Archive for the ‘Texte’ Category

Dieses unverschämte Benehmen der Wirklichkeit

9. September 2018

Die Wirklichkeit gebärdet sich auf eine Weise, als gäbe es nur sie und alles andere würde überhaupt nicht zählen. Sie will uns ganz für sich in Anspruch nehmen, immer und überall. In Wirklichkeit, in Wirklichkeit…
Sie geht so weit in ihrer Arroganz, dass sie sich andere Namen gibt, wie Realität, Wahrheit oder «wahres Leben», und ihre Kinder, die sie uns jeden Tag zum Hüten gibt, sind Tatsachen und Fakten, schlecht erzogen und unerträglich laut. Man ist froh, wenn sie am Abend wieder gehen.
Sie anerkennt weder Hoffnung noch Traum und den Wunsch lässt sie erst gelten, wenn er wie sie geworden ist. Vorher verspottet sie ihn und möchte ihn am liebsten verbieten.
Aber nicht nur die Gegenwart und die Zukunft will sie für sich, auch auf die Vergangenheit erhebt sie einen totalitären Anspruch. «Alles, was geschehen ist, ist in Wirklichkeit geschehen» sagt sie, «das wollt ihr doch nicht auch noch abstreiten? Oder ist es etwa im Traum passiert?»
Dass der Blick in die Vergangenheit ebenso individuell geprägt ist wie das Erleben der Gegenwart und der Blick in die Zukunft, lässt sie nicht gelten. «Es gibt euren Blick, sagt sie, und es gibt mich, die Wirklichkeit. Wie auch immer ihr mir in die Augen schaut, wenn ihr es endlich wagt, ich bin so, wie ich bin: die Wirklichkeit. Ihr könnt mich nicht ändern.»
Es ist sinn- und hoffnungslos, mit ihr zu diskutieren. Erkenntnistheorie, Konzepte der Wahrnehmung – es interessiert sie nicht. «Ramsch!» sagt sie, oder «Wirklich?».
Ich glaube, sie ist ein wenig beschränkt. Ich vermute, sie hat die Theorie überhaupt nicht gelesen und meint, sie sei die Praxis. Das ist unverschämt und in der Absolutheit des Anspruchs auch nicht ganz ernst zu nehmen, aber ganz ignorieren können wir sie trotzdem nicht.
Vielleicht sollten wir sie aber ab und zu daran erinnern, dass sie es ist, die andauernd Tatsachen und Fakten schafft, und dass sie dafür auch eine gewisse Verantwortung übernehmen sollte. Vielleicht würde es ihr guttun, ab und zu selber auf ihre Kinder aufzupassen, anstatt sie bei uns zu deponieren. Wo ist eigentlich ihr Mann?

Blindmann, gegoogelt

4. Februar 2018

(oder wie man «wie sagt man» sagt)

Fisch sollte man, so lautet eine alte Volksweisheit, nur in Monaten essen, in denen ein „R“ vorkommt. Das machte früher noch einen gewissen Sinn, als Transporte vom Meer ins Inland den Fisch vom Kopf her verdarben, weil Kühlung von Mai bis August tagsüber nur schwer erhältlich war und nachts unterwegs zu sein nicht als gute Idee galt.

Aber schon damals war der Rat nicht für jeden Fisch sinnvoll. Was war mit Seen und Weihern, wo Fischers Fritz frische Fische fischte, wenn er nicht gerade aus dem Fenster furzte? Fischgenuss im Seerestaurant, die Füsse im Wasser baumelnd, wo lag das Problem? Wohl kaum auf dem Teller.

Auch gute Ratschläge überleben sich und der Volksmund gibt, wenn er ununterbrochen weiter labbert, viel Unsinn zum Besten. Weisheiten und Ratschläge müssten ein Ablaufdatum haben, woher immer sie kommen. Am besten zu befolgen bis. Man kann trotzdem durch Ableitung das eine oder andere aus alten, nicht mehr hilfreichen Redensarten und Volksweisheiten herausholen. Fische kann man heute gefahrlos ohne Volksweisheit geniessen. Computer sollte man hingegen im deutschen Sprachraum nur an Tagen benutzen, in denen ein «C» vorkommt. Also nur jeden Mittwoch.

Die Weisheit stammt von einem unterdrückten Volk, dem im 2. Jahrhundert vor Christus von einem progressiven Propheten wegen der Verbreitung panikmachender Pamphlete der Internetzugriff gesperrt wurde. Sie ist deshalb kaum bekannt und wird von niemandem befolgt. Obwohl sie extrem beruhigend wirken würde. Die ganze moderne Kommunikationslawine müsste ja irgendwie eingebremst werden. Telefonieren nur noch an Wochentagen ohne «T» wäre wohl kaum mehrheitsfähig.

Eher tauglich wäre die Einführung von Mobil-Telefonen, die sich nur noch entsperren lassen, indem sie innerhalb von fünf Minuten mindestens fünf lachende Gesichter erkennen, worunter das des Besitzers und von mindestens drei registrierten Freunden. Das fünfte Gesicht könnte zum Beispiel ein Kellner sein, der gerade ein gutes Trinkgeld erhalten hat. Ich wollte spontan «Serviertochter» schreiben, aber ich denke, das ist kein politisch korrekter Ausdruck mehr. Ausser man erwähnt im selben Satz einen Serviersohn. Oder eine Gastmutter. Was mich wieder einmal zu meiner alten Frage führt, warum es keine Gästin gibt. Selten hätte ein Wort so viel Sinn gemacht. Vielleicht fehlt dieser Ausdruck ja nur in der Deutschen Sprache. Aber wie frage ich danach in einer Sprache, die ich nicht kenne?

Wie sagt man «wie sagt man»? Wie fragt man jemanden, wie man in seiner Sprache «wie sagt man» sagt? Google Translate funktioniert ja nicht immer einwandfrei. Ich habe es gerade versucht, und obwohl ich Deutsch – Hebräisch gewählt habe, hat das Programm darauf bestanden, von Deutsch ins Englische zu übersetzen. How does one say? Darunter stand noch: «oder meinten Sie …» und da stand doch tatsächlich etwas in hebräischer Schrift. Als ich es anklickte, erschien im Deutsch-Fenster: «Er ist ein Duo». Ich bin von dieser Antwort nicht restlos überzeugt, finde sie aber durchaus interessant.

Ich denke, dass man gewisse Dinge wohl nur durch mehrmaliges Fragen herauskriegen kann, durch Wiederholungen derselben Frage, meine ich. Ein und dieselbe Frage, genügend oft wiederholt, führt irgendwann zu einer Antwort. Das erfahren schon Kinder, wenn Sie im Fragenalter sind und die Mutter bei den ersten vier Anläufen keine Antwort gibt. Ich vermute, dass hinter modernen Suchmaschinen mehr steckt, als das Auge antrifft, wenn es im Park spazieren geht.

Wenn man zum Beispiel sechzehnmal hintereinander «googeln» googelt (Sie wollen das nicht probieren), geht neben dem Eingabefenster ein zweites auf. Dort gibt man dann seine Schuhnummer und die Anzahl bereits ersetzter Amalgam-Füllungen ein, worauf der Text erscheint: «Wenn Sie nicht Blindmann sind, klicken Sie hier». Ich klicke sofort, denn die wissen natürlich ganz genau, dass ich nicht Blindmann bin. Keine Ahnung, wer Blindmann ist. Irgendein verfluchter Doppelagent womöglich. Ein Duo.

Ich will da auf gar keinen Fall hineingezogen werden, wo und was immer das ist. Ich kenne diese Filme. Bloss raus hier, und zwar schnell. Ich schalte den Computer ab. «Folgende Programme verhindern das Abschalten ihres Computers. Wollen Sie trotzdem abschalten, Blindmann?» Ich klicke auf ja, aber es passiert nichts, und dann höre ich auch schon Stimmen, weit entfernt, leise, aber ohne Rauschen:

„Wir haben ihn verloren…“
„Wie verloren…?“
„Er hat sich rausgeklickt“
„Warum macht er das? Er ist doch Blindmann…“
«Ja, aber er weiss es noch nicht.»

Dann fährt sich der Computer doch noch herunter, aber irgendwie bin ich nicht ganz sicher, ob er sich wirklich ganz ausgeschaltet hat, und ich ziehe ihm den Stecker raus.

Ich bin nicht Blindmann, glauben Sie mir. Und ich weiss nicht, was hier abläuft oder wer diese Leute sind. Sollte ich nächstens verschwinden, weiss ich auch nicht, was Sie tun können. Wahrscheinlich überhaupt nichts. Ausser vielleicht ihren Computer nur noch am Mittwoch benutzen. Und nie jemanden fragen, wie man «wie sagt man» sagt. Meiden Sie Fremdsprachen ganz allgemein. Missverständnisse sind vorprogrammiert. Aber auch dieser Ratschlag kann schlecht sein. Billig ist er auf jeden Fall.

Vielleicht warten Sie besser, bis es Mai oder Juni wird, und gehen dann in Begleitung eines Menschen, den Sie lieben, auf einen Markt in einem warmen Land. Flanieren Sie. Trinken Sie Tee mit den Händlern. Kaufen Sie Gewürze, meinetwegen auch Fisch. Berühren sie einen Seidenschal (vor dem Fischkauf) zu einem unglaublich tiefen Preis. Es spielt keine Rolle, ob Sie sich mit Seide auskennen oder nicht. Ein Seidenschal muss, so lautet die Regel, so fein und geschmeidig sein, dass man ihn durch einen Ring ziehen kann. Falls Sie den Ring nicht vom Finger kriegen oder keinen tragen, lassen Sie es besser bleiben.

 

Unnütz oder zu nichts Nutz?

