Blindmann, gegoogelt

4. Februar 2018

(oder wie man «wie sagt man» sagt)

Fisch sollte man, so lautet eine alte Volksweisheit, nur in Monaten essen, in denen ein „R“ vorkommt. Das machte früher noch einen gewissen Sinn, als Transporte vom Meer ins Inland den Fisch vom Kopf her verdarben, weil Kühlung von Mai bis August tagsüber nur schwer erhältlich war und nachts unterwegs zu sein nicht als gute Idee galt.

Aber schon damals war der Rat nicht für jeden Fisch sinnvoll. Was war mit Seen und Weihern, wo Fischers Fritz frische Fische fischte, wenn er nicht gerade aus dem Fenster furzte? Fischgenuss im Seerestaurant, die Füsse im Wasser baumelnd, wo lag das Problem? Wohl kaum auf dem Teller.

Auch gute Ratschläge überleben sich und der Volksmund gibt, wenn er ununterbrochen weiter labbert, viel Unsinn zum Besten. Weisheiten und Ratschläge müssten ein Ablaufdatum haben, woher immer sie kommen. Am besten zu befolgen bis. Man kann trotzdem durch Ableitung das eine oder andere aus alten, nicht mehr hilfreichen Redensarten und Volksweisheiten herausholen. Fische kann man heute gefahrlos ohne Volksweisheit geniessen. Computer sollte man hingegen im deutschen Sprachraum nur an Tagen benutzen, in denen ein «C» vorkommt. Also nur jeden Mittwoch.

Die Weisheit stammt von einem unterdrückten Volk, dem im 2. Jahrhundert vor Christus von einem progressiven Propheten wegen der Verbreitung panikmachender Pamphlete der Internetzugriff gesperrt wurde. Sie ist deshalb kaum bekannt und wird von niemandem befolgt. Obwohl sie extrem beruhigend wirken würde. Die ganze moderne Kommunikationslawine müsste ja irgendwie eingebremst werden. Telefonieren nur noch an Wochentagen ohne «T» wäre wohl kaum mehrheitsfähig.

Eher tauglich wäre die Einführung von Mobil-Telefonen, die sich nur noch entsperren lassen, indem sie innerhalb von fünf Minuten mindestens fünf lachende Gesichter erkennen, worunter das des Besitzers und von mindestens drei registrierten Freunden. Das fünfte Gesicht könnte zum Beispiel ein Kellner sein, der gerade ein gutes Trinkgeld erhalten hat. Ich wollte spontan «Serviertochter» schreiben, aber ich denke, das ist kein politisch korrekter Ausdruck mehr. Ausser man erwähnt im selben Satz einen Serviersohn. Oder eine Gastmutter. Was mich wieder einmal zu meiner alten Frage führt, warum es keine Gästin gibt. Selten hätte ein Wort so viel Sinn gemacht. Vielleicht fehlt dieser Ausdruck ja nur in der Deutschen Sprache. Aber wie frage ich danach in einer Sprache, die ich nicht kenne?

Wie sagt man «wie sagt man»? Wie fragt man jemanden, wie man in seiner Sprache «wie sagt man» sagt? Google Translate funktioniert ja nicht immer einwandfrei. Ich habe es gerade versucht, und obwohl ich Deutsch – Hebräisch gewählt habe, hat das Programm darauf bestanden, von Deutsch ins Englische zu übersetzen. How does one say? Darunter stand noch: «oder meinten Sie …» und da stand doch tatsächlich etwas in hebräischer Schrift. Als ich es anklickte, erschien im Deutsch-Fenster: «Er ist ein Duo». Ich bin von dieser Antwort nicht restlos überzeugt, finde sie aber durchaus interessant.

Ich denke, dass man gewisse Dinge wohl nur durch mehrmaliges Fragen herauskriegen kann, durch Wiederholungen derselben Frage, meine ich. Ein und dieselbe Frage, genügend oft wiederholt, führt irgendwann zu einer Antwort. Das erfahren schon Kinder, wenn Sie im Fragenalter sind und die Mutter bei den ersten vier Anläufen keine Antwort gibt. Ich vermute, dass hinter modernen Suchmaschinen mehr steckt, als das Auge antrifft, wenn es im Park spazieren geht.

Wenn man zum Beispiel sechzehnmal hintereinander «googeln» googelt (Sie wollen das nicht probieren), geht neben dem Eingabefenster ein zweites auf. Dort gibt man dann seine Schuhnummer und die Anzahl bereits ersetzter Amalgam-Füllungen ein, worauf der Text erscheint: «Wenn Sie nicht Blindmann sind, klicken Sie hier». Ich klicke sofort, denn die wissen natürlich ganz genau, dass ich nicht Blindmann bin. Keine Ahnung, wer Blindmann ist. Irgendein verfluchter Doppelagent womöglich. Ein Duo.

Ich will da auf gar keinen Fall hineingezogen werden, wo und was immer das ist. Ich kenne diese Filme. Bloss raus hier, und zwar schnell. Ich schalte den Computer ab. «Folgende Programme verhindern das Abschalten ihres Computers. Wollen Sie trotzdem abschalten, Blindmann?» Ich klicke auf ja, aber es passiert nichts, und dann höre ich auch schon Stimmen, weit entfernt, leise, aber ohne Rauschen:

„Wir haben ihn verloren…“
„Wie verloren…?“
„Er hat sich rausgeklickt“
„Warum macht er das? Er ist doch Blindmann…“
«Ja, aber er weiss es noch nicht.»

