Emily

24. Februar 2017

emily

Reisendes Licht

21. Februar 2017

Ich kann es nicht, und falls Sie meinen, Sie können, dürfen Sie nicht. Es mir erklären. Denn Sie irren sich. Es mag ja plausibel klingen, was sie mir erklären würden, und sie kennen sich ganz sicher mit Spiegelungen und optischen Täuschungen extrem gut aus. Die Sache ist nur: das ist ein Engel, der in Berlin erschienen ist.

Ich sage nicht mir, denn ich weiss nicht mehr, ob ich das Bild gemacht habe. Gut möglich, dass es meine älteste Tochter war. Sie hat das ganze Haus fotografiert, als klar war, dass ich bald ausziehen würde. Meine Kinder haben dieses Haus geliebt. Sie sind mich jedes zweite Wochenende besuchen kommen. Eingeflogen aus der Schweiz. Und ich höre natürlich, wie Sie jetzt sagen, da haben wir’s: ein Mädchen hat mit Blitzlicht aus dem Fenster fotografiert. Von wegen Engel.

Nur war meine Tochter zum Zeitpunkt, als diese Aufnahme entstand, kein Mädchen in einem weissen Kleid, sondern eine 20-jährige junge Frau, und sie hat die Kamera normalerweise mit ihren Händen gehalten, nicht zwischen den Zähnen eingeklemmt.
Also lassen sie mich bitte in Ruhe mit ihren Gesetzen der Optik. Unterdrücken Sie ihren Spiegelreflex. Nehmen Sie einfach zur Kenntnis, dass im Herbst 2007 in Berlin-Charlottenburg ein Engel erschienen ist und sich von mir oder meiner ältesten Tochter fotografieren liess.

Ich möchte aber auch nicht, dass mein Engel (und noch viel weniger der Engel meiner Tochter) von jemandem vereinnahmt wird. Dies für den Fall, dass sich entgegen allen Gesetzen der Wahrscheinlichkeit unter dem halben Dutzend meiner Stammleserschaft jemand befinden sollte, der dauernd Engel sieht.

Oder falls jemand von ausserhalb auf diesen Eintrag gestossen ist, der sich sonst nie auf diesem Blog aufhält (der Engel übrigens auch nicht), der sich beruflich (ich bin sicher, es gibt Lehrstühle für Englistik) oder hobbymässig schon Jahrzehnte lang mit Engeln befasst und regelmässig «Engel in…» googelt, um seine Sammlung zu erweitern, so bitte ich inständig darum, wenn ich das darf, ohne rüde zu wirken: Raus hier!

Ich möchte weder anlehnende noch ablehnende, weder belächelnde noch beschwörende Reaktionen auf meinen Engel, und ich spreche da auch für meine Tochter. Ein Engel ist etwas unheimlich Zartes, viel fragiler noch als ein Mensch, obwohl wir ja auch nicht viel aushalten. Man sollte sich nicht an einen Engel anlehnen.

Man sollte Engel auch nicht kommentieren. Ich überlege gerade kurz, ob ich für diesen Beitrag die Option «Hinterlassen Sie einen Kommentar» deaktivieren soll. Aber dann ist es ja nicht so, dass mein Blog regelmässig von Kommentaren überflutet wird. Günter Eich würde dichten: „In St. Gallen / weiss ich einen, der mich kommentiert, / und in New York. / Das sind schon zwei.“ – und es würde ihm Zuversicht geben.

Mein Engel braucht weder Erklärung, Ablehnung noch Bestätigung. Er braucht nicht einmal Aufmerksamkeit. Er ist völlig bedürfnislos. Er ist ein Engel.
Und wenn ich das schreibe, fällt mir sofort wieder auf, wie wenig Sinn das männliche Geschlecht bei einem Engel macht. Ich weiss schon: der Erzengel. Gabriel und Konsorten. Aber schauen Sie sich dieses Bild an, auch wenn sie nicht daran glauben: ist das nicht eine wunderbare Engelin?

Sie kam im Herbst, denn man kann auf der Terrasse vor meinem Schlafzimmerfenster im ersten Stock die welken Blätter sehen. Es war Abend, und sie harrte auf der Terrasse aus, einen halben Meter über dem Boden schwebend, ausser das sind ihre Füsse und keine Regentropfen.

Ich will jetzt nicht sagen, sie wartete auf jemanden oder etwas. Ich glaube nicht, dass Engel warten. Ich glaube auch nicht, dass sie irgendetwas wollen, und es würde mich nicht sehr erstaunen, wenn sie ausser erscheinen überhaupt nichts können.

Das war jetzt mehr ein Gefühl, aber wenn ich es mir überlege, denke ich, es ist so, und dieser Befund erstaunt mich nicht nur nicht, ich finde ihn auch nicht enttäuschend. Engel können nichts ausser Erscheinen. Sie können keine Botschaften überbringen und schon gar nicht beschützen. Es gibt keine Schutzengel, so tröstend die Vorstellung auch ist. Engel sind völlig machtlos. Möglicherweise können sie nicht einmal bestimmen, wem sie wann erscheinen.

Ein einzelner Engel erscheint vielleicht Jahrhunderte lang nicht und dann innerhalb von wenigen Tagen gleich dreimal, wobei ihn vielleicht nur einmal jemand wahrnimmt. Ich mache jetzt keinen Exkurs über die Frage, ob es auch eine Erscheinung ist, wenn niemand sie wahrnimmt, und ich bitte Sie, auch keinen solchen Exkurs zu machen. Bleiben Sie hier, ich brauche Sie noch einen kurzen Moment.

Wahrscheinlich war es bei dieser Engelin genau ein solcher Fall. Sie ist in Charlottenburg erschienen, und niemand hat sie mitgekriegt. Egal ob ich oder meine Tochter das Bild gemacht haben: Ich vermute, ja ich bin mir sicher, dass man sie gar nicht sah. Sie erschien erst später auf dem Bild, als ob es zuerst hätte entwickelt werden müssen. In der digitalen Dunkelkammer.

