Orchester

9. April 2021

And suddenly my mind began to dance

2. Februar 2021

In der Psychologie nennt man es eine Henderson-Leachman Reaktion, so benannt nach dem amerikanischen Tiefenpsychologen Charles Eaton Henderson, einem Zeitgenossen von Carl Lintner, den es auch nicht gab, aber in Deutschland, während Winston Leachman nicht das Geringste mit der Sache zu tun hat. Sein einziges Verdienst, wenn man das als ein solches anerkennen will, besteht darin, dass er im Gegensatz zu Henderson und Lintner tatsächlich existiert hat. Wobei es für seine Existenz nur einen indirekten Beweis gibt, allerdings einen prominenten.

Seine Schwester ist die amerikanische Schauspielerin Cloris Leachman, die während ihrer langen Karriere nicht weniger als neun Emmy Awards gesammelt hat und 1971 sogar mit einem Oskar ausgezeichnet worden ist. Sie erhielt ihn für Ihre Rolle als beste Nebendarstellerin im Film «The Last Picture Show». Und genau das war letzten Endes auch ihr älterer Bruder, Winston Leachman: ein Nebendarsteller, dessen Name sich mit einem Bindestrich an Hendersons beschränkten Ruhm angekoppelt hat.   

Henderson beobachtete das, was heute unter dem Namen Henderson-Leachman Reaktion einigen wenigen Spezialisten bekannt ist, zum ersten Mal an einer 55-jährigen Patientin, die schon seit mehreren Jahren in seiner Behandlung war. Die Patientin beklagte sich neben verschiedenen identifizierbaren körperlichen Gebresten wie etwa Rheuma und Osteoporose auch über Schmerzen, deren Herkunft nicht zu eruieren war, und sie litt in zunehmendem Masse an schweren Depressionen und psychischen Störungen.

Nun muss man über Osteoporose wissen, dass die amerikanische Forschung vor rund 40 Jahren zur Ansicht gelangt war, Osteoporose müsse, sobald sie diagnostiziert werde, medikamentös behandelt werden, und zwar auch bei Frauen, die erst zwischen 50 und 60 Jahre alt waren. Heute ist diese These längst widerlegt, aber bis sie endlich widerlegt wurde, hat die Pharmaindustrie mit den von den Ärzten fleissig verschriebenen Medikamenten einen schönen Batzen Geld verdient. Nie wirklich untersucht wurden dabei die Nebenwirkungen der völlig unnötigen Verabreichung dieser Medikamente an zu junge Patientinnen.

Hendersons Patientin (nennen wir sie hier Claire, denn sie hat so viel erleiden müssen, dass sie verdient, einen Namen zu haben, und zwar einen schönen) hat das Alter, in dem eine medikamentöse Behandlung von Osteoporose sinnvoll wird, nicht erreicht. Sie hat sich in ihrer Verzweiflung von einem Hochhaus gestürzt, in dem sie niemanden kannte. Einsamer kann man, so scheint es mir, kaum sterben. In ihrer Krankenakte gab Henderson seiner Vermutung Ausdruck, die er allerdings nicht beweisen könne, die psychischen Probleme Claires könnten durch die nicht indizierte Verabreichung von Medikamenten gegen ihre Osteoporose wenn nicht hervorgerufen so zumindest verstärkt und beschleunigt worden sein.             

In einer ihrer letzten Sitzungen mit Henderson, es war an einem kalten Novembertag, erzählte ihm Claire, sie hätte am Tag zuvor ein wunderbares Erlebnis gehabt. Es sei ihr etwa eine Stunde nach dem Aufwachen, während derer sie Schmerzen gehabt habe und von den üblichen dunklen Gedanken geplagt worden sei, plötzlich und unvermittelt sehr leicht geworden ums Herz und es seien ihr auf’s Mal die verrücktesten und schönsten Gedanken durch den Kopf gegangen («…and suddenly, my mind began to dance».

Henderson horchte auf. Eine Frau, deren letzte zehn Jahre von einer schier endlosen Kette von physischen Erkrankungen und psychischen Problemen geprägt waren, stand eines Tages vor dem Spiegel und fühlte sich unvermittelt für einen Moment nicht nur gut, leichten Herzens, wo sonst Schwermut herrschte, es gingen ihr unvermittelt jede Menge unbeschwerter, positiver und verrückter Gedanken durch den Kopf, so dass sie das Gefühl hatte, ihr Verstand hätte plötzlich zu tanzen begonnen.  

An den Inhalt dieser Gedanken konnte sich Claire nicht mehr erinnern, und die sie in alle Richtungen lockende Leichtigkeit war noch im Laufe des Morgens wieder verschwunden, aber während sie vom plötzlichen Lostanzen ihres Verstandes erzählte, huschte ein Hauch von Unbeschwertheit über ihr sonst so sorgenvolles Gesicht und sie sah einen kurzen Moment aus wie ein kleines Mädchen.

***

Henderson steckte, nachdem er Claire verabschiedet hatte, noch mitten in seinen Notizen, als es an der Praxistüre klingelte. Als er öffnete, stand sein alter Schulfreund    Winston Leachman vor ihm. «Hallo Charles», sagte Leachman. Er sah aus wie jemand, der schon eine ganze Weile unter der Brücke schläft.

