Nos Amis à Saint Tropez (Pastellkreide auf Papier)

24. August 2026

Der Gast

24. August 2026

Es war Mitte April. Nachdem es die ganze Nacht ununterbrochen geregnet hatte, erwachte die Stadt in einen freundlichen Montagmorgen. Es war kurz vor acht Uhr, als Remigius Stettler die Strasse überquerte und ins Café Strauss eintrat. Während die Glastüre sich hinter ihm sanft schloss, blieb er einen Augenblick stehen, schaute sich im Lokal um und ging dann direkt auf einen freien Tisch an der Wand gegenüber der Theke zu, im Vorübergehen links und rechts die Gäste grüssend, die bei ihrem Morgenkaffee sassen.

Kaum jemand bemerkte die Begrüssung, die aus einem zugewandten Nicken und der Andeutung eines Lächelns bestand. Die meisten waren in ihre Morgenzeitung oder ihr Telefon vertieft. Zwei Gäste, ein Mann und eine Frau, sassen über ihre Laptops gebeugt, obwohl ein Schild an der Wand ausdrücklich darum bat, zu respektieren, dass es sich um ein laptopfreies Café handelte, und ein Mann, der von sich dachte, er sei im besten Alter, war gerade damit beschäftigt, mit seinem Kaffeelöffel ein weggebrochenes Stück Croissant aus seinem Milchkaffee zu fischen.

Remigius setzte sich und drehte als erstes die Tasse um, die mit der Öffnung gegen unten in der Untertasse stand. Dann nahm er die Papierserviette aus dem Teller und legte sie daneben. Als er wieder aufschaute, betrat ein neuer Gast das Café. Remigius Stettler begrüsste ihn mit einem leichten Kopfnicken und der Andeutung eines Lächelns. Dann wandte er sich der Kellnerin zu, die soeben zwei Tische weiter einem weiblichen Gast eine Tasse Tee auf den Tisch gestellt hatte und sich in Richtung Theke abwenden wollte, als sie von Remigius Stettlers Blick abgefangen wurde. Nie würde Remigius Stettler eine Bedienung durch Zurufen auf sich aufmerksam machen. Zurufe waren etwas für Kutscher.

Guten Morgen, sagte Stettler zur Kellnerin, auf deren Namensschild «Lore» stand. Wie ist ihr werter Name?

Lore, antwortete die Kellnerin, mit nach hinten gebogenem Zeigefinger auf ihr Namensschild weisend, während sie mit der anderen Hand mit einem weissen Lappen den Tisch abwischte. Was darf ich ihnen bringen?

Remigius Stettler störte es, wenn Kellner und Kellnerinnen mit ihren Vornamen angeschrieben waren.

Ihren Familiennamen wüsste ich gerne, sagte Stettler.

Die Kellnerin schaute ihn an, als wollte sie ihm etwas unterstellen, dann sagte sie: Oberson. Und was darf es jetzt sein?

Ich hätte gerne einen Milchkaffee, Frau Oberson, und, sofern noch welche da sind, ein Croissant, sagte Stettler, in einem Tonfall, aus dem auch mit viel Misstrauen nichts ausser Höflichkeit zu lesen war.

Als die Kellnerin mit seinem Kaffee auf ihn zu kam, sah Remigius Stettler schon bevor sie seinen Tisch erreichte, dass sie kein Croissant dabeihatte.

Lore Oberson stellte den Milchkaffee auf den Tisch und sagte: Es sind keine Croissants mehr da.   

Das sehe ich, sagte Remigius Stettler, wie bedauerlich.

Da kann ich nichts machen, sagte Frau Oberson.

Ich weiss, dass es nicht ihre Schuld ist, sagte Remigius. Aber um 8 Uhr, eine Stunde nach Öffnung des Lokals, sollten noch Croissants verfügbar sein.    

Frau Oberson wandte sich bereits um, als Remigius sie noch einmal ansprach.

Ausserdem…

Sie drehte sich noch einmal zu ihm um. Was kam jetzt noch?     

Ausserdem möchte ich, fuhr Remigius Stettler fort, dass die Tassen von jetzt an nicht mehr umgedreht in den Untertassen stehen. Umgedrehte Tassen sind etwas für eine Betriebskantine. In einem Café sollten die Tassen stolz und aufrecht stehen.

Lore Oberson schaute ihn an, unsicher, was sie von dem, was er gerade gesagt hatte, halten sollte, und Stettler fuhr fort: Und die Servietten, wenn ich das auch noch sagen darf…

Was ist mit den Servietten? Liegen die auch verkehrt rum?

Sie gehören links neben den Teller, nicht auf den Teller.

***

Als Lore Oberson zurück zur Theke kam, fragte sie Klaus Jenzer, der ihren Austausch mit dem Gast beobachtet und für zu lang befunden hatte: Was wollte der?

Klaus Jenzer führte das Café Strauss seit bald dreissig Jahren. Er hatte es von seiner Mutter übernommen.  

Er möchte, dass die Servietten nicht mehr auf dem Teller, sondern daneben liegen, links daneben, sagte Lore Oberson, und dass die Tassen nicht mehr umgedreht auf den Untertellern stehen, sondern aufrecht.

Klaus Jenzer lachte. Es war ein verklemmtes Lachen, kein offenes, das von Herzen kam.

Und was möchte er sonst noch? Dass die Wände grün gestrichen werden?

Das hat er nicht gesagt, sagte Lore. Aber er findet, dass um 8 Uhr noch Croissants da sein sollten.

Ich werde ihm gleich sagen, was um 8 Uhr alles da sein sollte und was nicht, sagte Klaus Jenzer, und schritt entschlossen um die Theke, aber als er zu Stettlers Tisch blickte, war dieser leer.  

Hat er bezahlt? fragte er Lore.  Gehen Sie nachschauen, ob er bezahlt hat.

Lore Oberson ging zu Stettlers Tisch. Sieben Franken fünfzig lagen auf der Rechnung. Sie steckte das Trinkgeld in ihre Schürzentasche und nickte ihrem Chef zu, dann wischte sie den Tisch ab und trug das gebrauchte Gedeck zur Theke.

Falls der wiederkommt, sagte Jenzer, lassen Sie es mich wissen.

Lore, mit vollem Namen Hannelore Oberson, trug das neue Gedeck zu Stettlers Tisch. Sie stellte die Tasse aufrecht in die Untertasse und legte die Serviette links neben den Teller.  Eigentlich hat er ja recht, dachte sie.

