Die dumme Sache mit dem Hut

29. Juli 2019

(wie Hektor seinen Koof verlor und wieder fand)

Hektor war noch nicht allzu lange ein Geist, als ihm die dumme Sache mit dem Hut passierte. Er ging eines Morgens in sein Lieblingslokal, in dem sich viele Geister nach ihrem nächtlichen Spuk noch eine Weile aufzuhalten pflegten, bevor sie, um Zeit zu sparen, an einen Ort verschwanden, der keiner war, und legte mit seinem Hut gleich auch seinen Kopf auf die Hutablage.

Nun könnte man sagen, es sei ihm nur deshalb passiert, weil er als Mensch nie einen Hut getragen hatte, oder weil bei einem Geist alle Glieder, auch der Kopf, nur ganz lose am Körper befestigt sind und sich sehr leicht von ihm lösen. Aber den Kopf mit dem Hut auf die Hutablage legen und dann zum Tresen schreiten: war das nicht ein wenig dumm, um nicht zu sagen kopflos?

Vielleicht war es sein Pech, wer kann das sagen vor dem Ende einer Geschichte, dass ihm das Missgeschick zu einem Zeitpunkt passierte, zu dem das Wirtshaus bereits von sämtlichen guten Geistern verlassen war. Nur die bösen und unentschlossenen hingen noch an der Bar und um die kleinen Tische herum und taten so, als würden sie Hochprozentiges trinken, das sie – was jeder wusste – weder schlucken noch bezahlen konnten.

Als Hektor bemerkte, dass er sich kopflos verhielt (er wollte gerade eine Lokalrunde spendieren, obwohl er keinen einzigen der anwesenden Geister kannte) griff er sich dort hin, wo sonst sein Kopf war, erschrak und kehrte augenblicklich zum Eingang zurück. Aber auf der Hutablage lagen ausschliesslich Hüte, darunter auch seiner, ohne seinen Kopf.

Wie dumm von mir, dachte er, wie ausserordentlich dumm, während er seinen Hut von der Ablage nahm und ihn sich auf den Hals setzte. Gleichzeitig wunderte er sich, dass er offenbar ohne Kopf denken konnte. Oder dachte sein Kopf dort, wo er sich gerade befand, wo auch immer das war, und sandte seinem Körper die Gedanken als Signale zu?

Wer war dann aber der Empfänger? Die erste Vermutung war sein Bauch, aus dem er zu Lebzeiten oft Entscheide getroffen hatte. Ja, wahrscheinlich war es sein Bauch, der die Signale empfing. Jedenfalls, soviel war ihm klar, hatte er keine Zeit, sich lange zu überlegen, warum er in diesem Zustand denken konnte, wenn er seinen Kopf wieder haben wollte.

Geister haben weniger Zeit als Menschen, obwohl das zunächst einmal absurd erscheinen mag, da sie nicht altern. Da sie aber (fast) überall erscheinen können und dies, mit einer gewissen Erfahrung, auch ohne weiteres an verschiedenen Orten gleichzeitig, und weil Zeit stets nur in Relation mit (einem) Raum wahrgenommen werden kann (was wäre eine halbe Stunde ohne den Zusatz “in der Badewanne”?) wird die Zeit für einen aktiven Geist, der überall sein will, irgendwann einmal knapp, und wenig später auch irgendwo.

Es ging nun darum, und nur darum, mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln (ein Geisterkörper mit einem Kopf, der irgendwo weiterdachte) die Suche nach dem verlorenen Kopf aufzunehmen, bevor sich dieser womöglich einem anderen Geist an den Hals geworfen hatte, dem sein Kopf abhanden gekommen war. Was ihm gerade widerfahren war, konnte ja auch anderen Geistern passieren. Oder war nur er so ungeschickt und dumm?

Es gab eigentlich nur eine Erklärung für das so blitzartige Verschwinden seines Kopfes. Jemand, ein anderer Geist, hatte den Kopf mitgenommen. Aber wozu? Ausser eben wenn er (oder sie, konnte es auch eine Sie sein?) den eigenen Kopf verloren hatte.

Hektor schaute sich um (wie er ohne Augen sehen konnte, war ihm ein weiteres Rätsel), ob einer der Geister seinen (seinen) Kopf auf dem Kragen oder unter dem Arm trug, aber er konnte sich nirgends sehen. Er versuchte zu erkennen, ob hie und da die Köpfe nicht auf die Hälse passten, denn vielleicht war das ja ein beliebtes Geisterspiel, von dem er nichts mitbekommen hatte, dass man einander die Köpfe entwendete. Aber nichts deutete darauf hin, dass ein Geist im Lokal war, der nicht seinen eigenen Kopf trug.

Hektor ging zurück zur Bar und fragte den Barmann (wie ein Bauchredner, der nicht befürchten muss, dass, sich sein Mund bewegt) ob in den letzten Minuten ein Geist das Lokal verlassen habe.

“Ein Geist oder ein Gast?” fragte der Barmann, von dem das Gerücht umging, er habe zu Lebzeiten einen Lehrstuhl für verschwundene mitteleuropäische Sprachen bekleidet (andere sagten, er sei ein eifacher Schneidergehilfe gewesen, Einigkeit bestand lediglich bezüglich seines verdorbenen Charakters), und Hektor stutzte für einen Augenblick, denn wer sich in den Spitzfindigkeiten des Barmanns verlor, kriegte nie mehr Antwort auf seine Frage. “Beides…” antwortete er dann. “Ist ein Geist oder ein Gast gerade gegangen, mit zwei Köpfen vielleicht?”

“Geister kommen, Gäste gehen, ich bin Barmann, nicht Hirte…” erwiderte der Barmann, “…und jetzt sag mir, was Du getrunken hättest, und mach Dich in den Staub.”

Hektor begriff, dass er mit dem Barmann nicht weiterkam. Er spielte einen kurzen Augenblick mit dem Gedanken, sich an die anderen Geister zu wenden, aber er konnte schon ihr Lachen hören, wenn er sie nach seinem Kopf fragen würde, ihr hohl klingendes, kaltes Lachen mit seinem Echo in anderen Räumen.

Sein Kopf war ganz offensichtlich nicht mehr in diesem Lokal, und wenn er ihn finden wollte, musste er ihn draussen suchen. Weit draussen womöglich. In einer Ferne, die selbst für bewegliche Geister weit weg war. Wie in aller Welt, und wo, sollte er seinen Kopf je wieder finden? Er hätte ihn jetzt wohl hängen lassen, aber da kam ihm ein Einfall zu Hilfe, ein Einfall, den ihm, so würde er es später erzählen, seinen Kindern vielleicht, wenn Geister Kinder haben, die frische Brise zutrug, die ihm entgegenwehte, als er ins Freie trat: der Titel!

Er hatte schon zu seinen Lebzeiten Titel immer sehr gemocht. Buchtitel. Untertitel. Zwischentitel. Vor allem die Zwischentitel. Bücher ohne Kapitelüberschriften waren schlecht lesbar. Mann kippte ja auch nicht Vorspeise, Hauptspeise und Nachspeise in einen Topf und nannte es Essen. Bücher mit schlechten Titeln waren ein Gräuel. Gute Titel waren die halbe Geschichte. Schlechte Titel verdarben die andere Hälfte.

Also ging Hektor zurück zum Titel, und wie hiess es da im Untertitel? „Wie Hektor seinen Kopf verlor und wieder fand.“ Und wieder fand! Er würde ihn also wiederfinden, seinen Kopf, spätestens am Ende der Geschichte. Wie gut das tat.

