Von blinden Pferden und fast geheilten Hunden

18. März 2017

(woran ich denke, wenn ich etwas sehe, und was ich sehe, wenn ich an etwas denke)

Es ist ein uns allen bekanntes Phänomen: wir sehen etwas lange Zeit nicht, dann plötzlich überall. Dazwischen hat sich etwas ereignet, was unseren Blick darauf gelenkt hat, denn vorhanden war es schon, nur haben wir es nicht wahrgenommen.

Was uns den Blick darauf freigemacht hat, kann ein Ereignis sein. Nachdem es eingetroffen ist, sehen wir das, was vorher schon da war, sich uns aber nicht gezeigt hat. Vielleicht hat es sich uns vorher schon zeigen wollen, hat uns sogar zugewinkt, aber wir waren das sprichwörtliche blinde Pferd, an dem ein Nicken vergeudet ist.

Ich weiss: Das braucht jetzt ein paar Beispiele, und mindestens eines sofort, sonst verlieren wir uns in der Erkenntnistheorie. Kant, Hegel, Würmelinger, Runzelbacher. Wer googelt, hat sich in meine Abschweifungen verlaufen, kommt nie mehr zurück.

Hier also gleich mein Suzuki-Beispiel: Vor dem Dezember 1986 hatte ich in der Schweiz praktisch nie einen Suzuki-Jeep wahrgenommen. Gab es überhaupt welche in der Schweiz vor jenem 9. Dezember 1986? Mein Bruder fuhr offenbar einen, aber der war so gut wie unsichtbar. Wahrscheinlich stand er mehrheitlich in seiner Garage.

Dann starb unsere Mutter und ich habe in den zwei Wochen danach verschiedene Dinge mit dem Suzuki-Jeep meines Bruders erledigt. Ich fuhr zu Ämtern, zum Gerichtsmedizinischen Institut, zur Kantonspolizei. Ich machte Einkäufe für die trauernde Sippe. Manchmal bin ich glaub ich auch einfach ziellos durch die Stadt gefahren, weil ich nirgendwo sein wollte.

Nach diesem Ereignis sah ich die Suzuki-Jeeps überall, jahrelang. Und jeder von ihnen versetzte mich unweigerlich zurück in die Tage, als meine Mutter starb.

Es muss ein strategischer Entscheid des Suzuki-Importeurs gewesen sein, der eines Morgens beim Kaffee entschieden hatte, den Schweizer Markt mit Suzuki-Jeeps zu überschwemmen. Jetzt ist der Moment, sagte er unvermittelt zu seiner Frau. Die Schweiz ist reif für den Suzuki-Jeep! Wenn Du meinst, Erwin. Einen blauen vielleicht?

Noch etwas Anderes war neben dem plötzlichen Auftauchen von Suzuki-Jeeps in jenen Wochen zu beobachten. Natürlich wiederum nur für die, die es sahen, beziehungsweise hörten. In den Schweizer Hitparaden kletterte „Your latest trick“ von den Dire Straits die Ranglisten hoch, oder hätte es jedenfalls tun müssen, denn ich hörte dieses Lied auf einem Tonband im Tapedeck des Suzuki-Jeeps immer und immer wieder.

All I can do is hand it to you – and your latest trick. Saxophonklänge und die wunderbar traurige Stimme von Mark Knopfler. Ich spulte das Band so oft an den Anfang des Lieds zurück, dass ich mich heute wundere, warum das Tapedeck das Band nicht reinzog und frass.

Später habe ich ein Saxophon gemietet. Der freundliche Mann im Musikgeschäft fragte mich, ob ich schon spielen kann oder ob ich einen Lehrer brauche. Denn ein Saxophon sei keine Blockflöte, auf der man einfach spielen könne. Aber ich wollte keine Hilfe. Ich wollte spielen. Nur dieses eine Lied. All I can do. Hand it to you.

Es schien mir die einzige Möglichkeit, mit dem Verschwinden meiner Mutter irgendwie zurecht zu kommen. Ich habe dann glaube ich insgesamt drei Töne aus dem Ding rausgebracht, nicht nacheinander, bevor ich es nach ein paar Wochen wieder zurückbrachte. “Sie sollten es unbedingt stimmen, bevor Sie es weitervermieten”. Ich hätte das gerne gesagt, aber ich brachte auch aus mir keinen Ton mehr raus.

Das Saxophon sei im Vergleich zu anderen Instrumenten noch gar nicht so wahnsinnig alt, sagt mir gerade Wikipedia. Sie sitzt meistens neben mir, wenn ich schreibe. Der belgische Instrumentenbauer Adolphe Sax habe es um 1840 erfunden. Berühmt gemacht hätten es dreissig Jahre nach seinem Tod Jazzmusiker in den USA. „Phon“ sei übrigens ein aus dem Griechischen stammender Wortbestandteil, plappert sie gleich weiter, der so viel wie „Klang“ oder „Ton“ bedeute. Danke. Es ist jetzt gut, Wiki.

