He, Robot

Er wohnte im selben Haus und war mindestens einen Kopf grösser als ich – nichts Besonderes, seit ich (so sagte meine Hausärztin) drei Centimeter geschrumpft war. Er war Ende Zwanzig, Anfang Dreissig, eine sehr gepflegte Erscheinung, stets modisch gekleidet, mit farblich fein abgestimmten Accessoires und einer Designerbrille. Das Besondere an ihm aber war seine Stimme.

Es war eine dieser tragenden Bass-Stimmen, die man schon von weitem hört und nicht überhören kann, wenn man noch wollte. Ich glaube, nein, ich bin mir sicher, ich bin ihm kein einziges Mal begegnet, ohne dass er sprach. Er sprach im Gehen, mit dem Mikrofon seines Telefons im Ohr, er sprach im Fahrstuhl, er sprach im Treppenhaus, ich hatte nicht den Schatten eines Zweifels, dass er auch im Bus oder im Zug sprach, nur hatte ich das bisher noch nicht miterlebt.

Wenn er im Fahrstuhl sprach, hörte man seine Stimme so klar, dass man meinte, er sei im Treppenhaus, und wenn er im Treppenhaus sprach, war man sicher, er ist auf demselben Stockwerk, kommt gleich um die Ecke, war und kam aber nicht. Auffallend war, dass er unablässig, ganz ohne Unterbruch sprach, ohne Luft zu holen. Sagte die Person am anderen Ende der Verbindung nie etwas? War es seine Mutter, der er auf dem Heimweg seinen Tag erzählte, bevor er in seine stille Wohnung ging?   

Wie es sich zutrug, ging ich einige Male am Abend, als ich mit den Hunden auf dem Heimweg von unserem Spaziergang war, hinter ihm her, als er dem Kiesweg unserer Siedlung entlang in Richtung unseres Hauses folgte. Er sprach jedes Mal und ohne Ausnahme über Kinder und deren Erziehung. Laut und deutlich. Nicht zu überhören.

„Das allerletzte, was ich möchte, wenn ich Kinder hätte, wäre …“

Und ein anderes Mal: „Wenn sie das als Kind schon machen, kann man …“

War er Kinderpsychologe? War er nicht etwas jung dafür? Studierte er vielleicht Kinderpsychologie? Oder war er Kindergärtner? Primarlehrer für untere Klassen vielleicht? Arbeitete er in einer Kita? Bei der KESP?

Als ich wieder einmal auf dem Heimweg hinter ihm her ging und er laut über Kinder dozierte, dachte ich: das habe ich doch schon einmal gehört. Er spricht also nicht nur so, dass alle es hören müssen, er wiederholt sich auch noch dabei. Er sagt dasselbe laut und deutlich vernehmbar für seine Mutter und alle, die es nicht hören wollen, vor allem nicht zweimal. Will seine Mutter es zweimal hören? Merkt sie gar nicht, dass sie es zum zweiten Mal hört, weil sie gerade eine Feierabendserie schaut? Ein Rerun aus den 60er-Jahren, als sie ein kleines Mädchen war? Sprung aus den Wolken?  

Der Sommer ging langsam zu Ende und die Tage waren bereits merklich kürzer geworden. An einem trockenen Dienstag (ich weiss, dass es ein Dienstag war, weil ich am Dienstag immer Tennis spiele und an jenem Dienstagmorgen hatte ich mir dabei den Fuss vertreten) hinkte ich am Ende eines kurzen Spaziergangs mit den Hunden hinter ihm her in Richtung unseres Hauseingangs, und jetzt war ich sicher: Er erzählte exakt das Gleiche, das er schon einmal erzählt hatte. Satz für Satz, Wort für Wort.

