Die blaue Schale

Ludovico war schon fast ein halbes Jahr zu Fuss unterwegs, als er an einem sonnigen Junimorgen einem Fluss entlangging. Er hatte sein Zimmer am Vorabend zusammen mit dem Abendessen bezahlt, seinen Zimmerschlüssel auf die Theke gelegt und die Herberge am Fluss in den frühen Morgenstunden verlassen.

Mittlerweile war es neun Uhr. Die Vögel sangen, ein leichter Wind spielte mit den Mohnblumen am Wegrand und die Sonne hatte damit begonnen, das auf den Feldern auf der anderen Seite des Flusses ausgebreitete Heu zu trocknen, während sein Weg noch im Schatten der Bäume lag, die das Ufer säumten. Ludovico war zufrieden. Schon seit Längerem – waren es Wochen? Monate? – erfüllte ihn nun diese tiefe Zufriedenheit, die ihm früher fremd gewesen war.

Als er seine Heimatstadt im Norden Italiens vor einem halben Jahr verlassen hatte, war er mit allem unzufrieden, am meisten mit sich selbst, ohne dass es dafür einen ersichtlichen Grund gegeben hätte. Er arbeitete im Geschäft seines Vaters, einer kleinen Manufaktur mit vier Angestellten am Ende der Via del Pietro; er hatte eine Handvoll guter Freunde aus seiner Schulzeit, mit denen er nach der Arbeit und an den Wochenenden viel Zeit verbrachte, und er war verlobt mit Antonella, einer Frau, die nicht nur klug war, sondern auch humorvoll und schön.

Ihre Heirat war zwischen den beiden Familien für den folgenden Herbst abgemacht. Sein Vater hatte ihm im Hinblick auf das frohe Ereignis, wie er es nannte, einen Erbvorbezug gewährt, damit er sich ein Häuschen unweit von dem seiner Eltern kaufen könne, und in ein paar Jahren, wenn sein Vater sich zur Ruhe setzen würde, würde er, Ludovico Sertullo, mit seiner Antonella Kinder haben und die Manufaktur in der Via del Pietro übernehmen.

Eines Morgens im Dezember, sein Vater war bereits im Geschäft und seine Mutter war einkaufen gegangen, packte Ludovico, der unter dem Vorwand, er müsse wegen der Anzahlung für das Haus zur Bank, zurückgeblieben war,  ein paar Kleider in seinen Rucksack, zog sein bestes Paar Schuhe und eine warme Jacke an, legte den Brief, den er am Vorabend geschrieben hatte, in einem Umschlag in die Mitte des Küchentischs, beschwerte ihn mit der kleinen blauen Schale, aus der er jeden Morgen sein Frühstück ass, und verliess das Haus, in dem er aufgewachsen war, ohne einen Schlüssel mitzunehmen.

Als seine Mutter anderthalb Stunden später nachhause kam, die Einkäufe auf den Küchentisch stellte und den Brief entdeckte, hatte Ludovico, der gut zu Fuss war, bereits die Aussenbezirke der Kleinstadt erreicht. Seine Mutter öffnete den Umschlag und las den Brief. Beim Lesen entfuhr ihr ein entsetztes Dio mio!, dann liess sie alle ihre Einkäufe auf dem Küchentisch stehen, verliess das Haus und ging hastigen Schrittes in Richtung Via del Pietro.

Als sie völlig ausser Atem und mit einem gequälten Gesichtsausdruck vor ihrem Mann stand und ihm den Briefumschlag entgegenstreckte, ahnte dieser Schlimmes. Waren es schlechte Nachrichten seines Arztes, die dieser vom Labor erhalten hatte und sich nicht traute, sie ihm von Angesicht zu Angesicht mitzuteilen? War es eine Nachricht vom Pflegeheim in den Abruzzen, in der ihm das Ableben seiner betagten Mutter mitgeteilt wurde?

