
Kapelle im Stift Göttweig – Pastellkreide auf Papier
26. April 2026Gottfried liest in einem Buch
26. April 2026(es darf nur nicht regnen)
Es ist acht Uhr morgens. Mitte April. Die Sonne ist an der Rückseite des Hauses gegenüber hochgeklettert und hat sich an ihren frühen Strahlen über den Giebel gezogen. Am Morgen ist die Sonne übermütig wie ein Kind. Sie klettert überall hoch. Du kommst jetzt sofort da runter!, ruft ihre Mutter, aber die Sonne denkt nicht daran. Nicht am Morgen. Sie kommt erst am Abend wieder runter. Auf der anderen Seite, wenn sich die Mutter beruhigt hat.
Die Sonne scheint auf den Balkon, auf dem Gottfried im vierten Stock auf einem weissen Klappstuhl sitzt, auf den er sich ein Sofakissen gelegt hat, weil es so weicher ist. Und wärmer. Morgens um acht ist es im April noch kühl, an manchen Tagen sogar richtig kalt. Auf dem Balkontisch steht eine halbvolle Tasse Kaffee, und daneben noch eine zweite Tasse, die fast leer ist. Gottfrieds Frau sitzt neben ihm auf dem Balkon. Gottfried hat ihr auch ein Kissen auf den Stuhl gelegt. Sie hat eine zweite Jacke um ihre Schultern gelegt. Sie hat ihre Lesebrille auf und liest in einem Buch.
Auch Gottfried liest in einem Buch. Die erste Geschichte war nicht so gut. Auch die Art, wie sie geschrieben war, mochte er nicht. Ab der zweiten Geschichte war Gottfried begeistert. Die Sprache passte genau zu den Geschichten. Diese Geschichten konnten gar nicht in einem anderen Stil erzählt werden. Gottfried war froh, dass er das Buch nach der ersten Geschichte nicht weggelegt hatte. Er dachte daran, wie er früher jeweils in einer Buchhandlung die erste Seite eines Buches gelesen hatte (Gedichtbücher hatte er irgendwo aufgeschlagen), und wenn ihm nicht gefiel, was er las, legte er das Buch auf den Tisch oder stellte es zurück ins Regal und kaufte es nicht. Dieses Buch hätte er damals verpasst.
Heute kaufte Gottfried Bücher nicht mehr zufällig. Er kaufte entweder neue Werke von Autoren, die er schon gelesen hatte, oder von solchen, auf die er aufgrund von Empfehlungen von Freunden oder wegen einer Buchbesprechung in der Zeitung aufmerksam geworden war. Es kam ab und zu trotzdem vor, dass er ein Buch überhaupt nicht mochte. Sogar eines von einem Autor oder einer Autorin, von denen er schon Bücher gelesen und gemocht hatte.
Neulich hatte er ein in der Zeitung äusserst wohlwollend besprochenes Buch eines Schweizer Schriftstellers, von dem er schon zwei Bücher gelesen hatte, kurz nach der Hälfte in die Mülltonne geworfen, enttäuscht über die Art, wie es geschrieben war (schlechter als die Buchbesprechung) und verärgert über den Inhalt der zuletzt gelesenen Geschichten. So ein Buch konnte man weder verschenken noch in sein Büchergestell stellen, wo der Platz beschränkt und unter Büchern begehrt war. Es verdiente nicht einmal, zum Altpapier gelegt zu werden. Es gehörte in den Müll, und den Name des Autors wollte er für künftige Bücherkäufe vergessen.
Gottfried fragte sich, ob sich in einem solchen Fall der Autor verändert hatte, ob er anders und Anderes schrieb, oder ob er, Gottfried, sich verändert hatte und anders oder lieber Anderes las. Um sich der Antwort auf diese Frage anzunähern, hätte er die alten Bücher des Autors noch einmal lesen müssen, aber dazu fehlte ihm jede Lust, auch wenn dadurch vielleicht zwei Plätze in seinem Büchergestell frei geworden wären. Lieber las er in diesem wunderbaren Buch weiter, dessen Geschichten ihn (ab der zweiten) fesselten und inspirierten.
Der Autor war zwanzig Jahre jünger als Gottfried. Gottfried wünschte ihm ein langes Leben und sich, dass er noch viele solche Bücher schreibe. Wenn Sie so weiterschreiben, lieber Herr S., hätte Gottfied ihm geschrieben, wenn er seine Adresse gekannt hätte (an den Verlag schreiben mochte er nicht), kann ich mit dem Schreiben aufhören und nur noch lesen.
Er wünschte sich, dieses wunderbare Buch (auch der Titel und der Umschlag gefielen ihm) würde noch lange nicht zu Ende gehen. Aber er hatte schon weit über die Hälfte davon gelesen und wusste, dass er schon bald am Ende des Buchs angelangt sein würde. Jedes Mal, wenn er eine Seite umblätterte und eine neue aufschlug, wurde es ihm bewusst. Er hoffte, die zweite Hälfte würde länger halten als die erste, aber er wusste auch, dass der Heimweg immer kürzer ist als der Hinweg. Es sind vielleicht noch drei oder vier Geschichten, dachte er. Maximal. Er mochte nicht nachschauen.
Jeden Morgen vor dem Frühstück liest Gottfried eine Geschichte. In drei oder vier Tagen wird er das Buch ganz gelesen haben. Es war, wie so vieles, was sie gemeinsam taten, eine Erfindung seiner Frau Chana: Jeden Morgen um acht auf dem Balkon sitzen mit einer Tasse Kaffee, noch vor dem Frühstück, auch wenn es noch kalt ist. Nur regnen darf es nicht. Er fand das im März keine gute Idee. Es war wirklich noch kalt am Morgen auf dem Balkon. Er blieb lieber noch etwas länger im warmen Bett, während Chana dick eingehüllt mit ihrem Kaffee auf dem Balkon sass und las. Im April setzte er sich dann eines Morgens neben sie und seither fangen alle ihre Tage gemeinsam an, mit einer Tasse Kaffee und einem Buch auf dem Balkon, ihre Hunde neben ihnen auf einem Hundekissen, dass er ihnen auf den kalten Boden legt.
Chana liebt Balkone. Sie kann den ganzen Tag auf dem Balkon zubringen. Wenn sie sich in letzter Zeit manchmal nach einer neuen Wohnung umsahen, suchten sie einen Balkon mit Wohnung. Der Balkon ist für Chana das Wichtigste. Wo sie herkommt, verbringen die Menschen auch im Winter viel Zeit auf den Terrassen und Balkonen, weil es nie so kalt wird, dass man lieber drinnen bleibt. Vielleicht auch deshalb, weil die Heizungen nicht viel taugen und es drinnen kaum wärmer ist als draussen.
Als Gottfried umblättert und feststellt, dass er auf der letzten Seite der heutigen Geschichte angelangt ist, sieht er im Augenwinkel links neben dem Buch, wie ein Insekt über die Betonplatten des Bodens rennt. Er schaut ihm nach, aber es verschwindet in einer Ritze zwischen den Platten. Eine Zecke? Rennen Zecken? Zecken sind Spinnen. Spinnen können ziemlich schnell rennen. Muss er die Hunde in Sicherheit bringen?
