Als der Esel über die Brücke kam

15. Januar 2022

Die Arztvisite folgte unmittelbar auf meine Rückkehr von meiner Expedition und natürlich hatte ich Schmerzen, die hauptsächlich vom assistierten Aufstehen und wieder ins Bett Kriechen herrührten, aber auf die Frage des Oberarztes, wie ich mich fühle, sagte ich ohne zu zögern: „Gut!“. Er war ziemlich jung und hatte eine einseitige Punkfrisur, und vielleicht war er mit seinem weissen Kittel gar kein Oberarzt, sondern lediglich der diensthabende Stationsarzt, denn es war Sonntag und das Spital lief nicht auf allen Zylindern.

Aber vielleicht war ich ja auch kein richtiger Patient und wir befanden uns alle in einem postum veröffentlichten Roman von Stanislaw Lem, in dem nicht nur die Dame am Empfang sondern auch der Autor längst nicht mehr wussten, wo die Realitätsebene gerade lag. Mit Bettenfahrstühlen war sie jedenfalls nach drei Tagen Schmerztherapie mit hin und wieder ein paar Substanzen aus dem Milchsaft des Schlafmohns nicht mehr zu erreichen.

Mit seinen zwei noch jüngeren Assistenzärzten, die hinter ihm stehend alles in ihre iPads tippten, was der Stationsarzt von sich gab (“Drei … auf jeden Fall, und 5 Tage ist eine gute Dauer”), hätten sie gut als das Leibarzttrio des gescheiterten Bundeskanzlers durchgehen können.

Ich fragte noch, ob die Bülow-Drainage noch lange meinen Brustkorb leerpumpen müsse, weil es mir schien, als würde sie mir mehr Schmerzen bereiten als alle sechs gebrochenen Rippen zusammen, aber er reagierte nicht auf meine Frage (ausser die 5 Tage wären seine vorweggenommene Antwort gewesen – haben Sie den Kopf angeschlagen?) und teilte mir stattdessen – bereits unter der Türe stehend – mit, das gestrige Röntgenbild hätte nichts Auffälliges zu Tage gefördert. Mich hätte auch das Unauffällige interessiert, denn schliesslich ging es um meine lädierte Lunge, aber die Arztvisite war beendet und ich senkte das Kopfteil per Knopfdruck wieder ab.

Die Visite hatte keine drei Minuten gedauert. Wenigstens blieb mir diesmal die Frage nach meinen Schmerzen auf einer Skala von 1-10 erspart. Moment, ich schau gleich nach!

Ich musste mich nun zuerst ein wenig erholen. Nicht von der Visite, aber von meiner Morgen-Expedition zur Toilette. Mich aufrichten (lassen), auf der Bettkante sitzen, aufstehen und mit dem Rollator den langen Marsch zur Toilette (ich schätze ihn auf 6, maximal 7 Meter) in Angriff nehmen, mich vor der Toilette stehend sammeln (alles natürlich unter Aufsicht eines Pflegers oder einer Pflegerin), nach geraumer Weile pinkeln, gottseidank, dann unter Stöhnen umdrehen, hinsetzen und 10 Minuten ergebnislos sitzen.

Dann gerade noch rechtzeitig (nicht einschlafen!) die rote Reissleine ziehen und den Bremsfallschirm öffnen, der mich kurz vor dem Aufprall auf dem Boden am Fuss der gewundenen Treppe mit einem Ruck hochhebt und mich und die Hunde sanft landen lässt. “Schwein gehabt”, lache ich zu meinem Kulturteam, das auf mich und die Hunde gewartet hatte, um ein Weihnachtsvideo zu drehen, das von Botschaft zu Botschaft um die Welt gegangen wäre. Wahrscheinlich auch ist, einfach ohne mich. So eine blödsinnige Idee aber auch (Haben Sie den Kopf angeschlagen?).

Es zahlt sich eben doch aus, dass ich diese geschwungene Holztreppe nie ohne Fallschirm hinuntergehe, auch wenn mich der eine oder andere Gast oder Mitarbeiter deswegen hinter meinem Rücken sicher schon belächelt hat.

Vor mir hätten zwei ruhige Wochen gelegen, mit einer durch die Covid-Massnahmen leergefegten Agenda und viel Zeit zum Schreiben und American Football schauen, bis dann nach Weihnachten zwei meiner Kinder nach Wien gekommen wären und Anfang Jahr auch meine Frau, die gerade in Israel weilte, um zum zweiten Mal Grossmutter zu werden. Viva la doppia nonna! (Grossmutter mag sie nicht).

Nun liege ich also im Allgemeinen Kranken Haus im 9. Distrikt in Wien und erkläre der ebenfalls weiss gekleideten Frau, die sich alle erdenkliche Mühe gibt, mir ein paniertes Etwas, diesmal mit Reis, schmackhaft zu machen, dass ich es wie gestern und vorgestern und übrigens auch morgen nicht essen werde, danke, aber nein danke.

„Die zwei Semmel vom Frühstück reichen völlig, um meinen Kalorienbedarf zu decken, gute Frau. Ich kann mich ja kaum bewegen“. Ich esse eine Hälfte um 9, eine um 11, eine um 15 Uhr zum Tee und eine am Abend, um mich zu stärken für die zweite Expedition des Tages, die mir jeweils etwas leichter fällt als die Morgenexpedition, nach all den Schmerzmitteln die tagsüber in mich getropft sind oder die ich geschluckt und unter der Zunge habe vergehen lassen.

Es geht mir gut. Es geht mir wirklich gut, auch wenn die rasche Antwort an den Oberarzt eher einem Reflex entsprang, den ich – nicht nur gegenüber Ärzten mit Punkfrisur – in meinem nun schon recht langen Leben entwickelt habe, vor allem in Spitälern. Man landet sonst unvermittelt in der Röhre und die Krankenkasse weigert sich später, die Rechnung zu bezahlen (“Embolien und Sturzgeburten werden bei uns ambulant abgehandelt”).

„Haben Sie den Kopf angeschlagen? Ich muss Sie das fragen.“ Ich öffne die Augen und sehe eine junge Frau in einem blauen Kittel. „Nein“ sage ich. Ich wiederhole mich gerne, denn ich habe wirklich kein Kopfweh. Dann schliessen sich meine Augen wieder. Erst ein paar Tage später stelle ich fest, dass ich doch eine kleine Beule habe, hinten links, und denke, dass es eigentlich unverständlich ist, dass nach einem solchen Sturz niemand meinen Kopf abgetastet hat. Wie hätte ich meinen Kopf spüren sollen, wenn die Schmerzsignale von den sechs gebrochenen Rippen wie eine Blechkapelle alles andere übertönten? Aber vielleicht haben sie meinen Kopf ja abgetastet, mehrmals und sorgfältig. Man kriegt nicht alles mit.  

Nach weiterem Überlegen komme ich rasch zum Schluss, obwohl ich momentan mehr Zeit hätte, nachzudenken, dass es mir nicht nur gut, sondern ausgezeichnet geht. Wer ganz oben auf einer geschwungen Holztreppe mit 36 Stufen ins Wanken kommt und mit zwei Zwergpudeln unter den Armen die ganze Treppe hinunterstürzt, weil er einen Fehltritt mit dem nächsten ausbalancieren will und schliesslich in horrendem Tempo unten ankommt, kurz vor dem fürchterlichen Aufprall auf dem Boden die Pudel in die Höhe werfend, damit sie sich nicht verletzen (man denkt tatsächlich im Fallen), der hat unfassbares Glück gehabt, wenn alles, was er davonträgt, sechs gebrochene Rippen und ein Pneumothorax sind. Obwohl man – und ich erwähne das hier nur deshalb, weil es mir in den Sinn kommt, nicht weil ich einen Hang zum Dramatischen hätte – mit gebrochenen Rippen noch nicht ganz aus der Herberge ist, wie die Franzosen so schön sagen. Aus dem Spital übrigens auch nicht, und das ist wohl gut so.

Vor vielen Jahren, ich war damals um die Vierzig und hatte mich gerade von meiner ersten Frau getrennt, fuhr ich einmal mit meinem gelben Motorrad von Bern nach Zürich zu einer Frau, die ich ein paar Wochen zuvor auf einer Dating-Plattform kennengelernt hatte. Ihr Name fällt mir gerade nicht ein, aber ich wüsste ein paar Eselsbrücken, über die ich ihn wahrscheinlich schnell finden würde. Es scheint mir jedoch besser und irgendwie anständiger, respektvoller, ihn nicht zu nennen, auch wenn wir nichts Unanständiges miteinander angefangen haben, damals.  

Sie wohnte in einem Aussenquartier von Zürich und ihr Wohnort hatte mich zusammen mit ihrem Namen, sofern es denn ihr richtiger Name war, und nicht lediglich ihr Plattformname, vermuten lassen, dass sie vielleicht einen meiner Freunde kenne könnte, der hier aufgewachsen war.

Es war dann aber nicht der Fall. Das heisst, ich habe sie gar nicht danach gefragt, weil ich im Augenblick, als sie die Türe öffnete, wusste, dass sie meinen Freund nicht kannte. Ebenso rasch wusste ich bei ihrem Anblick und noch mehr beim Anblick ihrer Wohnung, dass es ihretwegen keine zweite Fahrt von Bern nach Zürich geben würde. Nicht am Feierabend und schon gar nicht an einem Wochenende.

Es war nicht, dass sie nicht hübsch gewesen wäre. sie war durchaus hübsch, aber sie machte auf mich von der ersten Sekunde weg einen ganz und gar biederen Eindruck. Wobei ich mich gleich bei ihr entschuldigen möchte, für den sehr unwahrscheinlichen Fall, dass sie diese Zeilen irgendwann einmal lesen und sich darin wiedererkennen sollte.

Was heisst bieder und was meine ich damit (meist nicht das gleiche)? Ich kann bieder schlecht erklären, aber vielleicht ist das bereits die Erklärung. Am besten erzähle ich, wie es weiterging. Vor dem Nachtessen sassen wir nebeneinander auf ihrem Sofa und tranken Tee. Es war so, als würde ich mit einer Nachbarin meiner Mutter, die mich freundlicherweise eingelassen hatte, warten, bis meine Mutter, die meinen angekündigten Besuch vergessen haben musste, nachhause kommt.

Irgendwann ergriff ich ihre Hand, aber nach einer Weile liess ich sie wieder los. Als meine Mutter noch immer nicht kam, gingen wir zu Tisch und sie erzählte mir, dass sie sich diese Wohnung vor vier Jahren (oder waren es sechs?) gekauft hatte. Bald nach der Scheidung. Diese Wohnung sei das Allerwichtigste für sie. Ja, ich glaube, das hat sie so gesagt: das Allerwichtigste.

Obwohl die Frau etwa in meinem Alter war, (“Frau, in Deinem Alter, mit Sofa, sucht Kontakt”) war sie gekleidet wie eine Nachbarin meiner Mutter und ihre Einrichtung sah aus wie ich mir die Einrichtung der Nachbarin meiner Mutter vorgestellt hätte, wenn ich darüber nachgedacht hätte. Sie habe ihre Wohnung sehr sorgfältig (womit sie geschmackvoll gemeint haben muss) eingerichtet und sie lasse nicht viele Leute in ihre Wohnung, sagte sie. Der Zusammenhang offenbarte sich mir nicht sofort, aber ja, ich nahm gerne noch drei Bratkartoffeln.

Wir tranken je ein Glas gekühlten Weisswein und ein Glas wohltemperierten Rotwein und ich überlegte mir angesichts der bereits ziemlich missglückten Begegnung, ob ich ihr von meinen richtigen Kindern oder von erfundenen erzählen sollte, falls sie mich nach ihnen fragen würde. Aber sie fragte mich nicht. Stattdessen erzählte sie mir von ihrem Grossvater, den sie sehr geliebt habe.

