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Hunde spazieren von Wien über Boston nach Salt Lake City

13. Oktober 2018

(ein Plädoyer für eine Sozialgeschichte des Gehsteigs)

Seit wir zwei junge Hunde haben, bin ich wieder öfter im Freien, obwohl die Kleinen noch nicht wirklich Gassi gehen wollen. Sie jagen einander lieber in horrendem Tempo durch Wohnung und Garten, bis sie völlig geschafft sind und mal schnell vier Stunden schlafen müssen. Am liebsten mit dem Kopf auf einem Schuh oder in einer Sandale meiner Frau.

Das gleiche (sich jagen) machen sie auch in den Strassen und Gassen von Wien, auf den Plätzen, Gehsteigen und in den Stadtgärten, wenn sie nicht gerade herumschnüffeln und alles in den Mund nehmen, was herumliegt. Gib aus!

Wenn ich dann stehe und warte, bis das Schnüffeln kurz unterbrochen wird, oder bis sich der purzelnde Knäuel wieder entwirrt und zu zwei Hunden wird, fällt mir vieles auf, was ich vorher im raschen Vorübergehen höchstens gesehen, aber nicht wirklich angeschaut hatte.

Ins Freie getrieben und eingebremst von zwei schnüffelnden und raufenden Hunden beginne ich, Dinge zu betrachten und über sie nachzudenken. Haben Sie schon einmal zugesehen, wie jemand Randsteine setzt? Oder darüber nachgedacht, wofür Randsteine gut sind?

Wenn man keine Hunde hat, die einen die Dinge draussen betrachten lassen, und stattdessen zuhause im Internet nachschauen muss, könnte man leicht den Eindruck erhalten, Randsteine setzen sei eines der verbreitetsten Hobbys unserer Zeit, gleich hinter Kühlschränke abtauen. Es gibt zahllose Schritt-für-Schritt-Anleitungen.

Nachdem ich neulich an der Argentinierstrasse im vierten Bezirk eine Weile lang zugeschaut hatte, wie zwei Männer Randsteine setzten, während unsere beiden Pudel die Abschrankung ausschnüffelten, wurde mir klar, dass Randsteine notwendig sind. Der Gehsteig würde sich sonst in der Strasse verlieren. Oder sagt man in Wien Bürgersteig?

Trottoir, wie wir in der Schweiz, wohl eher nicht. Obwohl ich erst in Wien durch unsere Pudel begriffen habe, wie zutreffend der Begriff – eine Ableitung zum französischen Verb trotter – tatsächlich ist. In Trab gehen, traben, trippeln, umherschweifen – genau das machen unsere beiden Pudel auf dem Gehsteig, unterbrochen von intensivem Herumschnüffeln und Raufen.

Ob Trottoir, Gehsteig oder Bürgersteig: es braucht zur Strasse und zum Verkehr hin eine Abgrenzung durch den Randstein. Nur schon deshalb, weil man sonst nicht ungefährdet im Regen Gedichte lesen könnte. In Boston, fiel mir ein, hatte eine Organisation einmal Gedichte mit Schablonen auf die Bürgersteige gesprayt, die erst sichtbar wurden, wenn es regnete.

Weil die Hunde noch nicht weiterwollten und da ich schon in den USA war, erreichte mich aus dem Westen auch noch die Erinnerung an die Randsteine von Salt Lake City, die mir vor 35 Jahren aufgefallen waren, weil sie wegen der Schneeschmelze sehr hoch sind.

Dann waren die Hunde müde und wir kehrten nachhause zurück. Es gäbe noch vieles zu sagen zu Gehsteigen. Vielleicht sollte meine Tochter Theres nach Abschluss ihrer Studien eine Sozialgeschichte des Gehsteigs schreiben. Mit einem Kapitel über Pudel und Gedichte bitte, über Regen in Boston und die Schneeschmelze in Salt Lake City.

Der Nachbar ihrer Mutter auf seinem Balkon im 17. Stockwerk

13. September 2018

Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, im Garten raucht jemand Shit. Aber natürlich weiss ich es besser, denn der Garten ist der Garten der Botschaft und ich bin der Chef hier. So wird das jedenfalls von den meisten gesehen. Ich müsste es also wissen, wenn im Botschaftsgarten jemand Shit raucht. Ich trage schliesslich die Verantwortung, auch für den Garten.