Wiki selber wurde erst im Januar 2001 erfunden, als meine Mutter schon 15 Jahre tot war. Sie konnte von den kostenlosen lexikalischen Einträgen (Lemmata) nicht mehr profitieren. Sie hätte sie womöglich für Lemminge gehalten und in einem Quiz nach dem Erfinder des Saxophons gefragt, hätte sie ohne ihr Lexikon raten müssen und vielleicht auf Herbert Lohdemann getippt. Ein Lohdemannophon hätte ich mir dann allerdings nie ausgeliehen. Wer hätte so etwas spielen wollen.

30 Jahre später sind die Suzuki-Jeeps fast ganz wieder von den Schweizer Strassen verschwunden. Einzelne zirkulieren zwar noch, aber sie wirken kraftlos, sogar die ganz neuen Modelle, denn sie haben nicht nur den Treibstoffverbrauch gegenüber den 80er-Jahren erheblich reduziert, sie erinnern mich auch nicht mehr jedes Mal und unmittelbar an diese schweren Tage, als meine Mutter starb und ich durch ein Zürich fuhr, das sie nie mehr sehen würde.

Your latest trick hingegen hat heute noch die Kraft, mich unmittelbar in den Dezember 1986 zu katapultieren. Ich habe das Lied gerade dreimal abgespielt. Noch zweimal, vermute ich, und ich mache mich auf ins Niederdorf und miete noch einmal ein Saxophon.

Hier endet endlich mein Beispiel. Es ist lang geraten und Sie haben längst begriffen, was ich gemeint hatte mit dem uns allen bekannten Phänomen. Etwas ist unsichtbar, bis eines Tages ein persönlicher Bezug dazu hergestellt wird. Ich benutze bewusst die passive Form. Solche Dinge machen wir selten selber. Sie passieren uns, auch wenn sie nie ganz vorbeigehen. Irgendwann verschwinden zwar die Jeeps wieder, wahrscheinlich weil der Schmerz nachgelassen hat und die Zeit bekanntlich alle Hunde heilt, aber das Lied klingt nach.

Es passt natürlich auch andersrum, wie die Österreicher sagen würden. Nicht nur traurig in die Vergangenheit, auch freudig in die Zukunft. Auch ein bevorstehendes Ereignis kann den Blick auf etwas lenken, was schon da ist, was wir aber kaum oder gar nicht wahrgenommen haben.

Ich werde zum Beispiel im kommenden Sommer nach Wien versetzt, und seit der Transfer feststeht, sind die Zeitungen plötzlich voll von Meldungen über Wien und Österreich, während hinter dem Arlberg vorher ausser ein paar Skipisten rein gar nichts war.

Phänomenal, nicht wahr?

All I can do, is hand it to you…

18. März 2017

Saxophonspieler mit Suzuki-Jeeps (18.03.2017)

Erdmännchen im EDA

15. März 2017

Ich benutze diesen Blog eigentlich nie, um mich mit meinem realen Leben zu befassen. Mit meinem realen Leben befasse ich mich in meinem realen Leben. Aber heute komme ich nicht umhin, etwas aus meinem realen Leben hier zu deponieren, auch wenn und vielleicht weil es nicht wirklich wirklich klingt, sondern eher wie eine wilde, ziemlich absurde Phantasie.

Vor ein paar Wochen habe ich auf Lync, der bundes-internen Version von „Skype for Business“, bei meinem Absender ein Bild publiziert. Sie sehen es, wenn Sei ein wenig hinunter scrollen. Gestern habe ich nun von der Zentrale folgende E-Mail erhalten, mit dem Subjekt: „Foto im Intranet / Skype for Business (Lync)“:

Sehr geehrter Herr Gschwend

Sie haben kürzlich im Intranet / Skype for Business ein Bild publiziert. Leider entspricht das Bild nicht den Vorgaben. Diese lauten folgendermassen:

– Portraitfoto
– Dimensionen: mindestens 300×300 Pixel, Dateigrösse maximal 5MB, Hochformat oder      quadratisch
– Das Bild zeigt Sie ohne weitere Personen oder Objekte

Wir bitten Sie also, bis spätestens am 14.04.2017 ein neues Bild zu hinterlegen. Andernfalls werden wir das aktuelle Bild vom Intranet entfernen.

Mit freundlichen Grüssen

Silvia Kindermann
(Name geändert)

 
Wenig später folgte eine weitere E-Mail:

 
Sehr geehrter Herr Haffner

Bitte entschuldigen Sie das Versehen (ein „Copy – Paste“ Fehler). Das Mail ist natürlich an Sie gerichtet und nicht an Herrn Gschwend.

Mit freundlichen Grüssen
Evelyne Kindermann
(Name schon wieder geändert)

Und das ist die Antwort, die ich heute verfasst und gesendet habe:

Sehr geehrte Frau Kindermann

Ich bin, ich sage Ihnen das ganz offen, sehr erleichtert, dass Sie doch noch festgestellt haben, dass ich nicht Herr Gschwend bin.
Es hätte mir wirklich Mühe gemacht, mich mit diesem Gedanken anzufreunden.
Das ist jetzt überhaupt nicht gegen Herr Gschwend gerichtet, aber es hätte mich doch sehr erstaunt und es ist einfach viel einfacher und angenehmer, sich selber zu bleiben.
Wenn ich nur schon an all die Ausweise und Dokumente denke, die ich hätte ändern müssen. Womöglich samt Passfoto.