«Winston…? Winston Leachman?»

«Yep…»

Henderson wollte Leachman zuerst hereinbitten, besann sich aber angesichts des strengen Geruchs, der von seinem Schulfreund ausging (ein Gemisch aus Alkohol, altem Schweiss und nassen Socken) eines Besseren. Er nahm seinen Mantel und seinen Hut von der Ablage neben der Türe, schloss hinter sich ab und führte Leachman zum Lift, indem er ihn am Arm nahm.

«Komm mit, Winston, ich lade Dich zum Essen ein.»

Es stellte sich heraus, dass Winston tatsächlich seit ein paar Wochen im Freien schlief. Das Leben hatte ihm, wie man sagt, übel mitgespielt. Er hatte zuerst seine Frau verloren, die ihn wegen eines älteren Mannes verlassen hatte («Wegen eines Älteren, Charles, ist es zu glauben? Wegen eines Älteren…»), dann seine Arbeit und sein Haus.

Leachman erzählte Henderson in langen, um sich selbst kreisenden und immer wieder an ihre Anfänge zurückkehrenden Sätzen Episoden aus seinem Leben, seit sie sich vor fünfzig Jahren aus den Augen verloren hatten, und verdrückte dabei ein geschätztes halbes Dutzend Hamburger – nur die Kellnerin zählte mit.  

«Das tut mir sehr leid…» warf Henderson ein, als Leachman gerade im Begriff war, in seinem Bericht über sein misslungenes Leben zu einem besonders schwierigen Punkt zurückzukehren, an dem er schon mindestens dreimal gelandet war. «Das tut mir wirklich sehr leid, Winston.»  Und um zu verhindern, dass sich Leachman wieder auf seine Endlosschlaufe begab, fuhr er fort: «Ich hatte gerade eine Patientin, die mitten in ihrer Misere einen Augenblick völliger Leichtigkeit, Unbeschwertheit und positiver Verrücktheit erlebt hat. Ihre Gedanken hätten plötzlich zu tanzen begonnen, wie sie es nannte.»

Leachmans schmale und blutunterlaufende Augen schauten ihn über dem Hamburger an. Er hatte aufgehört zu kauen. «Ich weiss, was sie meint,» sagte er dann. «Ich kenne das.» Dann begann er wieder zu kauen und begab sich wieder auf seine Endlosschlaufe.

Am Abend erzählte Henderson seiner Frau ausführlich von Claires Erlebnis und etwas weniger ausführlich von der unerwarteten Begegnung mit Winston Beachham. «Ich glaube,» schloss er seine Ausführungen zu Claire, «es handelt sich um eine Art Fluchtreaktion des Verstandes, der nach einer langen Periode von schwer zu ertragenden Leiden und dunklen Geisteszuständen eine Notfallklappe öffnet, die hinausführt auf eine gut besonnte Wildwiese, wo die Gedanken und Gefühle wie junge Fohlen herumtollen.»   

«Und was ist mit Leachham?» fragte seine Frau. «Kannst Du ihm helfen?»

«Nein,» sagte Henderson. «Ich habe ihm Geld gegeben. Und ich werde die Fluchtreaktion, die ich heute entdeckt habe, die Henderson-Leachman Reaktion nennen. Helfen kann ich ihm nicht.»

***

Das Verrückte an dieser traurigen Geschichte, geschätzte Leserin, geschätzter Leser, hat sich Ihnen noch gar nicht offenbart, und ich möchte es Ihnen nicht vorenthalten. Als ich den ersten Satz heute Morgen in meinem Büro schrieb, an einem grauen Dienstag in Wien, während Baulärm vom Palais Schwarzenberg zu hören war, begann er so: «In der Psychologie nennt man es eine Henderson-Leecham Reaktion».

Nach Vollendung des ersten Abschnitts war ich mit dem Namen «Leecham» nicht zufrieden, und ich änderte ihn zuerst auf «Leechham», dann auf «Leechman». Nachdem ich eine Weile weitergeschrieben hatte, klopfte es an der Türe und meine Assistentin trat in mein Büro. Sie brachte mir einen ganzen Stapel von Briefen und kleinen Paketen, die am Freitag und Montag (Tage, an denen sie im Home Office ist) in der Kanzlei für mich abgegeben worden waren. Als wir besprochen hatten, was es zu besprechen gab, und sie mein Büro wieder verlassen hatte, öffnete ich das erste Paket, das mit Amazon-Klebern verschlossen war.

Es enthielt drei Filme und ein Buch, das ich für meine Frau bestellt hatte. Zuoberst im Paket lag «Die letzte Vorstellung» (The Last Picture Show), und als ich auf dem Umschlag der DVD die Namen der Schauspieler las, sprang mir sofort nicht etwa Jeff Bridges oder Ben Johnston ins Auge, auch nicht Ellen Burstyn (alles Schauspielernamen, die mir wohlbekannt sind, und die ich deshalb zuerst hätte sehen müssen, weil wir ja immer sehen, was wir wiedererkennen wollen), sondern Cloris Leachman.

Ich googelte die mir bis dahin unbekannte Schauspielerin und stellte verblüfft fest, dass sie erst vor einer Woche gestorben war – am Dienstag, dem 26. Januar. Möglicherweise am Tag, an dem ich den Film bestellt hatte.