Und weil er schon an den Anfang der Geschichte zurückgekehrt war, las Hektor auch die erste Zeile noch einmal. „Hektor war noch nicht allzu lange ein Geist, als ihm die dumme Sache mit dem Hut passierte“, hiess es da.
Und da die Sache ihm eben erst passiert war, dachte Hektor, war er also noch nicht allzu lange ein Geist. Wie lange? Nur kurz? Wie kurz? Und wo (in der Zeit)?

War er überhaupt ein Geist? Konnte es sein, dass er die Sache mit dem Hut nur träumte und alles, was er tun musste, um seinen Kopf wieder zu finden, war aufwachen? Hatte er nicht gerade neulich geprahlt damit, dass es ihm regelmässig gelang, aus einem Traum aufzuwachen, wenn ihm dieser zu unangenehm oder zu bunt wurde? Dass er dann ganz einfach beschliessen könne: „Das reicht!“, und dann wachte er sogleich auf?

Wenn es so war, war es die Nacht auf den 10. August 2018, zu der er zurück musste, als er geträumte hatte, er sei ein Geist namens Hektor (stammte der Name aus dem Traum oder von dessen Niederschrift?), der seinen Kopf mit dem Hut auf die Hutablage legte, und alles andere hatte er später erfunden?

Der 10. August 2018 stand als Datum unter den ersten Aufzeichnungen dieses Textes. Das war also das einzige, was feststand: der 10. August 2018. Aber woher war dieser sonderbare Traum gekommen, wenn es denn einer war, und was war „alles andere“, was er dazu erfunden hatte? Wo war die Grenze zwischen Traum und Erfindung? Spielte sie überhaupt eine Rolle, wenn man die Wirklichkeit einmal aus den Augen verloren hatte? Und wie viel von dem, was er (oder Hektor) zwischen dem 10. August 2018 und dem heutigen Tag, fast ein Jahr später, erlebt zu haben glaubte, hatte er wirklich erlebt?

Hektor war müde. Ich war müde. Die Hunde waren müde (woher kamen plötzlich die Hunde?). Der Wind wurde stärker. Wir drehten uns um und gingen zurück ins Lokal.

Die meisten Geister waren inzwischen gegangen. Ich fragte den Barkeeper (Hektor fragte nie etwas, das musste immer ich tun) ob ich etwas Wasser für die Hunde haben könnte. Ich erwartete eine seiner dummen Gegenfragen, wie „Für die Hunde oder die Hände?“, aber er bückte sich unter die Theke und gab so den Blick auf den Spiegel frei, in dem ich meinen Kopf sah, unverkennbar auf meinem Hals.

Als er wieder hochkam, einen Napf mit Wasser für die Hunde in der Hand, war ich fort. Er blickte nach rechts und nach links, schüttelte den Kopf und goss das Wasser in den Ausguss.

***

NACHSPANN
(zu Bachs Cello Suite No.1 in G-dur, gespielt von Mischa Maisky)

Hektor heisst eigentlich Hector und ist tatsächlich ein Geist. Aufenthaltsort unbekannt. Zeit hat er immer noch einige, in beiden Richtungen.

Dem Barmann wurde noch vor Ende Jahr gekündigt. Er soll vergeblich versucht haben, seinen Lehrstuhl zurückzuerhalten.
,
Ich bin danach noch mehrmals aufgewacht, momentan meistens in eine Residenz in Wien.

Die Hunde sind nun ein Jahr alt. Wir haben viel Freude mit ihnen.

Lawinchen

24. März 2019

„Ich muss jetzt da runter“, sagte Lawinchen zu sich selbst und blickte grimmig talabwärts.
„Willst Du es Dir nicht noch einmal überlegen?“ hielt der Bannwald dagegen.
„Hier oben ist es doch am Schönsten. Und die paar mickrigen Hütten dort unten, die sind doch einer Lawine wie Dir gar nicht würdig…“
„Das haben wir doch alles schon hundertmal diskutiert“ antwortete Lawinchen mürrisch. „Meine Eltern finden, ich sei gross genug und die Zeit für den ersten Niedergang sei überreif. Ich muss jetzt wirklich da runter. Also mach Platz oder ich mach Dich platt!“
„Und was wird dann aus uns?“ riefen die Bäume des Bannwalds verängstigt. „Ist dir das völlig egal, was mit uns geschieht?“
„Klappe!“ fuhr ihnen der Bannwald über’s Maul. „Hier spricht nur einer mit Lawinchen, und das bin ich!“
„Alter Miesmacher…“ motzten die Bäume. „Despot!“, tönte es aus den unteren Reihen des Bannwalds. Und eine ganz kühne Föhre rief: „Macho!“.

“Platz da!“ rief Lawinchen, denn es hatte sich tatsächlich ein Herz gefasst und losgelassen. Mit viel Holterdipolter begann es, zu Tal zu donnern.
Die Bäume des Bannwalds reagierten sofort. Wie auf ein abgesprochenes Zeichen hin und ohne ein Kommando des Bannwalds abzuwarten (der ohnehin nur „Strammstehen!“ oder sonst so einen Scheiss gerufen hätte) legten sie sich alle talwärts flach an den Hang und hielten ihre Äste fest, als Lawinchen kreischend über sie hinweg schlitterte.
„Buaahhh…“ sagte die eine Föhre zur anderen, als sie sich wieder aufgerichtet hatten und Lawinchen nachschauten, wie es mit viel Getöse zu Tal ging. „…jetzt will sie es aber wissen…“
Lawinchen hatte tatsächlich bereits eine beachtliche Geschwindigkeit erreicht und zwei fiepende Murmeltiere mussten sich rasant in Sicherheit bringen, um nicht mitgerissen zu werden.
„Wenn sie so weiterrast, kriegt sie die Kurve nicht. Sie ist viel zu schnell…“
„Das wär dann aber echt blöd. Ich meine, wozu…“
„Ruhe im Baumbestand! Und stillgestanden“ schrie der Bannwald entnervt. Er musste irgendwie die verlorene Autorität wiedergewinnen.
„Heiissssaaaa!“ jauchzte Lawinchen und versuchte, die Kurve zum Dorf zu kriegen. Es verlagerte alles, was es nach dem Steilhang noch an Schnee und Eis zu bieten hatte, nach links. Ein klein wenig ging es dann auch gegen links, aber es reichte bei Weitem nicht. Seine Geschwindigkeit war noch viel zu gross, um die Richtung entscheidend zu ändern. Anstatt auf das Dorf zuzudonnern, wie es sich gehört hätte, fegte Lawinchen im Affentempo den gegenüberliegenden Hang hoch.
„Hab ich es gesagt oder nicht?“ flüsterte die eine Föhre zur andern. „Viel zu schnell.“

Die Verwunderung am Gegenhang war gross, als Lawinchen hangaufwärts rutschte.
„Heeeh!“ rief der Lerchenwald, als er von hinten zu Boden gedrückt wurde. „Was soll das?“
Und ein Schwarzbeerstrauch motzte Lawinchen frech an, obwohl es ihn kaum gestreift hatte: „Bist Du völlig übergeschnappt? Lawinen gehen runter, nicht hoch. Hat Dir das keiner gesagt?“

„Tut mir leid…“, rief Lawinchen, und schaute über seine stiebende Schulter nach hinten. „Hab ich Dir weh getan?“
Aber das hätte es lieber nicht getan, nach hinten geschaut. Mutter hatte es ihm hundertmal gesagt. „Wenn Du niedergehst – nach vorne schauen. Immer nach vorne schauen. Nie zurück blicken. Auf das was vor dir steht kommt es an – nicht auf das, was hinter Dir liegt.“
Aber dieser gutgemeinte Ratschlag war umsonst. Der Schwarzbeerstrauch machte Lawinchen eine lange Nase und als es wieder nach vorne schaute, stand eine verwitterte alte Föhre mit ausgestreckten Ästen vor ihm und rief „Haaaalt! Baumgrenze!“
Lawinchen hatte nicht mehr allzuviel Tempo drauf, aber es war immer noch zu schnell und die alte Föhre schon zu nahe. Der Aufprall war nicht mehr zu vermeiden.
„Au Backe!“ Flüsterte eine Föhre an Lawinchens altem Hang zu ihrer Nachbarin. „Sie hat den alten Grenzwächter umgerannt… das wird Ärger geben.“

„Himmel, Arsch und Wolkenbruch…“ fluchte die alte Grenzwächterföhre, als sie ihren Kopf freikriegte und sich die Bescherung anschaute. Lawinchen hing als kleines, kümmerliches Häufchen schmutzigen Schnees an der Baumgrenze und schluchzte leise vor sich hin.

