Zeno war am Ende des Buches angelangt. Er blätterte die letzte Seite um. Sie war nur noch zur Hälfte beschrieben. Der untere Teil der Seite war leer. Es war eine andere Leere als die nach dem Ende eines Kapitels. Es war eine Leere, die das Ende der Geschichte ankündigte, noch bevor man die letzten Zeilen las. Das sind die letzten Sätze, sagte die Leere, es geht hier nicht weiter. Geniesse sie. Umblättern wird nicht mehr helfen. Siehst Du denn nicht, dass schon diese letzte Seite keine Seitenzahl mehr trägt? Was wäre Deiner Meinung nach die Seitenzahl einer nächsten Seite? Eins etwa, und alles finge wieder von vorne an? Möchtest Du noch einmal von vorne anfangen, Zeno?
Wie schade, dachte Zeno, als er die Leere erblickte. Es war ein gutes Buch, in dem er gerne las. Er hatte schon länger gewusst, schon seit er über die Mitte hinaus war, dass das Buch zu Ende gehen würde. Und er wusste aus Erfahrung, dass die zweite Hälfte des Buches schneller vorüber sein würde als die erste. Nicht weil er nach der Hälfte schneller las, es ging nicht bergab, seine Lesebrille war kein Fahrrad, aber je dünner der noch zu lesende Teil wurde, umso schneller, so schien es ihm, blätterte er die Seiten um, und gegen Ende war es, als schlügen sich die Seiten wie von selbst auf, als wollten sie so schnell wie möglich gelesen werden und zum dick gewordenen, Teil des Buches hinüberwechseln, aus Angst, nicht dabei zu sein, wenn das Buch geschlossen wird. Sie flüchteten aus ihrer kurzen Gegenwart in die Vergangenheit, weil sie nur dort als Teil von etwas Grösserem bleiben konnten.
Dass die letzte Seite eines Buches keine Seitenzahl mehr trug, war verständlich, dachte Zeno. Man wusste, ja, dass man auf der letzten Seite angelangt war. Wenn man den Schlusssatz eines Buches zitieren wollte (Er konnte leider nicht schwimmen)brauchte man dafür keine Seitenzahl. Man sagte einfach: Auf der letzten Seite von Fabian. Das fand jeder. Wie wenn man am Anfang einer Sackgasse steht und von einem Fremden, der annimmt, man sei hier ansässig, gefragt wird, wo jemand wohnt, den man kennt, und man antwortet, ohne zu zögern: Das letzte Haus in der Strasse. Man sagt nicht die Hausnummer, kennt sie nicht einmal. Hat sein Haus überhaupt eine Hausnummer?
Mag sein, dass später einmal, falls Platz dafür vorhanden ist, noch ein weiteres Haus am Ende der Sackgasse gebaut wird, aber dann wird es ein anderer Fremder sein, der nach einem anderen Anwohner fragt, der in einem anderen Haus wohnt, und eine andere Person, die Auskunft gibt, wenn sie kann. Ich muss den Weg dann nicht mehr beschreiben, dachte Zeno.
Ich kenne die Leute gar nicht, die dann im letzten Haus wohnen werden. Wenn mich trotzdem jemand fragen würde, weil ich zufällig vorbeispaziert und am Anfang der Sackgasse stehengeblieben bin, und weil ich, obwohl ich längst weggezogen bin, mit meinen beiden Hunden noch immer aussehe, als sei ich von hier, würde ich erklären, dass das zweitletzte Haus früher das letzte Haus war, dessen Bewohner ich gekannt hatte, während mir die junge Familie, deren Kinder jetzt im Garten spielen, nicht bekannt ist. Zu wem wollen Sie?
Im Übrigen hat das letzte Haus, als es zum zweitletzten wurde, eine Hausnummer erhalten. Dass ich das noch erlebe, hat es gedacht, als die Nummer angeschraubt wurde, und die Fensterläden geschlossen, mitten am Tag, damit man nicht sehen konnte, wie gerührt es war.
Auch Zeno hatte am Morgen die Jalousien in seiner Wohnung heruntergelassen. Gemäss Wettervorhersage würde es im Lauf des Tages bis dreissig Grad warm werden. Er war früh aufgestanden, hatte alle Fenster weit aufgerissen, die Hunde angeleint und war mit ihnen noch vor dem Frühstück auf den langen Spaziergang gegangen, den er sonst jeweils um die Mittagszeit machte, aber dann würde es bereits zu heiss sein.
Als er zurückkam, las er auf dem Balkon eine am Vortag begonnene Geschichte zu Ende. Es war eine sehr traurige Geschichte, in der Anfang des 20. Jahrhunderts in einem abgelegenen Tal unter sengender Sonne ein kleiner Drache samt seiner beiden Drachenkinder getötet wird. Die Dorfbewohner sehen der grausamen Jagdpartie stumm und reglos von den Höhen des Kraters zu, in dem sich das Drama wie in einer Arena abspielt, und können es nicht aufhalten.
Die einzige Frau in der Jagdpartie ist die schöne Gattin des Gouverneurs, deren Liebe zu ihrem verweichlichten Mann, falls sie ihn je geliebt hatte, längst erloschen ist und die ein Auge auf den jüngeren Grafen geworfen hat, der die Jagdpartie anführt. Als Zeno die so beschriebene Ausgangslage las, musste er unweigerlich an The Short Happy Life of Francis Macomber denken, die Geschichte von Hemingway, in der eine ihren Mann verachtende Frau diesen auf der Jagd vom Leiter der Safary erschiessen lässt, ausgerechnet im Moment, als dieser durch die Begegnung mit einem Löwen befähigt wird, seiner Stumpfheit zu entrinnen und glücklich zu werden.
Würde auf der Jagd nach dem Drachen etwas Ähnliches passieren? Je länger die Geschichte dauerte, umso klarer wurde Zeno, dass nichts dergleichen geschehen würde. Stattdessen zog sich die grausame Tötung des Drachens und seiner zwei Kinder in fast unerträgliche Länge und der einzige, angesichts der Qualen, die der Drache erleiden musste, geringe Trost, war am Ende der Geschichte ein Rauch, der aus den Flanken des sterbenden Drachens entwich, und den Grafen, der die Jagdpartie angeführt hatte, irgendwann nach dem Ende der Geschichte umbringen würde.
Danach schloss Zeno die Balkontüre und sämtliche Fenster, liess in der ganzen Wohnung die Jalousien runter und gab seinen beiden Hunden frisches Wasser. Hier seid ihr sicher, sagte er zu ihnen. Hier wird euch nichts passieren.
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