nach drei Tagen? In drei Tagen ist er möglicherweise in Tahiti.
In Tahiti? Warum in Tahiti?

Ach, vergessen Sie es.
Naomi nahm ihre Handtasche vom Pult des Polizisten und verliess wütend den Polizeiposten.

Als sie am Vortag gesehen hatte, wie Aaron in den Bus einstieg, hatte sie ihren Augen nicht getraut. Was machte er da?
Stieg er gerade in einen Linienbus ein?
Sie riss die Wagentüre auf, was den sich von hinten rasch nähernden Fahrzeuglenker zu einem wilden Schlenker zwang, und schrie „Aaron!!!“ aber er war bereits im Bus verschwunden, der sich nach einem kurzen Stop wieder in Bewegung gesetzt hatte.
Nachdem sie ein paar Minuten unter Schock mit offener Autotüre dagesessen war, stieg sie aus, schloss den Wagen ab und überquerte die Strasse.

Sie ging durch die Passage beim Japanica-Restaurant die in den Innenhof zum Studentenbuchladen führte, und sah schon von weitem, dass er geschlossen war. Ein Mann stand mit dem Rücken zu ihr vor der geschlossenen Türe. Hatte er den Laden gerade abgeschlossen und Aaron vielleicht gesehen? Sie ging auf ihn zu und als sie fast hinter ihm stand, drehte er sich abrupt um und hätte sie fast über den Haufen geworfen.
Er entschuldigte sich und sie fragte ihn (eine völlig idiotische Frage, sie konnte es ja selber sehen), ob der Laden geschlossen sei.

Was wollte sie hier? Aaron war in den Bus eingestiegen. Auch wenn der Buchladen geöffnet gewesen wäre, hätte sie ihn hier nicht mehr angetroffen.

Sie ging zurück zur Bushaltestelle und begann die Routen der Buslinien zu studieren, die hier anhielten. Es gab vier Linien, also vier Endstationen. Aber was half das? Er konnte ebenso gut an der nächsten Haltestelle aus- oder umgestiegen sein, wie er bis an eine der Endstationen gefahren sein konnte. Aber an welche? Und warum?

Warum war Aaron vor dem Neujahrsabend vor ihren Augen in einen Bus gestiegen und verschwunden? War er gefallen und hatte sich den Kopf gestossen? War er verwirrt und wusste nicht mehr, wer er war und wo er hingehörte? Irrte er irgendwo herum? Hatte er sie gerade verlassen?

Nein, Ima, wir werden heute Abend nicht kommen. Aaron ist in einen Bus gestiegen.
Maze?
Aaron ist fort, Ima. Ich glaube, er hat mich verlassen.

Ich weiss, ich glaube es selber nicht, aber der Scheisskerl ist ganz offensichtlich abgehauen.
Nein, ich komme nicht alleine. Ich kann das nicht. Was soll ich denn sagen, wenn alle mich fragen, wo Aaron ist. In Tahiti mit seiner Geliebten? Nein, ich werde zuhause bleiben.
Nein, ich will nicht, dass Du herkommst, Ima. Hörst Du? Auf keinen Fall. Ich muss jetzt alleine sein.
Ich werde seinen Krempel ausräumen. Das wird mich beschäftigen. Ich will, dass alles hier weg ist, wenn das neue Jahr beginnt. Es soll ein wirklich gutes Jahr werden.
Ich werde seine Sachen auf die Strasse hinunter tragen. Nein, ich brauch keine Hilfe. Ich will das alleine machen.
Shana tova, Ima. Bye.

Warum? Warum hatte er sie verlassen? Er schien glücklich mit ihr. Gab es wirklich eine andere?
Oder hatte er den Verstand verloren? Tat sie ihm Unrecht, wenn sie ihn verfluchte? War es eine geplatzte Ader in seinem Gehirn, ein Blutgerinsel, das sein Gedächtnis blockierte? Würde er sich je wieder erinnern? Und an was? Auch an Sie?

Ich öffnete die Autotüre. Ellen blickte von ihrem Telefon hoch. Das ist aber schnell gegangen. Hast Du das Buch?
Der Laden ist geschlossen, antwortete ich. Aber der Stop war nicht umsonst. Ich habe eine Idee für eine Geschichte.

 

 

Von Even Yehuda nach Even Yehuda

Am Abend vor dem letzten Tag des jüdischen Neujahrs waren wir beim Bruder meiner Frau in Even Yehuda zu Besuch. Aus irgendeinem Grund, an den ich mich nicht mehr erinnere, verbrachten wir einen guten Teil des Abends damit, über Menschen aus unserem Bekanntenkreis zu sprechen, die jung verstorben oder im Alter schwer erkrankt waren.

Das war irgendwie seltsam, denn der Bruder meiner Frau und seine Frau sind 10 Jahre jünger als ich. Sie haben Kinder, die zur Schule gehen, und es gibt für sie eigentlich keinen Grund, sich mitten im Leben mit dem Tod zu beschäftigen, auch wenn er natürlich auch in ihrem Umfeld nicht fremd war.