„Was hast Du Dir dabei gedacht? Hä? Man furzt doch nicht einen Hang runter wie wild und dann den gegenübeliegenden Hang wieder hoch als ob alles bloss ein Spass wäre.“

Lawinchen konnte noch nicht sprechen. Es fühlte sich schrecklich und das Schmelzwasser lief ihm aus den geschlossenen Augen.
„Eine schöne Bescherung hast Du da angerichtet. Mannomann.“

Lawinchen wäre am liebsten auf der Stelle weggeschmolzen. Ich bin die Schande der Bergwelt, dachte es verzweifelt. Eine völlig missratene Katastrophe. Ich bleib jetzt hier liegen und mach nie mehr die Augen auf.

Die Grenzwächterföhre schüttelte ihre Äste frei. „So etwas ist mir in 35 Jahren Grenzwacht noch nie vorgekommen. Eine Lawine, die hangaufwärts geht. So etwas saublödes, also wirklich.“

Lawinchen schluchzte noch mehr. Es wäre jetzt gerne an seinem alten Hang gewesen und hätte sich unter den Ausläufern seiner Mutter versteckt.

„Lawiiiiinchen! Bist Du OK?“ rief eine der jungen Föhren vom Bannwald gegenüber. „Sag doch was!“
„Ruhe im Glied!“ fauchte der Bannwald.

Lawinchen hätte gerne geantwortet, aber es traute sich nicht. Zu gross war die Angst vor der Grenzwächterföhre, die immer noch vor sich hinfluchte. „…vielleicht bin ich einfach zu alt für diesen Job. Ich sollte mich verdorren lassen.“

„Kann ich auch mal was sagen?“ tönte es hölzern unter Lawinchen hervor.

„Wie bitte?“ raunte die Grenzwächterföhre. „Wer spricht da?“
„Hier bin ich. Links von Dir. Wenn Du mal diesen Ast hier etwas anheben könntest…“
„Nicht, das kitzelt…“ Die Grenzwächterföhre hob einen ihrer alten Äste hoch. Als der Schnee runterfiel, kam ein Wegweiser zum Vorschein, auf dem „Schrums – 10 Min.“ stand.
„Danke“. Sagte der Wegweiser, und atmete tief durch. „Wow, das hat echt Spass gemacht.“
„Spass? Spinnst Du?“ fragte die Grenzwächterföhre zurück.
„Nein, ich meine es ernst. Schau mal, ich stehe seit Jahren da unten an der Wegkreuzung und weise den Weg nach Schrums, den ja eh alle kennen, die hier vorbeikommen, weil die, die ihn nicht kennen, hier gar nicht vorbeikommen. Nie passiert etwas. Etwas Aufregendes schon gar nicht. Und ich werde älter und verwittere und es ist dermassen langweilig. Heute ist endlich mal die Post abgegangen. Und wie. Das war einfach megageil.“
Die alte Grenzwächterföhre schüttelte nur den Kopf.
„Auf diese Art Aufregeung hätte ich verzichten können.“
„Du vielleicht. Ich fand es toll.“

„Findest Du das wirklich?“ fragte Lawinchen mit einem leisen Stimmchen. Es hatte zugehört und ein Auge halb geöffnet.
„Find ich echt, ja. Würd ich sonst nicht sagen. War ’ne tolle Leistung. Gratuliere.“
„Und Du machst Dich auch nicht lustig über mich?“
„Aber woher. Ich fand Dich mitreissend. Und wenn ich das finde, dann will das was heissen. Ich weiss, wo’s langgeht, glaub mir.“

Lawinchen machte langsam beide Augen auf. Es blinzelte in die Sonne und schaute sich an, was es angerichtet hatte. Die Grenzwächterföhre rieb sich noch immer missmutig den knorrigen Stamm, hatte sich aber wieder eingermassen beruhigt.
Der Hang, an dem Lawinchen nun hing, hatte sein Kommen relativ gut überstanden. Es war zwar noch mit beachtlicher Geschwindigkeit den Hang hochgesaust, aber seine Masse war bereits so klein gewesen, dass es nicht mehr viel Schaden angerichtet hatte. An seinem Heimathang war eine frischgezogene Schneise zu sehen. Die Mehrheit der Bäume hatte sich aber rechtzeitig geduckt und stand bereits wieder fröhlich im Wind. Alles in allem war der Flurschaden gering.

„Was hast Du jetzt vor?“ fragte der Wegweiser. „Gleich nochmal runter oder erst ein wenig ausruhen?“
„Ich weiss nicht.“ antwortete Lawinchen. „Ich weiss echt nicht, was ich als nächstes tun werde.“

„Auch gut. Dann bleiben wir ein Weilchen hier. Gefällt mir hier oben. Wollte schon immer mal die Baumgrenze aus der Nähe sehen. Sag mir einfach Bescheid, wenn es losgeht, ja? Vielleicht vermisst mich ja auch jemand und sie kommen mich suchen. Oder jemand benutzt mich als Brennholz. Was weiss ich. Wir werden ja sehen…“ Der Wegweiser plauderte munter weiter, aber Lawinchen hörte ihm nur noch mit einem Ohr zu. Mit dem anderen horchte es in sich hinein. Eine zufriedene Stille erfüllte es.

Melonenschatten

24. März 2019

B0003768

Mein Tod versucht’s in Ankara

23. März 2019

Ich hatte an diesem Tag lange gearbeitet. Sehr lange. Als ich endlich die Bürotür öffnete, stand der Tod vor mir. Kein Sensenmann wie im Kino. Ein Mann im dunklen Anzug, zwischen 30 und 40, soweit ich das im fahlen Restlicht des Flurs sehen konnte, sein Gesicht im Schatten, da ich das Licht in meinem Büro bereits gelöscht hatte.

Warum ich gleich wusste, dass es der Tod war und nicht ein Kollege, der ebenfalls länger geblieben war, oder ein Einbrecher, ein Terrorist? Es war der Tod. Man spürt das, wenn er vor einem steht.

Warum gerade jetzt? fragte ich ihn. Und warum holst Du mich im Büro ab und nicht zuhause im Bett, wenn ich schlafe zum Beispiel?

Weil Du die meiste Zeit Deines Lebens hier warst, antwortete er. Hier oder in einem anderen Büro. Und jetzt schliess die Türe ab, wir müssen gehen.