25. Januar 2018

– erstaunliche Parallelen zwischen Milz und Diplomatie

Lange Zeit galt die Diplomatie als ebenso überflüssig wie die Milz. Heute kennt man ihre Funktion, während sich das Vorurteil über die Diplomatie bei vielen verfestigt hat: sie ist überflüssig. Das sind aber nicht die einzigen Unterschiede. Es gibt auch kaum Gemeinsamkeiten. Ein Blick in die Forschungsgeschichte von Milz und Diplomatie fördert trotzdem erstaunliche Parallelen zutage und es erweist sich einmal mehr, wie viel erkenntnisreicher interdisziplinäre Forschungsansätze sind, wenn man dabei nicht die gleichen Disziplinen vergleicht.

Aufenthaltsort unbekannt
Die meisten Menschen können nicht auf Anhieb und nicht einmal ungefähr sagen, wo in ihrem Körper sich die Milz befindet. Auch ihre Funktion ist weitgehend unbekannt. Die seit 1987 im Schengenraum zweimal jährlich durchgeführten Befragungen zur Erhebung des europäischen Milzbarometers (EUMiB) zeigen mit einer gewissen Konstanz ein gleichleibendes Unwissen des europäischen Durchschnittsbürgers bezüglich des Aufenthaltsortes seiner Milz. Von der Einführung der Organfreizügigkeit haben nicht nur Wandernieren profitiert, auch die Milz ist seither praktisch überall zu finden, bei angenehmem Wetter sogar in Konstanz.

Über die Funktion ihrer Milz wissen Europäer trotzdem wenig bis gar nichts. Sogar in Ländern wie der Schweiz mit einem Milzparlament und einer Milzarmee grassiert ein Unwissen, dass bei vielen mit zunehmendem Alter zu Leberverfettung führt. Die Bevölkerung hat ihr Unwissen über die Milz Jahrhunderte lang mit den Ärzten geteilt, wobei die Milz ihren Trägern mehr Probleme verursacht hat als das Unwissen über ihre Funktion den Ärzten, die sie kurzerhand entfernten.

Diese Praxis wurde so oft in der Praxis angewandt, weil nach Operationen in der Theorie oft Flecken auf dem Papier zurückblieben. Ein anderer Grund war, dass es offenbar ein Leben ohne Milz gibt. Dies lässt sich aus der Tatsache ableiten, dass Patienten, denen die Milz entfernt wurde, auch danach noch jahrelang zu Arztkonsultationen erschienen sind.

Auswertungen von Arztagenden in Schwaben und Nordrheinwestfahlen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts haben hingegen ergeben, dass Patienten, denen man das Herz, die Lunge oder die Leber entfernt hatte, in den allermeisten Fällen nicht mehr zu einem Nachuntersuch erschienen sind.

Die wenigen Ausnahmen führt die Autorin einer 2016 erschienenen Dissertation (Liselotte Schröder: «Einwegpatienten») darauf zurück, dass es in diesen damals mausarmen, ländlichen Gegenden Menschen gegeben hat, die sich einen Namen teilten, sowie ein paar wenige Fälle mit zwei Lungen oder drei Herzen.

Lange Zeit galt die Milz als Organ ohne Funktion, weil man ohne sie anscheinend problemlos überleben konnte und auch selten danach gefragt wurde. Bei Diplomaten war es wenn nicht ähnlich, so doch fast gleich. Jahrhunderte lang waren Staaten ohne Diplomaten ausgekommen und die ersten wurden nicht selten als Geiseln gehalten oder vom Empfangsstaat geköpft.

Aus der Moderne sind zahlreiche Falle von dysfunktionalen Diplomaten dokumentiert. Wer an der Zentrale Probleme verursachte oder nicht gut funktionierte, wurde ohne langes Federlesen ins Ausland versetzt und dort vergessen. Die Zentrale funktionierte danach mindestens gleich gut oder gleich schlecht, das liegt im Auge des Betrachters. Immerhin lässt der in den Quellen verwendete Begriff des dysfunktionalen Diplomaten vermuten, dass es eine Funktion des Diplomaten gibt.

Parallelen in der Erforschung
1729 hielt der englische Arzt und Poet Richard Blackmore in einer medizinischen Fachzeitschrift fest, «der Schöpfer der Natur» habe «nichts umsonst gemacht», die Milz müsse deshalb eine Funktion haben. Welche, wisse er nicht, aber er werde heute Abend seine Frau fragen.

Ungefähr zur selben Zeit (im Spätsommer 1734) schrieb der deutsche Kulturphilosoph und Bergsteiger Wendolin Schurter in sein mehrfach überarbeitetes und später wegen seinem allzu langen Titel nie publiziertes Standardwerk «Vom Unnützen – Dinge, die es wahrscheinlich besser nie hätte gegeben haben sollen und trotzdem gab- wer hat sie bloss erfunden» im kurzen Kapitel, das er der Diplomatie widmete: «Es kann nicht sein, dass die Gesandten überhaupt keinen Zweck erfüllen. Keine Organisation schickt jemanden samt Ehefrau und wenn möglich Kindern irgendwohin (und bezahlt ihn auch noch dafür), wenn es dort nichts, aber auch gar nichts zu tun gibt, und ich war selber dort.»

Warum, fragte Blackmore, sollten Wirbeltiere die Milz, wenn sie keine Funktion gehabt hätte, über sämtliche Evolutionsstufen hinweg bewahrt und sie auch regelmässig in die Ferien mitgenommen haben?

Schurter, auf der anderen Seite (für die er sich erst spät in seinem Leben und nach langem Zureden seines Friseurs entschieden hatte), war sich absolut sicher, dass er recht hatte mit seiner These. «Wieso», schrieb er in seinen Entwurf, «sollte jemand Ferien beziehen, der nicht arbeitet?» Obwohl er den Satz in seinem dritten Manuskript doppelt unterstrich, erschien er in der vierten Version gar nicht mehr.

Erst 200 Jahre später sollte Blackmore Recht erhalten. Er konnte allerdings nicht mehr allzu viel damit anfangen und seine Frau soll ihn deswegen beim Frühstück gehänselt haben, als der Postbote das Paket abgeliefert hatte. «Wie immer!», soll sie zu seiner Fotografie auf der Kommode gesagt haben, «Du reisst Dir den Arsch auf und irgendjemand anders erhält dann die Blaubeeren dafür. Das hast Du jetzt davon, tot zu sein.»

Schurter erging es nicht viel besser. Obwohl er von der Existenz eines Sinns der Diplomatie fest überzeugt war, gelang es ihm Zeit seines Lebens nicht, diesen Sinn nachzuweisen. Gegen sein Lebensende hin war er deswegen immer verzweifelter und am 26. November 1752, drei Monate vor seinem Tod, notierte er in sein Tagebuch. «Es geht mir zunehmend schlechter. Ich muss mich beeilen, wenn ich es noch schaffen will. Der indirekte Beweis anhand von Akten ist mir nun zum wiederholten Male misslungen. Ich werde einen (Diplomaten, Anm. der Red.) sezieren müssen.»

Schurter musste selber gewusst haben, dass dieses Unterfangen in einer Zeit, in der nur die Grossmächte Gesandte in andere Hauptstädte schickten, schwierig werden würde. Er trug in seinen letzten Wochen das Sezierbesteck stets auf sich, machte sich aber keine Illusionen über die Erfolgsaussichten seines Vorhabens.

Blackmore hat die Einführung von Impfungen für Personen ohne Milz ebenso wenig erlebt wie Schurter den Einsatz von Laptop-Botschaftern, die nur mit einem Laptop ausgerüstet aus einer Hotelküche im Nebenamt die Interessen ihres Staates vertreten. Bei Patienten ohne Milz helfen die Impfungen gegen Erreger wie Pneumokokken und Meningokokken, die neben einer zusätzlichen Zellmembran meist auch Anteile an einer Zweitwohnung in den Abruzzen besitzen, die sie sich mit einem Studentenkollektiv teilen.

Im Normalfall kümmert sich die Milz rührend um all diese kleinen Kokken und wäscht ihnen auch einmal die Wäsche, wenn sie am Wochenende nachhause kommen um sich durchfüttern zu lassen. Einen Körper ohne Milz muss man sich hingegen unwirtlich und trostlos vorstellen und die Kokken kommen nach wenigen Wochen erst gar nicht mehr nach Hause. Die Milz hat also durchaus eine Funktion, auch wenn Blackmore den Nachweis dafür weder erbringen noch erleben durfte.

Schurter seinerseits hat bis zu seinem letzten Atemzug daran geglaubt, den Sinn der Diplomatie nachweisen zu können, ausser man neigt, wie sein Schüler Karl-Heinz Sonderegger, zur doch etwas gewagten Annahme, sein letzter Tagebucheintrag («Sie sind absolut sinnlos») beziehe sich auf das Objekt seines lebenslangen Studiums.

Heute ist es längst Standard geworden, dass eine Milz nicht mehr operativ entfernt wird, ausser sie macht wirklich Stunk. Auch eine Milz, die ihre Hauptfunktion nicht mehr ausführt (was bei störrischen alten Milzen ab und zu vorkommt), dient dem Körper immer noch als Friedhof für defekte rote Blutzellen. Wenn sie auch diesen Dienst verweigert, springt in der Regel die junge Leber von nebenan auf dem Heimweg vom Tageshort ein, obwohl sie das Filtersystem der Milz nicht wirklich ersetzen kann und es in ihrer Wohnung schnell einmal eng werden kann.

Wird die Milz heute nur noch in ganz seltenen Fällen vollständig entfernt (Splendektomie), so ist man bei den Diplomaten in den meisten Staaten beim bewährten Mittel der Versetzung geblieben (neuerdings auch auf bewertete Stellen). Nur im äussersten Fall wird eine Diplotomie vorgenommen, bei der ein Botschafter durch kräftige Herren in weissen Kitteln aus seiner Residenz entfernt wird.