***

Der nächste Tag war ein Freitag. Das Café Strauss war bereits kurz nach sieben gut gefüllt, wie immer an einem Freitag. Die Leute wollten früh bei der Arbeit sein, um dann früh ins Wochenende gehen zu können. Um viertel vor acht war nur noch ein Tisch an der Wand gegenüber der Theke frei. Hannelore Oberson erzählte später, bis acht Uhr seien mehrere Gäste ins Café getreten, hätten sich umgeschaut, und nachdem sie festgestellt hätten, dass auch die Hochsitze an der Theke alle besetzt waren, das Lokal wieder verlassen – als hätten sie alle den freien Tisch an der Wand übersehen, der doch eigentlich nicht zu übersehen war.  

Um Punkt 8 Uhr trat Remigius Stettler ins Café Strauss. Er blieb kurz stehen, während sich die Glastüre hinter ihm schloss, schaute zu seinem Tisch an der Wand gegenüber der Theke, und setzte sich dann in Bewegung, im Vorübergehen links und rechts die zahlreichen Gäste grüssend, mit einem zugewandten Nicken und der Andeutung eines Lächelns.

Er hatte sich kaum hingesetzt, als Hannelore Oberson, die ihn hatte eintreten sehen, an seinem Tisch stand.

Einen Milchkaffee und ein Croissant? fragte sie ihn, freundlich lächelnd.

Guten Morgen, Frau Oberson, sagte Stettler, dem die aufrechtstehende Tasse und die links neben dem Teller liegende Serviette sofort aufgefallen waren. Wie geht es Ihnen?

Gut, und Ihnen? antwortete Hannelore Oberson. Milchkaffee und Croissant?

Gerne, sagte Remigius, falls noch welche da sind.

Hannelore Oberson nahm seine Tasse und kam kurz danach zurück mit seinem Milchkaffee und einem Buttercroissant.

Ich habe es für Sie auf die Seite gelegt, sagte sie.

Das ist sehr aufmerksam von Ihnen, sagte Remigius, Ich danke Ihnen.

Hannelore Oberson lächelte und wandte sich einer Frau mit einer angesichts ihres schmalen Gesichts viel zu grossen, strengen Brille zu, die dringend zahlen wollte. Warum sagt ihr niemand, dass ihre Brille für ihr Gesicht viel zu massiv ist? dachte Hannelore. 11 Franken 70, sagte sie zur Frau. Sie hielt ihr das Gerät hin und, während die Frau zum zweiten Mal ihren Pin-Code eingab, sichtlich genervt darüber, dass sie sich beim ersten Versuch vertippt hatte, dachte sie: Was sind das für Optiker, die jemandem eine solche Brille verkaufen?  

Um halb zwölf war Hannelore Oberson gerade damit beschäftigt, belegte Brote und Sandwiches in die Vitrine zu füllen, als sie merkte, dass jemand hinter ihr stand. Sie drehte sich um und schaute ins Gesicht von Klaus Jenzer.

Warum haben Sie mir nicht gesagt, dass er da ist? fragte Jenzer.

Wer? fragte Hannelore Oberson, obwohl sie genau wusste, von wem er sprach.

Sie wissen genau, von wem ich spreche, sagte Jenzer.

Ach der, antwortete Hannelore Oberson. Der war nur ganz kurz da.

Kurz ist schon zu lange, sagte Jenzer, Ich will, dass er nicht mehr bedient wird. Wenn er das nächste Mal ins Lokal kommt, sagen sie es mir, haben Sie verstanden, Lore? Ich will ein Lokalverbot aussprechen.

Verstanden, sagte Hannelore, obwohl sie überhaupt nicht verstand, warum Jenzer den Mann nicht mehr in seinem Café wollte.Und als Jenzer sich wegdrehte, sagte sie: Mein Name ist übrigens Hannelore, Hannelore Oberson. Sie öffnete die Sicherheitsnadel, mit dem ihr Namenstäfelchen an ihrer Uniform befestigt war, nahm es ab und legte es vor Jenzer auf die Theke.  

Was soll das jetzt? fragte Jenzer, Kündigen Sie etwa?

Nein, sagte Hannelore Oberson, ich will nur meinen ganzen Namen auf dem Schild. Und wenn er zu lang ist, möchte ich den Nachnamen.  

Kommt das von ihm? entfuhr es Jenzer.

Das kommt von mir, sagte Hannelore Oberson, schloss die Vitrine und ging in die Küche, um weitere Brote zu holen.  

Muss ich mir das bieten lassen? fragte sich Jenzer, und gab sich die Antwort gleich selber. Ich muss mir das nicht bieten lassen. Ich kann sie jederzeit entlassen.

***

Als es Herbst wurde, arbeitete Hannelore Oberson noch immer im Café Strauss. Auf ihrem Namensschild stand Oberson, und die Wände des Cafés, die während den Betriebsferien im Juli frisch gestrichen worden waren, waren nun grün. Es war ein schönes, warmes Grün, wie es Hannelore Oberson ausgesucht hätte, wenn man sie gefragt hätte. Seit den Betriebsferien standen die Tassen aufrecht in den Untertassen und die Servietten lagen links neben den Tellern, als wäre das immer so gewesen, und Croissants waren noch um zehn Uhr erhältlich.

Der Gast, der das alles in Bewegung gesetzt hatte, auch wenn die grüne Farbe nicht seine Idee war, war bis zu den Betriebsferien jeden Tag zu seinem Morgenkaffee mit Croissant erschienen. Stets sass er an seinem Tisch, an den sich niemand anders zu setzen wagte, auch am Nachmittag nicht, wenn er nicht da war. Nach den Betriebsferien aber tauchte er nicht mehr auf. Jeden Tag blickte Hannelore Oberson um acht Uhr zur Tür, um ihn wieder eintreten und zu seinem Tisch schreiten zu sehen, aber er erschien nicht. Nur sein leerer Tisch, an den sich auch seit seinem Fernbleiben noch immer niemand hinsetzte, erinnerte noch an ihn, und Hannelore tischte jeden Morgen ein frisches Gedeck für ihn auf.

Neben der Art, wie aufgedeckt wurde, und der Farbe der Wände, hatte sich noch etwas anderes verändert. Der Name des Cafés war nicht mehr Strauss, es hiess nun «Café Claire» und hatte einen neuen Besitzer. Klaus Jenzer hatte noch vor den Betriebsferien das Personal informiert, dass das Café in andere Hände übergehen werde, und hatte angefügt, ihre Anstellungsverhältnisse würden von den neuen Besitzern übernommen. Wer die neuen Besitzer waren, sagte er nicht.

