Jerusalem, Pastellkreide auf Papier (in the making)

20. Mai 2026

Grubenmanns letzter Patient

19. Mai 2026

«Was ist Dein grösstes Problem?», fragte Dr. Grubenmann.

«Mein grösstes Problem?», fragte Hübner. Die Frage überraschte ihn. War das eine Frage, die ein Therapeut seinem neuen Patienten stellen durfte? Unterstellte er ihm mit dieser Frage nicht bereits, dass er gar keine richtigen Probleme habe?  

«Weiss ich nicht, da muss ich nachdenken.»

«Ganz spontan…», sagte Grubenmann.

Hübner war versucht zu sagen: Da muss ich ganz spontan nachdenken, aber Grubenmann hatte schon früher keinen Humor gehabt, also liess er es sein.

Eigentlich hätte er sagen müssen: Die Texterkennungssoftware, die ich neulich gekauft habe, funktioniert nicht richtig. Und der Bot, mit dem man es bei der Help-Funktion zu tun bekommt, will nach jeder Frage die E-Mail-Adresse und das Kaufdatum noch einmal wissen. 

Das war zwar nicht sein grösstes Problem, wenn es ein solches überhaupt gab, aber das, was ihn momentan am meisten ärgerte. Aber konnte man so etwas einem Psychiater sagen? Es gab Menschen, die hatten Probleme mit dem Betriebssystem. Er musste etwas anderes finden, was sein grösstes Problem sein könnte.

«Nun…?», fragte Dr. Grubenmann, «…fällt Dir nichts ein?»

Warum sitzen die Therapeuten immer mit dem Rücken zum Fenster, damit man ihr Gesicht nicht richtig sehen kann? dachte Hübner. Schon Carell in Washington D.C., der aus Genf stammte und an beiden Orten eine Praxis hatte, hatte das so gehalten. Wurde ihnen das in der Schweiz in der Ausbildung beigebracht? Damit die Patienten nicht sehen können, wie sie während dem Zuhören die Augen verdrehen? Hörten sie überhaupt zu? Oder sassen sie mit geschlossenen Augen im Lichtschatten, dachten an den Ausflug, den sie für das Wochenende geplant hatten, und nahmen den Ball dann erst beim letzten Wort des Patienten wieder auf?

«Meine Texterkennungssoftware funktioniert nicht», sagte Hübner.

«Und warum ist das so ein grosses Problem?», fragte Dr. Grubenmann, kurzfristig zurück von seinem Segelturn auf dem Zürichsee.

«Weil sie nicht funktioniert. Und die Help-Funktion ist auch Schrott.» antwortete Hübner.  

«Was würdest Du denn für Texte damit erkennen wollen, wenn sie funktionieren würde?»

«Texte, die ich mit Schreibmaschine getippt hatte.»

«Alte Texte?»

Er ist wirklich ein schlauer Kerl, dachte Hübner.

«Zum Teil alt, ja. Zum Teil neueren Datums. Bis die Computer aufkamen.»

Ihm kam in den Sinn, wie er 1991 seinen eigenen PC in sein Büro in Teheran mitgenommen hatte, als die Bundesverwaltung noch mit elektrischen Schreibmaschinen funktionierte und nur die Sekretärinnen diese Schreibautomaten mit dem grünen, kleinen Display hatten.

«Reicht es Dir nicht, diese Texte zu lesen? Müssen sie dafür zuerst eingelesen werden?», fragte Dr. Grubenmann.

Worauf wollte er mit seiner Frage hinaus? Vermutete er, dass es sich um Texte über schwierige Dinge handeln könnte, die ihm, Hübner, Mühe machten, und die er deshalb lieber einscannte und ablegte, anstatt sie zu lesen? Wozu würde er dann eine Texterkennungssoftware brauchen? Damit er sie bearbeiten und leichter machen konnte, damit sie weniger bedrohlich waren, bevor er sie ablegte?

Vielleicht war es doch keine so gute Idee gewesen, zu einem Psychiater in die Therapie zu gehen, mit dem man in die Schule gegangen war, dachte Hübner. Es bestand die Gefahr, dass er alles (was auch immer) auf Ereignisse in der Zeit zurückführte, die man zusammen erlebt hatte. Oder darauf, wie er den Menschen, der ihm nun als 70-jähriger gegenübersass, drei Zentimeter kleiner als damals, als 16-jährigen Schüler in Erinnerung hatte. Wie hatte er ihn in Erinnerung? Grubenmann konnte ihn kaum in guter Erinnerung behalten haben.

Er hätte wohl ebenso wenig gedacht, dass aus Hübner einmal ein Diplomat werden würde, wie Hübner es für möglich gehalten hätte, damals, dass Grubenmann Psychiater wird. Aber Hübner war Diplomat geworden, und Grubenmann Psychiater. Er hatte nicht nur das Medizinstudium abgeschlossen – anders als drei ihrer Klassenkameraden, die nach der Mittelschule das Medizinstudium begonnen und bald einmal abgebrochen hatten (nur Carla Baronchelli hatte es wie Theodor Grubenmann abgeschlossen und später ihren Mathematiklehrer operiert) – er war Psychiater geworden, um sich dem komplexesten aller Studienobjekte zuzuwenden: der menschlichen Seele.

Dabei war Hübner damals sicher, dass Grubenmann das Medizinstudium nicht schaffen würde. Wie sollte jemand, der in der Biologie grösste Mühe damit hatte, Hühnerembryos zu töten (sie hatten eine Weile lang jede Woche unter Anleitung eines sadistischen Biologielehrers befruchtete Eier geöffnet, um das Wachstum der Embryos zu messen), eine menschliche Leiche sezieren? Er war sich sicher, dass Grubenmann schon beim Gedanken daran in Ohnmacht fallen würde. Offenbar hatte er sich in ihm getäuscht. Aber hatte sich Grubenmann auch in ihm getäuscht?

Er hatte selbst auch grösste Mühe damit gehabt, die Embryos aus dem Ei zu nehmen, zu strecken und zu messen und dann zu entsorgen, aber das wäre kein Grund gewesen, in ihm keinen zukünftigen Diplomaten zu sehen. Im Diplomatenlehrgang werden keine Leichen seziert. Man lernt, wie man Tote als nicht mehr sehr lebhafte Personen umschreibt.

Grubenmann hatte ihn damals bestimmt für einen lauten, dumme Witze machenden Fussballer gehalten, dem jegliches Feingefühl abgeht, was er wahrscheinlich auch war, und nun musste er feststellen, dass aus ihm ein Botschafter in sechs Ländern geworden war. Ein Botschafter allerdings, aber das wusste Grubenmann nicht, der so oft er konnte Fussballspiele schaute und bei offiziellen Essen unsäglich dumme Witze erzählte, und alle mussten zuhören und auch noch lachen, weil er der Gastgeber war.

«Ich will die Texte bearbeiten können», sagte Hübner, als Grubenmanns Segel gerade um das Zürichhorn verschwinden wollte.

«Worum geht es in diesen Texten?» fragte Grubenmann.

«Um Verschiedenes» antwortete Hübner.

«Auch um den frühen Tod Deiner Eltern?»

Was wusste Grubenmann vom Tod seiner Eltern? Hatte er an einer der Klassenzusammenkünfte, an denen Hübner wegen seiner Auslandaufenthalte nicht hatte teilnehmen können, davon erfahren? Er hatte noch mit zwei ehemaligen Mitschülern Kontakt. Aber warum hätten sie Grubenmann davon erzählen sollen?

«Auch, ja», sagte Hübner.

«Und das möchtest Du nun umschreiben?»

Er hatte das gesagt, nicht diese Texte.

Carell hatte Orgel gespielt. Wenn Hübner jeweils nach der Therapie auf den Lift gewartet hatte, hatte er aus Carells Wohnung Orgelmusik gehört. Als müsste Carell sich alles, was ihm Hübner gerade erzählt hatte, von der Seele spielen. Spielte Grubenmann auch ein Instrument? Am Ehesten Geige, dachte Hübner. Geige würde zu Grubenmann passen. Geige oder gar nichts.

