Hitchcock schreitet unbemerkt von dannen

23. April 2022

Als sein erster Roman auf dem Buchmarkt erschien, war Hubert Loosli 83 Jahre alt, und niemand, kein einziger und keine einzige unter den wenigen Lesern und Leserinnen, ahnte auch nur, dass es nicht nur der Abschluss einer vor 9 Jahren begonnenen Trilogie war, sondern der Höhepunkt eines umfassenden literarischen Werkes von sage und schreibe – denn geschrieben hatte sie Loosli alle, und es wäre an der Zeit gewesen, davon zu reden – nicht weniger als 24 Romanen und dreizehn Novellen.

Dabei sollte es dann auch bleiben, womit Looslis Romanerstling, von der Kritik weder gelobt noch verrissen, sondern weitgehend unbeachtet, auch gleich sein letztes Buch wurde, aber auch das wusste an jenem regnerischen Spätnachmittag im Frühling, als der Autor in einer kleinen Buchhandlung in Zürich nach der kurzen Lesung und zwei Gläsern Wasser ein paar Exemplare seines Début-Romans signierte, niemand, nicht einmal Loosli selber. Ganz im Gegenteil sollte er die Buchhandlung kurz darauf mit einer – wie er meinte guten und tragfähigen – Idee für einen weiteren Roman verlassen.   

In der einzigen Buchbesprechung, die ein dem Zürcher Kleinverlag, in dem Looslis Buch in einer auf 1000 Exemplare beschränkten Auflage erschienen war, wohlgesinnter Freelancer für die Zürichsee-Zeitung verfasst hatte (es soll sich dem Vernehmen nach um den Bruder der Verlegerin gehandelt haben, dem wiederum gute Kontakte in die Redaktion der Zürichsee-Zeitung nachgesagt wurden), war von einem Spätberufenen die Rede – eine Bezeichnung, deren Ironie der beschränkten Leserschaft der Zeitung verborgen blieb.

Verborgen blieben den Leserinnen und Lesern auch, weil man etwas, was man gerade kennenlernt, schlecht mit etwas verbinden kann, was man nie kannte, die zahlreichen Querbezüge, Verweise und Reminiszenzen zu Looslis anderen Werken, auch ausserhalb der Trilogie, angefangen beim Umstand, dass sich im Roman von Loosli mehr Protagonisten aus seinen früheren Werken tummelten als Spione in Wien. Die meisten waren mit Loosli alt geworden und würden sich, wenn man sie fragen könnte, an vieles, was sie in den ersten Romanen trieben, damals noch mit langen Haaren, nur noch bruchstückhaft erinnern. 

Loosli hatte an der Universität Zürich Politologie und Anglistik studiert und 1977 seine viel zu lange geratene Dissertation über die Familie Glass im Werk von Jerome D. Salinger geschrieben. «Setzen Sie endlich einen Punkt, Loosli!» hatte ihn sein Doktorvater nach vierhundert Seiten gemahnt. «Ihre Dissertation wird sonst länger als das Gesamtwerk von Salinger»

Aber Loosli konnte nicht aufhören. Es faszinierte ihn, wie am Rande der einen Kurzgeschichte Salingers ein Mitglied der Glass-Familie wie beiläufig erwähnt wird, dem dieses oder jenes widerfahren sei, was dann zum Thema einer späteren Geschichte wurde, womit man erst, und auch dann nur unvollständig und einigermassen, verstehen und nachvollziehen konnte, wie es zum Ereignis hatte kommen können, zum Beispiel zu einem Selbstmord.    

Dass man von einer Person immer nur eine Momentaufnahme sieht, eine im Zusammenhang ihres Lebens stehende Handlung (oder ein Nichtstun) mit einer Vorgeschichte, die im Auge des momentanen Betrachters aus diesem Zusammenhang herausgelöst ist, hatte Loosli schon früh beschäftigt und trieb ihn noch im hohen Alter um. Jede Nebenfigur war in ihrem eigenen Leben, in ihrer eigenen Geschichte, die Hauptfigur, und kam dennoch im Leben anderer stets nur als Nebenfigur oder Komparse vor. Musste das nicht zwangsläufig zu Missverständnissen führen?

Loosli hätte seine Dissertation auch über die Figuren schreiben können, die sich in den von verschiedenen Autoren geschriebenen Kurzgeschichten des Erzählbands «Finbar’s Hotel» über den Weg, beziehungsweise die Korridore eines heruntergekommenen Hotels in Dublin laufen. Jedem der sieben Erzähler, von denen, was durchaus bemerkenswert ist, lediglich einer nicht in Dublin geboren wurde, dort aber längere Zeit gelebt haben soll, waren die Hotelgäste aus den anderen Kurzgeschichten (nicht aber deren Geschichten) bekannt, als sie ihre eigenen Beiträge schrieben.  

Der Auftrag des Herausgebers an die Autoren hatte gelautet, Personen aus den anderen Geschichten irgendwo in der eigenen Geschichte auftreten zu lassen, und sei es nur, dass man eine Hauptperson aus einer anderen Geschichte am Ende eines schlecht ausgeleuchteten Korridors vorbeihuschen oder durch die Hotelhalle schreiten sieht, wie Hitchcock einst durch einen seiner Filme. Loosli hätte darüber sicher wunderbar und bestimmt auch ausführlich dissertiert, aber dafür hätte er 20 Jahre länger studieren müssen, denn das Buch erschien erst 1997.

Am Ende der kurzen Schlange, die sich vor dem Tisch gebildet hatte, an dem Loosli seine Bücher signierte, stand ein dicker – man kann es nicht anders sagen – Mann in Anzug und Krawatte, der ganz hinten beim Eingang gesessen hatte. Loosli nahm das nächste Buch vom kleinen Stapel, aber der Mann sagte: «Nein Danke, sie müssen das Buch nicht signieren». «Kein Problem» antwortete Loosli, und reichte ihm das unsignierte Buch, worauf die Buchhändlerin, die auf dem Signiertisch eine Handkasse aufgestellt hatte, sagte: «Das macht 23 Franken 80, bitte. Brauchen Sie eine Quittung?»

«Nein», sagte der Mann. «Ich kaufe den ganzen Stapel». Und das tat er dann auch wirklich. Er kaufte nicht nur dir restlichen zwölf Bücher, er meldete sich am kommenden Morgen beim Verlag und kaufte die gesamte Erstauflage. Er soll ausserdem hartnäckig versucht haben, von der Buchhändlerin die Einladungsliste zur Vernissage zu erhalten, vermutlich, um den Gästen die signierten Exemplare abzukaufen, aber sie gab nicht nach.  

Heute, gut vier Jahre nach der Präsentation von Looslis Début, präsentiert sich die Situation wie folgt. Der Kleinverlag hat auf eine Neuauflage verzichtet. Warum ist unklar. Immerhin war die erste Auflage ja im Nu vergriffen. Vielleich hatte es mit den finanziellen Problemen des Verlags zu tun, der kurz nach dem Erscheinen von Looslis Buch mit einem anderen Kleinverlag fusionierte, nur um zwei Jahre später trotzdem unterzugehen. Looslis Roman ist auch antiquarisch nicht auffindbar. Es ist fast so, als hätte es ihn nie gegeben.

Was den mysteriösen Käufer der Erstauflage angeht, so lässt es sich mittlerweile nicht mehr mit Bestimmtheit sagen, ob es ihn tatsächlich gegeben hat, oder ob er nicht eine Erfindung von Loosli ist, von diesem vorgeschickt, um die Erstauflage seines ersten Buches aus dem Verkehr zu ziehen, dessen Erscheinen er ein Leben lang herbeigesehnt hatte, nun aber, als es vor ihm auf dem Tisch lag, zu tiefst bereute.

Vielleicht empfand er es als Verrat an seinen nicht publizierten Werken, an all den Figuren, die er darin über Jahrzehnte entwickelt und wachsen lassen hatte, um erst jetzt, wo sie alt waren, den Blick auf sie frei zu geben.

Vielleicht schien ihm auch die Idee für einen weiteren Roman (es wäre sein 25. geworden), in dem ein dicker, gut gekleideter Herr die Erstauflagen von in Kleinverlagen publizierten Romanen gleich nach ihrem Erscheinen aufkauft, als nicht wirklich tragfähig, obwohl ihm der Titel, der ihm dafür in den Sinn gekommen war (Flucht vor Lesern) eigentlich recht gut gefiel. Der dicke Mann wäre darin so etwas wie ein Fluchthelfer gewesen und er selber der Textverdächtige.

Loosli verbrachte die letzten zwei Jahre in einem Altersheim in Zürich-Fluntern. Ich habe ihn ein paar Wochen vor seinem Tod besucht, aber er hat mich nicht mehr erkannt.  «Wien…, so so.» hat er geantwortet, als ich ihm von meinem letzten Posten erzählte. «Reinhard Lettau ist doch nach Wien zurückgekehrt, nichtwahr? Woher schon wieder?»

«Berlin, lieber Hubi, er ist nach Berlin zurückgekehrt. Aus Amerika.»

«Dann geh ich nach Berlin. Ich muss ihn fragen, ob ich Flucht vor Gästen verwenden darf.… Was hatte er in Amerika zu suchen?»

«Er ist gestorben, Hubi. Du könntest höchsten seine dritte Frau fragen. Dawn Telowski oder so. Keine Ahnung, ob sie noch lebt und wo sie sich aufhält.»

«Hubi…?»  

Loosli sass aufgerichtet in seinem Bett, in seinem Rücken mehrere Kissen, und schaute mich abwesend an. Hatte er verstanden, was ich sagte?

«Was hast Du mit seinem Titel vor, Hubert?»

«Flucht vor Lesern», antwortete er. «Mein letztes Buch.»  

«Ich freue mich darauf, Hubi.»

«Ich mich auch», sagte Loosli, «Ich mich auch». Und nach einer kurzen Pause: «Du musst jetzt gehen. Ich habe Deinen Namen vergessen.»

Goofy zurückgeben

16. Januar 2022

Wenn mir ein Name nicht mehr einfällt, wende ich bei der Suche eine einfache Methode an, die in den meisten Fällen rasch zum Erfolg führt. Ich gehe in meinem Kopf die Buchstaben des Alphabets durch und denke dabei an die Person, deren Name mir entfallen ist. Manchmal kommt mir schon beim ersten Durchlauf der Name in den Sinn. Zum Beispiel beim Buchstaben C – ja, natürlich: Carver! Raymond Carver.

Wenn der Name sich beim ersten Aufruf seines Anfangsbuchstabens nicht direkt meldet, ist es oft so, dass beim Aufrufen einzelner Buchstaben ein kleines Lämpchen zu blinken beginnt. Das bedeutet dann, dass diese Buchstaben mit grosser Wahrscheinlichkeit im Namen, den ich suche, vorkommen. Nicht notwendigerweise als Anfangsbuchstaben, und es ist unklar, ob im Nachnamen oder im Vornamen, aber sie kommen irgendwo im Namen vor.

Ich arbeite dann mit diesen paar Buchstaben weiter, die mein Gedächtnis markiert hat (zum Beispiel ein A und ein O), indem ich Namen durchgehe, die entweder mit ihnen beginnen oder die markierten Buchstaben enthalten. Sehr oft gelange ich so rasch zum gesuchten Namen (zum Beispiel Joe Montana, als ich den Namen des legendären Quarterbacks der San Francisco 49ers in den 80er-Jahren suchte).

Natürlich hätte ich seinen Namen auch mit einer Suchmaschine finden können, aber auf viele Namen, die mir entfallen, hören oder hörten keine berühmten Menschen, die man im Internet findet. Wenn ich zum Beispiel nach dem Namen von einer meiner beiden Lehrerinnen in der ersten bis dritten Primarklasse suchen müsste, wäre das mit Google (Schulhaus, Jahr, Lehrkörper) vielleicht nicht völlig unmöglich, aber die Suche in meiner eigenen Ablage würde mehr Erfolg versprechen und ginge schneller. Ich muss übrigens beiden Namen nicht suchen. Sie heissen (oder hiessen?) Felicitas Suter und Frau Moor. Sie waren gut zu mir.