Dann fährt sich der Computer doch noch herunter, aber irgendwie bin ich nicht ganz sicher, ob er sich wirklich ganz ausgeschaltet hat, und ich ziehe ihm den Stecker raus.

Ich bin nicht Blindmann, glauben Sie mir. Und ich weiss nicht, was hier abläuft oder wer diese Leute sind. Sollte ich nächstens verschwinden, weiss ich auch nicht, was Sie tun können. Wahrscheinlich überhaupt nichts. Ausser vielleicht ihren Computer nur noch am Mittwoch benutzen. Und nie jemanden fragen, wie man «wie sagt man» sagt. Meiden Sie Fremdsprachen ganz allgemein. Missverständnisse sind vorprogrammiert. Aber auch dieser Ratschlag kann schlecht sein. Billig ist er auf jeden Fall.

Vielleicht warten Sie besser, bis es Mai oder Juni wird, und gehen dann in Begleitung eines Menschen, den Sie lieben, auf einen Markt in einem warmen Land. Flanieren Sie. Trinken Sie Tee mit den Händlern. Kaufen Sie Gewürze, meinetwegen auch Fisch. Berühren sie einen Seidenschal (vor dem Fischkauf) zu einem unglaublich tiefen Preis. Es spielt keine Rolle, ob Sie sich mit Seide auskennen oder nicht. Ein Seidenschal muss, so lautet die Regel, so fein und geschmeidig sein, dass man ihn durch einen Ring ziehen kann. Falls Sie den Ring nicht vom Finger kriegen oder keinen tragen, lassen Sie es besser bleiben.

 

Die Zeit

3. Februar 2018

Der Zeit ist es unangenehm, dass sie dauernd vergeht.
Warum, kann sie auch nicht sagen.
Sie würde ja gerne bleiben,
vor allem an schönen Tagen.

Der Zeit ist es selber nicht recht, dass sie manchmal fast steht.
Weshalb, hat sie nie verstanden.
Wenn wir wünschen, sie wäre vorbei,
käme sie gerne abhanden.

Die Zeit ist ein scheues Wesen.
Sie möchte niemanden stören.
Am liebsten wäre es ihr,
man würde nichts von ihr lesen
und nichts von ihr hören.

Hohe Kunst

3. Februar 2018

Hohe Kunst

Unnütz oder zu nichts Nutz?

25. Januar 2018

– erstaunliche Parallelen zwischen Milz und Diplomatie

Lange Zeit galt die Diplomatie als ebenso überflüssig wie die Milz. Heute kennt man ihre Funktion, während sich das Vorurteil über die Diplomatie bei vielen verfestigt hat: sie ist überflüssig. Das sind aber nicht die einzigen Unterschiede. Es gibt auch kaum Gemeinsamkeiten. Ein Blick in die Forschungsgeschichte von Milz und Diplomatie fördert trotzdem erstaunliche Parallelen zutage und es erweist sich einmal mehr, wie viel erkenntnisreicher interdisziplinäre Forschungsansätze sind, wenn man dabei nicht die gleichen Disziplinen vergleicht.

Aufenthaltsort unbekannt
Die meisten Menschen können nicht auf Anhieb und nicht einmal ungefähr sagen, wo in ihrem Körper sich die Milz befindet. Auch ihre Funktion ist weitgehend unbekannt. Die seit 1987 im Schengenraum zweimal jährlich durchgeführten Befragungen zur Erhebung des europäischen Milzbarometers (EUMiB) zeigen mit einer gewissen Konstanz ein gleichleibendes Unwissen des europäischen Durchschnittsbürgers bezüglich des Aufenthaltsortes seiner Milz. Von der Einführung der Organfreizügigkeit haben nicht nur Wandernieren profitiert, auch die Milz ist seither praktisch überall zu finden, bei angenehmem Wetter sogar in Konstanz.

Über die Funktion ihrer Milz wissen Europäer trotzdem wenig bis gar nichts. Sogar in Ländern wie der Schweiz mit einem Milzparlament und einer Milzarmee grassiert ein Unwissen, dass bei vielen mit zunehmendem Alter zu Leberverfettung führt. Die Bevölkerung hat ihr Unwissen über die Milz Jahrhunderte lang mit den Ärzten geteilt, wobei die Milz ihren Trägern mehr Probleme verursacht hat als das Unwissen über ihre Funktion den Ärzten, die sie kurzerhand entfernten.

Diese Praxis wurde so oft in der Praxis angewandt, weil nach Operationen in der Theorie oft Flecken auf dem Papier zurückblieben. Ein anderer Grund war, dass es offenbar ein Leben ohne Milz gibt. Dies lässt sich aus der Tatsache ableiten, dass Patienten, denen die Milz entfernt wurde, auch danach noch jahrelang zu Arztkonsultationen erschienen sind.

Auswertungen von Arztagenden in Schwaben und Nordrheinwestfahlen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts haben hingegen ergeben, dass Patienten, denen man das Herz, die Lunge oder die Leber entfernt hatte, in den allermeisten Fällen nicht mehr zu einem Nachuntersuch erschienen sind.