Ich weiss, dass das völlig idiotisch klingt. Digitale Bilder basieren auf dem binären Prinzip, 0 oder 1. Dazwischen kann sich kein Engel entwickeln, auch wenn man die Aufnahme lange unbeachtet im Speicher des Computers lässt.

Und trotzdem ist der Engel erst später auf dem Bild erschienen. Ich kann es nicht mehr genau datieren, ich weiss nicht einmal mehr das Jahr, aber es war in meinem nächsten Land, nachdem ich von Deutschland nach Israel umgezogen war. Irgendwann habe ich dann an einem Sonntag beim Durchklicken durch mein Fotoarchiv das Bild mit dem Engel entdeckt. Ich dachte zuerst: das Spiegelbild meiner Tochter, wie sie den Blick aus meinem Schlafzimmer fotografiert, als sie knipsend von Zimmer zu Zimmer ging.

Dann sah ich die leicht vom Körper abgespreizten Arme an beiden Seiten und realisierte, dass das grelle Licht auf Kopfhöhe nicht das Blitzlicht ihrer Kamera sein konnte. Und dann begriff ich, dass diese Gestalt im weissen Hemd nicht meine Tochter war.

Dann machte ich etwas völlig Idiotisches. Ich versuchte, smarter zu sein, als ich bin. Ich begann, das Bild mit Fotoshop zu verändern. Wenn ich die Belichtung, den Kontrast, die Farbintensität und alles andere veränderte, so dachte ich, vielleicht würde ich dann das Gesicht des Engels sehen können.

Ich spielte also eine Weile mit sämtlichen Filtern und Parametern herum, bis ich einsah, dass es nicht funktionierte. Nur vergass ich am Ende, das unveränderte Original abzuspeichern, und speicherte stattdessen eine völlig verunstaltete Version ab, auf der man vom Engel nur noch Umrisse sah.

Ich ärgerte mich noch tagelang über meine Dummheit und jedes Mal, wenn ich in den nächsten Jahren wieder auf das bis zur Unkenntlichkeit bearbeitete Bild des Engels traf, ärgerte ich mich erneut.

Unterdessen sind einige Jahre vergangen. Ich war inzwischen ein paar Monate in Lettland stationiert und in einem halben Jahr werde ich bereits das Land verlassen, in das ich nach meiner kurzen Zeit in Lettland weitergezogen bin.

Vor ein paar Wochen habe ich in meiner Fotoschachtel gewühlt, und damit meine ich jetzt eine richtige Schachtel aus Karton, in der ich ein wildes Durcheinander von Fotos aufbewahre. Ich suchte ein bestimmtes Bild von meiner älteren Tochter, zu deren bevorstehender Hochzeit ich ein Album machen möchte.

Aber anstatt das Bild zu finden, das ich gesucht hatte, fand ich das Bild des Engels, der in Charlottenburg erschien. Es war ein absolut unerwarteter Augenblick des Glücks.
Ich war mir nicht bewusst gewesen, dass ich vor der missglückten Veränderung der Aufnahme ein Exemplar des Originals ausgedruckt hatte. Was für eine wunderbare Fügung.

Der Engel ist, wenn man so will, zuerst in Charlottenburg umsonst oder zumindest unbemerkt erschienen. Dann ist er ein zweites Mal in Ramat Gan erschienen, als ich ihn beim Durchklicken der Fotos entdeckte. Dann hat ihn der Versuch, sein Gesicht zu erkennen, wieder zum Verschwinden gebracht. Und jetzt ist er in Ankara ein drittes Mal erschienen, und ich bin unheimlich dankbar dafür.

Ich habe das Bild schon zweimal eingescannt und an verschiedenen Orten abgespeichert und ich hatte eigentlich vor, eine Reihe von Abzügen zu machen und an meine Kinder und Freunde zu versenden, damit ich den Engel nie mehr verliere, diese Lichtgestalt, die mir in drei Länder gefolgt ist.

Nun wird mir klar, wie sinnlos das gewesen wäre, und wie unnötig. Ich habe das Bild verpasst, verlegt und verloren und ich werde es wieder verlieren, egal, wie oft ich es abspeichere und kopiere. Der Engel aber reist mir nach, ob ich es merke oder nicht.

Ein Engel erscheint in Berlin

21. Februar 2017

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Das plötzliche Auftauchen von Jonathan Grünstein

17. Februar 2017

Meine Frau kann Menschen erscheinen lassen. Nicht wie ein Zauberer, der vor Publikum auf einer Bühne einen Hasen aus dem Zylinder zieht (und dann noch einen und noch einen, wo kommen die Tiere bloss alle her?), und nicht genau dann und genau dort, wo sie will, aber sie kann an jemanden denken, und innerhalb weniger Tage läuft ihr die Person dann mit grosser Wahrscheinlichkeit über den Weg.

Es ist, als würde sie diese Menschen herbeirufen, und sie gehen dann irgendwo los und kommen unweigerlich in ihre Nähe, egal von wie weit her sie kommen müssen oder wie lange sie nichts mehr von ihr gehört haben. Ich weiss, das klingt verrückt, und ich kann’s mir ebenso wenig erklären wie das mit den Hasen. Oder noch viel weniger. Ein Zylinder mag einen doppelten Boden haben, der Magier greift durch den Tisch in eine Hasenkiste und greift sich ein paar lange Ohren. Aber einen Menschen herbeirufen, der vielleicht gerade noch in Atlanta an einem Kongress war und darüber nachdachte, seine Familie zu verlassen?