Die Frau des Bruders meiner Frau erwähnte den Chef ihrer Firma, der eines Tages die Mitglieder seiner Geschäftsleitung zusammengerufen habe, um ihnen mitzuteilen, wie es mit der von ihm gegründeten Firma weitergehen soll, wenn er tot sei. Er habe die Sitzung mit den Worten „In einer Woche werde ich tot sein“ begonnen, was er dann auch war.

Mir sind ob der Ankündigung sofort die Eltern eines guten Freundes in den Sinn gekommen, die ihrem Leben durch begleiteten Suizid ein Ende gesetzt haben. Sie haben sich von ihren beiden Söhnen verabschiedet und alle wussten, am Tag X würden sie begleitet sterben. Es war ein fürchterlicher Tag für meinen Freund, dieser Tag X. Er ist an jenem Morgen zu besagter Zeit im Wald joggen gegangen und hat geschrien, aber sie haben ihn bereits nicht mehr gehört.

Wo hört ein Leben auf? Am letzten Tag des Lebens oder bereits viel früher? Und wenn es früher aufhörte, merkte man es, oder merkten es nur die andern?

Ich erwähnte die Eltern meines Freundes nicht. Der Tod und das Sterben waren ohne Selbstmord schon schwer genug für diese laue Spätsommernacht, denn der Abend war längst und mit der für Länder nahe am Äquator typischen Plötzlichkeit in eine dunkle Nacht übergegangen.

Ich trug lediglich eine ehemalige Freundin zum Gespräch bei, die vor einigen, vielleicht zehn oder 15 Jahren, gestorben war (Es ist ein seltsamer Gedanke, dass jemand, mit dem man einmal intim war, nicht mehr lebt, dass es diesen Körper nicht mehr gibt, den man einmal voller Lust verzehrt hat, während die Seele noch durch die Erinnerungen der Überlebenden streift), sowie einen Freund meines besten Freundes, der vor einigen Jahren an Parkinson erkrankt war.

Dabei hätte ich als der Älteste in der Runde problemlos noch einige Tote und Alterskranke erwähnen können. Von zwei jung verstorbenen Schulkameraden bis hin zu meinen früh verschwundenen Eltern. Aber ich liess sie unerwähnt. Ich sass unter dem Stoffdach auf der Veranda und spürte, dass die meisten meiner Toten nicht erwähnt werden wollten. Nicht hier, nicht jetzt.

Ich hörte zu, wie der Bruder des Exmanns meiner Frau mit 51 tot vom Fahrrad fiel (wir hatten ihn eben erst noch an der Hochzeit der Tochter meiner Frau gesehen), wie die Grossmutter der Frau des Bruders meiner Frau dement wurde, wie die 94-jährige Mutter der besten Freundin der Mutter meiner Frau eines Tages dem jungen Mann, der ihr im Haushalt half, sagte: „Wenn ich sie noch einmal meine Blumen giessen sehe, werfe ich die Giesskanne und alle ihre Kleider aus der Wohnung!“

Das Alter mit seinen Krankheiten und Abbauerscheinungen konnte ja durchaus lustige Momente schaffen, zumindest wenn man sie erzählt erhielt, während der Tod auch beim Erzählen selten eine lustige Gestalt annimmt. Maximal zeigt er ein versöhnliches Gesicht, wenn sich zum Beispiel der 86-jährige Bruder der Schwester einer Bekannten nach dem Mittagessen eine „Krumme“ anzündet und im Liegestuhl auf dem Balkon „friedlich einschläft“, wie man sagt. So hätte ich es auch meinem Vater gewünscht, der ebenfalls „Krumme“ rauchte. Aber friedliches Einschlafen stand nicht in seinem Buch.

Bei Büchern kommt das Ende auf Seite 362 oder auf Seite 178 oder auf einer der allerletzten Seiten, die manchmal bereits keine Seitenzahl mehr trägt, bevor dann noch zwei leere Seiten folgen (für Notizen?) und am Ende vielleicht noch ein paar Abbildungen und Titel weiterer Bücher des selben Autors, die der Verlag anbietet, oder von anderen Autoren, die er einem schmackhaft machen möchte (Bernard Malamud).

Man weiss also beim Lesen an der Dicke oder Dünne des noch zu lesenden Teils des Buchs, wann es ungefähr kommt, das Ende, und ob es noch lange oder nicht mehr lange dauert, bis es kommt. Wenn ich mich dem Ende eines Buches nähere, blättere ich ans Ende und schaue, auf welcher Seite die Erzählung zu Ende geht – vorsichtig, damit ich auf keinen Fall ein Wort lese, was den Ausgang der Geschichte verraten könnte – damit ich weiss, wie viele Seiten ich noch habe. Im Leben weiss man nie, was noch bleibt. Man kann höchstens zurückblättern.

Um das Thema endlich von den Toten und Alterskranken weg zu lenken, die missmutig rund um den Tisch sassen und nach mehr Wein verlangten, sagte ich: ist es nicht verrückt, wie manchmal Leute einfach verschwinden, als hätte sie der Erdboden verschluckt?

Die Sondierung von Möglichkeitsräumen oder das plötzliche Verstummen der Grillen

22. September 2019

Etwa vor einem Jahr wohnte ich einer interessanten Präsentation eines Think Tanks einer Grossbank bei. Beiwohnen, als hätte ich kurz dort gewohnt.