Wenn ich beim ersten Alphabet-Durchlauf keinen Erfolg habe, gehe ich das Alphabet noch einmal durch, auf der Suche nach einer Markierung – einer nur schwach und kurz flimmernden Signallampe – die ich beim ersten Durchlauf übersehen haben könnte.  Oft geben sich der Name oder einzelne seiner Buchstaben dann beim zweiten oder dritten Durchlauf zu erkennen. Ein Buchstabe oder der ganze Name kommt sozusagen aus seinem Versteck hervor. Eine zusätzliche Hilfe ist es (sozusagen eine verfeinerte Suche), wenn ich mich an die Silbenzahl des Vor- oder Nachnamens zu erinnern glaube. Ich suche dann Dä Dä-dä-dä und setze die markierten Buchstaben ein (Joe Montana).

Es ist verblüffend, wie oft es mir gelingt, mit dieser simplen Methode innerhalb kürzester Zeit einen mir entfallenen Namen zu finden. Es scheint so, dass die Namen der Personen im Gedächtnis alphabetisch abgelegt sind und wenn man die in ihnen vorkommenden Buchstaben erwähnt, meldet das Hirn wie beim Schiffleinversenken einen Treffer.

Natürlich klappt die Methode nicht immer, aber sie führt in wesentlich mehr Fällen zum Erfolg, als sie kein Ergebnis hervorbringt. Allerdings gibt es interessanterweise auch Namen, die sich dieser Suchmethode strikte verweigern. Jimmy Durante ist so ein Fall. Aus Gründen, die ich nicht kenne, entfällt mir sein Name immer wieder, und jedes Mal, wenn mir seine Musik in den Sinn kommt, die ich sehr mag und die mit schönen Erinnerungen verknüpft ist, muss ich seinen Namen suchen. Auch bei ihm: ich könnte die Songs googeln oder in youtube eingeben, aber diese Suche würde dauern, denn viele der Songs, die ich von ihm kenne, stammen nicht von ihm („You must remember this, a kiss is just a kiss…“ / „As Time Goes by“).

Ich weiss, wenn mir ein Song von ihm in den Sinn kommt, jeweils nur noch, dass der Vor- oder Nachname aus dem Italienischen kommt und dass sein Nachname drei Silben hat, aber ich kann das Alphabet durchgehen, so oft ich will: ausser einem sehr schwachen und kurzen Flimmern der Signallampe beim Buchstaben A passiert gar nichts und dieses A führt mich auf rasch als falsch erkannte Fährten (Adriano, Alfredo, Antonio…).

Meistens kommt mir dann sein Name etwas später in den Sinn, oft innerhalb von einer oder zwei Stunden nachdem ich das Alphabet erfolglos nach ihm durchforstet hatte. „Jimmy Durante“ meldet er sich bei mir, mit einem Mix aus Beleidigung, weil ich die Suche nach ihm aufgegeben hatte, und Triumph, weil er die Buchstaben seines Namens wie kleine Hunde so gut dressiert und unter Kontrolle hatte, dass sie keinen Laut von sich gaben, als ich im Dunkeln ganz nahe an ihnen vorbeiging und ihre Namen rief. 

Wenn sein Name (Jimmy Durante) mir dann also wieder präsent ist, frage ich mich, wie ich es anstellen könnte, dass er das nächste Mal leichter zu finden wäre. Eselsbrücken sind immer eine gute Möglichkeit. Ich habe die Musik von Jimmy Durante vor einem Vierteljahrhundert beim Tennisspielen im Garten eines Freundes in den USA kennengelernt. Wir spielten ein gemütliches Doppel und über die Aussenlautsprecher seines Hauses konnte man „Make Someone Happy“ hören. Vielleicht könnte Jimmy Connors die Eselsbrücke zu Jimmy Durante sein?    

Vielleicht ist es aber auch gut so. Jimmy Durante hat offensichtlich den Dreh raus, wie er sich meiner Suche entziehen kann, und ich sollte ihm nicht mit neuen Methoden zu Leibe rücken, schon gar nicht mit Jimmy Connors, den ich nie besonders mochte. Jimmy Durante hat mich bisher jedes Mal aufgesucht, kurz, nachdem ich ihn erfolglos gesucht hatte, und wenn ich es mir überlege, ist das viel schöner als der kleine Triumpf einer erfolgreichen Suche.    

Manchmal muss man nicht nach Namen suchen. Sie kommen ganz von selbst und man weiss nicht, woher, geschweige denn warum sie einen so unverhofft aufsuchen. In der Nacht vom 28. auf den 29. November 2015 wachte ich in meinem Bett in Ankara auf und der Name eines kleinen Jungen mit schwarzen Haaren und fröhlichen Augen  kam mir in den Sinn, mit dem ich in den Kindergarten gegangen war. Heinz Ramildi.

Ich war eines schönen Nachmittags bei ihm zuhause zum Spielen und als ich nachhause ging, liess ich eine kleine Goofy-Figur mitgehen. Nach ein paar Tagen plagte mich mein Gewissen, und ich erzählte es meiner Mutter. „Du musst ihm die Figur zurückgeben“, sagte meine Mutter, und als ich ein nächstes Mal bei Heinz zu Besuch war, mischte sich Goofy wieder unter die anderen Spielsachen von Heinz, die am Boden verstreut waren. Wo immer Du bist, Heinz: es tut mir Leid.

Aber nicht genug mit Heinz und Goofy. Gleich nach Heinz kam Celal, ein türkischer Junge mit schwarzem Kraushaar, der mit Heinz und mir im Kindergarten war. Hatte Heinz ihn gerufen? „Hey, Celal, komm schnell, ich habe Walter gefunden!“

Mit Celal hatte ich eine Auseinandersetzung und er hat mich einmal auf dem Kiesplatz des Kindergartens zu Boden geworfen. Wurde das eine nächtliche Klassenzusammenkunft? Aber anstatt weitere Kindergärtner kamen als Nächstes Primarschüler. Regula, Roger und Maja, mit denen ich die 1.-3. Klasse besucht hatte.

Dann (wahrscheinlich war Maja das Verbindungsglied, da wir die gesamte Primarschule zusammen verbrachten) kam ein ganzer Schub von Namen aus der 4. bis 6. Primarklasse, es war ein lautes Gedränge und alle wollten gleichzeitig eintreten. „Langsam, langsam,“ sagte ich, „sonst sticht sich wieder einer ein Auge aus“ (was im Veloständer dieses nicht mehr existierenden Schulhauses tatsächlich passiert ist).

Ich stand aus meinem Bett auf, ging in mein Arbeitszimmer und begann an meinem Schreibtisch eine Liste der ankommenden Namen zu erstellen. Insgesamt waren es 21. Mit dem Lehrer (Otto Buchschacher) 22. Darunter Mitschüler, mit denen ich fast keinen Kontakt hatte, aber Maja hatte offenbar alle eingeladen. Ein Charterflug?

Dass danach auch noch die meisten meiner Klassenkameradinnen und Kameraden aus der Sekundarschule auftauchten, verwunderte mich bereits nicht mehr (Lehrer Pfaff und Gräser). Nur war es diesmal so, dass offenbar ein Name dem nächsten rief, bis dem letzten nichts mehr einfiel.

Die Liste der Namen meiner Mitschüler/innen aus dem Gymnasium stellte ich dann aktiv zusammen. Es schien mir angebracht, sie auch noch einzuladen, wenn das hier offensichtlich eine spontane Klassenzusammenkunft wurde mit mir als gemeinsamem Nenner. Wenn ich aktiv sage (im Gegensatz zu passiv bei den anderen Klassen, die mir erschienen, ohne dass ich etwas zu ihrem Erscheinen Beigetragen hätte), stimmt das auch nicht ganz. Ich habe lediglich die neue Kette ausgelöst. Philipp Grendelmeier, rief ich, und Philipp rief Thomas, Thomas rief Bruno, Bruno den anderen Thomas, dieser rief Rolf, und so weiter und so fort.

Irgendwann in dieser Nacht, in der ich nicht mehr zum Schlafen kam, trafen dann noch Kinder aus meiner Wohnstrasse am Hönggerberg ein, mit denen ich nicht zur Schule gegangen war. Einer meiner Primarschulkollegen war ziemlich ungehalten, als sie eintraten. «Was habt ihr hier zu suchen?», aber meine Frau, die vom ganzen Lärm der Veranstaltung längst aufgewacht war und die ganze Gesellschaft bewirtete (keine Ahnung, wie sie das wieder alleine hinkriegte), beruhigte die Situation. «Es hat noch mehr Flammenkuchen auf dem Esstisch. Bedient euch doch, bitte!»

Eine Handvoll Erwachsene begleitete die Kinder aus meiner Strasse. Zum Teil waren es Eltern der Kinder, mit denen ich nie zur Schule ging, zum Teil Paare ohne Kinder. «Frau Knupp,» sagte ich, «bin ich nicht gross geworden»? Sie hatte jedes Mal Freude am kleinen Walter, wenn sie mit einer Tragtasche voll Alkohol auf dem Heimweg war. «Und wussten Sie, dass ich vor vielen Jahren eine Geschichte über sie geschrieben habe? Keine Angst, man erkennt sie nicht sofort. Die Geschichte heisst Why do you drive so fast? und sie heissen Cynthia Knapp.»  

Sie kneift mich in die Backe und sagt etwas zu mir, was ich nicht mehr weiss, aber ich freue mich, dass sie nicht nach Alkohol riecht. Sie ist die erste, die ich in dieser Nacht umarme.  

Wovon ich schreibe, wenn ich vom Schreiben schreibe

15. Januar 2022

Im Jahr 2007, in dem ich zwei neue Hüftgelenke eingesetzt erhielt (neben meinen nach einem Sportunfall früh ersetzten beiden Schaufelzähnen die Ersatzteile 3 und 4 in meinem Körper) und von meiner ersten Frau geschieden wurde, erschien Haruki Murakamis Roman „Hashirukoto ni tsuite katarutoki ni boku no katarukoto“, was so viel heisst wie „Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede“.

Es ist ein Buch, von dem Murakami sagt, es sei «einfach ein Buch, in dem ich über verschiedenes nachdenke». Im Nachwort nennt er es dann später noch «Lebenserinnerungen», wobei ich vermute, dass das eine ungenaue Übersetzung sein könnte, und es im Japanischen wohl eher «Erinnerungen aus dem Leben» hiess, denn obwohl das Buch hauptsächlich aus  Erinnerungen aus dem Leben von Haruki Murakami besteht und insofern ein sehr persönliches Buch ist, vielleicht sein persönlichstes überhaupt, jedenfalls von denen, die ich gelesen habe, kann man es schlecht als Murakamis Lebenserinnerungen bezeichnen, denn er hat in seinem Leben viel mehr gemacht als geschrieben und gelaufen.  

Ich spreche kein Japanisch. Ich schreibe, aber ich laufe nicht. Mit einer Ausnahme: 1996 (ich lebte damals in Potomac, Maryland, und arbeitete in Washington, D.C.) habe ich etwa ein halbes Jahr lang für einen Marathon trainiert und dann – ich glaube, es war im Oktober – auch wirklich einen absolviert, den Marine Corps Marathon, der durch Washington führt. Er gilt allgemein als ein Marathon, der sich für Einsteiger eignet, für Menschen wie mich damals, die zum ersten (und, wie es sich bei mir herausstellen sollte, auch einzigen) Mal einen Marathon laufen, weil es ein flacher Marathon ist, ohne besondere Schwierigkeiten, ausser der Distanz natürlich, die es zu überwinden gilt.