Und heute also, eine Woche später, als ich mich zu Beginn eines sich mühsam ankündigenden Tages plötzlich leicht fühle und mir gleichzeitig vieles durch den Kopf geht und meine Gedanken wilde Kapriolen schlagen, will ich etwas über diesen plötzlichen Stimmungsschwenker schreiben und beginne mit dem Satz «In der Psychologie nennt man es eine Henderson-Leecham Reaktion».

Dann merke ich, dass etwas mit dem Namen Leecham nicht stimmt, weiss aber nicht was, und dann kommt das Paket, das mir die Antwort gibt: Der Name ist Leachman! Also korrigiere ich den Namen und damit nicht genug, ich bin nun auch in der Lage, einen indirekten Beweis für Leachmans Existenz zu liefern: seine Schwester.

Wie aber hat der Name Leecham, den ich als Statthalter für den (nur kurze Zeit später per Paket nachgelieferten) richtigen Namen eingesetzt hatte, den Weg in meine tanzenden Gedanken gefunden? Handelt es sich um eine weitere Facette der nicht wirklich weiterführenden Hinweise im Umfeld meiner bisher nicht zu beantwortenden Frage, wo die Dinge sind, bevor wir sie denken oder niederschreiben, und woher sie kommen, wenn sie dann plötzlich erscheinen?

Woher kam Leachman, als er mir heute früh in den Sinn kam? War er noch im Halbschlaf und hat mir deshalb seinen Namen falsch buchstabiert? Und wo war seine Schwester, bevor sie mir per Post zugestellt wurde? Wie lange sind Nachrichten unterwegs, per Paket, als Brief, als fehlgeleitete E-Mail, bevor sie dort ankommen, wo sie gebraucht oder erwartet werden (nicht immer beides)? Und warum erwähnt der kurze Wikipedia-Artikel über Cloris Leachman ihre beiden Schwestern und verschweigt ihren älteren Bruder? Wusste sie am Ende gar nichts von seiner Existenz? Soll ich den Wikipedia-Artikel bearbeiten?   

Ich würde diesen Fragen gerne weiter nachgehen, aber es ist mittlerweile Mittag geworden und ich höre Lachen aus dem Botschaftsgarten. Wenn mich alles täuscht, sind das Jeff, Ben, Ellen, Timothy (Bottoms), Randy (Quaid) und Cybill (Shepherd), die trotz der Kälte eine Flasche Weisswein aufgemacht haben und mit meiner Frau einen Apéro trinken, zur Erinnerung an Cloris, mit der sie vor über 40 Jahren auf dem Set gestanden haben. Ich glaube, ich werde erwartet.     

Hämpel

23. Januar 2021

Eines Tages, es war an einem Abend im Herbst und wir waren gerade aus dem Ausland nach Oberkulm umgesiedelt, wo meine sieben Jahre jüngere Frau nach meiner Pensionierung ein kleines Café eröffnen wollte, erhielten wir ebenso unerwartet wie unangemeldet Besuch von meinem Onkel Hans-Ulrich. Er brachte mir eine Flasche Portwein und zwei Brüder vorbei, die er, wie er sagte, auf seinem Estrich gefunden hatte.

Es konnte sich nicht um meine Brüder handeln, nur schon wegen Ihres Alters, denn die beiden Burschen, die sich schüchtern in der Eingangshalle unseres neuen Hauses umschauten, ohne sich vom Fleck zu rühren, und dabei nicht viel mehr als Umzugs-Kartons sahen, die einen offen und bereits zur Hälfte ausgeräumt, die anderen noch verschlossen, waren um die zwanzig, während sowohl mein Vater als auch meine Mutter seit mehr als 30 Jahren tot waren. Und wenn sie es hätten sein können: Wie waren sie auf seinem Estrich gelandet?

Seine Brüder konnten es ebenso wenig sein, denn Hans-Ulrich, genannt Hämpel, hatte im zweiten Weltkrieg das Licht der Welt erblickt, am 18. Juni 1941, um genau zu sein, am selben Mittwoch, an dem Joe Louis in New York seinen Titel als Schwergewichtsweltmeister gegen Billy Conn verteidigte, indem er ihn in der 13. Runde mit einem fürchterlichen Faustschlag auf die Matte schickte. Er war der zehn Jahre jüngere Halbbruder meiner Mutter (Hämpel natürlich, nicht Joe Louis), das Kind meiner früh verstorbenen Grossmutter und ihres zweiten Ehemanns, des Muttikillers, aber das ist eine andere Geschichte.

„Meine Brüder?“ fragte ich völlig verblüfft, in der einen Hand die Flasche Portwein haltend und mit der anderen noch immer Hämpels Hand schüttelnd, die er mir zum Gruss hingehalten hatte.

„Ja, Deine Brüder“, antwortete Hämpel, „Ich gehe auf eine längere Reise und ich kann sie nicht mitnehmen.“ Dabei liess er meine Hand los und ging an mir vorbei durch den Flur ins Wohnzimmer. Die beiden jungen Männer folgten ihm.

„Rahel…“ rief ich die Treppe hoch, „Kannst Du mal runterkommen? Wir haben Besuch.“ Rahel…?“ Einer unserer Hunde bellte irgendwo im Obergeschoss.