Und damit sind wir beim von Ihnen beanstandeten Bild, das ich auf Skype aufgeschaltet habe.
Wenn Sie das Bild in der Bildersuche von Google eingeben, erfahren Sie innerhalb von 0,67 Sekunden durch 25’270’000’000 Ergebnisse, dass es sich bei der Abbildung um ein Erdmännchen handelt.

Es mag sein, dass die Dimensionen des Bilds nicht exakt den geforderten 300×300 Pixeln entsprechen. Erdmännchen haben nur eine sehr oberflächliche Vorstellung von Pixeln, und sind dazu sehr selten an der Oberfläche, weil sie sich oft in ihrer Höhle aufhalten. Die anderen von Ihnen genannten Anforderungen sind jedoch erfüllt. Das Bild zeigt ganz klar nur mich (ohne weitere Personen oder Objekte) und es handelt sich eindeutig um ein Portraitfoto, denn, sehr geehrte Frau Kindermann , ich kann und möchte es auch nicht ändern: Ich bin ein Erdmännchen.
Und ich habe das, so möchte ich gleich anfügen, dem EDA  auch nie verheimlicht.

Ich bin vor 30 Jahren als Erdmännchen zum Concours angetreten und ich werde in ein paar Jahren als Erdmännchen pensioniert werden.
Ich habe, um meinen Beruf ausüben zu können, lediglich meine Ernährung ein wenig umstellen müssen, da Insekten, Skorpione, Schnecken, Nager und Reptilien bei diplomatischen Einladungen eher selten serviert werden. Dafür kommen auch Falken, Schakale und Schlangen (meine natürlichen Feinde) in den Kreisen, in denen ich mich beruflich bewege, eher selten vor. Oder höchstens im übertragenen Sinn.

Das Diplomatenleben eignet sich vor allem im letzten Karrieredrittel ausgezeichnet für Erdmännchen, denn wir leben in Höhlen, ziehen es aber vor, von anderen Tieren gegrabene Höhlen zu beziehen und diese lediglich unseren Bedürfnissen anzupassen. Das tue ich nun schon in der vierten Residenz. Dabei habe ich auch den natürlichen Lebensraum meiner Gattung, das südliche Afrika, verlassen und habe in Europa, Asien und Nordamerika gelebt.

Aber ich will Sie nicht weiter langweilen mit den Besonderheiten des Lebens eines Erdmännchens im diplomatischen Dienst. Möglicherweise ist Herr Gschwend ja ein Elch, und wenn wir Ihnen alle lang und breit erklären, wie wir als Tiere im EDA Jahrzehnte leben und überlebt haben, haben Sie am Ende keine Zeit mehr für die Informatik. Auch ich muss mich jetzt wieder meiner Arbeit zuwenden, denn Erdmännchen sind tagaktiv und wir sind in der Türkei zwei Stunden voraus, das heisst, der Abend ist nach dem Mittag nicht mehr sehr weit und ich werde mich schon bald wieder in meine Höhle zurückziehen.

Liebe Frau Kindermann , ich muss leider zum Schluss kommen.
Zuerst dachte ich, Sie würden sich wegen den dunklen Ringen unter meinen Augen Sorgen machen um meine Gesundheit oder daraus schliessen, ich arbeite zu viel und schlafe zu wenig, und ich war bereits ein bisschen gerührt, dass Sie mir empfehlen würden, im Herbst meiner Karriere aus Gesundheitsgründen weniger zu arbeiten. Ich hätte Sie beruhigen können. Wir Erdmännchen haben die Ringe auch wenn wir ausgeschlafen sind. Sie dienen dazu, zu verhindern, dass die Sonne uns beim Blick in die Ferne, wo wir nach Feinden Ausschau halten, blendet.
Aber dann schaute ich auf den Absender Ihrer E-Mail und sah, dass Sie nicht beim EDA-Personaldienst, sondern bei der EDA-Informatik angesiedelt sind.

Sie bitten mich nun, mein Bild zu entfernen und bis spätestens am 14.04.2017 ein neues Bild zu hinterlegen, und sie drohen mir an, andernfalls das aktuelle Bild vom Intranet zu entfernen.
Ich stehe nicht im Ruf, mich Anweisungen der Zentrale zu widersetzen. Ich muss Ihnen aber mitteilen, dass ich das Bild nicht durch ein neues ersetzen werde. Erdmännchen werden auf freier Wildbahn maximal 15 Jahre alt, im Zoo höchstens 12. Es gibt keine statistischen Erhebungen über das Lebensalter von Erdmännchen im diplomatischen Dienst. Ich könnte Ihnen nicht einmal sagen, wie viele wir sind. Tatsache ist, dass ich das für Erdmännchen übliche Alter schon lange überschritten habe. Ich nehme jeden weiteren Tag als Gunst und Gnade, und so werde ich es auch mit den Tagen halten, die meinem Bild noch verbleiben, bis Sie es vom Intranet nehmen, denn ich zweifle nicht daran, dass Sie ihre Drohung wahrmachen werden.