Er sei vor einem halben Jahr in seinem geliebten Garten beim Kirschenlesen von der Leiter gefallen (eine Sprosse sei gebrochen) und habe sich zwei Rippen gebrochen. Nach zwei Tagen im Spital habe man ihn entlassen und in der ersten Nacht zuhause sei er gestorben, weil eine der gebrochenen Rippen seine Lunge durchstochen habe. Tränen kamen ihr hoch. Ich legte meine Serviette gefaltet neben meine Teller und ging um den Tisch herum, um sie zu trösten.

Daraus ergab sich unser erster Kuss und bald darauf waren wir in ihrem Bett, das aussah wie das Bett, das in meiner Erinnerung im Schlafzimmer meiner Grosseltern stand. Sogar ein Kreuz hing über dem Kopfteil, ich konnte es kaum glauben, und ich kam mir vor, als würde ich ihr gerade dabei helfen, ihren betagten Mann zu betrügen und meine Mutter schwer zu enttäuschen.

Als wir fertig waren und ich zu ihr sagen wollte, es sei schon spät und es daure eine ganze Weile, bis ich mit dem Motorrad zurück in Bern sei, sagte sie überraschenderweise, ich könne bei ihr übernachten. “Oh…” sagte ich.

“Nimm Dein Kissen mit” sagte sie, und ging mir voran „Die sind besser als die im Gästezimmer.“ Ich schluckte leer, nahm das Kissen unter den Arm und folgte ihr ins Gästezimmer. Sie hatte sogar eine frische Zahnbürste und Zahnpasta für mich. Ich küsste sie auf die Stirne, wie man das nach 20 Jahren Ehebruch macht, merkte mir die Möbel im Flur, damit ich in der Dunkelheit nicht darüber stolpern würde, und legte mich in ihr Gästebett.

Mein Plan war, zu warten, bis Maggie (sobald ich die Augen schloss, kam der Esel über die Brücke) schlafen würde, und dann leise zu verschwinden. Der Schlüssel, dessen hatte ich mich versichert, steckte. Aber wie lange würde ich warten müssen, bis Maggie sicher schlief? So adrett wie sie war, durfte ich nicht darauf hoffen, dass sie schnarchte.

Als ich mich gerade mit dem Gedanken anzufreunden begann, die Nacht im Gästebett zu verbringen und frühmorgens mit dem glaubhaften Hinweis auf eine frühe Sitzung die Flucht zu ergreifen, öffnete sich die Türe und Maggie kroch unter meine Decke.

Ich sah aufziehende Schmach. Wie sollte ich nur 10 Minuten nach einem durchschnittlichen Vergnügen bereits wieder meinen Mann stellen? Aber meine Befürchtung war völlig umsonst. Sie küsste mich mit einer Innigkeit, die mich im Nu wieder weckte und am Ende erhob sich ihr Grossvater inmitten eines Spatzenschwarms (oder waren es Amseln?) aus dem Kirschbaum und drehte fröhlich zwitschernd über dem Milchbuck in Richtung Bern ab. Maggie und ich schliefen zufrieden ein (jedenfalls glaubte ich, dass sie das auch war), eng umschlungen und unsere Köpfe nebeneinander auf einem ihrer Qualitätskissen.

Auf der Fahrt nach Bern am kommenden Morgen hielt ich bei der Tankstelle in Würenlos und sah, dass eine stattliche Heuschrecke es sich auf meinem Lenker bequem gemacht hatte. Sie sass direkt neben der Kupplung und machte keine Anstalten, abzuhauen, als ich sie berührte. Sie wollte offensichtlich mitfahren, und das tat sie dann auch. Erst in Ausserholligen, an der Freiburgstrasse, als ich mein Motorrad die kleine Rampe hoch in den Keller rollte, hüpfte sie in die Wiese.

Ich hatte es nicht eilig, denn anstelle einer erfundenen frühen Sitzung erwartete mich ein freier Tag. Ich suchte und fand die CD von Rod Stewart, machte mir einen Kaffee und rauchte auf dem Balkon eine Zigarette. „Oh Maggie I Shouldn’t have tried…. anymore“.

Maggie wäre in der kurzen Reihe von Frauen, die ich damals auf Plattformen kennenlernte, irgendwo in der Mitte der Skala von 1-10 gelandet, wenn ich damals eine Skala gehabt hätte. Eine 10 hätte ich nie vergeben können. Aber ich war ja selber auch weit davon entfernt, eine 10 zu sein, hätten die Frauen eine Skala benutzt. Maggie war eine überraschende 5, die als 2 angefangen hatte.

Die schlechteste Bewertung hätte ich einer Frau aus Solothurn geben müssen. Ich besuchte sie mit dem Zug, da die Wettervorhersage für die Nacht Regen angesagt hatte. Wir sassen auf ihrem Sofa (alle meine Dates hatten ein Sofa) und haben geredet, während der Fernseher lief. Ich kann es nicht haben, wenn der Fernseher läuft, ohne dass man sich eine Sendung wirklich anschauen will, aber ich sagte nichts.

Ich weiss nicht mehr, worüber wir geredet haben, und noch viel weniger könnte ich sagen, was am Fernseher lief. Nach einer ganzen Weile auf dem Sofa haben wir uns geküsst, glaube ich, obwohl kein einziger Grossvater gestorben war, und dann sind wir irgendwann in ihrem Bett gelandet. Dort hat sich ausser ein paar weiteren Küssen nichts Nennenswertes ergeben und irgendwann, kurz vor Mitternacht, sagte sie wie aus dem Nichts: „Du kannst übrigens nicht hier übernachten“.

„Und das sagst Du mir erst jetzt?“ antwortete ich, sprang auf und zog mich so schnell es ging an. „Der letzte Zug fährt in 8 Minuten…“ Ich stürzte aus der Wohnung und rannte durch den strömenden Regen in Richtung Bahnhof. Ich hatte Glück und erreichte den Zug gerade noch – zusammen mit dem Schaffner sprang ich völlig durchnässt und nach Atem ringend in den letzten Wagen, der sich, so schien es mir, bereits in Bewegung gesetzt hatte.

Was für eine saublöde Kuh, dachte ich. Es war völlig OK, dass nichts lief, und ebenso OK, dass sie nicht wollte, dass ich die Nacht bei ihr verbrachte. Aber sie wusste, dass ich mit dem Zug gekommen war, sie kannte die Distanz zum Bahnhof und sie muss gewusst haben, dass es nach Mitternacht keine Züge mehr gab.

Am nächsten Abend schrieb sie mir eine Mail und teilte mir mit, sie möchte mich wiedersehen, was mich einigermassen verblüffte. Ich hatte offenbar ihren „Rennt durch den Regen nach Hause“ Test bestanden, aber ich verspürte keinerlei Lust, sie wiederzusehen. Wer weiss, was sie noch für Tests auf Lager hatte.

Ich änderte noch am selben Abend mein Profil auf der Dating Website. „Mann um die Vierzig sucht Frau ohne Sofa. Mietwohnung in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs angenehm.“ Aber es sollte mein letztes Date gewesen sein. Wenige Tage später stellte mir ein Freund, der im selben Quartier wie Maggie aufgewachsen war, seine Exfreundin vor, die dann meine Freundin wurde und 7 Jahre lang blieb. Sie hat den Hüftwechsel noch miterlebt.

Ich blieb nach meinem Treppensturz 8 Tage lang im Spital. Im Patientenbrief, den ich bei der Entlassung aus dem Allgemeinen Krankenhaus erhielt, stand neben anderen Dingen auch der Satz: „Der Patient gibt an, den Kopf nicht angeschlagen zu haben, obwohl er mehrmals danach gefragt wurde.“ Die Sache mit dem Kopf scheint wichtig zu sein. Während man bei sechs gebrochenen Rippen (immerhin die Hälfte des linken Brustkorbes) nur warten kann, bis sie von selbst verwachsen. Gestern ist die harte Kruste des Eingangs der Drainage abgefallen. Ich hielt sie in der Hand und sie erinnerte mich an die unzähligen Krusten, die ich als Kind so gerne von meinen Knien gekratzt hatte. Verrückt, was seither alles passiert ist.    

Kein Tag wie jeder andere

23. November 2021
  • meiner Mutter zum 89. Geburtstag

Ich schreibe den 22. November 2021 und zum Glück bin ich mit diesem Datum nicht alleine. Alle Menschen (sofern sie gerade schreiben und nicht kochen, essen, schlafen, arbeiten, spielen oder ein Kind zeugen), die westlich der Datumsgrenze leben, schreiben den 22. November. Hier in Wien noch dreiviertel Stunden lang.

Meine Mutter wäre heute 89 Jahre alt geworden. Auch damit bin ich nicht alleine. Viele Mütter wären heute 89 Jahre alt geworden, und einige sind es tatsächlich geworden. Alle, die es nicht geschafft haben, habe ich heute Nachmittag kurzfristig zu einem Geburtstagsfest in die Residenz eingeladen. Das war möglich geworden, weil wegen dem ab heute in ganz Österreich geltenden Lockdown eine geplante Abendeinladung ausgefallen ist. Natürlich sind nicht alle gekommen, bei Weitem nicht, das habe ich angesichts der kurzfristigen Einladung auch nicht erwartet, aber glauben Sie mir – die Residenz war voll und es herrschte eine Stimmung wie bei einem Kindergeburtstag.   

Wenn ich am Ende dieses Textes angelangt sein werde, werde ich mich von meinem Schreibtisch erheben und mit meiner Gattin und unseren Hunden die Treppe hinunter und dann ein paar Schritte in Richtung Osten gehen, wo die Hunde im Garten der Residenz ihr letztes Geschäft vor der Nachtruhe verrichten können.    

Ich bin froh, dass der Garten der Residenz auf der Ostseite des Hauses liegt. So bin ich auf der sicheren Seite. Wenn man nämlich die Datumsgrenze in Richtung Westen überquert, kommt man in den nächsten Kalendertag, und ich will das Kuchengeschirr, die Tassen und Gläser und all die kleinen Dinge, die Trompeten, Spitzhüte und Glückskäfer, die aus den Tischbomben geflogen kamen, noch heute wegräumen (jemand hat seinen Schal vergessen).

Die Datumsgrenze, ich habe es gerade nachgelesen, verläuft zwischen den beiden Polen der Erde in der Nähe des 180. Längengrads. Wer über sie hinwegschreitet, gelangt in ein anderes Datum, und zwar in ein früheres, wenn er (oder sie) Richtung Osten geht, und in ein späteres in Richtung Westen. Wenn ich „hinwegschreiten“ sage, ist das allerdings schlecht möglich, denn die Datumsgrenze verläuft mitten im Pazifischen Ozean. Man müsste also darüber hinweg schwimmen oder rudern. Auch ein Motorboot wäre denkbar. Segeln würde ich nicht empfehlen, da es um Mitternacht windstill sein kann.

Andererseits wissen wir alle aus Erfahrung, und dafür muss man nicht 89 werden, dass das Datum nicht Mitten im Ozean, sondern immer dort wechselt, wo es gerade 24 Uhr ist, an der sogenannten Mitternachtslinie. Das leuchtet abgesehen davon, dass wir es schon unzählige Male so erlebt haben (in meinem Fall meistens schlafend) auch viel mehr ein, als eine fixe Linie im Pazifik, die früher oder später ganz den Chinesen gehören wird, und wer weiss, was die dann mit dem Datum anstellen werden.

Des Rätsels Lösung ist offenbar, dass es nicht eine, sondern zwei Linien für den Datumswechsel gibt. Neben der einen Linie, die wir im Schlaf begreifen und die (auf der der Sonne abgewandten Seite) die Erde in 24 Stunden einmal umrundet, muss es zwangsläufig eine zweite geben, weil sonst die Erde ja nicht in zwei verschiedene Tage, in heute und morgen (oder heute und gestern) aufgeteilt wäre, sondern heute würde ungebremst bis direkt an die Datumsgrenze reichen und dort wieder heute beginnen, weil auf der anderen Seite der Linie ja bereits heute wäre und deshalb nicht morgen beginnen oder gestern schon vorbei sein kann.   