Es ist ein lauer Spätsommernachmittag, mein Fenster steht sperrangelweit offen, und der Ausdruck trifft für einmal sogar zu. In diesem historischen Gemäuer sind die grossen Fenster auch nach der Renovation vor ein paar Jahren noch mit Sturm- oder Windhaken versehen, die man einhaken kann, wenn man die Fenster ganz öffnet, damit sie nicht vom Wind zugeschlagen werden und das Glas zerbricht.

Diese Wind- oder Sturmhaken heissen Sperrangel. Das Wort ist nicht mehr sehr gebräuchlich. Nur noch das Adjektiv taucht hin und wieder im deutschen Sprachraum auf. Sperrangelweit steht für weit offen, so offen wie nur möglich, megaweit offen. Die maximale Offenheit. Offener geht gar nicht.

Obwohl es dann eben oft keinen Sperrangel hat und irgendetwas schlägt dann zu und etwas geht kaputt. Vielleicht ist auch der Sperrangel so kaputtgegangen, zerschmettert an der Mauer an einem stürmischen Tag, als niemand zuhause war, um ihn einzuhaken. Wie lange das Adjektiv alleine noch überleben wird, ist ungewiss. Interessiert aber wohl auch fast niemanden.

Eine im letzten Mai dann doch nicht durchgeführte Umfrage unter 2700 zufällig ausgewählten Facebook-Benutzern hätte ergeben, dass mehr als zwei Drittel das Wort «sperrangelweit» altertümlich und sperrig finden (gegenüber den drei Fünfteln, die vor viereinhalb Jahren das Wort noch geliked hatten) und es in Zukunft nicht mehr verwenden werden.

Trotzdem bleibe ich dabei: aus dem Garten weht der Geruch von Shit in mein Büro. Ich bin mir jetzt ganz sicher. Irgendjemand raucht hier einen Joint. Meine Augen haben längst nachgelassen, meine Ohren sind nicht mehr die besten, aber auf meine Nase kann ich mich verlassen. Sie ist zwar mit dem Alter grösser geworden und beherbergt mehr Haare, wie die Ohren, aber sie funktioniert tadellos.

Wie Shit riecht, weiss ich nicht erst seit den zwei gescheiterten Versuchen, die ich im bereits fortgeschrittenen Alter gemacht habe (beim ersten Mal war ich sicher, dass ich total schief gehe, wie der schiefe Mann aus Pisa, und beim zweiten Mal wurde mir einfach nur schlecht und ich musste zweimal sofort aus dem Regionalzug aussteigen).

Wie Shit riecht, weiss ich, und werde es nie vergessen, seit ich vor zwanzig Jahren am Bahnhof meiner damaligen Wohngemeinde jeden Morgen um fünf Uhr dreissig hinter einem Jugendlichen durch die Unterführung und die Treppe zu den Geleisen hochgegangen bin, dem es offenbar unmöglich war, mit klaren Sinnen in die Lehre oder zur Schule zu gehen.

Jedes Mal, wenn ich Shit rieche, denke ich kurz an ihn und was wohl aus ihm geworden ist, und dann sage ich zu meiner Frau, da raucht jemand Shit (der Nachbar ihrer Mutter auf seinem Balkon im 17. Stockwerk) und meine Frau sagt dann immer «Ich rieche es nicht», denn sie kennt es nicht, weil sie nie in Männedorf den Frühzug nahm.

Wer aber raucht hier im Garten? Der Gärtner hat heute den Rasen gemäht, aber er ist längst fertig damit und der Garten ist still und leer. Raucht jemand im Büro unter oder neben mir? Die Haushälterin? Ein vergessen gegangener Gast von einem der letzten Anlässe?

Handwerker sind keine im Haus, meines Wissens, obwohl mir ab und zu in der Residenz, die hier direkt an die Kanzlei anschliesst, einer begegnet, auf den ich nicht vorbereitet bin. «Grüssgott» sagt er dann, und ich sage «Grüssgott» und schaue ihm nach, wie er mit seinem Werkzeugkasten von dannen schreitet. Irgendetwas hat er repariert, denke ich, oder in Stand gehalten.

Ein schöner Abend kündigt sich an. Das milde Abendlicht glänzt auf den Kuppen des Unteren Belvedere. Der Botschaftsgarten liegt bereits im Schatten, während die Skulpturen im Rest der Gartenanlage des Palais Schwarzenberg noch in ihrem Weiss erstrahlen. Jemand hat mir neulich erzählt, dass sie ab und zu mit einer speziellen Lösung geduscht werden und deshalb noch so schön weiss sind.

