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No problem!

29. Oktober 2017

(ein Fall von verpasster Kunst)

Schmiede sind gemäss Wikipedia Personen, die mittels Hammerschlägen ein Erz oder Metall ausdehnen oder bearbeiten – eine Personenbeschreibung, die nicht nur dem Erz Eindruck macht. Metall ausdehnen…

Der Schmied stellte im Mittelalter Waffen, Werkzeuge und Geräte aus Eisen, Bronze und anderen Metallen her, sagt ein Eintrag auf einer anderen Website, und schliesst mit der Bemerkung, Schmiede seien damals sehr geschätzt worden. Der Schmied habe als unverzichtbarer Beruf gegolten. Was man damals wahrscheinlich über Modedesigner oder Werbeassistenten weniger sagen konnte.

Schmiede waren aber oft auch raue Gesellen, denen der Hammer locker hing. Wenn jemand Streit wollte, war er gut beraten, diesen mit der Zunft der Zuckerbäcker zu suchen, und nicht mit der Zunft der Schmiede.

Aber ich will hier keinen Vortrag über das Mittelalter, Feilenhauer, Windenschmiede und Grobschmiede halten. Es geht um eine verpasste Gelegenheit anlässlich einer Begegnung mit einem Schmied in der Türkei. Ich muss dieses Eisen meiner Erinnerung schmieden, solange ich es noch vor mir sehe. Bald wird es von Mehlspeisen und rauschenden Bällen überdeckt sein.

Auf einer unserer letzten Reisen in der Türkei waren wir wieder einmal nach Safranbolu gelangt. Safranbolu ist ein kleiner Ort an der Strecke, wenn man von Ankara direkt ans Schwarze Meer fährt. Eigentlich ist diese Beschreibung so unnötig wie schlecht.
Das einzige Mal, an dem wir (nach einer Übernachtung in Safranbolu) von da aus ans Schwarze Meer weiterfuhren, hat es uns dort überhaupt nicht gefallen.

Also noch einmal von vorne: Safranbolu ist eine kleine Stadt nördlich von Ankara, die zum UNESCO Weltkulturerbe gehört und wo es nebst einer schönen Altstadt mit Häusern im osmanischen Stil den besten Lokum der ganzen Türkei gibt – köstlichen Lokum mit Safrangeschmack. Weiterfahren lohnt sich nicht. Vor allem nicht gegen Norden.

Safranbolu dürfte nach Kappadokien der Ort in der Türkei sein, an den wir am meisten gereist sind. Ein paar Wochen vor dem Besuch, von dem ich hier erzähle, hatten wir hier drei alte, halb zerfallene Heiratstruhen gekauft. In solchen Truhen nahmen die türkischen Bräute ihre Mitgift, also den ganzen Haushalt mit in die Ehe. Heute heiraten in der Türkei jedes Jahr über 600‘000 Paare. Wenn die Brauttruhen noch in Mode wären, wären ihre Hersteller ein gewichtiger Pfeiler des Gewerbes.

Man kann diese alten Holztruhen auf dem Land fast umsonst kaufen. Sie sind meist in sehr schlechtem Zustand, mit verrosteten Beschlägen, beschädigt und zum Teil angefault, aber ein geschickter Schreiner – und wir hatten das Glück, einen besonders begabten zu kennen – macht aus ihnen im Handumdrehen Prunkstücke. Wir hatten am Ende ganze acht davon, obwohl meine Frau und ich zusammengezählt lediglich drei Töchter haben, von denen eine schon verheiratet ist.

Diesmal waren wir nicht auf der Suche nach Heiratstruhen. Wir schlenderten Lokum essend dahin, als wir in einer Seitengasse eine Reihe von Kleinschmieden fanden, die verschiedene Dinge feil boten. Haushaltgegenstände, Spitzhacken, Glocken, Helme und vieles mehr.

Am Ende der Gasse sah ich, als ich aus einem kleinen Schuppen mit Pfannen ins Freie getreten war, an einer Hauswand angelehnt eine völlig verrostete, gerahmte Eisenplatte von etwa einem Meter auf 80 Zentimeter. Sie sprang mir sofort ins Auge mit ihrem wunderbaren Rostrot und ihren Strukturen die aussahen wie ein modernes Gemälde. Man könnte das Ding aufhängen und es wäre sofort ein Kunstwerk, dachte ich.

Ich fragte den Schmied, der mir ins Freie gefolgt war, was er für die Platte haben wolle. 100 Türkische Lira, antwortete er, ohne lange zu überlegen. Das sind umgerechnet etwa dreissig Franken. Mein Gewinn wäre also, wenn ich das Kunstwerk in ein paar Jahren bei der ersten Gesamtschau meines Werks für sagen wir 10‘000 Dollar verkaufen würde, immens. Ich könnte zurückkommen und die Schmiede kaufen. Oder 20 Tonnen Safran-Lokum.