Die wenigen Ausnahmen führt die Autorin einer 2016 erschienenen Dissertation (Liselotte Schröder: «Einwegpatienten») darauf zurück, dass es in diesen damals mausarmen, ländlichen Gegenden Menschen gegeben hat, die sich einen Namen teilten, sowie ein paar wenige Fälle mit zwei Lungen oder drei Herzen.

Lange Zeit galt die Milz als Organ ohne Funktion, weil man ohne sie anscheinend problemlos überleben konnte und auch selten danach gefragt wurde. Bei Diplomaten war es wenn nicht ähnlich, so doch fast gleich. Jahrhunderte lang waren Staaten ohne Diplomaten ausgekommen und die ersten wurden nicht selten als Geiseln gehalten oder vom Empfangsstaat geköpft.

Aus der Moderne sind zahlreiche Falle von dysfunktionalen Diplomaten dokumentiert. Wer an der Zentrale Probleme verursachte oder nicht gut funktionierte, wurde ohne langes Federlesen ins Ausland versetzt und dort vergessen. Die Zentrale funktionierte danach mindestens gleich gut oder gleich schlecht, das liegt im Auge des Betrachters. Immerhin lässt der in den Quellen verwendete Begriff des dysfunktionalen Diplomaten vermuten, dass es eine Funktion des Diplomaten gibt.

Parallelen in der Erforschung
1729 hielt der englische Arzt und Poet Richard Blackmore in einer medizinischen Fachzeitschrift fest, «der Schöpfer der Natur» habe «nichts umsonst gemacht», die Milz müsse deshalb eine Funktion haben. Welche, wisse er nicht, aber er werde heute Abend seine Frau fragen.

Ungefähr zur selben Zeit (im Spätsommer 1734) schrieb der deutsche Kulturphilosoph und Bergsteiger Wendolin Schurter in sein mehrfach überarbeitetes und später wegen seinem allzu langen Titel nie publiziertes Standardwerk «Vom Unnützen – Dinge, die es wahrscheinlich besser nie hätte gegeben haben sollen und trotzdem gab- wer hat sie bloss erfunden» im kurzen Kapitel, das er der Diplomatie widmete: «Es kann nicht sein, dass die Gesandten überhaupt keinen Zweck erfüllen. Keine Organisation schickt jemanden samt Ehefrau und wenn möglich Kindern irgendwohin (und bezahlt ihn auch noch dafür), wenn es dort nichts, aber auch gar nichts zu tun gibt, und ich war selber dort.»

Warum, fragte Blackmore, sollten Wirbeltiere die Milz, wenn sie keine Funktion gehabt hätte, über sämtliche Evolutionsstufen hinweg bewahrt und sie auch regelmässig in die Ferien mitgenommen haben?

Schurter, auf der anderen Seite (für die er sich erst spät in seinem Leben und nach langem Zureden seines Friseurs entschieden hatte), war sich absolut sicher, dass er recht hatte mit seiner These. «Wieso», schrieb er in seinen Entwurf, «sollte jemand Ferien beziehen, der nicht arbeitet?» Obwohl er den Satz in seinem dritten Manuskript doppelt unterstrich, erschien er in der vierten Version gar nicht mehr.

Erst 200 Jahre später sollte Blackmore Recht erhalten. Er konnte allerdings nicht mehr allzu viel damit anfangen und seine Frau soll ihn deswegen beim Frühstück gehänselt haben, als der Postbote das Paket abgeliefert hatte. «Wie immer!», soll sie zu seiner Fotografie auf der Kommode gesagt haben, «Du reisst Dir den Arsch auf und irgendjemand anders erhält dann die Blaubeeren dafür. Das hast Du jetzt davon, tot zu sein.»

Schurter erging es nicht viel besser. Obwohl er von der Existenz eines Sinns der Diplomatie fest überzeugt war, gelang es ihm Zeit seines Lebens nicht, diesen Sinn nachzuweisen. Gegen sein Lebensende hin war er deswegen immer verzweifelter und am 26. November 1752, drei Monate vor seinem Tod, notierte er in sein Tagebuch. «Es geht mir zunehmend schlechter. Ich muss mich beeilen, wenn ich es noch schaffen will. Der indirekte Beweis anhand von Akten ist mir nun zum wiederholten Male misslungen. Ich werde einen (Diplomaten, Anm. der Red.) sezieren müssen.»

Schurter musste selber gewusst haben, dass dieses Unterfangen in einer Zeit, in der nur die Grossmächte Gesandte in andere Hauptstädte schickten, schwierig werden würde. Er trug in seinen letzten Wochen das Sezierbesteck stets auf sich, machte sich aber keine Illusionen über die Erfolgsaussichten seines Vorhabens.

Blackmore hat die Einführung von Impfungen für Personen ohne Milz ebenso wenig erlebt wie Schurter den Einsatz von Laptop-Botschaftern, die nur mit einem Laptop ausgerüstet aus einer Hotelküche im Nebenamt die Interessen ihres Staates vertreten. Bei Patienten ohne Milz helfen die Impfungen gegen Erreger wie Pneumokokken und Meningokokken, die neben einer zusätzlichen Zellmembran meist auch Anteile an einer Zweitwohnung in den Abruzzen besitzen, die sie sich mit einem Studentenkollektiv teilen.