Der Think Tank besteht aus einem IT-Mitarbeiter der Bank und Universitätspraktikanten, die alle sechs Monate ausgewechselt werden, damit es sich niemand in der Zukunft gemütlich machen kann, denn damit befasst sich der Think Tank: mit der Zukunft.

Im Vordergrund steht die Frage, wie die Welt in 30 Jahren aussehen wird. Nicht in 10 oder 50 Jahren, in 30. Das hat mit verschiedenen Faktoren zu tun, die einleitend erläutert wurden (Anlagezyklen? Vererbung?), mir aber entfallen sind.

Jedenfalls weiss die Bank genau, was sie mit ihrem Think Tank will. Durch Zukunftsforschung sollen ihr Möglichkeitsräume für ihre Aktivitäten in der Zukunft eröffnet werden. Für die Vermögensverwaltung. In 30 Jahren.

Niemand wisse, so der Leiter des Think Tank zu Beginn der Präsentation, wie die Welt in 30 Jahren aussehen werde. Aber man könne durchaus eine Vorahnung haben.

Die Bank betreibt den Think Tank nicht zum Spass. Man will voraussehen und dann etwas Grosses auf die Beine stellen. Für die Vermögensverwaltung der Zukunft.

Vorbild ist John F. Kennedy, der sich 1961 vornahm, noch im selben Jahrzehnt einen Menschen zum Mond und zurück zu bringen, was er dann ja auch geschafft hat.

Nicht alleine natürlich, wie wir seit Bertold Brechts „Fragen eines lesenden Arbeiters“ wissen. Es haben noch ein paar andere Menschen mitgearbeitet. Aber wir reden ja hier von einer Grossbank. Die kann sich den Mond zum Ziel setzen.

Der Think Tank arbeitet mit Annahmen, die man sich ausdenkt oder die man sich von irgendwo ausgeliehen hat. Zinsfrei. Eine dieser Annahmen lautet, dass es in 30 Jahren möglich sein wird, gleichzeitig an zwei Orten zu sein.

Das klingt ziemlich unwahrscheinlich und dürfte schwierig werden, wenn man an die vielen Menschen denkt, die schon mit dem längeren Aufenthalt an einem Ort Mühe haben und möglichst rasch weiter wollen.

Obwohl es neulich Physikern gelungen sein soll, die gleichzeitige Präsenz eines winzigen Teilchens an zwei Orten nachzuweisen, dürfte der Schritt, den es noch braucht, bis sich ein ganzer Mensch gleichzeitig an zwei Orten aufhalten kann, ohne sein Telefon zu verlieren, noch ein sehr grosser sein.

Aber vielleicht habe ich auch etwas falsch verstanden und es geht lediglich um gleichzeitige virtuelle Anwesenheiten. Nur sind wir da ja schon längst. Wozu also die 30 Jahre?

Sei‘s drum. Vielleicht lassen sich ja auf dieser Annahme tatsächlich ein paar Gedanken aufbauen (oder aus ihr ableiten), die Möglichkeitsräume für die Vermögensverwaltung eröffnen. Relevant ist das allerdings nur, wenn man Vermögen hat, das es zu verwalten gilt.

Ich sitze gerade in meinem Garten in Wien, der mir natürlich nicht gehört. Ich darf ihn mit Auflagen benutzen. Unsere Hunde liegen flach auf dem nach einem heissen Spätsommertag endlich etwas abgekühlten Steinboden.

Es ist bereits am eindunkeln, die Grillen zirpen und erinnern mich an ihre fleissigen Artgenossen, die wir noch vor drei Tagen in der Provence gehört hatten.

Eines Abends, es war bereits dunkel, sagte meine Frau zu mir, hörst Du? Ich höre nichts, antwortete ich. Genau – sie haben aufgehört. Ganz plötzlich, wie auf Kommando. Ist das nicht seltsam?

Es war tatsächlich auf einen Schlag still geworden. Als hätten die Grillen nach ihrer Zirpschicht ausgestempelt und wären nun auf dem Heimweg, jede für sich.

Ich versuchte mich zu erinnern, wie und warum die Grillen zirpen. Irgendwann wusste ich das. Sind es die borstigen Hinterbeine, die sie aneinander reiben? Und was ist der Zweck? Verschafft es ihnen auf irgend eine Art Kühlung?

Damit würde sich erklären lassen, warum das Zirpkonzert nach dem Eindunkeln aufhörte, aber machte es Sinn, mit Reibungswärme?

War es ein Zirpen ganz ohne Sinn und Zweck? Gab es in der Natur zwecklose Dinge? Und warum hörte es dann ganz plötzlich auf? Ging das Sinnlose nicht endlos weiter?

Später schaute ich nach. Und natürlich: es sind die Männchen, die den ganzen Krach veranstalten, und – ebenso klar – mit dem einzigen Zweck, Weibchen anzulocken. Weibchen, die offenbar kein Gehör, aber ein Trommelfell haben, mit dem sie die Schwingungen aufnehmen.

Hatten also im Moment, als das Zirpen verstummte, alle Männchen gleichzeitig ein Weibchen angelockt und nun waren sie unterwegs zur Massenhochzeit? Oder hatten sie es gemeinsam aufgegeben, nach langen Stunden des erfolglosen Zirpens?