«Was ist passiert?» fragte er seine Frau, die sich schwer atmend hinter seinem Schreibtisch auf den bequemen Sessel mit dem Lederpolster gesetzt hatte, aus dem er sich erhoben hatte, als sie in sein Büro gestürmt war.  Aber sie konnte nicht sprechen, zeigte nur auf den Briefumschlag.

Benito Sertullo entnahm den Brief dem geöffneten Umschlag und entfaltete ihn. Es war ein einziges Blatt Papier, beschrieben mit lediglich zwei Zeilen, die nicht einmal vollgeschrieben waren. Wieviel Schlechtes liess sich in zwei Zeilen mitteilen? Er wendete das Blatt, um nachzuschauen, ob es auf der Rückseite auch beschrieben war, aber die Rückseite war leer und er kehrte zur beschriebenen Seite zurück, auf die in der Handschrift seines Sohnes, die er sofort erkannt hatte, eine Nachricht geschrieben war, die aus drei kurzen Sätzen bestand: Gehe auf eine Pilgerreise. Bin in einem Jahr zurück. Und darunter: Danke für alles. Unterzeichnet: Ludovico.

 «Ist er jetzt verrückt geworden?» sagte Benito, dem man ansah, wie die Wut in ihm aufstieg, zu seiner Frau, die zu weinen begonnen hatte und wie ein Häufchen Elend in seinem Sessel versank. «Was glaubt er denn? Er könne einfach so weggehen, dieser verwöhnte Narr?» Das Weinen seiner Frau war in ein lautes Schluchzen übergegangen. Benito gab ihr sein Taschentuch. Dann schaute er wieder auf den Brief. «Danke für alles!» rief er wutentbrannt, «Danke für alles, Gott verflucht!» und seine Faust fuhr krachend auf seinen Schreibtisch nieder.

«Fluch nicht, Benito», sagte Giulia, und bekreuzigte sich. Aber Benito fuhr, jetzt völlig ausser sich vor Wut, fort: «Wenn er glaubt, dieser undankbare Lump, wir warten auf ihn und alles ist noch so, wie er es verlassen hat, wenn es ihm gefällt, zurückzukommen, dann hat er sich getäuscht. Nichts wird…»

«Er wird nicht zurückkommen», unterbrach ihn Ludovicos Mutter, nachdem sie sich die Tränen getrocknet und die Nase geschnäuzt hatte.

«Wie… nicht zurückkommen?» fragte ihr Mann. «Er schreibt doch, er sei in einem Jahr zurück…»

«Lies doch!», entgegnete Giulia Sertullo, «Eine Pilgerreise, schreibt er. Eine Pilgerreise! Als ob unser Sohn sich je etwas aus Gott und den Heiligen gemacht hätte. Er geht ja nicht einmal zur Kirche.»

«Nicht jeder, der eine Pilgerreise macht, glaubt an Gott,» sagte Benito, der sich wieder gefasst hatte, «und Gott glaubt nicht an jeden, der eine Pilgerreise macht. Er weiss genau, dass nicht alle Pilger fromm sind. Dass einige von ihnen nur flüchten. Dass sie sich aus dem Staub machen wollen. Und gegen eine Pilgerreise kann niemand etwas einwenden.»

Aber Giulia hatte ihm gar nicht zugehört.  Wenn sie ihm zugehört hätte, hätte sie vielleicht gefragt: Warum sollte er sich aus dem Staub machen? Vor wem soll er denn fliehen, unser Ludovico? Vor uns etwa? Oder gar vor Antonella?

Stattdessen fuhr sie fort, wo sie von Benito unterbrochen worden war, indem sie sagte: «Ludovico macht keine Pilgerreise, glaub mir, Benito. Und er kommt auch nicht in einem Jahr zurück. Unser Sohn ist fortgegangen. Wir habe ihn verloren.» Und mit diesen Worten fing sie wieder zu weinen an.