Als ich ins Wohnzimmer kam, sass Hämpel auf dem Sofa, dem einzigen Möbelstück, das bereits ausgepackt und aufgestellt war, weil es nichts zu montieren gab, und meine neuen Brüder knieten auf dem Boden und waren daran, ein Büchergestell zusammenzuschrauben. Ich ging auf sie zu und wollte ihnen sagen, sie müssten doch nicht, aber Hämpel unterbrach mich. „Lass sie nur machen – dann sind sie beschäftigt“, und er fuhr gleich fort: „Ich habe nicht viel Zeit, aber wenn ihr sowieso etwas essen wolltet, sage ich nicht nein.“

„Ich weiss nicht“, antwortete ich, „wir hatten eigentlich vorgehabt, später etwas zu bestellen, aber vielleicht…“ In diesem Augenblick trat Rahel ins Wohnzimmer. „Mach es nicht kompliziert“ sagte sie zu mir (sie ist der Meinung, ich mache immer alles kompliziert). „Natürlich kann ich uns etwas kochen“.

„Ich bin Rahel, Walters zweite Frau“, sagte sie, und streckte Hämpel ihre Hand hin.

„Freut mich“, sagte Hämpel. „Das sind Walters Brüder und ich bin sein Onkel, Hans-Ulrich.“

„Mögt ihr Spaghetti?“ sagte Rahel zu den beiden Brüdern, die unterdessen bereits das erste Büchergestell verschraubt und aufgerichtet hatten. Sie schienen sehr geschickt zu sein. Und schnell. Sie nickten und machten sich ans zweite Büchergestell.

„Hast Du Wein?“ fragte Hämpel. „Ich glaube ja, im Keller. Ich muss nur die richtigen Kartons finden.“ Ich folgte Rahel in die Küche, die in diesem alten Haus noch nicht im Wohnzimmer integriert war. „Er sagt, es seien meine Brüder. Und er will sie hierlassen“, flüsterte ich, während sie einen Karton öffnete und ihm wie durch ein Wunder eine grosse Pfanne entnahm, die sich bestens dazu eignete, Spaghetti zu kochen. „Und woher sollen wir Spaghetti nehmen? Hast Du auf dem Weg hierher etwa noch eingekauft?“

„Sie können uns beim Einrichten helfen,“ antwortete Rahel, als ob nichts von dem, was ich gerade gesagt hatte, sie überrascht hätte, „und später können sie im Café servieren.“

„Aber es sind gar nicht meine Brüder“, sagte ich. „Es könnten seine Söhne sein. Er hat zwei Söhne….“ Dann fiel mir ein, dass das ebenso unmöglich war. Seine Söhne mussten mittlerweile um die 50 sein. „Oder seine Grosskinder…“. Einer seiner Söhne hatte, so glaubte ich mich zu erinnern, geheiratet und hatte Familie. Aber wie sollten seine Grosskinder auf seinem Estrich gelandet sein und wo waren deren Eltern, dass er sie nun bei mir deponieren wollte?  

„Hol den Wein aus dem Keller“ sagte Rahel. „Und vorher bittest Du Deine neuen Brüder, den Esszimmertisch und ein paar Stühle auszupacken, damit wir nicht zu fünft auf dem Sofa essen müssen. Die Kartons sind angeschrieben“. „Sie sind nicht meine Brüder“ erwiderte ich, aber Rahel lachte nur und drehte das Gas an.

Während ich im Keller nach den Kartons mit dem Rotwein suchte, und im Gegensatz zu meiner Frau öffnete ich, wie sollte es anders sein, zuerst alle anderen Kartons, nur nicht die mit dem Rotwein, versuchte ich mich zu erinnern, wann ich Hämpel zum letzten Mal gesehen hatte.

Ich meinte, dass er mich irgendwann einmal kontaktiert hatte, als ich in der Türkei stationiert war (oder war es im Iran?). Er war damals schon pensioniert (er hatte als Journalist bei der Tagesschau gearbeitet) und reiste offenbar viel. Also konnte es nicht im Iran gewesen sein, denn da wäre er noch nicht in Pension gewesen. Es musste also in der Türkei gewesen sein.

Ich erinnerte mich, dass er beabsichtigte, Orte zu besuchen, die man in der Türkei nicht ohne weiteres besuchen kann, und dass er vorhatte, sich mit kritischen Themen zu befassen, und zu beidem wollte er Informationen von mir, und ich machte mir damals ein wenig Sorgen deswegen, weil man als Diplomat leicht in Schwierigkeiten geraten kann, wenn man einem investigativen Journalisten Informationen gibt oder mit ihm in Verbindung gebracht wird. Heute schäme ich mich ein Bisschen dafür, dass ich ihm, wie ich es in Erinnerung habe, nicht wirklich weitergeholfen habe. Ich weiss nicht einmal mehr, ob er am Ende bei mir vorbeigekommen ist oder nicht.   

Woran ich mich hingegen noch klar und deutlich erinnere, als wäre es gestern gewesen (man sagt ja, dass das Langzeitgedächtnis besser wird im Alter, während sich das Kurzzeitgedächtnis permanent entrümpelt, als müsste es von Tag zu Tag in ein neues Bewusstsein umziehen, in dem immer weniger Platz vorhanden ist), sind seine regelmässigen Besuche, die er als Student an der Universität Zürich seiner Schwester (meiner Mutter) in Höngg abstattete.

