Lac Léman, vu depuis Montreux (Pastellkreide auf Papier)

2. Juni 2026

Die blaue Schale

2. Juni 2026

Ludovico war schon fast ein halbes Jahr zu Fuss unterwegs, als er an einem sonnigen Junimorgen einem Fluss entlangging. Er hatte sein Zimmer am Vorabend zusammen mit dem Abendessen bezahlt, seinen Zimmerschlüssel auf die Theke gelegt und die Herberge am Fluss in den frühen Morgenstunden verlassen.

Mittlerweile war es neun Uhr. Die Vögel sangen, ein leichter Wind spielte mit den Mohnblumen am Wegrand und die Sonne hatte damit begonnen, das auf den Feldern auf der anderen Seite des Flusses ausgebreitete Heu zu trocknen, während sein Weg noch im Schatten der Bäume lag, die das Ufer säumten. Ludovico war zufrieden. Schon seit Längerem – waren es Wochen? Monate? – erfüllte ihn nun diese tiefe Zufriedenheit, die ihm früher fremd gewesen war.

Als er seine Heimatstadt im Norden Italiens vor einem halben Jahr verlassen hatte, war er mit allem unzufrieden, am meisten mit sich selbst, ohne dass es dafür einen ersichtlichen Grund gegeben hätte. Er arbeitete im Geschäft seines Vaters, einer kleinen Manufaktur mit vier Angestellten am Ende der Via del Pietro; er hatte eine Handvoll guter Freunde aus seiner Schulzeit, mit denen er nach der Arbeit und an den Wochenenden viel Zeit verbrachte, und er war verlobt mit Antonella, einer Frau, die nicht nur klug war, sondern auch humorvoll und schön.

Ihre Heirat war zwischen den beiden Familien für den folgenden Herbst abgemacht. Sein Vater hatte ihm im Hinblick auf das frohe Ereignis, wie er es nannte, einen Erbvorbezug gewährt, damit er sich ein Häuschen unweit von dem seiner Eltern kaufen könne, und in ein paar Jahren, wenn sein Vater sich zur Ruhe setzen würde, würde er, Ludovico Sertullo, mit seiner Antonella Kinder haben und die Manufaktur in der Via del Pietro übernehmen.

Eines Morgens im Dezember, sein Vater war bereits im Geschäft und seine Mutter war einkaufen gegangen, packte Ludovico, der unter dem Vorwand, er müsse wegen der Anzahlung für das Haus zur Bank, zurückgeblieben war,  ein paar Kleider in seinen Rucksack, zog sein bestes Paar Schuhe und eine warme Jacke an, legte den Brief, den er am Vorabend geschrieben hatte, in einem Umschlag in die Mitte des Küchentischs, beschwerte ihn mit der kleinen blauen Schale, aus der er jeden Morgen sein Frühstück ass, und verliess das Haus, in dem er aufgewachsen war, ohne einen Schlüssel mitzunehmen.

Als seine Mutter anderthalb Stunden später nachhause kam, die Einkäufe auf den Küchentisch stellte und den Brief entdeckte, hatte Ludovico, der gut zu Fuss war, bereits die Aussenbezirke der Kleinstadt erreicht. Seine Mutter öffnete den Umschlag und las den Brief. Beim Lesen entfuhr ihr ein entsetztes Dio mio!, dann liess sie alle ihre Einkäufe auf dem Küchentisch stehen, verliess das Haus und ging hastigen Schrittes in Richtung Via del Pietro.

Als sie völlig ausser Atem und mit einem gequälten Gesichtsausdruck vor ihrem Mann stand und ihm den Briefumschlag entgegenstreckte, ahnte dieser Schlimmes. Waren es schlechte Nachrichten seines Arztes, die dieser vom Labor erhalten hatte und sich nicht traute, sie ihm von Angesicht zu Angesicht mitzuteilen? War es eine Nachricht vom Pflegeheim in den Abruzzen, in der ihm das Ableben seiner betagten Mutter mitgeteilt wurde?

«Was ist passiert?» fragte er seine Frau, die sich schwer atmend hinter seinem Schreibtisch auf den bequemen Sessel mit dem Lederpolster gesetzt hatte, aus dem er sich erhoben hatte, als sie in sein Büro gestürmt war.  Aber sie konnte nicht sprechen, zeigte nur auf den Briefumschlag.

Benito Sertullo entnahm den Brief dem geöffneten Umschlag und entfaltete ihn. Es war ein einziges Blatt Papier, beschrieben mit lediglich zwei Zeilen, die nicht einmal vollgeschrieben waren. Wieviel Schlechtes liess sich in zwei Zeilen mitteilen? Er wendete das Blatt, um nachzuschauen, ob es auf der Rückseite auch beschrieben war, aber die Rückseite war leer und er kehrte zur beschriebenen Seite zurück, auf die in der Handschrift seines Sohnes, die er sofort erkannt hatte, eine Nachricht geschrieben war, die aus drei kurzen Sätzen bestand: Gehe auf eine Pilgerreise. Bin in einem Jahr zurück. Und darunter: Danke für alles. Unterzeichnet: Ludovico.

 «Ist er jetzt verrückt geworden?» sagte Benito, dem man ansah, wie die Wut in ihm aufstieg, zu seiner Frau, die zu weinen begonnen hatte und wie ein Häufchen Elend in seinem Sessel versank. «Was glaubt er denn? Er könne einfach so weggehen, dieser verwöhnte Narr?» Das Weinen seiner Frau war in ein lautes Schluchzen übergegangen. Benito gab ihr sein Taschentuch. Dann schaute er wieder auf den Brief. «Danke für alles!» rief er wutentbrannt, «Danke für alles, Gott verflucht!» und seine Faust fuhr krachend auf seinen Schreibtisch nieder.

«Fluch nicht, Benito», sagte Giulia, und bekreuzigte sich. Aber Benito fuhr, jetzt völlig ausser sich vor Wut, fort: «Wenn er glaubt, dieser undankbare Lump, wir warten auf ihn und alles ist noch so, wie er es verlassen hat, wenn es ihm gefällt, zurückzukommen, dann hat er sich getäuscht. Nichts wird…»

«Er wird nicht zurückkommen», unterbrach ihn Ludovicos Mutter, nachdem sie sich die Tränen getrocknet und die Nase geschnäuzt hatte.

«Wie… nicht zurückkommen?» fragte ihr Mann. «Er schreibt doch, er sei in einem Jahr zurück…»

«Lies doch!», entgegnete Giulia Sertullo, «Eine Pilgerreise, schreibt er. Eine Pilgerreise! Als ob unser Sohn sich je etwas aus Gott und den Heiligen gemacht hätte. Er geht ja nicht einmal zur Kirche.»

«Nicht jeder, der eine Pilgerreise macht, glaubt an Gott,» sagte Benito, der sich wieder gefasst hatte, «und Gott glaubt nicht an jeden, der eine Pilgerreise macht. Er weiss genau, dass nicht alle Pilger fromm sind. Dass einige von ihnen nur flüchten. Dass sie sich aus dem Staub machen wollen. Und gegen eine Pilgerreise kann niemand etwas einwenden.»

Aber Giulia hatte ihm gar nicht zugehört.  Wenn sie ihm zugehört hätte, hätte sie vielleicht gefragt: Warum sollte er sich aus dem Staub machen? Vor wem soll er denn fliehen, unser Ludovico? Vor uns etwa? Oder gar vor Antonella?

Stattdessen fuhr sie fort, wo sie von Benito unterbrochen worden war, indem sie sagte: «Ludovico macht keine Pilgerreise, glaub mir, Benito. Und er kommt auch nicht in einem Jahr zurück. Unser Sohn ist fortgegangen. Wir habe ihn verloren.» Und mit diesen Worten fing sie wieder zu weinen an.

Benito starrte auf den Brief in seinen grossen Händen. Als das, was Giulia gerade gesagt hatte, in seinem Bewusstsein angekommen war, zerknitterte er ihn und warf ihn in eine Ecke seines Büros. Ludovicos Mutter erhob sich, ging in die Ecke und hob den zerknüllten Brief auf. Sie faltete ihn auf, strich ihn auf dem Bürotisch ihres Mannes flach und steckte ihn in den Umschlag, den Benito fallen gelassen hatte.

«Und von Dankbarkeit keine Spur», sagte sie, während sie den Umschlag in ihre Rocktasche steckte, «Sonst wäre er geblieben. Das Einzige, was in diesem Brief nicht gelogen ist, ist seine Unterschrift.» Dann verliess sie das Büro ihres Mannes und ging nachhause.

