Die Sondierung von Möglichkeitsräumen oder das plötzliche Verstummen der Grillen

22. September 2019

Etwa vor einem Jahr wohnte ich einer interessanten Präsentation eines Think Tanks einer Grossbank bei. Beiwohnen, als hätte ich kurz dort gewohnt.

Der Think Tank besteht aus einem IT-Mitarbeiter der Bank und Universitätspraktikanten, die alle sechs Monate ausgewechselt werden, damit es sich niemand in der Zukunft gemütlich machen kann, denn damit befasst sich der Think Tank: mit der Zukunft.

Im Vordergrund steht die Frage, wie die Welt in 30 Jahren aussehen wird. Nicht in 10 oder 50 Jahren, in 30. Das hat mit verschiedenen Faktoren zu tun, die einleitend erläutert wurden (Anlagezyklen? Vererbung?), mir aber entfallen sind.

Jedenfalls weiss die Bank genau, was sie mit ihrem Think Tank will. Durch Zukunftsforschung sollen ihr Möglichkeitsräume für ihre Aktivitäten in der Zukunft eröffnet werden. Für die Vermögensverwaltung. In 30 Jahren.

Niemand wisse, so der Leiter des Think Tank zu Beginn der Präsentation, wie die Welt in 30 Jahren aussehen werde. Aber man könne durchaus eine Vorahnung haben.

Die Bank betreibt den Think Tank nicht zum Spass. Man will voraussehen und dann etwas Grosses auf die Beine stellen. Für die Vermögensverwaltung der Zukunft.

Vorbild ist John F. Kennedy, der sich 1961 vornahm, noch im selben Jahrzehnt einen Menschen zum Mond und zurück zu bringen, was er dann ja auch geschafft hat.

Nicht alleine natürlich, wie wir seit Bertold Brechts „Fragen eines lesenden Arbeiters“ wissen. Es haben noch ein paar andere Menschen mitgearbeitet. Aber wir reden ja hier von einer Grossbank. Die kann sich den Mond zum Ziel setzen.

Der Think Tank arbeitet mit Annahmen, die man sich ausdenkt oder die man sich von irgendwo ausgeliehen hat. Zinsfrei. Eine dieser Annahmen lautet, dass es in 30 Jahren möglich sein wird, gleichzeitig an zwei Orten zu sein.

Das klingt ziemlich unwahrscheinlich und dürfte schwierig werden, wenn man an die vielen Menschen denkt, die schon mit dem längeren Aufenthalt an einem Ort Mühe haben und möglichst rasch weiter wollen.

Obwohl es neulich Physikern gelungen sein soll, die gleichzeitige Präsenz eines winzigen Teilchens an zwei Orten nachzuweisen, dürfte der Schritt, den es noch braucht, bis sich ein ganzer Mensch gleichzeitig an zwei Orten aufhalten kann, ohne sein Telefon zu verlieren, noch ein sehr grosser sein.

Aber vielleicht habe ich auch etwas falsch verstanden und es geht lediglich um gleichzeitige virtuelle Anwesenheiten. Nur sind wir da ja schon längst. Wozu also die 30 Jahre?

Sei‘s drum. Vielleicht lassen sich ja auf dieser Annahme tatsächlich ein paar Gedanken aufbauen (oder aus ihr ableiten), die Möglichkeitsräume für die Vermögensverwaltung eröffnen. Relevant ist das allerdings nur, wenn man Vermögen hat, das es zu verwalten gilt.

Ich sitze gerade in meinem Garten in Wien, der mir natürlich nicht gehört. Ich darf ihn mit Auflagen benutzen. Unsere Hunde liegen flach auf dem nach einem heissen Spätsommertag endlich etwas abgekühlten Steinboden.

Es ist bereits am eindunkeln, die Grillen zirpen und erinnern mich an ihre fleissigen Artgenossen, die wir noch vor drei Tagen in der Provence gehört hatten.

Eines Abends, es war bereits dunkel, sagte meine Frau zu mir, hörst Du? Ich höre nichts, antwortete ich. Genau – sie haben aufgehört. Ganz plötzlich, wie auf Kommando. Ist das nicht seltsam?

Es war tatsächlich auf einen Schlag still geworden. Als hätten die Grillen nach ihrer Zirpschicht ausgestempelt und wären nun auf dem Heimweg, jede für sich.

Ich versuchte mich zu erinnern, wie und warum die Grillen zirpen. Irgendwann wusste ich das. Sind es die borstigen Hinterbeine, die sie aneinander reiben? Und was ist der Zweck? Verschafft es ihnen auf irgend eine Art Kühlung?

Damit würde sich erklären lassen, warum das Zirpkonzert nach dem Eindunkeln aufhörte, aber machte es Sinn, mit Reibungswärme?

War es ein Zirpen ganz ohne Sinn und Zweck? Gab es in der Natur zwecklose Dinge? Und warum hörte es dann ganz plötzlich auf? Ging das Sinnlose nicht endlos weiter?

Später schaute ich nach. Und natürlich: es sind die Männchen, die den ganzen Krach veranstalten, und – ebenso klar – mit dem einzigen Zweck, Weibchen anzulocken. Weibchen, die offenbar kein Gehör, aber ein Trommelfell haben, mit dem sie die Schwingungen aufnehmen.

Hatten also im Moment, als das Zirpen verstummte, alle Männchen gleichzeitig ein Weibchen angelockt und nun waren sie unterwegs zur Massenhochzeit? Oder hatten sie es gemeinsam aufgegeben, nach langen Stunden des erfolglosen Zirpens?

Das wird nichts mehr heute, Jungs. Lasst uns noch etwas trinken gehen. Wir zirpen morgen weiter.

Niemand kann die Zukunft voraussehen. Aber nehmen wir einmal an, dass es mit den Menschen noch nicht klappen wird, dass der Schritt vom Teilchen zum Menschen doch etwas zu gross war, auch wenn man wie Kennedy denkt, dass Grillen hingegen in 30 Jahren ohne Weiteres an zwei Orten gleichzeitig zirpen können.

Was heisst das dann für die Vermögensverwaltung? Eröffnet es Möglichkeitsräume?

Oder heisst es ganz einfach, dass es nicht mehr notwendig sein wird, in die Provence zu reisen? Würde ich das überhaupt noch wollen mit 92? Würde ich es nicht vorziehen, zuhause und gleichzeitig bei mir zu sein?