Schauen Sie mir also am 14. April noch einmal tief in die schwarz umringten Augen (meinem Lync-Bild meine ich natürlich) und dann löschen Sie es, wenn Sie es noch und nicht anders können.
Ich kann Ihnen versichern, dass ich Sie deshalb nicht als Feind betrachten werde. Aber ich werde am Abend des 14. April traurig sein, wenn ich in meine Höhle zurückkehre.

Freundliche Grüsse aus Ankara,

Walter Haffner

Erdmännchen

15. März 2017

Lync picture HAW

Junge, ich sage Dir

24. Februar 2017

(an den lange toten Vater)

 

Junge, ich sage Dir:
(und ich sage Dir Junge, denn ich bin älter als Du)
momentan sind es die Dreissiger-Jahrgänge,
von denen in den Todesanzeigen
Abschied genommen wird.
Nicht selten auch die Zwanziger.

Wir trauern um unseren
Urgrossvater, Grossvater, Vater, Freund,
und Jasspartner.

Aber Mutter und Du,
ihr musstet ja ums Verrecken
vor 60 sterben.

Ich habe euch längst vergeben.
Doch es ist trotzdem Scheisse.

Emily heisst übrigens
Euer erstes Urgrosskind.
Ich bin jetzt der Grossvater.

Grüss mir die Mutter, Junge.
(24.02.2017)

Emily

24. Februar 2017

emily

Reisendes Licht

21. Februar 2017

Ich kann es nicht, und falls Sie meinen, Sie können, dürfen Sie nicht. Es mir erklären. Denn Sie irren sich. Es mag ja plausibel klingen, was sie mir erklären würden, und sie kennen sich ganz sicher mit Spiegelungen und optischen Täuschungen extrem gut aus. Die Sache ist nur: das ist ein Engel, der in Berlin erschienen ist.

Ich sage nicht mir, denn ich weiss nicht mehr, ob ich das Bild gemacht habe. Gut möglich, dass es meine älteste Tochter war. Sie hat das ganze Haus fotografiert, als klar war, dass ich bald ausziehen würde. Meine Kinder haben dieses Haus geliebt. Sie sind mich jedes zweite Wochenende besuchen kommen. Eingeflogen aus der Schweiz. Und ich höre natürlich, wie Sie jetzt sagen, da haben wir’s: ein Mädchen hat mit Blitzlicht aus dem Fenster fotografiert. Von wegen Engel.

Nur war meine Tochter zum Zeitpunkt, als diese Aufnahme entstand, kein Mädchen in einem weissen Kleid, sondern eine 20-jährige junge Frau, und sie hat die Kamera normalerweise mit ihren Händen gehalten, nicht zwischen den Zähnen eingeklemmt.
Also lassen sie mich bitte in Ruhe mit ihren Gesetzen der Optik. Unterdrücken Sie ihren Spiegelreflex. Nehmen Sie einfach zur Kenntnis, dass im Herbst 2007 in Berlin-Charlottenburg ein Engel erschienen ist und sich von mir oder meiner ältesten Tochter fotografieren liess.

Ich möchte aber auch nicht, dass mein Engel (und noch viel weniger der Engel meiner Tochter) von jemandem vereinnahmt wird. Dies für den Fall, dass sich entgegen allen Gesetzen der Wahrscheinlichkeit unter dem halben Dutzend meiner Stammleserschaft jemand befinden sollte, der dauernd Engel sieht.

Oder falls jemand von ausserhalb auf diesen Eintrag gestossen ist, der sich sonst nie auf diesem Blog aufhält (der Engel übrigens auch nicht), der sich beruflich (ich bin sicher, es gibt Lehrstühle für Englistik) oder hobbymässig schon Jahrzehnte lang mit Engeln befasst und regelmässig «Engel in…» googelt, um seine Sammlung zu erweitern, so bitte ich inständig darum, wenn ich das darf, ohne rüde zu wirken: Raus hier!

Ich möchte weder anlehnende noch ablehnende, weder belächelnde noch beschwörende Reaktionen auf meinen Engel, und ich spreche da auch für meine Tochter. Ein Engel ist etwas unheimlich Zartes, viel fragiler noch als ein Mensch, obwohl wir ja auch nicht viel aushalten. Man sollte sich nicht an einen Engel anlehnen.

Man sollte Engel auch nicht kommentieren. Ich überlege gerade kurz, ob ich für diesen Beitrag die Option «Hinterlassen Sie einen Kommentar» deaktivieren soll. Aber dann ist es ja nicht so, dass mein Blog regelmässig von Kommentaren überflutet wird. Günter Eich würde dichten: „In St. Gallen / weiss ich einen, der mich kommentiert, / und in New York. / Das sind schon zwei.“ – und es würde ihm Zuversicht geben.