Das kann ja nicht sein, sagte ich zu den Hunden, die mich fragend anblicken. Und weil ich es nicht glauben wollte, dass jemand zweimal exakt dasselbe erzählt, installierte ich eine dieser leistungsfähigen Recorder-Apps auf meinem Mobiltelefon und nahm von da an jedes Mal, wenn er vor mir herging und über das Verhalten von Kindern und deren Erziehung sprach (er sprach nur über das Verhalten von Kindern und deren Erziehung), machte ich eine Aufnahme davon. Dank seiner lauten und tragenden Stimme war das auch möglich, wenn er einige Meter vor mir ging. Mein Fuss hatte sich von meinem Fehltritt erholt und ich konnte ihm mühelos folgen.

Ich wusste mittlerweile, mit welchem Zug er am Abend ankam und wann er beim Gemeindehaus um die Ecke kommen und dozierend in unseren Kiesweg einbiegen würde, und ich richtete meinen Spaziergang so aus, dass ich jeden Tag genau um diese Zeit beim Gemeindehaus eintraf. Bis Ende Oktober hatte ich fast 50 Vorlesungen aufgenommen und an einem regnerischen Sonntag begann ich damit, sie auszuwerten.

Ich transkribierte die einzelnen Vorlesungen und analysierte sie dann. Das Ergebnis war absolut verblüffend. Es stellte sich heraus, dass er ein Set von zehn Vorlesungen hatte, die er an fixen Tagen pro Woche hielt. Eine am Montag, eine am Dienstag, und so weiter bis Freitag (keine Vorlesungen am Wochenende), und nach zwei Wochen begann er am Montag wieder von vorne und hielt genau denselben Vortrag wie vor vierzehn Tagen. Satz für Satz, Wort für Wort.  

Auch wenn dahinter eine Absicht lag (wieso sollte jemand so etwas absichtlich tun?), war es schwer vorstellbar, dass er zehn Vorträge auswendig konnte und sie ohne eine einzige Abweichung, ohne das geringste Stocken, ohne Versprecher, ohne ein einziges äähh… rezitierte. Es schien mir geradezu unmenschlich.

Da ich ausschliessen konnte, dass es sich bei meinem Nachbarn um einen Ausserirdischen handelte, weil sich bei einem Ausserirdischen das Auge im Nacken geöffnet hätte, wenn er sich verfolgt fühlt, weil ich dauernd hinter ihm hergehe, blieb nur eine Erklärung: er musste ein Roboter sein. Aber wie konnte ich meine Vermutung bestätigen?           

Eines Tages kam mir der Zufall zu Hilfe. Allerdings, ob es wirklich eine Hilfe war, oder ob mir der Zufall wieder einmal etwas eingebrockt hatte, sei dahingestellt. Mein Nachbar ging einmal mehr am Feierabend auf dem Kiesweg vor mir her und als er sagte: „Diese Kinder wissen doch ganz genau, wenn sie etwas wollen, müssen sie nur…“ und dabei ruckartig die rechte Hand hob, fiel ein Gegenstand aus seiner offenen Freitag Tasche, die über seiner rechten Schulter hing.

Als ich ihn erreicht hatte, hob ich den Gegenstand auf. Es war ein türkises Brillenetui. Ich wischte es an meiner Jacke ab und wollte dem davonschreitenden Nachbarn („…und genau deshalb darf man nicht jedes Mal sofort…“) nachrufen, aber ich tat es zu meinem eigenen Erstaunen nicht. Stattdessen steckte ich das Brillenetui in meine Jackentasche und ging weiter.

Als ich zu unserem Haus einbog, sah ich, dass er noch bei den Briefkästen stand und seine Post sichtete. Ich wollte nicht draussen warten, wie hätte das ausgesehen, also öffnete ich die Aussentür und sagte „Guten Abend“ (er sagte auch guten Abend), dann öffnete ich mit dem Schlüssel die Innentüre und er folgte mir, offenbar fertig mit der Durchsicht seiner Post, zum Fahrstuhl.