Ich zögerte trotzdem, denn würde ich wirklich aus der verrosteten Platte durch reines Aufhängen ein Kunstwerk herstellen oder würde sie leidglich in meinem trockenen Keller in Ankara eine Rostpause einlegen, in vier Monaten den Umzug nach Wien mitmachen, nur um dort vier weitere Jahre in einem anderen Keller zu stehen, bevor ich sie vor dem Umzug in die Schweiz, wo es verboten ist, verrostete Platten im Keller aufzubewahren, von einem Schrotthändler kostenpflichtig entsorgen lassen müsste?

Der Schmied sah mir meine Unentschlossenheit an und begriff sofort, dass er mich überzeugen musste, und zwar schnell, denn es regnete ganz leicht und es war absehbar, dass ich nicht mehr lange in seinem Vorhof verweilen würde. Er griff sich also die Eisenplatte, warf sie vor sich in den Dreck und sprang drauf. „No problem!“ rief er mir zu, sprang in die Höhe, landete krachend auf meinem Kunstwerk und rief noch einmal laut „No problem!“.

Es war ein schlimmer Moment. Für mich, für die Kunst. Wahrscheinlich weniger für die Eisenplatte, denn sie war, obwohl dünn, tatsächlich sehr robust und es schien ihr nichts auszumachen, dass ein erwachsener Schmied auf ihr herumtrampelte. Aber das genügte ihm noch nicht. Der Mann nahm in seinem Verkaufseifer meine Hand und zog mich mit dem kräftigen Griff des Schmieds auch noch auf die Eisenplatte. „No problem!“

Was soll ich sagen. Ich habe die Platte am Ende nicht gekauft. Und ich meinte, mich damit für einmal klug zu verhalten, indem ich etwas nicht aufhob (von Kaufen kann man ja bei diesem Preis nicht sprechen), was dann doch nur an einem anderen Ort rumliegen würde. Und natürlich würde die Platte nun mit all den anderen noch nicht ausgepackten Bildern irgendwo im Labyrinth der neuen Residenz stehen, in die ich vor ein paar Wochen in Wien eingezogen bin. Und natürlich ist es äusserst ungewiss, ob ich sie je ausgepackt und durch blosses Aufhängen in ein Kunstwerk verwandelt hätte. Trotzdem war es ein Fehler, den ich bereue. Es ist verpasste Kunst.

Nächstes Mal, nehme ich mir vor, nehme ich so etwas mit. Mag es noch so rostig sein. Mag die Möglichkeit, sich an den rostigen Ecken und Kanten zu verletzen, noch so gross sein. Ich bin sicher, dass die Platte noch dort ist, wo ich sie nicht erworben habe. Ausser der Schmied hat sie entsorgt, weil ihm bewusstgeworden ist, dass ich seine absolut einmalige Chance war, aus einem rostigen Blech wenigstens ein bisschen Geld zu machen.

Wenn ich wieder einmal in Safranbolu bin, werde ich hingehen und nachschauen. Und wenn die Platte noch da ist, werde ich sie kaufen, auch wenn sich der Preis unterdessen verdoppelt haben sollte. Die Ausfuhr in die Schweiz oder nach Österreich wird dann natürlich nicht mehr so leicht sein, wie es als Teil meines Umzugsgutes gewesen wäre.

Es werden Formalitäten zu erledigen sein. Zollbestimmungen für die Einfuhr von Schrott werden zu studieren und erfüllen sein. Und wenn der Zöllner dann bei der Einfuhr überraschenderweise darauf bestehen sollte, dass es sich um Kunst handelt, nicht um Schrott (woran sieht er das bloss?), werde ich ihm das Gegenteil beweisen. Ich werde mit beiden Füssen auf die Platte springen und ihm zurufen: Kein Problem! Sehen Sie? Kein Problem!

29. Oktober 2017

neben dem Telefon

Keine Beschriftung heisst nichts

29. Oktober 2017

– ein Plädoyer für die Abschaffung fehlender Beschriftungen

Es befremdet mich, dass nur auf einer Box ein «R» steht und auf der anderen nichts. Der Grund dafür liegt offenbar in der Logik. Wenn in einer der Boxen die rechte Kontaktlinse ist, muss in der anderen zwangsläufig die linke sein. Anschreiben muss man das in dieser Logik nicht.

Was aber, wenn ich zuerst die Box in die Hand kriege, auf der nichts steht? Muss ich dann auch die rechte Box zur Hand nehmen, um logisch schliessen zu können, dass in der unbeschrifteten Box die linke Linse sein muss? Was, wenn ich die Box mit dem «R» gerade nicht finde? Ist die Meinung, dass ich das in Erinnerung behalte («R» ist rechts, nichts ist links), oder ist die Überlegung die, dass ich die Kontaktlinsen nur dann montiere, wenn ich beide zur Hand habe?

Die Logik in sich zwar schlüssig, ihre Anwendung behagt mir aber nicht. Man könnte sie ja auch bei öffentlichen Toiletten anwenden. Bei den Damen steht ein «D» an der Türe und bei den Herren nichts. Wäre ja auch glasklar. Wenn an einem Ort die Frauen sind, sind am anderen die Männer. Oder ist das vielleicht der Wickel- oder Putzraum? Entschuldigung, ich wollte nicht stören.