Wer kein Vermögen zu verwalten hat, muss sich ja nicht auf das Beklagen seines Unvermögens beschränken.

Man kann zum Beispiel irgendwo in einem gemieteten Garten sitzen und den Lockrufen der Grillen zuhören, wie sie langsam und fast unmerklich leiser werden, wenn einzelne Männchen gefunden wurden, oder wie sie ganz plötzlich alle zusammen verstummen, Gott weiss warum

Kleine Kulturgeschichte des Waldes in Mitteleuropa unter besonderer Berücksichtigung der Bäume

7. August 2019

Vom Luxemburgischen Autor Guy Helminger gibt es einen Gedichtband mit dem Titel «Die Tagebücher der Tannen». Ich war aus zwei Gründen skeptisch, habe ihn dann aber doch bestellt. Erstens weil ich «Irgendetwas fehlt immer» angelesen hatte und es nicht halb so toll geschrieben fand, wie ich es aufgrund des starken Titels und der Besprechung, die ich gelesen hatte, erwartet hatte. Und zweitens, weil ich ziemlich sicher bin, dass Tannen, wenn überhaupt, eher nachts schreiben würden. Ja, ich weiss, aber trotzdem.

Der Titel («Die Tagebücher der Tannen») ist ja wirklich gut. Nicht nur wegen dem Stabreim («Das Tantrum der Tonnen» würde wohl niemand lesen wollen). Der Gedichtband liegt seit seiner Ankunft in einem wattierten Umschlag auf meinem Schreibtisch. Ich habe noch nicht wirklich reingeschaut. Vielleicht ein wenig aus Angst davor, dass der Inhalt beim Lesen wie bei «Irgendetwas fehlt immer» hinter das Versprechen des Titels zurückfällt. Vielleicht ist Helminger ja einer jener Autoren, die gute Titel finden und dann an einen mittelmässigen Text verschwenden.

Am schönsten ist es immer dann, wenn der Inhalt eines Buches das Versprechen seines guten Titels einlöst. «Diesseits des Van-Allen-Gürtels» von Wolfgang Herrndorf war für mich (jeder liest ja anders) ein solches Beispiel. Die Geschichten haben mich zwar nicht restlos begeistert, weder von ihrer Handlung her noch von der Art, wie sie geschrieben sind, aber ich kam nie auf den Gedanken, das Buch nicht zu Ende zu lesen, oder dass der gute Titel vergeudet gewesen wäre.

Als ich den Titel vor ein paar Minuten googelte, weil mir der Autor nicht sofort in den Sinn kam, gab ich irrtümlicherweise «Jenseits des Van-Allen-Gürtels» ins Suchfenster ein, worauf die Suchmaschine «Diesseits des Van-Allen-Gürtels» vorschlug. Sie hat nicht einmal gefragt: Meinten Sie «Diesseits des Van-Allen-Gürtels?». Sie hat einfach «Jenseits» mit «Diesseits» ersetzt. Vielleicht ist das eine subtile Selbstmordbremse. Jemand will ins Jenseits und die Suchmaschine lenkt ihn ins Diesseits um.

Zurück zum Wald. Die vorliegende kleine Kulturgeschichte befasst sich mit dem Wald in Mitteleuropa, weil man den Wald eingrenzen muss, damit nicht gleich alles verwaldet. Nicht nur Landschaften, auch ein Text kann rasch verwalden, wenn man ihn sich selber überlässt. Es wächst dann alles mit Interpretationen zu und die Kultur wird von einer besitzergreifenden Pseudokultur überwuchert, in der ein oft hermetischer Fachjargon um sich greift und Unwörter ins Kraut schiessen.

Unter Mitteleuropa verstehen wir hier (es braucht diese Präzisierung, denn anderswo versteht man darunter etwas Anderes) den Bereich zwischen Nordsee und Alpen sowie zwischen Ostsee und Schwarzem Meer, also ein ziemlich grosses, einst fast vollständig mit Wald überzogenes Gebiet.

Man muss sich das vorstellen, weil man es ja nicht mehr besichtigen kann: eine Luftaufnahme von Europa, oder eben Mitteleuropa, aus einem Aufklärungsflugzeug betrachtet, aus dem immense Flächen von Wald zu sehen sind. Eigentlich fast nichts Anderes als Wald, von ein paar wenigen grossen Flüssen durchzogen (die kleinen werden von der dichten Ufervegetation verdeckt), die sich mäandernd ihren Weg ins Meer suchen, und nur hier und da eine Brandrodung, ein kleines Dorf vielleicht? Wir müssen näher ran.

Bevor wir landen, müssen wir noch ein wenig Theorie abwerfen. Die natürliche Landebahn wird, wenn es überhaupt eine gibt, kurz sein und wir dürfen nicht zu schwer sein, falls wir durchstarten müssen. Das heutige Landschaftselement «Wald», so las ich in Wikipedia, sei eine in Jahrtausenden geschaffene Kulturlandschaft, die (ich zitiere) «fast ausschließlich auf Ersatzgesellschaften» beruhe. Hier musste ich als Leser den Reflex unterdrücken, aus dem Text auszuklinken und bei meiner eigenen Vorstellung von Wald zu bleiben.

Ersatzgesellschaften? Weshalb sollte eine Gesellschaft, die sich erst gerade in kleinen, mühsam der Wildnis entrissenen Rodungen entwickelt hatte, bereits ersetzt worden sein? Und von wem? Und warum sollte der «Wald» als Kulturlandschaft auf diesen Ersatzgesellschaften beruhen, die ihn zu roden versuchten? Und warum „Wald“? Was bedeuteten die Anführungszeichen? Standen sie für den Waldrand?

Mein Problem mit den meisten Wikipedia-Artikeln sind neben den oft wirren Formulierungen die andauernden Querverweise. Man möchte einen Begriff erklärt haben (versuchen Sie es an einem freien Abend ruhig einmal mit Kolonialisierung) und kommt, um die Erklärung einigermassen zu verstehen, per Link von einem Begriff zu so vielen anderen, dass man relativ rasch vergisst, was man eigentlich wissen wollte. Man weiss nur noch, was man alles nicht weiss und dass man es noch weniger versteht, wenn es einem erklärt wird.