Gottfried liest die Geschichte zu Ende. Mo hat unten vor dem Haus gerade den Motor des Panzers angelassen, den es gar nicht gibt. Wieder huscht etwas über den Boden, aber diesmal ist es keine Spinne, sondern einer dieser schwarzen Punkte, die manchmal durch Gottfrieds Augen wandern. Keine Angst, es war keine Zecke, sagt er zu den Hunden. Es ist nur ein schwarzer Punkt.
Gottfried trägt seine leere Tasse in die Wohnung, stellt sie auf den Esstisch und schaut durch die offene Balkontüre die lesende Chana mit den Hunden zu ihren Füssen an. Ich muss das einmal zeichnen, denkt er, und: Gott ist gnädig mit mir.
Man at the Beach (Pastellkreide auf Papier)
6. April 2026Mirlind
6. April 2026Es war nicht einmal, und auch nicht in einem fernen Land vor unserer Zeit. Es ist jetzt und zuletzt ganz in meiner Nähe. Mirlind lebt mit seiner Mutter Herlinde seit ein paar Monaten in einem Vorort von Zürich, wo die Hochhäuser nicht gerade wie Pilze, aber doch eines nach dem andern aus dem Boden schiessen, um die schnell wachsende Bevölkerung des Furttals aufzunehmen.
Und begonnen hat es so:
Mirlind ist ein Riese. Verglichen mit anderen Riesen wäre er mit seinen drei Metern Körpergrösse (dreimeternullzwei, um genau zu sein) wohl eher ein kleiner Riese, aber die Hochhäuser der Vorortsgemeinde sind, wenn man sie mit jenen in New York oder Shanghai vergleicht, auch ziemlich klein, und Riesen sollte man nicht vergleichen. Sie kriegen Kopfweh davon.
Dass Mirlind nicht wie andere Riesen in einem Märchenbuch lebt, hat mit seinen Eltern zu tun. Seine Mutter Herlinde stammt aus dem Montafon, wo sie als jüngstes von sechs Kindern auf einem kleinen Hof in Gaschurn aufwuchs. Mit 18 zog Herlinde nach Wien, wo sie Arbeit fand als Serviertochter im Hotel Sacher, und dort Sorin kennenlernte.
Sorin arbeitete als Tellerwäscher im Hotel Sacher. Er stammte aus Rumänien und war kleinwüchsig. Um seiner Arbeit nachgehen zu können, musste er einen Schemel ans Spülbecken stellen, aber niemand hat Sorin deswegen je ausgelacht oder auch nur gehänselt, denn die gesamte Küchenmannschaft wusste, und Neue lernten es schnell und einige von ihnen auf schmerzhafte Weise, dass Sorin nicht mit sich spassen liess.
Als Herlinde Sorin zum ersten Mal nach Gaschurn mitnahm, um ihren zukünftigen Mann ihren Eltern vorzustellen, fragte sie ihr Vater nach dem gemeinsamen Mittagessen, als Sorin auf die Toilette verschwunden war, die sich ausserhalb des Hauses befand:
«Was willst Du mit diesem Zwerg?»
«Er ist kein Zwerg, Vater, sag das nicht!» hatte Herlinde geantwortet, «Er hat ein grosses Herz.»
Ein Jahr später waren Herlinde und Sorin verheiratet und lebten in einer Einzimmerwohnung in Schwechat. Drei Jahre später wurde Herlinde schwanger. Die ersten drei Monate der Schwangerschaft verliefen normal. Im vierten Monat stellte die Kinderärztin beim Ultraschall fest, dass das Baby zu schnell wuchs. Zu Beginn des sechsten Monats war es grösser als die meisten Neugeborenen und Mitte des siebten Monats brachten die Ärzte es mit Kaiserschnitt zur Welt. Sorin stand weinend vor Freude am Bett und Herlinde hielt einen gesunden jungen Riesen im Arm.
«Wollen wir ihn Mirlind taufen?», fragte Herlinde. Und Sorin, der nicht aufhören konnte zu weinen, sagte mit brüchiger Stimme «Ja».
Mirlind war ein sehr ruhiges Kind. Er lernte schnell gehen, sass aber am liebsten. Er konnte stundenlang zuhause auf dem Fussboden sitzen und mit den drei Holztieren spielen (zwei Kühe und ein Schwein, dem ein Bein fehlte), die ihm Sorin auf einem Wiener Flohmarkt gekauft hatte. Als er an seinem dritten Geburtstag noch kein Wort gesagt hatte und keine Reaktion zeigte, wenn man ihn ansprach, machte sich Herlinde Sorgen und liess ihn abklären, ohne dass sie Sorin etwas davon sagte.
Das Resultat der Abklärung war, dass Mirlind hören konnte und auch die physischen Voraussetzungen hatte, um sprechen zu können. Es handle sich wohl lediglich um eine Verzögerung in seiner Entwicklung, meinte der junge Arzt. Möglich sei aber auch, sagte er, dass Mirlind autistisch veranlagt sei, aber um dies festzustellen, sei es noch zu früh. Dass er sich ungern bewegte, hänge wahrscheinlich mit seinem schnellen Wachstum zusammen, mit dem die Muskeln nicht mithalten.
Vor seinem fünften Geburtstag war Mirlind eins zweiundsechzig. Er sprach noch immer nicht, sass weiterhin am liebsten auf dem Boden und betrachtete – ganz offensichtlich zufrieden – die Dinge um ihn herum.
«Wir können ihn so nicht in den Kindergarten schicken» sagte Herlinde eines Abends zu Sorin.
«Wie so?» fragte Sorin.
«Er spricht nicht, er bewegt sich kaum, und Frau Henggart sagt mir, er spielt auch nicht mit ihren Kindern, obwohl sie sich ganz süss um ihn bemühen.»
Frau Henggart war Mirlinds Tagesmutter in Schwechat. Sie hatte selber zwei kleine Kinder und hatte sich bereit erklärt, Mirlind während der Woche, wenn Sorin und Herlinde in Wien bei der Arbeit waren, bei sich aufzunehmen, wenn ihr Herlinde dafür am Wochenende die Wäsche machte und ihr die Sachertorte brachte, die die Angestellten des Sacher alle drei Monate günstiger erhielten. Also sass Mirlind von Montag bis Freitag in Frau Henggarts Wohnzimmer und schaute Fernsehen, der bei Frau Henggart den ganzen Tag lief.
«Er mag Trickfilme» sagte Frau Henggart eines Abends, als Herlinde Mirlind abholte. «Er lacht zwar nie, aber er strahlt wie ein Glückskäfer, wenn der Kojote über die Klippe rennt.»
Als ein Brief von der Schulbehörde eintraf mit der Einteilung Mirlinds in den Kindergarten und der Einladung zu einem Elternabend, geriet Herlinde in Panik und sah nur noch einen Ausweg. Sie packte noch in derselben Nacht ihre sieben Sachen, fuhr mit Mirlind mit dem Regionalexpress nach Wien und von dort aus mit dem Nachtzug nach Innsbruck, wo sie den ersten Reisebus ins Montafon bestiegen.
