Fliehendes Pferd

19. Oktober 2025

Die Staffelei

9. September 2025
Den Maler entdecken 
Ich bin noch nicht so weit wie Wallanders Vater, der immer wieder dasselbe Bild malt (schwedische Stillleben, mit oder ohne Auerhahn), aber wenn ich die Zeichnungen betrachte, die ich seit meiner Pensionierung vor zweieinhalb Jahren mit Pastellkreide angefertigt habe, muss ich einräumen, dass die Anzahl meiner Sujets überschaubar ist. Landschaften mit Bäumen und Wiesen, wenn möglich ein Haus oder ein Schopf, vielleicht eine Strasse, ab und zu ein Meeresstrand, und darüber – ob Meer, Wald oder Wiese - möglichst viele dunkle und ein paar helle Wolken. Ganz selten einmal ein Mensch, festgehalten beim Versuch, aus dem Bild zu schreiten.

Angefangen hatte alles damit, dass mein jüngerer Sohn ein Bild von mir wollte für seine neue Wohnung. Etwas mit Bäumen, wünschte er sich, und brachte mich damit in Verlegenheit. Ich hatte in den letzten Jahren nur noch grossformatige Portraits meiner Frau gemalt, Öl auf Leinwand. Bäume? Das traute ich mir mit Öl nicht zu. Mir kam aber in den Sinn, dass ich im Boesner in Berlin einmal eine grosse Schachtel Pastellkreiden gekauft und nach einem missratenen Versuch nie mehr angerührt hatte. Vielleicht liessen sich Bäume ja mit Kreide zeichnen?

In unsere Wohnung in Regensdorf, Manhattan, sehe ich aus dem Fenster meines Arbeitszimmers die von der Strasse abgewendete Seite des Häuserblocks, in dem sich in den unteren beiden Stockwerken ein Pflegeheim um alte Menschen kümmert, von denen viele an Alzheimer leiden. Man sieht sie manchmal auf ihren Balkonen im ersten Stockwerk oder auf der Terrasse im Parterre vor ihren Zimmern sitzen. Einige lesen, andere sitzen nur da und machen den Eindruck, als hätten sie zu warten aufgehört.
Besuch kriegen sie selten, jedenfalls wenn sie draussen sitzen. Und wenn mal welcher da ist, ist es deprimierend, zu hören, wie die Besucher mit ihren Vätern, Müttern, Tanten oder Onkeln reden. «Wieviel Zeit ist es auf Deiner Uhr? 11 Uhr 30? Schau her, auf meiner Uhr auch – wir haben die gleiche Zeit!» Abgesehen davon, dass das nicht stimmt, ist es demütigend, so mit jemandem so zu sprechen. Ich muss dann jeweils mein Fenster schliessen.

Gestern Nachmittag habe ich während dem Zeichnen aus dem Fenster geschaut und schräg unten im Parterre (wir wohnen im 4. Stockwerk) einen Mann entdeckt, der mit dem Rücken zu mir vor einer leeren Staffelei stand, das linke Bein leicht abgespreizt, den rechten Arm in die Hüfte gestützt und die linke Hand in der Hosentasche. Er stand da und betrachtete eine leere Staffelei.
Er trug einen roten Pullover mit einer Aufschrift auf dem Rücken, die ich nicht lesen konnte, eine schwarze Hose und eine schwarze Baseballmütze. Nachdem er eine ganze Weile so dagestanden hatte, ging er um die Staffelei herum zu einem kleinen Tisch und trank aus einer Tasse (einen Schluck Kaffee?), dann stellte er sich wieder vor die Staffelei, mit dem Rücken zu mir, und betrachtete sie.

Die Zeilen vollschreiben
Noch am selben Abend schrieb ich ein Gedicht über den Mann mit der Staffelei, und etwas später einen Haiku. Während Haikus von ihrem Versmass versiegelt sind (keiner käme je / auf die Idee, noch etwas / dazu zu schreiben), werden bei Gedichten, wie Lettau uns lehrte, die Zeilen nicht vollgeschrieben. Links und rechts Luft schützt vor Fabel.
Während ich die vorliegenden Zeilen links und rechts vollschreibe, dämmert mir, was er gemeint haben könnte damit. Kaum ist der Schutz aus Luft weg, beginnt das Fabulieren.