Aus Gründen der Geometrie, denke ich, weil etwas nicht an sich selber grenzen kann, kann die runde Erde nur mit Hilfe von zwei Datumsgrenzen in zwei Bereiche mit dem alten Datum (gestern bzw. heute) und dem neuen Datum (heute bzw. morgen) aufgeteilt werden. Dieser andere Datumswechsel findet, so wurde es irgendwann festgelegt, am 180. Längengrad statt.

Die Bewohner beidseits dieses Längengrads haben dann allerdings nicht das gleiche Kalenderdatum. Auf der westlichen Seite ist man einen Kalendertag weiter als auf der östlichen Seite. Zum Glück verläuft diese feste Trennlinie im Pazifik, zwischen den beiden Kontinenten Asien und Amerika, wo nur sehr wenige Menschen leben. Den wenigen Inselbewohnern, die an dieser festen (im Gegensatz zur wandernden) Trennlinie leben, könne es zugemutet werden, so sahen es die Erfinder der festen Datumsgrenze, dass Nachbarn, die auf der anderen Seite der Datumsgrenze leben, immer ein anderes Datum haben.

Liebe Mutter, das mit der Datumsgrenze hat Dich wahrscheinlich nicht wirklich interessiert, und es tut mir leid, dass ich mich so lange mit diesem Thema aufgehalten habe. Bei all den vielen Gästen heute Nachmittag konnten wir ja kaum miteinander reden, obwohl ich Dich gerne vieles gefragt und Dir noch mehr zu erzählen gehabt hätte. Wir haben uns aus der Ferne zugeprostet und ich habe gesehen, wie Du zweimal in die Küche gegangen bist, um mehr Kuchen aufzutragen. Ich wollte das selber machen, weil Du an Deinem Geburtstag Gast warst und nicht die anderen Gäste hättest bewirten müssen, aber ich bin irgendwie nicht durchgekommen.

Du hast gut ausgesehen und es war wunderbar, wieder einmal Dein Lachen zu hören. Lass mir Vater herzlich grüssen und falls das Dein Schal ist, der in der Garderobe hängen geblieben ist, hoffe ich, dass Du einverstanden bist, dass ich ihn behalte.

PS: Weisst Du noch, dass ich den grössten Teil meiner Studienzeit im Mittelalter zugebracht habe? Damals war die Erde eine Scheibe und eine Trennlinie für den Datumswechsel hätte genügt oder wäre, wenn ich es mir überlege, schon eine zu viel gewesen.    

Sonntag, den 21. November 2021

21. November 2021
  • aus dem Tagebuch eines Schreibenden

Gestern bin ich nach einem Unterbruch von mehreren Wochen wieder zu meinem Roman-Manuskript zurückgekehrt. Die Schreibpause war offenbar zu lange. Meine Hauptfigur, ein sechzehnjähriger Klempnerlehrling, fand ich mies gelaunt und unwillig, weiterhin als Ich-Erzähler zu fungieren, auf Seite 24, wo er gerade damit beschäftigt war, die Seitenzahl abzumontieren (auf den vorherigen Seiten fehlte sie bereits).

„Such Dir einen anderen“, waren seine Worte, ohne aufzublicken. „Ich bin raus hier.“ Es hat mich einiges gebraucht, ihn umzustimmen. Er willigte erst ein, zu bleiben, als ich ihm zugestand, dass er die weitere Handlung mitbestimmen darf. Das schränkt mich zwar ein, und ich mag Einschränkungen nicht, aber Mitbestimmung ist ein vager Begriff. Ich werde mir von einem 16-Jährigen die Handlung meines ersten Romans nicht vorschreiben lassen. Er ist der Erzähler, aber ich schreibe. Er wollte noch als Co-Autor auf dem Buchdeckel aufgeführt werden, aber das habe ich kategorisch abgelehnt. Eher, sagte ich zu ihm, suche ich mir eine andere Hauptfigur. Seinen Namen durfte er ändern und die Seitenzahlen muss ich selber wieder einfügen.

Eine weibliche Nebenfigur will gegen mich Klage einreichen wegen Vernachlässigung, oder hat das bereits getan, sie war so wütend, dass ich sie kaum verstanden habe. Und dies, obwohl in meinem Manuskript noch kein Gericht und auch keine Anwälte vorkommen. Ist sie alleine vorausgegangen? Wie weit? Und woher weiss sie, wie es weitergeht? Und wenn es im Verlauf der Geschichte zu einer Sexszene kommen sollte (die Hauptfigur möchte das unbedingt): wird sie dann auch Klage einreichen? Auch gegen mich?  

Vier Randfiguren sind verschwunden und ich musste sie suchen gehen. Einen habe ich nach kurzem Überlegen in einer Kurzgeschichte von Mark Twain wieder gefunden (er hatte kein Geld mehr und schien erleichtert, als er mich sah), einen anderen vermute ich in einem Roman von Lars Gustafsson, den ich unlängst gelesen habe. Ich bin zuversichtlich, dass er wieder auftauchen wird, falls er die Hauptfigur, einen sterbenden Imker, nicht bis ans Ende begleitet.    

Den dritten, einen Zyniker, dem ein Bein fehlt, werde ich wohl abschreiben müssen, oder, besser gesagt, neu schreiben. Er hat mir eine Postkarte geschrieben, die – gemäss Poststempel – nur vier Tage, nachdem ich zum letzten Mal an meinem Manuskript gearbeitet habe, in Odessa abgesandt wurde. „Habe mich der Reiterarmee angeschlossen“, stand grusslos auf der Rückseite der Karte, auf deren Vorderseite der Primorskij-Boulevard abgebildet ist.

Abgesehen davon, dass ich mir schwer vorstellen kann, wie er mit nur einem Bein reiten kann, hätte ich nie gedacht, dass er Isaak Babel liest. Bin überhaupt erstaunt, dass er liest. Aber das zeigt nur wieder einmal, wie schlecht wir unsere Figuren kennen. Vielleicht müsste ich beginnen, mit einem Zettelkasten zu arbeiten, wie es Schriftsteller früher beim Verfassen längerer Werke getan haben. Vor drei Tagen war in der NZZ ein Artikel über solche Zettelkästen abgedruckt, die für Autoren wie Arno Schmidt, Niklas Luhmann und Hans Blumenberg offenbar das wichtigste Arbeitsinstrument waren. „Vielleicht wird das Wirkliche erst wirklich, wenn es auf eine Karteikarte gebannt ist“, stand in der Überschrift des Artikels. Vielleicht wird es auch erst wirklich, wenn die Gewerkschaft der Romanfiguren damit einverstanden ist.

Die vierte Verschwundene hat den Vogel abgeschossen. Wie sie es in wenigen Wochen geschafft hat, von einer eher unwichtigen Nebenfigur in einem Romanmanuskript, das wie meine früheren Manuskripte vielleicht nie zu Ende geschrieben wird, in einem Gedicht von Dylan Thomas die Hauptrolle zu übernehmen, ist mir schleierhaft. Ich kann ihr nur gratulieren und wünsche ihr alles Gute.

Hin und zurück

8. November 2021

(ein Gedicht mit drei Fussnoten)

Vorabend

Lange her

Der Fernseher lief

Das Zimmer war leer

Es war bereits dunkel draussen

Das Fenster zum Hof stand offen

Ich wollte den Fernseher ausschalten

Eine Stimme sagte: Afrika

Der Fernseher läuft

Noch immer     

Noch

1) Fremtilbaks (vom Norwegischen „frem og tilbake“: hin und zurück) ist eine heute nicht mehr gebräuchliche skandinavische Versform mit 11 Zeilen, bei der die Anzahl Worte von Zeile zu Zeile bis auf 6 Worte ansteigt und dann wieder abnimmt bis zu einem Wort.  (Lexikon der ungebräuchlichen skandinavischen Verse, Oslo, 1982)

2) Es gibt keinen wirklichen Unterschied zwischen „abschalten“ und „ausschalten“, aber meist sagt man bei Geräten, wie z.B. einem Fernseher „ausschalten“ und bei einer Anlage, wie z.B. einem Atomkraftwerk „abschalten“ (Google)

3) Es gibt schon einen Unterschied zwischen „abschalten“ und „ausschalten“, aber man wird sich dessen meist erst dann gewahr, wenn man vergessen hat, den Fernseher abzuschalten, während man vergeblich versucht, ein Atomkraftwerk auszuschalten.

Habermanns Verfolgung

18. September 2021
  • eine Geschichte in 4 Etappen

Prolog, Silver Spring, Maryland, USA, an einem sonnigen Herbstmorgen im Jahr 1998

Ein Mann im dunkelgrauen Anzug und mit Sonnenbrille betritt den Eingangsbereich eines Ford Händlers, durchquert die Halle und tritt an den Schalter. Die Empfangsdame begrüsst ihn mit den Worten:
«Guten Morgen, mein Herr, was kann ich für Sie tun?»
«Frederik Johnson, FBI» (er zeigt seinen Ausweis) «Ich brauche die Akten eines Ihrer Kunden: George Habermann. Ein roter Ford SHO.»
Die Empfangsdame lacht. «Da müssen Sie mir aber sagen, welcher der beiden Sie interessiert. Es gibt nämlich zwei George Habermann, die einen roten Ford SHO fahren! Unglaublich, nichtwahr?»
«Ich weiss, aber einer ist verschwunden. Ich brauche den anderen.»

Erste Etappe: Die Tochter der Wahrsagerin (Obersaxen – Washington, D.C.)
vier Jahre vorher, im August 1994

Es ging gar nicht. Es war völlig unmöglich. Wie sollte er sein zweites Ich einholen, das drei Jahre vor ihm gestartet war und somit eigentlich sein erstes Ich war? Es war völlig undenkbar, dass ein Mensch zweimal geboren wurde, im Abstand von wenigen Jahren, und doch hatte die junge Frau genau das behauptet, und zwar nicht von irgendjemandem in einer erfundenen Geschichte, sondern von ihm, George Habermann.

„Du bist nie ganz bei Dir, weil Du Dir vorausgeeilt bist. Wenn Du zu Dir finden willst, wenn Du ganz werden willst, musst Du Dich auf Deine Fersen machen. Und zwar schnell. Je länger Du wartest, desto schwieriger wird es für Dich, dich noch vor dem Ziel einzuholen.“

Und für diesen Unsinn hatte er auch noch 50 Dollar bezahlt, in einer Seitengasse des Dupont Circle in Washington, D.C. Der Schwiegersohn eines längst verstorbenen Schweizer Kinderbuchautors, dessen im Engadin spielende Werke jedes Kind seiner Generation kannte, hatte ihm eine Wahrsagerin empfohlen. Er halte sonst nichts von Wahrsagerinnen, hatte er ihm versichert, aber jedes Mal, wenn er in Washington sei, besuche er sie, und sie enttäusche ihn nie. Es sei einfach unglaublich, was sie über sein Leben wisse, ohne dass er ihr je auch nur das Geringste über sich erzählt habe, und ebenso verblüffend sei, wie oft das, was sie ihm voraussage, dann auch tatsächlich so oder ähnlich eintreffe. Und das alles für 25 Dollar.

Habermann hielt noch weniger als nichts von Wahrsagerinnen und spätestens als er an der Türe klingelte und eine jüngere Frau öffnete und ihm erklärte, ihre Mutter sei krank, aber sie würde sie vertreten, hätte er es sein lassen sollen. Stattdessen folgte er ihr die Treppe hoch in ein nur schwach ausgeleuchtetes Zimmer und setzte sich ihr gegenüber an den kleinen Tisch, auf dem keine Kristallkugel stand – wenigstens das nicht, dachte er.