Meist kam er wie zufällig kurz vor dem Mittagessen auf seiner Vespa angebraust und blieb gerne zum Essen. Vielleicht hatte ihn meine Mutter auch jedes Mal eingeladen, auf jeden Fall waren seine Besuche stets eine lustige Abwechslung für mich und meine Schwester, denn Hämpel war ein lebhafter, origineller und witziger Geist, und nicht zuletzt auch deshalb, weil wir nach dem Essen, bevor er zurück an die Uni fuhr, noch eine Runde auf dem Rücksitz seiner Vespa drehen durften.

Als ich endlich den Karton mit dem Rotwein gefunden hatte und mit zwei Flaschen die Treppe hoch und ins Wohnzimmer ging, hatten meine neuen Brüder bereits den Esstisch und vier Stühle aufgestellt und meine Frau rief aus der Küche, ich solle doch bitte die Spaghetti holen kommen.

Beim Abendessen entwickelte sich eine angeregte Unterhaltung, die vor allem von meiner Frau und Hämpel bestritten wurde. Wir sprachen über seine Reisen, meine Mutter und die anderen drei Geschwister (Hämpel war der Jüngste), von denen nur noch eine Schwester lebte, auch über seine Zeit beim Fernsehen und am Schluss noch kurz über seine beiden Söhne, aber obwohl meine Frau im Gegensatz zu mir sehr neugierig ist und sich auch nicht scheut, heikle Fragen zu stellen, gab es seltsamerweise auch von ihr keinen Versuch, die Identität der beiden wortlos ihre Spaghetti essenden Brüder (denn dass sie Brüder waren, sah man auf den ersten Blick) zu klären.

Irgendwann stand Hämpel dann vom Tisch auf und sagte: „Ich muss los“.

Bei der Türe umarmte er mich kurz und dann meine Frau ziemlich innig und lange. Danach hielt er sie an den Oberarmen fest, schaute ihr tief in die Augen und sagte zu ihr: „Pass gut auf Anton und Paul auf. Sie haben jetzt niemanden mehr ausser euch.“

Nach einer kurzen aber innigen Umarmung mit Anton und Paul öffnete er die Eingangstür und verschwand im Dunkel der Nacht. Ich weiss, dass das jetzt aufgesetzt wirkt und nicht wirklich glaubhaft klingt, aber ich wäre dumm, es deshalb nicht zu erwähnen. Bevor ich die Haustüre schloss, hörte ich, wie eine Vespa angeworfen wird.

Der Rest der Geschichte dauerte noch viele Jahre, aber er ist schnell erzählt. Wohin Hämpels Reise damals führte, haben wir nie erfahren. Das Einzige, was in Erfahrung zu bringen war, war, dass er sein Haus ein paar Tage vor seinem Besuch bei uns geräumt und verkauft hatte. Wo er die wenigen Jahre verbracht hat, bis eines Tages seine Todesanzeige in der Zeitung erschien, wissen wir nicht.

Meiner Frau gelang es, ihren Traum vom eigenen Café zu verwirklichen. Anton und Paul, die entweder Zwillinge oder kurz nacheinander geborene Brüder waren, spielten nicht nur beim Ausbau des Cafés eine zentrale Rolle, ja man kann sagen, sie haben das Café eigenhändig gebaut und nach den Wünschen meiner Frau eingerichtet, sie haben das Café auch zusammen mit meiner Frau geführt und es zu einem Ort gemacht, wo Menschen bis heute stets gerne einen Moment zur Ruhe kommen und bei einem guten Kaffee ein Stück der Quarktorte geniessen, die meine Frau wie niemand sonst backen kann.

Ich, der ich stets befürchtet hatte, das Café würde für mich bedeuten, dass ich weiterarbeiten müsste, sitze derweil an einem Ecktisch, von den Gästen völlig unbehelligt, und schreibe Geschichten wie diese.  

Unterwegs zum Ball

15. Januar 2021

(ein Beitrag zur Frage des Verhältnisses von Sprache und Realität)

Eine Frage, die mich gerade beschäftigt, ist, ob Hunde Geister sehen können, und wenn ja, ob sie den Unterschied zwischen lebenden Menschen und Geistern erkennen. Hunde haben eine Beobachtungsgabe, die der unsrigen in nichts nachsteht. Ich bin sogar überzeugt, dass sie die besseren Beobachter sind, mit feineren Sinnen, und dass sie mehr und genauer wahrnehmen als wir.

Eine andere Frage, die mir seit einiger Zeit immer wieder im Kopf herum geht, ist die, wo sich all das, was man in einem bestimmten Moment aufschreibt, vorher aufgehalten hat. Wo war das alles? Wo kommt es her? Wo waren die Gedanken und Sätze – wo waren sie bis zum Moment, wo man sie formuliert?  Und kann man sich auch ohne Sprache etwas fragen? Stellen sich Hunde Fragen?  