Ich nahm die Hunde an die kurze Leine und mit der freien Hand zog ich den Reissverschluss meiner Jackentasche hoch. Was hätte ich gesagt, wenn er sein Brillenetui entdeckt hätte? Er drängte sich in die Ecke beim Spiegel und sagte mit Blick auf die Hunde: „Die sind aber wirklich lieb.“

„Das sind sie“ sagte ich, mit der freien Hand auf meiner Jackentasche, und es kam mir in den Sinn, dass er uns beim letzten Mal, als wir uns vor dem Fahrstuhl trafen, mit den Worten „Ich bin allergisch“ den Vortritt liess und nicht einstieg. „Das sind Pudel, die haaren nicht. Auch Allergiker können…“, hatte ich geantwortet, aber die Lifttür hatte sich rasch geschlossen und ich weiss nicht, wie viel davon er noch gehört hat. Jedenfalls traute er sich nun mit uns in den Fahrstuhl. Vielleicht war er inzwischen auch die Allergie losgeworden. Es gab ja diese Therapien mit Spritzen, aber meines Wissens dauerte das ein Jahr.

Wie dem auch sei. Der Fahrstuhl hielt im vierten Stock, zuerst stieg ich mit den Hunden aus, dann stieg er aus, die Lifttür schoss sich hinter ihm, wir wünschten uns praktisch gleichzeitig einen schönen Abend, dann ging er die Treppe hoch zum 5. Stockwerk und ich schloss unsere Tür auf. 

Nachdem ich die Hunde abgeleint und meine Jacke aufgehängt hatte, nahm ich sein Brillenetui aus der Jackentasche. Ich öffnete es. Es war leer. Natürlich war es leer. Die Brille war auf seiner Nase. Ich schloss es wieder und legte es auf die Kommode bei der Wohnungstüre. Das passte, denn die Türen der Kommode (von einem Schreiner in Ulus, der Altstadt Ankaras, in der Nacht vor unserer Abreise aus alten Fensterläden hergestellt) waren ebenfalls türkis.  

Warum hatte ich ihm das Etui nicht sofort zurückgegeben, als ich es aufgehoben hatte? Hatte ich etwas vor damit? Wusste mein Hirn mehr als ich?

Erst am nächsten Tag wusste ich, warum ich das Etui eingesteckt hatte, anstatt es ihm gleich nachzutragen. Das Etui war mein Schlüssel zu seiner Wohnung. Wenn ich ihm das Etui zurückbrachte, würde ich dabei einen Blick in seine Wohnung erhaschen, und ich stellte mir vor, warum auch immer, dass man an der Wohnung eines Roboters erkennt, dass es die Wohnung eines Roboters ist.

Nachdem ich ihn am Abend mit zehn Schritten Abstand vom Gemeindehaus bis zum Hauseigang begleitet hatte (ein stummes Geleit für einen lauten Gehenden), wo ich bei den Briefkästen stehen blieb und ihm – er hielt mir die die Lifttür auf – durch die Glasscheibe ein Zeichen gemacht hatte, es würde dauern, er müsse nicht auf mich warten, ging ich hinauf in meine Wohnung und wartete eine halbe Stunde, um ihm Zeit zu geben, abzulegen und anzukommen. Dann sagte ich zu den Hunden, ich bin gleich wieder da, schloss die Tür hinter mir ab und ging die Treppe hoch.    

Ich hatte mir vorgenommen, auf keinen Fall seine Wohnung zu betreten. Ich hatte Angst davor, mit einem Roboter alleine zu sein.

Ich klingelte. Nach einer gefühlten Ewigkeit, die wahrscheinlich nicht länger als 20 Sekunden dauerte, öffnete er die Tür.

„Hallo,“ sagte ich, und streckte ihm sein Brillenetui entgegen. „Sie haben es gestern vor dem Haus verloren.“

Er nahm es entgegen und als er den Blick senkte, tat ich dasselbe. War das ein Kabel, das von seiner Ferse ausging?