Wie die Vertretung der Wahrsagerin (wer sagte, dass es sich wirklich um ihre Tochter handelte, und nicht um die Reinigungskraft, die ihre Chance auf ein paar leicht verdiente Dollar gekommen sah?) wissen konnte, dass er in der Schweiz eine ältere Schwester und einen jüngeren Bruder hatte, und dass seine Eltern einige Jahre zuvor kurz nacheinander ums Leben gekommen waren, konnte er sich dann allerdings nicht erklären.

Er hatte sich vorgenommen, der Wahrsagerin keinerlei Informationen über sich zu geben, die sie ihm später auftischen konnte, und hatte das auch mit ihrer Tochter so gehalten. Ja und Nein waren seine einzigen Antworten auf ihre Fragen. Wie es schon in der Bibel geschrieben stand: „Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein; was darüber ist, das ist vom Übel.“ Als hätten die Autoren das digitale Zeitalter vorausgeahnt und ganz nebenbei einen Leitfaden für den Umgang mit Wahrsagerinnen und ihren Töchtern verfasst.

Hatte der Schwiegersohn des Kinderbuchautors vielleicht Informationen über ihn hinterlassen? Wusste er, den er nur zweimal getroffen hatte, im Zusammenhang mit einem Ausstellungsprojekt, das nie zustande kommen sollte, diese Dinge überhaupt? Hatte er sie ihm womöglich erzählt? Es war praktisch ausgeschlossen, obwohl er manchmal zu viel redete, wie ihm seine Frau ab und zu vorhielt. Also beschloss er, anstatt aufzustehen und diesen totalen Blödsinn abzubrechen, sitzenzubleiben und der jungen Frau zuzuhören. Er hatte noch etwas Zeit, bevor seine Mittagspause zu Ende war.

Hatte sie tatsächlich die Gabe Ihrer Mutter geerbt? Oder hatte auch ihre Mutter keine Gabe und ihrer Tochter lediglich das raffinierte Geschäftsmodell beigebracht, während ihr für Prophezeiungen weniger begabter Sohn im Hinterhof den Kilometerstand von Gebrauchtwagen manipulierte?

Nach ein paar weiteren erstaunlichen Aussagen über Habermanns Vergangenheit und seine Gegenwart kam die junge Frau ins Stocken. Sie stützte ihren Kopf in beide Hände, schloss die Augen und begann leise zu stöhnen.
„Ist Ihnen nicht gut?“ fragte Habermann? „Kann ich Ihnen ein Glas Wasser bringen?“ Er hatte zwar keine Ahnung, ob und wo es hier Wasser gab, aber es gab hier bestimmt eine Astgabel, mit der er nach Wasser suchen konnte. Oder ein Pendel.

„Du bist nicht ganz“, sagte sie, ohne die Augen zu öffnen.
„Nicht ganz was?“ fragte Habermann, und dachte: Nicht ganz bei der Sache? Nicht ganz gebacken?
„Du bist nicht ganz. Du bist nicht Dein ganzes Ich.“
„Will heissen…?“
„Ein Teil von Dir ist bereits unterwegs, ist Dir voraus. Vielleicht zwei, drei Jahre, vielleicht auch mehr, schwer zu sagen.“
„I see…“ sagte Habermann, obwohl er in diesem Augenblick weder etwas sehen noch etwas verstehen konnte.
„Du wurdest schon einmal geboren und wenn es Dir nicht gelingt, Dich einzuholen, wirst Du nie ganz sein.“ Mit diesen Worten öffnete sie die Augen.
„Das macht 50 Dollar“
„50?“ fragte Habermann, „Man hatte mir 25 gesagt…“
„Davon weiss ich nichts“ sagte die Tochter der Wahrsagerin, ohne mit den künstlichen Wimpern zu zucken.

Was konnte man tun, wenn sie nichts davon wusste? Wahrscheinlich hatte sie beim Frühstück in ihrem Kaffee gesehen, dass heute ein Europäer kommen würde, der das Doppelte des üblichen Preises bezahlt.

„Möchten Sie eine Verlängerung?“
„Nein, danke“ sagte Habermann, und gab ihr die 50 Dollar. Wer wusste, was bei einer Verlängerung noch alles zum Vorschein kommen würde. Vielleicht war er mit einem vorausgeeilten Teil seines Ichs, das er nun würde einholen müssen, noch gut bedient. Vielleicht gab es noch andere Ichs, die schon wesentlich mehr Vorsprung hatten, oder er würde von einem halben Dutzend später geborenen Ichs erfahren, die ihm wie eine Meute hechelnder Hunde auf den Fersen waren.

Als er ihr die Treppe hinunter zum Eingang folgte, fragte er sie: „Und wie macht man das, wie holt man sich selber ein?“
„Wie beim Velorennen“ sagte sie mit einem Lächeln, während sie ihm die Türe aufhielt, die hinter ihm ins Schloss fiel.

Habermann überquerte die Strasse und nahm die Rolltreppe hinunter zur Metro. Wie man so tief unter einer Stadt ein ganzes U-Bahnnetz bauen konnte, konnte er sich nicht wirklich vorstellen. Die Pyramiden von Gizeh? Gut, das war auch kein kleines Wunder, aber Stein auf Stein und mit unendlich viel Zeit und Sklaven konnte er es sich vorstellen. Ein U-Bahnnetz tief unter eine bereits existierende Stadt zu legen, überstieg hingegen seine Vorstellungskraft. Und trotzdem hatten sie genau das getan.

Was hatte sie gemeint mit Wie beim Velorennen? Er war kein grosser Radsport-Fan und wusste entsprechend wenig über Velorennen. Das einzige Rennen, das er sich hin und wieder im Fernsehen anschaute, war die Tour de France. Was er dabei neben den schönen Landschaften am meisten mochte, war, wie die Mannschaften funktionierten. Wie sie eine Taktik hatten, um ihre Sprinter in Position zu bringen für Zwischenwertungen und Etappensiege oder wie sie ihre Leader zum Gesamtsieg führten, wie die einen für die anderen arbeiteten und alles einem Plan folgte, einer Strategie, die manchmal sogar aufging.

Aber was hatte das mit seiner Situation zu tun? Er hatte kein Team, das ihn an sein ausgerissenes Ich hätte heranführen können. Hatte sie ein Einzel-Zeitfahren gemeint? Sein Ich war vor ihm auf die Strecke gegangen und es ging nun lediglich darum, die von ihm vorgelegte Zeit zu schlagen, um am Ziel ins goldene Trikot des Vereinigten Habermann eingekleidet zu werden?

Oder meinte sie den Windschatten? Riet sie ihm, seinem sich auf der Soloflucht befindlichen Ich im Verlauf des Rennens (was für ein Rennen?) so nahe zu kommen, dass er sich kurz vor der Ziellinie aus seinem Windschatten lösen und sich selber überholen konnte? Wäre das dann ein Doppelsieg oder würde er alleine jubeln?

Zurück im Büro blätterte er noch einen Moment in den Papieren, die ihm der Schwiegersohn des Buchautors hinterlassen hatte, und eigentlich hätte er nun ein paar Museen oder Galerien anrufen sollen, um die Möglichkeit einer Ausstellung auszuloten, aber es fehlte ihm an Energie, um zu versuchen, das Engadin seiner Kindheit nach Washington zu holen, und er fragte sich stattdessen, wieviel Vorsprung sein Ich bereits hatte, in welcher Situation es sich gerade befand und was es gerade tat. Hatte es eine Frau und Kinder wie er? Und was würde geschehen, falls es ihm tatsächlich gelingen würde, sich einzuholen

Zweite Etappe: Über die Brücke rennen (Virginia Beach – Delmarva-Halbinsel)
im Oktober 1996

„Lars Henriksen, Armando da Silva jr., Brandon Barnea, Steven Schenker, John Reilly, James Quigley, Garry Landsman, Tony Marino, Kenneth Anderson…”
„Reich mir doch bitte die Milch rüber…“
„Was…?“
„Die Milch…“
Habermann gab seiner Frau die Milch.
„Dieser Dallas Harrison – was für ein Name – der Junge ist ganze 31 Jahre alt. Fünf Sekunden habe ich ihm abgenommen.“
„Toll…“
Linda goss Milch in ihren Kaffee und beugte sich wieder über ihre Zeitung.
„Andererseits ist da dieser Bill Osburn. 72 Jahre alt. Das wäre dann, warte mal, Jahrgang 1924. Lief locker 16 Sekunden schneller als ich. Kannst Du dir das vorstellen? Ich renne über die Brücke, ich gebe alles, was ich habe, meine Füsse tun mir weh in den teuren Airmax, und auf dem letzten Kilometer, als es mir fast die Lunge zerreisst und ich mich am liebsten auf die Strasse legen würde, zieht dieser Greis locker an mir vorbei, wehendes weisses Haar, ausgelatschte Turnschuhe aus dem K-Mart, „Just do it“ auf dem T-Shirt.
Ist als Zwanzigjähriger in der Normandie gelandet, hat die Nazis eigenhändig besiegt und überholt mich fünfzig Jahre später kurz vor Sandy Point, am Ziel des Bay Bridge Runs. Atmet nicht einmal besonders schwer, während ich nach Luft schnappe. Himmelarschundzwirn!“
„Nicht am Tisch bitte, unterbrach ihn Linda, nicht vor den Kindern.“
„Ist aber so. Der Kerl verdrückt im Zielgelände rasch eine Gratisbanane, trinkt zwei Bier des Sponsors und fährt dann nachhause zu seiner fünfundzwanzigjährigen Frau. Seine dritte, versteht sich. Die zweite hat er nach zwanzig belanglosen Jahren grosszügig abgefunden. Sie telefoniert ihm jedes Jahr zu Weihnachten und hinterlässt jedes Mal dieselbe Nachricht auf seinem Beantworter: „Happy Christmas, Bill, I hate you!“. Dann hängt sie wieder auf. Die dritte Frau hat er im Health Club kennengelernt. Blondes, schulterlanges Haar und ein Gesicht wie ein Filmstar, nur nicht so steril. Stets guter Laune. Und natürlich schwer intelligent, sensibel, sinnlich. Sie bumsen nächtelang und spielen vor dem Frühstück zusammen zwei Stunden Squash.“
„George, Du bist widerlich.“
„Ich weiss…“

Er legte die Runner’s Gazette zur Seite und schenkte sich noch einen Kaffee ein. Dann stand er vom Tisch auf und ging mit der Tasse in der Hand in die Küche. Wieso konnte er sich nicht einfach freuen? Vor sechs Wochen hatte er sein erstes Rennen bestritten. Er würde bald vierzig werden und war tatsächlich noch einmal fit geworden, wie er sich das immer vorgenommen hatte, fit vor 40 und dann weiterrennen bis 85.

Von 1738 männlichen Teilnehmern hatte er die 759ste Zeit erreicht, also fast 1000 Läufer hinter sich gelassen auf den zehn Kilometern über die Chesapeake Bay Bridge. Und das alles bei beträchtlichem Gegenwind. Das war doch eigentlich ein schöner Erfolg, für jemanden, der noch vor ein paar Monaten beim Treppensteigen ins Keuchen gekommen war.