Das wird nichts mehr heute, Jungs. Lasst uns noch etwas trinken gehen. Wir zirpen morgen weiter.

Niemand kann die Zukunft voraussehen. Aber nehmen wir einmal an, dass es mit den Menschen noch nicht klappen wird, dass der Schritt vom Teilchen zum Menschen doch etwas zu gross war, auch wenn man wie Kennedy denkt, dass Grillen hingegen in 30 Jahren ohne Weiteres an zwei Orten gleichzeitig zirpen können.

Was heisst das dann für die Vermögensverwaltung? Eröffnet es Möglichkeitsräume?

Oder heisst es ganz einfach, dass es nicht mehr notwendig sein wird, in die Provence zu reisen? Würde ich das überhaupt noch wollen mit 92? Würde ich es nicht vorziehen, zuhause und gleichzeitig bei mir zu sein?

Wer kein Vermögen zu verwalten hat, muss sich ja nicht auf das Beklagen seines Unvermögens beschränken.

Man kann zum Beispiel irgendwo in einem gemieteten Garten sitzen und den Lockrufen der Grillen zuhören, wie sie langsam und fast unmerklich leiser werden, wenn einzelne Männchen gefunden wurden, oder wie sie ganz plötzlich alle zusammen verstummen, Gott weiss warum

Kleine Kulturgeschichte des Waldes in Mitteleuropa unter besonderer Berücksichtigung der Bäume

7. August 2019

Vom Luxemburgischen Autor Guy Helminger gibt es einen Gedichtband mit dem Titel «Die Tagebücher der Tannen». Ich war aus zwei Gründen skeptisch, habe ihn dann aber doch bestellt. Erstens weil ich «Irgendetwas fehlt immer» angelesen hatte und es nicht halb so toll geschrieben fand, wie ich es aufgrund des starken Titels und der Besprechung, die ich gelesen hatte, erwartet hatte. Und zweitens, weil ich ziemlich sicher bin, dass Tannen, wenn überhaupt, eher nachts schreiben würden. Ja, ich weiss, aber trotzdem.

Der Titel («Die Tagebücher der Tannen») ist ja wirklich gut. Nicht nur wegen dem Stabreim («Das Tantrum der Tonnen» würde wohl niemand lesen wollen). Der Gedichtband liegt seit seiner Ankunft in einem wattierten Umschlag auf meinem Schreibtisch. Ich habe noch nicht wirklich reingeschaut. Vielleicht ein wenig aus Angst davor, dass der Inhalt beim Lesen wie bei «Irgendetwas fehlt immer» hinter das Versprechen des Titels zurückfällt. Vielleicht ist Helminger ja einer jener Autoren, die gute Titel finden und dann an einen mittelmässigen Text verschwenden.

Am schönsten ist es immer dann, wenn der Inhalt eines Buches das Versprechen seines guten Titels einlöst. «Diesseits des Van-Allen-Gürtels» von Wolfgang Herrndorf war für mich (jeder liest ja anders) ein solches Beispiel. Die Geschichten haben mich zwar nicht restlos begeistert, weder von ihrer Handlung her noch von der Art, wie sie geschrieben sind, aber ich kam nie auf den Gedanken, das Buch nicht zu Ende zu lesen, oder dass der gute Titel vergeudet gewesen wäre.

Als ich den Titel vor ein paar Minuten googelte, weil mir der Autor nicht sofort in den Sinn kam, gab ich irrtümlicherweise «Jenseits des Van-Allen-Gürtels» ins Suchfenster ein, worauf die Suchmaschine «Diesseits des Van-Allen-Gürtels» vorschlug. Sie hat nicht einmal gefragt: Meinten Sie «Diesseits des Van-Allen-Gürtels?». Sie hat einfach «Jenseits» mit «Diesseits» ersetzt. Vielleicht ist das eine subtile Selbstmordbremse. Jemand will ins Jenseits und die Suchmaschine lenkt ihn ins Diesseits um.

Zurück zum Wald. Die vorliegende kleine Kulturgeschichte befasst sich mit dem Wald in Mitteleuropa, weil man den Wald eingrenzen muss, damit nicht gleich alles verwaldet. Nicht nur Landschaften, auch ein Text kann rasch verwalden, wenn man ihn sich selber überlässt. Es wächst dann alles mit Interpretationen zu und die Kultur wird von einer besitzergreifenden Pseudokultur überwuchert, in der ein oft hermetischer Fachjargon um sich greift und Unwörter ins Kraut schiessen.

Unter Mitteleuropa verstehen wir hier (es braucht diese Präzisierung, denn anderswo versteht man darunter etwas Anderes) den Bereich zwischen Nordsee und Alpen sowie zwischen Ostsee und Schwarzem Meer, also ein ziemlich grosses, einst fast vollständig mit Wald überzogenes Gebiet.

Man muss sich das vorstellen, weil man es ja nicht mehr besichtigen kann: eine Luftaufnahme von Europa, oder eben Mitteleuropa, aus einem Aufklärungsflugzeug betrachtet, aus dem immense Flächen von Wald zu sehen sind. Eigentlich fast nichts Anderes als Wald, von ein paar wenigen grossen Flüssen durchzogen (die kleinen werden von der dichten Ufervegetation verdeckt), die sich mäandernd ihren Weg ins Meer suchen, und nur hier und da eine Brandrodung, ein kleines Dorf vielleicht? Wir müssen näher ran.