Ihr Vater war unterdessen gestorben und ihr ältester Bruder hatte den Hof übernommen. «Du kannst kommen und hier wohnen,» hatte er am Telefon gesagt, «aber Du musst arbeiten, und Dein Sohn auch. Kann er Kühe hüten?»
Sorin war traurig, als Herlinde und Mirlind Schwechat verliessen, aber er wusste auch keine bessere Lösung. Womöglich hätte man ihnen Mirlind weggenommen, und in den Bergen würde es ihm gut gehen. Vielleicht würde auch er später ins Montafon ziehen, aber im Moment konnte er es sich noch nicht vorstellen, der Knecht des Bruders seiner Frau zu sein.
Es stellte sich bald heraus, dass Mirlind sehr gut Kühe hüten konnte. Er bewegte sich zwar noch immer sehr langsam und nur ungern, aber es gefiel ihm ganz offenbar, auf der Weide zu sitzen und den Kühen und Rindern zuzuschauen, wie sie den ganzen Tag Gras assen und widerkauten.
Und die Kühe schienen sich in seiner Anwesenheit wohlzufühlen und entfernten sich nie weit von ihm. «Ich glaube, ich kann mir den Zaun sparen», sagte Herlindes Bruder eines Tages zu seiner Schwester. «Der Kleine» (so nannte er Mildrid seit seiner Ankunft) «ist der geborene Hirt.»
Herlinde arbeitete viel, meist im Haus und im Garten, und wenn das Heu eingebracht werden musste auch an den steilen Hängen, aber sie war zufrieden, weil sie sah, dass es Mirlind gut ging.
«Er liebt die Tiere,» schrieb sie Sorin auf eine Postkarte, die das Gebirge zeigte, «vor allem die Kühe. Und die Kühe lieben ihn.»
Und Sorin schrieb zurück (auf einer Postkarte, die das Riesenrad auf dem Prater zeigte):
«Das wundert mich nicht. Spricht er jetzt?»
«Nein, er spricht nicht,» antwortete Herlinde. «Aber er ist ein guter Junge. Zwei Meter und vierundvierzig.»
Alles passte auf dem Hof im Montafon, es war wie ein Paradies für eine Mutter und ihren Riesen, aber irgendwann kam es zum Streit zwischen Herlinde und ihrem Bruder. Wegen einer Lappalie, aber der Streit eskalierte und führte am Ende dazu, dass Herlinde mit Mirlind den Hof verliess und aus dem Montafon wegzog. Sie reiste nur nachts und kam irgendwann in einem Vorort von Zürich an, wo es ihr, Gott weiss wie, gelang, eine Wohnung zu mieten.
***
Als ich Mirlind zum ersten Mal sah, erkannte ich ihn nicht. Es war zwei Uhr morgens. Ich war aufgestanden, weil ich auf die Toilette musste. Danach ging ich in die Küche, weil ich Durst hatte. Es war Vollmond. Ich brauchte das Licht nicht anzumachen. Ich öffnete den Wasserhahn und liess das Wasser laufen, bis es wirklich kalt war. Dann trank ich und drehte mich während dem Trinken vom Spülbecken weg zur Balkontüre.
Alle Häuser in der Umgebung waren dunkel. In keinem einzigen Fenster brannte Licht. Auch die Wohnung gegenüber war dunkel. Aber im Mondlicht konnte ich erkennen, dass die Balkontüre offenstand. Mit dem Rücken an den Türrahmen gelehnt glaubte ich die Silhouette unserer Nachbarin zu erkennen. Was machte sie da um diese Zeit?
Am Balkontisch, mit dem Rücken zur Wohnung, war ein Umriss, der aussah wie ein sitzender Mann, nur viel zu gross. Ich ging wieder zu Bett und träumte mit seltener Klarheit von Menschen, die ich seit der gemeinsamen Schulzeit nicht mehr gesehen hatte.
Mitsamt ihren Namen marschierten sie vor mir auf – ein nicht enden wollender Umzug von Kindern, die ich mit ganz wenigen Ausnahmen gleich nach der Schulzeit aus den Augen verloren und seither kaum einmal an sie gedacht hatte. Es war unglaublich, wie viele Gesichter und Namen aus dem Nichts auftauchten und sich in meinem Traum anmeldeten.
Jetzt, wo sie pensioniert und einige, wie mir zu Ohren gekommen war, bereits verstorben waren, kamen sie als Kinder zu mir zurück. Sie versammelten sich auf dem Pausenplatz des Bläsi-Schulhauses in Höngg, wo heute ein Hallenbad steht, als wollten sie ihr Leben von da weg noch einmal leben. Oder war ich es, der das wollte?
Ein paar Tage später erwachte ich um drei Uhr und ging auf die Toilette. Danach ging ich in die Küche und goss mir ein Glas Wasser ein. Als ich mich umdrehte und zum Balkon hinüberschaute, sah ich denselben Umriss am Balkontisch wie vor ein paar Tagen. Ein sitzender, übergrosser Mann.
Ein grosser Mann in den kleinen Stunden, dachte ich. Vielleicht träumte ich ihn ja. War das Wasser wirklich kalt? Dann bewegte er sich. Es sah so aus, als wollte er aufstehen, aber die Nachbarin trat sofort aus dem Schatten, legte ihre Hand auf seine Schulter und sorgte dafür, dass er sitzen blieb.
Seine Schultern waren breit, sein Kopf war grösser als ein normaler Kopf.
Ich rührte mich nicht, damit man mich nicht entdecken würde, und wartete darauf, wie es weitergehen würde.
Mein Traum von den Schulkindern hatte nach ihrer Parade auch ein paar Erlebnisse aus der Schulzeit zurückgebracht. Am Rande des Pausenplatzes gab es einen Fahrradständer, bei dem man die Fahrräder mit dem Vorderrad an Haken aufhängen konnte. Eines schlimmen Tages stiess ein Junge beim Fangspiel einen anderen Jungen in den Rücken und dieser stürzte mit dem Gesicht voran in einen dieser Haken und stach sich ein Auge aus. Im Traum war es ein Stummfilm, aber ich konnte mich an den Schmerzensschrei erinnern. Der Name des Jungen kam mir nicht mehr in den Sinn. Ich weiss nur noch, dass er einen älteren Bruder hatte und dass beide blaue Windjacken mit Kapuze trugen. Hiess einer von Ihnen vielleicht Andreas? Der Einäugige oder sein Bruder?
Nach einer Weile (es mochten zehn Minuten vergangen sein, vielleicht aber auch nur zwei – in den kleinen Stunden ziehen sich die Minuten in die Breite), trat die Nachbarin aus dem Schatten, ging zum Tisch und der sitzende Mann erhob sich. Er musste über zweieinhalb Meter gross sein. Er ging zum Balkongeländer und schaute sich um, dann nahm sie ihn bei der Hand und führte ihn zur Balkontüre, wo er sich tief vornüber neigen musste, bis er eintreten konnte. Die Nachbarin schloss hinter ihm die Balkontüre und zog die Vorhänge zu.
***
«Unsere Nachbarin versteckt einen Riesen» sagte ich beim Frühstück zu meiner Frau.
«Was…?»