Bei unserem letzten Besuch in Tel Aviv hat ihr Bruder meine Frau gefragt, ob sie jemanden kenne, der bei der Firma Glanach arbeite. Glanach oder Galdach, ich habe mir den Namen nicht gemerkt. Ein Versicherungsunternehmen. Die hätten eine Stelle ausgeschrieben, sagte ihr Bruder, die ihn interessieren würde.

Sie wissen wie das ist. Wenn man 50 ist, muss man jemanden kennen in der Firma, der dem Personalverantwortlichen in den Arm fällt, bevor er die Delete Taste drückt und die Bewerbung nach einem kurzen Blick auf das CV löscht. Mit 50 ist man als Stellenbewerber so gut wie tot. Der Termin ist abgesagt bevor er zustande kommt. Ausser man kennt jemanden, der Hasen aus dem Zylinder ziehen kann. Oder man ist der Bruder meiner Frau.

Meine Frau hat kurz nachgedacht und dann geantwortet, nein, spontan kommt mir niemand in den Sinn, ich bin schon zu lange weg vom Business, aber ich werde nachdenken. Vielleicht kommt mir ja ein Name in den Sinn.

Dann mussten ihr Bruder und seine Familie gehen und wir haben mit meiner Schwiegermutter noch ein paar Partien Genial gespielt, während ihr Vater schon zu Bett gegangen war. Meine Schwiegermutter hat zwei von drei Partien gewonnen, obwohl das ein Spiel ist, bei dem sonst immer ich gewinne, und einmal wäre ja OK gewesen, aber zweimal hintereinander? Ich hätte ihr meine miesen Tricks nicht verraten dürfen. Sie ist schon von alleine smart genug.

Am nächsten Tag mussten wir früh raus, weil wir nachhause flogen. Auf dem Flughafen reichte es gerade noch zu ein paar Tomaten und einem Brötchen, bevor unser Flug ausgerufen wurde. Bei «last call» schnitt ich eine Tomate etwas zu rasch entzwei und meine Frau musste zur Toilette rennen, um die Spritzer von ihrem Kleid zu wischen. Als wir als Letzte in den Bus einstiegen, der uns zum Flugzeug brachte, begrüsste sie freudig überrascht einen Mann in unserem Alter. Jedenfalls sah es so aus, als sei sie überrascht.

Sie stellte ihn mit vor. Walter, das ist Jonathan. Jonathan Grünstein. Wir kennen uns von meiner Zeit bei Phoenix. Er arbeitet bei Glanach (Galdach?). Jonathan, das ist mein Mann. Ich drückte Jonathan die Hand als der Bus gerade losfuhr, und liess mich dann etwas zwischen die anderen Passagiere zurückfallen, um mich dort an einer freien Stange festzuhalten und Jonathan und meiner Frau beim Gespräch zuzusehen, obwohl ich mich ebenso gut an der Halteschlaufe gleich neben Jonathan und meiner Frau hätte festhalten können.

Hatte er Galbach gesagt? Konnte es tatsächlich sein? Es konnte. Als wir die Treppe zum Flugzeug hochstiegen, sagte meine Frau aufgeregt zu mir: Du glaubst nicht, wer das war!
Jonathan Grünstein? fragte ich mit einem leicht ironischen Unterton. Meine Frau beginnt oft Sätze mit «Du glaubst nicht, was mir gerade passiert ist» oder «Du wirst nicht glauben, wer mir gerade ein Whatsup geschickt hat».

Es scheinen in der israelischen Gesprächskultur fest verankerte Phrasen zu sein, um ein Gespräch zu beginnen oder eine Mitteilung zu machen. Ich habe diese Einleitungen mittlerweile als rhetorische Kniffe entlarvt, um die Aufmerksamkeit des Angesprochenen zu erheischen. Sehr oft stellt sich nämlich heraus, dass ich das, was gerade passiert ist, ohne weiteres zu glauben vermag und eigentlich wenig bis gar nicht überraschend finde. Aber ich habe zugehört und somit hat die einleitende Floskel ihren Zweck erfüllt.

Genau, Grünstein! Aber nicht irgendein Grünstein, Jonathan Grünstein. Und nicht irgendein Jonathan Grünstein, sondern Jonathan Grünstein von Galdach (Glanach?). Ist das nicht einfach unglaublich? Gestern fragt mich Oz, ob ich jemanden von der Firma Glanach (wir lassen es jetzt so) kenne, und ich sage nein, weil es viele Jahre her ist, dass ich mit denen Kontakt hatte, und heute läuft mir Jonathan über den Weg. Jonathan Grünstein, der bei Galdach (also doch!) arbeitet und den ich – wie lange ist das nun her? 20 Jahre? – den ich mindestens 10 Jahre nicht mehr gesehen habe. Das gibt es doch einfach nicht! Glaubst Du das? Welche Plätze haben wir?

12 E und F. Willst Du mir Deinen Mantel geben für in die Ablage? Nimm aber das Telefon raus.

Als wir sitzen, schreibt sie eine Mitteilung an ihren Bruder. Grünstein von Glandach (was jetzt?) am Flughafen getroffen. Unglaublich, nichtwahr? Hab ihm von Dir gesprochen. Sende Dir seine Koordinaten, sobald wir gelandet sind. Kuss, T.

Das ist doch wirklich verrückt, sagt sie zu mir. Ich habe ihn … zwanzig Jahr nicht mehr gesehen, beende ich ihren Satz.
Genau. Vielleicht auch nur zehn, aber dass ich ihn heute sehe, nachdem mich Oz gestern fragt, ob ich jemanden von dieser Firma kenne…. ein schier unglaublicher Zufall!