In der Küche oder im Restaurant wäre diese Logik beim Salz und beim Pfeffer anwendbar (Kein S meint Pfeffer) oder beim Salz und beim Zucker. Im Badezimmer beim Warm- und Kaltwasser. Beim Mineralwasser könnte man sich auf ein «M» für mit Kohlensäure und nichts für ohne einigen. Nichts für ohne hätte wenigstens einen gewissen Sinn. Mehr jedenfalls als nichts ist Pfeffer oder kalt.

Grundsätzlich könnte man die Logik des Weglassens bei allem anwenden, wo man eine Wahl zwischen lediglich zwei Dingen hat. Wenn es nicht das eine ist, muss es ja das andere sein. Das leuchtet wirklich jedem ein. Ausser mir offenbar.

Sogar bei Verkehrsampeln liesse sich diese Logik anwenden, obwohl es da drei Farben gibt. Das Weglassen von Orange und Grün würde vermutlich gewaltige Einsparungen bringen. Wenn nicht rot ist, muss grün sein (allenfalls Orange, aber es geht ja auch ohne). Fahr endlich!

Ich stelle den Antrag, alle fehlenden Beschriftungen abzuschaffen, und mache hier Schluss für heute. Ich will mir das Ende vom Finalspiel Federer gegen del Potro anschauen. Falls Federer gewinnt, werden die Medien ausführlich darüber berichten. Falls del Potro gewinnt nicht. Muss man dann ja nicht noch besonders erwähnen.

29. Oktober 2017

Nicht im Stehen

Zweimal Bern retour (einfach ist das nicht)

24. August 2017

1

Kann man sich verlaufen, wenn man nicht weiss, wo man hin will?
Ich spaziere durch diese Stadt, die ich ein wenig kenne, weil ich vor Jahren einmal hier gelebt habe (etwa 3 vor ungefähr15). Ein wenig kennen kann hilfreich sein, oder auch nicht. Man meint man weiss, wo man ist und was um die Ecke folgt, aber es ist dann nicht ganz so, weil die Stadt in der Nacht, als man wegzog, die Strassen und Häuser verschoben hat. Nicht alle, nur ein paar. Und absichtlich natürlich, um die zu bestrafen, die der Stadt den Rücken gekehrt haben. Meint ihr nur, euch auszukennen. Habt ihr jetzt vom Weggehen.

Eine Gruppe von alten Männern, um die siebzig, schätze ich, sitzt an einem Tisch in einem Strassencafé. Viel weisses Haar. Ich kann im Vorübergehen nicht hören, worüber sie reden.
Ich schnappe lediglich auf, wie einer sagt: „Er hatte alles bereitgelegt….“
Was? Und wofür?
Seine sieben Sachen, um ins Heim zu gehen?
Seine Papiere, bevor er aus dem Fenster sprang?
Worüber sprechen alte Männer, wenn nicht über Krankheiten, alt werden, eingeliefert und sterben?
Warum ist eigentlich Ernst nicht gekommen?
Ist er wieder gestorben?

Ich muss hier nicht lange spekulieren. In ein paar Jahren werde ich wissen, wovon alte Männer in Strassencafés bei ihrem Wochenstammtisch reden. Ich kann es dann ja aufschreiben, Wenn ich es nicht auf dem Heimweg vergesse.
Vielleicht muss ich es gleich am Tisch notieren.
Was schreibst Du da andauernd, Paul? Führst Du Protokoll?
Ich heisse nicht Paul.

Ich denke ich sollte, wenn ich mich in zehn Jahren noch daran erinnere, den Freunden eine Regel vorschlagen. Es wird nicht über Krankheiten, alt werden und sterben gesprochen. Das sind Tadaa!-Themen. Jedes Mal, wenn einer mit Krankheit, alt werden oder sterben anfängt, ruft der erste, der es mitkriegt: Tadaaaa! und der, der davon angefangen hat, muss dann eine Runde bezahlen. So werden wir alle rasch betrunken sein und können wieder nach Hause gehen oder ins Heim.

Eine andere Regel, die mir spontan einfällt, wäre, dass man nicht von der Vergangenheit reden darf. Nur von der Gegenwart und der Zukunft. Für alte Männer wäre das etwa so, als würde man einem Schwarm Fische verbieten, von Wasser zu sprechen. Wasser ist alles, was sie haben. Sollen sie von Luft sprechen? Ok, es ist mir klar dass der Vergleich hinkt. Ich mach ihm eine Krücke. Ein Fisch hat viel Wasser hinter sich und wenig Wasser vor sich. Er weiss aber nicht, wieviel Wasser er noch ach vergiss es.

Es ist einfacher in einer fremden Stadt. Man meint nicht, sich auszukennen. Aber mit dem Alter (Tadaaaa!) verwischen sich die Unterschiede zwischen Städten, in denen man gelebt hat (Tadaaa!), und völlig fremden Städten zunehmend. Ich fuhr gestern und heute zweimal mit der Strassenbahn am Haus vorbei, in dem ich im vierten Stock lebte. In zehn Jahren wird es wie ein Vergleich sein, der mir jetzt gerade nicht einfällt. Jedenfalls wunderbar. Ich werde fast in jedem Haus gewohnt haben. Und in keinem. Fast freue ich mich darauf. Dann beschliesse ich, noch zuzuwarten.