Was seine Angestellten nicht wussten, war, dass Jenzer den Familienbetrieb fast umsonst veräussert hatte und dass er selber nicht wusste, an wen. Er war schon im Februar zum Entscheid gelangt, das Café aufzugeben, und hatte seinen Treuhänder mit dem Verkauf beauftragt.

Als der Treuhänder, ein alter Freund der Familie, der nur noch wenige Kunden betreute, ihm nach ein paar Monaten eröffnete, es habe sich leider kein seriöser Käufer gemeldet, nur eine einzige Person, er wage es kaum zu sagen, habe sich brieflich mit einem unverschämt niedrigen Kaufangebot gemeldet, eine wirklich lächerlich kleine Summe, konnte er es kaum glauben, dass Jenzer sich gewillt zeigte, das Angebot anzunehmen und sein Café praktisch umsonst wegzugeben.

Jenzer brauchte das Geld nicht, und es war ihm völlig egal, wer das Café Strauss übernahm. Die Chinesen seinetwegen, die kauften ja alles. Sollten die sich doch mit dem widerspenstigen Personal und den schwierigen Gästen herumschlagen.

Jenzers Mutter Claire, die den Verkauf sicher nicht gutgeheissen hätte, war vor einigen Jahren an Alzheimer erkrankt und dämmerte in einem Pflegeheim vor sich hin. Jenzer hatte ihr bei einem Besuch Anfang Jahr von seiner Absicht erzählt, das Café Strauss zu verkaufen. Er hatte das Bedürfnis verspürt, es ihr zu erzählen, vielleicht auch, ihren Segen dafür zu erhalten, obwohl er wusste, dass sie nicht verstehen würde, worum es ging. Sie hatte ihm zugehört und ihn am Ende gefragt: Und woher sagten Sie, kennen Sie meinen Sohn?    

***

Der Verkauf, der mehr eine Schenkung war, ging also über die Bühne, oder besser gesagt: er wurde hinter den Kulissen abgewickelt, und die Gäste gingen weiterhin lebhaft ein und aus in einem Café, in dem ausser der Belegschaft und dem Schild, es handle sich um ein laptopfreies Lokal, bald alles anders war.

Irgendwann ging dann auch dieser Herbst zu Ende. Hannelore Oberson hätte gerne noch ein paar weitere Wochen die überwältigende Farbenpracht genossen, aber es wurde von Tag zu Tag kälter und bald hielt der Winter Einzug und die Getränke im Café Claire wurden heisser. Nach einem langen Winter kam der nächste Frühling und die Sonne schien nun wieder etwas länger, ohne schon richtig zu wärmen.

Es war an einem Montag Mitte April, kurz vor 8 Uhr, als Remigius Stettler den Portier des Hotels Bristol mit einem freundlichen Guten Morgen der Herr grüsste und dann das Hotel betrat. Während die Drehtüre hinter ihm langsam zum Stillstand kam, blieb er einen Augenblick stehen, schaute sich in der Hotellobby um und ging dann auf die Reception zu, wobei er links die Gäste, die an ihm vorüber zum Ausgang gingen und rechts diejenigen, die in bequemen Fauteuils in der Lobby sassen und auf jemanden warteten, mit einem ihnen zugewandten Nicken und der Andeutung eines Lächelns grüsste – eine Begrüssung die, wie alles, was folgen würde, völlig umsonst war.  

Sitzende Frau, Pastellkreide auf Papier

17. August 2026

Horizonthaiku

17. August 2026

Der Horizont weiss

Du kannst ihn nicht erreichen

Und weicht doch zurück

Pamukkale, Pastellkreide auf Papier

16. August 2026

Der Wind trifft in Baden-Baden ein

16. August 2026

(und muss gleich wieder weiter)

Der Wind hat den Titel vor zwei Jahren aus meinem Gedächtnis aufgescheucht. Vielleicht auch aus meinem Büchergestell. Ich könnte ihn fragen, aus welchem von beiden, aber der Wind gibt keine Antwort, wenn man ihn etwas fragt, er bläst einfach weiter. Er hat den Titel aus meinem Gedächtnis aufgescheucht (oder aus meinem Büchergestell) und ihn so lange vor sich hergetrieben, bis er, als meine Frau und ich in Baden-Baden in einem Strassencafé sassen, auf meiner Zunge landete.

Meine Frau hatte gerade den Unterteller ihrer Kaffeetasse auf ihre Papierserviette gelegt, damit sie nicht vom Tisch geblasen werde und bei den Hunden landet, die unter dem Tisch im Schatten lagen.   

So the wind won’t blow it all away, sagte ich.„David M. Pierce“.

Aber Pierce hat So the wind won’t blow it all away nicht geschrieben. Pierce hat Hear the Wind Blow, Dear – ein Fall des Detektivs V. (for Victor) Daniel.  

So the wind won’t blow it all away ist ein Romantitel von Richard Brautigan. So ist das mit dem Wind: Er wirbelt alles durcheinander und lässt nichts dort, wo es war. Es interessiert ihn nicht, wo alles hingehört.

An die Geschichte von So the wind won’t blow it all away konnte ich mich an diesem windigen Frühlingstag in Baden-Baden nicht erinnern. Gute Titel prägen sich mir ein und ich vergesse sie nicht, während ich die Inhalte der Geschichten, auch der guten, meist bald und – ausser ich werde von jemandem daran erinnert – für immer vergesse.

Ich las also im Strassencafé in Baden-Baden im Internet nach, worum es in Brautigans Roman ging, und bereute es gleich, weil der Inhalt den Titel kontaminiert. Ein Junge hatte aus Versehen seinen besten Freund erschossen. Ich nahm mir vor, diesen Inhalt gleich wieder zu vergessen, damit der Titel wieder rein werden konnte und frei wurde als Überschrift für andere Geschichten, geschriebene und ungeschriebene, die ohne diese Tragik auskommen. 

Ein guter Titel ist auch eine Sonnenbrille. Man weiss nicht, was sich hinter ihr verbirgt, und kann nur hoffen, es seien schöne Augen. Wer nicht enttäuscht werden will, sollte wegschauen, bevor die unbekannte Person sie abnimmt. Wer nicht erleben will, dass das Versprechen eines guten Titels nicht gehalten wird, sollte das Buch nicht lesen. Nur ungeschrieben sind alle Geschichten gut. Ungelesen nur noch ein sehr kleiner Teil.   

In einem jüdischen Rätsel kommt der Wind als verrückter Schwiegersohn daher (a  meschugener ejdim), aber noch bevor man ihm etwas zum Trinken anbieten kann, geht er wieder und treibt in einem Volkslied Regen übers Land.