Benito ging an diesem Tag still seiner Arbeit nach, aber weil er auch sonst nicht viel sprach, fiel keinem seiner Arbeiter auf, dass er von grosser Sorge geplagt war. Seine Gedanken schweiften immer wieder zu seinem Sohn ab, den er, wenn sich seine Frau nicht täuschte, heute früh verloren hatte. Als er am Abend nachhause kam, sah er auf dem Küchentisch den Umschlag, beschwert mit einer blauen Schale, und die Wut stieg wieder in ihm hoch.

Er schrie «Ich will diesen Brief nicht mehr sehen!» und riss den Umschlag mit einer so heftigen Bewegung unter der Schale weg, dass diese umkippte und auf ihrem Rand über den Tisch rollte, bis sie zu Boden fiel und zerbarst.

***

Ludovico spürte ein Krabbeln in seinem Nacken. Reflexartig schlug er sich mit der flachen linken Hand auf den Nacken und als er sie vor sein Gesicht hielt, sah er, dass es ein Marienkäfer war, und es tat ihm sogleich leid, dass er nicht vorsichtiger gewesen war mit seiner Hand, dass er das kleine Geschöpf nicht einfach mit leichter Geste von seinem Nacken gewischt hatte. Ludovico hoffte, dass er den kleinen Glückskäfer nicht umgebracht hatte, aber dieser regte sich nach einer letzten Zuckung eines Flügels nicht mehr. Traurig legte ihn Ludovico auf ein von einem Hund abgenagtes Stück Holz, das am Wegrand lag, und ging dann gesenkten Hauptes weiter, nur um hundert Meter weiter wie angewurzelt stehen zu bleiben.  

Er stand da und schaute einem sich langsam von ihm entfernenden Bauern nach, der auf dem Bock eines Heuwenders sass, der von zwei Pferden gezogen wurde. In gemächlichem Trott zog das Pferdegespann das Gefährt über das Feld und hinter dem aufrecht auf dem Bock sitzenden Bauern wendeten die sich drehenden Arme des Heuwenders das Heu, damit es auch auf der unteren Seite, die nun oben war, von der Sonne getrocknet werden könne. Als der Bauer sein Gefährt beim Feldweg am Ende der Wiese wendete und sich nun auf ihn zubewegte, drehte sich Ludovico um und ging in die Richtung, aus der er gekommen war.

Als er an die Stelle gelangte, an der er den toten Marienkäfer zurückgelassen hatte, bückte er sich, aber der Käfer lag nicht mehr auf dem abgenagten Stück Holz. Vielleicht ist er runtergefallen, dachte Ludovico, ein Windstoss hat ihn ins Gras getragen. Er hob das Stück Holz sorgfältig auf, um darunter nachzuschauen, aber der Käfer war verschwunden, auch im umliegenden Gras keine Spur von ihm. Konnte es sein, dass ihn ein Vogel aufgepickt hatte? Oder die Ameisen hatten seinen gewichtslosen Körper weggetragen?  Das schien ihm unwahrscheinlich in dieser kurzen Zeit. Hatte er vielleicht doch überlebt? Ein Hauch von Fröhlichkeit huschte bei diesem Gedanken über sein Gesicht.

Ludovico erhob sich, drehte sich um und ging wieder seines alten Weges. Der Bauer, der unterdessen auf seiner Höhe angelangt war, wunderte sich ob der Unentschlossenheit des Wanderers, der nicht zu wissen schien, in welche Richtung er gehen wollte. Sein Erstaunen wuchs noch mehr, als er, nachdem er sein Gefährt wieder gewendet hatte, Ludovico tatsächlich wieder auf sich zukommen sah. Der arme Mann musste völlig verwirrt sein. Ob er trotz dem Schatten, in dem er sich bewegte, einen Sonnenstich erlitten hatte? 

Ludovico wusste nicht warum, aber er kam nicht mehr vorwärts. Er hatte es zweimal versucht, aber er kam nicht über den Punkt hinaus, an dem der Bauer sein Gefährt gewendet hatte. Es ging einfach nicht. Seine Füsse versagten ihm den Dienst und ihm wurde klar, dass seine Pilgerreise zu Ende war. Ihm blieb nichts anderes übrig, als den Heimweg anzutreten.

Als er erneut an der Stelle vorbeikam, an der der Marienkäfer verschwunden war, spürte er wieder ein Krabbeln im Nacken. Er blieb stehen. Nach ein paar Sekunden hörte das Krabbeln auf und Ludovico ging weiter. Was immer es war, es war weggeflogen.

Dass sich etwas verändert hatte, merkte Ludovico daran, dass seine bedürfnislose Zufriedenheit verflogen war, seit er den Heimweg angetreten hatte, und sich sein Kopf wieder mit Gedanken zu füllen begann, einige nur kurz und flüchtig, andere wie eine Abfolge von Bildern, die sich aus seiner Vergangenheit über die Landschaft legten, die er vor sich sah. In einem noch nicht abgemähten Kornfeld sah er ein Kind, dass einen Federball in die Luft warf und ihn mit seinem Schläger ins Korn schlug. Dann ging es ihn suchen und sobald es ihn fand, warf es ihn wieder in die Luft und schlug ihn in die Richtung, aus der er zuvor geflogen kam. Etwas später sah er seinen Onkel am gegenüberliegen Ufer sitzen, mit einem Picknickkorb neben sich und einer Fischerrute in der Hand. Winkte er ihm?

Als die Schatten der gegenüberliegenden Hügel schon fast bis zur Mitte des schmalen Tals reichten und ihren Mantel schon bald über den Fluss legen würden, erreichte Ludovico die Herberge, von der er am frühen Morgen zu seiner heutigen Etappe aufgebrochen war.  Es kam ihm vor, als sei er weit mehr als nur einen Tag unterwegs gewesen.  

Der Gastwirt, ein grobschlächtiger Mann, stand hinter der Theke und wischte sich seine Hände an seiner fleckigen Schürze ab.  

«Guten Abend wohl», sagte Ludovico. «Hier bin ich wieder. Ich brauche noch einmal ein Zimmer für die Nacht, wenn möglich das gleiche.» Der Wirt schaute ihn missmutig an. Er schien ihn nicht zu erkennen. «Alle Zimmer sind gleich», sagte er, und legte ihm einen Schlüssel auf die Theke.  

«Wenn das Zimmer über dem Ziegenstall, in dem ich letzte Nacht schlief, noch frei ist, wäre mir das angenehm», versuchte es Ludovico noch einmal. Das Zimmer, das er meinte, war eine fensterlose Kammer, aber Ludovicos Geld ging zur Neige, und die Kammer war günstig. Doch der Wirt sagte nur: «Die Treppe hoch, zweite Tür links.»  

«Gibt es noch Abendbrot?» fragte Ludovico, und der Wirt machte mit dem Kopf eine Bewegung hin zu den zwei langen Holztischen. Ludovico setzte sich an den zweiten, weiter von der Theke entfernten Tisch. Es dauerte eine ganze Weile, bis die Frau des Wirts aus der Küche kam und ihn fragte, was er wolle.

«Ist noch etwas vom köstlichen Schmorbraten da, den ich gestern genossen habe?» fragte Ludovico.

«Schmorbraten?» fragte die Wirtin, und kratzte sich hinter dem Ohr. «Schmorbraten mache ich nur im Winter. Es gibt Kartoffeln und Würste.»

«Dann nehme ich Kartoffeln und Würste» sagte Ludovico. «Und zum Trinken?»

«Ein Viertel Roten und einen Krug Wasser, bitte.» sagte Ludovico, der sich Mühe gab, für beide höflich zu sein.

Die Wirtin ging zur Theke und sprach kurz mit ihrem Mann, dann verschwand sie in der Küche.

Wenig später brachte der Wirt ein Viertel Rotwein, ein dreckiges Glas und eine Karaffe mit Wasser. Während er auf das Essen wartete und vom Roten trank (das Wasser schmeckte, als stamme es direkt aus dem Fluss), wunderte sich Ludovico, warum die Wirtin den Schmorbraten abstritt, und er dachte darüber nach, wie er hierhergekommen war, und ob es sein konnte, dass er zum zweiten Mal in einer Herberge übernachten würde, in der man vorgab, sich nicht an das erste Mal zu erinnern.

Es dauerte lange, bis sein Essen vor ihm auf dem Tisch stand, und bis es so weit war, gingen ihm Stationen einer langen Reise durch den Kopf, deren Beginn sich im Nebel seiner Erinnerungen verloren hatte. Er wusste noch, wo er herkam, aber nicht mehr, warum er aufgebrochen war.  Und es war ihm unmöglich, zu sagen, ob er bei seinem Aufbruch ein Ziel gehabt hatte.    