Carell hatte Hübner zum Abschied eine CD mit seiner Orgelmusik geschenkt. Die Therapie war nicht abgeschlossen, die wöchentlichen Sitzungen liefen aus, weil Hübners Einsatz in Washington an sein Ende gelangt war. Carrels CD hatte Hübner danach in sechs Länder begleitet, ohne dass er je hineingehört hätte. Auch die Aussage von Carell, er, Hübner, müsse vielleicht (oder hatte er wahrscheinlich gesagt?) irgendwann etwas tun, was für ihn und seine Familie sehr schwer sein werde, begleitete Hübner auf seinem weiteren Lebensweg, aber im Gegensatz zu Carells Orgelmusik hörte er sie immer wieder.

«Nicht umschreiben, neu formatieren», sagte Hübner, und war sicher, dass der Psychiater Grubenmann mit dieser Aussage etwas anfangen konnte.

«Hallo Theodor, da ist Werner», hatte Hübner gesagt, als er, nachdem er zuvor dreimal an seiner Vorzimmerdame abgeprallt war (Herr Grubenmann ist gerade in einer Sitzung), endlich direkt mit Dr. Grubenmann verbunden worden war.

«Werner…?»

«Werner Hübner…»

Einen Moment lang war es still am anderen Ende. Dann sagte Grubenmann:

«Ahh…. aus dem Gymnasium, nicht wahr? Stadelhofen…»

«Zuerst Rämibüel, dann Stadelhofen», sagte Hübner.

Sie waren als erst zweiter Klassenzug des Kurzzeitgymnasiums an der Kantonsschule Rämibüel nach zwei Jahren aufgelöst worden, weil von den verbliebenen sieben Schülern vier im Provisorium waren. Drei retteten sich, nachdem bekannt geworden war, dass sie mangels einer Parallelklasse am Rämibüel an die Kantonsschule Stadelhofen transferiert würden, um dort – als erste Knaben an einer bis dahin reinen Mädchenschule – in eine Mädchenklasse integriert zu werden.  

«Das waren noch Zeiten», hatte Grubenmann gesagt. 

Die erste Sitzung fand zwei Wochen nach dem Telefonat statt. Es war Ende Juli und Grubenmann war, obwohl er, wie Hübner von dessen Vorzimmerdame bei der Vereinbarung des Termins erfahren hatte, direkt aus den Sommerferien kam, bleich wie ein Leintuch. Hübner glaubte sich zu erinnern, dass er schon in der Mittelschule stets bleich gewesen war, während der andere Theodor, der kleiner war als Grubenmann, stets rote Backen hatte.

Sie sprachen praktisch die ganze erste Sitzung von der gemeinsamen Schulzeit, und als Hübner auf dem Heimweg war, fand er, das sei doch mal ein schöner Beruf. Eine Stunde mit einem Patienten über die gemeinsame Schulzeit sprechen und dafür bezahlt werden.  

«Weisst Du, was aus Gasteiger geworden ist?» hatte Grubenmann gefragt, als sie schon unter der Tür standen.

Und Hübner, seit Inspektor Colombo immer auf der Hut vor Fragen, die unter der Tür gestellt werden, hatte geantwortet: «Keine Ahnung».

Seltsam, dachte er, als er draussen auf der Strasse war und über den Sechseläutenplatz zum Seebecken blickte, dass Grubenmann nach Gasteiger fragte. Theodor Gasteiger war in der Schulzeit der ständige Gefährte von Grubenmann. Theodor & Theodor waren praktisch unzertrennlich.

Natürlich konnten sie sich aus den Augen verloren haben, oder sie hatten sich kurz nach der Mittelschulzeit zerstritten und wollten einander nicht mehr sehen. Hübner hätte sich gerne einen Moment auf Grubenmanns Lehnstuhl vor dem Fenster gesetzt und Grubenmann hätte für ihn auf dem Sofa platzgenommen und ins Gegenlicht geblinzelt.

Soll ich die Jalousien runterlassen? Hätte Hübner ihn gefragt, und dann, wann es zum Streit unter Theodoren gekommen war. Und warum er jetzt von ihm, ausgerechnet von ihm, der mit Gasteiger schon während der Schulzeit kaum Kontakt gepflegt hatte, wissen wollte, was aus Gasteiger geworden war. Was war der Sinn dieser Frage? Und was war sein grösstes Problem (spontan)?

Hätte Grubenmann ihn gefragt, was aus Wild oder Barcola geworden sei, hätte er das verstanden und die Frage nicht hinterfragt. Sogar nach Ramon Zoss hätte er ihn fragen können, ohne seinen Argwohn zu wecken. Ramon Zoss war auf der Klassenliste, als sie zusammen im Rämibüel das Kurzzeitgymnasium begannen, aber Ramon Zoss war nie aufgetaucht. Die ersten zwei Wochen (jedenfalls schien es ihm, als habe es zwei Wochen gedauert), fragten alle Lehrer am Anfang der Stunde, wo Ramon Zoss sei, bis die Schulleitung ihn von der Liste strich. Ob die Schulleitung wusste, was aus Ramon Zoss geworden war?

Die Frage nach Roman Zoss wäre eine gute Frage gewesen. Eine Frage, die sich Hübner auch ab und zu gestellt hatte, noch lange nach der Mittelschulzeit: Was war aus Ramon Zoss geworden? Seine entschiedene Abwesenheit, von der er sich auch von der Nachfrage der Lehrer nicht abbringen liess, machte ihn interessanter, als er wahrscheinlich gewesen wäre, wenn er zum Schulantritt erschienen wäre. Einmal wollte Hübner sogar einen Roman über ihn schreiben. Er entwarf ein Umschlagbild dafür, und dieser Umschlag ist das Einzige, was von dem Vorhaben blieb. Roman Zoss und darunter, in etwas kleineren Lettern: Roman

Gasteiger war nicht halb so interessant wie Roman Zoss. Hübner hatte, nachdem er ein Jahr nach seiner Pension in die Schweiz zurückgekehrt war, die Namen seiner Klassenkameraden gegoogelt und war dabei auf das LinkedIn Profil von Theodor Gasteiger gestossen. Es war ein sehr reichhaltiges Profil mit viel Information über Gasteiger. Weshalb hatte Grubenmann ihn also gefragt, wenn sich Gasteiger doch so einfach finden liess und sein Leben so offenherzig vor allen ausbreitete, die es sehen wollten? 

«Wenn man etwas umformatiert», sagte Grubenmann, vom Horn eines Raddampfers aus seinem Segel Tripp aufgescheucht, «bleibt der Inhalt derselbe, nicht wahr?»

«Ja», sagte Hübner, der den langgezogenen, tiefen Ton auch gehört hatte, «aber es sieht dann anders aus. Ein wenig besser.»

Die Stunde war zu Ende. Hübner verabschiedete sich von Grubenmann und fragte sich, während er in Richtung des Sternengrills spazierte, wie diese Therapie enden würde. Sein Wegzug kam als Grund nicht mehr in Frage.  Am wahrscheinlichsten war, dass Grubenmann altersbedingt seine Praxis schloss und jedem Patienten zum Abschied ein kleines Segelboot schenkte.

Brandenburg, Pastellkreide auf Papier

15. Mai 2026

He, Robot

15. Mai 2026

Er wohnte im selben Haus und war mindestens einen Kopf grösser als ich – nichts Besonderes, seit ich (so sagte meine Hausärztin) drei Centimeter geschrumpft war. Er war Ende Zwanzig, Anfang Dreissig, eine sehr gepflegte Erscheinung, stets modisch gekleidet, mit farblich fein abgestimmten Accessoires und einer Designerbrille. Das Besondere an ihm aber war seine Stimme.

Es war eine dieser tragenden Bass-Stimmen, die man schon von weitem hört und nicht überhören kann, wenn man noch wollte. Ich glaube, nein, ich bin mir sicher, ich bin ihm kein einziges Mal begegnet, ohne dass er sprach. Er sprach im Gehen, mit dem Mikrofon seines Telefons im Ohr, er sprach im Fahrstuhl, er sprach im Treppenhaus, ich hatte nicht den Schatten eines Zweifels, dass er auch im Bus oder im Zug sprach, nur hatte ich das bisher noch nicht miterlebt.