Benito starrte auf den Brief in seinen grossen Händen. Als das, was Giulia gerade gesagt hatte, in seinem Bewusstsein angekommen war, zerknitterte er ihn und warf ihn in eine Ecke seines Büros. Ludovicos Mutter erhob sich, ging in die Ecke und hob den zerknüllten Brief auf. Sie faltete ihn auf, strich ihn auf dem Bürotisch ihres Mannes flach und steckte ihn in den Umschlag, den Benito fallen gelassen hatte.

«Und von Dankbarkeit keine Spur», sagte sie, während sie den Umschlag in ihre Rocktasche steckte, «Sonst wäre er geblieben. Das Einzige, was in diesem Brief nicht gelogen ist, ist seine Unterschrift.» Dann verliess sie das Büro ihres Mannes und ging nachhause.

Benito ging an diesem Tag still seiner Arbeit nach, aber weil er auch sonst nicht viel sprach, fiel keinem seiner Arbeiter auf, dass er von grosser Sorge geplagt war. Seine Gedanken schweiften immer wieder zu seinem Sohn ab, den er, wenn sich seine Frau nicht täuschte, heute früh verloren hatte. Als er am Abend nachhause kam, sah er auf dem Küchentisch den Umschlag, beschwert mit einer blauen Schale, und die Wut stieg wieder in ihm hoch.

Er schrie «Ich will diesen Brief nicht mehr sehen!» und riss den Umschlag mit einer so heftigen Bewegung unter der Schale weg, dass diese umkippte und auf ihrem Rand über den Tisch rollte, bis sie zu Boden fiel und zerbarst.

***

Ludovico spürte ein Krabbeln in seinem Nacken. Reflexartig schlug er sich mit der flachen linken Hand auf den Nacken und als er sie vor sein Gesicht hielt, sah er, dass es ein Marienkäfer war, und es tat ihm sogleich leid, dass er nicht vorsichtiger gewesen war mit seiner Hand, dass er das kleine Geschöpf nicht einfach mit leichter Geste von seinem Nacken gewischt hatte. Ludovico hoffte, dass er den kleinen Glückskäfer nicht umgebracht hatte, aber dieser regte sich nach einer letzten Zuckung eines Flügels nicht mehr. Traurig legte ihn Ludovico auf ein von einem Hund abgenagtes Stück Holz, das am Wegrand lag, und ging dann gesenkten Hauptes weiter, nur um hundert Meter weiter wie angewurzelt stehen zu bleiben.  

Er stand da und schaute einem sich langsam von ihm entfernenden Bauern nach, der auf dem Bock eines Heuwenders sass, der von zwei Pferden gezogen wurde. In gemächlichem Trott zog das Pferdegespann das Gefährt über das Feld und hinter dem aufrecht auf dem Bock sitzenden Bauern wendeten die sich drehenden Arme des Heuwenders das Heu, damit es auch auf der unteren Seite, die nun oben war, von der Sonne getrocknet werden könne. Als der Bauer sein Gefährt beim Feldweg am Ende der Wiese wendete und sich nun auf ihn zubewegte, drehte sich Ludovico um und ging in die Richtung, aus der er gekommen war.

Als er an die Stelle gelangte, an der er den toten Marienkäfer zurückgelassen hatte, bückte er sich, aber der Käfer lag nicht mehr auf dem abgenagten Stück Holz. Vielleicht ist er runtergefallen, dachte Ludovico, ein Windstoss hat ihn ins Gras getragen. Er hob das Stück Holz sorgfältig auf, um darunter nachzuschauen, aber der Käfer war verschwunden, auch im umliegenden Gras keine Spur von ihm. Konnte es sein, dass ihn ein Vogel aufgepickt hatte? Oder die Ameisen hatten seinen gewichtslosen Körper weggetragen?  Das schien ihm unwahrscheinlich in dieser kurzen Zeit. Hatte er vielleicht doch überlebt? Ein Hauch von Fröhlichkeit huschte bei diesem Gedanken über sein Gesicht.