Nun wusste schon Salomo der Prediger, dass wer auf den Wind achtet, nicht sät, und wer auf die Wolken sieht, nicht erntet, und so verhallt der Aufruf, angesichts des bevorstehenden Regens die goldenen Garben einzuholen, in der deutschen Version des Liedes trotz mehreren Echos im Refrain ungehört.

Wahrscheinlich auch deshalb, weil es im englischen Ursprung des Liedes um Anderes ging. Heigh ho, anybody home? Meat nor drink nor money have I none. Yet will I be merry, yet will I be merry, heigh ho…

Um Armut und Fröhlichkeit ging es, auch wenn keiner zuhause ist, womit auch erwiesen ist, dass der Wind ein wenig gibt und viel fortnimmt.

Er gibt fliegende Heuballen (Tumbleweed), die in alten Western-Filmen durch (von wem wohl?) leergefegte Strassen taumeln, bevor es zum letzten Duell kommt, bei dem man glaubt, der Gute sei getroffen worden, bis ein Bluttropfen aus der Nelke tritt, die der Bösewicht im Knopfloch über seinem Herzen trägt.

Er gibt Blätter, die sich im Kreis drehen, egal, ob jemand zusieht oder nicht.   

Es gilt als ausgemacht, dass in den mittleren Breitengraden, in denen wir leben, der Wind meist aus Westen kommt. Aber wer sind wir, um so genau zu wissen, wo wir leben?

Hilft uns die Vorstellung, dass wir in einem Grenzgebiet leben zwischen einer Hochdruckzone im Süden, aus der konstant Luftmassen in Richtung einer Tiefdruckzone im Norden strömen, die auf ihrem Weg durch die Drehung der Erde von Westen nach Osten abgelenkt werden, wodurch der Westwind entsteht?

Der Herr der Winde spricht, so scheint mir, viel, aber kein Deutsch. Von Theodor Storm glaube ich eine Zeile zu erinnern, die besagt, dass der Sturm (ein cholerischer Wind?) nicht dies oder das kennt, nur sich: den Sturm. Aber ich kann diese Textstelle nirgends finden im Netz und die Gesamtausgabe seiner Werke ist einem meiner Umzüge zum Opfer gefallen.

Ohnehin glaube ich, dass, wer wirklich etwas vom Wind verstehen will, „A Word on Wind“ von Ogden Nash lesen sollte. Da erfährt man, dass die Wissenschaft sich irrt, wenn sie den Wind mit unterschiedlichen Drucklagen und der Erdkrümmung erklärt, dass es viel mehr die Bäume sind, die Wind erzeugen mit ihren Blättern, und – am wichtigsten, weil sich damit alles erklärt – dass der Wind auf kleinem Raum viel Zeit zurücklegen kann (It can cover a lot of time in a very short space).

Die einzige Frage, die über diesen Text hinaus unbeantwortet bleiben wird, ist, wann der Wind eigentlich einatmet.

Nachzutragen bleibt mir lediglich, dass mir inzwischen eingefallen ist, woher der Wind den Titel verscheucht hat. Aus dem Büchergestellt in meinem Gedächtnis.

Lac Léman, vu depuis Montreux (Pastellkreide auf Papier)

2. Juni 2026

Die blaue Schale

2. Juni 2026

Ludovico war schon fast ein halbes Jahr zu Fuss unterwegs, als er an einem sonnigen Junimorgen einem Fluss entlangging. Er hatte sein Zimmer am Vorabend zusammen mit dem Abendessen bezahlt, seinen Zimmerschlüssel auf die Theke gelegt und die Herberge am Fluss in den frühen Morgenstunden verlassen.

Mittlerweile war es neun Uhr. Die Vögel sangen, ein leichter Wind spielte mit den Mohnblumen am Wegrand und die Sonne hatte damit begonnen, das auf den Feldern auf der anderen Seite des Flusses ausgebreitete Heu zu trocknen, während sein Weg noch im Schatten der Bäume lag, die das Ufer säumten. Ludovico war zufrieden. Schon seit Längerem – waren es Wochen? Monate? – erfüllte ihn nun diese tiefe Zufriedenheit, die ihm früher fremd gewesen war.

Als er seine Heimatstadt im Norden Italiens vor einem halben Jahr verlassen hatte, war er mit allem unzufrieden, am meisten mit sich selbst, ohne dass es dafür einen ersichtlichen Grund gegeben hätte. Er arbeitete im Geschäft seines Vaters, einer kleinen Manufaktur mit vier Angestellten am Ende der Via del Pietro; er hatte eine Handvoll guter Freunde aus seiner Schulzeit, mit denen er nach der Arbeit und an den Wochenenden viel Zeit verbrachte, und er war verlobt mit Antonella, einer Frau, die nicht nur klug war, sondern auch humorvoll und schön.

Ihre Heirat war zwischen den beiden Familien für den folgenden Herbst abgemacht. Sein Vater hatte ihm im Hinblick auf das frohe Ereignis, wie er es nannte, einen Erbvorbezug gewährt, damit er sich ein Häuschen unweit von dem seiner Eltern kaufen könne, und in ein paar Jahren, wenn sein Vater sich zur Ruhe setzen würde, würde er, Ludovico Sertullo, mit seiner Antonella Kinder haben und die Manufaktur in der Via del Pietro übernehmen.

Eines Morgens im Dezember, sein Vater war bereits im Geschäft und seine Mutter war einkaufen gegangen, packte Ludovico, der unter dem Vorwand, er müsse wegen der Anzahlung für das Haus zur Bank, zurückgeblieben war,  ein paar Kleider in seinen Rucksack, zog sein bestes Paar Schuhe und eine warme Jacke an, legte den Brief, den er am Vorabend geschrieben hatte, in einem Umschlag in die Mitte des Küchentischs, beschwerte ihn mit der kleinen blauen Schale, aus der er jeden Morgen sein Frühstück ass, und verliess das Haus, in dem er aufgewachsen war, ohne einen Schlüssel mitzunehmen.

Als seine Mutter anderthalb Stunden später nachhause kam, die Einkäufe auf den Küchentisch stellte und den Brief entdeckte, hatte Ludovico, der gut zu Fuss war, bereits die Aussenbezirke der Kleinstadt erreicht. Seine Mutter öffnete den Umschlag und las den Brief. Beim Lesen entfuhr ihr ein entsetztes Dio mio!, dann liess sie alle ihre Einkäufe auf dem Küchentisch stehen, verliess das Haus und ging hastigen Schrittes in Richtung Via del Pietro.