Wenn er im Fahrstuhl sprach, hörte man seine Stimme so klar, dass man meinte, er sei im Treppenhaus, und wenn er im Treppenhaus sprach, war man sicher, er ist auf demselben Stockwerk, kommt gleich um die Ecke, war und kam aber nicht. Auffallend war, dass er unablässig, ganz ohne Unterbruch sprach, ohne Luft zu holen. Sagte die Person am anderen Ende der Verbindung nie etwas? War es seine Mutter, der er auf dem Heimweg seinen Tag erzählte, bevor er in seine stille Wohnung ging?   

Wie es sich zutrug, ging ich einige Male am Abend, als ich mit den Hunden auf dem Heimweg von unserem Spaziergang war, hinter ihm her, als er dem Kiesweg unserer Siedlung entlang in Richtung unseres Hauses folgte. Er sprach jedes Mal und ohne Ausnahme über Kinder und deren Erziehung. Laut und deutlich. Nicht zu überhören.

„Das allerletzte, was ich möchte, wenn ich Kinder hätte, wäre …“

Und ein anderes Mal: „Wenn sie das als Kind schon machen, kann man …“

War er Kinderpsychologe? War er nicht etwas jung dafür? Studierte er vielleicht Kinderpsychologie? Oder war er Kindergärtner? Primarlehrer für untere Klassen vielleicht? Arbeitete er in einer Kita? Bei der KESP?

Als ich wieder einmal auf dem Heimweg hinter ihm her ging und er laut über Kinder dozierte, dachte ich: das habe ich doch schon einmal gehört. Er spricht also nicht nur so, dass alle es hören müssen, er wiederholt sich auch noch dabei. Er sagt dasselbe laut und deutlich vernehmbar für seine Mutter und alle, die es nicht hören wollen, vor allem nicht zweimal. Will seine Mutter es zweimal hören? Merkt sie gar nicht, dass sie es zum zweiten Mal hört, weil sie gerade eine Feierabendserie schaut? Ein Rerun aus den 60er-Jahren, als sie ein kleines Mädchen war? Sprung aus den Wolken?  

Der Sommer ging langsam zu Ende und die Tage waren bereits merklich kürzer geworden. An einem trockenen Dienstag (ich weiss, dass es ein Dienstag war, weil ich am Dienstag immer Tennis spiele und an jenem Dienstagmorgen hatte ich mir dabei den Fuss vertreten) hinkte ich am Ende eines kurzen Spaziergangs mit den Hunden hinter ihm her in Richtung unseres Hauseingangs, und jetzt war ich sicher: Er erzählte exakt das Gleiche, das er schon einmal erzählt hatte. Satz für Satz, Wort für Wort.

Das kann ja nicht sein, sagte ich zu den Hunden, die mich fragend anblicken. Und weil ich es nicht glauben wollte, dass jemand zweimal exakt dasselbe erzählt, installierte ich eine dieser leistungsfähigen Recorder-Apps auf meinem Mobiltelefon und nahm von da an jedes Mal, wenn er vor mir herging und über das Verhalten von Kindern und deren Erziehung sprach (er sprach nur über das Verhalten von Kindern und deren Erziehung), machte ich eine Aufnahme davon. Dank seiner lauten und tragenden Stimme war das auch möglich, wenn er einige Meter vor mir ging. Mein Fuss hatte sich von meinem Fehltritt erholt und ich konnte ihm mühelos folgen.

Ich wusste mittlerweile, mit welchem Zug er am Abend ankam und wann er beim Gemeindehaus um die Ecke kommen und dozierend in unseren Kiesweg einbiegen würde, und ich richtete meinen Spaziergang so aus, dass ich jeden Tag genau um diese Zeit beim Gemeindehaus eintraf. Bis Ende Oktober hatte ich fast 50 Vorlesungen aufgenommen und an einem regnerischen Sonntag begann ich damit, sie auszuwerten.

Ich transkribierte die einzelnen Vorlesungen und analysierte sie dann. Das Ergebnis war absolut verblüffend. Es stellte sich heraus, dass er ein Set von zehn Vorlesungen hatte, die er an fixen Tagen pro Woche hielt. Eine am Montag, eine am Dienstag, und so weiter bis Freitag (keine Vorlesungen am Wochenende), und nach zwei Wochen begann er am Montag wieder von vorne und hielt genau denselben Vortrag wie vor vierzehn Tagen. Satz für Satz, Wort für Wort.  

Auch wenn dahinter eine Absicht lag (wieso sollte jemand so etwas absichtlich tun?), war es schwer vorstellbar, dass er zehn Vorträge auswendig konnte und sie ohne eine einzige Abweichung, ohne das geringste Stocken, ohne Versprecher, ohne ein einziges äähh… rezitierte. Es schien mir geradezu unmenschlich.

Da ich ausschliessen konnte, dass es sich bei meinem Nachbarn um einen Ausserirdischen handelte, weil sich bei einem Ausserirdischen das Auge im Nacken geöffnet hätte, wenn er sich verfolgt fühlt, weil ich dauernd hinter ihm hergehe, blieb nur eine Erklärung: er musste ein Roboter sein. Aber wie konnte ich meine Vermutung bestätigen?           

Eines Tages kam mir der Zufall zu Hilfe. Allerdings, ob es wirklich eine Hilfe war, oder ob mir der Zufall wieder einmal etwas eingebrockt hatte, sei dahingestellt. Mein Nachbar ging einmal mehr am Feierabend auf dem Kiesweg vor mir her und als er sagte: „Diese Kinder wissen doch ganz genau, wenn sie etwas wollen, müssen sie nur…“ und dabei ruckartig die rechte Hand hob, fiel ein Gegenstand aus seiner offenen Freitag Tasche, die über seiner rechten Schulter hing.

Als ich ihn erreicht hatte, hob ich den Gegenstand auf. Es war ein türkises Brillenetui. Ich wischte es an meiner Jacke ab und wollte dem davonschreitenden Nachbarn („…und genau deshalb darf man nicht jedes Mal sofort…“) nachrufen, aber ich tat es zu meinem eigenen Erstaunen nicht. Stattdessen steckte ich das Brillenetui in meine Jackentasche und ging weiter.

Als ich zu unserem Haus einbog, sah ich, dass er noch bei den Briefkästen stand und seine Post sichtete. Ich wollte nicht draussen warten, wie hätte das ausgesehen, also öffnete ich die Aussentür und sagte „Guten Abend“ (er sagte auch guten Abend), dann öffnete ich mit dem Schlüssel die Innentüre und er folgte mir, offenbar fertig mit der Durchsicht seiner Post, zum Fahrstuhl.

Ich nahm die Hunde an die kurze Leine und mit der freien Hand zog ich den Reissverschluss meiner Jackentasche hoch. Was hätte ich gesagt, wenn er sein Brillenetui entdeckt hätte? Er drängte sich in die Ecke beim Spiegel und sagte mit Blick auf die Hunde: „Die sind aber wirklich lieb.“

„Das sind sie“ sagte ich, mit der freien Hand auf meiner Jackentasche, und es kam mir in den Sinn, dass er uns beim letzten Mal, als wir uns vor dem Fahrstuhl trafen, mit den Worten „Ich bin allergisch“ den Vortritt liess und nicht einstieg. „Das sind Pudel, die haaren nicht. Auch Allergiker können…“, hatte ich geantwortet, aber die Lifttür hatte sich rasch geschlossen und ich weiss nicht, wie viel davon er noch gehört hat. Jedenfalls traute er sich nun mit uns in den Fahrstuhl. Vielleicht war er inzwischen auch die Allergie losgeworden. Es gab ja diese Therapien mit Spritzen, aber meines Wissens dauerte das ein Jahr.