Die Durchsage des Maitre de Cabine dröhnt aus dem Lautsprecher, der sich wie immer direkt über unserer Sitzreihe befindet, und unterbricht für einen Augenblick unser Gespräch über das plötzliche Auftauchen von Jonathan Grünstein. Der Mann freut sich offenbar, uns mit seinem Team während des ganzen Flugs betreuen zu dürfen. Wir sollen uns getrost an ihn wenden, wenn wir irgendetwas brauchen. Und damit meint er uns alle. Sämtliche Passagiere dieses nicht kleinen, offensichtlich bis auf den letzten Platz gefüllten Flugzeugs. Grünstein, meine Frau, mich. Der Mann hat sich allerhand vorgenommen.

Ja, das ist wirklich ein unglaublicher Zufall, sage ich, als die Durchsage des Maitre de Cabine zu Ende ist. Aber eigentlich weiss ich, dass es kein Zufall ist. Es ist in den fünf Jahren, in denen ich meine Frau nun kenne, einfach schon zu oft passiert. Vielleicht fünf oder sechs Mal. Ich habe es mir nicht aufgeschrieben. Es ist schon mindestens ein halbes Dutzend Mal passiert. Beim ersten und zweiten Mal ist es mir nicht gross aufgefallen und ich hielt es wirklich für einen Zufall, dass jemand, an den meine Frau vor kurzem gedacht hatte, den sie mir gegenüber erwähnt hatte, dann wie aus dem Nichts aufgetaucht ist, ihren Weg gekreuzt hat.

Du wirst nicht glauben, wen ich heute bei der Wohltätigkeitsveranstaltung getroffen habe, Darling. Selma Tonkow! Du weisst, von wem ich rede, oder? Ich habe Dir doch erst kürzlich gesagt, dass ich von einer alten Studienkollegin geträumt hatte. Völlig grundlos. Ich hatte sie längst vergessen, wir haben uns 30 Jahre nicht mehr gesehen. Dann träume ich von ihr und heute steht sie vor mir, hier, in Ankara, of all places, wo weder sie noch ich wirklich hingehören. Wie kannst Du Dir das erklären? Gibt es so etwas?

Die Welt ist klein, mein Schatz, et le hasard fait bien les choses. So oder etwas Ähnliches habe ich wohl beim ersten Mal geantwortet. Und beim zweiten Mal, ich glaube es ging um einen Nathan Wasauchimmer, habe ich gesagt, ihr scheint ein besonderes Sensorium füreinander zu haben, ihr Juden, vielleicht weil ihr so oft in eurer Geschichte nur euch hattet, euch auf niemand anderen verlassen konntet, wenn ihr Hilfe brauchtet in der Diaspora (nicht einmal auf den Maitre de Cabine). Ihr spürt euch gegenseitig auf, ihr findet euch in der Menge, läuft euch über den Weg.

Meinst Du? Hatte sie geantwortet. Vielleicht hast Du Recht.

Aber dann ist es wieder passiert, und wieder. Es konnte kein Zufall mehr sein. Und auch wenn ich miterlebt habe, dass meine Frau aus hundert Meter Entfernung sagen kann, dass jemand jüdisch ist, und die fremde Person dann auf Hebräisch anspricht und sie antwortet ihr in dieser Sprache, so ist es etwas ganz Anderes, an jemanden denken oder von der Person träumen und sprechen zu können, und kurz darauf, innerhalb von Tagen, taucht sie auf.

Ich weiss, dass meine Frau mich nicht anlügt oder mir etwas verheimlicht. Sie würde nie eine Geschichte erfinden, oder mir gegenüber jemanden erwähnen, von dem sie weiss, dass sie ihn bald treffen wird, mit dem sie sich vielleicht sogar verabredet hat, und ihn mir dann, wenn er ihr oder uns über den Weg läuft, als zufällige Begegnung präsentieren. Das würde sie nie tun.

Ich schaue sie von der Seite an. Mittlerweile sind wir in der Luft und sie ist, wie sie das oft tut, kurz nach dem Start eingeschlafen. Ihr Profil hebt sich gegen das Abendlicht ab, das für einen Moment durch das Kabinenfenster hereinströmt, während die Maschine sich auf ihren Kurs dreht. Ich liebe sie.

Ich weiss nicht, ob sie es weiss, ob sie sich ihrer besonderen Fähigkeit bewusst ist und sie gezielt einsetzt, aber sie kann Menschen herbeirufen. Vielleicht ahnt sie es, aber sie will es nicht wahrhaben, es sich nicht eingestehen und sich nicht mit dem Gedanken beschäftigen, weil es unheimlich ist, eine solche Fähigkeit zu haben. Es ist eine Art Macht über andere Menschen. Eine Macht, mit der man in das Leben anderer Menschen, die man kennt oder einmal gekannt hat, eingreifen kann, als ob man sie steuern könnte. Wie geht man damit um? Darf man diese Macht anwenden? Und wozu?

Vielleicht weiss sie es nicht und ahnt es nicht einmal. Vielleicht weiss nicht einmal ihr Unterbewusstsein davon. Vielleicht hält sie es wirklich für unglaubliche Zufälle, wenn ihr Menschen über den Weg laufen, an die sie kurz zuvor gedacht hat. Menschen, die gerade noch weit weg waren, in jeder Beziehung. Vielleich ist sie jedes Mal von Neuem völlig verblüfft, wenn es geschieht. Wenn Nathan oder Selma plötzlich wie aus dem Nichts auftauchen, Baruch oder Kleinstein. Vielleicht merkt sie überhaupt nicht, dass sie den Hut in der Hand hält, aus dem der Hase springt.

Wir haben Jonathan Grünstein bei der Landung in Istanbul nicht mehr gesehen. Er flog Business und war somit längst aus der Maschine verschwunden, als wir noch geduldig bestaunten, wie die Frau aus der Sitzreihe vor uns ihre zwölf Duty Free Säcke aus der Ablage kramte.