«Ich habe ihn gestern Nacht gesehen, als ich ein Glas Wasser trank, schon zum zweiten Mal, aber beim ersten Mal hatte ich ihn noch nicht erkannt. Er sitzt in den kleinen Stunden am Balkontisch und sie steht im Türrahmen und wacht über ihn. Er ist ein wohlbehüteter Riese.»
«Bist Du sicher, dass es nur Wasser war…?»
«Du glaubst mir nicht, oder? Heute Nacht wecke ich Dich, wenn er wieder am Tisch sitzt.»
Aber in den folgenden Nächten erschien der Riese nicht auf dem Balkon. Zwei Wochen vergingen, ohne dass sich auf dem Balkon gegenüber etwas bewegte, und ich begann bereits zu glauben, dass ich ihn wirklich geträumt hatte, den Riesen der kleinen Stunden.
Dann, in einer Nacht von Sonntag auf Montag, sah ich, dass die Balkontüre offenstand, und nachdem ich eine Weile vergeblich darauf gewartet hatte, dass die Nachbarin und ihr Riese auf dem Balon erscheinen würden, hörte ich ein leises Singen aus der Wohnung.
Ich wusste sofort, dass es der Riese war, der mit heller Stimme ein Kinderlied sang.
«Jetzt falled d Blättli wieder, de Summer isch verbii…»
Er sang ganz langsam. Ich konnte nicht anders, ich musste weinen.
Als ob sie mein Weinen bemerkt hätte, kam die Frau und schloss hastig die Balkontüre.
***
Drei Wochen später ass ich mit einem Freund in einem Gartenrestaurant Eglifilets im Bierteig und Blattsalat. Wir sprachen über Arzttermine, Ferienpläne und darüber, dass wir wieder einmal zusammen eine Fahrradtour machen sollten.
Mein Freund ist ein pensionierter Lehrer. Er hilft ab und zu noch in seiner alten Schule aus. Im Moment war er gerade Schuldirektor zwischen dem alten und dem neuen Schuldirektor. Daneben macht er Freiwilligenarbeit. Er hilft Immigrantenkindern bei ihren Hausaufgaben und ihren Eltern beim Ausfüllen der Steuererklärung. Ich bekomme immer ein wenig ein schlechtes Gewissen, wenn meine Freunde von ihrer Freiwilligenarbeit erzählen, weil ich nichts mache.
«Ich leiste übrigens jetzt auch Freiwilligenarbeit», sage ich beim Dessert.
«Wirklich? Was machst Du?» fragt mein Freund.
«Ich gebe Kurse für Leute, die sich für die Diplomatenprüfung vorbereiten.»
Mein Freund lacht. Er kennt mich zu gut und weiss, dass ich das zuallerletzt tun würde. Nicht einmal für viel Geld. Er denkt, das Ganze mit meiner Freiwilligenarbeit war ein Scherz, und fragt nicht nach, was ich wirklich tue.
So kann ich ihm nicht erzählen, dass ich zweimal pro Woche einen Riesen hüte, um seine Mutter, unsere Nachbarin, zu entlasten.
Ich habe begonnen, mit Mirlind Spiele zu spielen, damit er nicht den ganzen Tag nur Fernsehen schaut. Wir spielen Memory und Eile mit Weile. Beim Memory ist Mirlind praktisch unschlagbar. Er sieht Bildpaare, die ich nicht als solche erkenne. Beim Eile mit Weile fährt er mit seinen und meinen Figuren, vorwärts und rückwärts, und weil er so gerne würfelt, würfelt er auch für mich. Wenn eine Figur überholt wird, setzt Mirlind sie nicht in ihr Haus zurück, sondern in den Himmel. So ist am Ende jedes Spiels niemand mehr zuhause und alle Figuren sind im Himmel vereint. Mirlind strahlt dann vor Freude und greift zur Fernbedienung.
***
A la plage (Pastellkreide auf Papier)
1. April 2026Von linken und rechten Ufern und allem, was sich auf ihnen befindet
1. April 2026(anstelle einer Oster-Reise nach Paris)
Wer am Ostern verreist, ist bekanntlich selber schuld. Im Geiste spart man nicht nur viel Geld, man vermeidet auch Stau und Wartezeiten, und sollte man trotzdem einmal ein Gepäckstück verlieren, ist in der Regel ausser ein paar Gedanken und Sätzen, die man sich leicht wieder zuschreiben kann, nicht viel verloren.
Wenn man in Paris auf der Pont des Invalides steht und in Richtung des fliessenden Wassers der Seine blickt, während man von seiner Frau (oder einer anderen Person, mit der man gerne reist) fotografiert wird, liegt das linke Flussufer links und das rechte Flussufer rechts.
Durch die praktische Konvention, dass mit Blick in Fliessrichtung eines Flusses das linke Ufer links und das rechte Ufer rechts liegt, in die angenehme Lage versetzt, mit Ortskenntnissen anzugeben, die man gar nicht hat, weist man mit ausgestrecktem Arm mit der linken Hand nach links, während sich die rechte Hand auf das steinerne Brückengeländer stützt, und sagt: «Hier ist die Rive Gauche».
Wenn die Strömung einmal so schwach wäre oder der Nebel so dicht, dass die Fliessrichtung mit blossem Auge von einer hohen Brücke aus nicht zweifelsfrei festzustellen wäre, kann man stattdessen einfach von der Quelle des Flusses her in Richtung seiner Mündung blicken. Von Paris bis zum Plateau von Langres, wo die Seine entspringt, sind es allerdings fast 250 km Luftlinie, und es ist deshalb einfacher, talabwärts zu schauen, um die Lage des rechten und linken Flussufers zu bestimmen.
Obwohl auch das nicht unbedingt weiterhilft. Wie sich – entgegen der übermütigen Redensart – nicht überall wo ein Wille ist, auch ein Weg finden lässt, ist auch nicht überall, wo ein Fluss ist, ein Tal. Oft gab es einmal ein Tal, das vom Wasser des Flusses gegraben wurde, ein Kerbtal oder ein Sohlental, aber mit der Zeit sind viele dieser fluvialen Täler verschwunden, weil die Erosion die Hügel an ihren Flanken abgetragen hat, oder weil die Talebene so weit ist, dass es wirkt, als hätten sich die flankierenden Hügel schon vor langer Zeit vom Fluss getrennt.
Es kommt aber auch vor, dass man in einem Gletschertal steht (einem sogenannten U-Tal oder Trogtal), das durch die Bewegung des Gletschereises entstanden ist, ganz ohne Mitwirkung eines Flusses, womit sich die Bestimmung des linken und rechten Ufers erübrigt. Auch tektonische Täler, die entstehen, wenn sich die Erdkruste nach dem Aufstehen streckt und Teile dazwischen absinken, kommen ganz ohne Flüsse aus und die Uferbestimmung ist somit ebenso wenig ein Thema wie bei durch das Einstürzen unterirdischer Hohlräume entstandenen Einsturztälern, falls man sich in einem Karstgebiet aufhält, ohne es zu wissen.
Die Unterscheidung von rechts und links wird im Kindesalter erlernt. Trotzdem ist es auch mit weit über sechzig Jahren noch verwirrend, wenn man sich auf der Invalidenbrücke umdreht und das Wasser kommt einem entgegen und das Rive Gauche liegt nun plötzlich rechterhand.