Mein Engel braucht weder Erklärung, Ablehnung noch Bestätigung. Er braucht nicht einmal Aufmerksamkeit. Er ist völlig bedürfnislos. Er ist ein Engel.
Und wenn ich das schreibe, fällt mir sofort wieder auf, wie wenig Sinn das männliche Geschlecht bei einem Engel macht. Ich weiss schon: der Erzengel. Gabriel und Konsorten. Aber schauen Sie sich dieses Bild an, auch wenn sie nicht daran glauben: ist das nicht eine wunderbare Engelin?

Sie kam im Herbst, denn man kann auf der Terrasse vor meinem Schlafzimmerfenster im ersten Stock die welken Blätter sehen. Es war Abend, und sie harrte auf der Terrasse aus, einen halben Meter über dem Boden schwebend, ausser das sind ihre Füsse und keine Regentropfen.

Ich will jetzt nicht sagen, sie wartete auf jemanden oder etwas. Ich glaube nicht, dass Engel warten. Ich glaube auch nicht, dass sie irgendetwas wollen, und es würde mich nicht sehr erstaunen, wenn sie ausser erscheinen überhaupt nichts können.

Das war jetzt mehr ein Gefühl, aber wenn ich es mir überlege, denke ich, es ist so, und dieser Befund erstaunt mich nicht nur nicht, ich finde ihn auch nicht enttäuschend. Engel können nichts ausser Erscheinen. Sie können keine Botschaften überbringen und schon gar nicht beschützen. Es gibt keine Schutzengel, so tröstend die Vorstellung auch ist. Engel sind völlig machtlos. Möglicherweise können sie nicht einmal bestimmen, wem sie wann erscheinen.

Ein einzelner Engel erscheint vielleicht Jahrhunderte lang nicht und dann innerhalb von wenigen Tagen gleich dreimal, wobei ihn vielleicht nur einmal jemand wahrnimmt. Ich mache jetzt keinen Exkurs über die Frage, ob es auch eine Erscheinung ist, wenn niemand sie wahrnimmt, und ich bitte Sie, auch keinen solchen Exkurs zu machen. Bleiben Sie hier, ich brauche Sie noch einen kurzen Moment.

Wahrscheinlich war es bei dieser Engelin genau ein solcher Fall. Sie ist in Charlottenburg erschienen, und niemand hat sie mitgekriegt. Egal ob ich oder meine Tochter das Bild gemacht haben: Ich vermute, ja ich bin mir sicher, dass man sie gar nicht sah. Sie erschien erst später auf dem Bild, als ob es zuerst hätte entwickelt werden müssen. In der digitalen Dunkelkammer.

Ich weiss, dass das völlig idiotisch klingt. Digitale Bilder basieren auf dem binären Prinzip, 0 oder 1. Dazwischen kann sich kein Engel entwickeln, auch wenn man die Aufnahme lange unbeachtet im Speicher des Computers lässt.

Und trotzdem ist der Engel erst später auf dem Bild erschienen. Ich kann es nicht mehr genau datieren, ich weiss nicht einmal mehr das Jahr, aber es war in meinem nächsten Land, nachdem ich von Deutschland nach Israel umgezogen war. Irgendwann habe ich dann an einem Sonntag beim Durchklicken durch mein Fotoarchiv das Bild mit dem Engel entdeckt. Ich dachte zuerst: das Spiegelbild meiner Tochter, wie sie den Blick aus meinem Schlafzimmer fotografiert, als sie knipsend von Zimmer zu Zimmer ging.

Dann sah ich die leicht vom Körper abgespreizten Arme an beiden Seiten und realisierte, dass das grelle Licht auf Kopfhöhe nicht das Blitzlicht ihrer Kamera sein konnte. Und dann begriff ich, dass diese Gestalt im weissen Hemd nicht meine Tochter war.

Dann machte ich etwas völlig Idiotisches. Ich versuchte, smarter zu sein, als ich bin. Ich begann, das Bild mit Fotoshop zu verändern. Wenn ich die Belichtung, den Kontrast, die Farbintensität und alles andere veränderte, so dachte ich, vielleicht würde ich dann das Gesicht des Engels sehen können.

Ich spielte also eine Weile mit sämtlichen Filtern und Parametern herum, bis ich einsah, dass es nicht funktionierte. Nur vergass ich am Ende, das unveränderte Original abzuspeichern, und speicherte stattdessen eine völlig verunstaltete Version ab, auf der man vom Engel nur noch Umrisse sah.

Ich ärgerte mich noch tagelang über meine Dummheit und jedes Mal, wenn ich in den nächsten Jahren wieder auf das bis zur Unkenntlichkeit bearbeitete Bild des Engels traf, ärgerte ich mich erneut.

Unterdessen sind einige Jahre vergangen. Ich war inzwischen ein paar Monate in Lettland stationiert und in einem halben Jahr werde ich bereits das Land verlassen, in das ich nach meiner kurzen Zeit in Lettland weitergezogen bin.