Ich bin gespannt, ob ihr Bruder den Job erhält. Seine Bewerbung klingt gut. Er sieht jünger aus als auf dem Passbild auf seinem CV, als er dem Personalverantwortlichen gegenübersitzt. Es ist einer dieser Tage, an denen der Westwind Sand aus Nordafrika herüberträgt. Man kann nicht allzu weit sehen und alles wirkt wie mit roter Kreide gezeichnet.

17. Februar 2017

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Meine grauen Nomaden

13. Februar 2017

Graue Rouladen sind entweder alt und in meinem Kühlschrank schimmlig geworden oder sie sind das Werk eines überdrehten Zuckerbäckers, der allen Ernstes daran glauben will, dass sich irgendjemand (IRGENDjemand) eine graue Roulade kaufen möchte, um sie dann genüsslich zuhause zu verspeisen, die Küchenvorhänge zugezogen, damit niemand etwas abhaben will von dieser wunderbaren grauen Roulade.

Graue Nomaden waren hingegen nie in meinem Kühlschrank und die Wahrscheinlichkeit ist ein Riese, dass sie bezüglich Rouladen einen ganz normalen Geschmack haben. Es handelt sich, so las ich vor ein paar Monaten in einer Sonntagszeitung, um nicht mehr arbeitende Menschen über 55 Jahre, die in Australien herumreisen, und sich alles anschauen, was sie sich während ihrem Erwerbsleben nicht anschauen konnten. Ich möchte gerne die weiten Ebenen sehen, Loretta, oder den roten Felsen, Du weisst schon, aber ich habe die nächsten 30 Jahre grad keine Zeit. Später vielleicht? Kommst Du mit?

Es gibt schätzungsweise mehrere Zehntausend von ihnen und man rechnet offenbar für jeden, der unterwegs ist, mit fünf weiteren die mit dem Gedanken spielen, selber aufzubrechen. Fünf zu eins, man stelle sich das kurz vor. Sogar Kleines wird ziemlich gross, wenn man es oft genug mit Fünf multipliziert.

Dass die Population von grauen Nomaden nicht bereits zu gross geworden ist und zum Schutz des Artengleichgewichts während gewissen Phasen zum Abschuss freigegeben werden muss, ist allein dem Umstand zu verdanken, dass die fünf weiteren mit dem Gedanken spielen wie eine Katze mit einer erwischten Maus. Sie klopfen ein wenig auf dem Gedanken herum und lassen ihn dann liegen.

Unter den grauen Nomaden gibt es Untergruppen, wie der Artikel ausführte, wovon sich eine mit einem Augenzwinkern «geriatric gypsies» nenne, was grob als betagte Zigeuner zu übersetzen sei. Es könnte natürlich auch sein, dass die eines vorgerückten Tages nach dem Einkaufen im Supermarkt einfach vergessen haben, wo sie wohnen, und seither in der Gegend herumkurven und kein Geld haben, um das Augenzwinkern behandeln zu lassen, weil ihr Krankenkassenausweis ja irgendwo dort in einer Schublade liegt und verstaubt, wo sie zuhause wären.

Die «geriatic gypsies», erklärt uns ein wie aus dem Nichts auftauchender Mann namens Cough, den man uns als Experte für ältere Menschen vorstellt, die den Heimweg nicht mehr finden, wollen nie mehr sesshaft werden. Keine Ahnung, woher er das wissen will. Vielleicht haben sie es ihm ja so gesagt, bevor sie losfuhren, aber er kann es sich ebenso gut aus den Fingern gesogen haben, um sich wichtig zu machen und in einer Sonntagszeitung zitiert zu werden, der eitle Geck.

Wie weit sind wir überhaupt gekommen, dass wir einen Mann, der Husten als seinen Namen ausgibt, als Experten zitieren? Dabei genügte ein kurzer Blick in ein medizinisches Lexikon im Netz, um zu erkennen, wie unseriös das ist. «A cough is a reflex action to clear your airways of mucus and irritants such as dust or smoke. It’s rarely a sign of anything serious. «

Auf der Website der «geriatic gypsies» steht das Porträt von Bonny und Roy, nennen wir sie hier einmal so, um Klagen auszuweichen, die seit bald zwölf Jahren unterwegs sind. Sie wollen nicht mehr nachhause (es stimmt also doch). «Wenn es nicht mehr geht, fahren wir auf einen Caravan-Park und warten auf Gott», schreiben sie auf der Webpage. Das ist eine schöne Vorstellung, Kinder, man darf sie sich einfach nicht vorstellen.

Was immer man davon hält: Reuven Djemand hatte diese Vorstellung nie. Er glaubt weder an Caravans noch an die letzte Ausfahrt und im Gegensatz zu den meisten grauen Nomaden, die in Paaren unterwegs sind und sich die anfallenden Arbeiten teilen (Fahren, Beifahren, Essen, Kochen, nur die Landschaft wird zusammen bestaunt) ist er in seinem alten Chevy alleine unterwegs. Er hat öliges, nach hinten gekämmtes Haar wie in den 50er Jahren und sieht, wenn er seinen Wagen volltankt, trotz seiner Einsamkeit so aus, als möchte er nicht angesprochen werden. Bevor er eines Tages losfuhr, hat er sein Geld als Zuckerbäcker verdient. Sein Lebenstraum war die grosse Roulade. Guinessbucheintrag. Und dann die Backstube schliessen.

Aber Ich möchte hier nicht weiter auf ihn eingehen. Er lohnt sich nicht, denn ich habe ihn eben erst und rein zufällig erfunden. Ich habe auch keinerlei weitere Verwendung für ihn. Er ist mir untergekommen, als ich ganz zu Beginn IRGENDjemand schrieb, um das IRGEND optisch zu betonen, weil mein Blog noch immer nicht sprechen kann. Wie alt muss er noch werden? Seine Schwester hat in seinem Alter Bücher geredet.