Die Entfernung eines Botschafters kann gemäss Personalchef Erwin Rombacher aber dazu führen, dass es unter dem Residenzpersonal zu unkontrollierten Jubelszenen kommt, bei denen auch schon antikes Mobiliar zertrümmert wurde. Diplotomien werden deshalb nach Möglichkeit vermieden oder durch eine Frühpensionierung umgangen.

Abschliessend lässt sich festhalten, dass sich Milz und Diplomatie erstaunlich ähnlich sehen, irgendwie. Früher wusste man über beide praktisch nichts und die Moderne hat die Unterschiede noch verwischt, ja geradezu unkenntlich gemacht. Ultraschall und Computertomografie gehören heute ebenso zum Alltag wie ein Mähdrescher in ein Landwirtschaftsmuseum. Wer das nicht wahrhaben will, wird eines Tages mit Kopfweh erwachen, und sich fragen, was er mit seinem sich dem Ende zuneigenden Berufsleben angefangen hat. Antworten finden wird er allerdings nicht.*

(* dies ist eine Zusammenfassung eines Artikels, dessen Veröffentlichung das Wissenschaftliche Journal im Oktober 2014 abgelehnt hat, weil der Umschlag nicht genügend frankiert war)

No problem!

29. Oktober 2017

(ein Fall von verpasster Kunst)

Schmiede sind gemäss Wikipedia Personen, die mittels Hammerschlägen ein Erz oder Metall ausdehnen oder bearbeiten – eine Personenbeschreibung, die nicht nur dem Erz Eindruck macht. Metall ausdehnen…

Der Schmied stellte im Mittelalter Waffen, Werkzeuge und Geräte aus Eisen, Bronze und anderen Metallen her, sagt ein Eintrag auf einer anderen Website, und schliesst mit der Bemerkung, Schmiede seien damals sehr geschätzt worden. Der Schmied habe als unverzichtbarer Beruf gegolten. Was man damals wahrscheinlich über Modedesigner oder Werbeassistenten weniger sagen konnte.

Schmiede waren aber oft auch raue Gesellen, denen der Hammer locker hing. Wenn jemand Streit wollte, war er gut beraten, diesen mit der Zunft der Zuckerbäcker zu suchen, und nicht mit der Zunft der Schmiede.

Aber ich will hier keinen Vortrag über das Mittelalter, Feilenhauer, Windenschmiede und Grobschmiede halten. Es geht um eine verpasste Gelegenheit anlässlich einer Begegnung mit einem Schmied in der Türkei. Ich muss dieses Eisen meiner Erinnerung schmieden, solange ich es noch vor mir sehe. Bald wird es von Mehlspeisen und rauschenden Bällen überdeckt sein.

Auf einer unserer letzten Reisen in der Türkei waren wir wieder einmal nach Safranbolu gelangt. Safranbolu ist ein kleiner Ort an der Strecke, wenn man von Ankara direkt ans Schwarze Meer fährt. Eigentlich ist diese Beschreibung so unnötig wie schlecht.
Das einzige Mal, an dem wir (nach einer Übernachtung in Safranbolu) von da aus ans Schwarze Meer weiterfuhren, hat es uns dort überhaupt nicht gefallen.

Also noch einmal von vorne: Safranbolu ist eine kleine Stadt nördlich von Ankara, die zum UNESCO Weltkulturerbe gehört und wo es nebst einer schönen Altstadt mit Häusern im osmanischen Stil den besten Lokum der ganzen Türkei gibt – köstlichen Lokum mit Safrangeschmack. Weiterfahren lohnt sich nicht. Vor allem nicht gegen Norden.

Safranbolu dürfte nach Kappadokien der Ort in der Türkei sein, an den wir am meisten gereist sind. Ein paar Wochen vor dem Besuch, von dem ich hier erzähle, hatten wir hier drei alte, halb zerfallene Heiratstruhen gekauft. In solchen Truhen nahmen die türkischen Bräute ihre Mitgift, also den ganzen Haushalt mit in die Ehe. Heute heiraten in der Türkei jedes Jahr über 600‘000 Paare. Wenn die Brauttruhen noch in Mode wären, wären ihre Hersteller ein gewichtiger Pfeiler des Gewerbes.

Man kann diese alten Holztruhen auf dem Land fast umsonst kaufen. Sie sind meist in sehr schlechtem Zustand, mit verrosteten Beschlägen, beschädigt und zum Teil angefault, aber ein geschickter Schreiner – und wir hatten das Glück, einen besonders begabten zu kennen – macht aus ihnen im Handumdrehen Prunkstücke. Wir hatten am Ende ganze acht davon, obwohl meine Frau und ich zusammengezählt lediglich drei Töchter haben, von denen eine schon verheiratet ist.

Diesmal waren wir nicht auf der Suche nach Heiratstruhen. Wir schlenderten Lokum essend dahin, als wir in einer Seitengasse eine Reihe von Kleinschmieden fanden, die verschiedene Dinge feil boten. Haushaltgegenstände, Spitzhacken, Glocken, Helme und vieles mehr.

Am Ende der Gasse sah ich, als ich aus einem kleinen Schuppen mit Pfannen ins Freie getreten war, an einer Hauswand angelehnt eine völlig verrostete, gerahmte Eisenplatte von etwa einem Meter auf 80 Zentimeter. Sie sprang mir sofort ins Auge mit ihrem wunderbaren Rostrot und ihren Strukturen die aussahen wie ein modernes Gemälde. Man könnte das Ding aufhängen und es wäre sofort ein Kunstwerk, dachte ich.

Ich fragte den Schmied, der mir ins Freie gefolgt war, was er für die Platte haben wolle. 100 Türkische Lira, antwortete er, ohne lange zu überlegen. Das sind umgerechnet etwa dreissig Franken. Mein Gewinn wäre also, wenn ich das Kunstwerk in ein paar Jahren bei der ersten Gesamtschau meines Werks für sagen wir 10‘000 Dollar verkaufen würde, immens. Ich könnte zurückkommen und die Schmiede kaufen. Oder 20 Tonnen Safran-Lokum.

Ich zögerte trotzdem, denn würde ich wirklich aus der verrosteten Platte durch reines Aufhängen ein Kunstwerk herstellen oder würde sie leidglich in meinem trockenen Keller in Ankara eine Rostpause einlegen, in vier Monaten den Umzug nach Wien mitmachen, nur um dort vier weitere Jahre in einem anderen Keller zu stehen, bevor ich sie vor dem Umzug in die Schweiz, wo es verboten ist, verrostete Platten im Keller aufzubewahren, von einem Schrotthändler kostenpflichtig entsorgen lassen müsste?

Der Schmied sah mir meine Unentschlossenheit an und begriff sofort, dass er mich überzeugen musste, und zwar schnell, denn es regnete ganz leicht und es war absehbar, dass ich nicht mehr lange in seinem Vorhof verweilen würde. Er griff sich also die Eisenplatte, warf sie vor sich in den Dreck und sprang drauf. „No problem!“ rief er mir zu, sprang in die Höhe, landete krachend auf meinem Kunstwerk und rief noch einmal laut „No problem!“.

Es war ein schlimmer Moment. Für mich, für die Kunst. Wahrscheinlich weniger für die Eisenplatte, denn sie war, obwohl dünn, tatsächlich sehr robust und es schien ihr nichts auszumachen, dass ein erwachsener Schmied auf ihr herumtrampelte. Aber das genügte ihm noch nicht. Der Mann nahm in seinem Verkaufseifer meine Hand und zog mich mit dem kräftigen Griff des Schmieds auch noch auf die Eisenplatte. „No problem!“

Was soll ich sagen. Ich habe die Platte am Ende nicht gekauft. Und ich meinte, mich damit für einmal klug zu verhalten, indem ich etwas nicht aufhob (von Kaufen kann man ja bei diesem Preis nicht sprechen), was dann doch nur an einem anderen Ort rumliegen würde. Und natürlich würde die Platte nun mit all den anderen noch nicht ausgepackten Bildern irgendwo im Labyrinth der neuen Residenz stehen, in die ich vor ein paar Wochen in Wien eingezogen bin. Und natürlich ist es äusserst ungewiss, ob ich sie je ausgepackt und durch blosses Aufhängen in ein Kunstwerk verwandelt hätte. Trotzdem war es ein Fehler, den ich bereue. Es ist verpasste Kunst.

Nächstes Mal, nehme ich mir vor, nehme ich so etwas mit. Mag es noch so rostig sein. Mag die Möglichkeit, sich an den rostigen Ecken und Kanten zu verletzen, noch so gross sein. Ich bin sicher, dass die Platte noch dort ist, wo ich sie nicht erworben habe. Ausser der Schmied hat sie entsorgt, weil ihm bewusstgeworden ist, dass ich seine absolut einmalige Chance war, aus einem rostigen Blech wenigstens ein bisschen Geld zu machen.

Wenn ich wieder einmal in Safranbolu bin, werde ich hingehen und nachschauen. Und wenn die Platte noch da ist, werde ich sie kaufen, auch wenn sich der Preis unterdessen verdoppelt haben sollte. Die Ausfuhr in die Schweiz oder nach Österreich wird dann natürlich nicht mehr so leicht sein, wie es als Teil meines Umzugsgutes gewesen wäre.

Es werden Formalitäten zu erledigen sein. Zollbestimmungen für die Einfuhr von Schrott werden zu studieren und erfüllen sein. Und wenn der Zöllner dann bei der Einfuhr überraschenderweise darauf bestehen sollte, dass es sich um Kunst handelt, nicht um Schrott (woran sieht er das bloss?), werde ich ihm das Gegenteil beweisen. Ich werde mit beiden Füssen auf die Platte springen und ihm zurufen: Kein Problem! Sehen Sie? Kein Problem!