Als sie völlig ausser Atem und mit einem gequälten Gesichtsausdruck vor ihrem Mann stand und ihm den Briefumschlag entgegenstreckte, ahnte dieser Schlimmes. Waren es schlechte Nachrichten seines Arztes, die dieser vom Labor erhalten hatte und sich nicht traute, sie ihm von Angesicht zu Angesicht mitzuteilen? War es eine Nachricht vom Pflegeheim in den Abruzzen, in der ihm das Ableben seiner betagten Mutter mitgeteilt wurde?

«Was ist passiert?» fragte er seine Frau, die sich schwer atmend hinter seinem Schreibtisch auf den bequemen Sessel mit dem Lederpolster gesetzt hatte, aus dem er sich erhoben hatte, als sie in sein Büro gestürmt war.  Aber sie konnte nicht sprechen, zeigte nur auf den Briefumschlag.

Benito Sertullo entnahm den Brief dem geöffneten Umschlag und entfaltete ihn. Es war ein einziges Blatt Papier, beschrieben mit lediglich zwei Zeilen, die nicht einmal vollgeschrieben waren. Wieviel Schlechtes liess sich in zwei Zeilen mitteilen? Er wendete das Blatt, um nachzuschauen, ob es auf der Rückseite auch beschrieben war, aber die Rückseite war leer und er kehrte zur beschriebenen Seite zurück, auf die in der Handschrift seines Sohnes, die er sofort erkannt hatte, eine Nachricht geschrieben war, die aus drei kurzen Sätzen bestand: Gehe auf eine Pilgerreise. Bin in einem Jahr zurück. Und darunter: Danke für alles. Unterzeichnet: Ludovico.

 «Ist er jetzt verrückt geworden?» sagte Benito, dem man ansah, wie die Wut in ihm aufstieg, zu seiner Frau, die zu weinen begonnen hatte und wie ein Häufchen Elend in seinem Sessel versank. «Was glaubt er denn? Er könne einfach so weggehen, dieser verwöhnte Narr?» Das Weinen seiner Frau war in ein lautes Schluchzen übergegangen. Benito gab ihr sein Taschentuch. Dann schaute er wieder auf den Brief. «Danke für alles!» rief er wutentbrannt, «Danke für alles, Gott verflucht!» und seine Faust fuhr krachend auf seinen Schreibtisch nieder.

«Fluch nicht, Benito», sagte Giulia, und bekreuzigte sich. Aber Benito fuhr, jetzt völlig ausser sich vor Wut, fort: «Wenn er glaubt, dieser undankbare Lump, wir warten auf ihn und alles ist noch so, wie er es verlassen hat, wenn es ihm gefällt, zurückzukommen, dann hat er sich getäuscht. Nichts wird…»

«Er wird nicht zurückkommen», unterbrach ihn Ludovicos Mutter, nachdem sie sich die Tränen getrocknet und die Nase geschnäuzt hatte.

«Wie… nicht zurückkommen?» fragte ihr Mann. «Er schreibt doch, er sei in einem Jahr zurück…»

«Lies doch!», entgegnete Giulia Sertullo, «Eine Pilgerreise, schreibt er. Eine Pilgerreise! Als ob unser Sohn sich je etwas aus Gott und den Heiligen gemacht hätte. Er geht ja nicht einmal zur Kirche.»

«Nicht jeder, der eine Pilgerreise macht, glaubt an Gott,» sagte Benito, der sich wieder gefasst hatte, «und Gott glaubt nicht an jeden, der eine Pilgerreise macht. Er weiss genau, dass nicht alle Pilger fromm sind. Dass einige von ihnen nur flüchten. Dass sie sich aus dem Staub machen wollen. Und gegen eine Pilgerreise kann niemand etwas einwenden.»

Aber Giulia hatte ihm gar nicht zugehört.  Wenn sie ihm zugehört hätte, hätte sie vielleicht gefragt: Warum sollte er sich aus dem Staub machen? Vor wem soll er denn fliehen, unser Ludovico? Vor uns etwa? Oder gar vor Antonella?

Stattdessen fuhr sie fort, wo sie von Benito unterbrochen worden war, indem sie sagte: «Ludovico macht keine Pilgerreise, glaub mir, Benito. Und er kommt auch nicht in einem Jahr zurück. Unser Sohn ist fortgegangen. Wir habe ihn verloren.» Und mit diesen Worten fing sie wieder zu weinen an.

Benito starrte auf den Brief in seinen grossen Händen. Als das, was Giulia gerade gesagt hatte, in seinem Bewusstsein angekommen war, zerknitterte er ihn und warf ihn in eine Ecke seines Büros. Ludovicos Mutter erhob sich, ging in die Ecke und hob den zerknüllten Brief auf. Sie faltete ihn auf, strich ihn auf dem Bürotisch ihres Mannes flach und steckte ihn in den Umschlag, den Benito fallen gelassen hatte.

«Und von Dankbarkeit keine Spur», sagte sie, während sie den Umschlag in ihre Rocktasche steckte, «Sonst wäre er geblieben. Das Einzige, was in diesem Brief nicht gelogen ist, ist seine Unterschrift.» Dann verliess sie das Büro ihres Mannes und ging nachhause.

Benito ging an diesem Tag still seiner Arbeit nach, aber weil er auch sonst nicht viel sprach, fiel keinem seiner Arbeiter auf, dass er von grosser Sorge geplagt war. Seine Gedanken schweiften immer wieder zu seinem Sohn ab, den er, wenn sich seine Frau nicht täuschte, heute früh verloren hatte. Als er am Abend nachhause kam, sah er auf dem Küchentisch den Umschlag, beschwert mit einer blauen Schale, und die Wut stieg wieder in ihm hoch.

Er schrie «Ich will diesen Brief nicht mehr sehen!» und riss den Umschlag mit einer so heftigen Bewegung unter der Schale weg, dass diese umkippte und auf ihrem Rand über den Tisch rollte, bis sie zu Boden fiel und zerbarst.

***

Ludovico spürte ein Krabbeln in seinem Nacken. Reflexartig schlug er sich mit der flachen linken Hand auf den Nacken und als er sie vor sein Gesicht hielt, sah er, dass es ein Marienkäfer war, und es tat ihm sogleich leid, dass er nicht vorsichtiger gewesen war mit seiner Hand, dass er das kleine Geschöpf nicht einfach mit leichter Geste von seinem Nacken gewischt hatte. Ludovico hoffte, dass er den kleinen Glückskäfer nicht umgebracht hatte, aber dieser regte sich nach einer letzten Zuckung eines Flügels nicht mehr. Traurig legte ihn Ludovico auf ein von einem Hund abgenagtes Stück Holz, das am Wegrand lag, und ging dann gesenkten Hauptes weiter, nur um hundert Meter weiter wie angewurzelt stehen zu bleiben.  