(Bern, 17.08.17)

 

2

Gestylt würde das wohl jetzt „Berner Impressionen, Teil 2“ heissen, aber auch dann würde niemand auf den dritten Teil warten. „Aufgefallen in Bern“ klingt völlig behämmert und „neulich in der Wüste“ würde überhaupt keinen Sinn machen. Also nenne ich es vielleicht „Muttis Lieblin“, obwohl sich auch andere Überschriften anbieten. Satzteile oder Worte blinken ja manchmal regelrecht und wackeln im Text herum, um sich als Titel zu empfehlen. Und man kann dann ja nur einen nehmen. Plus vielleicht einen Untertitel, mehr geht nicht.
Können wir jetzt anfangen?

Ich verbringe meine Nächte in Bern zum ersten Mal in einer airbnb-Wohnung anstatt im Hotel. Mehr als die Nächte ist denn wirklich auch nicht möglich, wie ich heute festgestellt habe, als ich in einer selber gebastelten Konferenzpause nach dem Mittagessen mein mir lieb gewonnenes Schläfchen machen wollte. Fehlanzeige.

In der Wohnung direkt nebenan nahmen sie die Badewanne raus. Mit dem Presslufthammer, dem Geräusch nach zu urteilen, und als die Badewanne endlich raus war, montierten sie gleich noch das Spülbecken ab und rissen dieTrennwand zum Schlafzimmer ein, weil sich die Wohnung mit offenem Bad viel teurer verkaufen lässt, und ich glaube sie gingen dann dazu über, alle Trennwände niederzureissen, weil ihnen plötzlich klar wurde, dass eine Loft, wo man im gleichen Raum schläft, kocht, kackt und vögelt noch viel mehr Geld einbringt. Ich war froh, dass sie kurz vor der Trennwand zu meiner Wohnung Halt machten, obwohl ich annehme, dass ihnen eine grössere Loft kurz durch ihr durchgerütteltes Hirn gegangen sein muss.

Einen Moment lang dachte ich daran, Stephan anzurufen, der mir seine Wohnung vermietet hat. Nicht um mich zu beklagen, man beklagt sich ja nicht wegen ein bisschen Baulärm, aber um ihn zu fragen, ob er davon weiss, dass sie rund um seine Einzimmerwohnung im Ostring gerade den ganzen Plattenbau auskernen und in eine monströse Loft verwandeln. Vielleicht hat er die entscheidende Eigentümerversammlung verpasst und hätte nun noch aufspringen wollen auf den lukrativen Zug.

Obwohl Zug bei dieser Wohnlage das falsche Verkehrsmittel ist. Der Ostring sieht der grössten Autobahnkreuzung der Welt ähnlich, über die ich vor ein paar Tagen einen kurzen Dokumentarfilm gesehen habe. Zufällig. Ich schaue sonst nie Dokumentarfilme über Autobahnkreuzungen. Die Kreuzung liegt in wo denn sonst China und ist wirklich fast unvorstellbar riesig. Sie hat so viele Zu- und Wegbringer, dass man sich fragt, wo das alles herkommt und hinführt.

Die Dokumentation zeigte einen pensionierten Schriftenmaler, der sich eine kleine Wohnung gekauft hatte, genau dort, wo jetzt seit fünf Jahren an der grössten Autobahnkreuzung der Welt gebaut wird. Obwohl sie schon lange die grösste der Welt ist, bauen die weiter. Wirklich eindrücklich. Das erklärt auch einen Teil des Erfolgs der Chinesen, denke ich. Dass die weiterbauen.

Der Schriftenmaler und seine Frau haben das Angebot der Regierung schliesslich angenommen und jetzt wohnen sie im 28 Stockwerk und schauen auf die Baustelle runter und die Autos, die auf den bereits fertiggestellten Abschnitten pausenlos fahren, in alle Richtungen. Den Ostring muss man sich ein wenig kleiner vorstellen, aber sonst ziemlich ähnlich, obwohl man Vergleiche nicht vergleichen sollte, schon gar nicht mit China.

Ich habe meinen Mittagsschlaf dann aufgegeben (ich kann so nicht träumen) und bin zurück an die Konferenz, die ein paar Busstationen entfernt in einem Fussballstadion stattfindet. Nicht auf dem Rasen natürlich, in der Mantelnutzung. Das ist ein Wort, das mir schon immer gefallen hat. Es zeigt den Fortschritt, wenn man an Mäntel aus der Jugend des Winters denkt (das hab ich gemeint: „aus der Jugend des Winters“ – das blinkt jetzt und ruft „Titel!“ – „Titel!“, und ich muss die ganze Zeile beruhigen und sage nur „sehen wir dann“.