In den ersten Wochen seiner Reise hatte er auf den langen Fussmärschen viel nachgedacht. Oft war Antonella der Mittelpunkt seiner Gedanken gewesen, und jedes Mal, wenn er an sie dachte, schien sie schöner zu sein als beim letzten Mal. Manchmal hatte er auch an ihre zukünftigen Kinder gedacht, wie sie im Garten herumrannten oder im Haus, für das sein Vater mit dem Besitzer, der in Rom lebte, für ihn einen guten Preis ausgehandelt hatte. Die Kinder waren laut und immer in Bewegung und Ludovico hätte nicht sagen können, ob es drei oder vier waren. Hätte er Antonella sagen müssen, dass er vor ihrer Hochzeit noch auf eine Reise geht? Würde sie ihm verzeihen, wenn er zu ihr zurückkehrte?

Mit fortschreitender Dauer seiner Reise hatte er immer seltener und schliesslich gar nicht mehr an Antonella gedacht, als hätte ihre Schönheit ihren Zenit erreicht und müsste nun, in einem Medaillon in seinem Herzen weggeschlossen, vor Blicken geschützt und bewahrt werden. Die Kinder waren mit jeder Woche, in der er sich weiter von zuhause entfernt hatte, ruhiger und leiser geworden. Sie hatten sich vom Garten ins Haus zurückgezogen, und im April waren sie zuerst aus dem Haus und dann aus seinen Gedanken verschwunden.

Auch sein zukünftiges Haus hatte Ludovico nicht mehr gesehen, seit die Tage wieder länger geworden waren. Er hatte keinerlei Vorstellung mehr von seiner Zukunft, und da irgendwann auch keine Erinnerungen mehr auftauchten, hatte er einen Zustand erreicht, in dem er überhaupt nichts mehr dachte. Er war nur noch durch die Natur gewandert und hatte die Landschaft in der Ferne betrachtet, die keinerlei Bedrohung für ihn enthielt, sowie die Bäume, Büsche und Blumen und die vereinzelten Tiere in seiner Nähe, und er hatte beobachtet, wie der Wind die Wolken am Himmel über ihn hinweg trieb, und war dabei zufrieden geworden.

Dann brachte die Wirtin einen Teller mit zwei kleinen Würsten und weichgekochten Kartoffeln und stellte ihn wortlos vor ihm auf den Tisch 

***

Auf seiner langen Reise zurück wurde es Sommer, dann Herbst und schliesslich Winter, und als Ludovico endlich die Ortstafel seiner Heimatstadt am Strassenrand sah, war es bitterkalt. Schon seit zwei Wochen hatte er kein Geld mehr und alles, was ihm noch zum Essen blieb, war ein trockener Laib Brot, von dem er sich jeden Tag ein Stück abbrach und mit Brunnenwasser aufgeweicht ass.  

Als er morgens um vier Uhr erschöpft, frierend und halb verhungert vor seinem Haus stand, kam ihm in den Sinn, dass er es vor langer Zeit ohne Schlüssel verlassen hatte. Aber er erinnerte sich auch, dass unter dem Blumentopf rechts neben der Haustüre ein Schlüssel hinterlegt war, damit der Milchmann die Milchflaschen in den Flur stellen konnte. Leise öffnete er die Tür und schlich durch den Flur, in dem nachts – seine Mutter wollte es so – immer ein Licht brannte, stets darauf achtend, nirgends anzustossen. Im schalen Lichtkegel, der vom Flur in die Küche drang, sah er auf dem Küchentisch einen Umschlag. Er nahm ihn mit in sein Zimmer, legte sich ins Bett und schlief sofort ein.  

***

Als Ludovico erwacht und in die Küche kommt, sitzen seine Mutter und sein Vater beim Frühstück. Er will seine blaue Frühstücksschale aus dem Küchenschrank nehmen, aber er kann sie nirgends sehen.  

«Wo ist meine blaue Schale?» fragt er seine Mutter, und sie antwortet, wobei sie, wie ihm scheint, seinem Vater einen verstohlenen Blick zuwirft: «Sie ist mir gestern beim Abwaschen zu Boden gefallen. Du musst Dir eine andere nehmen.» 

Nach einer Weile sagt sein Vater zu ihm: «Wir müssen los, Ludovico» und er antwortet: «Ich komme heute später ins Geschäft. Ich muss zur Bank wegen der Anzahlung für das Haus.»

Wenig später verlassen sein Vater und seine Mutter, die nach dem Frühstück immer einkaufen geht, gemeinsam das Haus. Ludovico bleibt noch einen Moment am Küchentisch sitzen. Sonderbar, denkt er.  Er kann sich nicht daran erinnern, dass seine Mutter je Geschirr zerschlagen hätte. Dann verlässt auch er das Haus und geht zur Bank, wobei er nicht den direkten Weg wählt, sondern einen kleinen Umweg über die Via Aldo Zeppone nimmt, um nicht vor der Bank zu stehen, bevor sie um 9 Uhr ihre Pforten öffnet.

Trotz des Umwegs ist es, als Ludovico die Treppe von der Piazza zur Bank hoch geht, noch nicht neun Uhr. Alles ist genauso, wie ich es verlassen habe, denkt er, während er sein Spiegelbild in der Glastüre betrachtet. Dann geht langsam der dunkelgraue Rollladen hinter der Glastüre hoch, und während sein Spiegelbild von unten nach oben eingeholt wird, denkt Ludovico: Heute Abend gehe ich zu Antonella.  

Er sieht durch die Glastüre, wie Dottore Razotti mit einem Schlüsselbund in der Hand das Schloss der Glastüre öffnet. Der kleine, rundliche Filialleiter ist ein alter Freund seines Vaters. Seltsam, denkt Ludovico, während er in Razottis gutmütiges Gesicht schaut und dessen stets etwas feuchte Hand schüttelt, dass vom ganzen Geschirr ausgerechnet meine blaue Schale zu Bruch gehen musste. 

Prinz Eugen Strasse, Pastellkreide auf Papier

23. Mai 2026

Zeno und die Drachentöter

23. Mai 2026

Zeno war am Ende des Buches angelangt. Er blätterte die letzte Seite um. Sie war nur noch zur Hälfte beschrieben. Der untere Teil der Seite war leer. Es war eine andere Leere als die nach dem Ende eines Kapitels. Es war eine Leere, die das Ende der Geschichte ankündigte, noch bevor man die letzten Zeilen las. Das sind die letzten Sätze, sagte die Leere, es geht hier nicht weiter. Geniesse sie. Umblättern wird nicht mehr helfen. Siehst Du denn nicht, dass schon diese letzte Seite keine Seitenzahl mehr trägt? Was wäre Deiner Meinung nach die Seitenzahl einer nächsten Seite? Eins etwa, und alles finge wieder von vorne an? Möchtest Du noch einmal von vorne anfangen, Zeno?

Wie schade, dachte Zeno, als er die Leere erblickte. Es war ein gutes Buch, in dem er gerne las. Er hatte schon länger gewusst, schon seit er über die Mitte hinaus war, dass das Buch zu Ende gehen würde. Und er wusste aus Erfahrung, dass die zweite Hälfte des Buches schneller vorüber sein würde als die erste. Nicht weil er nach der Hälfte schneller las, es ging nicht bergab, seine Lesebrille war kein Fahrrad, aber je dünner der noch zu lesende Teil wurde, umso schneller, so schien es ihm, blätterte er die Seiten um, und gegen Ende war es, als schlügen sich die Seiten wie von selbst auf, als wollten sie so schnell wie möglich gelesen werden und zum dick gewordenen Teil des Buches hinüberwechseln, aus Angst, nicht dabei zu sein, wenn das Buch geschlossen  wird. Sie flüchteten aus ihrer kurzen Gegenwart in die Vergangenheit, weil sie nur dort als Teil von etwas Grösserem bleiben konnten.

Dass die letzte Seite eines Buches keine Seitenzahl mehr trug, war verständlich, dachte Zeno. Man wusste, ja, dass man auf der letzten Seite angelangt war. Wenn man den Schlusssatz eines Buches zitieren wollte (Er konnte leider nicht schwimmen) brauchte man dafür keine Seitenzahl. Man sagte einfach: Auf der letzten Seite von Fabian. Das fand jeder. Wie wenn man am Anfang einer Sackgasse steht und von einem Fremden, der annimmt, man sei hier ansässig, gefragt wird, wo jemand wohnt, den man kennt, und man antwortet, ohne zu zögern: Das letzte Haus in der Strasse. Man sagt nicht die Hausnummer, kennt sie nicht einmal. Hat sein Haus überhaupt eine Hausnummer?