Aus dem Küchenfenster sah er seine Kinder im Garten spielen. Norris und Paul prügelten sich unter der Schaukel und Livia und Cindy füllten im Schatten der Bäume Wasserkessel mit Gras und Blüten. Er riss die Schiebtüre zur Veranda auf und schrie in den Garten hinaus:
„Herrgottnochmal, Norris! Willst Du ihn eigentlich umbringen?“
Aber Paul hatte sich bereits aus dem Griff des älteren Bruders befreit und rannte lachend ans andere Ende des Gartens, im Vorbeiweg gezielt den Kessel von Livia umtretend, worauf diese ihm unter grauenhaften Verwünschungen nachsetzte. Nie wieder würde sie mit ihm spielen. Nie! Und wenn er jetzt nicht augenblicklich…

Habermann schloss die Schiebetüre wieder. Nicht einmal seine eigenen Kinder ertrug er. Er war wirklich ein Prunkstück von Arschloch. Er spülte seine Tasse aus und ging mit der Sonntagszeitung nach oben. Die verdammte Zeitung war so dick, dass keiner sie ganz lesen konnte, auch wenn man früh aufstehen würde und den ganzen Sonntag lang nichts anderes vorhatte.

Dritte Etappe: Die Entdeckung des Schläfers (Potomac – Silver Spring – Potomac)
im September 1997

Drei Jahre waren seit dem Besuch bei der Tochter der Wahrsagerin vergangen. Drei Jahre, in denen die Washington Redskins jedes Mal die Playoffs verpasst hatten, sein Tennispartner Harry an Leberkrebs gestorben war und in denen Habermann kaum je an die unglaubliche Geschichte gedacht hatte, die sie ihm für ebenso unglaubliche 50 Dollar aufgetischt hatte.

Eines schönen Tages, die Bäume hatten gerade damit begonnen, ihr farbiges Laub fallen zu lassen, fuhr Habermann mit dem Garagenauto, das er erhalten hatte, bis sein Wagen aus der Werkstatt kommen würde, von seinem Haus in Potomac zur Ford Garage in Silver Spring, um seinen SHO abzuholen.

Er hatte sich diesen besonderen Wagen kurz nach seiner Ankunft in den USA gekauft. Eigentlich hatte er es ja auf einen Ford Mustang abgesehen gehabt, aber der Verkäufer hatte ihm davon abgeraten. Die Winter in Washington, meinte er, hätten zwar selten viel Schnee, aber die Strassen seien oft vereist, und wenn er auch im Winter zur Arbeit fahren wolle, sei ein Hinterradantrieb nicht ratsam. Stattdessen empfahl er ihm einen Ford SHO.

Ein SHO sei ein auf dem Mittelklassewagen Ford Taurus aufgebautes Sondermodell mit stärkerem Motor (Super High Output), erklärte er, das nur zwei PS weniger habe als der Ford Mustang, aber Vorderradantrieb. Weil man ihm seine Kraft nicht ansehe (er sah tatsächlich fast genauso aus wie ein normaler Ford Taurus, das meist verkaufte Auto in den USA), nenne man das Fahrzeug, von dem jährlich nur 10‘000 Stück hergestellt würden, Sleeper.

Habermann parkierte den Garagenwagen auf dem grossen Parkplatz vor der Werkstatt und trat ins Büro. Er überreichte der Dame am Empfang den Autoschlüssel und sagte:
„Der Name ist Habermann. George Habermann. Ich komme meinen Ford SHO abholen.“
„Hi, Mr. Habermann. Sure. Let me get the paperwork ready for you.”

Sie produzierte eine Rechnung, und Habermann wunderte sich über den für einen normalen Service viel zu hohen Betrag. Er schaute sich an, woraus sich dieser zusammensetzte, und sah rasch, dass es sich nicht um seinen Wagen handeln konnte.

„Das ist nicht mein Auto“ sagte er, „Es war nur ein regulärer Service, und auf dieser Rechnung stehen neue Bremsen, eine neue Kupplung, ein neuer Auspuff…“

Die Dame nahm die Rechnung wieder an sich, schaute sie an und sagte: „Sie haben doch einen roten Ford SHO, Jahrgang 94, richtig?“
„Ja, habe ich, aber…“
„Und ihre Adresse ist George Habermann, 29 Abott Road, Silver Spring, nichtwahr?“
„Nein, meine Adresse ist 25 Wimsley Court, Potomac.“
Die Dame schaute ihn ungläubig an, ging zurück zur Registratur und kam mit einer zweiten Rechnung zurück.

„Das ist absolut unglaublich, Mister Habermann! (absolutely incredible!) Es gibt tatsächlich zwei George Habermanns, beide wohnen in Maryland, beide fahren einen roten Ford SHO und beide haben ihren Wagen zur gleichen Zeit bei uns in der Garage. So etwas habe ich noch nie erlebt…“

So etwas hatte sie bestimmt noch nie erlebt, und nicht nur sie, auch die meisten anderen Einwohner von Maryland, Virginia, Washington D.C. und wahrscheinlich der ganzen Ostküste dürften so etwas kaum je erlebt haben, aber rein statistisch betrachtet war es wohl möglich, dass zwei Personen mit demselben Namen denselben Wagen kauften, in der gleichen Farbe, und ihn dann zur selben Zeit in dieselbe Garage brachten. Die Wahrscheinlichkeit liesse sich wahrscheinlich berechnen, und sie musste ziemlich klein gewesen sein bis zum Eintreffen des Ereignisses.

Zuhause angekommen erzählte Habermann seiner Frau von diesem unglaublichen Zufall und nach dem Abendessen suchte er im Telefonbuch nach der Adresse von George Habermann in Silver Spring. Er fand sie samt Telefonnummer und Beruf: Salesman.

Ruhetag: Doppel an der Partridge Lane, Potomac, Maryland
im September 1998

Habermann wachte gut gelaunt auf an diesem Samstagmorgen. Als er die kurze Hose seines Pyjamas abgestreift hatte, nahm er sie mit dem Fuss vom Boden auf, indem er sie durch die Luft schleuderte und mit dem Ausruf „Didier Cuche!“ mit der Hand auffing, wie es der Schweizer Abfahrer jahrelang nach jedem Skirennen mit seinem linken Ski gemacht hatte.

Seit zwei Jahren spielte Habermann fast jedes Wochenende am Vormittag Tennis mit einer Gruppe älterer Herren, von denen einer, Roemer, auf seinem Grundstück an der Partridge Lane einen Tennisplatz hatte, den sie im Herbst zuerst vom Laub befreiten und im Winter freischaufelten, falls es einmal geschneit hatte.

Der Potomac Tennis and Conversation Club bestand aus einem Dutzend Männern, die meisten unter ihnen zwischen 60 und 70 Jahre alt. Habermann war zusammen mit Arthur, der wie er um die Vierzig war, mit Abstand der Jüngste. Es wurde jeweils ein Satz Doppel gespielt und die Sieger blieben auf dem Platz, während die Verlierer im kleinen Pavillon neben dem Platz oder im Winter in der Küche Kaffee tranken, Zeitung lasen und diskutierten.

Das Schöne daran war, neben dem Tennisspielen, dass man nicht planen und sich anmelden musste. Man ging einfach hin, wenn man konnte und Lust hatte, und es waren immer mindestens vier, manchmal sechs, sieben oder acht Spieler da.

Keiner verlor an der Partridge Lane absichtlich ein Spiel, aber es ging nicht wirklich ums Gewinnen, sondern um den Spass am Spielen und das Zusammensein mit Freunden. Nur Alvin, der zweitbeste Spieler der Gruppe, regte sich jedes Mal fürchterlich auf, wenn er einen Doppelfehler machte, während Harry, wie Habermann einer der schwächsten Spieler der Gruppe und sein Lieblingspartner, nach einem der seltenen gewonnenen Punkt zu sagen pflegte: „Nur etwas ist tödlicher als meine Vorhand: meine Rückhand.“

Auf dem Heimweg von seinem Tennismorgen kam Habermann die Tochter der Wahrsagerin in den Sinn, die ihm von seinem anderen ich erzählt hatte, und er musste an den Mann in Silver Spring mit demselben Namen und demselben Auto denken. Wenn dieser tatsächlich sein anderes Ich war, das vor ihm gestartet war, weshalb war er dann nicht weiter als bis Silver Spring gekommen? War das alles, was man mit zwei oder drei Jahren Vorsprung bis zur Einholung durch das Feld herausholen konnte? Ein paar Punkte für die Bergpreiswertung und einen Umzug von Potomac nach Silver Spring?

Wenn dieser Verkäufer (was verkaufte er wohl?) aus Silver Spring tatsächlich sein früher geborenes Ich sein sollte, war er lediglich sein Vorausgänger? Würde auch er selber in ein paar Jahren in Silver Spring wohnen und als Verkäufer für sagen wir, Kühlschränke, unterwegs sein? Wie würde er dazu kommen, seinen Beruf als Diplomat aufzugeben, um in Silver Spring sesshaft zu werden und Kühlschränke zu verkaufen?

Oder war dieser George Habermann in Silver Spring nicht sein Vorausgänger, sondern ein vor ihm geborenes Ich, das einen ganz anderen Weg gegangen war, eine andere Frau geheiratet hatte und vielleicht nicht vier, sondern zwei oder gar keine Kinder hatte? Lebte er gar alleine?
War nicht nur sein Wagen ein Sleeper, sondern er selber, und er wartete nur darauf, dass er ihn einholen würde?

In der Tour de France wurden Ausreisser, die nach einer langen Soloflucht von ihren Verfolgern gestellt wurden, meistens gleich nach der Einholung stehengelassen und kamen danach mit grossem Rückstand ins Ziel, weil sie sich auf ihrer langen Flucht alleine im Gegenwind zu stark verausgabt hatten. Oder sie schafften es gar nicht mehr ins Ziel und wurden vom Besenwagen eingesammelt, der am Schluss des Trosses all diejenigen Fahrer aufnahm, die aufgeben mussten.

Was würde passieren, wenn Habermann Habermann eingeholt haben würde? Würde sein Vorausgänger nach dem Ende seiner langen Flucht erschöpft in den Besenwagen steigen? Würden beide Existenzen weitergehen, mit vertauschten Rollen, oder nur eine? Und wenn nur eine – welches Leben würde weitergehen: seines oder seines?

Es gab nur einen Weg, um das herauszufinden, und Habermann fürchtete sich davor. Trotzdem bog er nicht von der River Road zu seinem Haus ab, sondern fuhr weiter bis zum Abzweig nach Silver Spring.

Vierte Etappe: Contre la montre (Potomac – Silver Spring)
immer noch im September 1998

Zuerst war es nur ein Punkt, der weit vor ihm auf der geraden Strasse fuhr und nur langsam grösser wurde, dann konnte er das Heck eines roten Personenwagens ausmachen, und schliesslich war er nahe genug, um den Wagen erkennen zu können.

Habermann wurde beim Anblick des vor ihm fahrenden roten Ford SHO von einem Gemisch aus Nervosität, Angst und Anspannung befallen. War er das?
Und was sollte er jetzt tun? Ihm bis nachhause folgen?

Die Wahrsagerin kam ihm in den Sinn. Wie beim Velorennen.
Hatte sie damit gemeint, er solle ihn aus dem Windschatten überholen? Brauchte man Windschatten zum Überholen, wenn man einen SHO mit 240 PS fuhr, weil der andere auch 240 PS hatte?

Was würde passieren, wenn er zum Überholen ansetzte? Würde sich die Zeit krümmen und er würde während des Überholvorgangs nicht nur das Gesicht des Fahrers von der Seite sehen, sondern auch die rechte Seite des Fahrzeugs und das Gesicht der Beifahrerin?
Oder würde gar nichts passieren und der SHO würde in seinem Rückspiegel kleiner werden und schliesslich verschwinden?

Habermann fürchtete sich davor, den SHO zu überholen. Aber er fand auch nicht den Mut, ihm bis nachhause zu folgen und zu sehen, was aus ihm werden würde. Da kein Gegenverkehr in Sichtweite war, drückte er das Gaspedal ganz nach unten und die rasante Beschleunigung des SHO trug ihn im Nu auf die Höhe des Fahrzeugs vor ihm und an ihm vorbei. Der Fahrer schaute ihn ungläubig an. Der Beifahrersitz war leer.