Wissend, dass es mich von meinem Ziel entfernen würde, klickte ich dann doch noch auf den Begriff «Ersatzgesellschaft», weil es mich wirklich wunder nahm, was sich dahinter verbergen mochte, und ich las, dass damit Pflanzengesellschaften gemeint sind, die «unter anthropogenen Einflüssen entstanden sind, erhalten werden oder sich als direkte Folge aktueller oder ehemaliger Nutzungen einstellen.»

Was für ein wunderbarer, alles enthaltender Satz. Und weil ich nun schon so nahe am Verstehen war, nahm ich diesen einen Satz auch noch mit: «Der ursprüngliche natürliche Zustand und Grad der Beeinflussung durch den Menschen (Hemerobie) sind schwer abzuschätzen.».

Eine anthropogene Hemerobie also. Das erklärt alles. Daher also der viele Wald. Damit wird dann auch gleich die auffällige Dominanz von Buche Eiche, Fichte und Kiefer verständlich. Künstlich angelegte Forste soweit das Auge reicht, durch menschliche Eingriffe entstanden. Sind wir zu weit geflogen? Ich wollte das Frühmittelalter besichtigen. Brandrodungen. Vereinzelte Siedlungen, umgeben von Urwald, der heute in Mitteleuropa kaum mehr zu finden ist.

Der ursprüngliche Grund für die sich nun leider verirrende Expedition liegt weit zurück, in meiner Studienzeit, als ich auf eine Karte Frankreichs im 5. oder 6. Jahrhundert stiess. Man sah darauf nur Wald. Wald, ein paar grosse Flüsse und hier und da, wie eine kleine Insel, eine Brandrodung.

Es war keine richtige Karte, es war lediglich eine schematische Abbildung in einem Buch, und es war natürlich auch nicht Frankreich, das es damals noch gar nicht gab, aber es war Wald, unheimlich viel Wald, und es war mir augenblicklich klar, dass dieses Gestern genau das Gegenteil von meinem damaligen Heute zeigte, wo eine Luftaufnahme Frankreichs, das unterdessen entstanden war, nur noch ein paar vereinzelte Waldflächen zeigen würde, wie Inseln in einer viel zu gross geratenen Rodung.

Es kam dann leider wirklich so, wie ich befürchtet hatte. Anstatt wie geplant Ballast abzuwerten, hatten wir uns durch die schwerfälligen und viel zu langen Definitionen aus Wikipedia ein Übergewicht eingehandelt, das ein Durchstarten auf der kurzen Naturpiste zum aussichtslosen Unterfangen machte. Unser Pilot riss die Maschine hoch, als sich der Waldrand mit der Geschwindigkeit einer zweimotorigen Propellermaschine näherte und wir immer noch nur ein paar Meter vom Boden weg gekommen waren, aber es nützte nichts.

Ich rief noch „Es tut mir leid!“, denn ich fühlte mich verantwortlich, aber noch bevor die Maschine ins Unterholz krachte, war mir klar, dass ich es wieder versuchen würde. Mit neuem Personal. Ohne Wiki..

Kurz bevor Tim und Trigger über die Hügelkuppe kommen

3. August 2019

(Lars Gustafsson as himself,  aus Elastolin)

Es wird mir gehen wie mit Tim und Struppi, ich weiss es. Der Tag wird kommen, und er ist leider nicht mehr weit entfernt, er ist schon ziemlich nahe gerückt, und wenn ich daran denke, frage ich mich einmal mehr, was schwieriger ist: das Ende oder das Näherkommen des Endes. Ich glaube, für mich ist es das Näherkommen.

Wenn er da ist, dieser Tag, werde ich das letzte Buch von Lars Gustafsson gerade zu Ende gelesen haben. Ich werde es zuklappen und es auf den Beistelltisch legen. Ich werde zu meiner Tasse greifen und einen Schluck längst erkalteten Tees trinken. Und genau von diesem Augenblick an werde ich es nicht wahrhaben wollen, dass es keine Bücher mehr von ihm geben soll, die ich noch nicht gelesen habe, keine alten, und auch nie mehr ein neues.

Lars Gustafsson ist am 3. April 2016 gestorben. Auf der Liste gestorben.am müsste er in der Rubrik Schriftsteller, Dichter & Literaten zwischen Imre Kertész (31.03.) und Péter Esterházy Galántha (14.07.) aufgeführt sein (auf Dario Fo und Ilse Aichinger konnte er nicht mehr warten), aber er ist da nicht aufgeführt. Lebt er vielleicht doch noch, ist unter einem anderen Namen nach Austin, Texas, zurückgekehrt und schreibt gerade einen weiteren, wunderbaren Roman?

Leider ja wohl nicht. Wie ich den Tod und das Internet kenne, ist der eine unwiderruflich und das andere voller Schlamperei. Gustafssons Fehlen auf dieser Liste ist leider nur der grenzenlosen Ignoranz ihrer Verfasser zuzuschreiben. Wie kann man Gustafsson vergessen? Wenigstens haben sie Hergé (Georges Prosper Remi) in ihre Liste aufgenommen. Als er 1983 starb, war ich 25 Jahre alt und hatte die Suche nach neuen Tim und Struppi Bänden aufgegeben.

Jahrelang war ich in den Buchläden und Comix-Shops am Regal mit den Tintin-Bänden gestanden und hatte jeden einzelnen Band in die Hand genommen, obwohl ich schon am Buchrücken sah, dass ich ihn kannte, um nachzuschauen, ob es vielleicht doch noch ein Abenteuer des mutigen Reporters mit seinem kleinen Hund gab, das ich noch nicht kannte. Auch die immer gleiche Miniatur-Abbildung der Titelbilder aller Bände auf der Rückseite jedes Bandes habe ich immer wieder mit dem selben Ziel studiert, einen mir noch unbekannten Band zu entdecken. Ich wollte es einfach nicht wahrhaben.

Kennengelernt hatte ich Tintin als ich meine Mutter als vielleicht 9-jähriger Junge in eine Apotheke begleitete. Im Reklameheftchen des Apothekerverbandes druckten sie damals für kleine Jungs wie mich, die ihre Mutter in die Apotheke begleiteten, zwei Doppelseiten aus einem Tintin Band ab. Das gab den Müttern mehr Zeit, um sich in der Apotheke die Produkte anzuschauen. Die ersten Seiten, die ich so entdeckte, stammten aus “Tim und die Sieben Kristallkugeln”. Ich konnte es vor Spannung kaum erwarten, bis meine Mutter wieder in die Apotheke musste.