Um fünf habe ich mich dann wieder aus der Konferenz zurückgezogen und wegen dem milden Sommerwetter beschlossen, die paar Stationen bis zum Ostring zu Fuss zu gehen. Mein mit Abstand bester Entscheid heute (habe ich überhaupt andere getroffen?).

Die Papiermühlestrasse ist lange und gerade. Ich bin mir sicher, dass da irgendwo einmal eine Papiermühle stand. Aber irgendwann hat jemand wahrscheinlich eine Loft daraus gemacht. Oder eine riesige Badewanne.

Wenn man am Schlosshalden links geht, also nicht runter zu den Bären, kommt man zum Rosengarten. Genau: ein Garten mit Rosen. Wunderschön, wirklich. Wenn man genug von den Rosen und vom Garten hat, kann man über die Altstadt blicken. Eine junge Frau hält ihren (?) Mann, der auf einer Mauer sitzt und die Beine in Richtung Altstadt baumeln lässt, von hinten fest umklammert, obwohl die Fallhöhe vorne einen halben Meter beträgt und er noch dazu in weiches Gras fallen würde.Die Umklammerung muss andere Gründe haben, aber ich frage nicht nach.

Der Park ist gut besucht, mehrheitlich von asiatischen Touristen die heftig fotografieren. Nach einer Weile bin ich zurück am Ostring. Die Auskerner haben ihr Tagwerk vollendet. Das ununterbrochene Rauschen und Dröhnen von der Autobahn her kommt mir wie wohltuende Ruhe vor, und ich merke wieder, wie relativ alles ist. Ausser China.

Kurz bevor ich an der Giacometti-Strasse angekommen bin, wo mich Stephan gegen ein kleines Entgelt in seiner Wohnung leben lässt, bin ich zum zweiten Mal heute an einem besonderen Tattoo-Shop vorbei gegangen. „Lebende Legend“ steht in grossen, feurigen Lettern quer über das ganze Schaufenster bis hin zur Türe. Als ich es am Morgen las, dachte ich, vielleicht mussten sie irgendwann die Glastüre ersetzen und haben dann vergessen, das „en“ auf die neue zu kleben. Kann ja passieren.

Aber vielleicht meinen die das wirklich so. Lebende Legend. Vielleicht hat mich das Schicksal hierher geführt und es ist dieser Tattoo-Shop, wo ich mir nach der Pensionierung mein erstes Tattoo stechen lasse. Muttis Lieblin. Quer über die Stirn.
Vielleicht wandere ich auch nach China aus und lass mir dort im achtundzwanzigsten Stockwerk eine Kreuzung tätowieren. Oder ich werde in meiner zweiten Karriere Auskerner und Loftdesigner.
Ich möchte mich noch nicht festlegen und hoffe, Sie verstehen das. Es ist einfach noch zu früh.

Ach ja, fast hätte ich es vergessen. Seit ich vor ein paar Tagen in der Schweiz angekommen bin, habe ich schon zwei grosse blaue Plakate gesehen mit Zitaten. Auf dem einen, an dem ich in St. Gallen im Postauto vorbeifuhr, stand: „Der Herr schenkt Dir Frieden“. Und darunter kleiner „die Bibel“. Jemand hatte darauf gesprayt „ noch bis Sonntag drei für zwei“. Auf dem anderen (hier am Ostring) steht: „Jesus ist immer bei Dir“. (die Bibel). Das hat noch keiner kommentiert. Und ich werde mich hüten. Mich und meinen Bruder, der mich morgen besuchen kommt.

Bern, 21. August 2017

Von blinden Pferden und fast geheilten Hunden

18. März 2017

(woran ich denke, wenn ich etwas sehe, und was ich sehe, wenn ich an etwas denke)

Es ist ein uns allen bekanntes Phänomen: wir sehen etwas lange Zeit nicht, dann plötzlich überall. Dazwischen hat sich etwas ereignet, was unseren Blick darauf gelenkt hat, denn vorhanden war es schon, nur haben wir es nicht wahrgenommen.

Was uns den Blick darauf freigemacht hat, kann ein Ereignis sein. Nachdem es eingetroffen ist, sehen wir das, was vorher schon da war, sich uns aber nicht gezeigt hat. Vielleicht hat es sich uns vorher schon zeigen wollen, hat uns sogar zugewinkt, aber wir waren das sprichwörtliche blinde Pferd, an dem ein Nicken vergeudet ist.

Ich weiss: Das braucht jetzt ein paar Beispiele, und mindestens eines sofort, sonst verlieren wir uns in der Erkenntnistheorie. Kant, Hegel, Würmelinger, Runzelbacher. Wer googelt, hat sich in meine Abschweifungen verlaufen, kommt nie mehr zurück.

Hier also gleich mein Suzuki-Beispiel: Vor dem Dezember 1986 hatte ich in der Schweiz praktisch nie einen Suzuki-Jeep wahrgenommen. Gab es überhaupt welche in der Schweiz vor jenem 9. Dezember 1986? Mein Bruder fuhr offenbar einen, aber der war so gut wie unsichtbar. Wahrscheinlich stand er mehrheitlich in seiner Garage.