Siegerehrung (Silver Spring, Maryland)
ohne Zeitangabe

Auf der Schlussetappe der Tour de France wird der Leader nach einem ungeschriebenen Gesetz nicht mehr angegriffen. Die Fahrer nehmen es normalerweise gemütlich und auf der Avenue des Champs Élysées wird auf dem Fahrrad Champagner getrunken iund geplaudert.

Habermann mochte keinen Champagner. Er trank nur ein Glas mit, weil seine Frau sich ein Champagnerfrühstück gewünscht hatte.

«Ich hatte einen seltsamen Traum heute Nacht», sagte sie.
«Was hast Du denn geträumt?»
«Es war ein wirres Durcheinander. Ich weiss nicht mehr alles. Einmal waren wir an einem Strand in der Bretagne, dann in den Pyrenäen, dann wieder hier zuhause. Wir hatten mehrere Hunde dabei, kleine und grosse. Sogar Kinder hatten wir. Kurz bevor ich erwachte, standen wir in einer Menschenmenge vor einem leeren Siegerpodest.
Die Leute jubelten und klatschten, aber es stand niemand auf dem Podest. Es war wirklich bizarr.»

Nach dem Frühstück ging Habermann ins Badezimmer und zog sich aus, um zu duschen. Seine Frau kam gerade richtig, um zu sehen, wie er mit dem Fuss seine Unterhose durch die Luft wirbelte und dabei etwas sagte, was wie «Deede Kush» klang.
«Was machst Du da?»
«Lustig, nicht?» antwortete Habermann, und stieg in die Duschkabine.

Als Habermanns Frau wieder im Wohnzimmer war, hörte sie die Türglocke klingeln. Sie ging zur Türe und sah durch das Guckloch einen Mann im dunkelgrauen Anzug, der eine Sonnenbrille trug, obwohl es ein bedeckter, grauer Tag war.


Ein Sonntag in Wien

3. Juli 2021

Milde heute nicht mehr ganz
so heiss während anderswo
Hagel niedergeht

Schwer zu sagen ob es
Mai oder Juni ist

In der Sonntagszeitung ein Artikel
über das spätmittelalterliche Leben
in der Bodenseeregion

Weiter hinten ein Bild
aus einer Mine in Nigeria
wunderbar grün, braun, weiss,
türkis und grau

Bevor ich zu malen beginne
lese ich, dass es sich
um eine Haufenlaugung handelt

Macht nichts ich komme
ohnehin nicht dazu
beim French Open hat wieder jemand
den Deckel offengelassen

3. Juli 2021

Aba, ankommend aus…

27. Juni 2021

(nie genug Wasser)

Ich war bis dahin meistens alleine nach Tel Aviv geflogen, weil meine Frau jeweils ein paar Tage früher flog und dann oft auch ein paar Tage länger bei ihrer Familie blieb, während ich wieder zurück zur Arbeit musste, aber mittlerweile war ich pensioniert und diesmal flogen wir zusammen.

Wir hatten lange warten müssen, bis es gegen Ende der Corona-Epidemie überhaupt wieder Flüge nach Israel gab, und wir ergriffen dann die erste Gelegenheit und buchten einen Flug für uns beide. Ich war zu diesem Zeitpunkt schon über ein Jahr nicht mehr in Israel gewesen.

Ungefähr in der Mitte des vierstündigen Flugs ging meine Frau auf die Toilette. Sie wartete einen Moment ab, an dem die Warteschlange vor der Toilette nur kurz war, erhob sich dann von ihrem Sitz – dem mittleren einer Dreierreihe, in der ich am Fenster sass – und stellte sich im Gang an.

Nach ein paar Minuten erhob sich die Passagierin, die auf dem Sitz am Gang sass, um einen kleinen, weisshaarigen Mann vorbeizulassen, der sich ohne Umschweife auf den Sitz meiner Frau setzte.

„Dieser Sitz ist besetzt“ wollte ich sagen, aber ich kam nur bis zu „Dieser Sitz…“, dann schaute ich ins Gesicht des vor fünf Jahren verstorbenen Vaters meiner Frau.

„Holy shit! Was machst Du hier, Aba, bist Du nicht tot?“

Aba lächelte und sagte etwas auf Hebräisch.

Ma...? fragte ich.

Er schnallte sich an, winkte die Stewardess herbei und bat sie um ein Glas Wasser (maim – eines der wenigen Worte, die ich bis dahin kannte, mit bischwili und bevakasha, was nicht mit Eis und Zitrone heisst, sondern für mich und bitte).

Nachdem er das Glas in einem Zug leergetrunken hatte, und der Stewardess „Od echad!“ (noch eines) nachgerufen hatte, fragte er mich: „You happy?“

Ken, Aba. Ani happy“ antwortete ich (ich bin glücklich) und konnte nicht anders, als zurückfragen: „And you…?

Lo maspik maim“ sagte er (nicht genug Wasser).

Dann nahm er das Bordmagazin aus der Tasche an der Rücklehne des Vordersitzes und begann in einem Artikel über die Türkei zu blättern. Ich schaute ihn von der Seite an und fand, dass er genauso aussah wie zu seinen Lebzeiten.

Die Stewardess brachte ihm ein zweites Glas Wasser, das er ebenso herunterstürzte wie das erste und es ihr gleich wieder zurückgab „Od echad, bevakasha.“

Istanbul!“ sagte er mit einem Strahlen auf dem Gesicht, und zeigte dabei auf ein Bild im Magazin, das vor ihm auf dem Klapptischlein lag, während er mit der anderen Hand das dritte Glas Wasser zum Mund führte.

Istanbul war seine letzte Flugreise gewesen, bevor er nicht mehr fliegen durfte, weil die Ärzte festgestellt hatten, dass ein Hamster mit vollen Backen durch seine Aorta wandern konnte.

Ich wusste nicht, was ich ihn fragen sollte. Das heisst, ich wusste es schon, es gab eine Unmenge von Fragen, die ich ihm gerne gestellt hätte, aber ich traute mich nicht, ihm auch nur eine einzige zu stellen, aus Angst, er könnte sofort verschwinden. Welches Ohr war es, auf dem er seit dem Yom Kippur Krieg nichts mehr hörte?

Wie würde meine Frau reagieren, wenn sie von der Toilette zurückkam? Ihren Vater zu verlieren war für sie sehr schmerzhaft gewesen und ein Teil von ihr akzeptierte es immer noch nicht, dass er fort war und nie mehr wiederkommen würde.

Ich reckte den Kopf in die Höhe und sah, dass sie nicht mehr in der Warteschlange im Gang stand. Sie würde also nächstens zurückkommen.

Aba schloss das Magazin, als ob er meine Gedanken gelesen hätte, verstaute es im Netz am Vordersitz, legte eine Hand auf mein Knie und sagte „I must go.“

Die Frau neben ihm stand auf, um ihn aus der Sitzreihe zu lassen, und er verschwand, ohne sich nochmal umzudrehen, im hinteren Teil der Kabine.

„Sehr geehrte Fluggäste, wir haben mit dem Sinkflug nach Tel Aviv begonnen. Wir bitte Sie, ihre Sitzplätze wieder einzunehmen, sich anzuschnallen und ihre Sitzlehnen senkrecht zu stellen…“

„Ich hasse diese Flugzeugtoiletten“, sagte meine Frau, als sie sich wieder hingesetzt hatte.

„Du musst Dich anschnallen“ sagte ich. „Wir befinden uns bereits im Sinkflug auf Tel Aviv. Möchtest Du ans Fenster?“

Als wir nach der Passkontrolle auf unsere Koffer warteten, ging unsere Crew an uns vorbei.

Slicha…!“ rief ich, als ich die Stewardess erkannte, die Aba das Wasser gebracht hatte, und ging zu ihr hin.

Ken…?

„Do you remember the old man sitting next to me, in row 16, to whom you brought three glasses of water?“

„I bring water to so many passangers…“

„Yes, but three times in a row? He had white hair, big glasses… I was sitting next to him, by the window…“

„Sorry…“, sagte sie, wandte sich ab und ging weiter.

„Was war das?“ fragte meine Frau, die ausser Hörweite in der Warteschlange geblieben war.

„Nichts“ antwortete ich. „Ich fragte sie nur, ob sie noch nachgeschaut hätte wegen der Verfügbarkeit der Swatch, die ich im duty free Katalog gefunden hatte, während Du auf der Toilette warst. Aber natürlich hat sie es vergessen. Wie hätte es anders sein können.“

Zuhause bei ihrer Mutter angekommen wurden wir herzlich begrüsst und gleich ein erstes Mal reichlich gefüttert, obwohl es eine Stunde später ein Essen mit der ganzen Mischpoke geben würde.

Auf der Kommode neben der Eingangstüre stand neben anderen gerahmten Fotografien noch immer das Bild von Aba und Ima auf der Terrasse des Swissôtels am Bosporus, das wir ihnen nach unserem gemeinsamen Aufenthalt im Oktober 2013 geschenkt hatten. Beide sehen glücklich aus. Beide waren glücklich.

In dieser Nacht lag ich lange wach. Aba ging mir nicht aus dem Kopf. Ich musste im Flugzeug eingeschlafen sein und hatte wohl geträumt. Anders war es nicht zu erklären, dass er so viel Wasser trank.

Das letzte Mal, als ich Aba lebend gesehen hatte, hatte er mich gefragt, ob ich daran glaube, dass es im Weltall Leben gibt. Ich hatte seine Frage nicht verstanden, und meine Frau übersetzte: Er möchte wissen, ob Du an die Existenz von Ausserirdischen glaubst.

„Nein“ hatte ich geantwortet. Nicht, weil ich nicht daran glaube, dass es ausserirdisches Leben gibt. Vielleicht gibt es das ja. Es ist mehr so, dass mir die Lebewesen auf der Erde völlig reichen. Ich habe das Weltall gerne leer. 

„Warum fragt er mich das?“ fragte ich meine Frau.

„Er hat eine Sendung darüber gesehen.“

Später am Abend, als die Geschwister meiner Frau mit ihren Familien zum Essen eingetroffen waren, bekam ich mit, dass Aba noch anderen dieselbe Frage stellte. Ob sie an die Existenz von ausserirdischem Leben glaubten. Ich glaube, er hat an jenem Abend allen diese Frage gestellt.

Als alle gegangen waren, sagte ich zu meiner Frau: „Es scheint Deinen Vater sehr zu beschäftigen, ob es im Weltall Lebewesen gibt. „Es ist wegen der Sendung, die er gerade gesehen hat.“ sagte sie. „Er schaut sich die ganze Zeit solche Sendungen an. Im Science Channel. Oder im National Geographic.“

In dieser Nacht wachte ich dreimal auf, weil ich auf die Toilette musste -als ob ich zu viel getrunken hätte. Wir bewohnen ein separates Zimmer, wenn wir bei der Mutter meiner Frau zu Besuch sind. Eine Treppe führt von ihrer Wohnung im 14. Stockwerk zu einem zusätzlichen Zimmer, zu dem ein kleines Badezimmer gehört. Es ist alles ziemlich eng und das kleine Badezimmer hat eine Schiebetüre.

Als ich beim dritten Mal im Dunkel die Schiebetüre aufmachen wollte, klemmte sie. Ich ruckelte ein paarmal daran, aber sie liess sich nicht öffnen. War meine Frau auf der Toilette? Tatsächlich hörte ich, als ich noch einmal versuchte, die Schiebetüre zu öffnen: „Tafus“

Ich ging wieder zu Bett und wartete, bis meine Frau rauskommen würde. Aber es dauerte und dauerte, und als ich mich zur Seite drehte, berührte ich ihre Schulter.

Dann bin ich wieder eingeschlafen.