Er hatte eine angenehme Stimme. Ein wenig hell für den Tod vielleicht, aber angenehm. Eine Stimme wie ein Filmvater, der seinem Kind beim Schlafengehen etwas vorliest.
Liest Du mir noch etwas vor? fragte ich ihn, während ich die Türe hinter mir mit einem seltsamen Gefühl abschloss. War das jetzt wirklich das letzte Mal, dass ich diese Türe schliessen würde? Und sollte ich sie überhaupt noch schliessen? Hatte ich den Computer heruntergefahren?

Kann ich nochmal ganz kurz rein? fragte ich ihn. Ich bin mir nicht sicher, ob ich den Computer heruntergefahren habe…

Er legte mir die Hand auf die Schulter und im Halbdunkel bildete ich mir ein, dass ein Lächeln über sein Gesicht gehuscht war. Das ist nicht mehr wichtig, sagte er. Aber wenn es Dich beruhigt: Du hast ihn heruntergefahren. Auch den Bildschirm hast Du ausgemacht, wie Du es immer getan hast, und die externen Lautsprecher. Die Kerzen auf dem Adventskranz sind auch gelöscht, die Fenster sind zu. Alles in Ordnung also.         Wir können gehen.

Kann ich meiner Assistentin noch eine Notiz hinterlassen?. Es ist wegen einer Sitzung morgen… Es geht um ein Projekt, das ich geleitet habe. Die wissen sonst nicht, wie weitermachen. Es ist alles auf meinem Computer. Die kennen mein Passwort nicht. Kann ich es auf ein Post-it schreiben und es auf ihren Bildschirm kleben?

Nein, sagte der Tod. Dein Projekt ist nicht mehr wichtig. Sie werden ein neues beginnen. Komm jetzt.

Er ging voraus in Richtung Ausgang. Ich folgte ihm, wobei ich nur meine Schritte auf dem Marmorboden hören konnte. Als wir bei der Treppe angelangt waren, warnte ich ihn: Vorsicht, der Marmor ist hier sehr glatt. Man kann auf dieser Treppe leicht hinfallen (und sich den Hals brechen, dachte ich, vielleicht bricht er sich ja den Hals und ich bin noch einmal davongekommen…) und es hat einen losen Tritt.

Das war wirklich gefährlich. Ich wollte es immer mal dem Hauswart melden, er solle den losen Tritt endlich reparieren. Und es müsste doch möglich sein, Sensoren anzubringen, die das Licht anmachten, wenn man…

Zerbrich Dir den Kopf nicht, sagte der Tod. Es lohnt sich nicht. Die werden etwas unternehmen, wenn erst einmal einer richtig hinfällt. Und es wird einer richtig hinfallen. Schon bald.

Wer? Wer wird hinfallen?

Das musst Du nicht mehr wissen.

Gesichter aus meiner Belegschaft gingen mir durch den Kopf. Ich wünschte es keinem. Ich war froh, dass ich nicht entscheiden musste, wen es treffen würde. Ich würde überhaupt nichts mehr entscheiden müssen.

Er ging die paar Tritte hinunter und hielt mir die Schleusentüre auf. Danke, sagte ich.
Geh schon mal durch, ich muss die Innentüre mit dem Schlüssel schliessen.

Er trat durch die Aussentüre ins Freie und als ich mich zu ihm umdrehte, sah ich im Schein der Aussenlampe sein Gesicht. Es war ein sympathisches, gleichmässiges Gesicht, weder zu rund noch zu oval, mit einer mittelgrossen, geraden Nase. Seine Augen waren blau. Blau oder grau. Er war glattrasiert.

Das ist eine schöne Krawatte, hörte ich mich sagen. Wo kriegt man die?

Hast Du Angst? fragte er. Du musst keine Angst mehr haben.

Wohin gehen wir? fragte ich.

Nachhause, antwortete er.

Ich wohne gleich hier, neben der Botschaft. Das ist praktisch, weil der Arbeitsweg wegfällt, ich kann buchstäblich einmal hinfallen und ich bin im Büro und wieder zuhause. Die Kehrseite ist, dass es viel schwieriger ist, abzuschalten. In Riga zum Beispiel hatte ich eine halbe Stunde Fahrzeit vom Büro bis ich zuhause war. Ich hörte Musik, hing meinen Gedanken nach, freute mich auf den Feierabend. Warst Du schon einmal in Riga?

Keine Reaktion.

Mit «nachhause» meinst Du gar nicht mein Zuhause, nicht wahr?

Nein, sagte der Tod. Und ja, ich war schon in Riga. Ich war schon fast überall, wie Du Dir vielleicht vorstellen kannst.

Natürlich. Wie dumm von mir.

Wir hatten unterdessen den kleinen Vorplatz überquert und unter meinen Füssen knirschte der harte Schnee, der letzte Nacht gefallen war. Wenn ich tot sein soll, warum höre ich dann meine Schritte auf dem Schnee?, dachte ich.

Weil Du noch unterwegs bist, sagte der Tod.

Kannte er meine Gedanken?

Können wir noch kurz rein ins Haus? Kann ich mich verabschieden? Nur ganz kurz.       Es dauert nicht lange.

Kurz ist zu lange. Es tut mir leid, Walter. Du hast keine Zeit mehr.

Haben wir es wirklich so eilig? Du hast doch gerade gesagt, ich sei noch unterwegs.   Spielt es eine Rolle, ob ich zehn Minuten früher oder später tot bin? Oder habt ihr knappe Check-in Zeiten wie in einem schlechten Hotel?

Er stand vor mir und schaute mich nur an. Ich konnte keinen Ärger in seinem Gesicht erkennen, weil ich mit ihm haderte, keinen Spott, weil ich mit ihm um Minuten feilschen wollte, kein Mitleid, weil mein Scherz flau war, nicht einmal Gleichgültigkeit. Er schaute mich einfach nur an, und ich dachte, er ist so jung, er könnte mein Sohn sein.

Wolltest Du immer schon Tod werden?

Komm jetzt, sagte er, und zog mich am Arm fort vom Dienstboteneingang, zu dem ich uns manövriert hatte, den ich jeden Tag viermal benutzt hatte.

Ich blickte hoch zur Fensterfront. Da war noch Licht in der Küche. Natürlich. Der Koch bereitete das Essen für den Neujahrsempfang des Personals vor.

Wohin gehen wir genau? Zu einer Art Abschussrampe oder zur Haltestelle für den Sphärenbus?

Wir machen einen Spaziergang, sagte der Tod.

Ich mag Spaziergänge, sagte ich. Ich nehme mir immer vor, viel öfter spazieren zu gehen. Spazieren ist gesund. Gesünder als dieses idiotische Joggen, bei dem man sich die Gelenke ruiniert. Nur ist Ankara leider keine Stadt für Spaziergänger. Das wirst Du gleich selber erleben. Auch keine Stadt für Fahrräder. Berlin ist eine Stadt für Fahrräder. Flach, überall Fahrradstreifen. Herrlich. Ich bin da oft mit dem Fahrrad zur Arbeit gefahren. Die wussten ja nicht, wie lange sie noch eingeschlossen sein würden, also brauchten sie Grünflächen um im Notfall…

Sechsmal.

Wie bitte?

Ganze sechsmal bist Du mit dem Fahrrad zur Arbeit gefahren in Deinen drei Jahren in Berlin.

Führt ihr Buch über solche Dinge?

Nicht systematisch. Aber ich habe Dich beobachtet damals. Du warst früher geplant.

Scheisse… ihr wolltet mich schon damals…?

Reg Dich nicht auf. Wir haben Dich ja noch sieben Jahre leben lassen.

Und wieso bin ich jetzt an der Reihe? Ich habe ein wenig Übergewicht und mein Blutdruck ist ein Bisschen zu hoch. Aber daran stirbt man nicht. Was soll die Todesursache sein? Was habt ihr euch ausgedacht?