Keine Beschriftung heisst nichts

29. Oktober 2017

– ein Plädoyer für die Abschaffung fehlender Beschriftungen

Es befremdet mich, dass nur auf einer Box ein «R» steht und auf der anderen nichts. Der Grund dafür liegt offenbar in der Logik. Wenn in einer der Boxen die rechte Kontaktlinse ist, muss in der anderen zwangsläufig die linke sein. Anschreiben muss man das in dieser Logik nicht.

Was aber, wenn ich zuerst die Box in die Hand kriege, auf der nichts steht? Muss ich dann auch die rechte Box zur Hand nehmen, um logisch schliessen zu können, dass in der unbeschrifteten Box die linke Linse sein muss? Was, wenn ich die Box mit dem «R» gerade nicht finde? Ist die Meinung, dass ich das in Erinnerung behalte («R» ist rechts, nichts ist links), oder ist die Überlegung die, dass ich die Kontaktlinsen nur dann montiere, wenn ich beide zur Hand habe?

Die Logik in sich zwar schlüssig, ihre Anwendung behagt mir aber nicht. Man könnte sie ja auch bei öffentlichen Toiletten anwenden. Bei den Damen steht ein «D» an der Türe und bei den Herren nichts. Wäre ja auch glasklar. Wenn an einem Ort die Frauen sind, sind am anderen die Männer. Oder ist das vielleicht der Wickel- oder Putzraum? Entschuldigung, ich wollte nicht stören.

In der Küche oder im Restaurant wäre diese Logik beim Salz und beim Pfeffer anwendbar (Kein S meint Pfeffer) oder beim Salz und beim Zucker. Im Badezimmer beim Warm- und Kaltwasser. Beim Mineralwasser könnte man sich auf ein «M» für mit Kohlensäure und nichts für ohne einigen. Nichts für ohne hätte wenigstens einen gewissen Sinn. Mehr jedenfalls als nichts ist Pfeffer oder kalt.

Grundsätzlich könnte man die Logik des Weglassens bei allem anwenden, wo man eine Wahl zwischen lediglich zwei Dingen hat. Wenn es nicht das eine ist, muss es ja das andere sein. Das leuchtet wirklich jedem ein. Ausser mir offenbar.

Sogar bei Verkehrsampeln liesse sich diese Logik anwenden, obwohl es da drei Farben gibt. Das Weglassen von Orange und Grün würde vermutlich gewaltige Einsparungen bringen. Wenn nicht rot ist, muss grün sein (allenfalls Orange, aber es geht ja auch ohne). Fahr endlich!

Ich stelle den Antrag, alle fehlenden Beschriftungen abzuschaffen, und mache hier Schluss für heute. Ich will mir das Ende vom Finalspiel Federer gegen del Potro anschauen. Falls Federer gewinnt, werden die Medien ausführlich darüber berichten. Falls del Potro gewinnt nicht. Muss man dann ja nicht noch besonders erwähnen.

Von blinden Pferden und fast geheilten Hunden

18. März 2017

(woran ich denke, wenn ich etwas sehe, und was ich sehe, wenn ich an etwas denke)

Es ist ein uns allen bekanntes Phänomen: wir sehen etwas lange Zeit nicht, dann plötzlich überall. Dazwischen hat sich etwas ereignet, was unseren Blick darauf gelenkt hat, denn vorhanden war es schon, nur haben wir es nicht wahrgenommen.

Was uns den Blick darauf freigemacht hat, kann ein Ereignis sein. Nachdem es eingetroffen ist, sehen wir das, was vorher schon da war, sich uns aber nicht gezeigt hat. Vielleicht hat es sich uns vorher schon zeigen wollen, hat uns sogar zugewinkt, aber wir waren das sprichwörtliche blinde Pferd, an dem ein Nicken vergeudet ist.

Ich weiss: Das braucht jetzt ein paar Beispiele, und mindestens eines sofort, sonst verlieren wir uns in der Erkenntnistheorie. Kant, Hegel, Würmelinger, Runzelbacher. Wer googelt, hat sich in meine Abschweifungen verlaufen, kommt nie mehr zurück.

Hier also gleich mein Suzuki-Beispiel: Vor dem Dezember 1986 hatte ich in der Schweiz praktisch nie einen Suzuki-Jeep wahrgenommen. Gab es überhaupt welche in der Schweiz vor jenem 9. Dezember 1986? Mein Bruder fuhr offenbar einen, aber der war so gut wie unsichtbar. Wahrscheinlich stand er mehrheitlich in seiner Garage.

Dann starb unsere Mutter und ich habe in den zwei Wochen danach verschiedene Dinge mit dem Suzuki-Jeep meines Bruders erledigt. Ich fuhr zu Ämtern, zum Gerichtsmedizinischen Institut, zur Kantonspolizei. Ich machte Einkäufe für die trauernde Sippe. Manchmal bin ich glaub ich auch einfach ziellos durch die Stadt gefahren, weil ich nirgendwo sein wollte.

Nach diesem Ereignis sah ich die Suzuki-Jeeps überall, jahrelang. Und jeder von ihnen versetzte mich unweigerlich zurück in die Tage, als meine Mutter starb.

Es muss ein strategischer Entscheid des Suzuki-Importeurs gewesen sein, der eines Morgens beim Kaffee entschieden hatte, den Schweizer Markt mit Suzuki-Jeeps zu überschwemmen. Jetzt ist der Moment, sagte er unvermittelt zu seiner Frau. Die Schweiz ist reif für den Suzuki-Jeep! Wenn Du meinst, Erwin. Einen blauen vielleicht?

Noch etwas Anderes war neben dem plötzlichen Auftauchen von Suzuki-Jeeps in jenen Wochen zu beobachten. Natürlich wiederum nur für die, die es sahen, beziehungsweise hörten. In den Schweizer Hitparaden kletterte „Your latest trick“ von den Dire Straits die Ranglisten hoch, oder hätte es jedenfalls tun müssen, denn ich hörte dieses Lied auf einem Tonband im Tapedeck des Suzuki-Jeeps immer und immer wieder.

All I can do is hand it to you – and your latest trick. Saxophonklänge und die wunderbar traurige Stimme von Mark Knopfler. Ich spulte das Band so oft an den Anfang des Lieds zurück, dass ich mich heute wundere, warum das Tapedeck das Band nicht reinzog und frass.

Später habe ich ein Saxophon gemietet. Der freundliche Mann im Musikgeschäft fragte mich, ob ich schon spielen kann oder ob ich einen Lehrer brauche. Denn ein Saxophon sei keine Blockflöte, auf der man einfach spielen könne. Aber ich wollte keine Hilfe. Ich wollte spielen. Nur dieses eine Lied. All I can do. Hand it to you.

Es schien mir die einzige Möglichkeit, mit dem Verschwinden meiner Mutter irgendwie zurecht zu kommen. Ich habe dann glaube ich insgesamt drei Töne aus dem Ding rausgebracht, nicht nacheinander, bevor ich es nach ein paar Wochen wieder zurückbrachte. “Sie sollten es unbedingt stimmen, bevor Sie es weitervermieten”. Ich hätte das gerne gesagt, aber ich brachte auch aus mir keinen Ton mehr raus.

Das Saxophon sei im Vergleich zu anderen Instrumenten noch gar nicht so wahnsinnig alt, sagt mir gerade Wikipedia. Sie sitzt meistens neben mir, wenn ich schreibe. Der belgische Instrumentenbauer Adolphe Sax habe es um 1840 erfunden. Berühmt gemacht hätten es dreissig Jahre nach seinem Tod Jazzmusiker in den USA. „Phon“ sei übrigens ein aus dem Griechischen stammender Wortbestandteil, plappert sie gleich weiter, der so viel wie „Klang“ oder „Ton“ bedeute. Danke. Es ist jetzt gut, Wiki.

Wiki selber wurde erst im Januar 2001 erfunden, als meine Mutter schon 15 Jahre tot war. Sie konnte von den kostenlosen lexikalischen Einträgen (Lemmata) nicht mehr profitieren. Sie hätte sie womöglich für Lemminge gehalten und in einem Quiz nach dem Erfinder des Saxophons gefragt, hätte sie ohne ihr Lexikon raten müssen und vielleicht auf Herbert Lohdemann getippt. Ein Lohdemannophon hätte ich mir dann allerdings nie ausgeliehen. Wer hätte so etwas spielen wollen.

30 Jahre später sind die Suzuki-Jeeps fast ganz wieder von den Schweizer Strassen verschwunden. Einzelne zirkulieren zwar noch, aber sie wirken kraftlos, sogar die ganz neuen Modelle, denn sie haben nicht nur den Treibstoffverbrauch gegenüber den 80er-Jahren erheblich reduziert, sie erinnern mich auch nicht mehr jedes Mal und unmittelbar an diese schweren Tage, als meine Mutter starb und ich durch ein Zürich fuhr, das sie nie mehr sehen würde.

Your latest trick hingegen hat heute noch die Kraft, mich unmittelbar in den Dezember 1986 zu katapultieren. Ich habe das Lied gerade dreimal abgespielt. Noch zweimal, vermute ich, und ich mache mich auf ins Niederdorf und miete noch einmal ein Saxophon.

Hier endet endlich mein Beispiel. Es ist lang geraten und Sie haben längst begriffen, was ich gemeint hatte mit dem uns allen bekannten Phänomen. Etwas ist unsichtbar, bis eines Tages ein persönlicher Bezug dazu hergestellt wird. Ich benutze bewusst die passive Form. Solche Dinge machen wir selten selber. Sie passieren uns, auch wenn sie nie ganz vorbeigehen. Irgendwann verschwinden zwar die Jeeps wieder, wahrscheinlich weil der Schmerz nachgelassen hat und die Zeit bekanntlich alle Hunde heilt, aber das Lied klingt nach.