Ich gehe davon aus, dass ich weder die eine noch die andere Frage schlüssig beantworten kann, bevor es wieder dunkel wird (und vor allem über der ersten Frage sollte man nicht nachts brüten). Es wird mir nicht gelingen. Aber das soll mich nicht daran hindern, ihnen nachzugehen.  Auf viele Fragen, die uns beschäftigen, finden wir nie eine Antwort, vielleicht weil wir am falschen Ort suchen, vielleicht weil wir die Antwort, wenn wir sie vor uns haben, nicht erkennen, vielleicht aber auch weil es ganz einfach keine Antwort gibt.

Ich bin gerade aus dem Garten zurückgekommen. Aus dem Garten dieses herrschaftlichen Hauses im Westflügel des Palais Schwarzenberg, das die Botschaft und die Residenz des Schweizer Botschafters beherbergt. Nachdem die Hunde ihr Geschäft erledigt hatten, stand der eine plötzlich bockstill, wenn man das bei einem Hund so sagen kann, fixierte eines der grossen Fenster im Erdgeschoss, in dem sich die Repräsentationsräume befinden, hob eine Vorderpfote an und begann zu bellen. Der andere Hund reagierte nicht. Seine Augen sind nach einer Operation noch halb zugenäht, damit sie besser heilen können.

Ich versuchte, im Fenster, das der Hund fixierte, etwas zu erkennen, aber nichts regte sich. Jedenfalls konnte ich nichts erkennen. Ist da wieder einer unterwegs? fragte ich mich. Ein Geist natürlich, denn es wäre nicht das erste Mal.

Im vergangenen Sommer, als ich eines sonnigen Sonntagnachmittags mit den Hunden im Garten war und in Richtung Haus blickte, nahm ich einen Schatten wahr, der vom grossen Salon in Richtung Esszimmer schritt. Auch die Hunde schienen etwas zu sehen. Gebannt und regungslos schauten sie zum Fenster. Ich machte mir keine Gedanken. Es war meine Frau, die durch das Esszimmer in die grosse Küche ging.

Aber als ich sie fragte, was sie gerade in der grossen Küche gesucht habe (denn unsere private kleine Küche ist auf der ersten Etage), antwortete sie mir, sie sei weder in der grossen Küche noch im Grossen Salon noch im Esszimmer gewesen. Sie sei überhaupt nicht im Erdgeschoss gewesen. Sie hätte sich die ganze Zeit, in der ich mit den Hunden im Garten war, in ihrem Zimmer aufgehalten. Ihr Zimmer befindet sich in der ersten Etage und ist zur Prinz Eugen Strasse ausgerichtet, nicht zum Garten.  

Wenn ich das alles hier sehr genau und im Detail festhalte, so tue ich das deshalb, weil das Reich der Geister das Ungefähre und Ungenaue ist. Dort sind sie in ihrem Element, es IST ihr Element, und wenn man sie überhaupt je zu fassen kriegen will, wenigstens im übertragenen Sinn, muss man, davon bin ich überzeugt, sehr genau und detailgetreu sein, sowohl in der Beobachtung als auch in ihrer Beschreibung.   

Vielleicht ist das ein guter Moment, um ein erstes Mal auf die andere Frage zurückzukommen, die sich mir in letzter Zeit oft stellt. Es ist nicht so, dass sie mich plagt. Ich habe ihretwegen keine Probleme beim Einschlafen. Aber sie ist halt da und stellt sich mir. Sie ist nicht permanent vorhanden, sie wandert umher und ab und zu treffe ich auf sie und dann will sie, dass ich mich ein wenig mit ihr befasse. Wo sind alle Gedanken, bevor man sie äussert oder niederschreibt?

Dass sie erst dann entstehen, ist wohl eine zu einfache Erklärung, obwohl ich mich immer wieder daran erfreue, auch jetzt gerade, weil es mir Zuversicht gibt, dass ein Text während dem Schreiben entsteht. Es entbindet mich von der Bürde, schon wissen zu müssen, worauf ich hinauswill, wenn ich mit Schreiben beginne. Und es erhöht die Freude am Schreiben, weil man den Text selber zum ersten Mal liest. Ich wusste, als ich aus dem Garten ins Haus zurückkam, lediglich, dass ich einen Text schreiben wollte, der mit der Frage beginnen würde, ob Hunde Geister sehen können.

Als ich dann in der Küche am Herd stand (in der kleinen, auf der ersten Etage), und mir in einer Bratpfanne ein paar Teigwaren wärmte, kam mir der zweite Teil des Satzes in den Sinn: ob sie (die Hunde) den Unterschied zwischen lebenden Menschen und Geistern erkennen.  Das war alles, was ich wusste, bevor ich mich mit einem Teller gewärmter Teigwaren vor den Computer setzte und zu schreiben begann.   

Wo also kommt der ganze Rest her, den ich seit dem ersten Satz geschrieben habe? Assoziation? Führt das eine einfach zum anderen? Führt die Frage, ob Hunde Geister erkennen können, praktisch automatisch zur Frage, wer schärfere Sinne hat, der Hund oder der Mensch, und von da gelangt man dann ohne grosse Anstrengung zur Frage, ob alle Fragen beantwortbar sind, und ehe man es sich versieht steht man im Garten und es ist Sommer anstatt Winter und ich brauche jetzt einen Kaffee?