Dann starb unsere Mutter und ich habe in den zwei Wochen danach verschiedene Dinge mit dem Suzuki-Jeep meines Bruders erledigt. Ich fuhr zu Ämtern, zum Gerichtsmedizinischen Institut, zur Kantonspolizei. Ich machte Einkäufe für die trauernde Sippe. Manchmal bin ich glaub ich auch einfach ziellos durch die Stadt gefahren, weil ich nirgendwo sein wollte.

Nach diesem Ereignis sah ich die Suzuki-Jeeps überall, jahrelang. Und jeder von ihnen versetzte mich unweigerlich zurück in die Tage, als meine Mutter starb.

Es muss ein strategischer Entscheid des Suzuki-Importeurs gewesen sein, der eines Morgens beim Kaffee entschieden hatte, den Schweizer Markt mit Suzuki-Jeeps zu überschwemmen. Jetzt ist der Moment, sagte er unvermittelt zu seiner Frau. Die Schweiz ist reif für den Suzuki-Jeep! Wenn Du meinst, Erwin. Einen blauen vielleicht?

Noch etwas Anderes war neben dem plötzlichen Auftauchen von Suzuki-Jeeps in jenen Wochen zu beobachten. Natürlich wiederum nur für die, die es sahen, beziehungsweise hörten. In den Schweizer Hitparaden kletterte „Your latest trick“ von den Dire Straits die Ranglisten hoch, oder hätte es jedenfalls tun müssen, denn ich hörte dieses Lied auf einem Tonband im Tapedeck des Suzuki-Jeeps immer und immer wieder.

All I can do is hand it to you – and your latest trick. Saxophonklänge und die wunderbar traurige Stimme von Mark Knopfler. Ich spulte das Band so oft an den Anfang des Lieds zurück, dass ich mich heute wundere, warum das Tapedeck das Band nicht reinzog und frass.

Später habe ich ein Saxophon gemietet. Der freundliche Mann im Musikgeschäft fragte mich, ob ich schon spielen kann oder ob ich einen Lehrer brauche. Denn ein Saxophon sei keine Blockflöte, auf der man einfach spielen könne. Aber ich wollte keine Hilfe. Ich wollte spielen. Nur dieses eine Lied. All I can do. Hand it to you.

Es schien mir die einzige Möglichkeit, mit dem Verschwinden meiner Mutter irgendwie zurecht zu kommen. Ich habe dann glaube ich insgesamt drei Töne aus dem Ding rausgebracht, nicht nacheinander, bevor ich es nach ein paar Wochen wieder zurückbrachte. “Sie sollten es unbedingt stimmen, bevor Sie es weitervermieten”. Ich hätte das gerne gesagt, aber ich brachte auch aus mir keinen Ton mehr raus.

Das Saxophon sei im Vergleich zu anderen Instrumenten noch gar nicht so wahnsinnig alt, sagt mir gerade Wikipedia. Sie sitzt meistens neben mir, wenn ich schreibe. Der belgische Instrumentenbauer Adolphe Sax habe es um 1840 erfunden. Berühmt gemacht hätten es dreissig Jahre nach seinem Tod Jazzmusiker in den USA. „Phon“ sei übrigens ein aus dem Griechischen stammender Wortbestandteil, plappert sie gleich weiter, der so viel wie „Klang“ oder „Ton“ bedeute. Danke. Es ist jetzt gut, Wiki.

Wiki selber wurde erst im Januar 2001 erfunden, als meine Mutter schon 15 Jahre tot war. Sie konnte von den kostenlosen lexikalischen Einträgen (Lemmata) nicht mehr profitieren. Sie hätte sie womöglich für Lemminge gehalten und in einem Quiz nach dem Erfinder des Saxophons gefragt, hätte sie ohne ihr Lexikon raten müssen und vielleicht auf Herbert Lohdemann getippt. Ein Lohdemannophon hätte ich mir dann allerdings nie ausgeliehen. Wer hätte so etwas spielen wollen.

30 Jahre später sind die Suzuki-Jeeps fast ganz wieder von den Schweizer Strassen verschwunden. Einzelne zirkulieren zwar noch, aber sie wirken kraftlos, sogar die ganz neuen Modelle, denn sie haben nicht nur den Treibstoffverbrauch gegenüber den 80er-Jahren erheblich reduziert, sie erinnern mich auch nicht mehr jedes Mal und unmittelbar an diese schweren Tage, als meine Mutter starb und ich durch ein Zürich fuhr, das sie nie mehr sehen würde.

Your latest trick hingegen hat heute noch die Kraft, mich unmittelbar in den Dezember 1986 zu katapultieren. Ich habe das Lied gerade dreimal abgespielt. Noch zweimal, vermute ich, und ich mache mich auf ins Niederdorf und miete noch einmal ein Saxophon.