Wie dem auch sei. Der Fahrstuhl hielt im vierten Stock, zuerst stieg ich mit den Hunden aus, dann stieg er aus, die Lifttür schoss sich hinter ihm, wir wünschten uns praktisch gleichzeitig einen schönen Abend, dann ging er die Treppe hoch zum 5. Stockwerk und ich schloss unsere Tür auf. 

Nachdem ich die Hunde abgeleint und meine Jacke aufgehängt hatte, nahm ich sein Brillenetui aus der Jackentasche. Ich öffnete es. Es war leer. Natürlich war es leer. Die Brille war auf seiner Nase. Ich schloss es wieder und legte es auf die Kommode bei der Wohnungstüre. Das passte, denn die Türen der Kommode (von einem Schreiner in Ulus, der Altstadt Ankaras, in der Nacht vor unserer Abreise aus alten Fensterläden hergestellt) waren ebenfalls türkis.  

Warum hatte ich ihm das Etui nicht sofort zurückgegeben, als ich es aufgehoben hatte? Hatte ich etwas vor damit? Wusste mein Hirn mehr als ich?

Erst am nächsten Tag wusste ich, warum ich das Etui eingesteckt hatte, anstatt es ihm gleich nachzutragen. Das Etui war mein Schlüssel zu seiner Wohnung. Wenn ich ihm das Etui zurückbrachte, würde ich dabei einen Blick in seine Wohnung erhaschen, und ich stellte mir vor, warum auch immer, dass man an der Wohnung eines Roboters erkennt, dass es die Wohnung eines Roboters ist.

Nachdem ich ihn am Abend mit zehn Schritten Abstand vom Gemeindehaus bis zum Hauseigang begleitet hatte (ein stummes Geleit für einen lauten Gehenden), wo ich bei den Briefkästen stehen blieb und ihm – er hielt mir die die Lifttür auf – durch die Glasscheibe ein Zeichen gemacht hatte, es würde dauern, er müsse nicht auf mich warten, ging ich hinauf in meine Wohnung und wartete eine halbe Stunde, um ihm Zeit zu geben, abzulegen und anzukommen. Dann sagte ich zu den Hunden, ich bin gleich wieder da, schloss die Tür hinter mir ab und ging die Treppe hoch.    

Ich hatte mir vorgenommen, auf keinen Fall seine Wohnung zu betreten. Ich hatte Angst davor, mit einem Roboter alleine zu sein.

Ich klingelte. Nach einer gefühlten Ewigkeit, die wahrscheinlich nicht länger als 20 Sekunden dauerte, öffnete er die Tür.

„Hallo,“ sagte ich, und streckte ihm sein Brillenetui entgegen. „Sie haben es gestern vor dem Haus verloren.“

Er nahm es entgegen und als er den Blick senkte, tat ich dasselbe. War das ein Kabel, das von seiner Ferse ausging?

„Tatsächlich, das ist meines.“ sagte er, „Vielen Dank“ Und dann kam es: „Darf ich Ihnen einen Tee anbieten?“

„Auf keinen Fall,“ schoss es viel zu schnell aus mir heraus. „Ich habe einen Hund auf dem Herd und muss noch mit den Pfannen raus, bevor es dunkel wird.“

„Na dann,“ sagte er lächelnd, „Danke nochmal und schönen Abend.“

„Ihnen auch“ sagte ich, und ging die Treppe runter. Ich schloss die Tür auf, wurde von den Hunden stürmisch begrüsst, wie es sich nach drei Minuten Abwesenheit gehört, verschloss die Tür hinter mir und drückte die Falle zur Kontrolle zweimal runter.   

Hätte man sich dümmer aufführen können, als ich das gerade getan hatte? Was würde er von mir denken, wenn er kein Roboter war? Und – schlimmer noch – was, wenn er einer war? Warum hatte er nicht gefragt, wieso ich wusste, dass es sein Brillenetui war? Was taten Roboter, wenn sie merkten, dass man sie entdeckt hatte?

Ich musste mich beim Kabel versehen haben. Da lag ein Kabel am Boden, aber es stammte bestimmt von einem Staubsauger, den er gerade ausgesteckt hatte. Ganz sicher kam es nicht aus seiner Ferse. Hätte er mich auf einen Tee hereingebeten, wenn er gerade dabei war, sich aufzuladen?  

Ich beschloss, mich geirrt zu haben. Ich machte noch den nächtlichen Rundgang mit den Hunden auf dem knirschenden Kies und ging dann früh zu Bett. Ich schlief lange nicht ein, während meine Gedanken kreisten. Würde die Verwaltung eine Wohnung an einen Roboter vermieten? Benutzten Roboter Staubsauger mit Kabel, weil sie keine anderen Roboter um sich duldeten? Als ich gegen drei Uhr morgens endlich doch noch einschlafen konnte, wurde es ein unruhiger, von wirren Träumen durchsetzter Schlaf.     

Beim Frühstück am nächsten Morgen suchte mich ein noch verrückterer Gedanke heim. Was, wenn alle Menschen in unserem Haus, in unserer Siedlung, Roboter waren? Nicht nur der Vortragsreisende in Sachen Kindererziehung, auch die Familie mit der Katze (ein Roboter?) im Parterre, das freundliche deutsche Paar, deren (echte) Blumen ich goss, wenn sie in den Ferien waren, der Hauswart, der Serbe mit dem roten Bentley sowie sämtliche Seniorinnen und Senioren im Haus gegenüber und ihr Pflegepersonal? War ich der einzige Mensch in der Siedlung? Der einzige Mensch in Regensdorf?

Nach einem Moment der Panik, der schnell vorüberging, musste ich über mich selber lachen. Roboter, die sich im Pflegeheim um Roboter kümmern. Das war nichts anderes als die nächste Stufe nach den Robotern, denen man die Pflege der Alten und Kranken anvertrauen wollte. Roboter waren die perfekte Lösung aller drängenden Probleme. Wenn Roboter die Arbeit übernahmen, konnte die Zuwanderung getrost gedeckelt werden. Auch für die Entlastung des Gesundheitswesens (Roboter hatten keine Wahl, es gab nur das Hausmechaniker-Modell) war gesorgt, und die Finanzierung der AHV für die nächsten Rentnergenerationen war mit Robotern gesichert. Man konnte ihnen widerspruchslos mehr Lohnprozente abziehen und wenn sie einst in Pension gingen, bezogen sie selber keine AHV. Sie lagen dann den ganzen Tag im Jura auf sich automatisch zur Sonne drehenden Liegestühlen und erzählten einander Geschichten, die sie nachtsüber erfunden hatten.   

Kapelle im Stift Göttweig – Pastellkreide auf Papier

26. April 2026

Gottfried liest in einem Buch

26. April 2026

(es darf nur nicht regnen)

Es ist acht Uhr morgens. Mitte April. Die Sonne ist an der Rückseite des Hauses gegenüber hochgeklettert und hat sich an ihren frühen Strahlen über den Giebel gezogen. Am Morgen ist die Sonne übermütig wie ein Kind. Sie klettert überall hoch. Du kommst jetzt sofort da runter!, ruft ihre Mutter, aber die Sonne denkt nicht daran. Nicht am Morgen. Sie kommt erst am Abend wieder runter. Auf der anderen Seite, wenn sich die Mutter beruhigt hat.  

Die Sonne scheint auf den Balkon, auf dem Gottfried im vierten Stock auf einem weissen Klappstuhl sitzt, auf den er sich ein Sofakissen gelegt hat, weil es so weicher ist. Und wärmer. Morgens um acht ist es im April noch kühl, an manchen Tagen sogar richtig kalt. Auf dem Balkontisch steht eine halbvolle Tasse Kaffee, und daneben noch eine zweite Tasse, die fast leer ist. Gottfrieds Frau sitzt neben ihm auf dem Balkon. Gottfried hat ihr auch ein Kissen auf den Stuhl gelegt. Sie hat eine zweite Jacke um ihre Schultern gelegt. Sie hat ihre Lesebrille auf und liest in einem Buch.