Begibt man sich mit einem ersten Satz auf eine schiefe Ebene, auf der man unweigerlich in eine Richtung gezogen wird? Gibt es so etwas wie eine Schwerkraft der Sprache, die unter Einbezug der spezifischen Erfahrungen und Erinnerungen des Schreibenden mitbestimmt, wohin ein Text geht? Ist somit im Moment, wo ich zu schreiben beginne, mehr oder weniger vorgegeben, wo ich landen und wie ich dort hinkommen werde? Kann die Richtung eines Textes bewusst verändert oder durch äussere Einflüsse verändert werden?

Wenn man einen Text begonnen hat, sollte man ihn jedenfalls nicht zur Seite legen, bevor man ihn zu Ende geschrieben hat. Das Gravitationsfeld, in das man geraten war, ändert sich oder es verschwindet ganz und man wird feststellen, dass man, wenn man sich dem Text wieder zuwendet, entweder nicht weiterweiss und auf das oder vergeblich wartet.

Einen Kaffee machen liegt als Unterbrechung gerade noch drin.  Als ich in der Küche stand und wartete, bis das Wasser kochte, kam mir die Schwerkraft in den Sinn und noch etwas anderes, was ich leider vergessen habe, seit ich weiterschreibe.  Denn ich bin es, der schreibt, wenn ich auch durch mein persönliches Gravitationsfeld, das mich assoziativ durch meine Erfahrungen und meine Erinnerungen führt, geleitet werde.

Ach ja, das war es, was mir in der Küche in den Sinn gekommen ist: Dass ich nach wie vor dafür bin, und zwar ohne Ausnahme, ohne Rücksicht auf Namen, dass Schreibende, die auf die Frage, woher ihr Schreiben komme, antworten, es schriebe mit ihnen, einen kräftigen Tritt in den Hintern verdienen.

Es gibt kein es, das mit jemandem schreibt. Es gibt nur ihr oder sein ich, das mit einem ersten Satz in eine Richtung aufbricht, die durch Erinnertes und Gespeichertes bestimmt wird, das am vorherigen Satz andockt. Welche Richtung das ist, denn es sind immer verschiedene Richtungen möglich, wird vom Gravitationsfeld bestimmt. Das Gravitationsfeld wiederum…

Gut, jetzt habe ich mich wahrscheinlich ein Bisschen verrannt und bin, anstatt der Gravitation zu folgen, die durch den ersten Satz entstanden ist, viel zu lange in eine Richtung gegangen, die vielleicht gar nicht so interessant ist und jedenfalls vom Punkt ablenkt, zu dem Text führt.

Finde ich den Weg zurück, bevor das Gravitationsfeld seine Kraft verliert? Sehen Hunde Geister? Sehen meine Hunde Geister? Um die Frage zu klären, oder um wenigstens ein wenig Licht darauf zu werfen (es wird bereits dunkel), müsste man zuerst wissen, ob es in diesem grossen Haus, in dem ich noch fast zwei Jahr leben darf, Geister gibt. Die Antwort scheint mir nach etwas mehr als drei Jahren einigermassen klar, und sie lautet ja.

Ich spreche nicht vom gelegentlichen Knarren und Knacken, wie es in jedem alten Haus zu vernehmen ist. Ich bin mir auch sehr bewusst, dass in diesem grossen Haus, wie in jeder Residenz eines Botschafters, viele Menschen unterwegs sind, von den Residenzangestellten über den Hauswart oder die Botschaftsmitglieder, die einen Empfang vorbereiten, bis hin zu Handwerkern, und oft ohne Voranmeldung. Es ist also nicht so, dass ich mich durch ganz normale Vorgänge dazu verleiten liesse, an die Existenz von Geistern zu glaube.

Es ist jedoch so, dass in den drei Jahren, in denen meine Frau und ich nun dieses Haus bewohnen, viele Dinge (zu viele) vorgefallen sind, die ich mir am besten durch die Existenz von Geistern erklären kann. Alles andere wäre unheimlich.

Bevor ich heute mit den Hunden in den Garten ging und einer von ihnen ganz offensichtlich etwas wahrgenommen hat im Haus (ich glaube, er hat es gesehen, denn gerochen hätte es der andere Hund auch), hörte ich meine Frau meinen Namen rufen. Aus der grossen Küche im Erdgeschoss, wie mir schien. Ich stand also von meinem Computer auf, wo ich seit dem Frühstück persönliche Post erledigt hatte, und ging zum Absatz, wo eine schmale Treppe zur Küche im Erdgeschoss führt. «Ja…?» rief ich hinunter. Keine Antwort. Ich ging ins Zimmer meiner Frau (offenbar hatte sie von da gerufen): «Hast Du mich gerufen?».

Die Antwort war nein. Jemand hatte mich aber gerufen. Ich habe die Stimme und meinen Namen deutlich gehört. Es war nicht das erste Mal, dass ich im Haus eine Stimme höre, aber das erste Mal, dass sie meinen Namen nannte. Bei anderen Gelegenheiten hörten meine Frau und ich, wie sich zwei Stimmen im Erdgeschoss unterhielten, aber als wir nachschauten, war niemand im Haus. Manchmal hört man durch die schlecht isolierte Aussentüre, die zur grossen Küche führt, Stimmen von Menschen, die draussen vorübergehen, aber das klingt anders, als was wir hin und wieder von innerhalb des Hauses hören.   