Das kann ich Dir nicht sagen.

Wie bitte?

Ich kann Dir nicht sagen, woran Du gestorben bist.

Ich möchte es aber wissen. Ich habe ein Recht darauf, denke ich. Es ist mein Tod.

Ist es nicht.

Wie bitte…?

Dein Tod gehört Dir nicht. Die anderen haben Deinen Tod. Wie Du den Tod Deiner Eltern hattest. Verstehst Du das? Keiner hat seinen Tod. Tod ist loslassen. Alles. Auch den eigenen Tod.

Ach leck mich doch! Ich streifte seine Hand von meinem Arm, was erstaunlich leicht ging, und rannte in Richtung Haus zurück. Jedenfalls wollte ich das. Ich wusste genau, wie man rennt, und ich rannte auch, langsam zwar, weil ich schon ein paar Jahre lang kaum mehr Muskeln hatte, die zu viel mehr als zum Stehen taugten, und völlig untrainiert war, aber ich rannte.

Nur kam ich irgendwie nicht vorwärts, nur ins Atmen, und das Ganze muss absolut lächerlich ausgesehen haben. Einer, der in Zeitlupe rennt und dabei keine Luft kriegt. Zum Glück hat das ausser ihm keiner gesehen.

Ich sah das Haus, die beleuchtete Fensterfront mit der grossen Küche, wo der Koch vermutlich gerade wieder einmal die Spätzli versalzte, und ich hörte meine Schuhe auf der Schneekruste knirschen, aber ich kam verdammt nochmal nicht vom Fleck, obwohl ich nicht mehr am selben Ort stand, als ich es aufgab, davonzurennen.

Was soll das? fragte er mich. Du weisst doch, dass das nicht geht.

Fünf Minuten! – schrie ich ihn an. Beschissene fünf Minuten! Ist das zu viel verlangt?
Eine Minute, um den Koch in den Hintern zu treten, und vier, um mich zu verabschieden. Mehr verlange ich nicht. Sei jetzt kein Spielverderber. Ich bin tot, Du hast gewonnen, also gönn mir diesen kurzen Moment, diese minimale Overtime.                Jeder tätowierte Fussballspieler, der während dem Spiel gefoult wurde und gepflegt werden musste, kriegt Nachspielzeit. Sogar wenn er nur simuliert hatte. Sogar der, der ihn gefoult hatte, kriegt Nachspielzeit. Was habe ich getan, dass sie mir verweigert wird? Magst Du keinen Sport? Habt ihr die Regeln geändert? Ist Sepp Blatter gestorben?

Es würde Dir nichts bringen, Dich zu verabschieden. Dir nicht und Deiner Frau schon gar nicht. Es würde alles nur viel schlimmer machen. Ihr wollt den Tod noch immer nicht akzeptieren. Obwohl jeder Mensch, der je gelebt hat, gestorben ist.                    Glaube mir: Es ist am besten für euch, wenn man euch einfach aus dem Spiel nimmt. Ohne Vorwarnung. Auch wenn ihr den Handschlag verweigert.

Im Prinzip hatte er Recht. Aber hier ging es um mich.

Und wenn ich auf den Spaziergang verzichte, reicht es dann für eine Verabschiedung?

Nein.

Man kann in Ankara wirklich nicht spazieren. Wir haben das mehrmals versucht, meine Frau und ich. Die einzige Möglichkeit, einmal abgesehen von der kleinen Altstadt, um einen einigermassen schönen Spaziergang zu machen, ist zu diesem See zu fahren, ich kann mir den Namen nie merken, und ihn einmal zu Fuss zu umrunden. Mit dem Auto ist man in einer halben Stunde da. Soll ich den Schlüssel holen?

Wir spazieren hier, sagte der Tod. Keine Autofahrten mehr. Du bist nachts praktisch blind und ich kann nicht fahren.

Kannst Du nicht oder darfst Du nicht? Hat man Dir den Ausweis weggenommen?
Komm jetzt.

Er führte mich die Treppe runter, an der Botschaft vorbei und zur hinteren Gartentüre, wo wir erst neulich eine Personenschleuse eingebaut hatten. Wenn man raus wollte, musste man einen Knopf drücken und die Wächter oben beim Haupttor sahen dann auf ihrem Bildschirm, wer raus wollte, und bedienten die Schleuse. Vielleicht war das meine Chance. Ich drückte den Knopf und nach wenigen Sekunden erschien Eyüp auf dem kleinen Bildschirm.

Guten Abend, Eyüp bey, yak shamlar, sagte ich. Ich bin es (wie sinnvoll…).

Guten Abend Herr Botschafter, sagte Eyüp.

Ich muss nochmal raus, sagte ich. Können Sie meiner Frau sagen, ich…

Der Tod legte seine Hand auf meine Schulter und zog mich von der Kamera weg.

Ist alles in Ordnung? hörte ich Eyüp bey fragen.

Nein, ich werde entführt, rief ich, und gestikulierte in Richtung Tod.

Na dann wünsche ich einen schönen Abend, sagte Eyüp, und öffnete die Schleuse.

Hatte er mich nicht verstanden?

Auf der Strasse angekommen, ging der Tod nach rechts, die Strasse hoch.

Darf ich wissen, wo wir hingehen? Starbucks ist in der anderen Richtung.

In ein Restaurant, in dem Du ganz zu Beginn Deines Einsatzes hier einmal warst.

Und was machen wir dort?

Was man in einem Restaurant normalerweise macht, etwas trinken, vielleicht etwas Kleines essen.

Ich habe zwar keinen Hunger, aber OK, wenn ihr das so macht. Nur muss ich Dich warnen. Ich muss unmittelbar nach dem Essen zur Toilette, das funktioniert bei mir so, und ich gehe nur zuhause richtig auf die Toilette, verstehst Du? (ich hatte ihn!)

Das wird nicht nötig sein. Dieses Essen wirst Du nicht mehr verdauen.

Das Restaurant war mehr eine Bar, in der meine Frau und ich tatsächlich in den ersten Wochen in Ankara einmal einen Kaffee getrunken hatte. Absurd, dass das mein letzter Ort sein sollte. Und überhaupt, wozu das ganze Theater mit Spaziergang und letztem Essen?

Ich muss mal, sagte ich, gleich nachdem wir uns an einen Ecktisch gesetzt hatten.

Natürlich kam er mit. Er stellte sich neben mich und tat so, als würde er auch pinkeln.

Ein anderer Gast kam rein und stellte sich neben ihn.

Neben mir ist frei, sagte ich zu ihm, denn ich war mir sicher, dass er meinen Tod nicht sehen konnte. Aber er verstand kein Deutsch und schaute mich nur komisch an.

Zurück am Tisch kam die Kellnerin und fragte mich, was ich möchte.

Ich bestellte einen doppelten Espresso, einen gemischten Salat und ein Tuna-Sandwich.
Der Tod machte mir unter dem Tisch mit dem Fuss ein Zeichen.
…und noch ein Mineralwasser und ein Kebab, bitte.

Als die Kellnerin zurück zum Tresen ging, schaute ich ihr kurz nach. Na ja, es war das letzte Mal. Als ich meinen Blick wieder auf den Tod richtete, sah ich, das er ihr auch nachgeschaut hatte.

Nu, gefällt sie Dir? Wie wär´s wenn Du sie anstatt mich…

Er nahm einen Schluck von seinem Mineralwasser.
Wen möchtest Du zuerst treffen: Kurt Marti oder Leonard Nimroy?

Wie bitte?