Als ich nach dem Schreiben des Gedichts aus dem Fenster geschaut hatte, war die Staffelei verschwunden. Der Mann im roten Pullover sass an seinem kleinen Tisch während es dunkelte. Etwas später, als ich den Haiku geschrieben hatte und den Kopf wieder hob, war es dunkel und auch der Mann war verschwunden.

Am nächsten Morgen, als ich nach dem Frühstück zu zeichnen begann, stand er wieder auf der Terrasse vor seinem Zimmer und hantierte, so glaubte ich zu erkennen, in leicht gebückter Haltung mit einem Mobiltelefon. Die Staffelei war nicht zu sehen, aber das Bild, wie er am Tag zuvor lange vor der leeren Staffelei gestanden hatte, ging mir nicht aus dem Kopf.
Was hatte er gesehen, als er die leere Staffelei betrachtete? Seine Haltung war die eines Mannes, der ein Bild betrachtet. Er betrachtete es lange, dann stellte er die Staffelei wieder in sein Zimmer.

In den nächsten Tagen erschien der Mann im roten Pullover nicht auf der Terrasse vor seinem Zimmer. War er krank? Als ich am späten Nachmittag des dritten Tages ohne Maler mit den Hunden einen langen Spaziergang machte, glaubte ich für einen Moment, ihn zu sehen, obwohl ich mir sogleich bewusst war, dass es äusserst unwahrscheinlich war, eigentlich unmöglich, ihn so weit (ich war schon über eine Stunde unterwegs) vom Pflegeheim entfernt anzutreffen. Ich hatte gerade den Kopf wieder gehoben, nachdem ich die Hunde von einer toten Maus weggezerrt hatte, als ich einen Mann mit einem roten Pullover und schwarzen Hosen um eine Wegbiegung verschwinden sah.

Als ich das Ende des Weges erreicht hatte und selber um die Biegung ging, um die er verschwunden war, sah ich ihn (sogar eine schwarze Baseballmütze trug er), wie er damit beschäftigt war, Holzscheite von einem Stapel auf die Ladefläche eines Anhängers zu werfen. Klong… klong… klong.., tönte es, wenn ein Scheit auf dem Blech der Ladefläche aufprallte. Er trug die gleichen Kleider wie mein Maler, aber er war es nicht. Als ich am Ende des Spaziergangs an der Terrasse des Heims vorbeikam, stand der Mann mit dem roten Pullover vor seinem Zimmer und wandte mir den Rücken zu.

Die Kuchenkarte spielen
Als ich am nächsten Tag in meinem Arbeitszimmer die Store hochzog, stand der Mann im roten Pullover wieder vor seiner leeren Staffelei - in genau gleicher Haltung, wie als ich ihn zum ersten Mal beobachtet hatte, als hätte er sich seither nicht vom Fleck bewegt. Es war der Tag, an dem meine Frau nachhause kommen würde – nach mehr als einem Monat bei ihrer Familie. Gleich beim Aufstehen hatte ich den Hunden gesagt, dass sie heute nachhause kommen würde. Aufgeregt rannten sie in der Wohnung umher und suchten nach ihr, ob sie vielleicht schon da sei.

Am Flughafen gab es das übliche Spektakel, bei dem meine Frau von den Hunden über den Haufen gerannt wird. Sie sind zwar klein, unsere zwei Hunde, aber ihre Aufregung und ihre Freude über ihre Rückkehr sind dermassen gross, dass meine Frau jedes Mal von ihrer Begrüssung überwältigt wird. Ich umarmte meine Frau, nachdem sie wieder aufgestanden war, und sagte ihr, wie froh ich war, dass sie wieder da sei. Ich musste mich beherrschen, nicht sofort zu sagen, was ich von ihr wollte. Aber meine Beherrschung hielt nicht lange an. Noch auf dem Heimweg sagte ich zu ihr:

«Ich glaube, das Pflegeheim braucht wieder einmal einen Kuchen.»
«Haben sie danach gefragt?»
«Nein,» sagte ich, «aber ich kann Dir sagen, warum. Es hat mit dem Mann mit der Staffelei zu tun.»
«Mit wem?»
«Hast Du das Gedicht und den Haiku in meinem Blog nicht gelesen?»
«Ach so, doch…. und er hat gesagt, er möchte einen Kuchen?»
«Nicht direkt, aber ich bin sicher, er möchte einen.»
«Dann werde ich dieses Wochenende einen backen.»