Er stand da und schaute einem sich langsam von ihm entfernenden Bauern nach, der auf dem Bock eines Heuwenders sass, der von zwei Pferden gezogen wurde. In gemächlichem Trott zog das Pferdegespann das Gefährt über das Feld und hinter dem aufrecht auf dem Bock sitzenden Bauern wendeten die sich drehenden Arme des Heuwenders das Heu, damit es auch auf der unteren Seite, die nun oben war, von der Sonne getrocknet werden könne. Als der Bauer sein Gefährt beim Feldweg am Ende der Wiese wendete und sich nun auf ihn zubewegte, drehte sich Ludovico um und ging in die Richtung, aus der er gekommen war.

Als er an die Stelle gelangte, an der er den toten Marienkäfer zurückgelassen hatte, bückte er sich, aber der Käfer lag nicht mehr auf dem abgenagten Stück Holz. Vielleicht ist er runtergefallen, dachte Ludovico, ein Windstoss hat ihn ins Gras getragen. Er hob das Stück Holz sorgfältig auf, um darunter nachzuschauen, aber der Käfer war verschwunden, auch im umliegenden Gras keine Spur von ihm. Konnte es sein, dass ihn ein Vogel aufgepickt hatte? Oder die Ameisen hatten seinen gewichtslosen Körper weggetragen?  Das schien ihm unwahrscheinlich in dieser kurzen Zeit. Hatte er vielleicht doch überlebt? Ein Hauch von Fröhlichkeit huschte bei diesem Gedanken über sein Gesicht.

Ludovico erhob sich, drehte sich um und ging wieder seines alten Weges. Der Bauer, der unterdessen auf seiner Höhe angelangt war, wunderte sich ob der Unentschlossenheit des Wanderers, der nicht zu wissen schien, in welche Richtung er gehen wollte. Sein Erstaunen wuchs noch mehr, als er, nachdem er sein Gefährt wieder gewendet hatte, Ludovico tatsächlich wieder auf sich zukommen sah. Der arme Mann musste völlig verwirrt sein. Ob er trotz dem Schatten, in dem er sich bewegte, einen Sonnenstich erlitten hatte? 

Ludovico wusste nicht warum, aber er kam nicht mehr vorwärts. Er hatte es zweimal versucht, aber er kam nicht über den Punkt hinaus, an dem der Bauer sein Gefährt gewendet hatte. Es ging einfach nicht. Seine Füsse versagten ihm den Dienst und ihm wurde klar, dass seine Pilgerreise zu Ende war. Ihm blieb nichts anderes übrig, als den Heimweg anzutreten.

Als er erneut an der Stelle vorbeikam, an der der Marienkäfer verschwunden war, spürte er wieder ein Krabbeln im Nacken. Er blieb stehen. Nach ein paar Sekunden hörte das Krabbeln auf und Ludovico ging weiter. Was immer es war, es war weggeflogen.

Dass sich etwas verändert hatte, merkte Ludovico daran, dass seine bedürfnislose Zufriedenheit verflogen war, seit er den Heimweg angetreten hatte, und sich sein Kopf wieder mit Gedanken zu füllen begann, einige nur kurz und flüchtig, andere wie eine Abfolge von Bildern, die sich aus seiner Vergangenheit über die Landschaft legten, die er vor sich sah. In einem noch nicht abgemähten Kornfeld sah er ein Kind, dass einen Federball in die Luft warf und ihn mit seinem Schläger ins Korn schlug. Dann ging es ihn suchen und sobald es ihn fand, warf es ihn wieder in die Luft und schlug ihn in die Richtung, aus der er zuvor geflogen kam. Etwas später sah er seinen Onkel am gegenüberliegen Ufer sitzen, mit einem Picknickkorb neben sich und einer Fischerrute in der Hand. Winkte er ihm?

Als die Schatten der gegenüberliegenden Hügel schon fast bis zur Mitte des schmalen Tals reichten und ihren Mantel schon bald über den Fluss legen würden, erreichte Ludovico die Herberge, von der er am frühen Morgen zu seiner heutigen Etappe aufgebrochen war.  Es kam ihm vor, als sei er weit mehr als nur einen Tag unterwegs gewesen.  

Der Gastwirt, ein grobschlächtiger Mann, stand hinter der Theke und wischte sich seine Hände an seiner fleckigen Schürze ab.  

«Guten Abend wohl», sagte Ludovico. «Hier bin ich wieder. Ich brauche noch einmal ein Zimmer für die Nacht, wenn möglich das gleiche.» Der Wirt schaute ihn missmutig an. Er schien ihn nicht zu erkennen. «Alle Zimmer sind gleich», sagte er, und legte ihm einen Schlüssel auf die Theke.  

«Wenn das Zimmer über dem Ziegenstall, in dem ich letzte Nacht schlief, noch frei ist, wäre mir das angenehm», versuchte es Ludovico noch einmal. Das Zimmer, das er meinte, war eine fensterlose Kammer, aber Ludovicos Geld ging zur Neige, und die Kammer war günstig. Doch der Wirt sagte nur: «Die Treppe hoch, zweite Tür links.»  

«Gibt es noch Abendbrot?» fragte Ludovico, und der Wirt machte mit dem Kopf eine Bewegung hin zu den zwei langen Holztischen. Ludovico setzte sich an den zweiten, weiter von der Theke entfernten Tisch. Es dauerte eine ganze Weile, bis die Frau des Wirts aus der Küche kam und ihn fragte, was er wolle.

«Ist noch etwas vom köstlichen Schmorbraten da, den ich gestern genossen habe?» fragte Ludovico.

«Schmorbraten?» fragte die Wirtin, und kratzte sich hinter dem Ohr. «Schmorbraten mache ich nur im Winter. Es gibt Kartoffeln und Würste.»

«Dann nehme ich Kartoffeln und Würste» sagte Ludovico. «Und zum Trinken?»

«Ein Viertel Roten und einen Krug Wasser, bitte.» sagte Ludovico, der sich Mühe gab, für beide höflich zu sein.

Die Wirtin ging zur Theke und sprach kurz mit ihrem Mann, dann verschwand sie in der Küche.

Wenig später brachte der Wirt ein Viertel Rotwein, ein dreckiges Glas und eine Karaffe mit Wasser. Während er auf das Essen wartete und vom Roten trank (das Wasser schmeckte, als stamme es direkt aus dem Fluss), wunderte sich Ludovico, warum die Wirtin den Schmorbraten abstritt, und er dachte darüber nach, wie er hierhergekommen war, und ob es sein konnte, dass er zum zweiten Mal in einer Herberge übernachten würde, in der man vorgab, sich nicht an das erste Mal zu erinnern.