Vor ein paar Wochen habe ich in meiner Fotoschachtel gewühlt, und damit meine ich jetzt eine richtige Schachtel aus Karton, in der ich ein wildes Durcheinander von Fotos aufbewahre. Ich suchte ein bestimmtes Bild von meiner älteren Tochter, zu deren bevorstehender Hochzeit ich ein Album machen möchte.

Aber anstatt das Bild zu finden, das ich gesucht hatte, fand ich das Bild des Engels, der in Charlottenburg erschien. Es war ein absolut unerwarteter Augenblick des Glücks.
Ich war mir nicht bewusst gewesen, dass ich vor der missglückten Veränderung der Aufnahme ein Exemplar des Originals ausgedruckt hatte. Was für eine wunderbare Fügung.

Der Engel ist, wenn man so will, zuerst in Charlottenburg umsonst oder zumindest unbemerkt erschienen. Dann ist er ein zweites Mal in Ramat Gan erschienen, als ich ihn beim Durchklicken der Fotos entdeckte. Dann hat ihn der Versuch, sein Gesicht zu erkennen, wieder zum Verschwinden gebracht. Und jetzt ist er in Ankara ein drittes Mal erschienen, und ich bin unheimlich dankbar dafür.

Ich habe das Bild schon zweimal eingescannt und an verschiedenen Orten abgespeichert und ich hatte eigentlich vor, eine Reihe von Abzügen zu machen und an meine Kinder und Freunde zu versenden, damit ich den Engel nie mehr verliere, diese Lichtgestalt, die mir in drei Länder gefolgt ist.

Nun wird mir klar, wie sinnlos das gewesen wäre, und wie unnötig. Ich habe das Bild verpasst, verlegt und verloren und ich werde es wieder verlieren, egal, wie oft ich es abspeichere und kopiere. Der Engel aber reist mir nach, ob ich es merke oder nicht.

Ein Engel erscheint in Berlin

21. Februar 2017

ein-engel-zu-besuch-in-berlin

Das plötzliche Auftauchen von Jonathan Grünstein

17. Februar 2017

Meine Frau kann Menschen erscheinen lassen. Nicht wie ein Zauberer, der vor Publikum auf einer Bühne einen Hasen aus dem Zylinder zieht (und dann noch einen und noch einen, wo kommen die Tiere bloss alle her?), und nicht genau dann und genau dort, wo sie will, aber sie kann an jemanden denken, und innerhalb weniger Tage läuft ihr die Person dann mit grosser Wahrscheinlichkeit über den Weg.

Es ist, als würde sie diese Menschen herbeirufen, und sie gehen dann irgendwo los und kommen unweigerlich in ihre Nähe, egal von wie weit her sie kommen müssen oder wie lange sie nichts mehr von ihr gehört haben. Ich weiss, das klingt verrückt, und ich kann’s mir ebenso wenig erklären wie das mit den Hasen. Oder noch viel weniger. Ein Zylinder mag einen doppelten Boden haben, der Magier greift durch den Tisch in eine Hasenkiste und greift sich ein paar lange Ohren. Aber einen Menschen herbeirufen, der vielleicht gerade noch in Atlanta an einem Kongress war und darüber nachdachte, seine Familie zu verlassen?

Bei unserem letzten Besuch in Tel Aviv hat ihr Bruder meine Frau gefragt, ob sie jemanden kenne, der bei der Firma Glanach arbeite. Glanach oder Galdach, ich habe mir den Namen nicht gemerkt. Ein Versicherungsunternehmen. Die hätten eine Stelle ausgeschrieben, sagte ihr Bruder, die ihn interessieren würde.

Sie wissen wie das ist. Wenn man 50 ist, muss man jemanden kennen in der Firma, der dem Personalverantwortlichen in den Arm fällt, bevor er die Delete Taste drückt und die Bewerbung nach einem kurzen Blick auf das CV löscht. Mit 50 ist man als Stellenbewerber so gut wie tot. Der Termin ist abgesagt bevor er zustande kommt. Ausser man kennt jemanden, der Hasen aus dem Zylinder ziehen kann. Oder man ist der Bruder meiner Frau.

Meine Frau hat kurz nachgedacht und dann geantwortet, nein, spontan kommt mir niemand in den Sinn, ich bin schon zu lange weg vom Business, aber ich werde nachdenken. Vielleicht kommt mir ja ein Name in den Sinn.

Dann mussten ihr Bruder und seine Familie gehen und wir haben mit meiner Schwiegermutter noch ein paar Partien Genial gespielt, während ihr Vater schon zu Bett gegangen war. Meine Schwiegermutter hat zwei von drei Partien gewonnen, obwohl das ein Spiel ist, bei dem sonst immer ich gewinne, und einmal wäre ja OK gewesen, aber zweimal hintereinander? Ich hätte ihr meine miesen Tricks nicht verraten dürfen. Sie ist schon von alleine smart genug.