Mag sein, dass später einmal, falls Platz dafür vorhanden ist, noch ein weiteres Haus am Ende der Sackgasse gebaut wird, aber dann wird es ein anderer Fremder sein, der nach einem anderen Anwohner fragt, der in einem anderen Haus wohnt, und eine andere Person, die Auskunft gibt, wenn sie kann. Ich muss den Weg dann nicht mehr beschreiben, dachte Zeno.

Ich kenne die Leute gar nicht, die dann im letzten Haus wohnen werden. Wenn mich trotzdem jemand fragen würde, weil ich zufällig vorbeispaziert und am Anfang der Sackgasse stehengeblieben bin, und weil ich, obwohl ich längst weggezogen bin, mit meinen beiden Hunden noch immer aussehe, als sei ich von hier, würde ich erklären, dass das zweitletzte Haus früher das letzte Haus war, dessen Bewohner ich gekannt hatte, während mir die junge Familie, deren Kinder jetzt im Garten spielen, nicht bekannt ist. Zu wem wollen Sie?

Im Übrigen hat das letzte Haus, als es zum zweitletzten wurde, eine Hausnummer erhalten. Dass ich das noch erlebe, hat es gedacht, als die Nummer angeschraubt wurde, und die Fensterläden geschlossen, mitten am Tag, damit man nicht sehen konnte, wie gerührt es war.

Auch Zeno hatte am Morgen die Jalousien in seiner Wohnung heruntergelassen. Gemäss Wettervorhersage würde es im Lauf des Tages bis dreissig Grad warm werden. Er war früh aufgestanden, hatte alle Fenster weit aufgerissen, die Hunde angeleint und war mit ihnen noch vor dem Frühstück auf den langen Spaziergang gegangen, den er sonst jeweils um die Mittagszeit machte, aber dann würde es bereits zu heiss sein.

Als er zurückkam, las er auf dem Balkon eine am Vortag begonnene Geschichte zu Ende. Es war eine sehr traurige Geschichte, in der Anfang des 20. Jahrhunderts in einem abgelegenen Tal unter sengender Sonne ein kleiner Drache samt seiner beiden Drachenkinder getötet wird. Die Dorfbewohner sehen der grausamen Jagdpartie stumm und reglos von den Höhen des Kraters zu, in dem sich das Drama wie in einer Arena abspielt, und können es nicht aufhalten.

Die einzige Frau in der Jagdpartie ist die schöne Gattin des Gouverneurs, deren Liebe zu ihrem verweichlichten Mann, falls sie ihn je geliebt hatte, längst erloschen ist und die ein Auge auf den jüngeren Grafen geworfen hat, der die Jagdpartie anführt. Als Zeno die so beschriebene Ausgangslage las, musste er unweigerlich an The Short Happy Life of Francis Macomber denken, die Geschichte von Hemingway, in der eine ihren Mann verachtende Frau diesen auf der Jagd vom Leiter der Safary erschiessen lässt, ausgerechnet im Moment, als dieser durch die Begegnung mit einem Löwen befähigt wird, seiner Stumpfheit zu entrinnen und glücklich zu werden.  

Würde auf der Jagd nach dem Drachen etwas Ähnliches passieren? Je länger die Geschichte dauerte, umso klarer wurde Zeno, dass nichts dergleichen geschehen würde.  Stattdessen zog sich die grausame Tötung des Drachens und seiner zwei Kinder in fast unerträgliche Länge und der einzige, angesichts der Qualen, die der Drache erleiden musste, geringe Trost, war am Ende der Geschichte ein Rauch, der aus den Flanken des sterbenden Drachens entwich, und den Grafen, der die Jagdpartie angeführt hatte, irgendwann nach dem Ende der Geschichte umbringen würde.  

Danach schloss Zeno die Balkontüre und sämtliche Fenster, liess in der ganzen Wohnung die Jalousien runter und gab seinen beiden Hunden frisches Wasser.  Hier seid ihr sicher, sagte er zu ihnen.  Hier wird euch nichts passieren.   

Jerusalem, Pastellkreide auf Papier (in the making)

20. Mai 2026

Grubenmanns letzter Patient

19. Mai 2026

«Was ist Dein grösstes Problem?», fragte Dr. Grubenmann.

«Mein grösstes Problem?», fragte Hübner. Die Frage überraschte ihn. War das eine Frage, die ein Therapeut seinem neuen Patienten stellen durfte? Unterstellte er ihm mit dieser Frage nicht bereits, dass er gar keine richtigen Probleme habe?  

«Weiss ich nicht, da muss ich nachdenken.»

«Ganz spontan…», sagte Grubenmann.

Hübner war versucht zu sagen: Da muss ich ganz spontan nachdenken, aber Grubenmann hatte schon früher keinen Humor gehabt, also liess er es sein.

Eigentlich hätte er sagen müssen: Die Texterkennungssoftware, die ich neulich gekauft habe, funktioniert nicht richtig. Und der Bot, mit dem man es bei der Help-Funktion zu tun bekommt, will nach jeder Frage die E-Mail-Adresse und das Kaufdatum noch einmal wissen. 

Das war zwar nicht sein grösstes Problem, wenn es ein solches überhaupt gab, aber das, was ihn momentan am meisten ärgerte. Aber konnte man so etwas einem Psychiater sagen? Es gab Menschen, die hatten Probleme mit dem Betriebssystem. Er musste etwas anderes finden, was sein grösstes Problem sein könnte.

«Nun…?», fragte Dr. Grubenmann, «…fällt Dir nichts ein?»

Warum sitzen die Therapeuten immer mit dem Rücken zum Fenster, damit man ihr Gesicht nicht richtig sehen kann? dachte Hübner. Schon Carell in Washington D.C., der aus Genf stammte und an beiden Orten eine Praxis hatte, hatte das so gehalten. Wurde ihnen das in der Schweiz in der Ausbildung beigebracht? Damit die Patienten nicht sehen können, wie sie während dem Zuhören die Augen verdrehen? Hörten sie überhaupt zu? Oder sassen sie mit geschlossenen Augen im Lichtschatten, dachten an den Ausflug, den sie für das Wochenende geplant hatten, und nahmen den Ball dann erst beim letzten Wort des Patienten wieder auf?

«Meine Texterkennungssoftware funktioniert nicht», sagte Hübner.

«Und warum ist das so ein grosses Problem?», fragte Dr. Grubenmann, kurzfristig zurück von seinem Segelturn auf dem Zürichsee.

«Weil sie nicht funktioniert. Und die Help-Funktion ist auch Schrott.» antwortete Hübner.  

«Was würdest Du denn für Texte damit erkennen wollen, wenn sie funktionieren würde?»

«Texte, die ich mit Schreibmaschine getippt hatte.»

«Alte Texte?»

Er ist wirklich ein schlauer Kerl, dachte Hübner.

«Zum Teil alt, ja. Zum Teil neueren Datums. Bis die Computer aufkamen.»

Ihm kam in den Sinn, wie er 1991 seinen eigenen PC in sein Büro in Teheran mitgenommen hatte, als die Bundesverwaltung noch mit elektrischen Schreibmaschinen funktionierte und nur die Sekretärinnen diese Schreibautomaten mit dem grünen, kleinen Display hatten.

«Reicht es Dir nicht, diese Texte zu lesen? Müssen sie dafür zuerst eingelesen werden?», fragte Dr. Grubenmann.

Worauf wollte er mit seiner Frage hinaus? Vermutete er, dass es sich um Texte über schwierige Dinge handeln könnte, die ihm, Hübner, Mühe machten, und die er deshalb lieber einscannte und ablegte, anstatt sie zu lesen? Wozu würde er dann eine Texterkennungssoftware brauchen? Damit er sie bearbeiten und leichter machen konnte, damit sie weniger bedrohlich waren, bevor er sie ablegte?

Vielleicht war es doch keine so gute Idee gewesen, zu einem Psychiater in die Therapie zu gehen, mit dem man in die Schule gegangen war, dachte Hübner. Es bestand die Gefahr, dass er alles (was auch immer) auf Ereignisse in der Zeit zurückführte, die man zusammen erlebt hatte. Oder darauf, wie er den Menschen, der ihm nun als 70-jähriger gegenübersass, drei Zentimeter kleiner als damals, als 16-jährigen Schüler in Erinnerung hatte. Wie hatte er ihn in Erinnerung? Grubenmann konnte ihn kaum in guter Erinnerung behalten haben.