Auch Gottfried liest in einem Buch. Die erste Geschichte war nicht so gut. Auch die Art, wie sie geschrieben war, mochte er nicht. Ab der zweiten Geschichte war Gottfried begeistert. Die Sprache passte genau zu den Geschichten. Diese Geschichten konnten gar nicht in einem anderen Stil erzählt werden. Gottfried war froh, dass er das Buch nach der ersten Geschichte nicht weggelegt hatte. Er dachte daran, wie er früher jeweils in einer Buchhandlung die erste Seite eines Buches gelesen hatte (Gedichtbücher hatte er irgendwo aufgeschlagen), und wenn ihm nicht gefiel, was er las, legte er das Buch auf den Tisch oder stellte es zurück ins Regal und kaufte es nicht. Dieses Buch hätte er damals verpasst.

Heute kaufte Gottfried Bücher nicht mehr zufällig. Er kaufte entweder neue Werke von Autoren, die er schon gelesen hatte, oder von solchen, auf die er aufgrund von Empfehlungen von Freunden oder wegen einer Buchbesprechung in der Zeitung aufmerksam geworden war. Es kam ab und zu trotzdem vor, dass er ein Buch überhaupt nicht mochte. Sogar eines von einem Autor oder einer Autorin, von denen er schon Bücher gelesen und gemocht hatte.

Neulich hatte er ein in der Zeitung äusserst wohlwollend besprochenes Buch eines Schweizer Schriftstellers, von dem er schon zwei Bücher gelesen hatte, kurz nach der Hälfte in die Mülltonne geworfen, enttäuscht über die Art, wie es geschrieben war (schlechter als die Buchbesprechung) und verärgert über den Inhalt der zuletzt gelesenen Geschichten. So ein Buch konnte man weder verschenken noch in sein Büchergestell stellen, wo der Platz beschränkt und unter Büchern begehrt war. Es verdiente nicht einmal, zum Altpapier gelegt zu werden. Es gehörte in den Müll, und den Name des Autors wollte er für künftige Bücherkäufe vergessen.

Gottfried fragte sich, ob sich in einem solchen Fall der Autor verändert hatte, ob er anders und Anderes schrieb,  oder ob er, Gottfried, sich verändert hatte und anders oder lieber Anderes las. Um sich der Antwort auf diese Frage anzunähern, hätte er die alten Bücher des Autors noch einmal lesen müssen, aber dazu fehlte ihm jede Lust, auch wenn dadurch vielleicht zwei Plätze in seinem Büchergestell frei geworden wären. Lieber las er in diesem wunderbaren Buch weiter, dessen Geschichten ihn (ab der zweiten) fesselten und inspirierten.  

Der Autor war zwanzig Jahre jünger als Gottfried. Gottfried wünschte ihm ein langes Leben und sich, dass er noch viele solche Bücher schreibe. Wenn Sie so weiterschreiben, lieber Herr S., hätte Gottfied ihm geschrieben, wenn er seine Adresse gekannt hätte (an den Verlag schreiben mochte er nicht), kann ich mit dem Schreiben aufhören und nur noch lesen.  

Er wünschte sich, dieses wunderbare Buch (auch der Titel und der Umschlag gefielen ihm) würde noch lange nicht zu Ende gehen. Aber er hatte schon weit über die Hälfte davon gelesen und wusste, dass er schon bald am Ende des Buchs angelangt sein würde. Jedes Mal, wenn er eine Seite umblätterte und eine neue aufschlug, wurde es ihm bewusst. Er hoffte, die zweite Hälfte würde länger halten als die erste, aber er wusste auch, dass der Heimweg immer kürzer ist als der Hinweg. Es sind vielleicht noch drei oder vier Geschichten, dachte er. Maximal. Er mochte nicht nachschauen.

Jeden Morgen vor dem Frühstück liest Gottfried eine Geschichte. In drei oder vier Tagen wird er das Buch ganz gelesen haben. Es war, wie so vieles, was sie gemeinsam taten, eine Erfindung seiner Frau Chana: Jeden Morgen um acht auf dem Balkon sitzen mit einer Tasse Kaffee, noch vor dem Frühstück, auch wenn es noch kalt ist. Nur regnen darf es nicht. Er fand das im März keine gute Idee. Es war wirklich noch kalt am Morgen auf dem Balkon. Er blieb lieber noch etwas länger im warmen Bett, während Chana dick eingehüllt mit ihrem Kaffee auf dem Balkon sass und las. Im April setzte er sich dann eines Morgens neben sie und seither fangen alle ihre Tage gemeinsam an, mit einer Tasse Kaffee und einem Buch auf dem Balkon, ihre Hunde neben ihnen auf einem Hundekissen, dass er ihnen auf den kalten Boden legt.

Chana liebt Balkone. Sie kann den ganzen Tag auf dem Balkon zubringen. Wenn sie sich in letzter Zeit manchmal nach einer neuen Wohnung umsahen, suchten sie einen Balkon mit Wohnung. Der Balkon ist für Chana das Wichtigste. Wo sie herkommt, verbringen die Menschen auch im Winter viel Zeit auf den Terrassen und Balkonen, weil es nie so kalt wird, dass man lieber drinnen bleibt. Vielleicht auch deshalb, weil die Heizungen nicht viel taugen und es drinnen kaum wärmer ist als draussen.

Als Gottfried umblättert und feststellt, dass er auf der letzten Seite der heutigen Geschichte angelangt ist, sieht er im Augenwinkel links neben dem Buch, wie ein Insekt über die Betonplatten des Bodens rennt. Er schaut ihm nach, aber es verschwindet in einer Ritze zwischen den Platten. Eine Zecke? Rennen Zecken? Zecken sind Spinnen. Spinnen können ziemlich schnell rennen. Muss er die Hunde in Sicherheit bringen?

Gottfried liest die Geschichte zu Ende. Mo hat unten vor dem Haus gerade den Motor des Panzers angelassen, den es gar nicht gibt. Wieder huscht etwas über den Boden, aber diesmal ist es keine Spinne, sondern einer dieser schwarzen Punkte, die manchmal durch Gottfrieds Augen wandern. Keine Angst, es war keine Zecke, sagt er zu den Hunden. Es ist nur ein schwarzer Punkt.

Gottfried trägt seine leere Tasse in die Wohnung, stellt sie auf den Esstisch und schaut durch die offene Balkontüre die lesende Chana mit den Hunden zu ihren Füssen an. Ich muss das einmal zeichnen, denkt er, und: Gott ist gnädig mit mir.   

Man at the Beach (Pastellkreide auf Papier)

6. April 2026

Mirlind

6. April 2026

Es war nicht einmal, und auch nicht in einem fernen Land vor unserer Zeit. Es ist jetzt und zuletzt ganz in meiner Nähe.  Mirlind lebt mit seiner Mutter Herlinde seit ein paar Monaten in einem Vorort von Zürich, wo die Hochhäuser nicht gerade wie Pilze, aber doch eines nach dem andern aus dem Boden schiessen, um die schnell wachsende Bevölkerung des Furttals aufzunehmen.

Und begonnen hat es so:

Mirlind ist ein Riese. Verglichen mit anderen Riesen wäre er mit seinen drei Metern Körpergrösse (dreimeternullzwei, um genau zu sein) wohl eher ein kleiner Riese, aber die Hochhäuser der Vorortsgemeinde sind, wenn man sie mit jenen in New York oder Shanghai vergleicht, auch ziemlich klein, und Riesen sollte man nicht vergleichen. Sie kriegen Kopfweh davon. 

Dass Mirlind nicht wie andere Riesen in einem Märchenbuch lebt, hat mit seinen Eltern zu tun. Seine Mutter Herlinde stammt aus dem Montafon, wo sie als jüngstes von sechs Kindern auf einem kleinen Hof in Gaschurn aufwuchs. Mit 18 zog Herlinde nach Wien, wo sie Arbeit fand als Serviertochter im Hotel Sacher, und dort Sorin kennenlernte.