Ein Cousin von mir, der lange in Zürich als Zoowärter gearbeitet hat, vielleicht sogar heute noch arbeitet, hat zur Bestimmung des Geschlechts von Zebras empfohlen, sich hinter das Tier zu stellen. Ich habe das nie wirklich begriffen, habe es aber, ehrlich gesagt, auch nie ausprobiert. Man kommt ja auch nicht ohne Weiteres in ein Zebragehege.
Die linke und rechte Körperhälfte mit ihren jeweiligen Körperteilen werden anatomisch aus der Sicht des Individuums beschrieben, das – wie im Beispiel – auch ein Zebra sein kann. Man spricht deshalb von einer egozentrischen Sicht (wobei mir nicht bekannt ist, dass Tiere egozentrisch wären). Die Übertragung dieser Sichtweise auf die Körper anderer Personen, erfordere einen weiteren Lernschritt, so lese ich, und möchte gleich ergänzen «…und auf Tiere, zum Beispiel Zebras».
Wie das Zebragehege im Zürcher Zoo nur einen Teil des ganzen Zoos ausmacht, der seit meiner Kindheit massiv vergrössert wurde, umfasst die Rive Gauche nur diejenigen Teile von Paris, die südlich der Seine, also – wenn wir in Richtung von Le Havre schauen und uns Le Havre kurz vorstellen – links liegen (ausser wir bewegen uns gerade flussaufwärts). Rive Gauche umfasst somit das alte Zentrum der Stadt mit dem Quartier Latin und den Vierteln Germain-des-Prés und Montparnasse, nicht aber die Randgebiete im Südwesten und Südosten der Stadt, die lieber für sich bleiben.
Auch Nebenflüsse oder Zubringer werden auf diese Weise in linke oder rechte Flüsse benannt und bei Seen werden die Ufer nach der Abflussrichtung in ein rechtes und linkes Ufer eingeteilt, wobei bei einer Seeumrundung schwer feststellbar ist, wo man das linke Seeufer verlässt oder ob man das rechte schon betreten hat.
Auch bei Tälern wirkt sich die linke und rechte Seite in Fliessrichtung des Talgewässers aus, indem man von linken Hängen oder rechten Gipfelgraten spricht. Bei einem Gletschertal oder bei tektonischen Tälern, ganz zu schweigen von Einsturztälern, die alle ohne Flüsse entstanden sind, kommen die Hänge und Grate ohne Richtungsbezeichnung aus. Ein Hang ist da ein Hang, ein Berggrat ein Berggrat.
Das Einzige, was sich überall gleichbleibt, ist, dass auf der gegenüberliegenden Seite, je nachdem, aus welcher Richtung man gerade kommt, alles anders ist, oft sogar umgekehrt.
Die Konvention, die Ufer und alles, was sich auf ihnen befindet, in Fliessrichtung der Flüsse in links und rechts zu unterteilen, wurde im deutschen Sprachraum Anfang des 18. Jahrhunderts erstmals angewandt. Sie löste die bis dahin gebräuchlichen diesseits und jenseits ab. Der Vorteil von links und rechts sei, hiess es damals, dass wenn jemand in Leipzig sagte, die Stadt Mainz liege jenseits des Rheins, diese Aussage für jemanden in Strassburg schwer verständlich war. Es sei deshalb vor der Festlegung des linken und rechten Ufers gemäss Fliessrichtung des Flusses immer darauf zu achten gewesen, wo sich der Verfasser der Geschichte gerade aufhielt.
Dem wäre anzufügen, dass es auch unter Anwendung der neuen Konvention zuweilen verwirrend sein kann, wenn etwa die Rive Gauche plötzlich auf der rechten Seite ist, wie bei unserer Reise nach Paris. Am einfachsten wäre es vielleicht, wenn man sich nicht dabeihätte. Es gäbe dann nur die Seine mit ihrer Fliessrichtung von der Quelle zur Mündung, ihr Wasser, das unter der Invalidenbrücke hindurchfliesst, und die Rive Gauche da, wo sie hingehört, auf der linken Seite. Niemand auf der Pont des Invalides, der sich umdrehen und verwirrt sein könnte.
Oh je, nun sind wir, so scheint mir, entgegen meiner einleitenden Behauptung, auf unserer geistigen Reise doch noch irgendwie in einen Stau geraten, und das tut mir aufrichtig leid. Vielleicht liegt es daran, dass der Fluss meiner Gedanken mäandert – ähnlich wie die Seine in ihrem Unterlauf in der Normandie, wo sie grosse Talschleifen gebildet hat, um die sich die Schiffe mühen, ohne gross vorwärts zu kommen.
Vielleicht sind meine Gedankenflüsse aber auch nur auf einer bestimmten Länge schiffbar, und irgendwann müssen die Lesenden an Land, um wieder festen Boden unter den Füssen zu haben, egal auf welchem Ufer.
(Frohe Ostern!)
Bauernhaus, Regensdorf (Pastellkreide auf Papier)
27. März 2026Schreib über mich!
27. März 2026(vom Erkennen)
«Schreib über mich.»
«Wie bitte…?»
«Schreib über mich!»
«Was soll ich denn schreiben? Ich weiss nichts über Dich.»
«Erfinde etwas. Oder erinnere Dich.»
Sagte es, und verschwand im Strom der Menschen, die an diesem strahlenden Vorfrühlingstag beim Mythenquai dem See entlang flanierten, tauchte unter in der Menge, im Stimmengewirr, im Nichts, aus dem sie gekommen war.
Es war lange kalt gewesen. Noch am Vortag lagen die Temperaturen bei drei Grad. Und dann so ein Tag, als wäre man mit einem Schlag mitten im Frühling angelangt, als wollten alle Knospen zusammen aufgehen, jetzt, sofort, als würde die Welt mit einem Mal zu tanzen und hüpfen beginnen, als seien alle Schlafenden zusammen aufgewacht und niemand, überhaupt niemand hätte es noch drinnen ausgehalten, alle drängten gleichzeitig raus ins Freie, in die Sonne, in ihr neu erwachtes Leben.
Schreib über mich, hatte sie gesagt. Unvermittelt hatte sie sich vor mir aufgebaut wie eine Zöllnerin am Grenzübergang in ein mir unbekanntes Land. Sie versperrte mir den Weg und sagte: Schreib über mich!
Woher wusste sie, dass ich schreibe? Ging sie davon aus, dass sie irgendjemanden aus der flanierenden Menge ansprechen konnte, eine zufällige Passantin, einen beliebigen Spaziergänger, weil heute fast jeder und praktisch jede irgendwann schreibt?
Was soll ich denn schreiben? hatte ich gefragt, Ich weiss nichts über Dich.
Erfinde etwas, hatte sie geantwortet. Dann hatte sie auf dem Absatz kehrt gemacht und kurz bevor sie in die Menge abtauchte, drehte sie sich noch einmal halb zu mir um und rief mir über die Schulter zu:
«Jetzt hast Du bereits einen ersten Dialog für meine Geschichte.»
«Das ist kein Dialog», rief ich ihr nach, «Das ist ein Wortwechsel…».
Dann war sie weg.
Ich schaute mich um.
«Wir kennen uns nicht» sagte ich zu einem älteren Mann, der stehengeblieben war und mich mit strengem Blick musterte.