Ich muss hier schliessen, auch mein Fenster. Heute Abend kommt meine Frau nach zwei Wochen Abwesenheit wieder nachhause, und ich will noch duschen, bevor ich zum Flughafen fahre, auch wenn ich nie mehr ganz weiss werden kann.

Ich werde ihr nicht erzählen, dass es gerade ganz stark nach Shit gerochen hat. Was sollte sie damit anfangen? «Ich rieche es nicht», würde sie sagen. Also werde ich ihr sagen, «Es ist wunderbar, dass Du endlich wieder da bist!», denn das ist es, und «Wie geht es Deiner Mutter?»
(13.09.2018)

Blick aus meinem Bürofenbster

13. September 2018

Park

An Malerinnen und Maler

9. September 2018

Man sollte nicht alles malen.
Wenn es als Bildausschnitt wunderbar aussieht,
mit grün, türkis, braun, gelb und grau,
ist es vielleicht eine Haufenlaugung
mit der in einer Mine in Niger
Uran von Erz getrennt wird.

Blau, dunkelrot, weiss und schwarz
kann das Innere eines auf einem Steg in Japan
mit einem rostigen Messer
aufgeschlitzten Wals sein.

Natürlich kann man das malen,
aber man muss damit rechnen,
dass es den Leuten gefällt.

(09.09.2018)

9. September 2018

Dieses unverschämte Benehmen der Wirklichkeit

9. September 2018

Die Wirklichkeit gebärdet sich auf eine Weise, als gäbe es nur sie und alles andere würde überhaupt nicht zählen. Sie will uns ganz für sich in Anspruch nehmen, immer und überall. In Wirklichkeit, in Wirklichkeit…
Sie geht so weit in ihrer Arroganz, dass sie sich andere Namen gibt, wie Realität, Wahrheit oder «wahres Leben», und ihre Kinder, die sie uns jeden Tag zum Hüten gibt, sind Tatsachen und Fakten, schlecht erzogen und unerträglich laut. Man ist froh, wenn sie am Abend wieder gehen.
Sie anerkennt weder Hoffnung noch Traum und den Wunsch lässt sie erst gelten, wenn er wie sie geworden ist. Vorher verspottet sie ihn und möchte ihn am liebsten verbieten.
Aber nicht nur die Gegenwart und die Zukunft will sie für sich, auch auf die Vergangenheit erhebt sie einen totalitären Anspruch. «Alles, was geschehen ist, ist in Wirklichkeit geschehen» sagt sie, «das wollt ihr doch nicht auch noch abstreiten? Oder ist es etwa im Traum passiert?»
Dass der Blick in die Vergangenheit ebenso individuell geprägt ist wie das Erleben der Gegenwart und der Blick in die Zukunft, lässt sie nicht gelten. «Es gibt euren Blick, sagt sie, und es gibt mich, die Wirklichkeit. Wie auch immer ihr mir in die Augen schaut, wenn ihr es endlich wagt, ich bin so, wie ich bin: die Wirklichkeit. Ihr könnt mich nicht ändern.»
Es ist sinn- und hoffnungslos, mit ihr zu diskutieren. Erkenntnistheorie, Konzepte der Wahrnehmung – es interessiert sie nicht. «Ramsch!» sagt sie, oder «Wirklich?».
Ich glaube, sie ist ein wenig beschränkt. Ich vermute, sie hat die Theorie überhaupt nicht gelesen und meint, sie sei die Praxis. Das ist unverschämt und in der Absolutheit des Anspruchs auch nicht ganz ernst zu nehmen, aber ganz ignorieren können wir sie trotzdem nicht.
Vielleicht sollten wir sie aber ab und zu daran erinnern, dass sie es ist, die andauernd Tatsachen und Fakten schafft, und dass sie dafür auch eine gewisse Verantwortung übernehmen sollte. Vielleicht würde es ihr guttun, ab und zu selber auf ihre Kinder aufzupassen, anstatt sie bei uns zu deponieren. Wo ist eigentlich ihr Mann?