Es war ein bewölkter Tag und irgendwann während des endlos scheinenden Laufens hat ein leichter Nieselregen eingesetzt. Ich war sehr zufrieden, als ich es endlich geschafft hatte, den Marathon zu absolvieren. Ich erhielt eine Medaille und eine Art Urkunde, die bestätigte, dass ich ein «Finisher» war. Aber am stärksten in Erinnerung geblieben ist mir nicht der Marathon selber, sondern einer der Trainingsläufe dem Potomac entlang, bei dem ich an einem frühen Samstagmorgen beinahe über einen Biber gestolpert wäre, der aus dem Potomac kommend unvermittelt meinen Laufweg kreuzte und im parallel zum Fluss verlaufenden Kanal verschwand.

Murakami hat die Werke von Raymond Carver ins Japanische übersetzt. Von dessen 1981 erschienenem «What we Talk About When We Talk About Love hat er sich das Strickmuster seines Titels „Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede“ ausgeliehen. Im Nachwort bedankt er sich bei Carvers Witwe Tess Gallagher für deren Freundlichkeit, ihm zu gestatten, den Titel auf seine Weise zu verwenden.

Tess Gallagher…? Tess Gallagher? Der Name läutet eine ferne Glocke… Natürlich! Ich stehe von meinem Schreibtisch auf und drehe mich zum Büchergestell hinter mir, wo meine zwei Laufmeter Gedichtbücher stehen. Nach weniger als einer Minute finde ich zwei Gedichtbände von Tess Gallagher. Instructions to the Double und Willingly. Ich meine mich zu erinnern, beide in einem Secondhand Buchladen in Vancouver gekauft zu haben.

Ich habe zuvor und danach in keiner anderen Stadt auch nur annähernd so viele Buchantiquariate gesehen wie in Vancouver. Wenn ich Gallaghers Gedichtbücher nicht in Vancouver gekauft habe, dann in einer der unzähligen Buchhandlungen, die ich 1983 auf einem halbjährigen Roadtrip durch die Vereinigten Staaten durchstöbert habe. Ich habe auf dieser Reise so viele Poetry Books gekauft, dass ich zwei oder dreimal einen Postsack, prall gefüllt mit (meist gebrauchten) Gedichtbüchern, in die Schweiz senden musste.

Die meisten dieser second hand poetry books haben meine über zwanzig Wohnortwechsel mitgemacht und ich nehme viele von ihnen immer wieder einmal mit der zweiten Hand aus dem Regal, weil mir ein Gedicht in den Sinn kommt. Aber es gibt auch einige unter ihnen, die ich, nachdem ich sie damals in der Buchhandlung durchgeblättert und dann in die Schweiz verschifft hatte, nie mehr geöffnet habe. Die beiden Bände von Tess Gallagher gehören zur zweiten Kategorie, obwohl mich „Instructions to the Double“ noch heute als wunderbarer Titel anspricht.

Als ich Willingly öffne, fällt ein Buchzeichen aus dem Buch. The Book Mantel, 2551 Alma Street, Vancouver, B.C. und auf der Rückseite: Frank’s Records (Vancouver’s largest selection of used records). Also hatte ich das Buch tatsächlich in Vancouver gekauft. Ich bin neugierig zu erfahren, ob es den Buchladen noch gibt, und die Suchmaschine führt mich auf einen Blog mit dem Titel: Vancouver As It Was: A Photo-Historical Journey.

Der Blog enthält einen Eintrag vom 3. Mai 2021 mit dem Titel: Gone . . . But Not Forgotten: Used/Antiquarian Bookshops (1970-2020). Im Beitrag sind alle antiquarischen Buchhandlungen aufgeführt, die zwischen 1970 und 2020 in Vancouver existiert haben und die es heute nicht mehr gibt. Es ist eine lange Liste. Bei einigen der verschwundenen Second Hand Bookstores hat es eine Fotografie der Besitzerin oder des Besitzers oder ein Bild der Fassade. Aber nur bei einem einzigen Eintrag ist ein Buchzeichen abgebildet: bei The Book Mantel, und es sieht fast genauso aus wie das, das ich in der Hand halte.  

Im Eintrag kann man lesen, The Book Mantel habe in den 80er-Jahren existiert und einer der Besitzer sei Frank Davis gewesen, dem auch Frank’s Records gleich nebenan gehörte. Davis sei 2017 gestorben und heute befände sich im Gebäude eine Versicherungsgesellschaft. Vielleicht sind die Versicherungspolicen ja die Gedichte des 21. Jahrhunderts. Gibt es Antiquariate dafür?

Von Raymond Carver habe ich vor vielen Jahren fünf Bücher gelesen. Obwohl vieles von dem, was er erzählt, mir als eher düster und trostlos in Erinnerung geblieben ist, habe ich seine Bücher sehr gerne gelesen und seine Art zu schreiben, gefällt mir. Bewundert habe ich auch immer wieder die ungewöhnlichen und oft genialen Titel seiner Kurzgeschichten. „Will you please be quiet, please?“ / “Call if you need me” / “What would you like to see?” / “Nobody said anything” / “What’s in Alaska?” / “Where I’m calling from” und eben “What we Talk About When We Talk About Love”. Die grösste Qualität dieser Titel ist, dass man (jedenfalls geht es mir so), wenn man sie liest, sich gleich hinsetzen möchte und eine Geschichte dazu schreiben.  

Murakami hätte seinem Buch aber auch den Titel «Die Einsamkeit des Romanautors» oder «Die Einsamkeit des Langtextschreibers» geben können, in Anlehnung an Alan Sillitoes «The Loneliness oft he Longdistance Runner». Es hätte den Vorteil gehabt, dass er Alan Sillitoe, der erst 2010 starb, noch direkt hätte fragen können, ob er seinen genialen Titel abwandeln dürfe. Aber nicht nur das: es hätte ihm erspart, sich umsonst oder am falschen Ort bedankt zu haben.  

Raymond Carver starb 1988 mit 50 an Lungenkrebs. Sechs Monate vor seinem Tod haben Tess Gallagher und er geheiratet, was in seinem Wikipedia Artikel im traurigen Eintrag resultierte: Verheiratet mit Tess Gallagher (1988-1988). Tess Gallagher ist über 90 und lebt heute in Irland. Ich frage mich, ob Haruki Murakami sie dort besucht hat, um sie zu fragen, ob er den Titel des Buches ihres Mannes abwandeln darf, oder ob er ihr lediglich geschrieben oder sie angerufen hat. Ich tendiere zur Annahme, dass er sie persönlich besucht hat. und wenn meine Vermutung zutrifft, bin ich mir fast sicher, dass er irgendwann darüber schreiben wird. Vielleicht sogar einen ganzen Roman. Was wäre wohl der Titel?

Beim Recherchieren über Raymond Carver bin ich heute über einen FAZ-Artikel gestolpert, und nachdem ich ihn zu Ende gelesen hatte, hätte ich es vorgezogen, ich wäre damals über den Biber gestolpert. Der Artikel beschreibt ausführlich, wie gross der Einfluss des Lektors Gordon Lish auf das Werk von Raymond Carver war.

Lish hat offenbar bei manchen Geschichten von Carver fast die Hälfte rausgestrichen, die Handlung abgeändert, die Sprache vereinfacht und die Dialoge gekürzt. Drei Viertel aller Carver Stories sollen von Lish ein neues Ende erhalten haben. Der Titel der Kurzgeschichtensammlung „Will You Please Be Quiet, Please?“, die Carvers Aufstieg zum gefeierten Autoren begründete, stammte ebenso von Lish wie fast alle anderen starken Titel von Carvers Geschichten.

Auch der geniale Titel „Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden“, stammt von Lish, der die Geschichte zudem um die Hälfte gekürzt haben soll. Carver hatte dafür den Titel „Anfänger“ vorgesehen. Als Carver die Druckfahnen seines zweiten Buchs sah, soll er Lish angefleht haben, den Druck zu stoppen. Dieser soll ihn aber überredet haben. Das Buch erschien 1981 in der von Lish lektorierten Form und wurde zu einem grossen Erfolg.  

Erst nachdem Carver mit der Dichterin Tess Gallagher zusammengezogen war und mit dem Trinken aufgehört hatte, emanzipierte er sich von Lish und beendete schliesslich die Zusammenarbeit mit ihm.

Es ist mir nicht bekannt, ob Haruki Murakami unterdessen weiss, dass er an der falschen Stelle um Erlaubnis bat, den Titel «What we talk about …» abwandeln zu dürfen. Ich habe meinerseits darauf verzichtet, bei Gordon Lish nachzufragen, ob er etwas gegen den Titel dieses Blog Eintrags einzuwenden habe. Ich habe ihm wie viele andere Leserinnen und Leser viel zu verdanken, aber danke sagen mag ich ihm dafür nicht.

Meine Frau und ich werden Wien Ende Jahr verlassen. Wenn wir nach dem Auszug wieder irgendwo einziehen, wäre es schön, wenn mich jemand (irgendjemand) daran erinnern könnte, dass ich die beiden Gedichtbände von Tess Gallagher im Büchergestell direkt neben die fünf Romane von Raymond Carver stelle, damit die beiden noch etwas länger zusammen sein können.  

Als der Esel über die Brücke kam

15. Januar 2022

Die Arztvisite folgte unmittelbar auf meine Rückkehr von meiner Expedition und natürlich hatte ich Schmerzen, die hauptsächlich vom assistierten Aufstehen und wieder ins Bett Kriechen herrührten, aber auf die Frage des Oberarztes, wie ich mich fühle, sagte ich ohne zu zögern: „Gut!“. Er war ziemlich jung und hatte eine einseitige Punkfrisur, und vielleicht war er mit seinem weissen Kittel gar kein Oberarzt, sondern lediglich der diensthabende Stationsarzt, denn es war Sonntag und das Spital lief nicht auf allen Zylindern.

Aber vielleicht war ich ja auch kein richtiger Patient und wir befanden uns alle in einem postum veröffentlichten Roman von Stanislaw Lem, in dem nicht nur die Dame am Empfang sondern auch der Autor längst nicht mehr wussten, wo die Realitätsebene gerade lag. Mit Bettenfahrstühlen war sie jedenfalls nach drei Tagen Schmerztherapie mit hin und wieder ein paar Substanzen aus dem Milchsaft des Schlafmohns nicht mehr zu erreichen.

Mit seinen zwei noch jüngeren Assistenzärzten, die hinter ihm stehend alles in ihre iPads tippten, was der Stationsarzt von sich gab (“Drei … auf jeden Fall, und 5 Tage ist eine gute Dauer”), hätten sie gut als das Leibarzttrio des gescheiterten Bundeskanzlers durchgehen können.

Ich fragte noch, ob die Bülow-Drainage noch lange meinen Brustkorb leerpumpen müsse, weil es mir schien, als würde sie mir mehr Schmerzen bereiten als alle sechs gebrochenen Rippen zusammen, aber er reagierte nicht auf meine Frage (ausser die 5 Tage wären seine vorweggenommene Antwort gewesen – haben Sie den Kopf angeschlagen?) und teilte mir stattdessen – bereits unter der Türe stehend – mit, das gestrige Röntgenbild hätte nichts Auffälliges zu Tage gefördert. Mich hätte auch das Unauffällige interessiert, denn schliesslich ging es um meine lädierte Lunge, aber die Arztvisite war beendet und ich senkte das Kopfteil per Knopfdruck wieder ab.

Die Visite hatte keine drei Minuten gedauert. Wenigstens blieb mir diesmal die Frage nach meinen Schmerzen auf einer Skala von 1-10 erspart. Moment, ich schau gleich nach!