«Schämen Sie sich» sagte er, und wandte sich von mir ab, und eine junge Frau in einem roten Mantel, die offenbar die ganze Zeit direkt hinter mir gestanden hatte, fügte an: «Jawohl, schämen Sie sich. So geht man nicht mit seiner Freundin um!»
«Also…» sagte ich, «…spinnt ihr jetzt alle? Ich kenn die Frau doch gar nicht.»
Ich ging weiter. Wenn ich hier noch länger stehenbleibe, befürchtete ich, werden sie mich festnehmen und über mich zu Gericht sitzen. Zwei Jahre bedingt wegen mutwilliger Vernachlässigung einer Unbekannten, ein Rayonverbot an Wochenenden für das untere Seebecken, dazu eine Ordnungsbusse wegen Verursachung eines Volksauflaufs an einem sonst so sonnigen Sonntag (so-so, so-so!) plus natürlich die Anwalts- und Verfahrenskosten sämtlicher involvierter Parteien.
Was hatte diese Frau von mir gewollt? Warum sollte ich über sie schreiben? Und was? Wollte sie, dass ich ihr ein Leben erfinde? Ein kurz gefasstes, hätte ich ihr gesagt, wenn wir die Zeit gehabt hätten, ihren Auftrag zu besprechen, kriege ich vielleicht hin. Ich kann kurze Texte schreiben. Für ein ausführlich erzähltes Leben bin ich definitiv nicht der Richtige. Das endet bei mir unweigerlich als Anfang in der Schublade bei meinen anderen Anfängen. Soll aus Ihnen ein Anfang in meiner Schublade werden, der nie seine Mitte findet, obwohl er ein Ende wüsste? Das kann nicht Ihr Wunsch sein, oder? Wo rennen Sie hin?
Oder erinnere Dich, hatte sie gesagt. Erfinde mich, oder erinnere Dich.
Läuft es am Ende nicht auf dasselbe hinaus? hätte ich Sie gefragt, wenn wir die Gelegenheit gehabt hätten, ihren Wunsch zu besprechen. Erinnerungen erfinden wir ja auch, je phantasievoller, desto weiter sie zurückliegen.
Kannte ich sie womöglich? Ich hatte keinerlei Erinnerung an sie. Sah sie jemandem ähnlich, den ich einmal gekannt hatte? Mir fiel keine Frau ein, an die sie mich hätte erinnern können. Hatte sie sich mit den Jahren so stark verändert, dass ich sie nicht mehr erkannte? Wahrscheinlich würde ich mich auch nicht mehr erkennen, wenn ich mich so lange nicht gesehen hätte. Hatte die Zeit sie unkenntlich gemacht für mich? Hatten sich die Jahre über sie gelegt wie Herbstblätter über einen Schlüsselbund, der einem beim Spazieren aus der Hosentasche gefallen ist, als man ein Taschentuch hervorkramte? Hatte ich sie absichtlich vergessen? Und woher kam all das Laub im März?
Konnte man Menschen, die man einmal gekannt hatte, vielleicht sogar gut, ganz vergessen, aus Nachlässigkeit oder weil man sie vergessen wollte? Wer war sie für mich, als ich sie noch erkannte, weil ich sie zu kennen glaubte, und wer wurde sie, als ich sie vergass?
Hatte sie mich auch vergessen, dann aber wieder erkannt, als wir uns in der Menge über den Weg liefen? War es ein einseitiges Wiedererkennen? Und wenn wir uns wirklich gekannt hatten, wieso sollte ich dann über sie schreiben? Hätte sie dann nicht eher gefordert (denn das war es, eine Forderung, kein Wunsch), dass ich über uns schreibe? Über das, was damals zwischen uns nicht weitergehen konnte? Wegen mir?
Was für Unsinn rede ich da. Es konnte nichts gewesen sein zwischen uns. Dafür war sie viel zu jung, jetzt jedenfalls, und ich vermute, sie war es schon damals. Sie war maximal so alt wie meine Töchter, die damals, wenn es dieses damals wirklich gab, noch gar nicht geboren waren.
Ich trank auf dem Bauschänzli noch einen Kaffee und ging dann nachhause. Ich schaute die Sportschau und blieb danach beim Rumzappen bei einem alten Film mit Buster Keaton hängen. Ich wunderte mich, dass solche Filme immer noch ausgestrahlt werden, aber ja, es ist wahr: Die Trauer auf seinem Gesicht ist nicht zu überbieten.
In den nächsten Tagen und Wochen war ich sehr beschäftigt. Ich arbeitete viel, ohne zu wissen, woran, und an den Abenden traf ich mich mit niemandem. Ich las ein langes Buch von John Irving, in dem der Teufel Gott unter die Arme greift, und ging trotzdem früh zu Bett. Ich war im Begriff, die Frau, die sich mir unvermittelt in den Weg gestellt hatte, zum zweiten Mal zu vergessen, sollte ich sie wirklich einmal gekannt haben. Die seltsame Begegnung mit ihr trat immer mehr in den Hintergrund meines Bewusstseins. Länger werdende Schatten legten sich auf das Mythenquai und am Bürkliplatz wurden die Geleise erneuert, wieder einmal, bevor es, kurz darauf, wie mir schien, zum ersten Mal schneite, aber ich kann mich natürlich irren. Der Roman hatte mehr als 300 Seiten.
Als ich sie fast restlos vergessen hatte, stand die Frau ein zweites Mal vor mir. Diesmal am Anfang des Rennwegs, wenn man von der Oetenbachgasse herkommt. Ich erkannte sie sofort.
«Was machst Du denn für ein Gesicht?», fragte ich.
«Du hast mich falsch erfunden», antwortete sie, derweil ich mich wunderte, wie stark sie seit unserer letzten Begegnung gealtert war.
«Das tut mir Leid» sagte ich. «Soll ich es noch einmal versuchen?»
«Nein» sagte sie, mit einer Bestimmtheit, die keinen Zweifel daran liess, dass das unsere letzte Begegnung war. Dann entfernte sie sich in Richtung St. Peter Kirche.
Ich schaute ihr nach, bis sie ausser Sichtweite und, ich war mir sicher, aus meinem Leben verschwunden war. Als ich weitergehen wollte, stolperte ich über eine Einkaufstasche. Sie musste sie stehen gelassen haben.
Sie enthielt eine blaue Wolljacke von PKZ. Ich weiss bis heute nicht, wem ich sie schenken soll.
Zwei Häuser (Pastellkreide auf Papier)
17. Januar 2026Dinge über Pia
17. Januar 2026(Beobachtungen zu Ohrläppchen und ihrem Zusammenhang mit dem Auftauchen von Erinnerungen)
An der Nordstrasse in Zürich-Wipkingen gibt es eine kleine Confiserie, hinter der sich ein Durchgang in die frühen Sechzigerjahre befindet. Das wissen aber die allerwenigsten Leute, wenn es ausser mir überhaupt jemand weiss.
Viele fahren hier jeden Tag mit nur noch 30 Stundenkilometern vorbei und es ist, obwohl es ihnen unendlich langsam vorkommt und sie damit drohen (wem, ist nicht ganz klar), eines Tages am Steuer einzuschlafen, immer noch zu schnell, als dass ihnen irgendetwas auffallen könnte.