Wen Du zuerst treffen möchtest, wenn Du drüben bist. Wir müssen das ja planen.       Wir wissen, wen Du alles treffen wirst, aber Du darfst bestimmen, mit wem Du beginnst. Du musst nicht, Du kannst. Wenn Du nichts sagst, triffst Du womöglich zuerst eine Unmenge von Menschen, die Dir im Leben nur wenig oder gar nichts bedeutet haben. Vielleicht sogar eine Reihe von Leuten, die Dir auf den Wecker gegangen sind.

Moment mal. Heisst das, ich treffe alle Menschen wieder, denen ich hier unten begegnet bin? Sagt man überhaupt hier unten? Meinen Physiklehrer, den Kameraden, der mir beim Fussball die Schaufelzähne rausgeschlagen hat? Und in ein paar Jahrzehnten auch die hübsche Serviertochter und den Mann, der gerade neben uns gepinkelt hat?        Mach mich nicht schwach. Wieso sterben wir, wenn wir alle wieder treffen?

Du triffst nicht alle wieder. Du triffst alle Toten, die im Leben wichtig für Dich waren, und zur Auflockerung eine gewisse Anzahl von Menschen, denen Du nur flüchtig begegnet oder an denen Du achtlos vorbeigegangen bist.

Unglaublich. Ihr seid wirklich unglaublich. Aber weisst Du was? Ich beginne mit Leonard Nimroy. Ich war zwar kein grosser Star Treck Fan, aber Mr. Spock ist ein guter Start.      Er ist erst neulich gestorben, nicht wahr? Wie alt ist er geworden? 86? 87?

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Aha. Und wie geht es ihm? Trägt er noch seine Vulkanierohren? Hat er Scotty schon gefragt, ob er ihn wieder runterbeamen könnte?

Das Leben ist wie ein Garten. Perfekte Momente sind möglich, aber sie können nicht bewahrt werden, ausser im Gedächtnis.

Was ist das jetzt? Euer Motto? Steht das über dem Eingang?

Das hat Nimroy getwittert, wenige Tage bevor wir ihn geholt haben.

Ich fass es nicht – ihr folgt den Promis auf Twitter? Seid ihr auch auf Instagram und YouTube? Hast Du die Füchse nachts auf dem Trampolin gesehen? Und den Hund, der Tonleitern furzen kann?

Und wen willst Du nach Nimroy sehen?

Das muss ich mir überlegen. Hat man Zeit zum Überlegen bei euch? Habt ihr überhaupt Zeit da oben? Vielleicht Kurt Marti. Ich hab mal ein Treffen organisiert für ihn. Bei einem Staatsbesuch in der Schweiz. Ich habe ihn in Mitten all der hochoffiziellen Treffen eine halbe Stunde mit Václav Havel in einem Zimmer eingeschlossen, damit sich die beiden von Schriftsteller zu Schriftsteller unterhalten konnten. Havel ist auch schon bei euch, nicht wahr? Treffen sich die beiden ab und zu? In einer Schriftstellerkneipe? Kann ich da auch hingehen?

Martis Leichenreden gehört zu meinen Lieblingsbüchern. Oder muss ich jetzt sagen gehörte? Gibt es Bücher bei euch? Wahrscheinlich ja nicht. Aber ich lass mir das nicht nehmen. Ich kann sehr vieles auswendig, weisst Du. Nicht nur Gedichte. Und mein Gedächtnis werdet ihr mir ja wohl lassen. Oder?

Mein Gott! Herr Botschafter…!

Das würde ja keinen Sinn machen, dass wir alle wiedersehen, aber wir erkennen sie nicht mehr… was würde das für einen Sinn ergeben?

Herr Botschafter… wachen Sie auf!

… oder macht nichts mehr Sinn bei euch? … ist das nur etwas für hier?

Wachen Sie auf, um Gottes Willen!

…ich will nicht aufwachen. Es reicht doch, dass ich tot bin. Es reicht völlig. Und nimm Deine Hände aus meinem Gesicht.

Sie sind nicht tot. Sie sind hingefallen.

Ich öffnete die Augen und sah ins schnauzbärtige Gesicht von Ahmed, dem Wächter, den meine Frau Mustafa nannte.

Ahmed…?

Sie sind hingefallen, Herr Botschafter. Ihre Frau hat uns alarmiert, weil sie nicht nachhause gekommen sind. Haben Sie sie sich weh getan?

Ich richtete mich auf und sah, dass ich im Korridor vor meiner Bürotür war.

Nein, im Gegenteil, Mustafa, ganz im Gegenteil. Es geht mir ganz wunderbar.

Er half mir hoch. Ich wischte meine Kleider ab, obwohl es nichts abzuwischen galt.

Vielen Dank, Mustafa. Vielen, lieben Dank, çok teşekkürler!

Bitte rufen Sie meine Frau an und sagen Sie ihr, ich sei gleich zuhause. In zwei Minuten. Aber sagen Sie ihr nicht, dass ich hingefallen bin.

Und sagen Sie Engin morgen, er soll unverzüglich den losen Tritt bei der Eingangstür reparieren. Da bricht sich sonst noch jemand den Hals.

Schlafskizze

16. März 2019

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Abgerissene Aufhänger

15. März 2019

“Er hat ein wenig abgegeben”, sagte der Mann, der seit Beginn der Zugfahrt über ein Sprechset mit seiner Mutter sprach, während er an seinem Laptop herumspielte. Er sass mir schräg gegenüber und war, wie man aus seinem Dialekt und der Tageszeit kombinieren konnte, unterwegs nachhause in die Ostschweiz. Er würde bis zur Endstation des Intercity Zugs auf seinem Sitz sitzen bleiben und vielleicht ab Bahnhof Romanshorn einen Regionalbus nehmen. Gut möglich, dachte ich, dass er bis zur Station Zürich Flughafen, wo ich ihm entkommen werde, mit seiner Mutter spricht.

Ich wusste natürlich nicht, ob am anderen Ende wirklich seine Mutter war. Es tönte für mich einfach so. Aber wer hatte abgegeben? Und was meint man eigentlich, wenn man von jemandem sagt, er habe abgegeben? Ich weiss natürlich, was man landläufig damit meint. Ich habe das vielleicht auch schon das eine oder andere Mal über einen älteren Menschen gesagt. Er oder sie habe abgegeben. Aber heute ärgert mich der Ausdruck. Er kommt mir ausgesprochen dumm vor.

Warum früher nicht? Warum erst heute? Habe ich nun selber Angst davor, abzugeben? Habe ich vielleicht sogar schon mit Abgeben begonnen? Ich mag mich nicht erinnern, schon einmal gehört zu haben, wie jemand zu jemandem sagt: “Ich glaube, ich habe in letzter Zeit ein wenig abgegeben”. Merkt man es, wenn man abgibt?

“Seine Schwestern sterben gerade”, sagte der Mann. Und nach einer kurzen Pause:
“Nein – SEINE Schwestern…”
Vielleicht war es doch nicht seine Mutter. Seine Mutter hätte nicht nachfragen müssen.

Von wem auch immer die Rede war im Zugabteil zwischen Bern und Aarau: Ich empfand Mitleid für ihn. Nicht wahnsinnig tief empfunden, ich kannte ihn ja nur vom Hörensagen, aber doch Mitleid. Er hatte offenbar zuletzt abgegeben und jetzt starben ihm auch noch seine Schwestern weg. Nicht eine, seine. Das war etwas viel.
(Hatten sie vorher abgegeben? Gingen sie voll bepackt? Und warum gleich alle zusammen?)