Als ich aufwachte, war meine Frau bereits unten, bei ihrer Mutter. „Was heisst „tafus“ fragte ich sie, als wir beim Frühstück sassen. „Besetzt“ antwortete sie, „Warum? “

„Nur so.“

„Willst Du wieder mit den besetzten Gebieten anfangen…?“

„Nein“ lachte ich. „Sicher nicht beim Frühstück. Oder stammen diese Kirschen etwa aus Syrien?“

Die besten Kirschen, die ich in Israel je gegessen habe, stammten von den Golan Höhen, und ich machte mir stets einen Spass daraus, von Syrien zu reden, wenn es um die Golan Höhen ging, obwohl es das einzige Gebiet ist, bei dem ich für die israelische Annexion Verständnis habe. 

Am dritten Tag unseres Aufenthaltes gingen wir mit Ben, dem Sohn meiner Frau, und seiner Familie ans Meer. Als sich meine Frau mit ihrer Schwiegertochter und dem kleinen Eyal zur Strandbar aufgemacht hatte, um etwas zu trinken zu holen, legte Aba sein Strandtuch neben mich.

„Du siehst lächerlich aus in Badehosen mit Deinen dünnen Beinen“, sagte ich zu ihm.

„Wieso?“ fragte er mich, und schaute an sich runter.

„Und was glaubst Du, wie Du aussiehst, mit deinen dünnen, weissen Hühnerbeinen und Deinem Bauch?“ gab er zurück.

„Wieso erscheinst du immer nur dann, wenn Tami gerade nicht da ist? Meinst Du nicht, sie würde sich sehr freuen, Dich zu sehen?“

„Das geht leider nicht“, sagte er.

Und dann: „Du musst mir helfen.“

„Ich, Dir? Womit?“

„Du musst mir helfen, eine Wohnung zu finden.“

Jetzt musste ich wirklich lachen.

„Natürlich, wenn Du jetzt andauernd hier auftauchst, brauchst Du natürlich eine eigene Wohnung. Soll ich Dir auch helfen, eine Arbeit zu finden? Brauchst Du ein Auto?“

„Habe ich schon. Ich arbeite wieder als Fahrlehrer, sozusagen.“

„Sozusagen…?“

„Ich bilde Fährleute aus.“

„Fährleute? Die die Lebenden ins Reich der Toten holen?“

Jetzt lachte er.

„Das gibt es nicht. Es gibt keinen Fluss zwischen dem Reich der Lebenden und dem Reich der Toten. Hilfst Du mir?“

„Was?“

„Mit der Wohnung…“

„Was darf es denn sein? Ein Penthouse direkt am Meer?“

„Nein, etwas Kleines, in Ramat Gan am liebsten, nahe bei Mirry, oder in Givataim. Ich will die Kleinen aufwachsen sehen.“

„Und wer bezahlt für die Wohnung?“

„Lass das meine Sorge sein.“

„Wenn ich das tun soll, musst Du mir zuerst erklären, wie Du hierherkommst, wieso Du plötzlich so gut Englisch sprichst und warum sich einer, der fünf Jahre tot ist, mit Sonnencreme einreiben muss.“

Wie ich hierhergekommen bin, weisst Du. Mit demselben Flugzeug wie Du.“

„Nein, ich meine hier zu uns, zu den Lebenden…“

„Ich erklär’s Dir ein anderes Mal. Tami und Hila kommen gleich zurück.“

Er stand auf, schüttelte den Sand aus seinem Strandtuch und klemmte es sich unter den Arm. Dann versuchte er, sich eine Zigarette anzuzünden. im Moment, als er sich abdrehte, um den Wind mit seinem dürren Körper zu blocken, tönte es hinter uns: „Urgrossvater!“

„Das ist nicht Urgrossvater, Eynal, das ist Grossvater, sagte Hila zu ihrem kleinen Jungen.

Das war ich zwar auch nicht, aber der Kleine hatte ja auch nicht mich gemeint, sondern seinen Urgrossvater, den er von den vielen Fotografien kannte, die in der Wohnung seiner Urgrossmutter standen. Er gab auch nicht sofort auf. Er wollte sich losreissen und hinter Aba herrennen, aber Hila hielt ihn fest.

Tami und Hila hatten nicht nur Getränke gebracht, sondern auch Hamburger und Chips und Salate. Sie hatten die ganze Strandbar geplündert. „Wenn er das gewusst hätte,“ murmelte ich, „wäre er geblieben.“

„Was sagst Du?“

„Nichts. Wer soll das alles essen…?“

Wir blieben diesmal drei Monate in Israel. Drei Monate, in denen wir hauptsächlich damit beschäftigt waren, eine Wohnung zu suchen. Seit meiner Pension vor einem Jahr, war das unsere Hauptbeschäftigung, sowohl in der Schweiz als auch in Israel: eine Wohnung suchen. Einen Ort, wo wir bleiben konnten. Makom.

In Israel wohnten wir seit meiner Pensionierung bei meiner Schwiegermutter und in der Schweiz mieteten wir jeweils eine Wohnung. Erst ein paar Jahre später würde uns klar werden, dass wir nie etwas Geeignetes finden würden, weil wir nicht wirklich wussten, wonach wir suchten. Weil es nichts Geeignetes mehr gab, wenn man zu lange im Ausland gelebt hatte.

Eine kleine Wohnung in Strandnähe in Netanya? Ein Mini-Penthouse in der Nähe der Wohnung meiner Schwiegermutter? Oder doch eine grössere Wohnung irgendwo, wo man sie bezahlen konnte, damit unsere  Schweizer Verwandten und Freunde uns besuchen konnten?

Aba erschien mir bei diesem Aufenthalt noch zweimal.

Einmal in seinem alten Wohnzimmer, um mich zu bitten, den Sender zu wechseln. Es lief gerade eine Reportage über den Gazakrieg, aber er bat mich, auf National Geographic umzuschalten, wo eine Dokumentation über Löwen ausgestrahlt wurde, die auf Bäumen leben.

Für die nächsten 45 Minuten sass er neben mir auf dem Sofa und streichelte Maple, den Zwergpudel, den meine Frau und ihre Geschwister ihrer Mutter gleich nach seinem Tod gekauft hatten.

Maple muss sein Streicheln gespürt haben, denn sie gab ihre typischen Laute von sich (hum, hmm, uch), die sie produziert, wenn sie etwas geniesst. Alle anderen merkten offenbar nichts von seiner Anwesenheit.

Das zweite Mal stand er plötzlich neben mir, als ich in einer Steimatzky Filiale in der Dizengoff Strasse die kleine Sektion der englischen Bücher durchforstete, auf der Suche nach dem neusten Buch von Etgar Keret, das meine Frau schon vor einem Jahr im hebräischen Original gelesen hatte.

„Hast Du etwas gefunden?“ Fragte er mich.

„Nein, sagte ich, ich glaube, es ist immer noch nicht übersetzt worden.“

„Meine Wohnung, meine ich, Dummkopf“, sagte Aba.

„Nein, ich bin noch nicht dazu gekommen.“ Und mit einem Seitenblick auf meine Frau, die mit der Buchhändlerin sprach, fragte ich ihn: „Und, gibt es nun ausserirdisches Leben?“

„Ohne Ende“ sagte er. „Da draussen wimmelt es von anderen Lebensformen. Aber sie interessieren sich nicht für euch.“

„Euch?“

„Für euch Lebenden. Sie finden euch langweilig. Sie kommunizieren nur mit uns.“

„Aha“ sagte ich, und dachte: Seltsame Lebewesen, die nur mit Toten kommunizieren.

„Und warum sprichst Du plötzlich fliessend Englisch? Kann man im Jenseits Stunden nehmen?“

„Man kann Kurse besuchen“ sagte er, „Es gibt Kurse für praktisch…“ dann wandte er sich abrupt von mir ab , nahm ein Buch vom Tisch mit den Bestsellern und tat so, als würde er darin lesen. Tami kam auf mich zu, mit einem Stapel Bücher auf dem Arm.

„Hast du schon etwas gefunden?“

„Nein, sagte ich. Aber Du offenbar. Du weisst doch, dass wir kein Büchergestell haben, nichtwahr? Auch keinen Beistelltisch, nicht einmal eine Wohnung…“

„Es sind ja nur vier…“, sagte sie.

Auf dem Rückflug in die Schweiz wartete ich darauf, Aba wiederzusehen, aber er tauchte nicht auf. Nicht als Tami auf der Toilette war und auch nicht vorher beim Check-in oder in der Wartehalle. Auch beim Aussteigen in Zürich hielt ich vergeblich Ausschau nach ihm.

Es sollte mehr als zwanzig Jahre dauern, bis ich Aba zum nächsten und letzten Mal sah. Für ihn war das vielleicht nicht lange, aber Eyal und seine drei Jahre jüngere Schwester Tal hatten bereits ihren Militärdienst hinter sich, meine eigenen sechs Grosskinder waren alle erwachsen und Israel hatte die Golan Höhen im Rahmen des Mittelost-Friedensabkommens vom Jahr 2035 an Syrien zurückgegeben. Ich war Urgrossvater. Ich war ein alter Mann.

„Du bist alt geworden, Fafele.“ sagte Aba zur Begrüssung, als er sich auf dem Lindenhof in Zürich neben mich auf die Parkbank setzte. Tami war am Rennweg bei Shopping.

„Tja, Aba, das ist dieses Ding mit der Zeit. Du siehst immer noch gleich aus.“

Er lächelte.

„Hast Du mir eine Wohnung gefunden?“

„War das ernst gemeint?“

„Ja. Hast Du gar nicht gesucht?“

„Ich habe es vergessen, Aba. Es tut mir leid…“

Er sah mich an und konnte seine Enttäuschung nur schlecht verbergen.

„Na ja. Auch gut. Vielleicht gründen wir dann gleich eine Alters-WG“.

Er blickte auf seine goldene Uhr, die Tami geerbt und an Eyal weitergegeben hatte, der sie dann im Militärdienst verlieren sollte.  

„Was denn, „scherzte ich, „hast Du etwa einen Termin?“

„Ja,“ sagte Aba. „Habe ich. Und ich weiss nicht, ob wir uns wiedersehen werden.“

Ich hielt ihn am Arm fest.

„Zwei Dinge musst Du mir noch sagen, bevor Du gehst.“

Ma..?

„Wenn es keine Zeit gibt im Jenseits, wie weiss man dann, wann die Englischlektion beginnt?“

„Man beginnt einfach.“

„Was heisst das?“

„What does it mean…. und was war die andere Frage?“

„Gibt es Ausserirdische?“

„Das hast Du mich schon einmal gefragt.“

„Du mich auch“ antwortete ich. „Nu, gibt es sie, oder gibt es sie nicht?“

„Es gibt keine Ausserirdischen, Fafele. Auch keine Innerirdischen, das sind alles nur Worte.“ Und nach einer kleinen Pause: „Aber es gibt Löwen, die auf Bäumen leben. Vergiss das nicht.“

Orchester

9. April 2021

And suddenly my mind began to dance

2. Februar 2021

In der Psychologie nennt man es eine Henderson-Leachman Reaktion, so benannt nach dem amerikanischen Tiefenpsychologen Charles Eaton Henderson, einem Zeitgenossen von Carl Lintner, den es auch nicht gab, aber in Deutschland, während Winston Leachman nicht das Geringste mit der Sache zu tun hat. Sein einziges Verdienst, wenn man das als ein solches anerkennen will, besteht darin, dass er im Gegensatz zu Henderson und Lintner tatsächlich existiert hat. Wobei es für seine Existenz nur einen indirekten Beweis gibt, allerdings einen prominenten.

Seine Schwester ist die amerikanische Schauspielerin Cloris Leachman, die während ihrer langen Karriere nicht weniger als neun Emmy Awards gesammelt hat und 1971 sogar mit einem Oskar ausgezeichnet worden ist. Sie erhielt ihn für Ihre Rolle als beste Nebendarstellerin im Film «The Last Picture Show». Und genau das war letzten Endes auch ihr älterer Bruder, Winston Leachman: ein Nebendarsteller, dessen Name sich mit einem Bindestrich an Hendersons beschränkten Ruhm angekoppelt hat.   