Es passt natürlich auch andersrum, wie die Österreicher sagen würden. Nicht nur traurig in die Vergangenheit, auch freudig in die Zukunft. Auch ein bevorstehendes Ereignis kann den Blick auf etwas lenken, was schon da ist, was wir aber kaum oder gar nicht wahrgenommen haben.

Ich werde zum Beispiel im kommenden Sommer nach Wien versetzt, und seit der Transfer feststeht, sind die Zeitungen plötzlich voll von Meldungen über Wien und Österreich, während hinter dem Arlberg vorher ausser ein paar Skipisten rein gar nichts war.

Phänomenal, nicht wahr?

Erdmännchen im EDA

15. März 2017

Ich benutze diesen Blog eigentlich nie, um mich mit meinem realen Leben zu befassen. Mit meinem realen Leben befasse ich mich in meinem realen Leben. Aber heute komme ich nicht umhin, etwas aus meinem realen Leben hier zu deponieren, auch wenn und vielleicht weil es nicht wirklich wirklich klingt, sondern eher wie eine wilde, ziemlich absurde Phantasie.

Vor ein paar Wochen habe ich auf Lync, der bundes-internen Version von „Skype for Business“, bei meinem Absender ein Bild publiziert. Sie sehen es, wenn Sei ein wenig hinunter scrollen. Gestern habe ich nun von der Zentrale folgende E-Mail erhalten, mit dem Subjekt: „Foto im Intranet / Skype for Business (Lync)“:

Sehr geehrter Herr Gschwend

Sie haben kürzlich im Intranet / Skype for Business ein Bild publiziert. Leider entspricht das Bild nicht den Vorgaben. Diese lauten folgendermassen:

– Portraitfoto
– Dimensionen: mindestens 300×300 Pixel, Dateigrösse maximal 5MB, Hochformat oder      quadratisch
– Das Bild zeigt Sie ohne weitere Personen oder Objekte

Wir bitten Sie also, bis spätestens am 14.04.2017 ein neues Bild zu hinterlegen. Andernfalls werden wir das aktuelle Bild vom Intranet entfernen.

Mit freundlichen Grüssen

Silvia Kindermann
(Name geändert)

 
Wenig später folgte eine weitere E-Mail:

 
Sehr geehrter Herr Haffner

Bitte entschuldigen Sie das Versehen (ein „Copy – Paste“ Fehler). Das Mail ist natürlich an Sie gerichtet und nicht an Herrn Gschwend.

Mit freundlichen Grüssen
Evelyne Kindermann
(Name schon wieder geändert)

Und das ist die Antwort, die ich heute verfasst und gesendet habe:

Sehr geehrte Frau Kindermann

Ich bin, ich sage Ihnen das ganz offen, sehr erleichtert, dass Sie doch noch festgestellt haben, dass ich nicht Herr Gschwend bin.
Es hätte mir wirklich Mühe gemacht, mich mit diesem Gedanken anzufreunden.
Das ist jetzt überhaupt nicht gegen Herr Gschwend gerichtet, aber es hätte mich doch sehr erstaunt und es ist einfach viel einfacher und angenehmer, sich selber zu bleiben.
Wenn ich nur schon an all die Ausweise und Dokumente denke, die ich hätte ändern müssen. Womöglich samt Passfoto.

Und damit sind wir beim von Ihnen beanstandeten Bild, das ich auf Skype aufgeschaltet habe.
Wenn Sie das Bild in der Bildersuche von Google eingeben, erfahren Sie innerhalb von 0,67 Sekunden durch 25’270’000’000 Ergebnisse, dass es sich bei der Abbildung um ein Erdmännchen handelt.

Es mag sein, dass die Dimensionen des Bilds nicht exakt den geforderten 300×300 Pixeln entsprechen. Erdmännchen haben nur eine sehr oberflächliche Vorstellung von Pixeln, und sind dazu sehr selten an der Oberfläche, weil sie sich oft in ihrer Höhle aufhalten. Die anderen von Ihnen genannten Anforderungen sind jedoch erfüllt. Das Bild zeigt ganz klar nur mich (ohne weitere Personen oder Objekte) und es handelt sich eindeutig um ein Portraitfoto, denn, sehr geehrte Frau Kindermann , ich kann und möchte es auch nicht ändern: Ich bin ein Erdmännchen.
Und ich habe das, so möchte ich gleich anfügen, dem EDA  auch nie verheimlicht.

Ich bin vor 30 Jahren als Erdmännchen zum Concours angetreten und ich werde in ein paar Jahren als Erdmännchen pensioniert werden.
Ich habe, um meinen Beruf ausüben zu können, lediglich meine Ernährung ein wenig umstellen müssen, da Insekten, Skorpione, Schnecken, Nager und Reptilien bei diplomatischen Einladungen eher selten serviert werden. Dafür kommen auch Falken, Schakale und Schlangen (meine natürlichen Feinde) in den Kreisen, in denen ich mich beruflich bewege, eher selten vor. Oder höchstens im übertragenen Sinn.

Das Diplomatenleben eignet sich vor allem im letzten Karrieredrittel ausgezeichnet für Erdmännchen, denn wir leben in Höhlen, ziehen es aber vor, von anderen Tieren gegrabene Höhlen zu beziehen und diese lediglich unseren Bedürfnissen anzupassen. Das tue ich nun schon in der vierten Residenz. Dabei habe ich auch den natürlichen Lebensraum meiner Gattung, das südliche Afrika, verlassen und habe in Europa, Asien und Nordamerika gelebt.

Aber ich will Sie nicht weiter langweilen mit den Besonderheiten des Lebens eines Erdmännchens im diplomatischen Dienst. Möglicherweise ist Herr Gschwend ja ein Elch, und wenn wir Ihnen alle lang und breit erklären, wie wir als Tiere im EDA Jahrzehnte leben und überlebt haben, haben Sie am Ende keine Zeit mehr für die Informatik. Auch ich muss mich jetzt wieder meiner Arbeit zuwenden, denn Erdmännchen sind tagaktiv und wir sind in der Türkei zwei Stunden voraus, das heisst, der Abend ist nach dem Mittag nicht mehr sehr weit und ich werde mich schon bald wieder in meine Höhle zurückziehen.

Liebe Frau Kindermann , ich muss leider zum Schluss kommen.
Zuerst dachte ich, Sie würden sich wegen den dunklen Ringen unter meinen Augen Sorgen machen um meine Gesundheit oder daraus schliessen, ich arbeite zu viel und schlafe zu wenig, und ich war bereits ein bisschen gerührt, dass Sie mir empfehlen würden, im Herbst meiner Karriere aus Gesundheitsgründen weniger zu arbeiten. Ich hätte Sie beruhigen können. Wir Erdmännchen haben die Ringe auch wenn wir ausgeschlafen sind. Sie dienen dazu, zu verhindern, dass die Sonne uns beim Blick in die Ferne, wo wir nach Feinden Ausschau halten, blendet.
Aber dann schaute ich auf den Absender Ihrer E-Mail und sah, dass Sie nicht beim EDA-Personaldienst, sondern bei der EDA-Informatik angesiedelt sind.

Sie bitten mich nun, mein Bild zu entfernen und bis spätestens am 14.04.2017 ein neues Bild zu hinterlegen, und sie drohen mir an, andernfalls das aktuelle Bild vom Intranet zu entfernen.
Ich stehe nicht im Ruf, mich Anweisungen der Zentrale zu widersetzen. Ich muss Ihnen aber mitteilen, dass ich das Bild nicht durch ein neues ersetzen werde. Erdmännchen werden auf freier Wildbahn maximal 15 Jahre alt, im Zoo höchstens 12. Es gibt keine statistischen Erhebungen über das Lebensalter von Erdmännchen im diplomatischen Dienst. Ich könnte Ihnen nicht einmal sagen, wie viele wir sind. Tatsache ist, dass ich das für Erdmännchen übliche Alter schon lange überschritten habe. Ich nehme jeden weiteren Tag als Gunst und Gnade, und so werde ich es auch mit den Tagen halten, die meinem Bild noch verbleiben, bis Sie es vom Intranet nehmen, denn ich zweifle nicht daran, dass Sie ihre Drohung wahrmachen werden.

Schauen Sie mir also am 14. April noch einmal tief in die schwarz umringten Augen (meinem Lync-Bild meine ich natürlich) und dann löschen Sie es, wenn Sie es noch und nicht anders können.
Ich kann Ihnen versichern, dass ich Sie deshalb nicht als Feind betrachten werde. Aber ich werde am Abend des 14. April traurig sein, wenn ich in meine Höhle zurückkehre.

Freundliche Grüsse aus Ankara,

Walter Haffner

Reisendes Licht

21. Februar 2017

Ich kann es nicht, und falls Sie meinen, Sie können, dürfen Sie nicht. Es mir erklären. Denn Sie irren sich. Es mag ja plausibel klingen, was sie mir erklären würden, und sie kennen sich ganz sicher mit Spiegelungen und optischen Täuschungen extrem gut aus. Die Sache ist nur: das ist ein Engel, der in Berlin erschienen ist.

Ich sage nicht mir, denn ich weiss nicht mehr, ob ich das Bild gemacht habe. Gut möglich, dass es meine älteste Tochter war. Sie hat das ganze Haus fotografiert, als klar war, dass ich bald ausziehen würde. Meine Kinder haben dieses Haus geliebt. Sie sind mich jedes zweite Wochenende besuchen kommen. Eingeflogen aus der Schweiz. Und ich höre natürlich, wie Sie jetzt sagen, da haben wir’s: ein Mädchen hat mit Blitzlicht aus dem Fenster fotografiert. Von wegen Engel.