Einer der schönsten Momente meiner frühen Jugend war dann, als ich eines Tages im Spielwarengeschäft Franz Carl Weber per Zufall entdeckte, dass es Tim und Struppi nicht nur in kleinen Häppchen in der Apotheke gab, sondern als ganze Bücher! Fortan war das mein grösster Wunsch (grösser noch als eine neue Indianer-Spielfigur aus Elastolin), ein neuer Band von Tim und Struppi, wenn wir Kinder mal wieder mit der Strassenbahn in die Stadt fuhren mit meiner Mutter.

Meine Mutter nannte es “in die Stadt gehen”, obwohl wir in einem Quartier am Rande der Stadt wohnten – eine Sonderbarkeit, die mir erst viele Jahre später auffallen sollte. Es passierte in unregelmässigen Abständen alle paar Wochen, vielleicht acht oder zehn mal im Jahr. Ich wusste nie zum voraus, wann es wieder so weit sein würde, aber es war immer ein Ereignis und seit der Entdeckung im Franz Carl Weber hatte ich nur noch ein Ziel: einen neuen Band von Tim und Struppi. Bis es eines Tages keine mehr gab und die ungläubige, jahrelange Suche begann.

Und nun also Gustafsson. Die Bücher von ihm, die ich noch nicht gelesen habe, werden langsam rar. Sie werden zu meinen persönlichen Raritäten, auch wenn sie manchmal gebraucht nur 3 Euro kosten (plus Versand). Ich bin unterdessen bei seinen Frühwerken angelangt, die man zum Teil nur noch antiquarisch erhält, und auch das nur, wenn man ein wenig sucht.

Ich muss leider zugeben, ich war zuletzt das eine oder andere Mal leicht enttäuscht. Die Frühwerke sind nicht vergleichbar mit seinen späteren Werken. Einige sind ein ziemlich wirrer Krampf, wie mir scheint, Ausdrucke eines Kampfes, so vermute ich, den er mit sich selber hatte. Ich bin mir nicht sicher, ob ich sie alle zu Ende lesen werde, seine frühen Romane. Ich denke, er war sich manchmal auch nicht sicher, ob er sie zu Ende schreiben sollte.

Vielleicht kann man erst mit fortgeschrittenem Alter gut schreiben, so, dass es sich gut lesen lässt. Wenn man die schwierigsten Kämpfe mit sich selber bereits ausgefochten und hinter sich hat, egal, ob gewonnen oder verloren. Aber wahrscheinlich sollte man das, wie überhaupt alles, nicht verallgemeinern, und ohnehin ist das ein völlig idiotischer Ausdruck: “fortgesschrittenes Alter”. Ich werde mich bemühen, ihn nicht mehr zu verwenden. Das Alter schreitet nicht, schon gar nicht fort, es schleicht sich von hinten an und ist eines Tages plötzlich da.

Nur Comix-Helden altern nicht. “Comicbook characters never grow old”, singt Elton John in “Roy Rogers”. Roy Rogers war auf den Namen Leonard Franklin Slye getauft worden, nachdem er im November 1911 das Licht der Welt erblickt hatte, wie es so schön heisst. Er war ab den 30er-Jahren ein äusserst populärer Country Singer und singender Western Star, bekannt als „King of the Cowboys“.

Wenn man seine über hundert Filme lange Filmografie anschaut, fällt auf, dass er nach dem Jahr 1941, nur sechs Jahre nachdem er zum ersten Mal in einem Film mitgespielt hatte, keine Rollen mehr spielte. Hinter den Filmtiteln steht nach 1941 fast ausnahmslos nur noch “as himself”. Er wurde schon nach wenigen Filmen eine Kult- und Comic-Figur, begleitet von seinem Pferd Trigger und seinem deutschen Schäferhund Bullet.

Was ich damit sagen will? Ehrlich gesagt: ich weiss es nicht mehr. Es ist mir entfallen. Vielleicht war da am Anfang etwas, was ich sagen wollte, irgendetwas, worauf ich hinaus wollte, etwas Konkretes, eine Sache, zu der ich ursprünglich kommen wollte (es war wohl meine Absicht) und nun leider nie kam, es tut mir leid. Vielleicht hat sich auch erst während dem Schreiben etwas ergeben, nachdem ich den Text ganz ohne Absicht, wie ich das manchmal tue, begonnen hatte, aber falls dem so war, dann muss ich leider zugeben, ich habe auch diesen Faden wieder verloren.

Es bleibt mir nichts anderes übrig, als diesen Text, der mit Tim und Struppi begonnen hat und eigentich von Lars Gustafssons Büchern handelt (tut er das wirklich?), mit Roy Rogers zu Ende gehen zu lassen, oder eigentlich mit Elton John, und allen, die noch hier sind, einen schönen Samstagabend zu wünschen.

The carpet´s all paid for, God bless the TV, let´s go shoot a whole in the moon!

Cosy TV-screen (2019)

3. August 2019

Land ohne Strand

1. August 2019

(wie ich Graham verlor)

Graham war wie ein Bruder für mich, damals. Was haben wir nicht alles zusammen gemacht. Nicht alles, eigentlich wenig, immer wieder dasselbe. Und es ist sehr lange her.

Graham existierte nicht wirklich, aber das spielte damals keine Rolle. Wenn man 14 ist, in einem Land ohne Strand lebt und die Beach Boys am Radio hört, gehört Graham dazu, auch wenn er nicht existiert.

Es tat jedenfalls weh, ihn zu verlieren, als der Tag kam, nach mehr als vier Jahrzehnten. Und es war kein Phantomschmerz, es tat wirklich weh. Graham war kein Phantom. Er war wie ein Bruder (nicht meiner).

Die Wege waren kurz, damals. Es begann jeweils mit „daaaaa-daradada….“ und dann kamen wir auch schon bei John B. an, Graham, Vater und ich.

Sloop war sein Spitzname. Sloop, wie andere Snoopy heissen, Droopy, Mäse oder Schampi. Er hiess Sloop, und er war ein Freund oder zumindest ein guter Bekannter meines Vaters. Jedenfalls gab es unweigerlich Krach, wenn wir ihn mit Vater besuchten. Jedes verfluchte Mal.