Bevor wir landen, müssen wir noch ein wenig Theorie abwerfen. Die natürliche Landebahn wird, wenn es überhaupt eine gibt, kurz sein und wir dürfen nicht zu schwer sein, falls wir durchstarten müssen. Das heutige Landschaftselement «Wald», so las ich in Wikipedia, sei eine in Jahrtausenden geschaffene Kulturlandschaft, die (ich zitiere) «fast ausschließlich auf Ersatzgesellschaften» beruhe. Hier musste ich als Leser den Reflex unterdrücken, aus dem Text auszuklinken und bei meiner eigenen Vorstellung von Wald zu bleiben.

Ersatzgesellschaften? Weshalb sollte eine Gesellschaft, die sich erst gerade in kleinen, mühsam der Wildnis entrissenen Rodungen entwickelt hatte, bereits ersetzt worden sein? Und von wem? Und warum sollte der «Wald» als Kulturlandschaft auf diesen Ersatzgesellschaften beruhen, die ihn zu roden versuchten? Und warum „Wald“? Was bedeuteten die Anführungszeichen? Standen sie für den Waldrand?

Mein Problem mit den meisten Wikipedia-Artikeln sind neben den oft wirren Formulierungen die andauernden Querverweise. Man möchte einen Begriff erklärt haben (versuchen Sie es an einem freien Abend ruhig einmal mit Kolonialisierung) und kommt, um die Erklärung einigermassen zu verstehen, per Link von einem Begriff zu so vielen anderen, dass man relativ rasch vergisst, was man eigentlich wissen wollte. Man weiss nur noch, was man alles nicht weiss und dass man es noch weniger versteht, wenn es einem erklärt wird.

Wissend, dass es mich von meinem Ziel entfernen würde, klickte ich dann doch noch auf den Begriff «Ersatzgesellschaft», weil es mich wirklich wunder nahm, was sich dahinter verbergen mochte, und ich las, dass damit Pflanzengesellschaften gemeint sind, die «unter anthropogenen Einflüssen entstanden sind, erhalten werden oder sich als direkte Folge aktueller oder ehemaliger Nutzungen einstellen.»

Was für ein wunderbarer, alles enthaltender Satz. Und weil ich nun schon so nahe am Verstehen war, nahm ich diesen einen Satz auch noch mit: «Der ursprüngliche natürliche Zustand und Grad der Beeinflussung durch den Menschen (Hemerobie) sind schwer abzuschätzen.».

Eine anthropogene Hemerobie also. Das erklärt alles. Daher also der viele Wald. Damit wird dann auch gleich die auffällige Dominanz von Buche Eiche, Fichte und Kiefer verständlich. Künstlich angelegte Forste soweit das Auge reicht, durch menschliche Eingriffe entstanden. Sind wir zu weit geflogen? Ich wollte das Frühmittelalter besichtigen. Brandrodungen. Vereinzelte Siedlungen, umgeben von Urwald, der heute in Mitteleuropa kaum mehr zu finden ist.

Der ursprüngliche Grund für die sich nun leider verirrende Expedition liegt weit zurück, in meiner Studienzeit, als ich auf eine Karte Frankreichs im 5. oder 6. Jahrhundert stiess. Man sah darauf nur Wald. Wald, ein paar grosse Flüsse und hier und da, wie eine kleine Insel, eine Brandrodung.

Es war keine richtige Karte, es war lediglich eine schematische Abbildung in einem Buch, und es war natürlich auch nicht Frankreich, das es damals noch gar nicht gab, aber es war Wald, unheimlich viel Wald, und es war mir augenblicklich klar, dass dieses Gestern genau das Gegenteil von meinem damaligen Heute zeigte, wo eine Luftaufnahme Frankreichs, das unterdessen entstanden war, nur noch ein paar vereinzelte Waldflächen zeigen würde, wie Inseln in einer viel zu gross geratenen Rodung.

Es kam dann leider wirklich so, wie ich befürchtet hatte. Anstatt wie geplant Ballast abzuwerten, hatten wir uns durch die schwerfälligen und viel zu langen Definitionen aus Wikipedia ein Übergewicht eingehandelt, das ein Durchstarten auf der kurzen Naturpiste zum aussichtslosen Unterfangen machte. Unser Pilot riss die Maschine hoch, als sich der Waldrand mit der Geschwindigkeit einer zweimotorigen Propellermaschine näherte und wir immer noch nur ein paar Meter vom Boden weg gekommen waren, aber es nützte nichts.

Ich rief noch „Es tut mir leid!“, denn ich fühlte mich verantwortlich, aber noch bevor die Maschine ins Unterholz krachte, war mir klar, dass ich es wieder versuchen würde. Mit neuem Personal. Ohne Wiki..

Land ohne Strand

1. August 2019

(wie ich Graham verlor)

Graham war wie ein Bruder für mich, damals. Was haben wir nicht alles zusammen gemacht. Nicht alles, eigentlich wenig, immer wieder dasselbe. Und es ist sehr lange her.