Im Normalfall kümmert sich die Milz rührend um all diese kleinen Kokken und wäscht ihnen auch einmal die Wäsche, wenn sie am Wochenende nachhause kommen um sich durchfüttern zu lassen. Einen Körper ohne Milz muss man sich hingegen unwirtlich und trostlos vorstellen und die Kokken kommen nach wenigen Wochen erst gar nicht mehr nach Hause. Die Milz hat also durchaus eine Funktion, auch wenn Blackmore den Nachweis dafür weder erbringen noch erleben durfte.

Schurter seinerseits hat bis zu seinem letzten Atemzug daran geglaubt, den Sinn der Diplomatie nachweisen zu können, ausser man neigt, wie sein Schüler Karl-Heinz Sonderegger, zur doch etwas gewagten Annahme, sein letzter Tagebucheintrag («Sie sind absolut sinnlos») beziehe sich auf das Objekt seines lebenslangen Studiums.

Heute ist es längst Standard geworden, dass eine Milz nicht mehr operativ entfernt wird, ausser sie macht wirklich Stunk. Auch eine Milz, die ihre Hauptfunktion nicht mehr ausführt (was bei störrischen alten Milzen ab und zu vorkommt), dient dem Körper immer noch als Friedhof für defekte rote Blutzellen. Wenn sie auch diesen Dienst verweigert, springt in der Regel die junge Leber von nebenan auf dem Heimweg vom Tageshort ein, obwohl sie das Filtersystem der Milz nicht wirklich ersetzen kann und es in ihrer Wohnung schnell einmal eng werden kann.

Wird die Milz heute nur noch in ganz seltenen Fällen vollständig entfernt (Splendektomie), so ist man bei den Diplomaten in den meisten Staaten beim bewährten Mittel der Versetzung geblieben (neuerdings auch auf bewertete Stellen). Nur im äussersten Fall wird eine Diplotomie vorgenommen, bei der ein Botschafter durch kräftige Herren in weissen Kitteln aus seiner Residenz entfernt wird.

Die Entfernung eines Botschafters kann gemäss Personalchef Erwin Rombacher aber dazu führen, dass es unter dem Residenzpersonal zu unkontrollierten Jubelszenen kommt, bei denen auch schon antikes Mobiliar zertrümmert wurde. Diplotomien werden deshalb nach Möglichkeit vermieden oder durch eine Frühpensionierung umgangen.

Abschliessend lässt sich festhalten, dass sich Milz und Diplomatie erstaunlich ähnlich sehen, irgendwie. Früher wusste man über beide praktisch nichts und die Moderne hat die Unterschiede noch verwischt, ja geradezu unkenntlich gemacht. Ultraschall und Computertomografie gehören heute ebenso zum Alltag wie ein Mähdrescher in ein Landwirtschaftsmuseum. Wer das nicht wahrhaben will, wird eines Tages mit Kopfweh erwachen, und sich fragen, was er mit seinem sich dem Ende zuneigenden Berufsleben angefangen hat. Antworten finden wird er allerdings nicht.*

(* dies ist eine Zusammenfassung eines Artikels, dessen Veröffentlichung das Wissenschaftliche Journal im Oktober 2014 abgelehnt hat, weil der Umschlag nicht genügend frankiert war)

25. Januar 2018

Loch-Nuss Monster

No problem!

29. Oktober 2017

(ein Fall von verpasster Kunst)

Schmiede sind gemäss Wikipedia Personen, die mittels Hammerschlägen ein Erz oder Metall ausdehnen oder bearbeiten – eine Personenbeschreibung, die nicht nur dem Erz Eindruck macht. Metall ausdehnen…

Der Schmied stellte im Mittelalter Waffen, Werkzeuge und Geräte aus Eisen, Bronze und anderen Metallen her, sagt ein Eintrag auf einer anderen Website, und schliesst mit der Bemerkung, Schmiede seien damals sehr geschätzt worden. Der Schmied habe als unverzichtbarer Beruf gegolten. Was man damals wahrscheinlich über Modedesigner oder Werbeassistenten weniger sagen konnte.

Schmiede waren aber oft auch raue Gesellen, denen der Hammer locker hing. Wenn jemand Streit wollte, war er gut beraten, diesen mit der Zunft der Zuckerbäcker zu suchen, und nicht mit der Zunft der Schmiede.

Aber ich will hier keinen Vortrag über das Mittelalter, Feilenhauer, Windenschmiede und Grobschmiede halten. Es geht um eine verpasste Gelegenheit anlässlich einer Begegnung mit einem Schmied in der Türkei. Ich muss dieses Eisen meiner Erinnerung schmieden, solange ich es noch vor mir sehe. Bald wird es von Mehlspeisen und rauschenden Bällen überdeckt sein.

Auf einer unserer letzten Reisen in der Türkei waren wir wieder einmal nach Safranbolu gelangt. Safranbolu ist ein kleiner Ort an der Strecke, wenn man von Ankara direkt ans Schwarze Meer fährt. Eigentlich ist diese Beschreibung so unnötig wie schlecht.
Das einzige Mal, an dem wir (nach einer Übernachtung in Safranbolu) von da aus ans Schwarze Meer weiterfuhren, hat es uns dort überhaupt nicht gefallen.

Also noch einmal von vorne: Safranbolu ist eine kleine Stadt nördlich von Ankara, die zum UNESCO Weltkulturerbe gehört und wo es nebst einer schönen Altstadt mit Häusern im osmanischen Stil den besten Lokum der ganzen Türkei gibt – köstlichen Lokum mit Safrangeschmack. Weiterfahren lohnt sich nicht. Vor allem nicht gegen Norden.