„Tatsächlich, das ist meines.“ sagte er, „Vielen Dank“ Und dann kam es: „Darf ich Ihnen einen Tee anbieten?“

„Auf keinen Fall,“ schoss es viel zu schnell aus mir heraus. „Ich habe einen Hund auf dem Herd und muss noch mit den Pfannen raus, bevor es dunkel wird.“

„Na dann,“ sagte er lächelnd, „Danke nochmal und schönen Abend.“

„Ihnen auch“ sagte ich, und ging die Treppe runter. Ich schloss die Tür auf, wurde von den Hunden stürmisch begrüsst, wie es sich nach drei Minuten Abwesenheit gehört, verschloss die Tür hinter mir und drückte die Falle zur Kontrolle zweimal runter.   

Hätte man sich dümmer aufführen können, als ich das gerade getan hatte? Was würde er von mir denken, wenn er kein Roboter war? Und – schlimmer noch – was, wenn er einer war? Warum hatte er nicht gefragt, wieso ich wusste, dass es sein Brillenetui war? Was taten Roboter, wenn sie merkten, dass man sie entdeckt hatte?

Ich musste mich beim Kabel versehen haben. Da lag ein Kabel am Boden, aber es stammte bestimmt von einem Staubsauger, den er gerade ausgesteckt hatte. Ganz sicher kam es nicht aus seiner Ferse. Hätte er mich auf einen Tee hereingebeten, wenn er gerade dabei war, sich aufzuladen?  

Ich beschloss, mich geirrt zu haben. Ich machte noch den nächtlichen Rundgang mit den Hunden auf dem knirschenden Kies und ging dann früh zu Bett. Ich schlief lange nicht ein, während meine Gedanken kreisten. Würde die Verwaltung eine Wohnung an einen Roboter vermieten? Benutzten Roboter Staubsauger mit Kabel, weil sie keine anderen Roboter um sich duldeten? Als ich gegen drei Uhr morgens endlich doch noch einschlafen konnte, wurde es ein unruhiger, von wirren Träumen durchsetzter Schlaf.     

Beim Frühstück am nächsten Morgen suchte mich ein noch verrückterer Gedanke heim. Was, wenn alle Menschen in unserem Haus, in unserer Siedlung, Roboter waren? Nicht nur der Vortragsreisende in Sachen Kindererziehung, auch die Familie mit der Katze (ein Roboter?) im Parterre, das freundliche deutsche Paar, deren (echte) Blumen ich goss, wenn sie in den Ferien waren, der Hauswart, der Serbe mit dem roten Bentley sowie sämtliche Seniorinnen und Senioren im Haus gegenüber und ihr Pflegepersonal? War ich der einzige Mensch in der Siedlung? Der einzige Mensch in Regensdorf?

Nach einem Moment der Panik, der schnell vorüberging, musste ich über mich selber lachen. Roboter, die sich im Pflegeheim um Roboter kümmern. Das war nichts anderes als die nächste Stufe nach den Robotern, denen man die Pflege der Alten und Kranken anvertrauen wollte. Roboter waren die perfekte Lösung aller drängenden Probleme. Wenn Roboter die Arbeit übernahmen, konnte die Zuwanderung getrost gedeckelt werden. Auch für die Entlastung des Gesundheitswesens (Roboter hatten keine Wahl, es gab nur das Hausmechaniker-Modell) war gesorgt, und die Finanzierung der AHV für die nächsten Rentnergenerationen war mit Robotern gesichert. Man konnte ihnen widerspruchslos mehr Lohnprozente abziehen und wenn sie einst in Pension gingen, bezogen sie selber keine AHV. Sie lagen dann den ganzen Tag im Jura auf sich automatisch zur Sonne drehenden Liegestühlen und erzählten einander Geschichten, die sie nachtsüber erfunden hatten.   

Hinterlasse einen Kommentar