Graham existierte nicht wirklich, aber das spielte damals keine Rolle. Wenn man 14 ist, in einem Land ohne Strand lebt und die Beach Boys am Radio hört, gehört Graham dazu, auch wenn er nicht existiert.

Es tat jedenfalls weh, ihn zu verlieren, als der Tag kam, nach mehr als vier Jahrzehnten. Und es war kein Phantomschmerz, es tat wirklich weh. Graham war kein Phantom. Er war wie ein Bruder (nicht meiner).

Die Wege waren kurz, damals. Es begann jeweils mit „daaaaa-daradada….“ und dann kamen wir auch schon bei John B. an, Graham, Vater und ich.

Sloop war sein Spitzname. Sloop, wie andere Snoopy heissen, Droopy, Mäse oder Schampi. Er hiess Sloop, und er war ein Freund oder zumindest ein guter Bekannter meines Vaters. Jedenfalls gab es unweigerlich Krach, wenn wir ihn mit Vater besuchten. Jedes verfluchte Mal.

Wir tranken Alkohol und dann gab es ein Gerangel, das sich bald zu einem handfesten Krach ausweitete, bei dem ein Koffer in Brüche ging, und dann kam jeweils der Moment, wo der Sheriff kam und ihn abführte. Sloop, meine ich. John B. (oder den Kerl, der den Koffer aufgebrochen hatte).

In Handschellen. Aber vielleicht habe ich die gerade erfunden.

Graham und ich wollten nachhause. Wir fühlten uns miserabel. Vom vielen Bier, aber noch mehr vom Gerangel, vom Kampf zwischen den Erwachsenen, die sich gerade noch zugeprostet hatten. Wir waren fix und fertig. Es war zu viel für uns.

Warum der Sheriff jedes Mal John B. verhaftet hat (Sloop) oder den Mann, der den Koffer aufgebrochen hatte, und nie meinen Vater, weiss ich nicht. Jedenfalls wollten Graham und ich nur noch nachhause. So rasch wie möglich. Es kam uns wie die schlimmste Reise vor, auf der wir je waren, und wahrscheinlich war es das auch.

Warum wir trotzdem jedes Mal wieder freudig mitgingen, wenn Vater sagte (er sang es mehr): „Come on to Sloop John B.!“ ist mir heute ein Rätsel.

Graham war zwei Jahre jünger als ich. Er war 13 damals. Maximum. Er hätte eigentlich noch kein Bier trinken dürfen. Aber Vater machte jedes Mal eine Ausnahme, wenn wir mit ihm zu John B. fuhren. Zu seinem Freund Sloop.

Auf dem Heimweg gab er uns beiden dann ein Lakritze-Bonbon. Wir nannten es Bärendreck. Es sollte verhindern, dass Mutter das Bier roch. Und wird durften auf keinen Fall etwas vom Kampf erzählen, der stattgefunden hatte. Natürlich roch sie es trotzdem.

„Wie kannst Du einem 13-jährigen Jungen Bier zum trinken geben? Wie kannst Du nur?“ schrie sie meinen Vater an. „Und was ist mit Deinem Auge passiert?“

An ihrer Aufregung lässt sich ablesen, dass wir uns in den frühen 70er-Jahren befanden. Es war noch nicht die Zeit, in der sich Teenager regelmässig volllaufen lassen bis sie sich übergeben müssen und nicht mehr wissen, wo und wer sie sind.

Es hat Graham nichts ausgemacht, das Bier. Er ist unversehrt gross geworden und hatte, soviel ich weiss, bis zu seinem plötzlichen Verschwinden noch sämtliche Hirnzellen.

Wie ich ihn verloren habe? Auf Youtube. Über vierzig Jahre nach der letzten Prügelei. Das Lied ist mir in den Sinn gekommen, eines Tages, im April, einfach so: Sloop John B., und ich habe den Titel eingegeben im Suchfenster und bin auf eine Version mit den Song-Lyrics gestossen.

Ich möchte, ich hätte es nicht getan. Ich würde viel dafür geben (meinen neusten Koffer, gefüllt mit was Sie wollen), wenn ich es ungeschehen machen könnte. Alles hat sich aufgelöst, innerhalb von drei Minuten. Nicht in nichts, in etwas anderes, aber was mich betraf, hätte sich ebensogut alles in nichts auflösen können. Vielleicht wäre das leichter gewesen.

Sloop John B. wurde eine Schaluppe, Graham und ich wurden „graaandfather and me“, Mutter konnte den Alkohol nicht mehr riechen und Vater kam überhaupt nicht mehr vor in der Geschichte.

Ich war zuhause, als ich Graham verlor. Ich sass in meinem Zimmer, vor meinem Computer, und ich wollte nur noch nachhause

Die dumme Sache mit dem Hut

29. Juli 2019

(wie Hektor seinen Koof verlor und wieder fand)

Hektor war noch nicht allzu lange ein Geist, als ihm die dumme Sache mit dem Hut passierte. Er ging eines Morgens in sein Lieblingslokal, in dem sich viele Geister nach ihrem nächtlichen Spuk noch eine Weile aufzuhalten pflegten, bevor sie, um Zeit zu sparen, an einen Ort verschwanden, der keiner war, und legte mit seinem Hut gleich auch seinen Kopf auf die Hutablage.