Hier endet endlich mein Beispiel. Es ist lang geraten und Sie haben längst begriffen, was ich gemeint hatte mit dem uns allen bekannten Phänomen. Etwas ist unsichtbar, bis eines Tages ein persönlicher Bezug dazu hergestellt wird. Ich benutze bewusst die passive Form. Solche Dinge machen wir selten selber. Sie passieren uns, auch wenn sie nie ganz vorbeigehen. Irgendwann verschwinden zwar die Jeeps wieder, wahrscheinlich weil der Schmerz nachgelassen hat und die Zeit bekanntlich alle Hunde heilt, aber das Lied klingt nach.

Es passt natürlich auch andersrum, wie die Österreicher sagen würden. Nicht nur traurig in die Vergangenheit, auch freudig in die Zukunft. Auch ein bevorstehendes Ereignis kann den Blick auf etwas lenken, was schon da ist, was wir aber kaum oder gar nicht wahrgenommen haben.

Ich werde zum Beispiel im kommenden Sommer nach Wien versetzt, und seit der Transfer feststeht, sind die Zeitungen plötzlich voll von Meldungen über Wien und Österreich, während hinter dem Arlberg vorher ausser ein paar Skipisten rein gar nichts war.

Phänomenal, nicht wahr?

All I can do, is hand it to you…

18. März 2017

Saxophonspieler mit Suzuki-Jeeps (18.03.2017)

Erdmännchen im EDA

15. März 2017

Ich benutze diesen Blog eigentlich nie, um mich mit meinem realen Leben zu befassen. Mit meinem realen Leben befasse ich mich in meinem realen Leben. Aber heute komme ich nicht umhin, etwas aus meinem realen Leben hier zu deponieren, auch wenn und vielleicht weil es nicht wirklich wirklich klingt, sondern eher wie eine wilde, ziemlich absurde Phantasie.

Vor ein paar Wochen habe ich auf Lync, der bundes-internen Version von „Skype for Business“, bei meinem Absender ein Bild publiziert. Sie sehen es, wenn Sei ein wenig hinunter scrollen. Gestern habe ich nun von der Zentrale folgende E-Mail erhalten, mit dem Subjekt: „Foto im Intranet / Skype for Business (Lync)“:

Sehr geehrter Herr Gschwend

Sie haben kürzlich im Intranet / Skype for Business ein Bild publiziert. Leider entspricht das Bild nicht den Vorgaben. Diese lauten folgendermassen:

– Portraitfoto
– Dimensionen: mindestens 300×300 Pixel, Dateigrösse maximal 5MB, Hochformat oder      quadratisch
– Das Bild zeigt Sie ohne weitere Personen oder Objekte

Wir bitten Sie also, bis spätestens am 14.04.2017 ein neues Bild zu hinterlegen. Andernfalls werden wir das aktuelle Bild vom Intranet entfernen.

Mit freundlichen Grüssen

Silvia Kindermann
(Name geändert)

 
Wenig später folgte eine weitere E-Mail:

 
Sehr geehrter Herr Haffner

Bitte entschuldigen Sie das Versehen (ein „Copy – Paste“ Fehler). Das Mail ist natürlich an Sie gerichtet und nicht an Herrn Gschwend.

Mit freundlichen Grüssen
Evelyne Kindermann
(Name schon wieder geändert)

Und das ist die Antwort, die ich heute verfasst und gesendet habe:

Sehr geehrte Frau Kindermann

Ich bin, ich sage Ihnen das ganz offen, sehr erleichtert, dass Sie doch noch festgestellt haben, dass ich nicht Herr Gschwend bin.
Es hätte mir wirklich Mühe gemacht, mich mit diesem Gedanken anzufreunden.
Das ist jetzt überhaupt nicht gegen Herr Gschwend gerichtet, aber es hätte mich doch sehr erstaunt und es ist einfach viel einfacher und angenehmer, sich selber zu bleiben.
Wenn ich nur schon an all die Ausweise und Dokumente denke, die ich hätte ändern müssen. Womöglich samt Passfoto.

Und damit sind wir beim von Ihnen beanstandeten Bild, das ich auf Skype aufgeschaltet habe.
Wenn Sie das Bild in der Bildersuche von Google eingeben, erfahren Sie innerhalb von 0,67 Sekunden durch 25’270’000’000 Ergebnisse, dass es sich bei der Abbildung um ein Erdmännchen handelt.

Es mag sein, dass die Dimensionen des Bilds nicht exakt den geforderten 300×300 Pixeln entsprechen. Erdmännchen haben nur eine sehr oberflächliche Vorstellung von Pixeln, und sind dazu sehr selten an der Oberfläche, weil sie sich oft in ihrer Höhle aufhalten. Die anderen von Ihnen genannten Anforderungen sind jedoch erfüllt. Das Bild zeigt ganz klar nur mich (ohne weitere Personen oder Objekte) und es handelt sich eindeutig um ein Portraitfoto, denn, sehr geehrte Frau Kindermann , ich kann und möchte es auch nicht ändern: Ich bin ein Erdmännchen.
Und ich habe das, so möchte ich gleich anfügen, dem EDA  auch nie verheimlicht.