Sorin arbeitete als Tellerwäscher im Hotel Sacher. Er stammte aus Rumänien und war kleinwüchsig. Um seiner Arbeit nachgehen zu können, musste er einen Schemel ans Spülbecken stellen, aber niemand hat Sorin deswegen je ausgelacht oder auch nur gehänselt, denn die gesamte Küchenmannschaft wusste, und Neue lernten es schnell und einige von ihnen auf schmerzhafte Weise, dass Sorin nicht mit sich spassen liess.   

Als Herlinde Sorin zum ersten Mal nach Gaschurn mitnahm, um ihren zukünftigen Mann ihren Eltern vorzustellen, fragte sie ihr Vater nach dem gemeinsamen Mittagessen, als Sorin auf die Toilette verschwunden war, die sich ausserhalb des Hauses befand:

«Was willst Du mit diesem Zwerg?»

«Er ist kein Zwerg, Vater, sag das nicht!» hatte Herlinde geantwortet, «Er hat ein grosses Herz.»

Ein Jahr später waren Herlinde und Sorin verheiratet und lebten in einer Einzimmerwohnung in Schwechat. Drei Jahre später wurde Herlinde schwanger.  Die ersten drei Monate der Schwangerschaft verliefen normal. Im vierten Monat stellte die Kinderärztin beim Ultraschall fest, dass das Baby zu schnell wuchs. Zu Beginn des sechsten Monats war es grösser als die meisten Neugeborenen und Mitte des siebten Monats brachten die Ärzte es mit Kaiserschnitt zur Welt. Sorin stand weinend vor Freude am Bett und Herlinde hielt einen gesunden jungen Riesen im Arm.

«Wollen wir ihn Mirlind taufen?», fragte Herlinde. Und Sorin, der nicht aufhören konnte zu weinen, sagte mit brüchiger Stimme «Ja».

Mirlind war ein sehr ruhiges Kind. Er lernte schnell gehen, sass aber am liebsten. Er konnte stundenlang zuhause auf dem Fussboden sitzen und mit den drei Holztieren spielen (zwei Kühe und ein Schwein, dem ein Bein fehlte), die ihm Sorin auf einem Wiener Flohmarkt gekauft hatte.  Als er an seinem dritten Geburtstag noch kein Wort gesagt hatte und keine Reaktion zeigte, wenn man ihn ansprach, machte sich Herlinde Sorgen und liess ihn abklären, ohne dass sie Sorin etwas davon sagte.   

Das Resultat der Abklärung war, dass Mirlind hören konnte und auch die physischen Voraussetzungen hatte, um sprechen zu können. Es handle sich wohl lediglich um eine Verzögerung in seiner Entwicklung, meinte der junge Arzt. Möglich sei aber auch, sagte er, dass Mirlind autistisch veranlagt sei, aber um dies festzustellen, sei es noch zu früh. Dass er sich ungern bewegte, hänge wahrscheinlich mit seinem schnellen Wachstum zusammen, mit dem die Muskeln nicht mithalten.    

Vor seinem fünften Geburtstag war Mirlind eins zweiundsechzig. Er sprach noch immer nicht, sass weiterhin am liebsten auf dem Boden und betrachtete – ganz offensichtlich zufrieden – die Dinge um ihn herum.

«Wir können ihn so nicht in den Kindergarten schicken» sagte Herlinde eines Abends zu Sorin.

«Wie so?» fragte Sorin.

«Er spricht nicht, er bewegt sich kaum, und Frau Henggart sagt mir, er spielt auch nicht mit ihren Kindern, obwohl sie sich ganz süss um ihn bemühen.»

Frau Henggart war Mirlinds Tagesmutter in Schwechat. Sie hatte selber zwei kleine Kinder und hatte sich bereit erklärt, Mirlind während der Woche, wenn Sorin und Herlinde in Wien bei der Arbeit waren, bei sich aufzunehmen, wenn ihr Herlinde dafür am Wochenende die Wäsche machte und ihr die Sachertorte brachte, die die Angestellten des Sacher alle drei Monate günstiger erhielten.  Also sass Mirlind von Montag bis Freitag in Frau Henggarts Wohnzimmer und schaute Fernsehen, der bei Frau Henggart den ganzen Tag lief.

 «Er mag Trickfilme» sagte Frau Henggart eines Abends, als Herlinde Mirlind abholte. «Er lacht zwar nie, aber er strahlt wie ein Glückskäfer, wenn der Kojote über die Klippe rennt.»

Als ein Brief von der Schulbehörde eintraf mit der Einteilung Mirlinds in den Kindergarten und der Einladung zu einem Elternabend, geriet Herlinde in Panik und sah nur noch einen Ausweg. Sie packte noch in derselben Nacht ihre sieben Sachen, fuhr mit Mirlind mit dem Regionalexpress nach Wien und von dort aus mit dem Nachtzug nach Innsbruck, wo sie den ersten Reisebus ins Montafon bestiegen.    

Ihr Vater war unterdessen gestorben und ihr ältester Bruder hatte den Hof übernommen. «Du kannst kommen und hier wohnen,» hatte er am Telefon gesagt,  «aber Du musst arbeiten, und Dein Sohn auch. Kann er Kühe hüten?»

Sorin war traurig, als Herlinde und Mirlind Schwechat verliessen, aber er wusste auch keine bessere Lösung.  Womöglich hätte man ihnen Mirlind weggenommen, und in den Bergen würde es ihm gut gehen. Vielleicht würde auch er später ins Montafon ziehen, aber im Moment konnte er es sich noch nicht vorstellen, der Knecht des Bruders seiner Frau zu sein.

Es stellte sich bald heraus, dass Mirlind sehr gut Kühe hüten konnte. Er bewegte sich zwar noch immer sehr langsam und nur ungern, aber es gefiel ihm ganz offenbar, auf der Weide zu sitzen und den Kühen und Rindern zuzuschauen, wie sie den ganzen Tag Gras assen und widerkauten.

Und die Kühe schienen sich in seiner Anwesenheit wohlzufühlen und entfernten sich nie weit von ihm. «Ich glaube, ich kann mir den Zaun sparen», sagte Herlindes Bruder eines Tages zu seiner Schwester. «Der Kleine» (so nannte er Mildrid seit seiner Ankunft) «ist der geborene Hirt.»

Herlinde arbeitete viel, meist im Haus und im Garten, und wenn das Heu eingebracht werden musste auch an den steilen Hängen, aber sie war zufrieden, weil sie sah, dass es Mirlind gut ging.

«Er liebt die Tiere,» schrieb sie Sorin auf eine Postkarte, die das Gebirge zeigte, «vor allem die Kühe. Und die Kühe lieben ihn.» 

Und Sorin schrieb zurück (auf einer Postkarte, die das Riesenrad auf dem Prater zeigte):

«Das wundert mich nicht. Spricht er jetzt?»

«Nein, er spricht nicht,» antwortete Herlinde. «Aber er ist ein guter Junge. Zwei Meter und vierundvierzig.»

Alles passte auf dem Hof im Montafon, es war wie ein Paradies für eine Mutter und ihren Riesen, aber irgendwann kam es zum Streit zwischen Herlinde und ihrem Bruder. Wegen einer Lappalie, aber der Streit eskalierte und führte am Ende dazu, dass Herlinde mit Mirlind den Hof verliess und aus dem Montafon wegzog. Sie reiste nur nachts und kam irgendwann in einem Vorort von Zürich an, wo es ihr, Gott weiss wie, gelang, eine Wohnung zu mieten.

***

Als ich Mirlind zum ersten Mal sah, erkannte ich ihn nicht. Es war zwei Uhr morgens. Ich war aufgestanden, weil ich auf die Toilette musste. Danach ging ich in die Küche, weil ich Durst hatte. Es war Vollmond. Ich brauchte das Licht nicht anzumachen. Ich öffnete den Wasserhahn und liess das Wasser laufen, bis es wirklich kalt war. Dann trank ich und drehte mich während dem Trinken vom Spülbecken weg zur Balkontüre.