Die meisten bemerken nicht einmal die kleine Confiserie mit den drei Treppenstufen, der verglasten Eingangstür und dem schmalen Schaufenster mit dem rosa gestrichenen Rahmen.
Aus Distanz betrachtet könnte es auch ein Änderungsschneider sein, oder einfach ein schmucker Hauseingang. Es ist aber eine Confiserie, von deren Existenz nur die Glücklichen wissen. Auch von ihnen, so vermute ich wenigstens, die hier – je nach Saison – Profiteroles, Blätterteigpastetli oder Osterkuchen kaufen, hat kaum je einer den Durchgang gefunden. Dabei ist er an Tagen, an denen er geöffnet ist, nicht besonders schwierig zu entdecken.
Wenn man unter dem Jugendstil-Kronleuchter steht und den Confiseur, einen freundlichen alten Mann, nach Saint-Honorés fragt, kann man hinter ihm den Durchgang zu seiner Wohnung sehen. Direkt hinter dem Durchgang hängt ein Spiegel im Flur an der Wand. Dieser Spiegel führt in die frühen Sechzigerjahre, und man braucht dazu nicht einmal Madeleines zu essen.
Es ist nun nicht so, dass ich besonders aufmerksam wäre und den Durchgang deshalb entdeckt hätte. Ich bin nicht dafür bekannt, Dinge zu sehen oder zu finden, die sonst keiner sieht und findet. Im Gegenteil, ich gehöre eher zu denen, die Dinge übersehen und verlieren, und wenn ich ab und zu einen Moment lang glaube, ich hätte etwas erfunden, stellt sich im nächsten Augenblick heraus, dass es schon Hunderte vor mir erfunden haben.
Dass ich den Durchgang in die frühen Sechzigerjahre gefunden habe, hat allein damit zu tun, dass ich in den letzten Jahren viel Zeit in Augenkliniken zugebracht habe und dabei immer wieder aufgefordert worden bin, auf das linke Ohr des behandelnden Augenarztes (in Ankara ein Arzt, in Wien eine Ärztin, in Zürich ein Arzt) zu schauen, während er (dann sie, dann wieder er) mit Hilfe einer blendend hellen Spaltlampe mein Auge untersucht hat.
Irgendwann ist es mir dann zur festen Angewohnheit geworden. Ich schaue meinem Gegenüber während wir reden früher oder später unaufgefordert auf das linke Ohr. Nicht andauernd natürlich, ich starre das linke Ohr nicht an. Ich will es nicht in Verlegenheit bringen.
Ich behalte den Augenkontakt mit der Person, mit der ich spreche, aber zwischendurch schaue ich immer wieder auf das linke Ohr, womit ich möglicherweise – aber bestimmt ohne jede Absicht – den Eindruck erwecke, ich würde mich für die Vielfalt der Formen von Ohrläppchen interessieren.
Einmal hat mich eine Schuhverkäuferin, der aufgefallen sein muss, wo ich während unserem Gespräch über Turnschuhe hinschaute, begeistert gefragt, ob ich auch Ohrläppchen studiere. Sie glaubte in mir einen Gleichgesinnten gefunden zu haben.
„Was soll ich studieren?“
„Ohrläppchen. Lobulus auriculae...“
Und als sie meinen leeren Gesichtsausdruck sah, fügte sie mit einem verschwörerischen Unterton an:
„Seth Weinberg und die 49 Gene…“
Blank…
„Sagt Ihnen nichts?“
„Nein, tut mir Leid. Haben Sie die in Grösse 44?“
Natürlich habe ich das zuhause nachgelesen. Ich wollte kein zweites Mal so unwissend in einem Schuhgeschäft stehen.
Lange war man offenbar davon ausgegangen, dass die Form des Ohrläppchens, ob freihängend oder angewachsen, von einem einzigen Gen bestimmt wird.
Der Inder Pratap Dutta hat dann 1963 zuerst „A Note on the Ear Lobe” und danach “Further Observations on Ear Lobe Attachment” publiziert und dabei nachgewiesen, dass Eltern mit angewachsenen Ohrläppchen auch Kinder mit freihängenden Ohrläppchen haben können. Es war eine Befreiung.
2017 bewies ein von Seth Weinberg geleitetes Forschungsteam an der Universität von Pittsburgh mittels einer Studie an fast 75‘000 Probanden aus aller Welt, dass mindestens 49 Gene Einfluss darauf haben, ob das Ohrläppchen hängt, angewachsen ist oder irgendetwas dazwischen.
Fünf Jahre später, an einem sonnigen Mittwoch im September 2022, ich hatte den Confiseur gerade nach Saint-Honorés gefragt, schaue ich also auf sein linkes Ohr und daran vorbei, weil sich im Spiegel, der im Flur hinter der Confiserie hängt, etwas bewegt hat.
Es sieht so aus, als wäre der Spiegel flüssig und eine sanfte Welle würde ihn von unten nach oben durchwandern.
***
Ich war an jenem Tag, als ich den Wasserspiegel entdeckte, zum ersten Mal seit meiner Gymnasialzeit wieder durch die Nordstrasse gefahren. Ich half meiner jüngeren Tochter beim Einzug in eine kleine Wohnung in einer Seitenstrasse der Nordstrasse, und wir hatten in ihrer alten Wohnung ein paar Kartons mit Hausrat geladen.
Als wir durch die Nordstrasse fuhren, sagte ich zu meiner Tochter: „Siehst Du die pinke Tür und das Schaufenster? Das ist eine Confiserie. Kaum zu glauben, dass sie noch existiert.“
„Warum sollte sie nicht mehr existieren?“, fragte meine Tochter.
„Weil mir meine Tante Pia, als ich ein kleiner Junge war, hier Süssigkeiten gekauft hat. Das war Anfang der 60er-Jahre. Ich war 5 oder 6 Jahre alt. Die kleine Confiserie wirkte schon damals wie aus einer anderen Zeit und heute gehört sie eigentlich in ein Märchenbuch. Tante Pia wohnte damals hier an der Nordstrasse. Von ihr stammt die Geschichte von Barry, die ich euch einmal erzählt habe. Erinnerst Du Dich?“
„Nicht gerade, nein… hilf mir auf die Sprünge“, sagte meine Tochter.
„Barry war der Familienhund, als Tante Pia im Aargau aufwuchs. Als die Familie Konrad nach Zürich in eine kleine Stadtwohnung in Albisrieden zog, konnten sie Barry nicht mitnehmen. Sie beluden einen kleinen Lastwagen mit ihrem Hausrat und fuhren nach Zürich. Ich erinnere mich nicht, bei wem sie Barry zurückliessen. Bei einem Nachbarn? Auf jeden Fall blieb Barry nicht dort, wo sie ihn zurückgelassen hatten. Barry riss aus und stand eines Tages vor dem Miethaus in Zürich, wo die Konrads seit zwei Wochen wohnten. Wie er es gefunden hatte, konnte man sich nicht erklären, und ob er bleiben durfte, habe ich vergessen. Ich will nichts anderes glauben als ja.“
„Doch, das hast Du uns schon einmal erzählt“, sagte meine Tochter, „Es ist eine schöne Geschichte.“
„Ja, das ist es. Ich weiss nur nicht, ob sie Tante Pia wirklich erlebt hat.“
„Was meinst Du?“
„Ich bin sicher, sie wird in vielen Familien erzählt. Ob sie in allen von einem Familienmitglied erlebt wurde, ist eine andere, im Gunde genommen völlig irrelevante Frage, weil sie der Schönheit der Geschichte nichts hinzufügt und ihr nichts wegnimmt. Vielleicht war Barry genau genommen nicht Tante Pias Hund, aber Tante Pia war genau genommen auch nicht meine Tante, sondern die Tante meiner Mutter.