Am nächsten Tag mussten wir früh raus, weil wir nachhause flogen. Auf dem Flughafen reichte es gerade noch zu ein paar Tomaten und einem Brötchen, bevor unser Flug ausgerufen wurde. Bei «last call» schnitt ich eine Tomate etwas zu rasch entzwei und meine Frau musste zur Toilette rennen, um die Spritzer von ihrem Kleid zu wischen. Als wir als Letzte in den Bus einstiegen, der uns zum Flugzeug brachte, begrüsste sie freudig überrascht einen Mann in unserem Alter. Jedenfalls sah es so aus, als sei sie überrascht.

Sie stellte ihn mit vor. Walter, das ist Jonathan. Jonathan Grünstein. Wir kennen uns von meiner Zeit bei Phoenix. Er arbeitet bei Glanach (Galdach?). Jonathan, das ist mein Mann. Ich drückte Jonathan die Hand als der Bus gerade losfuhr, und liess mich dann etwas zwischen die anderen Passagiere zurückfallen, um mich dort an einer freien Stange festzuhalten und Jonathan und meiner Frau beim Gespräch zuzusehen, obwohl ich mich ebenso gut an der Halteschlaufe gleich neben Jonathan und meiner Frau hätte festhalten können.

Hatte er Galbach gesagt? Konnte es tatsächlich sein? Es konnte. Als wir die Treppe zum Flugzeug hochstiegen, sagte meine Frau aufgeregt zu mir: Du glaubst nicht, wer das war!
Jonathan Grünstein? fragte ich mit einem leicht ironischen Unterton. Meine Frau beginnt oft Sätze mit «Du glaubst nicht, was mir gerade passiert ist» oder «Du wirst nicht glauben, wer mir gerade ein Whatsup geschickt hat».

Es scheinen in der israelischen Gesprächskultur fest verankerte Phrasen zu sein, um ein Gespräch zu beginnen oder eine Mitteilung zu machen. Ich habe diese Einleitungen mittlerweile als rhetorische Kniffe entlarvt, um die Aufmerksamkeit des Angesprochenen zu erheischen. Sehr oft stellt sich nämlich heraus, dass ich das, was gerade passiert ist, ohne weiteres zu glauben vermag und eigentlich wenig bis gar nicht überraschend finde. Aber ich habe zugehört und somit hat die einleitende Floskel ihren Zweck erfüllt.

Genau, Grünstein! Aber nicht irgendein Grünstein, Jonathan Grünstein. Und nicht irgendein Jonathan Grünstein, sondern Jonathan Grünstein von Galdach (Glanach?). Ist das nicht einfach unglaublich? Gestern fragt mich Oz, ob ich jemanden von der Firma Glanach (wir lassen es jetzt so) kenne, und ich sage nein, weil es viele Jahre her ist, dass ich mit denen Kontakt hatte, und heute läuft mir Jonathan über den Weg. Jonathan Grünstein, der bei Galdach (also doch!) arbeitet und den ich – wie lange ist das nun her? 20 Jahre? – den ich mindestens 10 Jahre nicht mehr gesehen habe. Das gibt es doch einfach nicht! Glaubst Du das? Welche Plätze haben wir?

12 E und F. Willst Du mir Deinen Mantel geben für in die Ablage? Nimm aber das Telefon raus.

Als wir sitzen, schreibt sie eine Mitteilung an ihren Bruder. Grünstein von Glandach (was jetzt?) am Flughafen getroffen. Unglaublich, nichtwahr? Hab ihm von Dir gesprochen. Sende Dir seine Koordinaten, sobald wir gelandet sind. Kuss, T.

Das ist doch wirklich verrückt, sagt sie zu mir. Ich habe ihn … zwanzig Jahr nicht mehr gesehen, beende ich ihren Satz.
Genau. Vielleicht auch nur zehn, aber dass ich ihn heute sehe, nachdem mich Oz gestern fragt, ob ich jemanden von dieser Firma kenne…. ein schier unglaublicher Zufall!

Die Durchsage des Maitre de Cabine dröhnt aus dem Lautsprecher, der sich wie immer direkt über unserer Sitzreihe befindet, und unterbricht für einen Augenblick unser Gespräch über das plötzliche Auftauchen von Jonathan Grünstein. Der Mann freut sich offenbar, uns mit seinem Team während des ganzen Flugs betreuen zu dürfen. Wir sollen uns getrost an ihn wenden, wenn wir irgendetwas brauchen. Und damit meint er uns alle. Sämtliche Passagiere dieses nicht kleinen, offensichtlich bis auf den letzten Platz gefüllten Flugzeugs. Grünstein, meine Frau, mich. Der Mann hat sich allerhand vorgenommen.

Ja, das ist wirklich ein unglaublicher Zufall, sage ich, als die Durchsage des Maitre de Cabine zu Ende ist. Aber eigentlich weiss ich, dass es kein Zufall ist. Es ist in den fünf Jahren, in denen ich meine Frau nun kenne, einfach schon zu oft passiert. Vielleicht fünf oder sechs Mal. Ich habe es mir nicht aufgeschrieben. Es ist schon mindestens ein halbes Dutzend Mal passiert. Beim ersten und zweiten Mal ist es mir nicht gross aufgefallen und ich hielt es wirklich für einen Zufall, dass jemand, an den meine Frau vor kurzem gedacht hatte, den sie mir gegenüber erwähnt hatte, dann wie aus dem Nichts aufgetaucht ist, ihren Weg gekreuzt hat.