Ludovico erhob sich, drehte sich um und ging wieder seines alten Weges. Der Bauer, der unterdessen auf seiner Höhe angelangt war, wunderte sich ob der Unentschlossenheit des Wanderers, der nicht zu wissen schien, in welche Richtung er gehen wollte. Sein Erstaunen wuchs noch mehr, als er, nachdem er sein Gefährt wieder gewendet hatte, Ludovico tatsächlich wieder auf sich zukommen sah. Der arme Mann musste völlig verwirrt sein. Ob er trotz dem Schatten, in dem er sich bewegte, einen Sonnenstich erlitten hatte? 

Ludovico wusste nicht warum, aber er kam nicht mehr vorwärts. Er hatte es zweimal versucht, aber er kam nicht über den Punkt hinaus, an dem der Bauer sein Gefährt gewendet hatte. Es ging einfach nicht. Seine Füsse versagten ihm den Dienst und ihm wurde klar, dass seine Pilgerreise zu Ende war. Ihm blieb nichts anderes übrig, als den Heimweg anzutreten.

Als er erneut an der Stelle vorbeikam, an der der Marienkäfer verschwunden war, spürte er wieder ein Krabbeln im Nacken. Er blieb stehen. Nach ein paar Sekunden hörte das Krabbeln auf und Ludovico ging weiter. Was immer es war, es war weggeflogen.

Dass sich etwas verändert hatte, merkte Ludovico daran, dass seine bedürfnislose Zufriedenheit verflogen war, seit er den Heimweg angetreten hatte, und sich sein Kopf wieder mit Gedanken zu füllen begann, einige nur kurz und flüchtig, andere wie eine Abfolge von Bildern, die sich aus seiner Vergangenheit über die Landschaft legten, die er vor sich sah. In einem noch nicht abgemähten Kornfeld sah er ein Kind, dass einen Federball in die Luft warf und ihn mit seinem Schläger ins Korn schlug. Dann ging es ihn suchen und sobald es ihn fand, warf es ihn wieder in die Luft und schlug ihn in die Richtung, aus der er zuvor geflogen kam. Etwas später sah er seinen Onkel am gegenüberliegen Ufer sitzen, mit einem Picknickkorb neben sich und einer Fischerrute in der Hand. Winkte er ihm?

Als die Schatten der gegenüberliegenden Hügel schon fast bis zur Mitte des schmalen Tals reichten und ihren Mantel schon bald über den Fluss legen würden, erreichte Ludovico die Herberge, von der er am frühen Morgen zu seiner heutigen Etappe aufgebrochen war.  Es kam ihm vor, als sei er weit mehr als nur einen Tag unterwegs gewesen.  

Der Gastwirt, ein grobschlächtiger Mann, stand hinter der Theke und wischte sich seine Hände an seiner fleckigen Schürze ab.  

«Guten Abend wohl», sagte Ludovico. «Hier bin ich wieder. Ich brauche noch einmal ein Zimmer für die Nacht, wenn möglich das gleiche.» Der Wirt schaute ihn missmutig an. Er schien ihn nicht zu erkennen. «Alle Zimmer sind gleich», sagte er, und legte ihm einen Schlüssel auf die Theke.  

«Wenn das Zimmer über dem Ziegenstall, in dem ich letzte Nacht schlief, noch frei ist, wäre mir das angenehm», versuchte es Ludovico noch einmal. Das Zimmer, das er meinte, war eine fensterlose Kammer, aber Ludovicos Geld ging zur Neige, und die Kammer war günstig. Doch der Wirt sagte nur: «Die Treppe hoch, zweite Tür links.»  

«Gibt es noch Abendbrot?» fragte Ludovico, und der Wirt machte mit dem Kopf eine Bewegung hin zu den zwei langen Holztischen. Ludovico setzte sich an den zweiten, weiter von der Theke entfernten Tisch. Es dauerte eine ganze Weile, bis die Frau des Wirts aus der Küche kam und ihn fragte, was er wolle.