Dann war das Gespräch plötzlich zu Ende. Er müsse noch ein wenig arbeiten, sagte der Mann mit dem Sprechset, verabschiedete sich und begann wieder in seinen Laptop zu tippen. Woraus seine Arbeit bestand, wurde wenig später klar, als er mit jemandem aus seiner Firma sprach, der entweder noch im Büro oder gerade in einem anderen Zug sass. Es ging um eine Offerte, aus der man einen Teil, so schlug es der Mann jedenfalls seinem Gesprächspartner vor, weglassen sollte, weil man das besser separat offeriere. Das machte absolut Sinn, obwohl ich nicht wusste, wer ihm gegenüber sass.

Es war zum Glück ein kurzes Gespräch. Und seine Mutter rief auch nicht zurück. So verlief der Rest der Zugfahrt wohltuend ruhig. Auf den Wiesen lag noch ein wenig Schnee und aus meinem Rucksack roch es angenehm nach Kaffee. Wahrscheinlich hatte ich einen der Kaffeebeutel, die ich hastig im Rucksack verstaut hatte, um den Zug nicht zu verpassen, beschädigt.

Dass man mich nicht missverstehe: ich habe mich nicht geärgert über den Mann. Jedenfalls nicht sehr. Er hatte das Recht, mir gegenüber zu sitzen und Gespräche zu führen. Es war kein Ruhewagen. Und er war mir auch nicht unsympathisch, wie er vom ersten Konzert seines Kindes in der Schule erzählte. Er ist sicher ein guter Ehemann und Vater. Ich wünsche ihm, dass es noch lange dauert, bis er selber abzugeben beginnt. Und falls er Schwestern hat, wünsche ich ihnen ein langes Leben, damit sie ihn überleben und ihm nicht irgendwann wegsterben. Ich stelle mir das einfacher vor für ihn.

Bestimmt dachte er, ich sei ein Idiot. Und ich kann es ihm nicht einmal verübeln. Wer in ein Zugabteil tritt, seinen teuren Mantel an der Aussenwand seines Sitzes aufhängt, ihn noch sorgfältig zur Seite schiebt, nur um sich dann doch draufzusetzen und – ratsch – den Aufhänger abzureissen, ist tatsächlich ein Idiot, ein gut gekleideter zwar, aber eindeutig ein Idiot.

Und so etwas passierte mir ja bei Weitem nicht zum ersten Mal. Wenn ich darüber Buch geführt hätte, über das Abreissen meiner Aufhänger, würde ich schätzen, dass es mir so oder ähnlich schon mindestens zehn mal passiert ist. Das heisst im Schnitt einmal alle sechs Jahre. Und das ist wahrscheinlich konservativ geschätzt.

Schon sehr bald wird man solche Dinge nicht mehr schätzen oder hochrechnen müssen. Überwachungskameras werden den öffentlichen Raum, also auch das Innere von Zügen, obwohl dort zunehmend private Gespräche geführt werden, lückenlos erfassen und wegen dem Datenschutz wird man seine eigenen Bilder und Filme, dank Gesichtserkennung aussortiert, abrufen können.

Nicht nur die Bahn wird dann jederzeit darüber Auskunft geben können, wie viele Idioten sich an einem Tag oder in einer Woche den Aufhänger ihrer Mäntel und Jacken abgerissen haben, auch wir Idioten wären imstande, unsere eigene Tölpel-Statistik abzurufen und die Einzelfälle mit Freunden und Verwandten zu teilen. Schau mal – hier schütte ich mir zum vierten Mal diese Woche den Kaffee auf das Hemd. Das war, als ich unterwegs war zum Ministertreffen. Und natürlich hatte ich kein zweites Hemd dabei. Was haben wir gelacht.

Ich glaube, das Geheimnis, wenn es ein Geheimnis gibt, ist, nicht aufzuhören, über sich selber zu lachen. Auch wenn man älter wird und dadurch noch ungeschickter, als man es ohnehin war. Auch wenn man vielleicht schon damit begonnen hat, abzugeben, und es möglicherweise sogar merkt. Die Fähigkeit, über sich zu lachen, sollte man erst ganz zuletzt abgeben.

Vielleicht kann man nicht immer sofort lachen. Wenn es den Film schon geben würde, wie ich mir den Aufhänger abgerissen habe auf dieser Zugfahrt, und wenn der Film auch Ton haben würde, könnte man hören, wie ich leise fluche. Aber kurz darauf, noch bevor ich von den sterbenden Schwestern erfuhr, konnte ich bereits darüber lachen.

Darüber, wie ich mich wie ein Idiot aufführe. Über die oft tölpelhafte Rolle, die ich in meinem Leben spiele. Ich stamme in direkter Linie von Tölpeln ab. Vom Grossvater über meinen Vater, die zudem noch den gleichen Vornamen trugen wie ich. Nur meine jüngste Tochter, der ich das Tölpel-Gen vererbt habe, heisst nicht Walter.

Habe ich erwähnt, dass der Mann, der mit seiner Mutter sprach, nicht nach Romanshorn fuhr, sondern tatsächlich vor mir aus dem Zug gestiegen ist?

Hunde spazieren von Wien über Boston nach Salt Lake City

13. Oktober 2018

(ein Plädoyer für eine Sozialgeschichte des Gehsteigs)

Seit wir zwei junge Hunde haben, bin ich wieder öfter im Freien, obwohl die Kleinen noch nicht wirklich Gassi gehen wollen. Sie jagen einander lieber in horrendem Tempo durch Wohnung und Garten, bis sie völlig geschafft sind und mal schnell vier Stunden schlafen müssen. Am liebsten mit dem Kopf auf einem Schuh oder in einer Sandale meiner Frau.

Das gleiche (sich jagen) machen sie auch in den Strassen und Gassen von Wien, auf den Plätzen, Gehsteigen und in den Stadtgärten, wenn sie nicht gerade herumschnüffeln und alles in den Mund nehmen, was herumliegt. Gib aus!

Wenn ich dann stehe und warte, bis das Schnüffeln kurz unterbrochen wird, oder bis sich der purzelnde Knäuel wieder entwirrt und zu zwei Hunden wird, fällt mir vieles auf, was ich vorher im raschen Vorübergehen höchstens gesehen, aber nicht wirklich angeschaut hatte.

Ins Freie getrieben und eingebremst von zwei schnüffelnden und raufenden Hunden beginne ich, Dinge zu betrachten und über sie nachzudenken. Haben Sie schon einmal zugesehen, wie jemand Randsteine setzt? Oder darüber nachgedacht, wofür Randsteine gut sind?

Wenn man keine Hunde hat, die einen die Dinge draussen betrachten lassen, und stattdessen zuhause im Internet nachschauen muss, könnte man leicht den Eindruck erhalten, Randsteine setzen sei eines der verbreitetsten Hobbys unserer Zeit, gleich hinter Kühlschränke abtauen. Es gibt zahllose Schritt-für-Schritt-Anleitungen.

Nachdem ich neulich an der Argentinierstrasse im vierten Bezirk eine Weile lang zugeschaut hatte, wie zwei Männer Randsteine setzten, während unsere beiden Pudel die Abschrankung ausschnüffelten, wurde mir klar, dass Randsteine notwendig sind. Der Gehsteig würde sich sonst in der Strasse verlieren. Oder sagt man in Wien Bürgersteig?

Trottoir, wie wir in der Schweiz, wohl eher nicht. Obwohl ich erst in Wien durch unsere Pudel begriffen habe, wie zutreffend der Begriff – eine Ableitung zum französischen Verb trotter – tatsächlich ist. In Trab gehen, traben, trippeln, umherschweifen – genau das machen unsere beiden Pudel auf dem Gehsteig, unterbrochen von intensivem Herumschnüffeln und Raufen.