Wir tranken Alkohol und dann gab es ein Gerangel, das sich bald zu einem handfesten Krach ausweitete, bei dem ein Koffer in Brüche ging, und dann kam jeweils der Moment, wo der Sheriff kam und ihn abführte. Sloop, meine ich. John B. (oder den Kerl, der den Koffer aufgebrochen hatte).

In Handschellen. Aber vielleicht habe ich die gerade erfunden.

Graham und ich wollten nachhause. Wir fühlten uns miserabel. Vom vielen Bier, aber noch mehr vom Gerangel, vom Kampf zwischen den Erwachsenen, die sich gerade noch zugeprostet hatten. Wir waren fix und fertig. Es war zu viel für uns.

Warum der Sheriff jedes Mal John B. verhaftet hat (Sloop) oder den Mann, der den Koffer aufgebrochen hatte, und nie meinen Vater, weiss ich nicht. Jedenfalls wollten Graham und ich nur noch nachhause. So rasch wie möglich. Es kam uns wie die schlimmste Reise vor, auf der wir je waren, und wahrscheinlich war es das auch.

Warum wir trotzdem jedes Mal wieder freudig mitgingen, wenn Vater sagte (er sang es mehr): „Come on to Sloop John B.!“ ist mir heute ein Rätsel.

Graham war zwei Jahre jünger als ich. Er war 13 damals. Maximum. Er hätte eigentlich noch kein Bier trinken dürfen. Aber Vater machte jedes Mal eine Ausnahme, wenn wir mit ihm zu John B. fuhren. Zu seinem Freund Sloop.

Auf dem Heimweg gab er uns beiden dann ein Lakritze-Bonbon. Wir nannten es Bärendreck. Es sollte verhindern, dass Mutter das Bier roch. Und wird durften auf keinen Fall etwas vom Kampf erzählen, der stattgefunden hatte. Natürlich roch sie es trotzdem.

„Wie kannst Du einem 13-jährigen Jungen Bier zum trinken geben? Wie kannst Du nur?“ schrie sie meinen Vater an. „Und was ist mit Deinem Auge passiert?“

An ihrer Aufregung lässt sich ablesen, dass wir uns in den frühen 70er-Jahren befanden. Es war noch nicht die Zeit, in der sich Teenager regelmässig volllaufen lassen bis sie sich übergeben müssen und nicht mehr wissen, wo und wer sie sind.

Es hat Graham nichts ausgemacht, das Bier. Er ist unversehrt gross geworden und hatte, soviel ich weiss, bis zu seinem plötzlichen Verschwinden noch sämtliche Hirnzellen.

Wie ich ihn verloren habe? Auf Youtube. Über vierzig Jahre nach der letzten Prügelei. Das Lied ist mir in den Sinn gekommen, eines Tages, im April, einfach so: Sloop John B., und ich habe den Titel eingegeben im Suchfenster und bin auf eine Version mit den Song-Lyrics gestossen.

Ich möchte, ich hätte es nicht getan. Ich würde viel dafür geben (meinen neusten Koffer, gefüllt mit was Sie wollen), wenn ich es ungeschehen machen könnte. Alles hat sich aufgelöst, innerhalb von drei Minuten. Nicht in nichts, in etwas anderes, aber was mich betraf, hätte sich ebensogut alles in nichts auflösen können. Vielleicht wäre das leichter gewesen.

Sloop John B. wurde eine Schaluppe, Graham und ich wurden „graaandfather and me“, Mutter konnte den Alkohol nicht mehr riechen und Vater kam überhaupt nicht mehr vor in der Geschichte.

Ich war zuhause, als ich Graham verlor. Ich sass in meinem Zimmer, vor meinem Computer, und ich wollte nur noch nachhause

Hochsommer

30. Juli 2019

Knirschende Reifen
langsame Fahrt vor das
nicht mehr bewohnte Haus

30. Juli 2019

Broken mirror

Die dumme Sache mit dem Hut

29. Juli 2019

(wie Hektor seinen Koof verlor und wieder fand)

Hektor war noch nicht allzu lange ein Geist, als ihm die dumme Sache mit dem Hut passierte. Er ging eines Morgens in sein Lieblingslokal, in dem sich viele Geister nach ihrem nächtlichen Spuk noch eine Weile aufzuhalten pflegten, bevor sie, um Zeit zu sparen, an einen Ort verschwanden, der keiner war, und legte mit seinem Hut gleich auch seinen Kopf auf die Hutablage.

Nun könnte man sagen, es sei ihm nur deshalb passiert, weil er als Mensch nie einen Hut getragen hatte, oder weil bei einem Geist alle Glieder, auch der Kopf, nur ganz lose am Körper befestigt sind und sich sehr leicht von ihm lösen. Aber den Kopf mit dem Hut auf die Hutablage legen und dann zum Tresen schreiten: war das nicht ein wenig dumm, um nicht zu sagen kopflos?

Vielleicht war es sein Pech, wer kann das sagen vor dem Ende einer Geschichte, dass ihm das Missgeschick zu einem Zeitpunkt passierte, zu dem das Wirtshaus bereits von sämtlichen guten Geistern verlassen war. Nur die bösen und unentschlossenen hingen noch an der Bar und um die kleinen Tische herum und taten so, als würden sie Hochprozentiges trinken, das sie – was jeder wusste – weder schlucken noch bezahlen konnten.

Als Hektor bemerkte, dass er sich kopflos verhielt (er wollte gerade eine Lokalrunde spendieren, obwohl er keinen einzigen der anwesenden Geister kannte) griff er sich dort hin, wo sonst sein Kopf war, erschrak und kehrte augenblicklich zum Eingang zurück. Aber auf der Hutablage lagen ausschliesslich Hüte, darunter auch seiner, ohne seinen Kopf.

Wie dumm von mir, dachte er, wie ausserordentlich dumm, während er seinen Hut von der Ablage nahm und ihn sich auf den Hals setzte. Gleichzeitig wunderte er sich, dass er offenbar ohne Kopf denken konnte. Oder dachte sein Kopf dort, wo er sich gerade befand, wo auch immer das war, und sandte seinem Körper die Gedanken als Signale zu?

Wer war dann aber der Empfänger? Die erste Vermutung war sein Bauch, aus dem er zu Lebzeiten oft Entscheide getroffen hatte. Ja, wahrscheinlich war es sein Bauch, der die Signale empfing. Jedenfalls, soviel war ihm klar, hatte er keine Zeit, sich lange zu überlegen, warum er in diesem Zustand denken konnte, wenn er seinen Kopf wieder haben wollte.