Nun könnte man sagen, es sei ihm nur deshalb passiert, weil er als Mensch nie einen Hut getragen hatte, oder weil bei einem Geist alle Glieder, auch der Kopf, nur ganz lose am Körper befestigt sind und sich sehr leicht von ihm lösen. Aber den Kopf mit dem Hut auf die Hutablage legen und dann zum Tresen schreiten: war das nicht ein wenig dumm, um nicht zu sagen kopflos?

Vielleicht war es sein Pech, wer kann das sagen vor dem Ende einer Geschichte, dass ihm das Missgeschick zu einem Zeitpunkt passierte, zu dem das Wirtshaus bereits von sämtlichen guten Geistern verlassen war. Nur die bösen und unentschlossenen hingen noch an der Bar und um die kleinen Tische herum und taten so, als würden sie Hochprozentiges trinken, das sie – was jeder wusste – weder schlucken noch bezahlen konnten.

Als Hektor bemerkte, dass er sich kopflos verhielt (er wollte gerade eine Lokalrunde spendieren, obwohl er keinen einzigen der anwesenden Geister kannte) griff er sich dort hin, wo sonst sein Kopf war, erschrak und kehrte augenblicklich zum Eingang zurück. Aber auf der Hutablage lagen ausschliesslich Hüte, darunter auch seiner, ohne seinen Kopf.

Wie dumm von mir, dachte er, wie ausserordentlich dumm, während er seinen Hut von der Ablage nahm und ihn sich auf den Hals setzte. Gleichzeitig wunderte er sich, dass er offenbar ohne Kopf denken konnte. Oder dachte sein Kopf dort, wo er sich gerade befand, wo auch immer das war, und sandte seinem Körper die Gedanken als Signale zu?

Wer war dann aber der Empfänger? Die erste Vermutung war sein Bauch, aus dem er zu Lebzeiten oft Entscheide getroffen hatte. Ja, wahrscheinlich war es sein Bauch, der die Signale empfing. Jedenfalls, soviel war ihm klar, hatte er keine Zeit, sich lange zu überlegen, warum er in diesem Zustand denken konnte, wenn er seinen Kopf wieder haben wollte.

Geister haben weniger Zeit als Menschen, obwohl das zunächst einmal absurd erscheinen mag, da sie nicht altern. Da sie aber (fast) überall erscheinen können und dies, mit einer gewissen Erfahrung, auch ohne weiteres an verschiedenen Orten gleichzeitig, und weil Zeit stets nur in Relation mit (einem) Raum wahrgenommen werden kann (was wäre eine halbe Stunde ohne den Zusatz “in der Badewanne”?) wird die Zeit für einen aktiven Geist, der überall sein will, irgendwann einmal knapp, und wenig später auch irgendwo.

Es ging nun darum, und nur darum, mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln (ein Geisterkörper mit einem Kopf, der irgendwo weiterdachte) die Suche nach dem verlorenen Kopf aufzunehmen, bevor sich dieser womöglich einem anderen Geist an den Hals geworfen hatte, dem sein Kopf abhanden gekommen war. Was ihm gerade widerfahren war, konnte ja auch anderen Geistern passieren. Oder war nur er so ungeschickt und dumm?

Es gab eigentlich nur eine Erklärung für das so blitzartige Verschwinden seines Kopfes. Jemand, ein anderer Geist, hatte den Kopf mitgenommen. Aber wozu? Ausser eben wenn er (oder sie, konnte es auch eine Sie sein?) den eigenen Kopf verloren hatte.

Hektor schaute sich um (wie er ohne Augen sehen konnte, war ihm ein weiteres Rätsel), ob einer der Geister seinen (seinen) Kopf auf dem Kragen oder unter dem Arm trug, aber er konnte sich nirgends sehen. Er versuchte zu erkennen, ob hie und da die Köpfe nicht auf die Hälse passten, denn vielleicht war das ja ein beliebtes Geisterspiel, von dem er nichts mitbekommen hatte, dass man einander die Köpfe entwendete. Aber nichts deutete darauf hin, dass ein Geist im Lokal war, der nicht seinen eigenen Kopf trug.

Hektor ging zurück zur Bar und fragte den Barmann (wie ein Bauchredner, der nicht befürchten muss, dass, sich sein Mund bewegt) ob in den letzten Minuten ein Geist das Lokal verlassen habe.

“Ein Geist oder ein Gast?” fragte der Barmann, von dem das Gerücht umging, er habe zu Lebzeiten einen Lehrstuhl für verschwundene mitteleuropäische Sprachen bekleidet (andere sagten, er sei ein eifacher Schneidergehilfe gewesen, Einigkeit bestand lediglich bezüglich seines verdorbenen Charakters), und Hektor stutzte für einen Augenblick, denn wer sich in den Spitzfindigkeiten des Barmanns verlor, kriegte nie mehr Antwort auf seine Frage. “Beides…” antwortete er dann. “Ist ein Geist oder ein Gast gerade gegangen, mit zwei Köpfen vielleicht?”

“Geister kommen, Gäste gehen, ich bin Barmann, nicht Hirte…” erwiderte der Barmann, “…und jetzt sag mir, was Du getrunken hättest, und mach Dich in den Staub.”