Es dauerte lange, bis sein Essen vor ihm auf dem Tisch stand, und bis es so weit war, gingen ihm Stationen einer langen Reise durch den Kopf, deren Beginn sich im Nebel seiner Erinnerungen verloren hatte. Er wusste noch, wo er herkam, aber nicht mehr, warum er aufgebrochen war.  Und es war ihm unmöglich, zu sagen, ob er bei seinem Aufbruch ein Ziel gehabt hatte.    

In den ersten Wochen seiner Reise hatte er auf den langen Fussmärschen viel nachgedacht. Oft war Antonella der Mittelpunkt seiner Gedanken gewesen, und jedes Mal, wenn er an sie dachte, schien sie schöner zu sein als beim letzten Mal. Manchmal hatte er auch an ihre zukünftigen Kinder gedacht, wie sie im Garten herumrannten oder im Haus, für das sein Vater mit dem Besitzer, der in Rom lebte, für ihn einen guten Preis ausgehandelt hatte. Die Kinder waren laut und immer in Bewegung und Ludovico hätte nicht sagen können, ob es drei oder vier waren. Hätte er Antonella sagen müssen, dass er vor ihrer Hochzeit noch auf eine Reise geht? Würde sie ihm verzeihen, wenn er zu ihr zurückkehrte?

Mit fortschreitender Dauer seiner Reise hatte er immer seltener und schliesslich gar nicht mehr an Antonella gedacht, als hätte ihre Schönheit ihren Zenit erreicht und müsste nun, in einem Medaillon in seinem Herzen weggeschlossen, vor Blicken geschützt und bewahrt werden. Die Kinder waren mit jeder Woche, in der er sich weiter von zuhause entfernt hatte, ruhiger und leiser geworden. Sie hatten sich vom Garten ins Haus zurückgezogen, und im April waren sie zuerst aus dem Haus und dann aus seinen Gedanken verschwunden.

Auch sein zukünftiges Haus hatte Ludovico nicht mehr gesehen, seit die Tage wieder länger geworden waren. Er hatte keinerlei Vorstellung mehr von seiner Zukunft, und da irgendwann auch keine Erinnerungen mehr auftauchten, hatte er einen Zustand erreicht, in dem er überhaupt nichts mehr dachte. Er war nur noch durch die Natur gewandert und hatte die Landschaft in der Ferne betrachtet, die keinerlei Bedrohung für ihn enthielt, sowie die Bäume, Büsche und Blumen und die vereinzelten Tiere in seiner Nähe, und er hatte beobachtet, wie der Wind die Wolken am Himmel über ihn hinweg trieb, und war dabei zufrieden geworden.

Dann brachte die Wirtin einen Teller mit zwei kleinen Würsten und weichgekochten Kartoffeln und stellte ihn wortlos vor ihm auf den Tisch 

***

Auf seiner langen Reise zurück wurde es Sommer, dann Herbst und schliesslich Winter, und als Ludovico endlich die Ortstafel seiner Heimatstadt am Strassenrand sah, war es bitterkalt. Schon seit zwei Wochen hatte er kein Geld mehr und alles, was ihm noch zum Essen blieb, war ein trockener Laib Brot, von dem er sich jeden Tag ein Stück abbrach und mit Brunnenwasser aufgeweicht ass.  

Als er morgens um vier Uhr erschöpft, frierend und halb verhungert vor seinem Haus stand, kam ihm in den Sinn, dass er es vor langer Zeit ohne Schlüssel verlassen hatte. Aber er erinnerte sich auch, dass unter dem Blumentopf rechts neben der Haustüre ein Schlüssel hinterlegt war, damit der Milchmann die Milchflaschen in den Flur stellen konnte. Leise öffnete er die Tür und schlich durch den Flur, in dem nachts – seine Mutter wollte es so – immer ein Licht brannte, stets darauf achtend, nirgends anzustossen. Im schalen Lichtkegel, der vom Flur in die Küche drang, sah er auf dem Küchentisch einen Umschlag. Er nahm ihn mit in sein Zimmer, legte sich ins Bett und schlief sofort ein.  

***

Als Ludovico erwacht und in die Küche kommt, sitzen seine Mutter und sein Vater beim Frühstück. Er will seine blaue Frühstücksschale aus dem Küchenschrank nehmen, aber er kann sie nirgends sehen.  

«Wo ist meine blaue Schale?» fragt er seine Mutter, und sie antwortet, wobei sie, wie ihm scheint, seinem Vater einen verstohlenen Blick zuwirft: «Sie ist mir gestern beim Abwaschen zu Boden gefallen. Du musst Dir eine andere nehmen.» 

Nach einer Weile sagt sein Vater zu ihm: «Wir müssen los, Ludovico» und er antwortet: «Ich komme heute später ins Geschäft. Ich muss zur Bank wegen der Anzahlung für das Haus.»

Wenig später verlassen sein Vater und seine Mutter, die nach dem Frühstück immer einkaufen geht, gemeinsam das Haus. Ludovico bleibt noch einen Moment am Küchentisch sitzen. Sonderbar, denkt er.  Er kann sich nicht daran erinnern, dass seine Mutter je Geschirr zerschlagen hätte. Dann verlässt auch er das Haus und geht zur Bank, wobei er nicht den direkten Weg wählt, sondern einen kleinen Umweg über die Via Aldo Zeppone nimmt, um nicht vor der Bank zu stehen, bevor sie um 9 Uhr ihre Pforten öffnet.

Trotz des Umwegs ist es, als Ludovico die Treppe von der Piazza zur Bank hoch geht, noch nicht neun Uhr. Alles ist genauso, wie ich es verlassen habe, denkt er, während er sein Spiegelbild in der Glastüre betrachtet. Dann geht langsam der dunkelgraue Rollladen hinter der Glastüre hoch, und während sein Spiegelbild von unten nach oben eingeholt wird, denkt Ludovico: Heute Abend gehe ich zu Antonella.  

Er sieht durch die Glastüre, wie Dottore Razotti mit einem Schlüsselbund in der Hand das Schloss der Glastüre öffnet. Der kleine, rundliche Filialleiter ist ein alter Freund seines Vaters. Seltsam, denkt Ludovico, während er in Razottis gutmütiges Gesicht schaut und dessen stets etwas feuchte Hand schüttelt, dass vom ganzen Geschirr ausgerechnet meine blaue Schale zu Bruch gehen musste. 