Geister haben weniger Zeit als Menschen, obwohl das zunächst einmal absurd erscheinen mag, da sie nicht altern. Da sie aber (fast) überall erscheinen können und dies, mit einer gewissen Erfahrung, auch ohne weiteres an verschiedenen Orten gleichzeitig, und weil Zeit stets nur in Relation mit (einem) Raum wahrgenommen werden kann (was wäre eine halbe Stunde ohne den Zusatz “in der Badewanne”?) wird die Zeit für einen aktiven Geist, der überall sein will, irgendwann einmal knapp, und wenig später auch irgendwo.

Es ging nun darum, und nur darum, mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln (ein Geisterkörper mit einem Kopf, der irgendwo weiterdachte) die Suche nach dem verlorenen Kopf aufzunehmen, bevor sich dieser womöglich einem anderen Geist an den Hals geworfen hatte, dem sein Kopf abhanden gekommen war. Was ihm gerade widerfahren war, konnte ja auch anderen Geistern passieren. Oder war nur er so ungeschickt und dumm?

Es gab eigentlich nur eine Erklärung für das so blitzartige Verschwinden seines Kopfes. Jemand, ein anderer Geist, hatte den Kopf mitgenommen. Aber wozu? Ausser eben wenn er (oder sie, konnte es auch eine Sie sein?) den eigenen Kopf verloren hatte.

Hektor schaute sich um (wie er ohne Augen sehen konnte, war ihm ein weiteres Rätsel), ob einer der Geister seinen (seinen) Kopf auf dem Kragen oder unter dem Arm trug, aber er konnte sich nirgends sehen. Er versuchte zu erkennen, ob hie und da die Köpfe nicht auf die Hälse passten, denn vielleicht war das ja ein beliebtes Geisterspiel, von dem er nichts mitbekommen hatte, dass man einander die Köpfe entwendete. Aber nichts deutete darauf hin, dass ein Geist im Lokal war, der nicht seinen eigenen Kopf trug.

Hektor ging zurück zur Bar und fragte den Barmann (wie ein Bauchredner, der nicht befürchten muss, dass, sich sein Mund bewegt) ob in den letzten Minuten ein Geist das Lokal verlassen habe.

“Ein Geist oder ein Gast?” fragte der Barmann, von dem das Gerücht umging, er habe zu Lebzeiten einen Lehrstuhl für verschwundene mitteleuropäische Sprachen bekleidet (andere sagten, er sei ein eifacher Schneidergehilfe gewesen, Einigkeit bestand lediglich bezüglich seines verdorbenen Charakters), und Hektor stutzte für einen Augenblick, denn wer sich in den Spitzfindigkeiten des Barmanns verlor, kriegte nie mehr Antwort auf seine Frage. “Beides…” antwortete er dann. “Ist ein Geist oder ein Gast gerade gegangen, mit zwei Köpfen vielleicht?”

“Geister kommen, Gäste gehen, ich bin Barmann, nicht Hirte…” erwiderte der Barmann, “…und jetzt sag mir, was Du getrunken hättest, und mach Dich in den Staub.”

Hektor begriff, dass er mit dem Barmann nicht weiterkam. Er spielte einen kurzen Augenblick mit dem Gedanken, sich an die anderen Geister zu wenden, aber er konnte schon ihr Lachen hören, wenn er sie nach seinem Kopf fragen würde, ihr hohl klingendes, kaltes Lachen mit seinem Echo in anderen Räumen.

Sein Kopf war ganz offensichtlich nicht mehr in diesem Lokal, und wenn er ihn finden wollte, musste er ihn draussen suchen. Weit draussen womöglich. In einer Ferne, die selbst für bewegliche Geister weit weg war. Wie in aller Welt, und wo, sollte er seinen Kopf je wieder finden? Er hätte ihn jetzt wohl hängen lassen, aber da kam ihm ein Einfall zu Hilfe, ein Einfall, den ihm, so würde er es später erzählen, seinen Kindern vielleicht, wenn Geister Kinder haben, die frische Brise zutrug, die ihm entgegenwehte, als er ins Freie trat: der Titel!

Er hatte schon zu seinen Lebzeiten Titel immer sehr gemocht. Buchtitel. Untertitel. Zwischentitel. Vor allem die Zwischentitel. Bücher ohne Kapitelüberschriften waren schlecht lesbar. Mann kippte ja auch nicht Vorspeise, Hauptspeise und Nachspeise in einen Topf und nannte es Essen. Bücher mit schlechten Titeln waren ein Gräuel. Gute Titel waren die halbe Geschichte. Schlechte Titel verdarben die andere Hälfte.

Also ging Hektor zurück zum Titel, und wie hiess es da im Untertitel? „Wie Hektor seinen Kopf verlor und wieder fand.“ Und wieder fand! Er würde ihn also wiederfinden, seinen Kopf, spätestens am Ende der Geschichte. Wie gut das tat.

Und weil er schon an den Anfang der Geschichte zurückgekehrt war, las Hektor auch die erste Zeile noch einmal. „Hektor war noch nicht allzu lange ein Geist, als ihm die dumme Sache mit dem Hut passierte“, hiess es da.
Und da die Sache ihm eben erst passiert war, dachte Hektor, war er also noch nicht allzu lange ein Geist. Wie lange? Nur kurz? Wie kurz? Und wo (in der Zeit)?

War er überhaupt ein Geist? Konnte es sein, dass er die Sache mit dem Hut nur träumte und alles, was er tun musste, um seinen Kopf wieder zu finden, war aufwachen? Hatte er nicht gerade neulich geprahlt damit, dass es ihm regelmässig gelang, aus einem Traum aufzuwachen, wenn ihm dieser zu unangenehm oder zu bunt wurde? Dass er dann ganz einfach beschliessen könne: „Das reicht!“, und dann wachte er sogleich auf?

Wenn es so war, war es die Nacht auf den 10. August 2018, zu der er zurück musste, als er geträumte hatte, er sei ein Geist namens Hektor (stammte der Name aus dem Traum oder von dessen Niederschrift?), der seinen Kopf mit dem Hut auf die Hutablage legte, und alles andere hatte er später erfunden?