Er hätte wohl ebenso wenig gedacht, dass aus Hübner einmal ein Diplomat werden würde, wie Hübner es für möglich gehalten hätte, damals, dass Grubenmann Psychiater wird. Aber Hübner war Diplomat geworden, und Grubenmann Psychiater. Er hatte nicht nur das Medizinstudium abgeschlossen – anders als drei ihrer Klassenkameraden, die nach der Mittelschule das Medizinstudium begonnen und bald einmal abgebrochen hatten (nur Carla Baronchelli hatte es wie Theodor Grubenmann abgeschlossen und später ihren Mathematiklehrer operiert) – er war Psychiater geworden, um sich dem komplexesten aller Studienobjekte zuzuwenden: der menschlichen Seele.

Dabei war Hübner damals sicher, dass Grubenmann das Medizinstudium nicht schaffen würde. Wie sollte jemand, der in der Biologie grösste Mühe damit hatte, Hühnerembryos zu töten (sie hatten eine Weile lang jede Woche unter Anleitung eines sadistischen Biologielehrers befruchtete Eier geöffnet, um das Wachstum der Embryos zu messen), eine menschliche Leiche sezieren? Er war sich sicher, dass Grubenmann schon beim Gedanken daran in Ohnmacht fallen würde. Offenbar hatte er sich in ihm getäuscht. Aber hatte sich Grubenmann auch in ihm getäuscht?

Er hatte selbst auch grösste Mühe damit gehabt, die Embryos aus dem Ei zu nehmen, zu strecken und zu messen und dann zu entsorgen, aber das wäre kein Grund gewesen, in ihm keinen zukünftigen Diplomaten zu sehen. Im Diplomatenlehrgang werden keine Leichen seziert. Man lernt, wie man Tote als nicht mehr sehr lebhafte Personen umschreibt.

Grubenmann hatte ihn damals bestimmt für einen lauten, dumme Witze machenden Fussballer gehalten, dem jegliches Feingefühl abgeht, was er wahrscheinlich auch war, und nun musste er feststellen, dass aus ihm ein Botschafter in sechs Ländern geworden war. Ein Botschafter allerdings, aber das wusste Grubenmann nicht, der so oft er konnte Fussballspiele schaute und bei offiziellen Essen unsäglich dumme Witze erzählte, und alle mussten zuhören und auch noch lachen, weil er der Gastgeber war.

«Ich will die Texte bearbeiten können», sagte Hübner, als Grubenmanns Segel gerade um das Zürichhorn verschwinden wollte.

«Worum geht es in diesen Texten?» fragte Grubenmann.

«Um Verschiedenes» antwortete Hübner.

«Auch um den frühen Tod Deiner Eltern?»

Was wusste Grubenmann vom Tod seiner Eltern? Hatte er an einer der Klassenzusammenkünfte, an denen Hübner wegen seiner Auslandaufenthalte nicht hatte teilnehmen können, davon erfahren? Er hatte noch mit zwei ehemaligen Mitschülern Kontakt. Aber warum hätten sie Grubenmann davon erzählen sollen?

«Auch, ja», sagte Hübner.

«Und das möchtest Du nun umschreiben?»

Er hatte das gesagt, nicht diese Texte.

Carell hatte Orgel gespielt. Wenn Hübner jeweils nach der Therapie auf den Lift gewartet hatte, hatte er aus Carells Wohnung Orgelmusik gehört. Als müsste Carell sich alles, was ihm Hübner gerade erzählt hatte, von der Seele spielen. Spielte Grubenmann auch ein Instrument? Am Ehesten Geige, dachte Hübner. Geige würde zu Grubenmann passen. Geige oder gar nichts.

Carell hatte Hübner zum Abschied eine CD mit seiner Orgelmusik geschenkt. Die Therapie war nicht abgeschlossen, die wöchentlichen Sitzungen liefen aus, weil Hübners Einsatz in Washington an sein Ende gelangt war. Carrels CD hatte Hübner danach in sechs Länder begleitet, ohne dass er je hineingehört hätte. Auch die Aussage von Carell, er, Hübner, müsse vielleicht (oder hatte er wahrscheinlich gesagt?) irgendwann etwas tun, was für ihn und seine Familie sehr schwer sein werde, begleitete Hübner auf seinem weiteren Lebensweg, aber im Gegensatz zu Carells Orgelmusik hörte er sie immer wieder.

«Nicht umschreiben, neu formatieren», sagte Hübner, und war sicher, dass der Psychiater Grubenmann mit dieser Aussage etwas anfangen konnte.

«Hallo Theodor, da ist Werner», hatte Hübner gesagt, als er, nachdem er zuvor dreimal an seiner Vorzimmerdame abgeprallt war (Herr Grubenmann ist gerade in einer Sitzung), endlich direkt mit Dr. Grubenmann verbunden worden war.

«Werner…?»

«Werner Hübner…»

Einen Moment lang war es still am anderen Ende. Dann sagte Grubenmann:

«Ahh…. aus dem Gymnasium, nicht wahr? Stadelhofen…»

«Zuerst Rämibüel, dann Stadelhofen», sagte Hübner.

Sie waren als erst zweiter Klassenzug des Kurzzeitgymnasiums an der Kantonsschule Rämibüel nach zwei Jahren aufgelöst worden, weil von den verbliebenen sieben Schülern vier im Provisorium waren. Drei retteten sich, nachdem bekannt geworden war, dass sie mangels einer Parallelklasse am Rämibüel an die Kantonsschule Stadelhofen transferiert würden, um dort – als erste Knaben an einer bis dahin reinen Mädchenschule – in eine Mädchenklasse integriert zu werden.  

«Das waren noch Zeiten», hatte Grubenmann gesagt. 

Die erste Sitzung fand zwei Wochen nach dem Telefonat statt. Es war Ende Juli und Grubenmann war, obwohl er, wie Hübner von dessen Vorzimmerdame bei der Vereinbarung des Termins erfahren hatte, direkt aus den Sommerferien kam, bleich wie ein Leintuch. Hübner glaubte sich zu erinnern, dass er schon in der Mittelschule stets bleich gewesen war, während der andere Theodor, der kleiner war als Grubenmann, stets rote Backen hatte.

Sie sprachen praktisch die ganze erste Sitzung von der gemeinsamen Schulzeit, und als Hübner auf dem Heimweg war, fand er, das sei doch mal ein schöner Beruf. Eine Stunde mit einem Patienten über die gemeinsame Schulzeit sprechen und dafür bezahlt werden.  

«Weisst Du, was aus Gasteiger geworden ist?» hatte Grubenmann gefragt, als sie schon unter der Tür standen.

Und Hübner, seit Inspektor Colombo immer auf der Hut vor Fragen, die unter der Tür gestellt werden, hatte geantwortet: «Keine Ahnung».

Seltsam, dachte er, als er draussen auf der Strasse war und über den Sechseläutenplatz zum Seebecken blickte, dass Grubenmann nach Gasteiger fragte. Theodor Gasteiger war in der Schulzeit der ständige Gefährte von Grubenmann. Theodor & Theodor waren praktisch unzertrennlich.

Natürlich konnten sie sich aus den Augen verloren haben, oder sie hatten sich kurz nach der Mittelschulzeit zerstritten und wollten einander nicht mehr sehen. Hübner hätte sich gerne einen Moment auf Grubenmanns Lehnstuhl vor dem Fenster gesetzt und Grubenmann hätte für ihn auf dem Sofa platzgenommen und ins Gegenlicht geblinzelt.

Soll ich die Jalousien runterlassen? Hätte Hübner ihn gefragt, und dann, wann es zum Streit unter Theodoren gekommen war. Und warum er jetzt von ihm, ausgerechnet von ihm, der mit Gasteiger schon während der Schulzeit kaum Kontakt gepflegt hatte, wissen wollte, was aus Gasteiger geworden war. Was war der Sinn dieser Frage? Und was war sein grösstes Problem (spontan)?

Hätte Grubenmann ihn gefragt, was aus Wild oder Barcola geworden sei, hätte er das verstanden und die Frage nicht hinterfragt. Sogar nach Ramon Zoss hätte er ihn fragen können, ohne seinen Argwohn zu wecken. Ramon Zoss war auf der Klassenliste, als sie zusammen im Rämibüel das Kurzzeitgymnasium begannen, aber Ramon Zoss war nie aufgetaucht. Die ersten zwei Wochen (jedenfalls schien es ihm, als habe es zwei Wochen gedauert), fragten alle Lehrer am Anfang der Stunde, wo Ramon Zoss sei, bis die Schulleitung ihn von der Liste strich. Ob die Schulleitung wusste, was aus Ramon Zoss geworden war?