Safranbolu dürfte nach Kappadokien der Ort in der Türkei sein, an den wir am meisten gereist sind. Ein paar Wochen vor dem Besuch, von dem ich hier erzähle, hatten wir hier drei alte, halb zerfallene Heiratstruhen gekauft. In solchen Truhen nahmen die türkischen Bräute ihre Mitgift, also den ganzen Haushalt mit in die Ehe. Heute heiraten in der Türkei jedes Jahr über 600‘000 Paare. Wenn die Brauttruhen noch in Mode wären, wären ihre Hersteller ein gewichtiger Pfeiler des Gewerbes.

Man kann diese alten Holztruhen auf dem Land fast umsonst kaufen. Sie sind meist in sehr schlechtem Zustand, mit verrosteten Beschlägen, beschädigt und zum Teil angefault, aber ein geschickter Schreiner – und wir hatten das Glück, einen besonders begabten zu kennen – macht aus ihnen im Handumdrehen Prunkstücke. Wir hatten am Ende ganze acht davon, obwohl meine Frau und ich zusammengezählt lediglich drei Töchter haben, von denen eine schon verheiratet ist.

Diesmal waren wir nicht auf der Suche nach Heiratstruhen. Wir schlenderten Lokum essend dahin, als wir in einer Seitengasse eine Reihe von Kleinschmieden fanden, die verschiedene Dinge feil boten. Haushaltgegenstände, Spitzhacken, Glocken, Helme und vieles mehr.

Am Ende der Gasse sah ich, als ich aus einem kleinen Schuppen mit Pfannen ins Freie getreten war, an einer Hauswand angelehnt eine völlig verrostete, gerahmte Eisenplatte von etwa einem Meter auf 80 Zentimeter. Sie sprang mir sofort ins Auge mit ihrem wunderbaren Rostrot und ihren Strukturen die aussahen wie ein modernes Gemälde. Man könnte das Ding aufhängen und es wäre sofort ein Kunstwerk, dachte ich.

Ich fragte den Schmied, der mir ins Freie gefolgt war, was er für die Platte haben wolle. 100 Türkische Lira, antwortete er, ohne lange zu überlegen. Das sind umgerechnet etwa dreissig Franken. Mein Gewinn wäre also, wenn ich das Kunstwerk in ein paar Jahren bei der ersten Gesamtschau meines Werks für sagen wir 10‘000 Dollar verkaufen würde, immens. Ich könnte zurückkommen und die Schmiede kaufen. Oder 20 Tonnen Safran-Lokum.

Ich zögerte trotzdem, denn würde ich wirklich aus der verrosteten Platte durch reines Aufhängen ein Kunstwerk herstellen oder würde sie leidglich in meinem trockenen Keller in Ankara eine Rostpause einlegen, in vier Monaten den Umzug nach Wien mitmachen, nur um dort vier weitere Jahre in einem anderen Keller zu stehen, bevor ich sie vor dem Umzug in die Schweiz, wo es verboten ist, verrostete Platten im Keller aufzubewahren, von einem Schrotthändler kostenpflichtig entsorgen lassen müsste?

Der Schmied sah mir meine Unentschlossenheit an und begriff sofort, dass er mich überzeugen musste, und zwar schnell, denn es regnete ganz leicht und es war absehbar, dass ich nicht mehr lange in seinem Vorhof verweilen würde. Er griff sich also die Eisenplatte, warf sie vor sich in den Dreck und sprang drauf. „No problem!“ rief er mir zu, sprang in die Höhe, landete krachend auf meinem Kunstwerk und rief noch einmal laut „No problem!“.

Es war ein schlimmer Moment. Für mich, für die Kunst. Wahrscheinlich weniger für die Eisenplatte, denn sie war, obwohl dünn, tatsächlich sehr robust und es schien ihr nichts auszumachen, dass ein erwachsener Schmied auf ihr herumtrampelte. Aber das genügte ihm noch nicht. Der Mann nahm in seinem Verkaufseifer meine Hand und zog mich mit dem kräftigen Griff des Schmieds auch noch auf die Eisenplatte. „No problem!“

Was soll ich sagen. Ich habe die Platte am Ende nicht gekauft. Und ich meinte, mich damit für einmal klug zu verhalten, indem ich etwas nicht aufhob (von Kaufen kann man ja bei diesem Preis nicht sprechen), was dann doch nur an einem anderen Ort rumliegen würde. Und natürlich würde die Platte nun mit all den anderen noch nicht ausgepackten Bildern irgendwo im Labyrinth der neuen Residenz stehen, in die ich vor ein paar Wochen in Wien eingezogen bin. Und natürlich ist es äusserst ungewiss, ob ich sie je ausgepackt und durch blosses Aufhängen in ein Kunstwerk verwandelt hätte. Trotzdem war es ein Fehler, den ich bereue. Es ist verpasste Kunst.

Nächstes Mal, nehme ich mir vor, nehme ich so etwas mit. Mag es noch so rostig sein. Mag die Möglichkeit, sich an den rostigen Ecken und Kanten zu verletzen, noch so gross sein. Ich bin sicher, dass die Platte noch dort ist, wo ich sie nicht erworben habe. Ausser der Schmied hat sie entsorgt, weil ihm bewusstgeworden ist, dass ich seine absolut einmalige Chance war, aus einem rostigen Blech wenigstens ein bisschen Geld zu machen.