Erinnerungen an meinen ersten Botschafter

28. Juni 2018

Als ich ihm, einem weisshaarigen Mann mit Brille,
vor über 30 Jahren in Strassburg zuschaute
wie er an seinem Schreibtisch sass
und alles las, was dieser geschäftige Rat produzierte
und alles unterstrich, was er für wichtig hielt
und alles unterstrich
da dachte ich: der spinnt

Er ist vor langer Zeit gestorben
alles was er las
und ob er es für wichtig hielt
ist nicht mehr relevant
auch was damals wirklich wichtig war
ist es schon lange nicht mehr

Ich bin nun in seinem Alter
mehr kahl als weiss
und anstatt in Strassburg
sitze ich in Wien

Ich lese wenig, unterstreiche nichts
und gebe beim Lesen auch keine
sonderbaren Laute von mir
die man im Korridor hören könnte
ginge jemand vorbei

Manchmal denke ich an ihn
ich glaube, er war nicht verrückt
er hat einfach alles getan
um nicht verrückt zu werden

 

(28.06.2018)

Blindmann, gegoogelt

4. Februar 2018

(oder wie man «wie sagt man» sagt)

Fisch sollte man, so lautet eine alte Volksweisheit, nur in Monaten essen, in denen ein „R“ vorkommt. Das machte früher noch einen gewissen Sinn, als Transporte vom Meer ins Inland den Fisch vom Kopf her verdarben, weil Kühlung von Mai bis August tagsüber nur schwer erhältlich war und nachts unterwegs zu sein nicht als gute Idee galt.

Aber schon damals war der Rat nicht für jeden Fisch sinnvoll. Was war mit Seen und Weihern, wo Fischers Fritz frische Fische fischte, wenn er nicht gerade aus dem Fenster furzte? Fischgenuss im Seerestaurant, die Füsse im Wasser baumelnd, wo lag das Problem? Wohl kaum auf dem Teller.

Auch gute Ratschläge überleben sich und der Volksmund gibt, wenn er ununterbrochen weiter labbert, viel Unsinn zum Besten. Weisheiten und Ratschläge müssten ein Ablaufdatum haben, woher immer sie kommen. Am besten zu befolgen bis. Man kann trotzdem durch Ableitung das eine oder andere aus alten, nicht mehr hilfreichen Redensarten und Volksweisheiten herausholen. Fische kann man heute gefahrlos ohne Volksweisheit geniessen. Computer sollte man hingegen im deutschen Sprachraum nur an Tagen benutzen, in denen ein «C» vorkommt. Also nur jeden Mittwoch.

Die Weisheit stammt von einem unterdrückten Volk, dem im 2. Jahrhundert vor Christus von einem progressiven Propheten wegen der Verbreitung panikmachender Pamphlete der Internetzugriff gesperrt wurde. Sie ist deshalb kaum bekannt und wird von niemandem befolgt. Obwohl sie extrem beruhigend wirken würde. Die ganze moderne Kommunikationslawine müsste ja irgendwie eingebremst werden. Telefonieren nur noch an Wochentagen ohne «T» wäre wohl kaum mehrheitsfähig.

Eher tauglich wäre die Einführung von Mobil-Telefonen, die sich nur noch entsperren lassen, indem sie innerhalb von fünf Minuten mindestens fünf lachende Gesichter erkennen, worunter das des Besitzers und von mindestens drei registrierten Freunden. Das fünfte Gesicht könnte zum Beispiel ein Kellner sein, der gerade ein gutes Trinkgeld erhalten hat. Ich wollte spontan «Serviertochter» schreiben, aber ich denke, das ist kein politisch korrekter Ausdruck mehr. Ausser man erwähnt im selben Satz einen Serviersohn. Oder eine Gastmutter. Was mich wieder einmal zu meiner alten Frage führt, warum es keine Gästin gibt. Selten hätte ein Wort so viel Sinn gemacht. Vielleicht fehlt dieser Ausdruck ja nur in der Deutschen Sprache. Aber wie frage ich danach in einer Sprache, die ich nicht kenne?

Wie sagt man «wie sagt man»? Wie fragt man jemanden, wie man in seiner Sprache «wie sagt man» sagt? Google Translate funktioniert ja nicht immer einwandfrei. Ich habe es gerade versucht, und obwohl ich Deutsch – Hebräisch gewählt habe, hat das Programm darauf bestanden, von Deutsch ins Englische zu übersetzen. How does one say? Darunter stand noch: «oder meinten Sie …» und da stand doch tatsächlich etwas in hebräischer Schrift. Als ich es anklickte, erschien im Deutsch-Fenster: «Er ist ein Duo». Ich bin von dieser Antwort nicht restlos überzeugt, finde sie aber durchaus interessant.