Die Frage nach Roman Zoss wäre eine gute Frage gewesen. Eine Frage, die sich Hübner auch ab und zu gestellt hatte, noch lange nach der Mittelschulzeit: Was war aus Ramon Zoss geworden? Seine entschiedene Abwesenheit, von der er sich auch von der Nachfrage der Lehrer nicht abbringen liess, machte ihn interessanter, als er wahrscheinlich gewesen wäre, wenn er zum Schulantritt erschienen wäre. Einmal wollte Hübner sogar einen Roman über ihn schreiben. Er entwarf ein Umschlagbild dafür, und dieser Umschlag ist das Einzige, was von dem Vorhaben blieb. Roman Zoss und darunter, in etwas kleineren Lettern: Roman

Gasteiger war nicht halb so interessant wie Roman Zoss. Hübner hatte, nachdem er ein Jahr nach seiner Pension in die Schweiz zurückgekehrt war, die Namen seiner Klassenkameraden gegoogelt und war dabei auf das LinkedIn Profil von Theodor Gasteiger gestossen. Es war ein sehr reichhaltiges Profil mit viel Information über Gasteiger. Weshalb hatte Grubenmann ihn also gefragt, wenn sich Gasteiger doch so einfach finden liess und sein Leben so offenherzig vor allen ausbreitete, die es sehen wollten? 

«Wenn man etwas umformatiert», sagte Grubenmann, vom Horn eines Raddampfers aus seinem Segel Tripp aufgescheucht, «bleibt der Inhalt derselbe, nicht wahr?»

«Ja», sagte Hübner, der den langgezogenen, tiefen Ton auch gehört hatte, «aber es sieht dann anders aus. Ein wenig besser.»

Die Stunde war zu Ende. Hübner verabschiedete sich von Grubenmann und fragte sich, während er in Richtung des Sternengrills spazierte, wie diese Therapie enden würde. Sein Wegzug kam als Grund nicht mehr in Frage.  Am wahrscheinlichsten war, dass Grubenmann altersbedingt seine Praxis schloss und jedem Patienten zum Abschied ein kleines Segelboot schenkte.

Brandenburg, Pastellkreide auf Papier

15. Mai 2026

He, Robot

15. Mai 2026

Er wohnte im selben Haus und war mindestens einen Kopf grösser als ich – nichts Besonderes, seit ich (so sagte meine Hausärztin) drei Centimeter geschrumpft war. Er war Ende Zwanzig, Anfang Dreissig, eine sehr gepflegte Erscheinung, stets modisch gekleidet, mit farblich fein abgestimmten Accessoires und einer Designerbrille. Das Besondere an ihm aber war seine Stimme.

Es war eine dieser tragenden Bass-Stimmen, die man schon von weitem hört und nicht überhören kann, wenn man noch wollte. Ich glaube, nein, ich bin mir sicher, ich bin ihm kein einziges Mal begegnet, ohne dass er sprach. Er sprach im Gehen, mit dem Mikrofon seines Telefons im Ohr, er sprach im Fahrstuhl, er sprach im Treppenhaus, ich hatte nicht den Schatten eines Zweifels, dass er auch im Bus oder im Zug sprach, nur hatte ich das bisher noch nicht miterlebt.

Wenn er im Fahrstuhl sprach, hörte man seine Stimme so klar, dass man meinte, er sei im Treppenhaus, und wenn er im Treppenhaus sprach, war man sicher, er ist auf demselben Stockwerk, kommt gleich um die Ecke, war und kam aber nicht. Auffallend war, dass er unablässig, ganz ohne Unterbruch sprach, ohne Luft zu holen. Sagte die Person am anderen Ende der Verbindung nie etwas? War es seine Mutter, der er auf dem Heimweg seinen Tag erzählte, bevor er in seine stille Wohnung ging?   

Wie es sich zutrug, ging ich einige Male am Abend, als ich mit den Hunden auf dem Heimweg von unserem Spaziergang war, hinter ihm her, als er dem Kiesweg unserer Siedlung entlang in Richtung unseres Hauses folgte. Er sprach jedes Mal und ohne Ausnahme über Kinder und deren Erziehung. Laut und deutlich. Nicht zu überhören.

„Das allerletzte, was ich möchte, wenn ich Kinder hätte, wäre …“

Und ein anderes Mal: „Wenn sie das als Kind schon machen, kann man …“

War er Kinderpsychologe? War er nicht etwas jung dafür? Studierte er vielleicht Kinderpsychologie? Oder war er Kindergärtner? Primarlehrer für untere Klassen vielleicht? Arbeitete er in einer Kita? Bei der KESP?

Als ich wieder einmal auf dem Heimweg hinter ihm her ging und er laut über Kinder dozierte, dachte ich: das habe ich doch schon einmal gehört. Er spricht also nicht nur so, dass alle es hören müssen, er wiederholt sich auch noch dabei. Er sagt dasselbe laut und deutlich vernehmbar für seine Mutter und alle, die es nicht hören wollen, vor allem nicht zweimal. Will seine Mutter es zweimal hören? Merkt sie gar nicht, dass sie es zum zweiten Mal hört, weil sie gerade eine Feierabendserie schaut? Ein Rerun aus den 60er-Jahren, als sie ein kleines Mädchen war? Sprung aus den Wolken?  

Der Sommer ging langsam zu Ende und die Tage waren bereits merklich kürzer geworden. An einem trockenen Dienstag (ich weiss, dass es ein Dienstag war, weil ich am Dienstag immer Tennis spiele und an jenem Dienstagmorgen hatte ich mir dabei den Fuss vertreten) hinkte ich am Ende eines kurzen Spaziergangs mit den Hunden hinter ihm her in Richtung unseres Hauseingangs, und jetzt war ich sicher: Er erzählte exakt das Gleiche, das er schon einmal erzählt hatte. Satz für Satz, Wort für Wort.

Das kann ja nicht sein, sagte ich zu den Hunden, die mich fragend anblicken. Und weil ich es nicht glauben wollte, dass jemand zweimal exakt dasselbe erzählt, installierte ich eine dieser leistungsfähigen Recorder-Apps auf meinem Mobiltelefon und nahm von da an jedes Mal, wenn er vor mir herging und über das Verhalten von Kindern und deren Erziehung sprach (er sprach nur über das Verhalten von Kindern und deren Erziehung), machte ich eine Aufnahme davon. Dank seiner lauten und tragenden Stimme war das auch möglich, wenn er einige Meter vor mir ging. Mein Fuss hatte sich von meinem Fehltritt erholt und ich konnte ihm mühelos folgen.

Ich wusste mittlerweile, mit welchem Zug er am Abend ankam und wann er beim Gemeindehaus um die Ecke kommen und dozierend in unseren Kiesweg einbiegen würde, und ich richtete meinen Spaziergang so aus, dass ich jeden Tag genau um diese Zeit beim Gemeindehaus eintraf. Bis Ende Oktober hatte ich fast 50 Vorlesungen aufgenommen und an einem regnerischen Sonntag begann ich damit, sie auszuwerten.

Ich transkribierte die einzelnen Vorlesungen und analysierte sie dann. Das Ergebnis war absolut verblüffend. Es stellte sich heraus, dass er ein Set von zehn Vorlesungen hatte, die er an fixen Tagen pro Woche hielt. Eine am Montag, eine am Dienstag, und so weiter bis Freitag (keine Vorlesungen am Wochenende), und nach zwei Wochen begann er am Montag wieder von vorne und hielt genau denselben Vortrag wie vor vierzehn Tagen. Satz für Satz, Wort für Wort.  

Auch wenn dahinter eine Absicht lag (wieso sollte jemand so etwas absichtlich tun?), war es schwer vorstellbar, dass er zehn Vorträge auswendig konnte und sie ohne eine einzige Abweichung, ohne das geringste Stocken, ohne Versprecher, ohne ein einziges äähh… rezitierte. Es schien mir geradezu unmenschlich.

Da ich ausschliessen konnte, dass es sich bei meinem Nachbarn um einen Ausserirdischen handelte, weil sich bei einem Ausserirdischen das Auge im Nacken geöffnet hätte, wenn er sich verfolgt fühlt, weil ich dauernd hinter ihm hergehe, blieb nur eine Erklärung: er musste ein Roboter sein. Aber wie konnte ich meine Vermutung bestätigen?           