«Ist noch etwas vom köstlichen Schmorbraten da, den ich gestern genossen habe?» fragte Ludovico.

«Schmorbraten?» fragte die Wirtin, und kratzte sich hinter dem Ohr. «Schmorbraten mache ich nur im Winter. Es gibt Kartoffeln und Würste.»

«Dann nehme ich Kartoffeln und Würste» sagte Ludovico. «Und zum Trinken?»

«Ein Viertel Roten und einen Krug Wasser, bitte.» sagte Ludovico, der sich Mühe gab, für beide höflich zu sein.

Die Wirtin ging zur Theke und sprach kurz mit ihrem Mann, dann verschwand sie in der Küche.

Wenig später brachte der Wirt ein Viertel Rotwein, ein dreckiges Glas und eine Karaffe mit Wasser. Während er auf das Essen wartete und vom Roten trank (das Wasser schmeckte, als stamme es direkt aus dem Fluss), wunderte sich Ludovico, warum die Wirtin den Schmorbraten abstritt, und er dachte darüber nach, wie er hierhergekommen war, und ob es sein konnte, dass er zum zweiten Mal in einer Herberge übernachten würde, in der man vorgab, sich nicht an das erste Mal zu erinnern.

Es dauerte lange, bis sein Essen vor ihm auf dem Tisch stand, und bis es so weit war, gingen ihm Stationen einer langen Reise durch den Kopf, deren Beginn sich im Nebel seiner Erinnerungen verloren hatte. Er wusste noch, wo er herkam, aber nicht mehr, warum er aufgebrochen war.  Und es war ihm unmöglich, zu sagen, ob er bei seinem Aufbruch ein Ziel gehabt hatte.    

In den ersten Wochen seiner Reise hatte er auf den langen Fussmärschen viel nachgedacht. Oft war Antonella der Mittelpunkt seiner Gedanken gewesen, und jedes Mal, wenn er an sie dachte, schien sie schöner zu sein als beim letzten Mal. Manchmal hatte er auch an ihre zukünftigen Kinder gedacht, wie sie im Garten herumrannten oder im Haus, für das sein Vater mit dem Besitzer, der in Rom lebte, für ihn einen guten Preis ausgehandelt hatte. Die Kinder waren laut und immer in Bewegung und Ludovico hätte nicht sagen können, ob es drei oder vier waren. Hätte er Antonella sagen müssen, dass er vor ihrer Hochzeit noch auf eine Reise geht? Würde sie ihm verzeihen, wenn er zu ihr zurückkehrte?

Mit fortschreitender Dauer seiner Reise hatte er immer seltener und schliesslich gar nicht mehr an Antonella gedacht, als hätte ihre Schönheit ihren Zenit erreicht und müsste nun, in einem Medaillon in seinem Herzen weggeschlossen, vor Blicken geschützt und bewahrt werden. Die Kinder waren mit jeder Woche, in der er sich weiter von zuhause entfernt hatte, ruhiger und leiser geworden. Sie hatten sich vom Garten ins Haus zurückgezogen, und im April waren sie zuerst aus dem Haus und dann aus seinen Gedanken verschwunden.

Auch sein zukünftiges Haus hatte Ludovico nicht mehr gesehen, seit die Tage wieder länger geworden waren. Er hatte keinerlei Vorstellung mehr von seiner Zukunft, und da irgendwann auch keine Erinnerungen mehr auftauchten, hatte er einen Zustand erreicht, in dem er überhaupt nichts mehr dachte. Er war nur noch durch die Natur gewandert und hatte die Landschaft in der Ferne betrachtet, die keinerlei Bedrohung für ihn enthielt, sowie die Bäume, Büsche und Blumen und die vereinzelten Tiere in seiner Nähe, und er hatte beobachtet, wie der Wind die Wolken am Himmel über ihn hinweg trieb, und war dabei zufrieden geworden.