Prinz Eugen Strasse, Pastellkreide auf Papier

23. Mai 2026

Zeno und die Drachentöter

23. Mai 2026

Zeno war am Ende des Buches angelangt. Er blätterte die letzte Seite um. Sie war nur noch zur Hälfte beschrieben. Der untere Teil der Seite war leer. Es war eine andere Leere als die nach dem Ende eines Kapitels. Es war eine Leere, die das Ende der Geschichte ankündigte, noch bevor man die letzten Zeilen las. Das sind die letzten Sätze, sagte die Leere, es geht hier nicht weiter. Geniesse sie. Umblättern wird nicht mehr helfen. Siehst Du denn nicht, dass schon diese letzte Seite keine Seitenzahl mehr trägt? Was wäre Deiner Meinung nach die Seitenzahl einer nächsten Seite? Eins etwa, und alles finge wieder von vorne an? Möchtest Du noch einmal von vorne anfangen, Zeno?

Wie schade, dachte Zeno, als er die Leere erblickte. Es war ein gutes Buch, in dem er gerne las. Er hatte schon länger gewusst, schon seit er über die Mitte hinaus war, dass das Buch zu Ende gehen würde. Und er wusste aus Erfahrung, dass die zweite Hälfte des Buches schneller vorüber sein würde als die erste. Nicht weil er nach der Hälfte schneller las, es ging nicht bergab, seine Lesebrille war kein Fahrrad, aber je dünner der noch zu lesende Teil wurde, umso schneller, so schien es ihm, blätterte er die Seiten um, und gegen Ende war es, als schlügen sich die Seiten wie von selbst auf, als wollten sie so schnell wie möglich gelesen werden und zum dick gewordenen Teil des Buches hinüberwechseln, aus Angst, nicht dabei zu sein, wenn das Buch geschlossen  wird. Sie flüchteten aus ihrer kurzen Gegenwart in die Vergangenheit, weil sie nur dort als Teil von etwas Grösserem bleiben konnten.

Dass die letzte Seite eines Buches keine Seitenzahl mehr trug, war verständlich, dachte Zeno. Man wusste, ja, dass man auf der letzten Seite angelangt war. Wenn man den Schlusssatz eines Buches zitieren wollte (Er konnte leider nicht schwimmen) brauchte man dafür keine Seitenzahl. Man sagte einfach: Auf der letzten Seite von Fabian. Das fand jeder. Wie wenn man am Anfang einer Sackgasse steht und von einem Fremden, der annimmt, man sei hier ansässig, gefragt wird, wo jemand wohnt, den man kennt, und man antwortet, ohne zu zögern: Das letzte Haus in der Strasse. Man sagt nicht die Hausnummer, kennt sie nicht einmal. Hat sein Haus überhaupt eine Hausnummer?

Mag sein, dass später einmal, falls Platz dafür vorhanden ist, noch ein weiteres Haus am Ende der Sackgasse gebaut wird, aber dann wird es ein anderer Fremder sein, der nach einem anderen Anwohner fragt, der in einem anderen Haus wohnt, und eine andere Person, die Auskunft gibt, wenn sie kann. Ich muss den Weg dann nicht mehr beschreiben, dachte Zeno.

Ich kenne die Leute gar nicht, die dann im letzten Haus wohnen werden. Wenn mich trotzdem jemand fragen würde, weil ich zufällig vorbeispaziert und am Anfang der Sackgasse stehengeblieben bin, und weil ich, obwohl ich längst weggezogen bin, mit meinen beiden Hunden noch immer aussehe, als sei ich von hier, würde ich erklären, dass das zweitletzte Haus früher das letzte Haus war, dessen Bewohner ich gekannt hatte, während mir die junge Familie, deren Kinder jetzt im Garten spielen, nicht bekannt ist. Zu wem wollen Sie?

Im Übrigen hat das letzte Haus, als es zum zweitletzten wurde, eine Hausnummer erhalten. Dass ich das noch erlebe, hat es gedacht, als die Nummer angeschraubt wurde, und die Fensterläden geschlossen, mitten am Tag, damit man nicht sehen konnte, wie gerührt es war.

Auch Zeno hatte am Morgen die Jalousien in seiner Wohnung heruntergelassen. Gemäss Wettervorhersage würde es im Lauf des Tages bis dreissig Grad warm werden. Er war früh aufgestanden, hatte alle Fenster weit aufgerissen, die Hunde angeleint und war mit ihnen noch vor dem Frühstück auf den langen Spaziergang gegangen, den er sonst jeweils um die Mittagszeit machte, aber dann würde es bereits zu heiss sein.

Als er zurückkam, las er auf dem Balkon eine am Vortag begonnene Geschichte zu Ende. Es war eine sehr traurige Geschichte, in der Anfang des 20. Jahrhunderts in einem abgelegenen Tal unter sengender Sonne ein kleiner Drache samt seiner beiden Drachenkinder getötet wird. Die Dorfbewohner sehen der grausamen Jagdpartie stumm und reglos von den Höhen des Kraters zu, in dem sich das Drama wie in einer Arena abspielt, und können es nicht aufhalten.

Die einzige Frau in der Jagdpartie ist die schöne Gattin des Gouverneurs, deren Liebe zu ihrem verweichlichten Mann, falls sie ihn je geliebt hatte, längst erloschen ist und die ein Auge auf den jüngeren Grafen geworfen hat, der die Jagdpartie anführt. Als Zeno die so beschriebene Ausgangslage las, musste er unweigerlich an The Short Happy Life of Francis Macomber denken, die Geschichte von Hemingway, in der eine ihren Mann verachtende Frau diesen auf der Jagd vom Leiter der Safary erschiessen lässt, ausgerechnet im Moment, als dieser durch die Begegnung mit einem Löwen befähigt wird, seiner Stumpfheit zu entrinnen und glücklich zu werden.  

Würde auf der Jagd nach dem Drachen etwas Ähnliches passieren? Je länger die Geschichte dauerte, umso klarer wurde Zeno, dass nichts dergleichen geschehen würde.  Stattdessen zog sich die grausame Tötung des Drachens und seiner zwei Kinder in fast unerträgliche Länge und der einzige, angesichts der Qualen, die der Drache erleiden musste, geringe Trost, war am Ende der Geschichte ein Rauch, der aus den Flanken des sterbenden Drachens entwich, und den Grafen, der die Jagdpartie angeführt hatte, irgendwann nach dem Ende der Geschichte umbringen würde.  

Danach schloss Zeno die Balkontüre und sämtliche Fenster, liess in der ganzen Wohnung die Jalousien runter und gab seinen beiden Hunden frisches Wasser.  Hier seid ihr sicher, sagte er zu ihnen.  Hier wird euch nichts passieren.