Du wirst nicht glauben, wen ich heute bei der Wohltätigkeitsveranstaltung getroffen habe, Darling. Selma Tonkow! Du weisst, von wem ich rede, oder? Ich habe Dir doch erst kürzlich gesagt, dass ich von einer alten Studienkollegin geträumt hatte. Völlig grundlos. Ich hatte sie längst vergessen, wir haben uns 30 Jahre nicht mehr gesehen. Dann träume ich von ihr und heute steht sie vor mir, hier, in Ankara, of all places, wo weder sie noch ich wirklich hingehören. Wie kannst Du Dir das erklären? Gibt es so etwas?

Die Welt ist klein, mein Schatz, et le hasard fait bien les choses. So oder etwas Ähnliches habe ich wohl beim ersten Mal geantwortet. Und beim zweiten Mal, ich glaube es ging um einen Nathan Wasauchimmer, habe ich gesagt, ihr scheint ein besonderes Sensorium füreinander zu haben, ihr Juden, vielleicht weil ihr so oft in eurer Geschichte nur euch hattet, euch auf niemand anderen verlassen konntet, wenn ihr Hilfe brauchtet in der Diaspora (nicht einmal auf den Maitre de Cabine). Ihr spürt euch gegenseitig auf, ihr findet euch in der Menge, läuft euch über den Weg.

Meinst Du? Hatte sie geantwortet. Vielleicht hast Du Recht.

Aber dann ist es wieder passiert, und wieder. Es konnte kein Zufall mehr sein. Und auch wenn ich miterlebt habe, dass meine Frau aus hundert Meter Entfernung sagen kann, dass jemand jüdisch ist, und die fremde Person dann auf Hebräisch anspricht und sie antwortet ihr in dieser Sprache, so ist es etwas ganz Anderes, an jemanden denken oder von der Person träumen und sprechen zu können, und kurz darauf, innerhalb von Tagen, taucht sie auf.

Ich weiss, dass meine Frau mich nicht anlügt oder mir etwas verheimlicht. Sie würde nie eine Geschichte erfinden, oder mir gegenüber jemanden erwähnen, von dem sie weiss, dass sie ihn bald treffen wird, mit dem sie sich vielleicht sogar verabredet hat, und ihn mir dann, wenn er ihr oder uns über den Weg läuft, als zufällige Begegnung präsentieren. Das würde sie nie tun.

Ich schaue sie von der Seite an. Mittlerweile sind wir in der Luft und sie ist, wie sie das oft tut, kurz nach dem Start eingeschlafen. Ihr Profil hebt sich gegen das Abendlicht ab, das für einen Moment durch das Kabinenfenster hereinströmt, während die Maschine sich auf ihren Kurs dreht. Ich liebe sie.

Ich weiss nicht, ob sie es weiss, ob sie sich ihrer besonderen Fähigkeit bewusst ist und sie gezielt einsetzt, aber sie kann Menschen herbeirufen. Vielleicht ahnt sie es, aber sie will es nicht wahrhaben, es sich nicht eingestehen und sich nicht mit dem Gedanken beschäftigen, weil es unheimlich ist, eine solche Fähigkeit zu haben. Es ist eine Art Macht über andere Menschen. Eine Macht, mit der man in das Leben anderer Menschen, die man kennt oder einmal gekannt hat, eingreifen kann, als ob man sie steuern könnte. Wie geht man damit um? Darf man diese Macht anwenden? Und wozu?

Vielleicht weiss sie es nicht und ahnt es nicht einmal. Vielleicht weiss nicht einmal ihr Unterbewusstsein davon. Vielleicht hält sie es wirklich für unglaubliche Zufälle, wenn ihr Menschen über den Weg laufen, an die sie kurz zuvor gedacht hat. Menschen, die gerade noch weit weg waren, in jeder Beziehung. Vielleich ist sie jedes Mal von Neuem völlig verblüfft, wenn es geschieht. Wenn Nathan oder Selma plötzlich wie aus dem Nichts auftauchen, Baruch oder Kleinstein. Vielleicht merkt sie überhaupt nicht, dass sie den Hut in der Hand hält, aus dem der Hase springt.

Wir haben Jonathan Grünstein bei der Landung in Istanbul nicht mehr gesehen. Er flog Business und war somit längst aus der Maschine verschwunden, als wir noch geduldig bestaunten, wie die Frau aus der Sitzreihe vor uns ihre zwölf Duty Free Säcke aus der Ablage kramte.

Ich bin gespannt, ob ihr Bruder den Job erhält. Seine Bewerbung klingt gut. Er sieht jünger aus als auf dem Passbild auf seinem CV, als er dem Personalverantwortlichen gegenübersitzt. Es ist einer dieser Tage, an denen der Westwind Sand aus Nordafrika herüberträgt. Man kann nicht allzu weit sehen und alles wirkt wie mit roter Kreide gezeichnet.

17. Februar 2017

demo