Ich denke, dass man gewisse Dinge wohl nur durch mehrmaliges Fragen herauskriegen kann, durch Wiederholungen derselben Frage, meine ich. Ein und dieselbe Frage, genügend oft wiederholt, führt irgendwann zu einer Antwort. Das erfahren schon Kinder, wenn Sie im Fragenalter sind und die Mutter bei den ersten vier Anläufen keine Antwort gibt. Ich vermute, dass hinter modernen Suchmaschinen mehr steckt, als das Auge antrifft, wenn es im Park spazieren geht.

Wenn man zum Beispiel sechzehnmal hintereinander «googeln» googelt (Sie wollen das nicht probieren), geht neben dem Eingabefenster ein zweites auf. Dort gibt man dann seine Schuhnummer und die Anzahl bereits ersetzter Amalgam-Füllungen ein, worauf der Text erscheint: «Wenn Sie nicht Blindmann sind, klicken Sie hier». Ich klicke sofort, denn die wissen natürlich ganz genau, dass ich nicht Blindmann bin. Keine Ahnung, wer Blindmann ist. Irgendein verfluchter Doppelagent womöglich. Ein Duo.

Ich will da auf gar keinen Fall hineingezogen werden, wo und was immer das ist. Ich kenne diese Filme. Bloss raus hier, und zwar schnell. Ich schalte den Computer ab. «Folgende Programme verhindern das Abschalten ihres Computers. Wollen Sie trotzdem abschalten, Blindmann?» Ich klicke auf ja, aber es passiert nichts, und dann höre ich auch schon Stimmen, weit entfernt, leise, aber ohne Rauschen:

„Wir haben ihn verloren…“
„Wie verloren…?“
„Er hat sich rausgeklickt“
„Warum macht er das? Er ist doch Blindmann…“
«Ja, aber er weiss es noch nicht.»

Dann fährt sich der Computer doch noch herunter, aber irgendwie bin ich nicht ganz sicher, ob er sich wirklich ganz ausgeschaltet hat, und ich ziehe ihm den Stecker raus.

Ich bin nicht Blindmann, glauben Sie mir. Und ich weiss nicht, was hier abläuft oder wer diese Leute sind. Sollte ich nächstens verschwinden, weiss ich auch nicht, was Sie tun können. Wahrscheinlich überhaupt nichts. Ausser vielleicht ihren Computer nur noch am Mittwoch benutzen. Und nie jemanden fragen, wie man «wie sagt man» sagt. Meiden Sie Fremdsprachen ganz allgemein. Missverständnisse sind vorprogrammiert. Aber auch dieser Ratschlag kann schlecht sein. Billig ist er auf jeden Fall.

Vielleicht warten Sie besser, bis es Mai oder Juni wird, und gehen dann in Begleitung eines Menschen, den Sie lieben, auf einen Markt in einem warmen Land. Flanieren Sie. Trinken Sie Tee mit den Händlern. Kaufen Sie Gewürze, meinetwegen auch Fisch. Berühren sie einen Seidenschal (vor dem Fischkauf) zu einem unglaublich tiefen Preis. Es spielt keine Rolle, ob Sie sich mit Seide auskennen oder nicht. Ein Seidenschal muss, so lautet die Regel, so fein und geschmeidig sein, dass man ihn durch einen Ring ziehen kann. Falls Sie den Ring nicht vom Finger kriegen oder keinen tragen, lassen Sie es besser bleiben.

 

Die Zeit

3. Februar 2018

Der Zeit ist es unangenehm, dass sie dauernd vergeht.
Warum, kann sie auch nicht sagen.
Sie würde ja gerne bleiben,
vor allem an schönen Tagen.

Der Zeit ist es selber nicht recht, dass sie manchmal fast steht.
Weshalb, hat sie nie verstanden.
Wenn wir wünschen, sie wäre vorbei,
käme sie gerne abhanden.

Die Zeit ist ein scheues Wesen.
Sie möchte niemanden stören.
Am liebsten wäre es ihr,
man würde nichts von ihr lesen
und nichts von ihr hören.

Hohe Kunst

3. Februar 2018

Hohe Kunst