Nur war meine Tochter zum Zeitpunkt, als diese Aufnahme entstand, kein Mädchen in einem weissen Kleid, sondern eine 20-jährige junge Frau, und sie hat die Kamera normalerweise mit ihren Händen gehalten, nicht zwischen den Zähnen eingeklemmt.
Also lassen sie mich bitte in Ruhe mit ihren Gesetzen der Optik. Unterdrücken Sie ihren Spiegelreflex. Nehmen Sie einfach zur Kenntnis, dass im Herbst 2007 in Berlin-Charlottenburg ein Engel erschienen ist und sich von mir oder meiner ältesten Tochter fotografieren liess.

Ich möchte aber auch nicht, dass mein Engel (und noch viel weniger der Engel meiner Tochter) von jemandem vereinnahmt wird. Dies für den Fall, dass sich entgegen allen Gesetzen der Wahrscheinlichkeit unter dem halben Dutzend meiner Stammleserschaft jemand befinden sollte, der dauernd Engel sieht.

Oder falls jemand von ausserhalb auf diesen Eintrag gestossen ist, der sich sonst nie auf diesem Blog aufhält (der Engel übrigens auch nicht), der sich beruflich (ich bin sicher, es gibt Lehrstühle für Englistik) oder hobbymässig schon Jahrzehnte lang mit Engeln befasst und regelmässig «Engel in…» googelt, um seine Sammlung zu erweitern, so bitte ich inständig darum, wenn ich das darf, ohne rüde zu wirken: Raus hier!

Ich möchte weder anlehnende noch ablehnende, weder belächelnde noch beschwörende Reaktionen auf meinen Engel, und ich spreche da auch für meine Tochter. Ein Engel ist etwas unheimlich Zartes, viel fragiler noch als ein Mensch, obwohl wir ja auch nicht viel aushalten. Man sollte sich nicht an einen Engel anlehnen.

Man sollte Engel auch nicht kommentieren. Ich überlege gerade kurz, ob ich für diesen Beitrag die Option «Hinterlassen Sie einen Kommentar» deaktivieren soll. Aber dann ist es ja nicht so, dass mein Blog regelmässig von Kommentaren überflutet wird. Günter Eich würde dichten: „In St. Gallen / weiss ich einen, der mich kommentiert, / und in New York. / Das sind schon zwei.“ – und es würde ihm Zuversicht geben.

Mein Engel braucht weder Erklärung, Ablehnung noch Bestätigung. Er braucht nicht einmal Aufmerksamkeit. Er ist völlig bedürfnislos. Er ist ein Engel.
Und wenn ich das schreibe, fällt mir sofort wieder auf, wie wenig Sinn das männliche Geschlecht bei einem Engel macht. Ich weiss schon: der Erzengel. Gabriel und Konsorten. Aber schauen Sie sich dieses Bild an, auch wenn sie nicht daran glauben: ist das nicht eine wunderbare Engelin?

Sie kam im Herbst, denn man kann auf der Terrasse vor meinem Schlafzimmerfenster im ersten Stock die welken Blätter sehen. Es war Abend, und sie harrte auf der Terrasse aus, einen halben Meter über dem Boden schwebend, ausser das sind ihre Füsse und keine Regentropfen.

Ich will jetzt nicht sagen, sie wartete auf jemanden oder etwas. Ich glaube nicht, dass Engel warten. Ich glaube auch nicht, dass sie irgendetwas wollen, und es würde mich nicht sehr erstaunen, wenn sie ausser erscheinen überhaupt nichts können.

Das war jetzt mehr ein Gefühl, aber wenn ich es mir überlege, denke ich, es ist so, und dieser Befund erstaunt mich nicht nur nicht, ich finde ihn auch nicht enttäuschend. Engel können nichts ausser Erscheinen. Sie können keine Botschaften überbringen und schon gar nicht beschützen. Es gibt keine Schutzengel, so tröstend die Vorstellung auch ist. Engel sind völlig machtlos. Möglicherweise können sie nicht einmal bestimmen, wem sie wann erscheinen.

Ein einzelner Engel erscheint vielleicht Jahrhunderte lang nicht und dann innerhalb von wenigen Tagen gleich dreimal, wobei ihn vielleicht nur einmal jemand wahrnimmt. Ich mache jetzt keinen Exkurs über die Frage, ob es auch eine Erscheinung ist, wenn niemand sie wahrnimmt, und ich bitte Sie, auch keinen solchen Exkurs zu machen. Bleiben Sie hier, ich brauche Sie noch einen kurzen Moment.

Wahrscheinlich war es bei dieser Engelin genau ein solcher Fall. Sie ist in Charlottenburg erschienen, und niemand hat sie mitgekriegt. Egal ob ich oder meine Tochter das Bild gemacht haben: Ich vermute, ja ich bin mir sicher, dass man sie gar nicht sah. Sie erschien erst später auf dem Bild, als ob es zuerst hätte entwickelt werden müssen. In der digitalen Dunkelkammer.

Ich weiss, dass das völlig idiotisch klingt. Digitale Bilder basieren auf dem binären Prinzip, 0 oder 1. Dazwischen kann sich kein Engel entwickeln, auch wenn man die Aufnahme lange unbeachtet im Speicher des Computers lässt.

Und trotzdem ist der Engel erst später auf dem Bild erschienen. Ich kann es nicht mehr genau datieren, ich weiss nicht einmal mehr das Jahr, aber es war in meinem nächsten Land, nachdem ich von Deutschland nach Israel umgezogen war. Irgendwann habe ich dann an einem Sonntag beim Durchklicken durch mein Fotoarchiv das Bild mit dem Engel entdeckt. Ich dachte zuerst: das Spiegelbild meiner Tochter, wie sie den Blick aus meinem Schlafzimmer fotografiert, als sie knipsend von Zimmer zu Zimmer ging.

Dann sah ich die leicht vom Körper abgespreizten Arme an beiden Seiten und realisierte, dass das grelle Licht auf Kopfhöhe nicht das Blitzlicht ihrer Kamera sein konnte. Und dann begriff ich, dass diese Gestalt im weissen Hemd nicht meine Tochter war.

Dann machte ich etwas völlig Idiotisches. Ich versuchte, smarter zu sein, als ich bin. Ich begann, das Bild mit Fotoshop zu verändern. Wenn ich die Belichtung, den Kontrast, die Farbintensität und alles andere veränderte, so dachte ich, vielleicht würde ich dann das Gesicht des Engels sehen können.

Ich spielte also eine Weile mit sämtlichen Filtern und Parametern herum, bis ich einsah, dass es nicht funktionierte. Nur vergass ich am Ende, das unveränderte Original abzuspeichern, und speicherte stattdessen eine völlig verunstaltete Version ab, auf der man vom Engel nur noch Umrisse sah.

Ich ärgerte mich noch tagelang über meine Dummheit und jedes Mal, wenn ich in den nächsten Jahren wieder auf das bis zur Unkenntlichkeit bearbeitete Bild des Engels traf, ärgerte ich mich erneut.

Unterdessen sind einige Jahre vergangen. Ich war inzwischen ein paar Monate in Lettland stationiert und in einem halben Jahr werde ich bereits das Land verlassen, in das ich nach meiner kurzen Zeit in Lettland weitergezogen bin.

Vor ein paar Wochen habe ich in meiner Fotoschachtel gewühlt, und damit meine ich jetzt eine richtige Schachtel aus Karton, in der ich ein wildes Durcheinander von Fotos aufbewahre. Ich suchte ein bestimmtes Bild von meiner älteren Tochter, zu deren bevorstehender Hochzeit ich ein Album machen möchte.

Aber anstatt das Bild zu finden, das ich gesucht hatte, fand ich das Bild des Engels, der in Charlottenburg erschien. Es war ein absolut unerwarteter Augenblick des Glücks.
Ich war mir nicht bewusst gewesen, dass ich vor der missglückten Veränderung der Aufnahme ein Exemplar des Originals ausgedruckt hatte. Was für eine wunderbare Fügung.

Der Engel ist, wenn man so will, zuerst in Charlottenburg umsonst oder zumindest unbemerkt erschienen. Dann ist er ein zweites Mal in Ramat Gan erschienen, als ich ihn beim Durchklicken der Fotos entdeckte. Dann hat ihn der Versuch, sein Gesicht zu erkennen, wieder zum Verschwinden gebracht. Und jetzt ist er in Ankara ein drittes Mal erschienen, und ich bin unheimlich dankbar dafür.

Ich habe das Bild schon zweimal eingescannt und an verschiedenen Orten abgespeichert und ich hatte eigentlich vor, eine Reihe von Abzügen zu machen und an meine Kinder und Freunde zu versenden, damit ich den Engel nie mehr verliere, diese Lichtgestalt, die mir in drei Länder gefolgt ist.

Nun wird mir klar, wie sinnlos das gewesen wäre, und wie unnötig. Ich habe das Bild verpasst, verlegt und verloren und ich werde es wieder verlieren, egal, wie oft ich es abspeichere und kopiere. Der Engel aber reist mir nach, ob ich es merke oder nicht.

Das plötzliche Auftauchen von Jonathan Grünstein

17. Februar 2017

Meine Frau kann Menschen erscheinen lassen. Nicht wie ein Zauberer, der vor Publikum auf einer Bühne einen Hasen aus dem Zylinder zieht (und dann noch einen und noch einen, wo kommen die Tiere bloss alle her?), und nicht genau dann und genau dort, wo sie will, aber sie kann an jemanden denken, und innerhalb weniger Tage läuft ihr die Person dann mit grosser Wahrscheinlichkeit über den Weg.

Es ist, als würde sie diese Menschen herbeirufen, und sie gehen dann irgendwo los und kommen unweigerlich in ihre Nähe, egal von wie weit her sie kommen müssen oder wie lange sie nichts mehr von ihr gehört haben. Ich weiss, das klingt verrückt, und ich kann’s mir ebenso wenig erklären wie das mit den Hasen. Oder noch viel weniger. Ein Zylinder mag einen doppelten Boden haben, der Magier greift durch den Tisch in eine Hasenkiste und greift sich ein paar lange Ohren. Aber einen Menschen herbeirufen, der vielleicht gerade noch in Atlanta an einem Kongress war und darüber nachdachte, seine Familie zu verlassen?