Ich musste mich nun zuerst ein wenig erholen. Nicht von der Visite, aber von meiner Morgen-Expedition zur Toilette. Mich aufrichten (lassen), auf der Bettkante sitzen, aufstehen und mit dem Rollator den langen Marsch zur Toilette (ich schätze ihn auf 6, maximal 7 Meter) in Angriff nehmen, mich vor der Toilette stehend sammeln (alles natürlich unter Aufsicht eines Pflegers oder einer Pflegerin), nach geraumer Weile pinkeln, gottseidank, dann unter Stöhnen umdrehen, hinsetzen und 10 Minuten ergebnislos sitzen.

Dann gerade noch rechtzeitig (nicht einschlafen!) die rote Reissleine ziehen und den Bremsfallschirm öffnen, der mich kurz vor dem Aufprall auf dem Boden am Fuss der gewundenen Treppe mit einem Ruck hochhebt und mich und die Hunde sanft landen lässt. “Schwein gehabt”, lache ich zu meinem Kulturteam, das auf mich und die Hunde gewartet hatte, um ein Weihnachtsvideo zu drehen, das von Botschaft zu Botschaft um die Welt gegangen wäre. Wahrscheinlich auch ist, einfach ohne mich. So eine blödsinnige Idee aber auch (Haben Sie den Kopf angeschlagen?).

Es zahlt sich eben doch aus, dass ich diese geschwungene Holztreppe nie ohne Fallschirm hinuntergehe, auch wenn mich der eine oder andere Gast oder Mitarbeiter deswegen hinter meinem Rücken sicher schon belächelt hat.

Vor mir hätten zwei ruhige Wochen gelegen, mit einer durch die Covid-Massnahmen leergefegten Agenda und viel Zeit zum Schreiben und American Football schauen, bis dann nach Weihnachten zwei meiner Kinder nach Wien gekommen wären und Anfang Jahr auch meine Frau, die gerade in Israel weilte, um zum zweiten Mal Grossmutter zu werden. Viva la doppia nonna! (Grossmutter mag sie nicht).

Nun liege ich also im Allgemeinen Kranken Haus im 9. Distrikt in Wien und erkläre der ebenfalls weiss gekleideten Frau, die sich alle erdenkliche Mühe gibt, mir ein paniertes Etwas, diesmal mit Reis, schmackhaft zu machen, dass ich es wie gestern und vorgestern und übrigens auch morgen nicht essen werde, danke, aber nein danke.

„Die zwei Semmel vom Frühstück reichen völlig, um meinen Kalorienbedarf zu decken, gute Frau. Ich kann mich ja kaum bewegen“. Ich esse eine Hälfte um 9, eine um 11, eine um 15 Uhr zum Tee und eine am Abend, um mich zu stärken für die zweite Expedition des Tages, die mir jeweils etwas leichter fällt als die Morgenexpedition, nach all den Schmerzmitteln die tagsüber in mich getropft sind oder die ich geschluckt und unter der Zunge habe vergehen lassen.

Es geht mir gut. Es geht mir wirklich gut, auch wenn die rasche Antwort an den Oberarzt eher einem Reflex entsprang, den ich – nicht nur gegenüber Ärzten mit Punkfrisur – in meinem nun schon recht langen Leben entwickelt habe, vor allem in Spitälern. Man landet sonst unvermittelt in der Röhre und die Krankenkasse weigert sich später, die Rechnung zu bezahlen (“Embolien und Sturzgeburten werden bei uns ambulant abgehandelt”).

„Haben Sie den Kopf angeschlagen? Ich muss Sie das fragen.“ Ich öffne die Augen und sehe eine junge Frau in einem blauen Kittel. „Nein“ sage ich. Ich wiederhole mich gerne, denn ich habe wirklich kein Kopfweh. Dann schliessen sich meine Augen wieder. Erst ein paar Tage später stelle ich fest, dass ich doch eine kleine Beule habe, hinten links, und denke, dass es eigentlich unverständlich ist, dass nach einem solchen Sturz niemand meinen Kopf abgetastet hat. Wie hätte ich meinen Kopf spüren sollen, wenn die Schmerzsignale von den sechs gebrochenen Rippen wie eine Blechkapelle alles andere übertönten? Aber vielleicht haben sie meinen Kopf ja abgetastet, mehrmals und sorgfältig. Man kriegt nicht alles mit.  

Nach weiterem Überlegen komme ich rasch zum Schluss, obwohl ich momentan mehr Zeit hätte, nachzudenken, dass es mir nicht nur gut, sondern ausgezeichnet geht. Wer ganz oben auf einer geschwungen Holztreppe mit 36 Stufen ins Wanken kommt und mit zwei Zwergpudeln unter den Armen die ganze Treppe hinunterstürzt, weil er einen Fehltritt mit dem nächsten ausbalancieren will und schliesslich in horrendem Tempo unten ankommt, kurz vor dem fürchterlichen Aufprall auf dem Boden die Pudel in die Höhe werfend, damit sie sich nicht verletzen (man denkt tatsächlich im Fallen), der hat unfassbares Glück gehabt, wenn alles, was er davonträgt, sechs gebrochene Rippen und ein Pneumothorax sind. Obwohl man – und ich erwähne das hier nur deshalb, weil es mir in den Sinn kommt, nicht weil ich einen Hang zum Dramatischen hätte – mit gebrochenen Rippen noch nicht ganz aus der Herberge ist, wie die Franzosen so schön sagen. Aus dem Spital übrigens auch nicht, und das ist wohl gut so.

Vor vielen Jahren, ich war damals um die Vierzig und hatte mich gerade von meiner ersten Frau getrennt, fuhr ich einmal mit meinem gelben Motorrad von Bern nach Zürich zu einer Frau, die ich ein paar Wochen zuvor auf einer Dating-Plattform kennengelernt hatte. Ihr Name fällt mir gerade nicht ein, aber ich wüsste ein paar Eselsbrücken, über die ich ihn wahrscheinlich schnell finden würde. Es scheint mir jedoch besser und irgendwie anständiger, respektvoller, ihn nicht zu nennen, auch wenn wir nichts Unanständiges miteinander angefangen haben, damals.  

Sie wohnte in einem Aussenquartier von Zürich und ihr Wohnort hatte mich zusammen mit ihrem Namen, sofern es denn ihr richtiger Name war, und nicht lediglich ihr Plattformname, vermuten lassen, dass sie vielleicht einen meiner Freunde kenne könnte, der hier aufgewachsen war.

Es war dann aber nicht der Fall. Das heisst, ich habe sie gar nicht danach gefragt, weil ich im Augenblick, als sie die Türe öffnete, wusste, dass sie meinen Freund nicht kannte. Ebenso rasch wusste ich bei ihrem Anblick und noch mehr beim Anblick ihrer Wohnung, dass es ihretwegen keine zweite Fahrt von Bern nach Zürich geben würde. Nicht am Feierabend und schon gar nicht an einem Wochenende.

Es war nicht, dass sie nicht hübsch gewesen wäre. sie war durchaus hübsch, aber sie machte auf mich von der ersten Sekunde weg einen ganz und gar biederen Eindruck. Wobei ich mich gleich bei ihr entschuldigen möchte, für den sehr unwahrscheinlichen Fall, dass sie diese Zeilen irgendwann einmal lesen und sich darin wiedererkennen sollte.

Was heisst bieder und was meine ich damit (meist nicht das gleiche)? Ich kann bieder schlecht erklären, aber vielleicht ist das bereits die Erklärung. Am besten erzähle ich, wie es weiterging. Vor dem Nachtessen sassen wir nebeneinander auf ihrem Sofa und tranken Tee. Es war so, als würde ich mit einer Nachbarin meiner Mutter, die mich freundlicherweise eingelassen hatte, warten, bis meine Mutter, die meinen angekündigten Besuch vergessen haben musste, nachhause kommt.

Irgendwann ergriff ich ihre Hand, aber nach einer Weile liess ich sie wieder los. Als meine Mutter noch immer nicht kam, gingen wir zu Tisch und sie erzählte mir, dass sie sich diese Wohnung vor vier Jahren (oder waren es sechs?) gekauft hatte. Bald nach der Scheidung. Diese Wohnung sei das Allerwichtigste für sie. Ja, ich glaube, das hat sie so gesagt: das Allerwichtigste.

Obwohl die Frau etwa in meinem Alter war, (“Frau, in Deinem Alter, mit Sofa, sucht Kontakt”) war sie gekleidet wie eine Nachbarin meiner Mutter und ihre Einrichtung sah aus wie ich mir die Einrichtung der Nachbarin meiner Mutter vorgestellt hätte, wenn ich darüber nachgedacht hätte. Sie habe ihre Wohnung sehr sorgfältig (womit sie geschmackvoll gemeint haben muss) eingerichtet und sie lasse nicht viele Leute in ihre Wohnung, sagte sie. Der Zusammenhang offenbarte sich mir nicht sofort, aber ja, ich nahm gerne noch drei Bratkartoffeln.

Wir tranken je ein Glas gekühlten Weisswein und ein Glas wohltemperierten Rotwein und ich überlegte mir angesichts der bereits ziemlich missglückten Begegnung, ob ich ihr von meinen richtigen Kindern oder von erfundenen erzählen sollte, falls sie mich nach ihnen fragen würde. Aber sie fragte mich nicht. Stattdessen erzählte sie mir von ihrem Grossvater, den sie sehr geliebt habe.

Er sei vor einem halben Jahr in seinem geliebten Garten beim Kirschenlesen von der Leiter gefallen (eine Sprosse sei gebrochen) und habe sich zwei Rippen gebrochen. Nach zwei Tagen im Spital habe man ihn entlassen und in der ersten Nacht zuhause sei er gestorben, weil eine der gebrochenen Rippen seine Lunge durchstochen habe. Tränen kamen ihr hoch. Ich legte meine Serviette gefaltet neben meine Teller und ging um den Tisch herum, um sie zu trösten.

Daraus ergab sich unser erster Kuss und bald darauf waren wir in ihrem Bett, das aussah wie das Bett, das in meiner Erinnerung im Schlafzimmer meiner Grosseltern stand. Sogar ein Kreuz hing über dem Kopfteil, ich konnte es kaum glauben, und ich kam mir vor, als würde ich ihr gerade dabei helfen, ihren betagten Mann zu betrügen und meine Mutter schwer zu enttäuschen.

Als wir fertig waren und ich zu ihr sagen wollte, es sei schon spät und es daure eine ganze Weile, bis ich mit dem Motorrad zurück in Bern sei, sagte sie überraschenderweise, ich könne bei ihr übernachten. “Oh…” sagte ich.

“Nimm Dein Kissen mit” sagte sie, und ging mir voran „Die sind besser als die im Gästezimmer.“ Ich schluckte leer, nahm das Kissen unter den Arm und folgte ihr ins Gästezimmer. Sie hatte sogar eine frische Zahnbürste und Zahnpasta für mich. Ich küsste sie auf die Stirne, wie man das nach 20 Jahren Ehebruch macht, merkte mir die Möbel im Flur, damit ich in der Dunkelheit nicht darüber stolpern würde, und legte mich in ihr Gästebett.

Mein Plan war, zu warten, bis Maggie (sobald ich die Augen schloss, kam der Esel über die Brücke) schlafen würde, und dann leise zu verschwinden. Der Schlüssel, dessen hatte ich mich versichert, steckte. Aber wie lange würde ich warten müssen, bis Maggie sicher schlief? So adrett wie sie war, durfte ich nicht darauf hoffen, dass sie schnarchte.

Als ich mich gerade mit dem Gedanken anzufreunden begann, die Nacht im Gästebett zu verbringen und frühmorgens mit dem glaubhaften Hinweis auf eine frühe Sitzung die Flucht zu ergreifen, öffnete sich die Türe und Maggie kroch unter meine Decke.