Wenn ich wieder einmal in Safranbolu bin, werde ich hingehen und nachschauen. Und wenn die Platte noch da ist, werde ich sie kaufen, auch wenn sich der Preis unterdessen verdoppelt haben sollte. Die Ausfuhr in die Schweiz oder nach Österreich wird dann natürlich nicht mehr so leicht sein, wie es als Teil meines Umzugsgutes gewesen wäre.

Es werden Formalitäten zu erledigen sein. Zollbestimmungen für die Einfuhr von Schrott werden zu studieren und erfüllen sein. Und wenn der Zöllner dann bei der Einfuhr überraschenderweise darauf bestehen sollte, dass es sich um Kunst handelt, nicht um Schrott (woran sieht er das bloss?), werde ich ihm das Gegenteil beweisen. Ich werde mit beiden Füssen auf die Platte springen und ihm zurufen: Kein Problem! Sehen Sie? Kein Problem!

29. Oktober 2017

neben dem Telefon

Keine Beschriftung heisst nichts

29. Oktober 2017

– ein Plädoyer für die Abschaffung fehlender Beschriftungen

Es befremdet mich, dass nur auf einer Box ein «R» steht und auf der anderen nichts. Der Grund dafür liegt offenbar in der Logik. Wenn in einer der Boxen die rechte Kontaktlinse ist, muss in der anderen zwangsläufig die linke sein. Anschreiben muss man das in dieser Logik nicht.

Was aber, wenn ich zuerst die Box in die Hand kriege, auf der nichts steht? Muss ich dann auch die rechte Box zur Hand nehmen, um logisch schliessen zu können, dass in der unbeschrifteten Box die linke Linse sein muss? Was, wenn ich die Box mit dem «R» gerade nicht finde? Ist die Meinung, dass ich das in Erinnerung behalte («R» ist rechts, nichts ist links), oder ist die Überlegung die, dass ich die Kontaktlinsen nur dann montiere, wenn ich beide zur Hand habe?

Die Logik in sich zwar schlüssig, ihre Anwendung behagt mir aber nicht. Man könnte sie ja auch bei öffentlichen Toiletten anwenden. Bei den Damen steht ein «D» an der Türe und bei den Herren nichts. Wäre ja auch glasklar. Wenn an einem Ort die Frauen sind, sind am anderen die Männer. Oder ist das vielleicht der Wickel- oder Putzraum? Entschuldigung, ich wollte nicht stören.

In der Küche oder im Restaurant wäre diese Logik beim Salz und beim Pfeffer anwendbar (Kein S meint Pfeffer) oder beim Salz und beim Zucker. Im Badezimmer beim Warm- und Kaltwasser. Beim Mineralwasser könnte man sich auf ein «M» für mit Kohlensäure und nichts für ohne einigen. Nichts für ohne hätte wenigstens einen gewissen Sinn. Mehr jedenfalls als nichts ist Pfeffer oder kalt.

Grundsätzlich könnte man die Logik des Weglassens bei allem anwenden, wo man eine Wahl zwischen lediglich zwei Dingen hat. Wenn es nicht das eine ist, muss es ja das andere sein. Das leuchtet wirklich jedem ein. Ausser mir offenbar.

Sogar bei Verkehrsampeln liesse sich diese Logik anwenden, obwohl es da drei Farben gibt. Das Weglassen von Orange und Grün würde vermutlich gewaltige Einsparungen bringen. Wenn nicht rot ist, muss grün sein (allenfalls Orange, aber es geht ja auch ohne). Fahr endlich!

Ich stelle den Antrag, alle fehlenden Beschriftungen abzuschaffen, und mache hier Schluss für heute. Ich will mir das Ende vom Finalspiel Federer gegen del Potro anschauen. Falls Federer gewinnt, werden die Medien ausführlich darüber berichten. Falls del Potro gewinnt nicht. Muss man dann ja nicht noch besonders erwähnen.

29. Oktober 2017

Nicht im Stehen

Zweimal Bern retour (einfach ist das nicht)

24. August 2017

1

Kann man sich verlaufen, wenn man nicht weiss, wo man hin will?
Ich spaziere durch diese Stadt, die ich ein wenig kenne, weil ich vor Jahren einmal hier gelebt habe (etwa 3 vor ungefähr15). Ein wenig kennen kann hilfreich sein, oder auch nicht. Man meint man weiss, wo man ist und was um die Ecke folgt, aber es ist dann nicht ganz so, weil die Stadt in der Nacht, als man wegzog, die Strassen und Häuser verschoben hat. Nicht alle, nur ein paar. Und absichtlich natürlich, um die zu bestrafen, die der Stadt den Rücken gekehrt haben. Meint ihr nur, euch auszukennen. Habt ihr jetzt vom Weggehen.

Eine Gruppe von alten Männern, um die siebzig, schätze ich, sitzt an einem Tisch in einem Strassencafé. Viel weisses Haar. Ich kann im Vorübergehen nicht hören, worüber sie reden.
Ich schnappe lediglich auf, wie einer sagt: „Er hatte alles bereitgelegt….“
Was? Und wofür?
Seine sieben Sachen, um ins Heim zu gehen?
Seine Papiere, bevor er aus dem Fenster sprang?
Worüber sprechen alte Männer, wenn nicht über Krankheiten, alt werden, eingeliefert und sterben?
Warum ist eigentlich Ernst nicht gekommen?
Ist er wieder gestorben?