Als ich das Wort dann noch einmal las, ist mich Djemand angesprungen. Der Name stammt aus einem Subkontinent, wo es wilde Tiger gibt, soviel kann ich sagen, und man betont ihn auf der zweiten Silbe, wenn überhaupt. Kann sein, dass er in gewissen Gegenden nur gemurmelt oder hinter vorgehaltener Hand gemauschelt wird, weil das Geschlecht zur Kaste der Fahlen gehört, die die Hände verwechseln. Ich kann’s echt nicht erklären und gerade jetzt merke ich, dass mir so ziemlich alles leid tut. Auch dass ich ihn erfunden habe und nun gleich wieder fallenlasse. Ich mach das nicht gerne, glauben Sie mir, aber ich weiss ja nicht einmal, woher der Vorname kam.

Scheint nicht mein Tag zu sein heute. Es müsste bei WordPress eine Software eingebaut sein, die den Text löscht, wenn man nicht gut drauf ist, bevor man ihn posten kann. Gesichtserkennung würde reichen. Ein paar einfache Algorithmen. DisAPPearence. Kann das jemand husch erfinden? Danke.

Ich möchte aufgrund meiner heutigen Erfahrung dringend davon abraten, vor allem jüngeren Kollegen, die es schreibend noch zu etwas bringen möchten, einen Text, den man im September begonnen hat, im Februar des folgenden Jahres beenden zu wollen. Das geht in der Regel schief und auch die Ausnahmen liest kein Schwein.

Entschuldigen möchte ich mich ausdrücklich bei den grauen Monaden. Ich stelle mir das wunderbar vor, was ihr macht, auch wenn alles ziemlich klein ist und wegen meiner schlechter werdenden Augen kaum noch etwas für mich sein wird.

Auch die letzten Jahre meines Lebens mit einem Camper kreuz und womöglich quer durch Australien zu fahren, dürfte kaum in meinem Buch stehen. Das heisst aber nicht, dass das keine gute Lösung ist. Lasst euch von mir nicht abbringen, schon gar nicht vom Weg. Zieht weiter! Die Welt gehört euch, seit sie euch nicht mehr gehört.

13. Februar 2017

vollidiot

Der Mann, der nicht auf dem Mond war

13. Februar 2017

Andres Lavander, der einzige Schwede, der weder auf dem Mond noch auf dem Mars war, ist am Sonntag im Alter von 132 Jahren in seinem Haus in Westersund an einem Herzversagen gestorben.

Lavander hatte sich Zeit seines Lebens erfolgreich geweigert, die obligatorische Reise zum Mond anzutreten. Wie viele seiner Generation bekämpfte er vor 50 Jahren die Einführung des Mondreise- Obligatoriums und als einziger weigerte er sich nach dessen Inkrafttreten beharrlich (und wie nun feststeht erfolgreich), den Flug anzutreten.

Er liess sich selbst durch Drohungen der Behörden, ihn nicht sterben zu lassen, nicht einschüchtern. Sein beharrliches Festhalten an seiner Weigerung, die Erdatmosphäre zu verlassen, ist in verschiedenen Redewendungen in die schwedische Sprache eingegangen. Redensarten wie „und als Nächstes fliegt Lavander zum Mond“ (als Reaktion auf eine unwahrscheinliche Ankündigung) oder „wie Mondstaub in Lavanders Haaren“ (als Ausdruck der Verblüffung über etwas, was man nie erwartet hätte), sind in Schwedens Alltag seit Jahren geläufig und dürften Andres Lavander lange überleben.

Lavander wurde als Sohn eines Bienenpflegers in eine Familie mit zweieinhalb Kindern geboren. Seine Mutter war eine bekannte Kommatasammlerin. Ihre Sammlung von überflüssigen Kommata aus der Weltliteratur belief sich bei ihrer Pensionierung auf über 3,5 Trillionen Kommata. Seine Schwester Klara war eine Waldtraumpionierin der ersten Stunde, und sein um ein Vierteljahrhundert älterer Halbbruder Sven war lange Jahre Generalsekretär des nationalen Zentaurenverbands.

Seine ältere Schwester Norje, der Andres besonders zugetan war, verbrachte ihr halbes Leben in einer Anstalt, weil sie ein Gedicht geschrieben und publiziert hatte. Erst als es sich nicht mehr reimte, wurde sie entlassen. Sie lebt heute in Norköpping und singt, wenn der Nebel sich auflöst. Sein jüngerer Bruder Lars wurde nach dem Tod der Mutter zeitreisensüchtig und gilt auf seinem Acker als verschollen.

Andres Lavander hinterlässt vier entwachsene Kinder und eine elektrische Spielzeugeisenbahn.

Beim Friseur

13. Februar 2017

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Die Heimkehr

28. Januar 2017

Am Abend des 10. Oktober 2013 beobachteten Bewohner von Rumeli Kavağı, einem Quartier Istanbuls, wie eine Herde von Wildschweinen schwimmend den Bosporus überquerte. Die Wildschweine waren unterwegs vom europäischen zum anatolischen Ufer. Ein Fischer, der mit seinem Boot in der Dämmerung unterwegs war, sagte aus, er hätte zuerst nur eine Silhouette gesehen, und als er näher heranfuhr, erkannte er eine schwimmende Herde von zehn Wildschweinen, berichtete die Zeitung Habertürk am 11. Oktober.

Die Hürriyet Daily News, die den bemerkenswerten Vorfall in ihrer Ausgabe vom selben Tag mit einem Verweis auf Habertürk wiedergab, druckte ein grobkörniges Bild ab, auf dem in der Dämmerung schwimmende Wildschweine unscharf aber klar zu erkennen sind. Eine Bildlegende fehlt. Der Betrachter weiss so nicht, ob es sich um die Wildschweine handelt, die am 10. Oktober 2013 schwimmend den Bosporus überquerten, oder um andere schwimmende Wildschweine.