Ob Trottoir, Gehsteig oder Bürgersteig: es braucht zur Strasse und zum Verkehr hin eine Abgrenzung durch den Randstein. Nur schon deshalb, weil man sonst nicht ungefährdet im Regen Gedichte lesen könnte. In Boston, fiel mir ein, hatte eine Organisation einmal Gedichte mit Schablonen auf die Bürgersteige gesprayt, die erst sichtbar wurden, wenn es regnete.

Weil die Hunde noch nicht weiterwollten und da ich schon in den USA war, erreichte mich aus dem Westen auch noch die Erinnerung an die Randsteine von Salt Lake City, die mir vor 35 Jahren aufgefallen waren, weil sie wegen der Schneeschmelze sehr hoch sind.

Dann waren die Hunde müde und wir kehrten nachhause zurück. Es gäbe noch vieles zu sagen zu Gehsteigen. Vielleicht sollte meine Tochter Theres nach Abschluss ihrer Studien eine Sozialgeschichte des Gehsteigs schreiben. Mit einem Kapitel über Pudel und Gedichte bitte, über Regen in Boston und die Schneeschmelze in Salt Lake City.

Der Nachbar ihrer Mutter auf seinem Balkon im 17. Stockwerk

13. September 2018

Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, im Garten raucht jemand Shit. Aber natürlich weiss ich es besser, denn der Garten ist der Garten der Botschaft und ich bin der Chef hier. So wird das jedenfalls von den meisten gesehen. Ich müsste es also wissen, wenn im Botschaftsgarten jemand Shit raucht. Ich trage schliesslich die Verantwortung, auch für den Garten.

Es ist ein lauer Spätsommernachmittag, mein Fenster steht sperrangelweit offen, und der Ausdruck trifft für einmal sogar zu. In diesem historischen Gemäuer sind die grossen Fenster auch nach der Renovation vor ein paar Jahren noch mit Sturm- oder Windhaken versehen, die man einhaken kann, wenn man die Fenster ganz öffnet, damit sie nicht vom Wind zugeschlagen werden und das Glas zerbricht.

Diese Wind- oder Sturmhaken heissen Sperrangel. Das Wort ist nicht mehr sehr gebräuchlich. Nur noch das Adjektiv taucht hin und wieder im deutschen Sprachraum auf. Sperrangelweit steht für weit offen, so offen wie nur möglich, megaweit offen. Die maximale Offenheit. Offener geht gar nicht.

Obwohl es dann eben oft keinen Sperrangel hat und irgendetwas schlägt dann zu und etwas geht kaputt. Vielleicht ist auch der Sperrangel so kaputtgegangen, zerschmettert an der Mauer an einem stürmischen Tag, als niemand zuhause war, um ihn einzuhaken. Wie lange das Adjektiv alleine noch überleben wird, ist ungewiss. Interessiert aber wohl auch fast niemanden.

Eine im letzten Mai dann doch nicht durchgeführte Umfrage unter 2700 zufällig ausgewählten Facebook-Benutzern hätte ergeben, dass mehr als zwei Drittel das Wort «sperrangelweit» altertümlich und sperrig finden (gegenüber den drei Fünfteln, die vor viereinhalb Jahren das Wort noch geliked hatten) und es in Zukunft nicht mehr verwenden werden.

Trotzdem bleibe ich dabei: aus dem Garten weht der Geruch von Shit in mein Büro. Ich bin mir jetzt ganz sicher. Irgendjemand raucht hier einen Joint. Meine Augen haben längst nachgelassen, meine Ohren sind nicht mehr die besten, aber auf meine Nase kann ich mich verlassen. Sie ist zwar mit dem Alter grösser geworden und beherbergt mehr Haare, wie die Ohren, aber sie funktioniert tadellos.

Wie Shit riecht, weiss ich nicht erst seit den zwei gescheiterten Versuchen, die ich im bereits fortgeschrittenen Alter gemacht habe (beim ersten Mal war ich sicher, dass ich total schief gehe, wie der schiefe Mann aus Pisa, und beim zweiten Mal wurde mir einfach nur schlecht und ich musste zweimal sofort aus dem Regionalzug aussteigen).

Wie Shit riecht, weiss ich, und werde es nie vergessen, seit ich vor zwanzig Jahren am Bahnhof meiner damaligen Wohngemeinde jeden Morgen um fünf Uhr dreissig hinter einem Jugendlichen durch die Unterführung und die Treppe zu den Geleisen hochgegangen bin, dem es offenbar unmöglich war, mit klaren Sinnen in die Lehre oder zur Schule zu gehen.

Jedes Mal, wenn ich Shit rieche, denke ich kurz an ihn und was wohl aus ihm geworden ist, und dann sage ich zu meiner Frau, da raucht jemand Shit (der Nachbar ihrer Mutter auf seinem Balkon im 17. Stockwerk) und meine Frau sagt dann immer «Ich rieche es nicht», denn sie kennt es nicht, weil sie nie in Männedorf den Frühzug nahm.

Wer aber raucht hier im Garten? Der Gärtner hat heute den Rasen gemäht, aber er ist längst fertig damit und der Garten ist still und leer. Raucht jemand im Büro unter oder neben mir? Die Haushälterin? Ein vergessen gegangener Gast von einem der letzten Anlässe?

Handwerker sind keine im Haus, meines Wissens, obwohl mir ab und zu in der Residenz, die hier direkt an die Kanzlei anschliesst, einer begegnet, auf den ich nicht vorbereitet bin. «Grüssgott» sagt er dann, und ich sage «Grüssgott» und schaue ihm nach, wie er mit seinem Werkzeugkasten von dannen schreitet. Irgendetwas hat er repariert, denke ich, oder in Stand gehalten.

Ein schöner Abend kündigt sich an. Das milde Abendlicht glänzt auf den Kuppen des Unteren Belvedere. Der Botschaftsgarten liegt bereits im Schatten, während die Skulpturen im Rest der Gartenanlage des Palais Schwarzenberg noch in ihrem Weiss erstrahlen. Jemand hat mir neulich erzählt, dass sie ab und zu mit einer speziellen Lösung geduscht werden und deshalb noch so schön weiss sind.

Ich muss hier schliessen, auch mein Fenster. Heute Abend kommt meine Frau nach zwei Wochen Abwesenheit wieder nachhause, und ich will noch duschen, bevor ich zum Flughafen fahre, auch wenn ich nie mehr ganz weiss werden kann.

Ich werde ihr nicht erzählen, dass es gerade ganz stark nach Shit gerochen hat. Was sollte sie damit anfangen? «Ich rieche es nicht», würde sie sagen. Also werde ich ihr sagen, «Es ist wunderbar, dass Du endlich wieder da bist!», denn das ist es, und «Wie geht es Deiner Mutter?»
(13.09.2018)

Blick aus meinem Bürofenbster

13. September 2018

Park

An Malerinnen und Maler

9. September 2018

Man sollte nicht alles malen.
Wenn es als Bildausschnitt wunderbar aussieht,
mit grün, türkis, braun, gelb und grau,
ist es vielleicht eine Haufenlaugung
mit der in einer Mine in Niger
Uran von Erz getrennt wird.

Blau, dunkelrot, weiss und schwarz
kann das Innere eines auf einem Steg in Japan
mit einem rostigen Messer
aufgeschlitzten Wals sein.

Natürlich kann man das malen,
aber man muss damit rechnen,
dass es den Leuten gefällt.

(09.09.2018)