Ich bin vor 30 Jahren als Erdmännchen zum Concours angetreten und ich werde in ein paar Jahren als Erdmännchen pensioniert werden.
Ich habe, um meinen Beruf ausüben zu können, lediglich meine Ernährung ein wenig umstellen müssen, da Insekten, Skorpione, Schnecken, Nager und Reptilien bei diplomatischen Einladungen eher selten serviert werden. Dafür kommen auch Falken, Schakale und Schlangen (meine natürlichen Feinde) in den Kreisen, in denen ich mich beruflich bewege, eher selten vor. Oder höchstens im übertragenen Sinn.

Das Diplomatenleben eignet sich vor allem im letzten Karrieredrittel ausgezeichnet für Erdmännchen, denn wir leben in Höhlen, ziehen es aber vor, von anderen Tieren gegrabene Höhlen zu beziehen und diese lediglich unseren Bedürfnissen anzupassen. Das tue ich nun schon in der vierten Residenz. Dabei habe ich auch den natürlichen Lebensraum meiner Gattung, das südliche Afrika, verlassen und habe in Europa, Asien und Nordamerika gelebt.

Aber ich will Sie nicht weiter langweilen mit den Besonderheiten des Lebens eines Erdmännchens im diplomatischen Dienst. Möglicherweise ist Herr Gschwend ja ein Elch, und wenn wir Ihnen alle lang und breit erklären, wie wir als Tiere im EDA Jahrzehnte leben und überlebt haben, haben Sie am Ende keine Zeit mehr für die Informatik. Auch ich muss mich jetzt wieder meiner Arbeit zuwenden, denn Erdmännchen sind tagaktiv und wir sind in der Türkei zwei Stunden voraus, das heisst, der Abend ist nach dem Mittag nicht mehr sehr weit und ich werde mich schon bald wieder in meine Höhle zurückziehen.

Liebe Frau Kindermann , ich muss leider zum Schluss kommen.
Zuerst dachte ich, Sie würden sich wegen den dunklen Ringen unter meinen Augen Sorgen machen um meine Gesundheit oder daraus schliessen, ich arbeite zu viel und schlafe zu wenig, und ich war bereits ein bisschen gerührt, dass Sie mir empfehlen würden, im Herbst meiner Karriere aus Gesundheitsgründen weniger zu arbeiten. Ich hätte Sie beruhigen können. Wir Erdmännchen haben die Ringe auch wenn wir ausgeschlafen sind. Sie dienen dazu, zu verhindern, dass die Sonne uns beim Blick in die Ferne, wo wir nach Feinden Ausschau halten, blendet.
Aber dann schaute ich auf den Absender Ihrer E-Mail und sah, dass Sie nicht beim EDA-Personaldienst, sondern bei der EDA-Informatik angesiedelt sind.

Sie bitten mich nun, mein Bild zu entfernen und bis spätestens am 14.04.2017 ein neues Bild zu hinterlegen, und sie drohen mir an, andernfalls das aktuelle Bild vom Intranet zu entfernen.
Ich stehe nicht im Ruf, mich Anweisungen der Zentrale zu widersetzen. Ich muss Ihnen aber mitteilen, dass ich das Bild nicht durch ein neues ersetzen werde. Erdmännchen werden auf freier Wildbahn maximal 15 Jahre alt, im Zoo höchstens 12. Es gibt keine statistischen Erhebungen über das Lebensalter von Erdmännchen im diplomatischen Dienst. Ich könnte Ihnen nicht einmal sagen, wie viele wir sind. Tatsache ist, dass ich das für Erdmännchen übliche Alter schon lange überschritten habe. Ich nehme jeden weiteren Tag als Gunst und Gnade, und so werde ich es auch mit den Tagen halten, die meinem Bild noch verbleiben, bis Sie es vom Intranet nehmen, denn ich zweifle nicht daran, dass Sie ihre Drohung wahrmachen werden.

Schauen Sie mir also am 14. April noch einmal tief in die schwarz umringten Augen (meinem Lync-Bild meine ich natürlich) und dann löschen Sie es, wenn Sie es noch und nicht anders können.
Ich kann Ihnen versichern, dass ich Sie deshalb nicht als Feind betrachten werde. Aber ich werde am Abend des 14. April traurig sein, wenn ich in meine Höhle zurückkehre.

Freundliche Grüsse aus Ankara,

Walter Haffner

Erdmännchen

15. März 2017

Lync picture HAW

Junge, ich sage Dir

24. Februar 2017

(an den lange toten Vater)

 

Junge, ich sage Dir:
(und ich sage Dir Junge, denn ich bin älter als Du)
momentan sind es die Dreissiger-Jahrgänge,
von denen in den Todesanzeigen
Abschied genommen wird.
Nicht selten auch die Zwanziger.

Wir trauern um unseren
Urgrossvater, Grossvater, Vater, Freund,
und Jasspartner.

Aber Mutter und Du,
ihr musstet ja ums Verrecken
vor 60 sterben.

Ich habe euch längst vergeben.
Doch es ist trotzdem Scheisse.

Emily heisst übrigens
Euer erstes Urgrosskind.
Ich bin jetzt der Grossvater.

Grüss mir die Mutter, Junge.
(24.02.2017)