Eines Tages kam mir der Zufall zu Hilfe. Allerdings, ob es wirklich eine Hilfe war, oder ob mir der Zufall wieder einmal etwas eingebrockt hatte, sei dahingestellt. Mein Nachbar ging einmal mehr am Feierabend auf dem Kiesweg vor mir her und als er sagte: „Diese Kinder wissen doch ganz genau, wenn sie etwas wollen, müssen sie nur…“ und dabei ruckartig die rechte Hand hob, fiel ein Gegenstand aus seiner offenen Freitag Tasche, die über seiner rechten Schulter hing.

Als ich ihn erreicht hatte, hob ich den Gegenstand auf. Es war ein türkises Brillenetui. Ich wischte es an meiner Jacke ab und wollte dem davonschreitenden Nachbarn („…und genau deshalb darf man nicht jedes Mal sofort…“) nachrufen, aber ich tat es zu meinem eigenen Erstaunen nicht. Stattdessen steckte ich das Brillenetui in meine Jackentasche und ging weiter.

Als ich zu unserem Haus einbog, sah ich, dass er noch bei den Briefkästen stand und seine Post sichtete. Ich wollte nicht draussen warten, wie hätte das ausgesehen, also öffnete ich die Aussentür und sagte „Guten Abend“ (er sagte auch guten Abend), dann öffnete ich mit dem Schlüssel die Innentüre und er folgte mir, offenbar fertig mit der Durchsicht seiner Post, zum Fahrstuhl.

Ich nahm die Hunde an die kurze Leine und mit der freien Hand zog ich den Reissverschluss meiner Jackentasche hoch. Was hätte ich gesagt, wenn er sein Brillenetui entdeckt hätte? Er drängte sich in die Ecke beim Spiegel und sagte mit Blick auf die Hunde: „Die sind aber wirklich lieb.“

„Das sind sie“ sagte ich, mit der freien Hand auf meiner Jackentasche, und es kam mir in den Sinn, dass er uns beim letzten Mal, als wir uns vor dem Fahrstuhl trafen, mit den Worten „Ich bin allergisch“ den Vortritt liess und nicht einstieg. „Das sind Pudel, die haaren nicht. Auch Allergiker können…“, hatte ich geantwortet, aber die Lifttür hatte sich rasch geschlossen und ich weiss nicht, wie viel davon er noch gehört hat. Jedenfalls traute er sich nun mit uns in den Fahrstuhl. Vielleicht war er inzwischen auch die Allergie losgeworden. Es gab ja diese Therapien mit Spritzen, aber meines Wissens dauerte das ein Jahr.

Wie dem auch sei. Der Fahrstuhl hielt im vierten Stock, zuerst stieg ich mit den Hunden aus, dann stieg er aus, die Lifttür schoss sich hinter ihm, wir wünschten uns praktisch gleichzeitig einen schönen Abend, dann ging er die Treppe hoch zum 5. Stockwerk und ich schloss unsere Tür auf. 

Nachdem ich die Hunde abgeleint und meine Jacke aufgehängt hatte, nahm ich sein Brillenetui aus der Jackentasche. Ich öffnete es. Es war leer. Natürlich war es leer. Die Brille war auf seiner Nase. Ich schloss es wieder und legte es auf die Kommode bei der Wohnungstüre. Das passte, denn die Türen der Kommode (von einem Schreiner in Ulus, der Altstadt Ankaras, in der Nacht vor unserer Abreise aus alten Fensterläden hergestellt) waren ebenfalls türkis.  

Warum hatte ich ihm das Etui nicht sofort zurückgegeben, als ich es aufgehoben hatte? Hatte ich etwas vor damit? Wusste mein Hirn mehr als ich?

Erst am nächsten Tag wusste ich, warum ich das Etui eingesteckt hatte, anstatt es ihm gleich nachzutragen. Das Etui war mein Schlüssel zu seiner Wohnung. Wenn ich ihm das Etui zurückbrachte, würde ich dabei einen Blick in seine Wohnung erhaschen, und ich stellte mir vor, warum auch immer, dass man an der Wohnung eines Roboters erkennt, dass es die Wohnung eines Roboters ist.

Nachdem ich ihn am Abend mit zehn Schritten Abstand vom Gemeindehaus bis zum Hauseigang begleitet hatte (ein stummes Geleit für einen lauten Gehenden), wo ich bei den Briefkästen stehen blieb und ihm – er hielt mir die die Lifttür auf – durch die Glasscheibe ein Zeichen gemacht hatte, es würde dauern, er müsse nicht auf mich warten, ging ich hinauf in meine Wohnung und wartete eine halbe Stunde, um ihm Zeit zu geben, abzulegen und anzukommen. Dann sagte ich zu den Hunden, ich bin gleich wieder da, schloss die Tür hinter mir ab und ging die Treppe hoch.    

Ich hatte mir vorgenommen, auf keinen Fall seine Wohnung zu betreten. Ich hatte Angst davor, mit einem Roboter alleine zu sein.

Ich klingelte. Nach einer gefühlten Ewigkeit, die wahrscheinlich nicht länger als 20 Sekunden dauerte, öffnete er die Tür.

„Hallo,“ sagte ich, und streckte ihm sein Brillenetui entgegen. „Sie haben es gestern vor dem Haus verloren.“

Er nahm es entgegen und als er den Blick senkte, tat ich dasselbe. War das ein Kabel, das von seiner Ferse ausging?

„Tatsächlich, das ist meines.“ sagte er, „Vielen Dank“ Und dann kam es: „Darf ich Ihnen einen Tee anbieten?“

„Auf keinen Fall,“ schoss es viel zu schnell aus mir heraus. „Ich habe einen Hund auf dem Herd und muss noch mit den Pfannen raus, bevor es dunkel wird.“

„Na dann,“ sagte er lächelnd, „Danke nochmal und schönen Abend.“

„Ihnen auch“ sagte ich, und ging die Treppe runter. Ich schloss die Tür auf, wurde von den Hunden stürmisch begrüsst, wie es sich nach drei Minuten Abwesenheit gehört, verschloss die Tür hinter mir und drückte die Falle zur Kontrolle zweimal runter.   

Hätte man sich dümmer aufführen können, als ich das gerade getan hatte? Was würde er von mir denken, wenn er kein Roboter war? Und – schlimmer noch – was, wenn er einer war? Warum hatte er nicht gefragt, wieso ich wusste, dass es sein Brillenetui war? Was taten Roboter, wenn sie merkten, dass man sie entdeckt hatte?

Ich musste mich beim Kabel versehen haben. Da lag ein Kabel am Boden, aber es stammte bestimmt von einem Staubsauger, den er gerade ausgesteckt hatte. Ganz sicher kam es nicht aus seiner Ferse. Hätte er mich auf einen Tee hereingebeten, wenn er gerade dabei war, sich aufzuladen?  

Ich beschloss, mich geirrt zu haben. Ich machte noch den nächtlichen Rundgang mit den Hunden auf dem knirschenden Kies und ging dann früh zu Bett. Ich schlief lange nicht ein, während meine Gedanken kreisten. Würde die Verwaltung eine Wohnung an einen Roboter vermieten? Benutzten Roboter Staubsauger mit Kabel, weil sie keine anderen Roboter um sich duldeten? Als ich gegen drei Uhr morgens endlich doch noch einschlafen konnte, wurde es ein unruhiger, von wirren Träumen durchsetzter Schlaf.     

Beim Frühstück am nächsten Morgen suchte mich ein noch verrückterer Gedanke heim. Was, wenn alle Menschen in unserem Haus, in unserer Siedlung, Roboter waren? Nicht nur der Vortragsreisende in Sachen Kindererziehung, auch die Familie mit der Katze (ein Roboter?) im Parterre, das freundliche deutsche Paar, deren (echte) Blumen ich goss, wenn sie in den Ferien waren, der Hauswart, der Serbe mit dem roten Bentley sowie sämtliche Seniorinnen und Senioren im Haus gegenüber und ihr Pflegepersonal? War ich der einzige Mensch in der Siedlung? Der einzige Mensch in Regensdorf?