Das war mir als Kind aber nicht bewusst, und es hätte auch keinen Unterschied gemacht. Tante Pia war unser aller Tante Pia, auch mein Vater, der ihr einst (Kraft seines Amtes als mein Vater) den Titel des Familien-Pabstes verliehen hatte, nannte sie Tante Pia, obwohl sie nicht seine Tante war.
Den Titel hatte er ihr verliehen, weil sie gegen die Heirat meiner Eltern war. Unsere Mutter, eine Konrad, war Katholikin, und Tante Pia opponierte gegen ihre Heirat mit meinem protestantischen Vater. Sie kam nicht an die Hochzeit und unsere Mutter soll deshalb am Hochzeitstag geweint haben.
Tante Pia war die Schwester meines früh verstorbenen Grossvaters. Ob die jüngere oder die ältere kann ich nicht sagen. Das lässt sich nicht mehr mit Sicherheit eruieren, weil man niemanden mehr fragen kann, der es wüsste.
Einmal im Jahr, um die Weihnachtszeit, nahm Tante Pia meine Schwester Marianne und mich mit ins Bernhardtheater oder ins Metzenthin Theater.
Diese Theaterbesuche waren jeweils ein Ereignis für uns, denn wir gingen nicht ins Theater mit unseren Eltern. Wir gingen auch nicht ins Kino, an Konzerte oder an Sportanlässe. Genau genommen gingen wir nirgendwo hin, ausser ab und zu in die Berge.
Wir hatten den Garten und den Sandhaufen und den Birnbaum hinter unserem Haus und die stetig um- und ausgebaute Baumhütte auf dem Birnbaum (unser Vater sagte einmal, der Birnbaum hätte mehr Nägel als Äste).
Wir hatten den Bauernhof unten an der Michelstrasse und die Kuhweide hinter dem Haus. Wir hatten den Wald hinter der Hügelkuppe, wir hatten die Pfadfinder im Wald, deren Schnitzeljagden wir regelmässig in die Irre leiteten, und wir hatten den Club der Schwarzen Masken – wir hatten alles, was wir für eine glückliche Kindheit brauchten.
Tante Pia hatte fünf Freunde. Vielleicht hatte sie mehr als fünf, aber es gab fünf, von denen wir Kinder wussten, sofern es sich nicht um ein und denselben handelte, was sich wie so vieles nicht mehr klären lässt.
Der erste hiess Werner. Mit ihm ging sie in die Oper. „Gestern war ich mit Werner in der Oper“, würde sie uns auf dem Weg ins Bernhard Theater sagen. „Sie haben Tosca von Verdi aufgeführt.“
Meine Schwester und ich, sauber gekleidet links und rechts an ihrer Hand gehend, neigten uns vor und schauten uns fragend an ihrem Rock vorbei an. Wir wussten nicht, was eine Oper war, und auch diesen Fredi, der Tosca verführt hatte, was immer das auch heissen mochte, kannten wir nicht. Wovon sie wohl sprach?
Mit ihrem zweiten Freund ging Pia wandern. Erstaunlicherweise hiess auch er Werner. „Werner und ich waren letztes Wochenende auf der Rigi, Kinder. Wart ihr auch schon auf der Rigi?“ Wir sagten nein, weil es stimmte, wir waren noch nie auf der Rigi, obwohl wandern eines der Dinge war, die wir (neben Eile mit Weile spielen) regelmässig mit unseren Eltern taten.
Das war dann aber eher in den Flumserbergen oder im Bündnerland, und die Begeisterung meiner Schwester für das Familienwandern hielt sich in Grenzen, weil fast auf jeder Wanderung unweigerlich der Moment kam, wo ich in einen Bergsee oder einen Bergbach fiel und sie mir einen Teil ihrer Kleider abgeben musste, damit ich nicht nass nachhause wandern musste.
Der dritte Werner war der Werner für Konzerte. Tante Pia ging mit ihm in die Zürcher Tonhalle und ab und zu reiste sie mit ihm bis nach Leipzig oder Wien, wo sie zusammen den dortigen Philharmonikern zuhörten. „Werner und ich haben die Philharmoniker gehört“, sagte Tante Pia dann. Und man konnte ihr ansehen, dass es ihr gefallen hatte.
Marianne und ich vermuteten, dass es sich um den selben Werner handeln könnte, mit dem Tante Pia die Oper besuchte. Das würde doch passen, oder nicht? Der Musikwerner.
„Ist der Konzertwerner eigentlich der selbe wie der Opernwerner?“ fragte ich Tante Pia einmal, aber sie lachte nur (sie hatte ein helles Lachen, das ihr, wenn sie länger lachte, Tränen in die Augen drückte) und sagte „Du hast eine blühende Phantasie, Walterli.“
Ich verstand das als Nein und ging in der Folge davon aus, dass jeder Werner sein eigener Werner war, ausser natürlich dass sie alle fünf Pias Werner waren. Ich stellte jedenfalls keine Fragen mehr.
Mit dem vierten Werner ging Tante Pia in den Zoo und am See spazieren. Sie schien ihn nur im Sommer zu sehen. Wo er sich in den anderen Jahreszeiten aufhielt, war unbekannt.
Der fünfte und letzte uns bekannte Werner war der Werner für Café-Besuche. Ihn erwähnte Tante Pia etwa, wenn sie uns vor dem jährlichen Theaterbesuch zu Honold am Rennweg mitnahm, wo wir uns etwas Süsses, wie sie es nannte, aussuchen durften. „Diese Erdbeertörtchen sind köstlich“, sagte sie, um uns von der Qual der Wahl zu befreien, „Werner hat mich letztes Mal von seinem kosten lassen“.
Die mit Abstand besten Süssigkeiten aber gab es in der kleinen Confiserie an der Nordstrasse, nicht weit von Tante Pias Wohnung, in der sie mit ihrer Mutter (unsere Urgrossmutter) lebte, einer kleinen alten Frau, stets mit einer Wolldecke auf den Knien.
Wenn wir sie mit Mutter besuchen gingen, nahm uns Tante Pia jedes Mal, während Mutter mit ihrer Grossmutter Tee trank, mit in die kleine Confiserie, die damals noch von einer Frau geführt wurde.
All diese Dinge kamen mir wieder in den Sinn, als ich am Tag des Umzugs meiner Tochter mit ihr in die kleine Confiserie trat und am Ohr des Confiseurs vorbei den Spiegel im Flur sah, in dem sich etwas bewegte.
Ich ergriff die Hand meiner Tochter, aber sie war plötzlich gross und meine Hand sehr klein.