Bei unserem letzten Besuch in Tel Aviv hat ihr Bruder meine Frau gefragt, ob sie jemanden kenne, der bei der Firma Glanach arbeite. Glanach oder Galdach, ich habe mir den Namen nicht gemerkt. Ein Versicherungsunternehmen. Die hätten eine Stelle ausgeschrieben, sagte ihr Bruder, die ihn interessieren würde.

Sie wissen wie das ist. Wenn man 50 ist, muss man jemanden kennen in der Firma, der dem Personalverantwortlichen in den Arm fällt, bevor er die Delete Taste drückt und die Bewerbung nach einem kurzen Blick auf das CV löscht. Mit 50 ist man als Stellenbewerber so gut wie tot. Der Termin ist abgesagt bevor er zustande kommt. Ausser man kennt jemanden, der Hasen aus dem Zylinder ziehen kann. Oder man ist der Bruder meiner Frau.

Meine Frau hat kurz nachgedacht und dann geantwortet, nein, spontan kommt mir niemand in den Sinn, ich bin schon zu lange weg vom Business, aber ich werde nachdenken. Vielleicht kommt mir ja ein Name in den Sinn.

Dann mussten ihr Bruder und seine Familie gehen und wir haben mit meiner Schwiegermutter noch ein paar Partien Genial gespielt, während ihr Vater schon zu Bett gegangen war. Meine Schwiegermutter hat zwei von drei Partien gewonnen, obwohl das ein Spiel ist, bei dem sonst immer ich gewinne, und einmal wäre ja OK gewesen, aber zweimal hintereinander? Ich hätte ihr meine miesen Tricks nicht verraten dürfen. Sie ist schon von alleine smart genug.

Am nächsten Tag mussten wir früh raus, weil wir nachhause flogen. Auf dem Flughafen reichte es gerade noch zu ein paar Tomaten und einem Brötchen, bevor unser Flug ausgerufen wurde. Bei «last call» schnitt ich eine Tomate etwas zu rasch entzwei und meine Frau musste zur Toilette rennen, um die Spritzer von ihrem Kleid zu wischen. Als wir als Letzte in den Bus einstiegen, der uns zum Flugzeug brachte, begrüsste sie freudig überrascht einen Mann in unserem Alter. Jedenfalls sah es so aus, als sei sie überrascht.

Sie stellte ihn mit vor. Walter, das ist Jonathan. Jonathan Grünstein. Wir kennen uns von meiner Zeit bei Phoenix. Er arbeitet bei Glanach (Galdach?). Jonathan, das ist mein Mann. Ich drückte Jonathan die Hand als der Bus gerade losfuhr, und liess mich dann etwas zwischen die anderen Passagiere zurückfallen, um mich dort an einer freien Stange festzuhalten und Jonathan und meiner Frau beim Gespräch zuzusehen, obwohl ich mich ebenso gut an der Halteschlaufe gleich neben Jonathan und meiner Frau hätte festhalten können.

Hatte er Galbach gesagt? Konnte es tatsächlich sein? Es konnte. Als wir die Treppe zum Flugzeug hochstiegen, sagte meine Frau aufgeregt zu mir: Du glaubst nicht, wer das war!
Jonathan Grünstein? fragte ich mit einem leicht ironischen Unterton. Meine Frau beginnt oft Sätze mit «Du glaubst nicht, was mir gerade passiert ist» oder «Du wirst nicht glauben, wer mir gerade ein Whatsup geschickt hat».

Es scheinen in der israelischen Gesprächskultur fest verankerte Phrasen zu sein, um ein Gespräch zu beginnen oder eine Mitteilung zu machen. Ich habe diese Einleitungen mittlerweile als rhetorische Kniffe entlarvt, um die Aufmerksamkeit des Angesprochenen zu erheischen. Sehr oft stellt sich nämlich heraus, dass ich das, was gerade passiert ist, ohne weiteres zu glauben vermag und eigentlich wenig bis gar nicht überraschend finde. Aber ich habe zugehört und somit hat die einleitende Floskel ihren Zweck erfüllt.

Genau, Grünstein! Aber nicht irgendein Grünstein, Jonathan Grünstein. Und nicht irgendein Jonathan Grünstein, sondern Jonathan Grünstein von Galdach (Glanach?). Ist das nicht einfach unglaublich? Gestern fragt mich Oz, ob ich jemanden von der Firma Glanach (wir lassen es jetzt so) kenne, und ich sage nein, weil es viele Jahre her ist, dass ich mit denen Kontakt hatte, und heute läuft mir Jonathan über den Weg. Jonathan Grünstein, der bei Galdach (also doch!) arbeitet und den ich – wie lange ist das nun her? 20 Jahre? – den ich mindestens 10 Jahre nicht mehr gesehen habe. Das gibt es doch einfach nicht! Glaubst Du das? Welche Plätze haben wir?

12 E und F. Willst Du mir Deinen Mantel geben für in die Ablage? Nimm aber das Telefon raus.

Als wir sitzen, schreibt sie eine Mitteilung an ihren Bruder. Grünstein von Glandach (was jetzt?) am Flughafen getroffen. Unglaublich, nichtwahr? Hab ihm von Dir gesprochen. Sende Dir seine Koordinaten, sobald wir gelandet sind. Kuss, T.

Das ist doch wirklich verrückt, sagt sie zu mir. Ich habe ihn … zwanzig Jahr nicht mehr gesehen, beende ich ihren Satz.
Genau. Vielleicht auch nur zehn, aber dass ich ihn heute sehe, nachdem mich Oz gestern fragt, ob ich jemanden von dieser Firma kenne…. ein schier unglaublicher Zufall!

Die Durchsage des Maitre de Cabine dröhnt aus dem Lautsprecher, der sich wie immer direkt über unserer Sitzreihe befindet, und unterbricht für einen Augenblick unser Gespräch über das plötzliche Auftauchen von Jonathan Grünstein. Der Mann freut sich offenbar, uns mit seinem Team während des ganzen Flugs betreuen zu dürfen. Wir sollen uns getrost an ihn wenden, wenn wir irgendetwas brauchen. Und damit meint er uns alle. Sämtliche Passagiere dieses nicht kleinen, offensichtlich bis auf den letzten Platz gefüllten Flugzeugs. Grünstein, meine Frau, mich. Der Mann hat sich allerhand vorgenommen.

Ja, das ist wirklich ein unglaublicher Zufall, sage ich, als die Durchsage des Maitre de Cabine zu Ende ist. Aber eigentlich weiss ich, dass es kein Zufall ist. Es ist in den fünf Jahren, in denen ich meine Frau nun kenne, einfach schon zu oft passiert. Vielleicht fünf oder sechs Mal. Ich habe es mir nicht aufgeschrieben. Es ist schon mindestens ein halbes Dutzend Mal passiert. Beim ersten und zweiten Mal ist es mir nicht gross aufgefallen und ich hielt es wirklich für einen Zufall, dass jemand, an den meine Frau vor kurzem gedacht hatte, den sie mir gegenüber erwähnt hatte, dann wie aus dem Nichts aufgetaucht ist, ihren Weg gekreuzt hat.

Du wirst nicht glauben, wen ich heute bei der Wohltätigkeitsveranstaltung getroffen habe, Darling. Selma Tonkow! Du weisst, von wem ich rede, oder? Ich habe Dir doch erst kürzlich gesagt, dass ich von einer alten Studienkollegin geträumt hatte. Völlig grundlos. Ich hatte sie längst vergessen, wir haben uns 30 Jahre nicht mehr gesehen. Dann träume ich von ihr und heute steht sie vor mir, hier, in Ankara, of all places, wo weder sie noch ich wirklich hingehören. Wie kannst Du Dir das erklären? Gibt es so etwas?

Die Welt ist klein, mein Schatz, et le hasard fait bien les choses. So oder etwas Ähnliches habe ich wohl beim ersten Mal geantwortet. Und beim zweiten Mal, ich glaube es ging um einen Nathan Wasauchimmer, habe ich gesagt, ihr scheint ein besonderes Sensorium füreinander zu haben, ihr Juden, vielleicht weil ihr so oft in eurer Geschichte nur euch hattet, euch auf niemand anderen verlassen konntet, wenn ihr Hilfe brauchtet in der Diaspora (nicht einmal auf den Maitre de Cabine). Ihr spürt euch gegenseitig auf, ihr findet euch in der Menge, läuft euch über den Weg.

Meinst Du? Hatte sie geantwortet. Vielleicht hast Du Recht.

Aber dann ist es wieder passiert, und wieder. Es konnte kein Zufall mehr sein. Und auch wenn ich miterlebt habe, dass meine Frau aus hundert Meter Entfernung sagen kann, dass jemand jüdisch ist, und die fremde Person dann auf Hebräisch anspricht und sie antwortet ihr in dieser Sprache, so ist es etwas ganz Anderes, an jemanden denken oder von der Person träumen und sprechen zu können, und kurz darauf, innerhalb von Tagen, taucht sie auf.

Ich weiss, dass meine Frau mich nicht anlügt oder mir etwas verheimlicht. Sie würde nie eine Geschichte erfinden, oder mir gegenüber jemanden erwähnen, von dem sie weiss, dass sie ihn bald treffen wird, mit dem sie sich vielleicht sogar verabredet hat, und ihn mir dann, wenn er ihr oder uns über den Weg läuft, als zufällige Begegnung präsentieren. Das würde sie nie tun.