Nach einem Moment der Panik, der schnell vorüberging, musste ich über mich selber lachen. Roboter, die sich im Pflegeheim um Roboter kümmern. Das war nichts anderes als die nächste Stufe nach den Robotern, denen man die Pflege der Alten und Kranken anvertrauen wollte. Roboter waren die perfekte Lösung aller drängenden Probleme. Wenn Roboter die Arbeit übernahmen, konnte die Zuwanderung getrost gedeckelt werden. Auch für die Entlastung des Gesundheitswesens (Roboter hatten keine Wahl, es gab nur das Hausmechaniker-Modell) war gesorgt, und die Finanzierung der AHV für die nächsten Rentnergenerationen war mit Robotern gesichert. Man konnte ihnen widerspruchslos mehr Lohnprozente abziehen und wenn sie einst in Pension gingen, bezogen sie selber keine AHV. Sie lagen dann den ganzen Tag im Jura auf sich automatisch zur Sonne drehenden Liegestühlen und erzählten einander Geschichten, die sie nachtsüber erfunden hatten.   

Kapelle im Stift Göttweig – Pastellkreide auf Papier

26. April 2026

Gottfried liest in einem Buch

26. April 2026

(es darf nur nicht regnen)

Es ist acht Uhr morgens. Mitte April. Die Sonne ist an der Rückseite des Hauses gegenüber hochgeklettert und hat sich an ihren frühen Strahlen über den Giebel gezogen. Am Morgen ist die Sonne übermütig wie ein Kind. Sie klettert überall hoch. Du kommst jetzt sofort da runter!, ruft ihre Mutter, aber die Sonne denkt nicht daran. Nicht am Morgen. Sie kommt erst am Abend wieder runter. Auf der anderen Seite, wenn sich die Mutter beruhigt hat.  

Die Sonne scheint auf den Balkon, auf dem Gottfried im vierten Stock auf einem weissen Klappstuhl sitzt, auf den er sich ein Sofakissen gelegt hat, weil es so weicher ist. Und wärmer. Morgens um acht ist es im April noch kühl, an manchen Tagen sogar richtig kalt. Auf dem Balkontisch steht eine halbvolle Tasse Kaffee, und daneben noch eine zweite Tasse, die fast leer ist. Gottfrieds Frau sitzt neben ihm auf dem Balkon. Gottfried hat ihr auch ein Kissen auf den Stuhl gelegt. Sie hat eine zweite Jacke um ihre Schultern gelegt. Sie hat ihre Lesebrille auf und liest in einem Buch.

Auch Gottfried liest in einem Buch. Die erste Geschichte war nicht so gut. Auch die Art, wie sie geschrieben war, mochte er nicht. Ab der zweiten Geschichte war Gottfried begeistert. Die Sprache passte genau zu den Geschichten. Diese Geschichten konnten gar nicht in einem anderen Stil erzählt werden. Gottfried war froh, dass er das Buch nach der ersten Geschichte nicht weggelegt hatte. Er dachte daran, wie er früher jeweils in einer Buchhandlung die erste Seite eines Buches gelesen hatte (Gedichtbücher hatte er irgendwo aufgeschlagen), und wenn ihm nicht gefiel, was er las, legte er das Buch auf den Tisch oder stellte es zurück ins Regal und kaufte es nicht. Dieses Buch hätte er damals verpasst.

Heute kaufte Gottfried Bücher nicht mehr zufällig. Er kaufte entweder neue Werke von Autoren, die er schon gelesen hatte, oder von solchen, auf die er aufgrund von Empfehlungen von Freunden oder wegen einer Buchbesprechung in der Zeitung aufmerksam geworden war. Es kam ab und zu trotzdem vor, dass er ein Buch überhaupt nicht mochte. Sogar eines von einem Autor oder einer Autorin, von denen er schon Bücher gelesen und gemocht hatte.

Neulich hatte er ein in der Zeitung äusserst wohlwollend besprochenes Buch eines Schweizer Schriftstellers, von dem er schon zwei Bücher gelesen hatte, kurz nach der Hälfte in die Mülltonne geworfen, enttäuscht über die Art, wie es geschrieben war (schlechter als die Buchbesprechung) und verärgert über den Inhalt der zuletzt gelesenen Geschichten. So ein Buch konnte man weder verschenken noch in sein Büchergestell stellen, wo der Platz beschränkt und unter Büchern begehrt war. Es verdiente nicht einmal, zum Altpapier gelegt zu werden. Es gehörte in den Müll, und den Name des Autors wollte er für künftige Bücherkäufe vergessen.

Gottfried fragte sich, ob sich in einem solchen Fall der Autor verändert hatte, ob er anders und Anderes schrieb,  oder ob er, Gottfried, sich verändert hatte und anders oder lieber Anderes las. Um sich der Antwort auf diese Frage anzunähern, hätte er die alten Bücher des Autors noch einmal lesen müssen, aber dazu fehlte ihm jede Lust, auch wenn dadurch vielleicht zwei Plätze in seinem Büchergestell frei geworden wären. Lieber las er in diesem wunderbaren Buch weiter, dessen Geschichten ihn (ab der zweiten) fesselten und inspirierten.  

Der Autor war zwanzig Jahre jünger als Gottfried. Gottfried wünschte ihm ein langes Leben und sich, dass er noch viele solche Bücher schreibe. Wenn Sie so weiterschreiben, lieber Herr S., hätte Gottfied ihm geschrieben, wenn er seine Adresse gekannt hätte (an den Verlag schreiben mochte er nicht), kann ich mit dem Schreiben aufhören und nur noch lesen.  

Er wünschte sich, dieses wunderbare Buch (auch der Titel und der Umschlag gefielen ihm) würde noch lange nicht zu Ende gehen. Aber er hatte schon weit über die Hälfte davon gelesen und wusste, dass er schon bald am Ende des Buchs angelangt sein würde. Jedes Mal, wenn er eine Seite umblätterte und eine neue aufschlug, wurde es ihm bewusst. Er hoffte, die zweite Hälfte würde länger halten als die erste, aber er wusste auch, dass der Heimweg immer kürzer ist als der Hinweg. Es sind vielleicht noch drei oder vier Geschichten, dachte er. Maximal. Er mochte nicht nachschauen.

Jeden Morgen vor dem Frühstück liest Gottfried eine Geschichte. In drei oder vier Tagen wird er das Buch ganz gelesen haben. Es war, wie so vieles, was sie gemeinsam taten, eine Erfindung seiner Frau Chana: Jeden Morgen um acht auf dem Balkon sitzen mit einer Tasse Kaffee, noch vor dem Frühstück, auch wenn es noch kalt ist. Nur regnen darf es nicht. Er fand das im März keine gute Idee. Es war wirklich noch kalt am Morgen auf dem Balkon. Er blieb lieber noch etwas länger im warmen Bett, während Chana dick eingehüllt mit ihrem Kaffee auf dem Balkon sass und las. Im April setzte er sich dann eines Morgens neben sie und seither fangen alle ihre Tage gemeinsam an, mit einer Tasse Kaffee und einem Buch auf dem Balkon, ihre Hunde neben ihnen auf einem Hundekissen, dass er ihnen auf den kalten Boden legt.

Chana liebt Balkone. Sie kann den ganzen Tag auf dem Balkon zubringen. Wenn sie sich in letzter Zeit manchmal nach einer neuen Wohnung umsahen, suchten sie einen Balkon mit Wohnung. Der Balkon ist für Chana das Wichtigste. Wo sie herkommt, verbringen die Menschen auch im Winter viel Zeit auf den Terrassen und Balkonen, weil es nie so kalt wird, dass man lieber drinnen bleibt. Vielleicht auch deshalb, weil die Heizungen nicht viel taugen und es drinnen kaum wärmer ist als draussen.

Als Gottfried umblättert und feststellt, dass er auf der letzten Seite der heutigen Geschichte angelangt ist, sieht er im Augenwinkel links neben dem Buch, wie ein Insekt über die Betonplatten des Bodens rennt. Er schaut ihm nach, aber es verschwindet in einer Ritze zwischen den Platten. Eine Zecke? Rennen Zecken? Zecken sind Spinnen. Spinnen können ziemlich schnell rennen. Muss er die Hunde in Sicherheit bringen?

Gottfried liest die Geschichte zu Ende. Mo hat unten vor dem Haus gerade den Motor des Panzers angelassen, den es gar nicht gibt. Wieder huscht etwas über den Boden, aber diesmal ist es keine Spinne, sondern einer dieser schwarzen Punkte, die manchmal durch Gottfrieds Augen wandern. Keine Angst, es war keine Zecke, sagt er zu den Hunden. Es ist nur ein schwarzer Punkt.

Gottfried trägt seine leere Tasse in die Wohnung, stellt sie auf den Esstisch und schaut durch die offene Balkontüre die lesende Chana mit den Hunden zu ihren Füssen an. Ich muss das einmal zeichnen, denkt er, und: Gott ist gnädig mit mir.