Ich sah aufziehende Schmach. Wie sollte ich nur 10 Minuten nach einem durchschnittlichen Vergnügen bereits wieder meinen Mann stellen? Aber meine Befürchtung war völlig umsonst. Sie küsste mich mit einer Innigkeit, die mich im Nu wieder weckte und am Ende erhob sich ihr Grossvater inmitten eines Spatzenschwarms (oder waren es Amseln?) aus dem Kirschbaum und drehte fröhlich zwitschernd über dem Milchbuck in Richtung Bern ab. Maggie und ich schliefen zufrieden ein (jedenfalls glaubte ich, dass sie das auch war), eng umschlungen und unsere Köpfe nebeneinander auf einem ihrer Qualitätskissen.

Auf der Fahrt nach Bern am kommenden Morgen hielt ich bei der Tankstelle in Würenlos und sah, dass eine stattliche Heuschrecke es sich auf meinem Lenker bequem gemacht hatte. Sie sass direkt neben der Kupplung und machte keine Anstalten, abzuhauen, als ich sie berührte. Sie wollte offensichtlich mitfahren, und das tat sie dann auch. Erst in Ausserholligen, an der Freiburgstrasse, als ich mein Motorrad die kleine Rampe hoch in den Keller rollte, hüpfte sie in die Wiese.

Ich hatte es nicht eilig, denn anstelle einer erfundenen frühen Sitzung erwartete mich ein freier Tag. Ich suchte und fand die CD von Rod Stewart, machte mir einen Kaffee und rauchte auf dem Balkon eine Zigarette. „Oh Maggie I Shouldn’t have tried…. anymore“.

Maggie wäre in der kurzen Reihe von Frauen, die ich damals auf Plattformen kennenlernte, irgendwo in der Mitte der Skala von 1-10 gelandet, wenn ich damals eine Skala gehabt hätte. Eine 10 hätte ich nie vergeben können. Aber ich war ja selber auch weit davon entfernt, eine 10 zu sein, hätten die Frauen eine Skala benutzt. Maggie war eine überraschende 5, die als 2 angefangen hatte.

Die schlechteste Bewertung hätte ich einer Frau aus Solothurn geben müssen. Ich besuchte sie mit dem Zug, da die Wettervorhersage für die Nacht Regen angesagt hatte. Wir sassen auf ihrem Sofa (alle meine Dates hatten ein Sofa) und haben geredet, während der Fernseher lief. Ich kann es nicht haben, wenn der Fernseher läuft, ohne dass man sich eine Sendung wirklich anschauen will, aber ich sagte nichts.

Ich weiss nicht mehr, worüber wir geredet haben, und noch viel weniger könnte ich sagen, was am Fernseher lief. Nach einer ganzen Weile auf dem Sofa haben wir uns geküsst, glaube ich, obwohl kein einziger Grossvater gestorben war, und dann sind wir irgendwann in ihrem Bett gelandet. Dort hat sich ausser ein paar weiteren Küssen nichts Nennenswertes ergeben und irgendwann, kurz vor Mitternacht, sagte sie wie aus dem Nichts: „Du kannst übrigens nicht hier übernachten“.

„Und das sagst Du mir erst jetzt?“ antwortete ich, sprang auf und zog mich so schnell es ging an. „Der letzte Zug fährt in 8 Minuten…“ Ich stürzte aus der Wohnung und rannte durch den strömenden Regen in Richtung Bahnhof. Ich hatte Glück und erreichte den Zug gerade noch – zusammen mit dem Schaffner sprang ich völlig durchnässt und nach Atem ringend in den letzten Wagen, der sich, so schien es mir, bereits in Bewegung gesetzt hatte.

Was für eine saublöde Kuh, dachte ich. Es war völlig OK, dass nichts lief, und ebenso OK, dass sie nicht wollte, dass ich die Nacht bei ihr verbrachte. Aber sie wusste, dass ich mit dem Zug gekommen war, sie kannte die Distanz zum Bahnhof und sie muss gewusst haben, dass es nach Mitternacht keine Züge mehr gab.

Am nächsten Abend schrieb sie mir eine Mail und teilte mir mit, sie möchte mich wiedersehen, was mich einigermassen verblüffte. Ich hatte offenbar ihren „Rennt durch den Regen nach Hause“ Test bestanden, aber ich verspürte keinerlei Lust, sie wiederzusehen. Wer weiss, was sie noch für Tests auf Lager hatte.

Ich änderte noch am selben Abend mein Profil auf der Dating Website. „Mann um die Vierzig sucht Frau ohne Sofa. Mietwohnung in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs angenehm.“ Aber es sollte mein letztes Date gewesen sein. Wenige Tage später stellte mir ein Freund, der im selben Quartier wie Maggie aufgewachsen war, seine Exfreundin vor, die dann meine Freundin wurde und 7 Jahre lang blieb. Sie hat den Hüftwechsel noch miterlebt.

Ich blieb nach meinem Treppensturz 8 Tage lang im Spital. Im Patientenbrief, den ich bei der Entlassung aus dem Allgemeinen Krankenhaus erhielt, stand neben anderen Dingen auch der Satz: „Der Patient gibt an, den Kopf nicht angeschlagen zu haben, obwohl er mehrmals danach gefragt wurde.“ Die Sache mit dem Kopf scheint wichtig zu sein. Während man bei sechs gebrochenen Rippen (immerhin die Hälfte des linken Brustkorbes) nur warten kann, bis sie von selbst verwachsen. Gestern ist die harte Kruste des Eingangs der Drainage abgefallen. Ich hielt sie in der Hand und sie erinnerte mich an die unzähligen Krusten, die ich als Kind so gerne von meinen Knien gekratzt hatte. Verrückt, was seither alles passiert ist.    

Kein Tag wie jeder andere

23. November 2021
  • meiner Mutter zum 89. Geburtstag

Ich schreibe den 22. November 2021 und zum Glück bin ich mit diesem Datum nicht alleine. Alle Menschen (sofern sie gerade schreiben und nicht kochen, essen, schlafen, arbeiten, spielen oder ein Kind zeugen), die westlich der Datumsgrenze leben, schreiben den 22. November. Hier in Wien noch dreiviertel Stunden lang.

Meine Mutter wäre heute 89 Jahre alt geworden. Auch damit bin ich nicht alleine. Viele Mütter wären heute 89 Jahre alt geworden, und einige sind es tatsächlich geworden. Alle, die es nicht geschafft haben, habe ich heute Nachmittag kurzfristig zu einem Geburtstagsfest in die Residenz eingeladen. Das war möglich geworden, weil wegen dem ab heute in ganz Österreich geltenden Lockdown eine geplante Abendeinladung ausgefallen ist. Natürlich sind nicht alle gekommen, bei Weitem nicht, das habe ich angesichts der kurzfristigen Einladung auch nicht erwartet, aber glauben Sie mir – die Residenz war voll und es herrschte eine Stimmung wie bei einem Kindergeburtstag.   

Wenn ich am Ende dieses Textes angelangt sein werde, werde ich mich von meinem Schreibtisch erheben und mit meiner Gattin und unseren Hunden die Treppe hinunter und dann ein paar Schritte in Richtung Osten gehen, wo die Hunde im Garten der Residenz ihr letztes Geschäft vor der Nachtruhe verrichten können.    

Ich bin froh, dass der Garten der Residenz auf der Ostseite des Hauses liegt. So bin ich auf der sicheren Seite. Wenn man nämlich die Datumsgrenze in Richtung Westen überquert, kommt man in den nächsten Kalendertag, und ich will das Kuchengeschirr, die Tassen und Gläser und all die kleinen Dinge, die Trompeten, Spitzhüte und Glückskäfer, die aus den Tischbomben geflogen kamen, noch heute wegräumen (jemand hat seinen Schal vergessen).

Die Datumsgrenze, ich habe es gerade nachgelesen, verläuft zwischen den beiden Polen der Erde in der Nähe des 180. Längengrads. Wer über sie hinwegschreitet, gelangt in ein anderes Datum, und zwar in ein früheres, wenn er (oder sie) Richtung Osten geht, und in ein späteres in Richtung Westen. Wenn ich „hinwegschreiten“ sage, ist das allerdings schlecht möglich, denn die Datumsgrenze verläuft mitten im Pazifischen Ozean. Man müsste also darüber hinweg schwimmen oder rudern. Auch ein Motorboot wäre denkbar. Segeln würde ich nicht empfehlen, da es um Mitternacht windstill sein kann.

Andererseits wissen wir alle aus Erfahrung, und dafür muss man nicht 89 werden, dass das Datum nicht Mitten im Ozean, sondern immer dort wechselt, wo es gerade 24 Uhr ist, an der sogenannten Mitternachtslinie. Das leuchtet abgesehen davon, dass wir es schon unzählige Male so erlebt haben (in meinem Fall meistens schlafend) auch viel mehr ein, als eine fixe Linie im Pazifik, die früher oder später ganz den Chinesen gehören wird, und wer weiss, was die dann mit dem Datum anstellen werden.

Des Rätsels Lösung ist offenbar, dass es nicht eine, sondern zwei Linien für den Datumswechsel gibt. Neben der einen Linie, die wir im Schlaf begreifen und die (auf der der Sonne abgewandten Seite) die Erde in 24 Stunden einmal umrundet, muss es zwangsläufig eine zweite geben, weil sonst die Erde ja nicht in zwei verschiedene Tage, in heute und morgen (oder heute und gestern) aufgeteilt wäre, sondern heute würde ungebremst bis direkt an die Datumsgrenze reichen und dort wieder heute beginnen, weil auf der anderen Seite der Linie ja bereits heute wäre und deshalb nicht morgen beginnen oder gestern schon vorbei sein kann.   

Aus Gründen der Geometrie, denke ich, weil etwas nicht an sich selber grenzen kann, kann die runde Erde nur mit Hilfe von zwei Datumsgrenzen in zwei Bereiche mit dem alten Datum (gestern bzw. heute) und dem neuen Datum (heute bzw. morgen) aufgeteilt werden. Dieser andere Datumswechsel findet, so wurde es irgendwann festgelegt, am 180. Längengrad statt.

Die Bewohner beidseits dieses Längengrads haben dann allerdings nicht das gleiche Kalenderdatum. Auf der westlichen Seite ist man einen Kalendertag weiter als auf der östlichen Seite. Zum Glück verläuft diese feste Trennlinie im Pazifik, zwischen den beiden Kontinenten Asien und Amerika, wo nur sehr wenige Menschen leben. Den wenigen Inselbewohnern, die an dieser festen (im Gegensatz zur wandernden) Trennlinie leben, könne es zugemutet werden, so sahen es die Erfinder der festen Datumsgrenze, dass Nachbarn, die auf der anderen Seite der Datumsgrenze leben, immer ein anderes Datum haben.

Liebe Mutter, das mit der Datumsgrenze hat Dich wahrscheinlich nicht wirklich interessiert, und es tut mir leid, dass ich mich so lange mit diesem Thema aufgehalten habe. Bei all den vielen Gästen heute Nachmittag konnten wir ja kaum miteinander reden, obwohl ich Dich gerne vieles gefragt und Dir noch mehr zu erzählen gehabt hätte. Wir haben uns aus der Ferne zugeprostet und ich habe gesehen, wie Du zweimal in die Küche gegangen bist, um mehr Kuchen aufzutragen. Ich wollte das selber machen, weil Du an Deinem Geburtstag Gast warst und nicht die anderen Gäste hättest bewirten müssen, aber ich bin irgendwie nicht durchgekommen.

Du hast gut ausgesehen und es war wunderbar, wieder einmal Dein Lachen zu hören. Lass mir Vater herzlich grüssen und falls das Dein Schal ist, der in der Garderobe hängen geblieben ist, hoffe ich, dass Du einverstanden bist, dass ich ihn behalte.