Es würde das dritte Mal sein, dass meine Frau einen ihrer berühmten Cheesecakes für das Pflegeheim backen würde. Aber das erste Mal, dass es ein Kuchen mit einem Hintergedanken war.

Die Utensilien besorgen
Als wir am Sonntag gegen drei Uhr nachmittags beim Pflegeheim klingelten (ich hatte wie die vorigen Male vorher angerufen, und unser Kommen mit Kuchen angekündigt), öffnete der Heimleiter persönlich.
«Das ist aber wirklich sehr nett von Ihnen, dass wir wieder so einen feinen Cheesecake erhalten. Unseren Bewohnern haben die letzten zwei wirklich geschmeckt.» Dann schmunzelte er und fügte an: «Und auch uns vom Team natürlich.»
«So soll es sein», sagte meine Frau.

Wir wurden zum Kaffee eingeladen und nach einer Weile fragte ich den Heimleiter nach dem Mann mit der Staffelei.
«Warum malt er denn nicht? Besorgt ihm seine Tochter keine Leinwände, Pinsel und Farben?
«Das ist nicht sein Tochter,» antwortete der Heimleiter. «Er hat keine Kinder. Das ist seine Galeristin.»
«Erst recht: wieso besorgt ihm seine Galeristin keine Malutensilien?»
«Ich weiss nicht, ob er wieder malen würde, wenn er welche hätte.» sagte der Heimleiter, während er sich ein zweites Stück vom Cheesecake abschnitt. «Ich bin nicht einmal sicher, ob er noch weiss, was man mit einer Staffelei macht. Er leidet an einer schweren Demenz und...»
«Unsinn!» unterbrach ich ihn. «Ich fahre morgen zu Boesner. Ich brauche Einlagen und Rahmen für meine Zeichnungen. Darf ich ihn mitnehmen?»

Es war nicht ganz einfach, den Heimleiter dazu zu bewegen, den Maler für ein paar Stunden in meine Obhut zu geben, aber schliesslich willigte er ein, und so kam es, dass ich am Montagmorgen mit dem Maler als Beifahrer den Hügel hinauf nach Höngg fuhr, durch den Wald vorbei am Restaurant Grünwald, dann runter zum Frankental und von da zur Europabrücke und schliesslich in Altstetten links abbog zu Boesner.

Während der Fahrt sprach ich zu ihm, aber entweder hörte er mich nicht oder er hatte keine Lust, mir zu antworten. Bei Boesner angekommen, parkierte ich und stieg aus. Ich ging um den Wagen herum und öffnete die Beifahrertüre, aber der Maler machte keine Anstalten, auszusteigen. «Hier gibt es Farben…» sagte ich zu ihm, «…und Leinwände, und Pinsel…», aber er blieb sitzen und versuchte, den airbag – Kleber mit dem Fingernagel seines Zeigefingers vom Armaturenbrett zu kratzen. Erst als ich es aufgegeben und seine Türe wieder geschlossen hatte, hörte ich, als ich um den Wagen ging, wie er die Türe öffnete und sah, wie er ausstieg.

In der Hoffnung, dass er sich für irgendetwas interessieren würde, ging ich mit ihm langsam die verschiedenen Regale entlang, auf denen von Öl über Acryl, Wasserfarbe, Kunstharz bis Kreide sämtliche Medien zu finden sind, die das Künstlerherz begehrt. Aber nichts davon schien ihn zu interessieren. Ich gab ihm das eine oder andere in die Hand (vielleicht muss er es berühren, dachte ich), aber er gab mir alles, was ich ihm in die Hand legte, gleich wieder zurück. Schliesslich kaufte ich eine Leinwand, ein Set Ölfarben, ein halbes Dutzend Pinsel, Leinöl und Terpentinersatz.

Als wir vor dem Pflegeheim standen und warteten, bis uns geöffnet würde, hielt ich ihm den Boesner Sack hin. «Das ist für Sie…» sagte ich zu ihm. Er nahm den Sack entgegen, schaute ihn an, dann mich, dann gab er ihn mir wieder zurück und sagte «Ich will das nicht».
Der Heimleiter gab mir den leeren Kuchenteller und ich ihm den Sack mit den Malutensilien. «Falls er doch noch malen möchte…».