Henderson beobachtete das, was heute unter dem Namen Henderson-Leachman Reaktion einigen wenigen Spezialisten bekannt ist, zum ersten Mal an einer 55-jährigen Patientin, die schon seit mehreren Jahren in seiner Behandlung war. Die Patientin beklagte sich neben verschiedenen identifizierbaren körperlichen Gebresten wie etwa Rheuma und Osteoporose auch über Schmerzen, deren Herkunft nicht zu eruieren war, und sie litt in zunehmendem Masse an schweren Depressionen und psychischen Störungen.

Nun muss man über Osteoporose wissen, dass die amerikanische Forschung vor rund 40 Jahren zur Ansicht gelangt war, Osteoporose müsse, sobald sie diagnostiziert werde, medikamentös behandelt werden, und zwar auch bei Frauen, die erst zwischen 50 und 60 Jahre alt waren. Heute ist diese These längst widerlegt, aber bis sie endlich widerlegt wurde, hat die Pharmaindustrie mit den von den Ärzten fleissig verschriebenen Medikamenten einen schönen Batzen Geld verdient. Nie wirklich untersucht wurden dabei die Nebenwirkungen der völlig unnötigen Verabreichung dieser Medikamente an zu junge Patientinnen.

Hendersons Patientin (nennen wir sie hier Claire, denn sie hat so viel erleiden müssen, dass sie verdient, einen Namen zu haben, und zwar einen schönen) hat das Alter, in dem eine medikamentöse Behandlung von Osteoporose sinnvoll wird, nicht erreicht. Sie hat sich in ihrer Verzweiflung von einem Hochhaus gestürzt, in dem sie niemanden kannte. Einsamer kann man, so scheint es mir, kaum sterben. In ihrer Krankenakte gab Henderson seiner Vermutung Ausdruck, die er allerdings nicht beweisen könne, die psychischen Probleme Claires könnten durch die nicht indizierte Verabreichung von Medikamenten gegen ihre Osteoporose wenn nicht hervorgerufen so zumindest verstärkt und beschleunigt worden sein.             

In einer ihrer letzten Sitzungen mit Henderson, es war an einem kalten Novembertag, erzählte ihm Claire, sie hätte am Tag zuvor ein wunderbares Erlebnis gehabt. Es sei ihr etwa eine Stunde nach dem Aufwachen, während derer sie Schmerzen gehabt habe und von den üblichen dunklen Gedanken geplagt worden sei, plötzlich und unvermittelt sehr leicht geworden ums Herz und es seien ihr auf’s Mal die verrücktesten und schönsten Gedanken durch den Kopf gegangen («…and suddenly, my mind began to dance».

Henderson horchte auf. Eine Frau, deren letzte zehn Jahre von einer schier endlosen Kette von physischen Erkrankungen und psychischen Problemen geprägt waren, stand eines Tages vor dem Spiegel und fühlte sich unvermittelt für einen Moment nicht nur gut, leichten Herzens, wo sonst Schwermut herrschte, es gingen ihr unvermittelt jede Menge unbeschwerter, positiver und verrückter Gedanken durch den Kopf, so dass sie das Gefühl hatte, ihr Verstand hätte plötzlich zu tanzen begonnen.  

An den Inhalt dieser Gedanken konnte sich Claire nicht mehr erinnern, und die sie in alle Richtungen lockende Leichtigkeit war noch im Laufe des Morgens wieder verschwunden, aber während sie vom plötzlichen Lostanzen ihres Verstandes erzählte, huschte ein Hauch von Unbeschwertheit über ihr sonst so sorgenvolles Gesicht und sie sah einen kurzen Moment aus wie ein kleines Mädchen.

***

Henderson steckte, nachdem er Claire verabschiedet hatte, noch mitten in seinen Notizen, als es an der Praxistüre klingelte. Als er öffnete, stand sein alter Schulfreund    Winston Leachman vor ihm. «Hallo Charles», sagte Leachman. Er sah aus wie jemand, der schon eine ganze Weile unter der Brücke schläft.

«Winston…? Winston Leachman?»

«Yep…»

Henderson wollte Leachman zuerst hereinbitten, besann sich aber angesichts des strengen Geruchs, der von seinem Schulfreund ausging (ein Gemisch aus Alkohol, altem Schweiss und nassen Socken) eines Besseren. Er nahm seinen Mantel und seinen Hut von der Ablage neben der Türe, schloss hinter sich ab und führte Leachman zum Lift, indem er ihn am Arm nahm.

«Komm mit, Winston, ich lade Dich zum Essen ein.»

Es stellte sich heraus, dass Winston tatsächlich seit ein paar Wochen im Freien schlief. Das Leben hatte ihm, wie man sagt, übel mitgespielt. Er hatte zuerst seine Frau verloren, die ihn wegen eines älteren Mannes verlassen hatte («Wegen eines Älteren, Charles, ist es zu glauben? Wegen eines Älteren…»), dann seine Arbeit und sein Haus.

Leachman erzählte Henderson in langen, um sich selbst kreisenden und immer wieder an ihre Anfänge zurückkehrenden Sätzen Episoden aus seinem Leben, seit sie sich vor fünfzig Jahren aus den Augen verloren hatten, und verdrückte dabei ein geschätztes halbes Dutzend Hamburger – nur die Kellnerin zählte mit.  

«Das tut mir sehr leid…» warf Henderson ein, als Leachman gerade im Begriff war, in seinem Bericht über sein misslungenes Leben zu einem besonders schwierigen Punkt zurückzukehren, an dem er schon mindestens dreimal gelandet war. «Das tut mir wirklich sehr leid, Winston.»  Und um zu verhindern, dass sich Leachman wieder auf seine Endlosschlaufe begab, fuhr er fort: «Ich hatte gerade eine Patientin, die mitten in ihrer Misere einen Augenblick völliger Leichtigkeit, Unbeschwertheit und positiver Verrücktheit erlebt hat. Ihre Gedanken hätten plötzlich zu tanzen begonnen, wie sie es nannte.»

Leachmans schmale und blutunterlaufende Augen schauten ihn über dem Hamburger an. Er hatte aufgehört zu kauen. «Ich weiss, was sie meint,» sagte er dann. «Ich kenne das.» Dann begann er wieder zu kauen und begab sich wieder auf seine Endlosschlaufe.

Am Abend erzählte Henderson seiner Frau ausführlich von Claires Erlebnis und etwas weniger ausführlich von der unerwarteten Begegnung mit Winston Beachham. «Ich glaube,» schloss er seine Ausführungen zu Claire, «es handelt sich um eine Art Fluchtreaktion des Verstandes, der nach einer langen Periode von schwer zu ertragenden Leiden und dunklen Geisteszuständen eine Notfallklappe öffnet, die hinausführt auf eine gut besonnte Wildwiese, wo die Gedanken und Gefühle wie junge Fohlen herumtollen.»   

«Und was ist mit Leachham?» fragte seine Frau. «Kannst Du ihm helfen?»

«Nein,» sagte Henderson. «Ich habe ihm Geld gegeben. Und ich werde die Fluchtreaktion, die ich heute entdeckt habe, die Henderson-Leachman Reaktion nennen. Helfen kann ich ihm nicht.»

***

Das Verrückte an dieser traurigen Geschichte, geschätzte Leserin, geschätzter Leser, hat sich Ihnen noch gar nicht offenbart, und ich möchte es Ihnen nicht vorenthalten. Als ich den ersten Satz heute Morgen in meinem Büro schrieb, an einem grauen Dienstag in Wien, während Baulärm vom Palais Schwarzenberg zu hören war, begann er so: «In der Psychologie nennt man es eine Henderson-Leecham Reaktion».

Nach Vollendung des ersten Abschnitts war ich mit dem Namen «Leecham» nicht zufrieden, und ich änderte ihn zuerst auf «Leechham», dann auf «Leechman». Nachdem ich eine Weile weitergeschrieben hatte, klopfte es an der Türe und meine Assistentin trat in mein Büro. Sie brachte mir einen ganzen Stapel von Briefen und kleinen Paketen, die am Freitag und Montag (Tage, an denen sie im Home Office ist) in der Kanzlei für mich abgegeben worden waren. Als wir besprochen hatten, was es zu besprechen gab, und sie mein Büro wieder verlassen hatte, öffnete ich das erste Paket, das mit Amazon-Klebern verschlossen war.

Es enthielt drei Filme und ein Buch, das ich für meine Frau bestellt hatte. Zuoberst im Paket lag «Die letzte Vorstellung» (The Last Picture Show), und als ich auf dem Umschlag der DVD die Namen der Schauspieler las, sprang mir sofort nicht etwa Jeff Bridges oder Ben Johnston ins Auge, auch nicht Ellen Burstyn (alles Schauspielernamen, die mir wohlbekannt sind, und die ich deshalb zuerst hätte sehen müssen, weil wir ja immer sehen, was wir wiedererkennen wollen), sondern Cloris Leachman.

Ich googelte die mir bis dahin unbekannte Schauspielerin und stellte verblüfft fest, dass sie erst vor einer Woche gestorben war – am Dienstag, dem 26. Januar. Möglicherweise am Tag, an dem ich den Film bestellt hatte.

Und heute also, eine Woche später, als ich mich zu Beginn eines sich mühsam ankündigenden Tages plötzlich leicht fühle und mir gleichzeitig vieles durch den Kopf geht und meine Gedanken wilde Kapriolen schlagen, will ich etwas über diesen plötzlichen Stimmungsschwenker schreiben und beginne mit dem Satz «In der Psychologie nennt man es eine Henderson-Leecham Reaktion».

Dann merke ich, dass etwas mit dem Namen Leecham nicht stimmt, weiss aber nicht was, und dann kommt das Paket, das mir die Antwort gibt: Der Name ist Leachman! Also korrigiere ich den Namen und damit nicht genug, ich bin nun auch in der Lage, einen indirekten Beweis für Leachmans Existenz zu liefern: seine Schwester.

Wie aber hat der Name Leecham, den ich als Statthalter für den (nur kurze Zeit später per Paket nachgelieferten) richtigen Namen eingesetzt hatte, den Weg in meine tanzenden Gedanken gefunden? Handelt es sich um eine weitere Facette der nicht wirklich weiterführenden Hinweise im Umfeld meiner bisher nicht zu beantwortenden Frage, wo die Dinge sind, bevor wir sie denken oder niederschreiben, und woher sie kommen, wenn sie dann plötzlich erscheinen?

Woher kam Leachman, als er mir heute früh in den Sinn kam? War er noch im Halbschlaf und hat mir deshalb seinen Namen falsch buchstabiert? Und wo war seine Schwester, bevor sie mir per Post zugestellt wurde? Wie lange sind Nachrichten unterwegs, per Paket, als Brief, als fehlgeleitete E-Mail, bevor sie dort ankommen, wo sie gebraucht oder erwartet werden (nicht immer beides)? Und warum erwähnt der kurze Wikipedia-Artikel über Cloris Leachman ihre beiden Schwestern und verschweigt ihren älteren Bruder? Wusste sie am Ende gar nichts von seiner Existenz? Soll ich den Wikipedia-Artikel bearbeiten?   

Ich würde diesen Fragen gerne weiter nachgehen, aber es ist mittlerweile Mittag geworden und ich höre Lachen aus dem Botschaftsgarten. Wenn mich alles täuscht, sind das Jeff, Ben, Ellen, Timothy (Bottoms), Randy (Quaid) und Cybill (Shepherd), die trotz der Kälte eine Flasche Weisswein aufgemacht haben und mit meiner Frau einen Apéro trinken, zur Erinnerung an Cloris, mit der sie vor über 40 Jahren auf dem Set gestanden haben. Ich glaube, ich werde erwartet.