PS: Weisst Du noch, dass ich den grössten Teil meiner Studienzeit im Mittelalter zugebracht habe? Damals war die Erde eine Scheibe und eine Trennlinie für den Datumswechsel hätte genügt oder wäre, wenn ich es mir überlege, schon eine zu viel gewesen.    

Sonntag, den 21. November 2021

21. November 2021
  • aus dem Tagebuch eines Schreibenden

Gestern bin ich nach einem Unterbruch von mehreren Wochen wieder zu meinem Roman-Manuskript zurückgekehrt. Die Schreibpause war offenbar zu lange. Meine Hauptfigur, ein sechzehnjähriger Klempnerlehrling, fand ich mies gelaunt und unwillig, weiterhin als Ich-Erzähler zu fungieren, auf Seite 24, wo er gerade damit beschäftigt war, die Seitenzahl abzumontieren (auf den vorherigen Seiten fehlte sie bereits).

„Such Dir einen anderen“, waren seine Worte, ohne aufzublicken. „Ich bin raus hier.“ Es hat mich einiges gebraucht, ihn umzustimmen. Er willigte erst ein, zu bleiben, als ich ihm zugestand, dass er die weitere Handlung mitbestimmen darf. Das schränkt mich zwar ein, und ich mag Einschränkungen nicht, aber Mitbestimmung ist ein vager Begriff. Ich werde mir von einem 16-Jährigen die Handlung meines ersten Romans nicht vorschreiben lassen. Er ist der Erzähler, aber ich schreibe. Er wollte noch als Co-Autor auf dem Buchdeckel aufgeführt werden, aber das habe ich kategorisch abgelehnt. Eher, sagte ich zu ihm, suche ich mir eine andere Hauptfigur. Seinen Namen durfte er ändern und die Seitenzahlen muss ich selber wieder einfügen.

Eine weibliche Nebenfigur will gegen mich Klage einreichen wegen Vernachlässigung, oder hat das bereits getan, sie war so wütend, dass ich sie kaum verstanden habe. Und dies, obwohl in meinem Manuskript noch kein Gericht und auch keine Anwälte vorkommen. Ist sie alleine vorausgegangen? Wie weit? Und woher weiss sie, wie es weitergeht? Und wenn es im Verlauf der Geschichte zu einer Sexszene kommen sollte (die Hauptfigur möchte das unbedingt): wird sie dann auch Klage einreichen? Auch gegen mich?  

Vier Randfiguren sind verschwunden und ich musste sie suchen gehen. Einen habe ich nach kurzem Überlegen in einer Kurzgeschichte von Mark Twain wieder gefunden (er hatte kein Geld mehr und schien erleichtert, als er mich sah), einen anderen vermute ich in einem Roman von Lars Gustafsson, den ich unlängst gelesen habe. Ich bin zuversichtlich, dass er wieder auftauchen wird, falls er die Hauptfigur, einen sterbenden Imker, nicht bis ans Ende begleitet.    

Den dritten, einen Zyniker, dem ein Bein fehlt, werde ich wohl abschreiben müssen, oder, besser gesagt, neu schreiben. Er hat mir eine Postkarte geschrieben, die – gemäss Poststempel – nur vier Tage, nachdem ich zum letzten Mal an meinem Manuskript gearbeitet habe, in Odessa abgesandt wurde. „Habe mich der Reiterarmee angeschlossen“, stand grusslos auf der Rückseite der Karte, auf deren Vorderseite der Primorskij-Boulevard abgebildet ist.

Abgesehen davon, dass ich mir schwer vorstellen kann, wie er mit nur einem Bein reiten kann, hätte ich nie gedacht, dass er Isaak Babel liest. Bin überhaupt erstaunt, dass er liest. Aber das zeigt nur wieder einmal, wie schlecht wir unsere Figuren kennen. Vielleicht müsste ich beginnen, mit einem Zettelkasten zu arbeiten, wie es Schriftsteller früher beim Verfassen längerer Werke getan haben. Vor drei Tagen war in der NZZ ein Artikel über solche Zettelkästen abgedruckt, die für Autoren wie Arno Schmidt, Niklas Luhmann und Hans Blumenberg offenbar das wichtigste Arbeitsinstrument waren. „Vielleicht wird das Wirkliche erst wirklich, wenn es auf eine Karteikarte gebannt ist“, stand in der Überschrift des Artikels. Vielleicht wird es auch erst wirklich, wenn die Gewerkschaft der Romanfiguren damit einverstanden ist.

Die vierte Verschwundene hat den Vogel abgeschossen. Wie sie es in wenigen Wochen geschafft hat, von einer eher unwichtigen Nebenfigur in einem Romanmanuskript, das wie meine früheren Manuskripte vielleicht nie zu Ende geschrieben wird, in einem Gedicht von Dylan Thomas die Hauptrolle zu übernehmen, ist mir schleierhaft. Ich kann ihr nur gratulieren und wünsche ihr alles Gute.

Hin und zurück

8. November 2021

(ein Gedicht mit drei Fussnoten)

Vorabend

Lange her

Der Fernseher lief

Das Zimmer war leer

Es war bereits dunkel draussen

Das Fenster zum Hof stand offen

Ich wollte den Fernseher ausschalten

Eine Stimme sagte: Afrika

Der Fernseher läuft

Noch immer     

Noch

1) Fremtilbaks (vom Norwegischen „frem og tilbake“: hin und zurück) ist eine heute nicht mehr gebräuchliche skandinavische Versform mit 11 Zeilen, bei der die Anzahl Worte von Zeile zu Zeile bis auf 6 Worte ansteigt und dann wieder abnimmt bis zu einem Wort.  (Lexikon der ungebräuchlichen skandinavischen Verse, Oslo, 1982)

2) Es gibt keinen wirklichen Unterschied zwischen „abschalten“ und „ausschalten“, aber meist sagt man bei Geräten, wie z.B. einem Fernseher „ausschalten“ und bei einer Anlage, wie z.B. einem Atomkraftwerk „abschalten“ (Google)

3) Es gibt schon einen Unterschied zwischen „abschalten“ und „ausschalten“, aber man wird sich dessen meist erst dann gewahr, wenn man vergessen hat, den Fernseher abzuschalten, während man vergeblich versucht, ein Atomkraftwerk auszuschalten.

Habermanns Verfolgung

18. September 2021
  • eine Geschichte in 4 Etappen

Prolog, Silver Spring, Maryland, USA, an einem sonnigen Herbstmorgen im Jahr 1998

Ein Mann im dunkelgrauen Anzug und mit Sonnenbrille betritt den Eingangsbereich eines Ford Händlers, durchquert die Halle und tritt an den Schalter. Die Empfangsdame begrüsst ihn mit den Worten:
«Guten Morgen, mein Herr, was kann ich für Sie tun?»
«Frederik Johnson, FBI» (er zeigt seinen Ausweis) «Ich brauche die Akten eines Ihrer Kunden: George Habermann. Ein roter Ford SHO.»
Die Empfangsdame lacht. «Da müssen Sie mir aber sagen, welcher der beiden Sie interessiert. Es gibt nämlich zwei George Habermann, die einen roten Ford SHO fahren! Unglaublich, nichtwahr?»
«Ich weiss, aber einer ist verschwunden. Ich brauche den anderen.»

Erste Etappe: Die Tochter der Wahrsagerin (Obersaxen – Washington, D.C.)
vier Jahre vorher, im August 1994

Es ging gar nicht. Es war völlig unmöglich. Wie sollte er sein zweites Ich einholen, das drei Jahre vor ihm gestartet war und somit eigentlich sein erstes Ich war? Es war völlig undenkbar, dass ein Mensch zweimal geboren wurde, im Abstand von wenigen Jahren, und doch hatte die junge Frau genau das behauptet, und zwar nicht von irgendjemandem in einer erfundenen Geschichte, sondern von ihm, George Habermann.

„Du bist nie ganz bei Dir, weil Du Dir vorausgeeilt bist. Wenn Du zu Dir finden willst, wenn Du ganz werden willst, musst Du Dich auf Deine Fersen machen. Und zwar schnell. Je länger Du wartest, desto schwieriger wird es für Dich, dich noch vor dem Ziel einzuholen.“

Und für diesen Unsinn hatte er auch noch 50 Dollar bezahlt, in einer Seitengasse des Dupont Circle in Washington, D.C. Der Schwiegersohn eines längst verstorbenen Schweizer Kinderbuchautors, dessen im Engadin spielende Werke jedes Kind seiner Generation kannte, hatte ihm eine Wahrsagerin empfohlen. Er halte sonst nichts von Wahrsagerinnen, hatte er ihm versichert, aber jedes Mal, wenn er in Washington sei, besuche er sie, und sie enttäusche ihn nie. Es sei einfach unglaublich, was sie über sein Leben wisse, ohne dass er ihr je auch nur das Geringste über sich erzählt habe, und ebenso verblüffend sei, wie oft das, was sie ihm voraussage, dann auch tatsächlich so oder ähnlich eintreffe. Und das alles für 25 Dollar.

Habermann hielt noch weniger als nichts von Wahrsagerinnen und spätestens als er an der Türe klingelte und eine jüngere Frau öffnete und ihm erklärte, ihre Mutter sei krank, aber sie würde sie vertreten, hätte er es sein lassen sollen. Stattdessen folgte er ihr die Treppe hoch in ein nur schwach ausgeleuchtetes Zimmer und setzte sich ihr gegenüber an den kleinen Tisch, auf dem keine Kristallkugel stand – wenigstens das nicht, dachte er.

Wie die Vertretung der Wahrsagerin (wer sagte, dass es sich wirklich um ihre Tochter handelte, und nicht um die Reinigungskraft, die ihre Chance auf ein paar leicht verdiente Dollar gekommen sah?) wissen konnte, dass er in der Schweiz eine ältere Schwester und einen jüngeren Bruder hatte, und dass seine Eltern einige Jahre zuvor kurz nacheinander ums Leben gekommen waren, konnte er sich dann allerdings nicht erklären.

Er hatte sich vorgenommen, der Wahrsagerin keinerlei Informationen über sich zu geben, die sie ihm später auftischen konnte, und hatte das auch mit ihrer Tochter so gehalten. Ja und Nein waren seine einzigen Antworten auf ihre Fragen. Wie es schon in der Bibel geschrieben stand: „Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein; was darüber ist, das ist vom Übel.“ Als hätten die Autoren das digitale Zeitalter vorausgeahnt und ganz nebenbei einen Leitfaden für den Umgang mit Wahrsagerinnen und ihren Töchtern verfasst.

Hatte der Schwiegersohn des Kinderbuchautors vielleicht Informationen über ihn hinterlassen? Wusste er, den er nur zweimal getroffen hatte, im Zusammenhang mit einem Ausstellungsprojekt, das nie zustande kommen sollte, diese Dinge überhaupt? Hatte er sie ihm womöglich erzählt? Es war praktisch ausgeschlossen, obwohl er manchmal zu viel redete, wie ihm seine Frau ab und zu vorhielt. Also beschloss er, anstatt aufzustehen und diesen totalen Blödsinn abzubrechen, sitzenzubleiben und der jungen Frau zuzuhören. Er hatte noch etwas Zeit, bevor seine Mittagspause zu Ende war.

Hatte sie tatsächlich die Gabe Ihrer Mutter geerbt? Oder hatte auch ihre Mutter keine Gabe und ihrer Tochter lediglich das raffinierte Geschäftsmodell beigebracht, während ihr für Prophezeiungen weniger begabter Sohn im Hinterhof den Kilometerstand von Gebrauchtwagen manipulierte?

Nach ein paar weiteren erstaunlichen Aussagen über Habermanns Vergangenheit und seine Gegenwart kam die junge Frau ins Stocken. Sie stützte ihren Kopf in beide Hände, schloss die Augen und begann leise zu stöhnen.
„Ist Ihnen nicht gut?“ fragte Habermann? „Kann ich Ihnen ein Glas Wasser bringen?“ Er hatte zwar keine Ahnung, ob und wo es hier Wasser gab, aber es gab hier bestimmt eine Astgabel, mit der er nach Wasser suchen konnte. Oder ein Pendel.