Ich muss hier nicht lange spekulieren. In ein paar Jahren werde ich wissen, wovon alte Männer in Strassencafés bei ihrem Wochenstammtisch reden. Ich kann es dann ja aufschreiben, Wenn ich es nicht auf dem Heimweg vergesse.
Vielleicht muss ich es gleich am Tisch notieren.
Was schreibst Du da andauernd, Paul? Führst Du Protokoll?
Ich heisse nicht Paul.

Ich denke ich sollte, wenn ich mich in zehn Jahren noch daran erinnere, den Freunden eine Regel vorschlagen. Es wird nicht über Krankheiten, alt werden und sterben gesprochen. Das sind Tadaa!-Themen. Jedes Mal, wenn einer mit Krankheit, alt werden oder sterben anfängt, ruft der erste, der es mitkriegt: Tadaaaa! und der, der davon angefangen hat, muss dann eine Runde bezahlen. So werden wir alle rasch betrunken sein und können wieder nach Hause gehen oder ins Heim.

Eine andere Regel, die mir spontan einfällt, wäre, dass man nicht von der Vergangenheit reden darf. Nur von der Gegenwart und der Zukunft. Für alte Männer wäre das etwa so, als würde man einem Schwarm Fische verbieten, von Wasser zu sprechen. Wasser ist alles, was sie haben. Sollen sie von Luft sprechen? Ok, es ist mir klar dass der Vergleich hinkt. Ich mach ihm eine Krücke. Ein Fisch hat viel Wasser hinter sich und wenig Wasser vor sich. Er weiss aber nicht, wieviel Wasser er noch ach vergiss es.

Es ist einfacher in einer fremden Stadt. Man meint nicht, sich auszukennen. Aber mit dem Alter (Tadaaaa!) verwischen sich die Unterschiede zwischen Städten, in denen man gelebt hat (Tadaaa!), und völlig fremden Städten zunehmend. Ich fuhr gestern und heute zweimal mit der Strassenbahn am Haus vorbei, in dem ich im vierten Stock lebte. In zehn Jahren wird es wie ein Vergleich sein, der mir jetzt gerade nicht einfällt. Jedenfalls wunderbar. Ich werde fast in jedem Haus gewohnt haben. Und in keinem. Fast freue ich mich darauf. Dann beschliesse ich, noch zuzuwarten.

(Bern, 17.08.17)

 

2

Gestylt würde das wohl jetzt „Berner Impressionen, Teil 2“ heissen, aber auch dann würde niemand auf den dritten Teil warten. „Aufgefallen in Bern“ klingt völlig behämmert und „neulich in der Wüste“ würde überhaupt keinen Sinn machen. Also nenne ich es vielleicht „Muttis Lieblin“, obwohl sich auch andere Überschriften anbieten. Satzteile oder Worte blinken ja manchmal regelrecht und wackeln im Text herum, um sich als Titel zu empfehlen. Und man kann dann ja nur einen nehmen. Plus vielleicht einen Untertitel, mehr geht nicht.
Können wir jetzt anfangen?

Ich verbringe meine Nächte in Bern zum ersten Mal in einer airbnb-Wohnung anstatt im Hotel. Mehr als die Nächte ist denn wirklich auch nicht möglich, wie ich heute festgestellt habe, als ich in einer selber gebastelten Konferenzpause nach dem Mittagessen mein mir lieb gewonnenes Schläfchen machen wollte. Fehlanzeige.

In der Wohnung direkt nebenan nahmen sie die Badewanne raus. Mit dem Presslufthammer, dem Geräusch nach zu urteilen, und als die Badewanne endlich raus war, montierten sie gleich noch das Spülbecken ab und rissen dieTrennwand zum Schlafzimmer ein, weil sich die Wohnung mit offenem Bad viel teurer verkaufen lässt, und ich glaube sie gingen dann dazu über, alle Trennwände niederzureissen, weil ihnen plötzlich klar wurde, dass eine Loft, wo man im gleichen Raum schläft, kocht, kackt und vögelt noch viel mehr Geld einbringt. Ich war froh, dass sie kurz vor der Trennwand zu meiner Wohnung Halt machten, obwohl ich annehme, dass ihnen eine grössere Loft kurz durch ihr durchgerütteltes Hirn gegangen sein muss.

Einen Moment lang dachte ich daran, Stephan anzurufen, der mir seine Wohnung vermietet hat. Nicht um mich zu beklagen, man beklagt sich ja nicht wegen ein bisschen Baulärm, aber um ihn zu fragen, ob er davon weiss, dass sie rund um seine Einzimmerwohnung im Ostring gerade den ganzen Plattenbau auskernen und in eine monströse Loft verwandeln. Vielleicht hat er die entscheidende Eigentümerversammlung verpasst und hätte nun noch aufspringen wollen auf den lukrativen Zug.

Obwohl Zug bei dieser Wohnlage das falsche Verkehrsmittel ist. Der Ostring sieht der grössten Autobahnkreuzung der Welt ähnlich, über die ich vor ein paar Tagen einen kurzen Dokumentarfilm gesehen habe. Zufällig. Ich schaue sonst nie Dokumentarfilme über Autobahnkreuzungen. Die Kreuzung liegt in wo denn sonst China und ist wirklich fast unvorstellbar riesig. Sie hat so viele Zu- und Wegbringer, dass man sich fragt, wo das alles herkommt und hinführt.