Ich hatte es verbockt. Ich war viel zu direkt. Ich war nicht behutsam genug. Ich hatte viel zu viel auf ihn eingeredet. Ich hatte ihn nicht einmal gefragt, ob er mitkommen wolle. Ich hatte ihm einfach ein Öl-Set gekauft, obwohl er vielleicht sein Leben lang nur gesprayt hatte. Mehr hätte ich kaum falsch machen können. Ich war enttäuscht von mir.
«Du hast es gut gemeint», sagte meine Frau.

Die Ausstellung organisieren
Ich schlief in dieser Nacht lange nicht ein, aber als ich endlich doch einschlief, träumte ich einen versöhnlichen Traum, den ich so gar nicht verdient hatte. Ich träumte, ich hätte eine Ausstellung für den alten Maler organisiert. In der Galerie seiner Galeristin, die zuerst den Boesner Sack auch nicht wollte, dann aber einsah, dass meine Idee wirklich gut war. In ihrer Galerie, einem mittelgrossen Raum ohne Fenster in der Altstadt von Grüningen, früher offenbar ein Stall, standen ein Dutzend leerer Staffeleien und an den Wänden hingen keine Bilder des Malers, jedes beschriftet (etwa «Mühle im Abendlicht», Öl auf Holz, oder «Wiese bei Regensberg», Pastell auf Papier). An einigen der leeren Staffeleien und unter den fehlenden Bildern an der Wand hatte es schon zu Beginn der Ausstellung rote Punkte als Zeichen, dass sie in Privatbesitz waren. Es gab Weisswein und meine Frau hatte drei grosse Cheesecakes gebacken. Sämtliche Bewohner des Pflegeheims waren da, einige hatten Familie mitgebracht, und auch das Personal war vollzählig erschienen. Die Stimmung war heiter und ausgelassen. «Der Kuchen ist vorzüglich!», rief der Heimleiter über alle Köpfe hinweg, und als ich gegen sieben Uhr vom Geplauder der Pflegefrauen erwachte, die jeden Morgen auf der Terrasse ihren Kaffee trinken, waren sämtliche Bilder verkauft.

Vor dem Sturm (Pastellkreide auf Papier)

9. September 2025

Die Staffelei

2. September 2025
(nach dem Gedicht)


Alter Mann vor der
leeren Staffelei – wann fängst
Du zu malen an?

2. September 2025

Die Staffelei

2. September 2025
(vor der Kurzgeschichte)

Aus meinem Zimmer im vierten Stock
wo ich an meinem Schreibtisch stehe
und Landschaften zeichne
schaue ich gegenüber
im Parterre des Pflegeheims
einem Bewohner zu

Er steht mit dem Rücken zu mir
das linke Bein leicht abgespreizt
den rechten Arm in die Hüfte gestützt
die linke Hand in der Hosentasche
steht einfach da und betrachtet
eine leere Staffelei

Er trägt einen roten Pullover
mit einer Aufschrift
die ich nicht lesen kann
eine schwarze Hose und
eine schwarze Baseballmütze

Nach einer Weile geht er
um die Staffelei herum
zum Tisch und trinkt (einen Schluck Kaffee?)
dann stellt er sich wieder
vor die Staffelei
mit dem Rücken zu mir

Ich muss ihn im Auge behalten
irgendwann
beginnt er zu malen

House on the Hill

24. August 2025

In der Stadtbibliothek

21. August 2025

Hilf mir über mich hinaus.
Alleine überstehe ich mich nicht.

Sie hat sich umgedreht und ihn gefragt:
Sprichst Du mit mir?

Es sah so aus, als wollte sie sich drücken.

Er sagte nichts, den Finger an den Lippen
und stand noch eine Weile
in ihrem Rücken

Wie ein Sturm entsteht

18. August 2025

Markiert

18. August 2025


Du kannst das Hemd wechseln
und die Schulter waschen

– den Vogeldreck der Dich
mit einem Klatschen traf
entfernst Du nicht

Ein grosser Vogel hat Dich
aus luftiger Höhe markiert
an einem Sonntagmorgen
im Mai