„Du bist nicht ganz“, sagte sie, ohne die Augen zu öffnen.
„Nicht ganz was?“ fragte Habermann, und dachte: Nicht ganz bei der Sache? Nicht ganz gebacken?
„Du bist nicht ganz. Du bist nicht Dein ganzes Ich.“
„Will heissen…?“
„Ein Teil von Dir ist bereits unterwegs, ist Dir voraus. Vielleicht zwei, drei Jahre, vielleicht auch mehr, schwer zu sagen.“
„I see…“ sagte Habermann, obwohl er in diesem Augenblick weder etwas sehen noch etwas verstehen konnte.
„Du wurdest schon einmal geboren und wenn es Dir nicht gelingt, Dich einzuholen, wirst Du nie ganz sein.“ Mit diesen Worten öffnete sie die Augen.
„Das macht 50 Dollar“
„50?“ fragte Habermann, „Man hatte mir 25 gesagt…“
„Davon weiss ich nichts“ sagte die Tochter der Wahrsagerin, ohne mit den künstlichen Wimpern zu zucken.

Was konnte man tun, wenn sie nichts davon wusste? Wahrscheinlich hatte sie beim Frühstück in ihrem Kaffee gesehen, dass heute ein Europäer kommen würde, der das Doppelte des üblichen Preises bezahlt.

„Möchten Sie eine Verlängerung?“
„Nein, danke“ sagte Habermann, und gab ihr die 50 Dollar. Wer wusste, was bei einer Verlängerung noch alles zum Vorschein kommen würde. Vielleicht war er mit einem vorausgeeilten Teil seines Ichs, das er nun würde einholen müssen, noch gut bedient. Vielleicht gab es noch andere Ichs, die schon wesentlich mehr Vorsprung hatten, oder er würde von einem halben Dutzend später geborenen Ichs erfahren, die ihm wie eine Meute hechelnder Hunde auf den Fersen waren.

Als er ihr die Treppe hinunter zum Eingang folgte, fragte er sie: „Und wie macht man das, wie holt man sich selber ein?“
„Wie beim Velorennen“ sagte sie mit einem Lächeln, während sie ihm die Türe aufhielt, die hinter ihm ins Schloss fiel.

Habermann überquerte die Strasse und nahm die Rolltreppe hinunter zur Metro. Wie man so tief unter einer Stadt ein ganzes U-Bahnnetz bauen konnte, konnte er sich nicht wirklich vorstellen. Die Pyramiden von Gizeh? Gut, das war auch kein kleines Wunder, aber Stein auf Stein und mit unendlich viel Zeit und Sklaven konnte er es sich vorstellen. Ein U-Bahnnetz tief unter eine bereits existierende Stadt zu legen, überstieg hingegen seine Vorstellungskraft. Und trotzdem hatten sie genau das getan.

Was hatte sie gemeint mit Wie beim Velorennen? Er war kein grosser Radsport-Fan und wusste entsprechend wenig über Velorennen. Das einzige Rennen, das er sich hin und wieder im Fernsehen anschaute, war die Tour de France. Was er dabei neben den schönen Landschaften am meisten mochte, war, wie die Mannschaften funktionierten. Wie sie eine Taktik hatten, um ihre Sprinter in Position zu bringen für Zwischenwertungen und Etappensiege oder wie sie ihre Leader zum Gesamtsieg führten, wie die einen für die anderen arbeiteten und alles einem Plan folgte, einer Strategie, die manchmal sogar aufging.

Aber was hatte das mit seiner Situation zu tun? Er hatte kein Team, das ihn an sein ausgerissenes Ich hätte heranführen können. Hatte sie ein Einzel-Zeitfahren gemeint? Sein Ich war vor ihm auf die Strecke gegangen und es ging nun lediglich darum, die von ihm vorgelegte Zeit zu schlagen, um am Ziel ins goldene Trikot des Vereinigten Habermann eingekleidet zu werden?

Oder meinte sie den Windschatten? Riet sie ihm, seinem sich auf der Soloflucht befindlichen Ich im Verlauf des Rennens (was für ein Rennen?) so nahe zu kommen, dass er sich kurz vor der Ziellinie aus seinem Windschatten lösen und sich selber überholen konnte? Wäre das dann ein Doppelsieg oder würde er alleine jubeln?

Zurück im Büro blätterte er noch einen Moment in den Papieren, die ihm der Schwiegersohn des Buchautors hinterlassen hatte, und eigentlich hätte er nun ein paar Museen oder Galerien anrufen sollen, um die Möglichkeit einer Ausstellung auszuloten, aber es fehlte ihm an Energie, um zu versuchen, das Engadin seiner Kindheit nach Washington zu holen, und er fragte sich stattdessen, wieviel Vorsprung sein Ich bereits hatte, in welcher Situation es sich gerade befand und was es gerade tat. Hatte es eine Frau und Kinder wie er? Und was würde geschehen, falls es ihm tatsächlich gelingen würde, sich einzuholen

Zweite Etappe: Über die Brücke rennen (Virginia Beach – Delmarva-Halbinsel)
im Oktober 1996

„Lars Henriksen, Armando da Silva jr., Brandon Barnea, Steven Schenker, John Reilly, James Quigley, Garry Landsman, Tony Marino, Kenneth Anderson…”
„Reich mir doch bitte die Milch rüber…“
„Was…?“
„Die Milch…“
Habermann gab seiner Frau die Milch.
„Dieser Dallas Harrison – was für ein Name – der Junge ist ganze 31 Jahre alt. Fünf Sekunden habe ich ihm abgenommen.“
„Toll…“
Linda goss Milch in ihren Kaffee und beugte sich wieder über ihre Zeitung.
„Andererseits ist da dieser Bill Osburn. 72 Jahre alt. Das wäre dann, warte mal, Jahrgang 1924. Lief locker 16 Sekunden schneller als ich. Kannst Du dir das vorstellen? Ich renne über die Brücke, ich gebe alles, was ich habe, meine Füsse tun mir weh in den teuren Airmax, und auf dem letzten Kilometer, als es mir fast die Lunge zerreisst und ich mich am liebsten auf die Strasse legen würde, zieht dieser Greis locker an mir vorbei, wehendes weisses Haar, ausgelatschte Turnschuhe aus dem K-Mart, „Just do it“ auf dem T-Shirt.
Ist als Zwanzigjähriger in der Normandie gelandet, hat die Nazis eigenhändig besiegt und überholt mich fünfzig Jahre später kurz vor Sandy Point, am Ziel des Bay Bridge Runs. Atmet nicht einmal besonders schwer, während ich nach Luft schnappe. Himmelarschundzwirn!“
„Nicht am Tisch bitte, unterbrach ihn Linda, nicht vor den Kindern.“
„Ist aber so. Der Kerl verdrückt im Zielgelände rasch eine Gratisbanane, trinkt zwei Bier des Sponsors und fährt dann nachhause zu seiner fünfundzwanzigjährigen Frau. Seine dritte, versteht sich. Die zweite hat er nach zwanzig belanglosen Jahren grosszügig abgefunden. Sie telefoniert ihm jedes Jahr zu Weihnachten und hinterlässt jedes Mal dieselbe Nachricht auf seinem Beantworter: „Happy Christmas, Bill, I hate you!“. Dann hängt sie wieder auf. Die dritte Frau hat er im Health Club kennengelernt. Blondes, schulterlanges Haar und ein Gesicht wie ein Filmstar, nur nicht so steril. Stets guter Laune. Und natürlich schwer intelligent, sensibel, sinnlich. Sie bumsen nächtelang und spielen vor dem Frühstück zusammen zwei Stunden Squash.“
„George, Du bist widerlich.“
„Ich weiss…“

Er legte die Runner’s Gazette zur Seite und schenkte sich noch einen Kaffee ein. Dann stand er vom Tisch auf und ging mit der Tasse in der Hand in die Küche. Wieso konnte er sich nicht einfach freuen? Vor sechs Wochen hatte er sein erstes Rennen bestritten. Er würde bald vierzig werden und war tatsächlich noch einmal fit geworden, wie er sich das immer vorgenommen hatte, fit vor 40 und dann weiterrennen bis 85.

Von 1738 männlichen Teilnehmern hatte er die 759ste Zeit erreicht, also fast 1000 Läufer hinter sich gelassen auf den zehn Kilometern über die Chesapeake Bay Bridge. Und das alles bei beträchtlichem Gegenwind. Das war doch eigentlich ein schöner Erfolg, für jemanden, der noch vor ein paar Monaten beim Treppensteigen ins Keuchen gekommen war.

Aus dem Küchenfenster sah er seine Kinder im Garten spielen. Norris und Paul prügelten sich unter der Schaukel und Livia und Cindy füllten im Schatten der Bäume Wasserkessel mit Gras und Blüten. Er riss die Schiebtüre zur Veranda auf und schrie in den Garten hinaus:
„Herrgottnochmal, Norris! Willst Du ihn eigentlich umbringen?“
Aber Paul hatte sich bereits aus dem Griff des älteren Bruders befreit und rannte lachend ans andere Ende des Gartens, im Vorbeiweg gezielt den Kessel von Livia umtretend, worauf diese ihm unter grauenhaften Verwünschungen nachsetzte. Nie wieder würde sie mit ihm spielen. Nie! Und wenn er jetzt nicht augenblicklich…

Habermann schloss die Schiebetüre wieder. Nicht einmal seine eigenen Kinder ertrug er. Er war wirklich ein Prunkstück von Arschloch. Er spülte seine Tasse aus und ging mit der Sonntagszeitung nach oben. Die verdammte Zeitung war so dick, dass keiner sie ganz lesen konnte, auch wenn man früh aufstehen würde und den ganzen Sonntag lang nichts anderes vorhatte.

Dritte Etappe: Die Entdeckung des Schläfers (Potomac – Silver Spring – Potomac)
im September 1997

Drei Jahre waren seit dem Besuch bei der Tochter der Wahrsagerin vergangen. Drei Jahre, in denen die Washington Redskins jedes Mal die Playoffs verpasst hatten, sein Tennispartner Harry an Leberkrebs gestorben war und in denen Habermann kaum je an die unglaubliche Geschichte gedacht hatte, die sie ihm für ebenso unglaubliche 50 Dollar aufgetischt hatte.

Eines schönen Tages, die Bäume hatten gerade damit begonnen, ihr farbiges Laub fallen zu lassen, fuhr Habermann mit dem Garagenauto, das er erhalten hatte, bis sein Wagen aus der Werkstatt kommen würde, von seinem Haus in Potomac zur Ford Garage in Silver Spring, um seinen SHO abzuholen.

Er hatte sich diesen besonderen Wagen kurz nach seiner Ankunft in den USA gekauft. Eigentlich hatte er es ja auf einen Ford Mustang abgesehen gehabt, aber der Verkäufer hatte ihm davon abgeraten. Die Winter in Washington, meinte er, hätten zwar selten viel Schnee, aber die Strassen seien oft vereist, und wenn er auch im Winter zur Arbeit fahren wolle, sei ein Hinterradantrieb nicht ratsam. Stattdessen empfahl er ihm einen Ford SHO.

Ein SHO sei ein auf dem Mittelklassewagen Ford Taurus aufgebautes Sondermodell mit stärkerem Motor (Super High Output), erklärte er, das nur zwei PS weniger habe als der Ford Mustang, aber Vorderradantrieb. Weil man ihm seine Kraft nicht ansehe (er sah tatsächlich fast genauso aus wie ein normaler Ford Taurus, das meist verkaufte Auto in den USA), nenne man das Fahrzeug, von dem jährlich nur 10‘000 Stück hergestellt würden, Sleeper.