Die Dokumentation zeigte einen pensionierten Schriftenmaler, der sich eine kleine Wohnung gekauft hatte, genau dort, wo jetzt seit fünf Jahren an der grössten Autobahnkreuzung der Welt gebaut wird. Obwohl sie schon lange die grösste der Welt ist, bauen die weiter. Wirklich eindrücklich. Das erklärt auch einen Teil des Erfolgs der Chinesen, denke ich. Dass die weiterbauen.

Der Schriftenmaler und seine Frau haben das Angebot der Regierung schliesslich angenommen und jetzt wohnen sie im 28 Stockwerk und schauen auf die Baustelle runter und die Autos, die auf den bereits fertiggestellten Abschnitten pausenlos fahren, in alle Richtungen. Den Ostring muss man sich ein wenig kleiner vorstellen, aber sonst ziemlich ähnlich, obwohl man Vergleiche nicht vergleichen sollte, schon gar nicht mit China.

Ich habe meinen Mittagsschlaf dann aufgegeben (ich kann so nicht träumen) und bin zurück an die Konferenz, die ein paar Busstationen entfernt in einem Fussballstadion stattfindet. Nicht auf dem Rasen natürlich, in der Mantelnutzung. Das ist ein Wort, das mir schon immer gefallen hat. Es zeigt den Fortschritt, wenn man an Mäntel aus der Jugend des Winters denkt (das hab ich gemeint: „aus der Jugend des Winters“ – das blinkt jetzt und ruft „Titel!“ – „Titel!“, und ich muss die ganze Zeile beruhigen und sage nur „sehen wir dann“.

Um fünf habe ich mich dann wieder aus der Konferenz zurückgezogen und wegen dem milden Sommerwetter beschlossen, die paar Stationen bis zum Ostring zu Fuss zu gehen. Mein mit Abstand bester Entscheid heute (habe ich überhaupt andere getroffen?).

Die Papiermühlestrasse ist lange und gerade. Ich bin mir sicher, dass da irgendwo einmal eine Papiermühle stand. Aber irgendwann hat jemand wahrscheinlich eine Loft daraus gemacht. Oder eine riesige Badewanne.

Wenn man am Schlosshalden links geht, also nicht runter zu den Bären, kommt man zum Rosengarten. Genau: ein Garten mit Rosen. Wunderschön, wirklich. Wenn man genug von den Rosen und vom Garten hat, kann man über die Altstadt blicken. Eine junge Frau hält ihren (?) Mann, der auf einer Mauer sitzt und die Beine in Richtung Altstadt baumeln lässt, von hinten fest umklammert, obwohl die Fallhöhe vorne einen halben Meter beträgt und er noch dazu in weiches Gras fallen würde.Die Umklammerung muss andere Gründe haben, aber ich frage nicht nach.

Der Park ist gut besucht, mehrheitlich von asiatischen Touristen die heftig fotografieren. Nach einer Weile bin ich zurück am Ostring. Die Auskerner haben ihr Tagwerk vollendet. Das ununterbrochene Rauschen und Dröhnen von der Autobahn her kommt mir wie wohltuende Ruhe vor, und ich merke wieder, wie relativ alles ist. Ausser China.

Kurz bevor ich an der Giacometti-Strasse angekommen bin, wo mich Stephan gegen ein kleines Entgelt in seiner Wohnung leben lässt, bin ich zum zweiten Mal heute an einem besonderen Tattoo-Shop vorbei gegangen. „Lebende Legend“ steht in grossen, feurigen Lettern quer über das ganze Schaufenster bis hin zur Türe. Als ich es am Morgen las, dachte ich, vielleicht mussten sie irgendwann die Glastüre ersetzen und haben dann vergessen, das „en“ auf die neue zu kleben. Kann ja passieren.

Aber vielleicht meinen die das wirklich so. Lebende Legend. Vielleicht hat mich das Schicksal hierher geführt und es ist dieser Tattoo-Shop, wo ich mir nach der Pensionierung mein erstes Tattoo stechen lasse. Muttis Lieblin. Quer über die Stirn.
Vielleicht wandere ich auch nach China aus und lass mir dort im achtundzwanzigsten Stockwerk eine Kreuzung tätowieren. Oder ich werde in meiner zweiten Karriere Auskerner und Loftdesigner.
Ich möchte mich noch nicht festlegen und hoffe, Sie verstehen das. Es ist einfach noch zu früh.

Ach ja, fast hätte ich es vergessen. Seit ich vor ein paar Tagen in der Schweiz angekommen bin, habe ich schon zwei grosse blaue Plakate gesehen mit Zitaten. Auf dem einen, an dem ich in St. Gallen im Postauto vorbeifuhr, stand: „Der Herr schenkt Dir Frieden“. Und darunter kleiner „die Bibel“. Jemand hatte darauf gesprayt „ noch bis Sonntag drei für zwei“. Auf dem anderen (hier am Ostring) steht: „Jesus ist immer bei Dir“. (die Bibel). Das hat noch keiner kommentiert. Und ich werde mich hüten. Mich und meinen Bruder, der mich morgen besuchen kommt.

Bern, 21. August 2017