Alle Häuser in der Umgebung waren dunkel. In keinem einzigen Fenster brannte Licht. Auch die Wohnung gegenüber war dunkel. Aber im Mondlicht konnte ich erkennen, dass die Balkontüre offenstand. Mit dem Rücken an den Türrahmen gelehnt glaubte ich die Silhouette unserer Nachbarin zu erkennen. Was machte sie da um diese Zeit?

Am Balkontisch, mit dem Rücken zur Wohnung,  war ein Umriss, der aussah wie ein sitzender Mann, nur viel zu gross. Ich ging wieder zu Bett und träumte mit seltener Klarheit von Menschen, die ich seit der gemeinsamen Schulzeit nicht mehr gesehen hatte. 

Mitsamt ihren Namen marschierten sie vor mir auf – ein nicht enden wollender Umzug von Kindern, die ich mit ganz wenigen Ausnahmen gleich nach der Schulzeit aus den Augen verloren und seither kaum einmal an sie gedacht hatte. Es war unglaublich, wie viele Gesichter und Namen aus dem Nichts auftauchten und sich in meinem Traum anmeldeten.

 Jetzt, wo sie pensioniert und einige, wie mir zu Ohren gekommen war, bereits verstorben waren, kamen sie als Kinder zu mir zurück. Sie versammelten sich auf dem Pausenplatz des Bläsi-Schulhauses in Höngg, wo heute ein Hallenbad steht, als wollten sie ihr Leben von da weg noch einmal leben. Oder war ich es, der das wollte? 

Ein paar Tage später erwachte ich um drei Uhr und ging auf die Toilette. Danach ging ich in die Küche und goss mir ein Glas Wasser ein. Als ich mich umdrehte und zum Balkon hinüberschaute, sah ich denselben Umriss am Balkontisch wie vor ein paar Tagen. Ein sitzender, übergrosser Mann.  

Ein grosser Mann in den kleinen Stunden, dachte ich. Vielleicht träumte ich ihn ja. War das Wasser wirklich kalt? Dann bewegte er sich. Es sah so aus, als wollte er aufstehen, aber die Nachbarin trat sofort aus dem Schatten, legte ihre Hand auf seine Schulter und sorgte dafür, dass er sitzen blieb.   

Seine Schultern waren breit, sein Kopf war grösser als ein normaler Kopf.

Ich rührte mich nicht, damit man mich nicht entdecken würde, und wartete darauf, wie es weitergehen würde.    

Mein Traum von den Schulkindern hatte nach ihrer Parade auch ein paar Erlebnisse aus der Schulzeit zurückgebracht. Am Rande des Pausenplatzes gab es einen Fahrradständer, bei dem man die Fahrräder mit dem Vorderrad an Haken aufhängen konnte. Eines schlimmen Tages stiess ein Junge beim Fangspiel einen anderen Jungen in den Rücken und dieser stürzte mit dem Gesicht voran in einen dieser Haken und stach sich ein Auge aus. Im Traum war es ein Stummfilm, aber ich konnte mich an den Schmerzensschrei erinnern. Der Name des Jungen kam mir nicht mehr in den Sinn. Ich weiss nur noch, dass er einen älteren Bruder hatte und dass beide blaue Windjacken mit Kapuze trugen. Hiess einer von Ihnen vielleicht Andreas? Der Einäugige oder sein Bruder?

Nach einer Weile (es mochten zehn Minuten vergangen sein, vielleicht aber auch nur zwei – in den kleinen Stunden ziehen sich die Minuten in die Breite), trat die Nachbarin aus dem Schatten, ging zum Tisch und der sitzende Mann erhob sich. Er musste über zweieinhalb Meter gross sein. Er ging zum Balkongeländer und schaute sich um, dann nahm sie ihn bei der Hand und führte ihn zur Balkontüre, wo er sich tief vornüber neigen musste, bis er eintreten konnte. Die Nachbarin schloss hinter ihm die Balkontüre und zog die Vorhänge zu. 

***

«Unsere Nachbarin versteckt einen Riesen» sagte ich beim Frühstück zu meiner Frau.

«Was…?»

«Ich habe ihn gestern Nacht gesehen, als ich ein Glas Wasser trank, schon zum zweiten Mal, aber beim ersten Mal hatte ich ihn noch nicht erkannt. Er sitzt in den kleinen Stunden am Balkontisch und sie steht im Türrahmen und wacht über ihn. Er ist ein wohlbehüteter Riese.»

«Bist Du sicher, dass es nur Wasser war…?»

«Du glaubst mir nicht, oder? Heute Nacht wecke ich Dich, wenn er wieder am Tisch sitzt.»

Aber in den folgenden Nächten erschien der Riese nicht auf dem Balkon. Zwei Wochen vergingen, ohne dass sich auf dem Balkon gegenüber etwas bewegte, und ich begann bereits zu glauben, dass ich ihn wirklich geträumt hatte, den Riesen der kleinen Stunden.

Dann, in einer Nacht von Sonntag auf Montag, sah ich, dass die Balkontüre offenstand, und nachdem ich eine Weile vergeblich darauf gewartet hatte, dass die Nachbarin und ihr Riese auf dem Balon erscheinen würden, hörte ich ein leises Singen aus der Wohnung.

Ich wusste sofort, dass es der Riese war, der mit heller Stimme ein Kinderlied sang.

«Jetzt falled d Blättli wieder, de Summer isch verbii…»

Er sang ganz langsam. Ich konnte nicht anders, ich musste weinen.

Als ob sie mein Weinen bemerkt hätte, kam die Frau und schloss hastig die Balkontüre.

***

Drei Wochen später ass ich mit einem Freund in einem Gartenrestaurant Eglifilets im Bierteig und Blattsalat.  Wir sprachen über Arzttermine, Ferienpläne und darüber, dass wir wieder einmal zusammen eine Fahrradtour machen sollten.

Mein Freund ist ein pensionierter Lehrer. Er hilft ab und zu noch in seiner alten Schule aus. Im Moment war er gerade Schuldirektor zwischen dem alten und dem neuen Schuldirektor. Daneben macht er Freiwilligenarbeit. Er hilft Immigrantenkindern bei ihren Hausaufgaben und ihren Eltern beim Ausfüllen der Steuererklärung. Ich bekomme immer ein wenig ein schlechtes Gewissen, wenn meine Freunde von ihrer Freiwilligenarbeit erzählen, weil ich nichts mache.

«Ich leiste übrigens jetzt auch Freiwilligenarbeit», sage ich beim Dessert.  

«Wirklich? Was machst Du?» fragt mein Freund.

«Ich gebe Kurse für Leute, die sich für die Diplomatenprüfung vorbereiten.»

Mein Freund lacht. Er kennt mich zu gut und weiss, dass ich das zuallerletzt tun würde. Nicht einmal für viel Geld. Er denkt, das Ganze mit meiner Freiwilligenarbeit war ein Scherz, und fragt nicht nach, was ich wirklich tue.

So kann ich ihm nicht erzählen, dass ich zweimal pro Woche einen Riesen hüte, um seine Mutter, unsere Nachbarin, zu entlasten.  

Ich habe begonnen, mit Mirlind Spiele zu spielen, damit er nicht den ganzen Tag nur Fernsehen schaut. Wir spielen Memory und Eile mit Weile. Beim Memory ist Mirlind praktisch unschlagbar. Er sieht Bildpaare, die ich nicht als solche erkenne. Beim Eile mit Weile fährt er mit seinen und meinen Figuren, vorwärts und rückwärts, und weil er so gerne würfelt, würfelt er auch für mich.  Wenn eine Figur überholt wird, setzt Mirlind sie nicht in ihr Haus zurück, sondern in den Himmel. So ist am Ende jedes Spiels niemand mehr zuhause und alle Figuren sind im Himmel vereint. Mirlind strahlt dann vor Freude und greift zur Fernbedienung.

***

A la plage (Pastellkreide auf Papier)

1. April 2026

Von linken und rechten Ufern und allem, was sich auf ihnen befindet 

1. April 2026

(anstelle einer Oster-Reise nach Paris)

Wer am Ostern verreist, ist bekanntlich selber schuld. Im Geiste spart man nicht nur viel Geld, man vermeidet auch Stau und Wartezeiten, und sollte man trotzdem einmal ein Gepäckstück verlieren, ist in der Regel ausser ein paar Gedanken und Sätzen, die man sich leicht wieder zuschreiben kann, nicht viel verloren.