Der 10. August 2018 stand als Datum unter den ersten Aufzeichnungen dieses Textes. Das war also das einzige, was feststand: der 10. August 2018. Aber woher war dieser sonderbare Traum gekommen, wenn es denn einer war, und was war „alles andere“, was er dazu erfunden hatte? Wo war die Grenze zwischen Traum und Erfindung? Spielte sie überhaupt eine Rolle, wenn man die Wirklichkeit einmal aus den Augen verloren hatte? Und wie viel von dem, was er (oder Hektor) zwischen dem 10. August 2018 und dem heutigen Tag, fast ein Jahr später, erlebt zu haben glaubte, hatte er wirklich erlebt?

Hektor war müde. Ich war müde. Die Hunde waren müde (woher kamen plötzlich die Hunde?). Der Wind wurde stärker. Wir drehten uns um und gingen zurück ins Lokal.

Die meisten Geister waren inzwischen gegangen. Ich fragte den Barkeeper (Hektor fragte nie etwas, das musste immer ich tun) ob ich etwas Wasser für die Hunde haben könnte. Ich erwartete eine seiner dummen Gegenfragen, wie „Für die Hunde oder die Hände?“, aber er bückte sich unter die Theke und gab so den Blick auf den Spiegel frei, in dem ich meinen Kopf sah, unverkennbar auf meinem Hals.

Als er wieder hochkam, einen Napf mit Wasser für die Hunde in der Hand, war ich fort. Er blickte nach rechts und nach links, schüttelte den Kopf und goss das Wasser in den Ausguss.

***

NACHSPANN
(zu Bachs Cello Suite No.1 in G-dur, gespielt von Mischa Maisky)

Hektor heisst eigentlich Hector und ist tatsächlich ein Geist. Aufenthaltsort unbekannt. Zeit hat er immer noch einige, in beiden Richtungen.

Dem Barmann wurde noch vor Ende Jahr gekündigt. Er soll vergeblich versucht haben, seinen Lehrstuhl zurückzuerhalten.
,
Ich bin danach noch mehrmals aufgewacht, momentan meistens in eine Residenz in Wien.

Die Hunde sind nun ein Jahr alt. Wir haben viel Freude mit ihnen.

Lawinchen

24. März 2019

„Ich muss jetzt da runter“, sagte Lawinchen zu sich selbst und blickte grimmig talabwärts.
„Willst Du es Dir nicht noch einmal überlegen?“ hielt der Bannwald dagegen.
„Hier oben ist es doch am Schönsten. Und die paar mickrigen Hütten dort unten, die sind doch einer Lawine wie Dir gar nicht würdig…“
„Das haben wir doch alles schon hundertmal diskutiert“ antwortete Lawinchen mürrisch. „Meine Eltern finden, ich sei gross genug und die Zeit für den ersten Niedergang sei überreif. Ich muss jetzt wirklich da runter. Also mach Platz oder ich mach Dich platt!“
„Und was wird dann aus uns?“ riefen die Bäume des Bannwalds verängstigt. „Ist dir das völlig egal, was mit uns geschieht?“
„Klappe!“ fuhr ihnen der Bannwald über’s Maul. „Hier spricht nur einer mit Lawinchen, und das bin ich!“
„Alter Miesmacher…“ motzten die Bäume. „Despot!“, tönte es aus den unteren Reihen des Bannwalds. Und eine ganz kühne Föhre rief: „Macho!“.

“Platz da!“ rief Lawinchen, denn es hatte sich tatsächlich ein Herz gefasst und losgelassen. Mit viel Holterdipolter begann es, zu Tal zu donnern.
Die Bäume des Bannwalds reagierten sofort. Wie auf ein abgesprochenes Zeichen hin und ohne ein Kommando des Bannwalds abzuwarten (der ohnehin nur „Strammstehen!“ oder sonst so einen Scheiss gerufen hätte) legten sie sich alle talwärts flach an den Hang und hielten ihre Äste fest, als Lawinchen kreischend über sie hinweg schlitterte.
„Buaahhh…“ sagte die eine Föhre zur anderen, als sie sich wieder aufgerichtet hatten und Lawinchen nachschauten, wie es mit viel Getöse zu Tal ging. „…jetzt will sie es aber wissen…“
Lawinchen hatte tatsächlich bereits eine beachtliche Geschwindigkeit erreicht und zwei fiepende Murmeltiere mussten sich rasant in Sicherheit bringen, um nicht mitgerissen zu werden.
„Wenn sie so weiterrast, kriegt sie die Kurve nicht. Sie ist viel zu schnell…“
„Das wär dann aber echt blöd. Ich meine, wozu…“
„Ruhe im Baumbestand! Und stillgestanden“ schrie der Bannwald entnervt. Er musste irgendwie die verlorene Autorität wiedergewinnen.
„Heiissssaaaa!“ jauchzte Lawinchen und versuchte, die Kurve zum Dorf zu kriegen. Es verlagerte alles, was es nach dem Steilhang noch an Schnee und Eis zu bieten hatte, nach links. Ein klein wenig ging es dann auch gegen links, aber es reichte bei Weitem nicht. Seine Geschwindigkeit war noch viel zu gross, um die Richtung entscheidend zu ändern. Anstatt auf das Dorf zuzudonnern, wie es sich gehört hätte, fegte Lawinchen im Affentempo den gegenüberliegenden Hang hoch.
„Hab ich es gesagt oder nicht?“ flüsterte die eine Föhre zur andern. „Viel zu schnell.“

Die Verwunderung am Gegenhang war gross, als Lawinchen hangaufwärts rutschte.
„Heeeh!“ rief der Lerchenwald, als er von hinten zu Boden gedrückt wurde. „Was soll das?“
Und ein Schwarzbeerstrauch motzte Lawinchen frech an, obwohl es ihn kaum gestreift hatte: „Bist Du völlig übergeschnappt? Lawinen gehen runter, nicht hoch. Hat Dir das keiner gesagt?“