Dann brachte die Wirtin einen Teller mit zwei kleinen Würsten und weichgekochten Kartoffeln und stellte ihn wortlos vor ihm auf den Tisch 

***

Auf seiner langen Reise zurück wurde es Sommer, dann Herbst und schliesslich Winter, und als Ludovico endlich die Ortstafel seiner Heimatstadt am Strassenrand sah, war es bitterkalt. Schon seit zwei Wochen hatte er kein Geld mehr und alles, was ihm noch zum Essen blieb, war ein trockener Laib Brot, von dem er sich jeden Tag ein Stück abbrach und mit Brunnenwasser aufgeweicht ass.  

Als er morgens um vier Uhr erschöpft, frierend und halb verhungert vor seinem Haus stand, kam ihm in den Sinn, dass er es vor langer Zeit ohne Schlüssel verlassen hatte. Aber er erinnerte sich auch, dass unter dem Blumentopf rechts neben der Haustüre ein Schlüssel hinterlegt war, damit der Milchmann die Milchflaschen in den Flur stellen konnte. Leise öffnete er die Tür und schlich durch den Flur, in dem nachts – seine Mutter wollte es so – immer ein Licht brannte, stets darauf achtend, nirgends anzustossen. Im schalen Lichtkegel, der vom Flur in die Küche drang, sah er auf dem Küchentisch einen Umschlag. Er nahm ihn mit in sein Zimmer, legte sich ins Bett und schlief sofort ein.  

***

Als Ludovico erwacht und in die Küche kommt, sitzen seine Mutter und sein Vater beim Frühstück. Er will seine blaue Frühstücksschale aus dem Küchenschrank nehmen, aber er kann sie nirgends sehen.  

«Wo ist meine blaue Schale?» fragt er seine Mutter, und sie antwortet, wobei sie, wie ihm scheint, seinem Vater einen verstohlenen Blick zuwirft: «Sie ist mir gestern beim Abwaschen zu Boden gefallen. Du musst Dir eine andere nehmen.» 

Nach einer Weile sagt sein Vater zu ihm: «Wir müssen los, Ludovico» und er antwortet: «Ich komme heute später ins Geschäft. Ich muss zur Bank wegen der Anzahlung für das Haus.»

Wenig später verlassen sein Vater und seine Mutter, die nach dem Frühstück immer einkaufen geht, gemeinsam das Haus. Ludovico bleibt noch einen Moment am Küchentisch sitzen. Sonderbar, denkt er.  Er kann sich nicht daran erinnern, dass seine Mutter je Geschirr zerschlagen hätte. Dann verlässt auch er das Haus und geht zur Bank, wobei er nicht den direkten Weg wählt, sondern einen kleinen Umweg über die Via Aldo Zeppone nimmt, um nicht vor der Bank zu stehen, bevor sie um 9 Uhr ihre Pforten öffnet.

Trotz des Umwegs ist es, als Ludovico die Treppe von der Piazza zur Bank hoch geht, noch nicht neun Uhr. Alles ist genauso, wie ich es verlassen habe, denkt er, während er sein Spiegelbild in der Glastüre betrachtet. Dann geht langsam der dunkelgraue Rollladen hinter der Glastüre hoch, und während sein Spiegelbild von unten nach oben eingeholt wird, denkt Ludovico: Heute Abend gehe ich zu Antonella.  

Er sieht durch die Glastüre, wie Dottore Razotti mit einem Schlüsselbund in der Hand das Schloss der Glastüre öffnet. Der kleine, rundliche Filialleiter ist ein alter Freund seines Vaters. Seltsam, denkt Ludovico, während er in Razottis gutmütiges Gesicht schaut und dessen stets etwas feuchte Hand schüttelt, dass vom ganzen Geschirr ausgerechnet meine blaue Schale zu Bruch gehen musste. 

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