Schon im Jahr 2006, so schliesst die kurze Zeitungsmeldung, hätten Fischer vor der Küste der nordwestlichen Provinz Tekirdağ zwei schwimmende Schweine gefangen, was die Menschen der Region damals ebenfalls überrascht hätte.

Anderthalb Jahre nachdem die Wildschweine den Bosporus überquert hatten, im April 2015, berichteten die türkischen Zeitungen von einem Mann, der im Niksar Distrikt der Schwarzmeer-Provinz Tokat einem Baum gestattet, in seinem Haus zu wachsen.

Ein Bild war abgedruckt, auf dem man nicht das Innere des Hauses sah, wo der Baum mit Erlaubnis des Bewohners wächst, sondern eine Aussenansicht, die eindrücklich zeigt, wie der Baum aus dem Haus herauswächst, genauer gesagt aus einem Bretterverschlag, der neben einer Türe in die Mauer eingelassen ist.

Ein nicht mehr junger Mann in grauem Hemd und hellbrauner Hose steht neben der halboffenen Türe. Man sieht erst bei genauerem Hinsehen und wenn man in der Primarschule häufig Bildbeschreibungen machen musste, dass er die Hand nicht in der Hosentasche hat, sondern am Hosensaum angelegt. Ein Lieferwagen, dessen Heckklappe mit einer roten Blache verdeckt ist, steht vor dem Haus. Der Baum steht in voller Blüte. Die Strasse geht vom Betrachter aus gesehen bergab.

Wir erfahren nicht, ob der Lieferwagen dem Mann mit dem grauen Hemd gehört, oder ob es sich bei ihm um den im Artikel beschriebenen Hausbesitzer handelt. Vielleicht befindet sich der Hausbesitzer gerade im Haus und giesst den Baum. Der Mann mit der Hand am Saum wäre dann zum Beispiel ein Nachbar oder ein Onkel oder der Fahrer des Lieferwagens, der gerade etwas geliefert hatte, was auch immer, als der Fotograf der Zeitung erschien. Vielleicht liegt die Lieferung auch noch unter der Blache.

Der Hausbesitzer, der mit Namen genannt und dem Leser als 54-jähriger Textilarbeiter vorgestellt wird, habe es nach eigener Aussage nicht über’s Herz gebracht, den Maulbeerbaum zu fällen, der seit Jahrzehnten in seinem Haus gewachsen sei.

Wenn ich hier vom Hausbesitzer schreibe, muss ich gestehen, dass ich zunächst nicht wirklich wusste, ob der Bewohner, der den Baum seit Jahrzehnten in und aus seinem Haus wachsen lässt, tatsächlich der Besitzer des Hauses ist. Es schien mir aber wahrscheinlich, denn dass ein Vermieter einem Mieter gestatten würde jahrzehntelang einen Baum in seinem Haus wachsen zu lassen, kann ich mir auch ausserhalb der Schweiz schlecht vorstellen. Der Mietvertrag wäre unendlich lange und kompliziert geworden.

Wenn man den Artikel zu Ende gelesen hat, was ich hätte tun sollen, bevor ich darüber zu schreiben begann, erfährt man, dass der Hausbewohner tatsächlich der Hausbesitzer ist. Er erzählte dem Journalisten, der Baum sei vor vierzig Jahren, als er selber vierzehn Jahre alt war, in einem Holzverschlag neben der Eingangstüre des Hauses gepflanzt worden.

Heute ist vom Holzverschlag nur noch die Frontseite übrig und das Haus scheint auf der der Haustüre abgewandten Seite um den Verschlag herum aus- oder angebaut worden zu sein. Anders ausgedrückt hat der Baum also in einem ans Haus angebauten Holzverschlag zu wachsen begonnen (wobei mir rätselhaft bleibt, warum man einen Baum in einem Holzverschlag pflanzt), der durch den Ausbau des Hauses dann in dessen Mitte rückte, aus der der Baum nun herausragt.

Anstatt «der Baum wächst im und aus dem Haus» könnte man also auch sagen, «das Haus wurde um den Baum herum gebaut». Der Baum würde dann dem Haus erlaubt haben, um ihn herum gebaut zu werden. Es verhielte sich dann so wie mit den Wildpfaden, die ja auch nicht unsere Autostrassen kreuzen, sondern umgekehrt.

Wie dem auch sei. Ohne Kenntnis der Vorgeschichte stellen Passanten heute beim Vorübergehen fest (denn das machen Passanten: sie gehen vorüber): aha, da wächst ein Baum aus dem Haus. Die meisten finden das vermutlich einfach bemerkenswert. Man sieht das ja nicht alle Tage. Dann gehen sie weiter. Vermutlich ist aber auch schon hin und wieder einer beim Anblick des Baumes, der aus dem Haus herauswächst, kurz stehen geblieben, und hat für sich gedacht: Man sollte ihn fällen. Oder das Haus abbrechen.

***

Mir kommt jetzt in den Sinn, wie es war. Es liegt tatsächlich noch etwas unter der Blache. Ich kann es natürlich nicht beweisen, aber ich bin mir ziemlich sicher. Der Mann mit den hellbraunen Hosen ist nicht der Besitzer des Hauses. Es ist auch kein Nachbar und nicht der Onkel des Besitzers. Es ist sein Bruder.

Er ist Fischer und er hatte am Abend zuvor Wildschweine im Meer entdeckt, vielleicht die gleichen, die schon im Herbst 2013 gesichtet worden waren. Es war ein gutes Dutzend und eines von ihnen, ein Jungtier, obwohl schon von stattlicher Grösse, ist ganz am Ende geschwommen. Es war entkräftet und musste abreissen lassen, während der Rest des Rudels hinter den mächtigen Keilern dicht zusammenblieb und in ihrem Kielwasser irgendwann das sichere Ufer erreicht hat.