Wenn man in Paris auf der Pont des Invalides steht und in Richtung des fliessenden Wassers der Seine blickt, während man von seiner Frau (oder einer anderen Person, mit der man gerne reist) fotografiert wird, liegt das linke Flussufer links und das rechte Flussufer rechts.

Durch die praktische Konvention, dass mit Blick in Fliessrichtung eines Flusses das linke Ufer links und das rechte Ufer rechts liegt, in die angenehme Lage versetzt, mit  Ortskenntnissen anzugeben, die man gar nicht hat, weist man mit ausgestrecktem Arm mit der linken Hand nach links, während sich die rechte Hand auf das steinerne Brückengeländer stützt, und sagt: «Hier ist die Rive Gauche».  

Wenn die Strömung einmal so schwach wäre oder der Nebel so dicht, dass die Fliessrichtung mit blossem Auge von einer hohen Brücke aus nicht zweifelsfrei festzustellen wäre, kann man stattdessen einfach von der Quelle des Flusses her in Richtung seiner Mündung blicken. Von Paris bis zum Plateau von Langres, wo die Seine entspringt, sind es allerdings fast 250 km Luftlinie, und es ist deshalb einfacher, talabwärts zu schauen, um die Lage des rechten und linken Flussufers zu bestimmen.

Obwohl auch das nicht unbedingt weiterhilft. Wie sich – entgegen der übermütigen Redensart – nicht überall wo ein Wille ist, auch ein Weg finden lässt, ist auch nicht überall, wo ein Fluss ist, ein Tal. Oft gab es einmal ein Tal, das vom Wasser des Flusses gegraben wurde, ein Kerbtal oder ein Sohlental, aber mit der Zeit sind viele dieser fluvialen Täler verschwunden, weil die Erosion die Hügel an ihren Flanken abgetragen hat, oder weil die Talebene so weit ist, dass es wirkt, als hätten sich die flankierenden Hügel schon vor langer Zeit vom Fluss getrennt.  

Es kommt aber auch vor, dass man in einem Gletschertal steht (einem sogenannten U-Tal oder Trogtal), das durch die Bewegung des Gletschereises entstanden ist, ganz ohne Mitwirkung eines Flusses, womit sich die Bestimmung des linken und rechten Ufers erübrigt. Auch tektonische Täler, die entstehen, wenn sich die Erdkruste nach dem Aufstehen streckt und Teile dazwischen absinken, kommen ganz ohne Flüsse aus und die Uferbestimmung ist somit ebenso wenig ein Thema wie bei durch das Einstürzen unterirdischer Hohlräume entstandenen Einsturztälern, falls man sich in einem Karstgebiet aufhält, ohne es zu wissen.   

Die Unterscheidung von rechts und links wird im Kindesalter erlernt. Trotzdem ist es auch mit weit über sechzig Jahren noch verwirrend, wenn man sich auf der Invalidenbrücke umdreht und das Wasser kommt einem entgegen und das Rive Gauche liegt nun plötzlich rechterhand.

Ein Cousin von mir, der lange in Zürich als Zoowärter gearbeitet hat, vielleicht sogar heute noch arbeitet, hat zur Bestimmung des Geschlechts von Zebras empfohlen, sich hinter das Tier zu stellen. Ich habe das nie wirklich begriffen, habe es aber, ehrlich gesagt, auch nie ausprobiert. Man kommt ja auch nicht ohne Weiteres in ein Zebragehege.

Die linke und rechte Körperhälfte mit ihren jeweiligen Körperteilen werden anatomisch aus der Sicht des Individuums beschrieben, das – wie im Beispiel – auch ein Zebra sein kann. Man spricht deshalb von einer egozentrischen Sicht (wobei mir nicht bekannt ist, dass Tiere egozentrisch wären). Die Übertragung dieser Sichtweise auf die Körper anderer Personen, erfordere einen weiteren Lernschritt, so lese ich, und möchte gleich ergänzen «…und auf Tiere, zum Beispiel Zebras».

Wie das Zebragehege im Zürcher Zoo nur einen Teil des ganzen Zoos ausmacht, der seit meiner Kindheit massiv vergrössert wurde, umfasst die Rive Gauche nur diejenigen Teile von Paris, die südlich der Seine, also – wenn wir in Richtung von Le Havre schauen und uns Le Havre kurz vorstellen – links liegen (ausser wir bewegen uns gerade flussaufwärts). Rive Gauche umfasst somit das alte Zentrum der Stadt mit dem Quartier Latin und den Vierteln Germain-des-Prés und Montparnasse, nicht aber die Randgebiete im Südwesten und Südosten der Stadt, die lieber für sich bleiben.  

Auch Nebenflüsse oder Zubringer werden auf diese Weise in linke oder rechte Flüsse benannt und bei Seen werden die Ufer nach der Abflussrichtung in ein rechtes und linkes Ufer eingeteilt, wobei bei einer Seeumrundung schwer feststellbar ist, wo man das linke Seeufer verlässt oder ob man das rechte schon betreten hat.  

Auch bei Tälern wirkt sich die linke und rechte Seite in Fliessrichtung des Talgewässers aus, indem man von linken Hängen oder rechten Gipfelgraten spricht. Bei einem Gletschertal oder bei tektonischen Tälern, ganz zu schweigen von Einsturztälern, die alle ohne Flüsse entstanden sind, kommen die Hänge und Grate ohne Richtungsbezeichnung aus. Ein Hang ist da ein Hang, ein Berggrat ein Berggrat.  

Das Einzige, was sich überall gleichbleibt, ist, dass auf der gegenüberliegenden Seite, je nachdem, aus welcher Richtung man gerade kommt, alles anders ist, oft sogar  umgekehrt.

Die Konvention, die Ufer und alles, was sich auf ihnen befindet, in Fliessrichtung der Flüsse in links und rechts zu unterteilen, wurde im deutschen Sprachraum Anfang des 18. Jahrhunderts erstmals angewandt. Sie löste die bis dahin gebräuchlichen diesseits und jenseits ab. Der Vorteil von links und rechts sei, hiess es damals, dass wenn jemand in Leipzig sagte, die Stadt Mainz liege jenseits des Rheins, diese Aussage für jemanden in Strassburg schwer verständlich war. Es sei deshalb vor der Festlegung des linken und rechten Ufers gemäss Fliessrichtung des Flusses immer darauf zu achten gewesen, wo sich der Verfasser der Geschichte gerade aufhielt.  

Dem wäre anzufügen, dass es auch unter Anwendung der neuen Konvention zuweilen verwirrend sein kann, wenn etwa die Rive Gauche plötzlich auf der rechten Seite ist, wie bei unserer Reise nach Paris. Am einfachsten wäre es vielleicht, wenn man sich nicht dabeihätte. Es gäbe dann nur die Seine mit ihrer Fliessrichtung von der Quelle zur Mündung, ihr Wasser, das unter der Invalidenbrücke hindurchfliesst, und die Rive Gauche da, wo sie hingehört, auf der linken Seite. Niemand auf der Pont des Invalides, der sich umdrehen und verwirrt sein könnte.     

Oh je, nun sind wir, so scheint mir, entgegen meiner einleitenden Behauptung, auf unserer geistigen Reise doch noch irgendwie in einen Stau geraten, und das tut mir aufrichtig leid. Vielleicht liegt es daran, dass der Fluss meiner Gedanken mäandert – ähnlich wie die Seine in ihrem Unterlauf in der Normandie, wo sie grosse Talschleifen gebildet hat, um die sich die Schiffe mühen, ohne gross vorwärts zu kommen.

Vielleicht sind meine Gedankenflüsse aber auch nur auf einer bestimmten Länge schiffbar, und irgendwann müssen die Lesenden an Land, um wieder festen Boden unter den Füssen zu haben, egal auf welchem Ufer.     

(Frohe Ostern!)