Ich schaue sie von der Seite an. Mittlerweile sind wir in der Luft und sie ist, wie sie das oft tut, kurz nach dem Start eingeschlafen. Ihr Profil hebt sich gegen das Abendlicht ab, das für einen Moment durch das Kabinenfenster hereinströmt, während die Maschine sich auf ihren Kurs dreht. Ich liebe sie.

Ich weiss nicht, ob sie es weiss, ob sie sich ihrer besonderen Fähigkeit bewusst ist und sie gezielt einsetzt, aber sie kann Menschen herbeirufen. Vielleicht ahnt sie es, aber sie will es nicht wahrhaben, es sich nicht eingestehen und sich nicht mit dem Gedanken beschäftigen, weil es unheimlich ist, eine solche Fähigkeit zu haben. Es ist eine Art Macht über andere Menschen. Eine Macht, mit der man in das Leben anderer Menschen, die man kennt oder einmal gekannt hat, eingreifen kann, als ob man sie steuern könnte. Wie geht man damit um? Darf man diese Macht anwenden? Und wozu?

Vielleicht weiss sie es nicht und ahnt es nicht einmal. Vielleicht weiss nicht einmal ihr Unterbewusstsein davon. Vielleicht hält sie es wirklich für unglaubliche Zufälle, wenn ihr Menschen über den Weg laufen, an die sie kurz zuvor gedacht hat. Menschen, die gerade noch weit weg waren, in jeder Beziehung. Vielleich ist sie jedes Mal von Neuem völlig verblüfft, wenn es geschieht. Wenn Nathan oder Selma plötzlich wie aus dem Nichts auftauchen, Baruch oder Kleinstein. Vielleicht merkt sie überhaupt nicht, dass sie den Hut in der Hand hält, aus dem der Hase springt.

Wir haben Jonathan Grünstein bei der Landung in Istanbul nicht mehr gesehen. Er flog Business und war somit längst aus der Maschine verschwunden, als wir noch geduldig bestaunten, wie die Frau aus der Sitzreihe vor uns ihre zwölf Duty Free Säcke aus der Ablage kramte.

Ich bin gespannt, ob ihr Bruder den Job erhält. Seine Bewerbung klingt gut. Er sieht jünger aus als auf dem Passbild auf seinem CV, als er dem Personalverantwortlichen gegenübersitzt. Es ist einer dieser Tage, an denen der Westwind Sand aus Nordafrika herüberträgt. Man kann nicht allzu weit sehen und alles wirkt wie mit roter Kreide gezeichnet.

Meine grauen Nomaden

13. Februar 2017

Graue Rouladen sind entweder alt und in meinem Kühlschrank schimmlig geworden oder sie sind das Werk eines überdrehten Zuckerbäckers, der allen Ernstes daran glauben will, dass sich irgendjemand (IRGENDjemand) eine graue Roulade kaufen möchte, um sie dann genüsslich zuhause zu verspeisen, die Küchenvorhänge zugezogen, damit niemand etwas abhaben will von dieser wunderbaren grauen Roulade.

Graue Nomaden waren hingegen nie in meinem Kühlschrank und die Wahrscheinlichkeit ist ein Riese, dass sie bezüglich Rouladen einen ganz normalen Geschmack haben. Es handelt sich, so las ich vor ein paar Monaten in einer Sonntagszeitung, um nicht mehr arbeitende Menschen über 55 Jahre, die in Australien herumreisen, und sich alles anschauen, was sie sich während ihrem Erwerbsleben nicht anschauen konnten. Ich möchte gerne die weiten Ebenen sehen, Loretta, oder den roten Felsen, Du weisst schon, aber ich habe die nächsten 30 Jahre grad keine Zeit. Später vielleicht? Kommst Du mit?

Es gibt schätzungsweise mehrere Zehntausend von ihnen und man rechnet offenbar für jeden, der unterwegs ist, mit fünf weiteren die mit dem Gedanken spielen, selber aufzubrechen. Fünf zu eins, man stelle sich das kurz vor. Sogar Kleines wird ziemlich gross, wenn man es oft genug mit Fünf multipliziert.

Dass die Population von grauen Nomaden nicht bereits zu gross geworden ist und zum Schutz des Artengleichgewichts während gewissen Phasen zum Abschuss freigegeben werden muss, ist allein dem Umstand zu verdanken, dass die fünf weiteren mit dem Gedanken spielen wie eine Katze mit einer erwischten Maus. Sie klopfen ein wenig auf dem Gedanken herum und lassen ihn dann liegen.

Unter den grauen Nomaden gibt es Untergruppen, wie der Artikel ausführte, wovon sich eine mit einem Augenzwinkern «geriatric gypsies» nenne, was grob als betagte Zigeuner zu übersetzen sei. Es könnte natürlich auch sein, dass die eines vorgerückten Tages nach dem Einkaufen im Supermarkt einfach vergessen haben, wo sie wohnen, und seither in der Gegend herumkurven und kein Geld haben, um das Augenzwinkern behandeln zu lassen, weil ihr Krankenkassenausweis ja irgendwo dort in einer Schublade liegt und verstaubt, wo sie zuhause wären.

Die «geriatic gypsies», erklärt uns ein wie aus dem Nichts auftauchender Mann namens Cough, den man uns als Experte für ältere Menschen vorstellt, die den Heimweg nicht mehr finden, wollen nie mehr sesshaft werden. Keine Ahnung, woher er das wissen will. Vielleicht haben sie es ihm ja so gesagt, bevor sie losfuhren, aber er kann es sich ebenso gut aus den Fingern gesogen haben, um sich wichtig zu machen und in einer Sonntagszeitung zitiert zu werden, der eitle Geck.

Wie weit sind wir überhaupt gekommen, dass wir einen Mann, der Husten als seinen Namen ausgibt, als Experten zitieren? Dabei genügte ein kurzer Blick in ein medizinisches Lexikon im Netz, um zu erkennen, wie unseriös das ist. «A cough is a reflex action to clear your airways of mucus and irritants such as dust or smoke. It’s rarely a sign of anything serious. «

Auf der Website der «geriatic gypsies» steht das Porträt von Bonny und Roy, nennen wir sie hier einmal so, um Klagen auszuweichen, die seit bald zwölf Jahren unterwegs sind. Sie wollen nicht mehr nachhause (es stimmt also doch). «Wenn es nicht mehr geht, fahren wir auf einen Caravan-Park und warten auf Gott», schreiben sie auf der Webpage. Das ist eine schöne Vorstellung, Kinder, man darf sie sich einfach nicht vorstellen.

Was immer man davon hält: Reuven Djemand hatte diese Vorstellung nie. Er glaubt weder an Caravans noch an die letzte Ausfahrt und im Gegensatz zu den meisten grauen Nomaden, die in Paaren unterwegs sind und sich die anfallenden Arbeiten teilen (Fahren, Beifahren, Essen, Kochen, nur die Landschaft wird zusammen bestaunt) ist er in seinem alten Chevy alleine unterwegs. Er hat öliges, nach hinten gekämmtes Haar wie in den 50er Jahren und sieht, wenn er seinen Wagen volltankt, trotz seiner Einsamkeit so aus, als möchte er nicht angesprochen werden. Bevor er eines Tages losfuhr, hat er sein Geld als Zuckerbäcker verdient. Sein Lebenstraum war die grosse Roulade. Guinessbucheintrag. Und dann die Backstube schliessen.

Aber Ich möchte hier nicht weiter auf ihn eingehen. Er lohnt sich nicht, denn ich habe ihn eben erst und rein zufällig erfunden. Ich habe auch keinerlei weitere Verwendung für ihn. Er ist mir untergekommen, als ich ganz zu Beginn IRGENDjemand schrieb, um das IRGEND optisch zu betonen, weil mein Blog noch immer nicht sprechen kann. Wie alt muss er noch werden? Seine Schwester hat in seinem Alter Bücher geredet.

Als ich das Wort dann noch einmal las, ist mich Djemand angesprungen. Der Name stammt aus einem Subkontinent, wo es wilde Tiger gibt, soviel kann ich sagen, und man betont ihn auf der zweiten Silbe, wenn überhaupt. Kann sein, dass er in gewissen Gegenden nur gemurmelt oder hinter vorgehaltener Hand gemauschelt wird, weil das Geschlecht zur Kaste der Fahlen gehört, die die Hände verwechseln. Ich kann’s echt nicht erklären und gerade jetzt merke ich, dass mir so ziemlich alles leid tut. Auch dass ich ihn erfunden habe und nun gleich wieder fallenlasse. Ich mach das nicht gerne, glauben Sie mir, aber ich weiss ja nicht einmal, woher der Vorname kam.

Scheint nicht mein Tag zu sein heute. Es müsste bei WordPress eine Software eingebaut sein, die den Text löscht, wenn man nicht gut drauf ist, bevor man ihn posten kann. Gesichtserkennung würde reichen. Ein paar einfache Algorithmen. DisAPPearence. Kann das jemand husch erfinden? Danke.

Ich möchte aufgrund meiner heutigen Erfahrung dringend davon abraten, vor allem jüngeren Kollegen, die es schreibend noch zu etwas bringen möchten, einen Text, den man im September begonnen hat, im Februar des folgenden Jahres beenden zu wollen. Das geht in der Regel schief und auch die Ausnahmen liest kein Schwein.

Entschuldigen möchte ich mich ausdrücklich bei den grauen Monaden. Ich stelle mir das wunderbar vor, was ihr macht, auch wenn alles ziemlich klein ist und wegen meiner schlechter werdenden Augen kaum noch etwas für mich sein wird.

Auch die letzten Jahre meines Lebens mit einem Camper kreuz und womöglich quer durch Australien zu fahren, dürfte kaum in meinem Buch stehen. Das heisst aber nicht, dass das keine gute Lösung ist. Lasst euch von mir nicht abbringen, schon gar nicht vom Weg. Zieht weiter! Die Welt gehört euch, seit sie euch nicht mehr gehört.