„Tut mir leid…“, rief Lawinchen, und schaute über seine stiebende Schulter nach hinten. „Hab ich Dir weh getan?“
Aber das hätte es lieber nicht getan, nach hinten geschaut. Mutter hatte es ihm hundertmal gesagt. „Wenn Du niedergehst – nach vorne schauen. Immer nach vorne schauen. Nie zurück blicken. Auf das was vor dir steht kommt es an – nicht auf das, was hinter Dir liegt.“
Aber dieser gutgemeinte Ratschlag war umsonst. Der Schwarzbeerstrauch machte Lawinchen eine lange Nase und als es wieder nach vorne schaute, stand eine verwitterte alte Föhre mit ausgestreckten Ästen vor ihm und rief „Haaaalt! Baumgrenze!“
Lawinchen hatte nicht mehr allzuviel Tempo drauf, aber es war immer noch zu schnell und die alte Föhre schon zu nahe. Der Aufprall war nicht mehr zu vermeiden.
„Au Backe!“ Flüsterte eine Föhre an Lawinchens altem Hang zu ihrer Nachbarin. „Sie hat den alten Grenzwächter umgerannt… das wird Ärger geben.“

„Himmel, Arsch und Wolkenbruch…“ fluchte die alte Grenzwächterföhre, als sie ihren Kopf freikriegte und sich die Bescherung anschaute. Lawinchen hing als kleines, kümmerliches Häufchen schmutzigen Schnees an der Baumgrenze und schluchzte leise vor sich hin.

„Was hast Du Dir dabei gedacht? Hä? Man furzt doch nicht einen Hang runter wie wild und dann den gegenübeliegenden Hang wieder hoch als ob alles bloss ein Spass wäre.“

Lawinchen konnte noch nicht sprechen. Es fühlte sich schrecklich und das Schmelzwasser lief ihm aus den geschlossenen Augen.
„Eine schöne Bescherung hast Du da angerichtet. Mannomann.“

Lawinchen wäre am liebsten auf der Stelle weggeschmolzen. Ich bin die Schande der Bergwelt, dachte es verzweifelt. Eine völlig missratene Katastrophe. Ich bleib jetzt hier liegen und mach nie mehr die Augen auf.

Die Grenzwächterföhre schüttelte ihre Äste frei. „So etwas ist mir in 35 Jahren Grenzwacht noch nie vorgekommen. Eine Lawine, die hangaufwärts geht. So etwas saublödes, also wirklich.“

Lawinchen schluchzte noch mehr. Es wäre jetzt gerne an seinem alten Hang gewesen und hätte sich unter den Ausläufern seiner Mutter versteckt.

„Lawiiiiinchen! Bist Du OK?“ rief eine der jungen Föhren vom Bannwald gegenüber. „Sag doch was!“
„Ruhe im Glied!“ fauchte der Bannwald.

Lawinchen hätte gerne geantwortet, aber es traute sich nicht. Zu gross war die Angst vor der Grenzwächterföhre, die immer noch vor sich hinfluchte. „…vielleicht bin ich einfach zu alt für diesen Job. Ich sollte mich verdorren lassen.“

„Kann ich auch mal was sagen?“ tönte es hölzern unter Lawinchen hervor.

„Wie bitte?“ raunte die Grenzwächterföhre. „Wer spricht da?“
„Hier bin ich. Links von Dir. Wenn Du mal diesen Ast hier etwas anheben könntest…“
„Nicht, das kitzelt…“ Die Grenzwächterföhre hob einen ihrer alten Äste hoch. Als der Schnee runterfiel, kam ein Wegweiser zum Vorschein, auf dem „Schrums – 10 Min.“ stand.
„Danke“. Sagte der Wegweiser, und atmete tief durch. „Wow, das hat echt Spass gemacht.“
„Spass? Spinnst Du?“ fragte die Grenzwächterföhre zurück.
„Nein, ich meine es ernst. Schau mal, ich stehe seit Jahren da unten an der Wegkreuzung und weise den Weg nach Schrums, den ja eh alle kennen, die hier vorbeikommen, weil die, die ihn nicht kennen, hier gar nicht vorbeikommen. Nie passiert etwas. Etwas Aufregendes schon gar nicht. Und ich werde älter und verwittere und es ist dermassen langweilig. Heute ist endlich mal die Post abgegangen. Und wie. Das war einfach megageil.“
Die alte Grenzwächterföhre schüttelte nur den Kopf.
„Auf diese Art Aufregeung hätte ich verzichten können.“
„Du vielleicht. Ich fand es toll.“

„Findest Du das wirklich?“ fragte Lawinchen mit einem leisen Stimmchen. Es hatte zugehört und ein Auge halb geöffnet.
„Find ich echt, ja. Würd ich sonst nicht sagen. War ’ne tolle Leistung. Gratuliere.“
„Und Du machst Dich auch nicht lustig über mich?“
„Aber woher. Ich fand Dich mitreissend. Und wenn ich das finde, dann will das was heissen. Ich weiss, wo’s langgeht, glaub mir.“

Lawinchen machte langsam beide Augen auf. Es blinzelte in die Sonne und schaute sich an, was es angerichtet hatte. Die Grenzwächterföhre rieb sich noch immer missmutig den knorrigen Stamm, hatte sich aber wieder eingermassen beruhigt.
Der Hang, an dem Lawinchen nun hing, hatte sein Kommen relativ gut überstanden. Es war zwar noch mit beachtlicher Geschwindigkeit den Hang hochgesaust, aber seine Masse war bereits so klein gewesen, dass es nicht mehr viel Schaden angerichtet hatte. An seinem Heimathang war eine frischgezogene Schneise zu sehen. Die Mehrheit der Bäume hatte sich aber rechtzeitig geduckt und stand bereits wieder fröhlich im Wind. Alles in allem war der Flurschaden gering.

„Was hast Du jetzt vor?“ fragte der Wegweiser. „Gleich nochmal runter oder erst ein wenig ausruhen?“
„Ich weiss nicht.“ antwortete Lawinchen. „Ich weiss echt nicht, was ich als nächstes tun werde.“

„Auch gut. Dann bleiben wir ein Weilchen hier. Gefällt mir hier oben. Wollte schon immer mal die Baumgrenze aus der Nähe sehen. Sag mir einfach Bescheid, wenn es losgeht, ja? Vielleicht vermisst mich ja auch jemand und sie kommen mich suchen. Oder jemand benutzt mich als Brennholz. Was weiss ich. Wir werden ja sehen…“ Der Wegweiser plauderte munter weiter, aber Lawinchen hörte ihm nur noch mit einem Ohr zu. Mit dem anderen horchte es in sich hinein. Eine zufriedene Stille erfüllte es.

Melonenschatten

24. März 2019

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