Habermann parkierte den Garagenwagen auf dem grossen Parkplatz vor der Werkstatt und trat ins Büro. Er überreichte der Dame am Empfang den Autoschlüssel und sagte:
„Der Name ist Habermann. George Habermann. Ich komme meinen Ford SHO abholen.“
„Hi, Mr. Habermann. Sure. Let me get the paperwork ready for you.”

Sie produzierte eine Rechnung, und Habermann wunderte sich über den für einen normalen Service viel zu hohen Betrag. Er schaute sich an, woraus sich dieser zusammensetzte, und sah rasch, dass es sich nicht um seinen Wagen handeln konnte.

„Das ist nicht mein Auto“ sagte er, „Es war nur ein regulärer Service, und auf dieser Rechnung stehen neue Bremsen, eine neue Kupplung, ein neuer Auspuff…“

Die Dame nahm die Rechnung wieder an sich, schaute sie an und sagte: „Sie haben doch einen roten Ford SHO, Jahrgang 94, richtig?“
„Ja, habe ich, aber…“
„Und ihre Adresse ist George Habermann, 29 Abott Road, Silver Spring, nichtwahr?“
„Nein, meine Adresse ist 25 Wimsley Court, Potomac.“
Die Dame schaute ihn ungläubig an, ging zurück zur Registratur und kam mit einer zweiten Rechnung zurück.

„Das ist absolut unglaublich, Mister Habermann! (absolutely incredible!) Es gibt tatsächlich zwei George Habermanns, beide wohnen in Maryland, beide fahren einen roten Ford SHO und beide haben ihren Wagen zur gleichen Zeit bei uns in der Garage. So etwas habe ich noch nie erlebt…“

So etwas hatte sie bestimmt noch nie erlebt, und nicht nur sie, auch die meisten anderen Einwohner von Maryland, Virginia, Washington D.C. und wahrscheinlich der ganzen Ostküste dürften so etwas kaum je erlebt haben, aber rein statistisch betrachtet war es wohl möglich, dass zwei Personen mit demselben Namen denselben Wagen kauften, in der gleichen Farbe, und ihn dann zur selben Zeit in dieselbe Garage brachten. Die Wahrscheinlichkeit liesse sich wahrscheinlich berechnen, und sie musste ziemlich klein gewesen sein bis zum Eintreffen des Ereignisses.

Zuhause angekommen erzählte Habermann seiner Frau von diesem unglaublichen Zufall und nach dem Abendessen suchte er im Telefonbuch nach der Adresse von George Habermann in Silver Spring. Er fand sie samt Telefonnummer und Beruf: Salesman.

Ruhetag: Doppel an der Partridge Lane, Potomac, Maryland
im September 1998

Habermann wachte gut gelaunt auf an diesem Samstagmorgen. Als er die kurze Hose seines Pyjamas abgestreift hatte, nahm er sie mit dem Fuss vom Boden auf, indem er sie durch die Luft schleuderte und mit dem Ausruf „Didier Cuche!“ mit der Hand auffing, wie es der Schweizer Abfahrer jahrelang nach jedem Skirennen mit seinem linken Ski gemacht hatte.

Seit zwei Jahren spielte Habermann fast jedes Wochenende am Vormittag Tennis mit einer Gruppe älterer Herren, von denen einer, Roemer, auf seinem Grundstück an der Partridge Lane einen Tennisplatz hatte, den sie im Herbst zuerst vom Laub befreiten und im Winter freischaufelten, falls es einmal geschneit hatte.

Der Potomac Tennis and Conversation Club bestand aus einem Dutzend Männern, die meisten unter ihnen zwischen 60 und 70 Jahre alt. Habermann war zusammen mit Arthur, der wie er um die Vierzig war, mit Abstand der Jüngste. Es wurde jeweils ein Satz Doppel gespielt und die Sieger blieben auf dem Platz, während die Verlierer im kleinen Pavillon neben dem Platz oder im Winter in der Küche Kaffee tranken, Zeitung lasen und diskutierten.

Das Schöne daran war, neben dem Tennisspielen, dass man nicht planen und sich anmelden musste. Man ging einfach hin, wenn man konnte und Lust hatte, und es waren immer mindestens vier, manchmal sechs, sieben oder acht Spieler da.

Keiner verlor an der Partridge Lane absichtlich ein Spiel, aber es ging nicht wirklich ums Gewinnen, sondern um den Spass am Spielen und das Zusammensein mit Freunden. Nur Alvin, der zweitbeste Spieler der Gruppe, regte sich jedes Mal fürchterlich auf, wenn er einen Doppelfehler machte, während Harry, wie Habermann einer der schwächsten Spieler der Gruppe und sein Lieblingspartner, nach einem der seltenen gewonnenen Punkt zu sagen pflegte: „Nur etwas ist tödlicher als meine Vorhand: meine Rückhand.“

Auf dem Heimweg von seinem Tennismorgen kam Habermann die Tochter der Wahrsagerin in den Sinn, die ihm von seinem anderen ich erzählt hatte, und er musste an den Mann in Silver Spring mit demselben Namen und demselben Auto denken. Wenn dieser tatsächlich sein anderes Ich war, das vor ihm gestartet war, weshalb war er dann nicht weiter als bis Silver Spring gekommen? War das alles, was man mit zwei oder drei Jahren Vorsprung bis zur Einholung durch das Feld herausholen konnte? Ein paar Punkte für die Bergpreiswertung und einen Umzug von Potomac nach Silver Spring?

Wenn dieser Verkäufer (was verkaufte er wohl?) aus Silver Spring tatsächlich sein früher geborenes Ich sein sollte, war er lediglich sein Vorausgänger? Würde auch er selber in ein paar Jahren in Silver Spring wohnen und als Verkäufer für sagen wir, Kühlschränke, unterwegs sein? Wie würde er dazu kommen, seinen Beruf als Diplomat aufzugeben, um in Silver Spring sesshaft zu werden und Kühlschränke zu verkaufen?

Oder war dieser George Habermann in Silver Spring nicht sein Vorausgänger, sondern ein vor ihm geborenes Ich, das einen ganz anderen Weg gegangen war, eine andere Frau geheiratet hatte und vielleicht nicht vier, sondern zwei oder gar keine Kinder hatte? Lebte er gar alleine?
War nicht nur sein Wagen ein Sleeper, sondern er selber, und er wartete nur darauf, dass er ihn einholen würde?

In der Tour de France wurden Ausreisser, die nach einer langen Soloflucht von ihren Verfolgern gestellt wurden, meistens gleich nach der Einholung stehengelassen und kamen danach mit grossem Rückstand ins Ziel, weil sie sich auf ihrer langen Flucht alleine im Gegenwind zu stark verausgabt hatten. Oder sie schafften es gar nicht mehr ins Ziel und wurden vom Besenwagen eingesammelt, der am Schluss des Trosses all diejenigen Fahrer aufnahm, die aufgeben mussten.

Was würde passieren, wenn Habermann Habermann eingeholt haben würde? Würde sein Vorausgänger nach dem Ende seiner langen Flucht erschöpft in den Besenwagen steigen? Würden beide Existenzen weitergehen, mit vertauschten Rollen, oder nur eine? Und wenn nur eine – welches Leben würde weitergehen: seines oder seines?

Es gab nur einen Weg, um das herauszufinden, und Habermann fürchtete sich davor. Trotzdem bog er nicht von der River Road zu seinem Haus ab, sondern fuhr weiter bis zum Abzweig nach Silver Spring.

Vierte Etappe: Contre la montre (Potomac – Silver Spring)
immer noch im September 1998

Zuerst war es nur ein Punkt, der weit vor ihm auf der geraden Strasse fuhr und nur langsam grösser wurde, dann konnte er das Heck eines roten Personenwagens ausmachen, und schliesslich war er nahe genug, um den Wagen erkennen zu können.

Habermann wurde beim Anblick des vor ihm fahrenden roten Ford SHO von einem Gemisch aus Nervosität, Angst und Anspannung befallen. War er das?
Und was sollte er jetzt tun? Ihm bis nachhause folgen?

Die Wahrsagerin kam ihm in den Sinn. Wie beim Velorennen.
Hatte sie damit gemeint, er solle ihn aus dem Windschatten überholen? Brauchte man Windschatten zum Überholen, wenn man einen SHO mit 240 PS fuhr, weil der andere auch 240 PS hatte?

Was würde passieren, wenn er zum Überholen ansetzte? Würde sich die Zeit krümmen und er würde während des Überholvorgangs nicht nur das Gesicht des Fahrers von der Seite sehen, sondern auch die rechte Seite des Fahrzeugs und das Gesicht der Beifahrerin?
Oder würde gar nichts passieren und der SHO würde in seinem Rückspiegel kleiner werden und schliesslich verschwinden?

Habermann fürchtete sich davor, den SHO zu überholen. Aber er fand auch nicht den Mut, ihm bis nachhause zu folgen und zu sehen, was aus ihm werden würde. Da kein Gegenverkehr in Sichtweite war, drückte er das Gaspedal ganz nach unten und die rasante Beschleunigung des SHO trug ihn im Nu auf die Höhe des Fahrzeugs vor ihm und an ihm vorbei. Der Fahrer schaute ihn ungläubig an. Der Beifahrersitz war leer.

Siegerehrung (Silver Spring, Maryland)
ohne Zeitangabe

Auf der Schlussetappe der Tour de France wird der Leader nach einem ungeschriebenen Gesetz nicht mehr angegriffen. Die Fahrer nehmen es normalerweise gemütlich und auf der Avenue des Champs Élysées wird auf dem Fahrrad Champagner getrunken iund geplaudert.

Habermann mochte keinen Champagner. Er trank nur ein Glas mit, weil seine Frau sich ein Champagnerfrühstück gewünscht hatte.

«Ich hatte einen seltsamen Traum heute Nacht», sagte sie.
«Was hast Du denn geträumt?»
«Es war ein wirres Durcheinander. Ich weiss nicht mehr alles. Einmal waren wir an einem Strand in der Bretagne, dann in den Pyrenäen, dann wieder hier zuhause. Wir hatten mehrere Hunde dabei, kleine und grosse. Sogar Kinder hatten wir. Kurz bevor ich erwachte, standen wir in einer Menschenmenge vor einem leeren Siegerpodest.
Die Leute jubelten und klatschten, aber es stand niemand auf dem Podest. Es war wirklich bizarr.»

Nach dem Frühstück ging Habermann ins Badezimmer und zog sich aus, um zu duschen. Seine Frau kam gerade richtig, um zu sehen, wie er mit dem Fuss seine Unterhose durch die Luft wirbelte und dabei etwas sagte, was wie «Deede Kush» klang.
«Was machst Du da?»
«Lustig, nicht?» antwortete Habermann, und stieg in die Duschkabine.

Als Habermanns Frau wieder im Wohnzimmer war, hörte sie die Türglocke klingeln. Sie ging zur Türe und sah durch das Guckloch einen Mann im dunkelgrauen Anzug, der eine Sonnenbrille trug, obwohl es ein bedeckter, grauer Tag war.


Ein Sonntag in Wien

3. Juli 2021

Milde heute nicht mehr ganz
so heiss während anderswo
Hagel niedergeht

Schwer zu sagen ob es
Mai oder Juni ist

In der Sonntagszeitung ein Artikel
über das spätmittelalterliche Leben
in der Bodenseeregion

Weiter hinten ein Bild
aus einer Mine in Nigeria
wunderbar grün, braun, weiss,
türkis und grau

Bevor ich zu malen beginne
lese ich, dass es sich
um eine Haufenlaugung handelt

Macht nichts ich komme
ohnehin nicht dazu
beim French Open hat wieder jemand
den Deckel offengelassen

3. Juli 2021