Hektor begriff, dass er mit dem Barmann nicht weiterkam. Er spielte einen kurzen Augenblick mit dem Gedanken, sich an die anderen Geister zu wenden, aber er konnte schon ihr Lachen hören, wenn er sie nach seinem Kopf fragen würde, ihr hohl klingendes, kaltes Lachen mit seinem Echo in anderen Räumen.

Sein Kopf war ganz offensichtlich nicht mehr in diesem Lokal, und wenn er ihn finden wollte, musste er ihn draussen suchen. Weit draussen womöglich. In einer Ferne, die selbst für bewegliche Geister weit weg war. Wie in aller Welt, und wo, sollte er seinen Kopf je wieder finden? Er hätte ihn jetzt wohl hängen lassen, aber da kam ihm ein Einfall zu Hilfe, ein Einfall, den ihm, so würde er es später erzählen, seinen Kindern vielleicht, wenn Geister Kinder haben, die frische Brise zutrug, die ihm entgegenwehte, als er ins Freie trat: der Titel!

Er hatte schon zu seinen Lebzeiten Titel immer sehr gemocht. Buchtitel. Untertitel. Zwischentitel. Vor allem die Zwischentitel. Bücher ohne Kapitelüberschriften waren schlecht lesbar. Mann kippte ja auch nicht Vorspeise, Hauptspeise und Nachspeise in einen Topf und nannte es Essen. Bücher mit schlechten Titeln waren ein Gräuel. Gute Titel waren die halbe Geschichte. Schlechte Titel verdarben die andere Hälfte.

Also ging Hektor zurück zum Titel, und wie hiess es da im Untertitel? „Wie Hektor seinen Kopf verlor und wieder fand.“ Und wieder fand! Er würde ihn also wiederfinden, seinen Kopf, spätestens am Ende der Geschichte. Wie gut das tat.

Und weil er schon an den Anfang der Geschichte zurückgekehrt war, las Hektor auch die erste Zeile noch einmal. „Hektor war noch nicht allzu lange ein Geist, als ihm die dumme Sache mit dem Hut passierte“, hiess es da.
Und da die Sache ihm eben erst passiert war, dachte Hektor, war er also noch nicht allzu lange ein Geist. Wie lange? Nur kurz? Wie kurz? Und wo (in der Zeit)?

War er überhaupt ein Geist? Konnte es sein, dass er die Sache mit dem Hut nur träumte und alles, was er tun musste, um seinen Kopf wieder zu finden, war aufwachen? Hatte er nicht gerade neulich geprahlt damit, dass es ihm regelmässig gelang, aus einem Traum aufzuwachen, wenn ihm dieser zu unangenehm oder zu bunt wurde? Dass er dann ganz einfach beschliessen könne: „Das reicht!“, und dann wachte er sogleich auf?

Wenn es so war, war es die Nacht auf den 10. August 2018, zu der er zurück musste, als er geträumte hatte, er sei ein Geist namens Hektor (stammte der Name aus dem Traum oder von dessen Niederschrift?), der seinen Kopf mit dem Hut auf die Hutablage legte, und alles andere hatte er später erfunden?

Der 10. August 2018 stand als Datum unter den ersten Aufzeichnungen dieses Textes. Das war also das einzige, was feststand: der 10. August 2018. Aber woher war dieser sonderbare Traum gekommen, wenn es denn einer war, und was war „alles andere“, was er dazu erfunden hatte? Wo war die Grenze zwischen Traum und Erfindung? Spielte sie überhaupt eine Rolle, wenn man die Wirklichkeit einmal aus den Augen verloren hatte? Und wie viel von dem, was er (oder Hektor) zwischen dem 10. August 2018 und dem heutigen Tag, fast ein Jahr später, erlebt zu haben glaubte, hatte er wirklich erlebt?

Hektor war müde. Ich war müde. Die Hunde waren müde (woher kamen plötzlich die Hunde?). Der Wind wurde stärker. Wir drehten uns um und gingen zurück ins Lokal.

Die meisten Geister waren inzwischen gegangen. Ich fragte den Barkeeper (Hektor fragte nie etwas, das musste immer ich tun) ob ich etwas Wasser für die Hunde haben könnte. Ich erwartete eine seiner dummen Gegenfragen, wie „Für die Hunde oder die Hände?“, aber er bückte sich unter die Theke und gab so den Blick auf den Spiegel frei, in dem ich meinen Kopf sah, unverkennbar auf meinem Hals.

Als er wieder hochkam, einen Napf mit Wasser für die Hunde in der Hand, war ich fort. Er blickte nach rechts und nach links, schüttelte den Kopf und goss das Wasser in den Ausguss.

***

NACHSPANN
(zu Bachs Cello Suite No.1 in G-dur, gespielt von Mischa Maisky)

Hektor heisst eigentlich Hector und ist tatsächlich ein Geist. Aufenthaltsort unbekannt. Zeit hat er immer noch einige, in beiden Richtungen.

Dem Barmann wurde noch vor Ende Jahr gekündigt. Er soll vergeblich versucht haben, seinen Lehrstuhl zurückzuerhalten.
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Ich bin danach noch mehrmals aufgewacht, momentan meistens in eine Residenz in Wien.

Die Hunde sind nun ein Jahr alt. Wir haben viel Freude mit ihnen.