Der Fischer, dessen Bruder im Haus mit dem Baum wohnt, zog das entkräftete Tier mit seinen Gefährten ins Boot und tötete es mit einem Vorschlaghammer, weil er sich vor ihm fürchtete und sich nicht anders zu helfen wusste. Er konnte mit Raubfischen umgehen, auch mit grossen, aber er fürchtete sich vor Wildschweinen, von deren Kraft und Gewalt er Geschichten gehört hatte. Das Tier röchelte, zuckte mit den Beinen und lag dann still. Was hätte er tun sollen.

Früh am nächsten Morgen hievte er es mit einem Gehilfen auf die Ladefläche seines Lieferwagens, verdeckte die Sicht darauf, indem er eine rote Blache über die Hecktüre hängte, und machte sich auf den Weg zu seinem Bruder. Der Verkehr war dicht, wie stets in Istanbul. So hatte er Zeit auf dem Weg, viel Zeit, um nachzudenken, wie es sein würde, wenn er seinen Bruder wiedersehen würde, nach über zwanzig Jahren.

Ihr Vater erschien ihm, während er im Stau stand, wie er sie eines Tages zu sich rief, und ihnen erklärte, ohne Einleitung und in knappen Worten: Einer von euch kann das Haus behalten, der andere erhält das Fischerboot. Der Baum wird nicht angerührt. Habt ihr mich verstanden? Eure Mutter hat ihn gepflanzt. Wenn ihn einer von euch fällt, steige ich aus dem Grab und bringe ihn um.

Er hatte erwartet, dass sein älterer Bruder sich für das Boot entscheiden würde. Ein Fischerboot war eine Lebensversicherung. Der Maulbeerbaum war damals noch kleiner, aber er machte ein normales Leben im Haus bereits unmöglich. Doch sein Bruder entschied sich für den Baum.

Als er ein paar Wochen später zu Besuch gekommen war, fand er seinen Bruder alleine im Haus. Wo ist Vater? Was ist passiert? fragte er ihn. Sein Bruder sass am Küchentisch, am Baum angelehnt. Er packte ihn am Hemd und schüttelte ihn. Wo ist Vater? Sein Blick war leer. Wir haben uns gestritten, kam es aus ihm heraus. Er ist fort.

Er erfuhr nie, was genau vorgefallen war. Sein Bruder wollte es ihm nicht sagen und die Nachbarn wussten nichts. Ihr Vater war verschwunden. Der Baum wuchs weiter.

Obwohl er über zwanzig Jahre nicht mehr im Quartier gewesen war, und obwohl sich seither vieles verändert hatte, fast alles eigentlich, ausser dass die neuen Strassen keine Namen und die Häuser noch immer keine Nummern hatten, war es einfach, sein Elternhaus zu finden. Ein Baum wuchs aus ihm.

Er war soeben vorgefahren, hatte seinen Lieferwagen vor dem Haus geparkt und wollte gerade an der Türe seines Bruders klingeln, als zwei Männer aus einem Auto ausstiegen, das gegenüber auf der anderen Strassenseite angehalten hatte. Einer hatte eine Kamera und begann das Haus mit dem Baum zu fotografieren. Er machte rasch ein paar Schritte zur Seite, um nicht auf dem Bild zu sein, aber er vermutete, dass es ihm nicht gelungen war.

In der nächsten halben Stunde drehte sich alles um den Baum, nicht um das tote Wildschwein, den verschwundenen Vater oder darum, dass er seinen Bruder mehr als zwanzig Jahre nicht gesehen hatte. Er stand hinter der Hausecke und konnte die Stimme seines Bruders hören, wie er den Männern erklärte, dass der Maulbeerbaum im Innern des Hauses Luftwurzeln geschlagen hatte, die zum Teil bis an die Decke des Hauses reichten. Dass die Rinde des Baumes im Hausinnern mit einer Metallfolie überzogen war, wegen der Käfer und dem anderen Ungeziefer, das in Baumrinden wohnt. Kommen Sie herein, ich zeige es ihnen.

Als sein Bruder und die beiden Männer im Haus verschwunden waren, ging er zu seinem Lieferwagen und fuhr los. Luftwurzeln. Was das wohl sein sollte.

Am nächsten Tag fand er ein Bild seines Elternhauses in der Zeitung, und er sah, dass es ihm nicht gelungen war, rasch genug aus dem Bild zu verschwinden. Er las, dass sein Bruder ein gutes Herz hat, ein grosses Herz, in dem ein Baum Platz hat, und dass es ihm reicht, wenn Passanten Früchte von seinem Maulbeerbaum essen und ihm für die Beeren danken, das reicht ihm. Er habe im Innern des Hauses lediglich diejenigen Äste gestutzt, die den elektrischen Kabeln in die Quere gekommen seien. Sonst liess er den Baum wachsen. Sein Bruder hat ein gutes Herz.

Er faltete die Zeitung und legte sie in die Schublade, wo er seine Papiere aufbewahrte. Irgendwann, nicht morgen, auch nicht übermorgen, aber vielleicht in ein paar Wochen würde er noch einmal nach Hause fahren. Und diesmal würde er klingeln, und sein Bruder würde die Türe öffnen und sie würden sich anschauen und sich umarmen. Sie würden zusammen in der Küche stehen und die Fische braten, die er mitgebracht hätte. Sein Bruder würde ihm die Luftwurzeln zeigen und er würde ihm vom jungen Wildschwein erzählen, das an der zweiten Brücke plötzlich die Hecktüre des Lieferwagens aufgestossen hatte und ins Meer gesprungen war. Manchmal war etwas so stark, dass man es nicht zurückhalten konnte. Nicht einmal mit einem Vorschlaghammer.