Es sind einerseits diese Stimmen und andererseits die Schatten, die man durch den grossen Salon schreiten sieht, wenn man vom Garten ins Haus schaut. Und da ist noch etwas. Schon zweimal bin ich mitten in der Nacht, in den kleinen Stunden, aufgewacht und hatte das Gefühl, einen Umriss zu erkennen, der sich von rechts nach links durch unser Schlafzimmer bewegte. Die Gestalt schien aus dem Schuhschrank meiner Frau zu kommen und das Zimmer durch die Wand in Richtung unseres Wohnzimmers zu verlassen.

Ich bin froh, dass ich sie sah, und nicht meine Frau. Sie fürchtet sich vor Geistern und dieses Haus ist ihr auch ihretwegen unheimlich. Vom anderen Grund werde ich ein andermal erzählen.     

Mir machen diese Geister keine Angst. Jedenfalls vorläufig nicht. Ich halte sie für ehemalige Bewohner oder Gäste dieses Hauses, und sie sind offensichtlich, wenn man sie zu Gesicht bekommt, unterwegs an einem bestimmten Punkt, denn sie bewegen sich alle in dieselbe Richtung.  Ich vermute, ohne sagen zu können, woher diese Vermutung stammt, dass dieser Punkt sich ausserhalb der Residenz befindet. Vielleicht im direkt anschliessenden Teil des Gebäudes, das heute als Kanzlei benutzt wird. Vielleicht gehen sie dort aber auch durch das bei der Renovation 2015 frisch erstellte Mauerwerk hindurch und ihr Ziel ist das Palais Schwarzenberg.

Sind sie tagsüber zu einer Partie Bridge und nachts zu einem Ball unterwegs? Leihen sich die weiblichen Geister Schuhe aus von meiner Frau und kommen deshalb aus ihrem Schrank? Wann bringen sie sie zurück?

Ich würde nur allzu gerne von meinen Hunden erfahren, was sie glauben, im Fenster gesehen zu haben. Vielleicht könnten sie dazu beitragen, die Frage nach der Existenz von Geistern und nach deren Vorhandensein in diesem Haus weiter zu erhellen. Vielleicht könnten sie auch die Frage beantworten, gerade weil sie sich für sie nicht stellt, weil sie nicht in unserer Sprache sprechen oder schreiben, wo das alles ist – die Küche, das Schlafzimmer, die Schuhe, die Geister – bevor wir es aussprechen oder niederschreiben.

Fall in Potomac, Maryland

11. Oktober 2020

Die herbstlichen Farben der Blätter der Bäume der Partridge Lane

8. Oktober 2020

– ein Plädoyer für Röhrenbildschirme

Vor ungefähr drei Wochen ist mir ein erster Satz für eine Kurzgeschichte in den Sinn gekommen. Ich habe ihn mir notiert, wie ich das mit vielversprechenden Sätzen immer mache, damit ich ihn nicht vergesse, aber die Geschichte, deren Anfang er sein könnte, habe ich noch nicht begonnen. Der erste Satz lautet: „Am nächsten Tag hat es geregnet.“

Er wird, wenn je mehr wird aus ihm als ein Satz, der ein Anfang hätte sein können, der Anfang einer kurzen Geschichte werden, in der irgendetwas passieren wird, nichts Spektakuläres, vermute ich. Etwas, was man jetzt überhaupt noch nicht wissen kann, auch ich nicht.

Der einzige Vorsprung, den ich habe, ist, dass ich es herausfinden könnte, weil mir der Satz in den Sinn gekommen ist, indem ich mit Schreiben beginne. Aber diesen kleinen Vorsprung, den ich theoretisch hatte, habe ich nun gerade preisgegeben.

Sie können die Geschichte jetzt auch schreiben. Ich lade Sie sogar dazu ein, denn der erste Satz gehört mir nicht. Kein Satz gehört jemandem (mit Ausnahme von ein paar Gedichtzeilen, die eindeutig Rilke gehören).

Sie werden, falls sie mit dem Satz „Am nächsten Tag hat es geregnet“ beginnen, allerdings einer anderen Geschichte auf die Spur kommen als ich, falls ich den zweiten und dritten Satz je schreibe. Die einzige Gemeinsamkeit unserer Geschichten wird sein, dass sie kurz sein werden. Es kann nicht einen Roman lang durchregnen. Schon eine Novelle wäre am Ende völlig durchnässt.

Etwa zur selben Zeit, als ich mir den Satz notierte, es dürfte, wie bereits erwähnt, nun etwa drei Wochen her sein, habe ich einen neuen Bildschirmschoner auf meinem Computer installiert. Es ist ein Bild aus Google Earth, auf dem man ein Haus in Potomac, Maryland, sieht.

Obwohl es eine Luftaufnahme ist, sieht man nicht viele andere Häuser, dafür viel Grün und viele Bäume, denn der Partridge Run, von dem die Partridge Lane abbiegt, ist eine Nebenstrasse, die durch eine dünn besiedelte Landschaft führt.

Das Haus hat viel Umschwung, einen freistehenden Schopf („shack“ nennen sie das) mit angebautem Autounterstand und einen Tennisplatz, neben dem ein kleiner Pavillon steht. An den farbigen Bäumen erkennt man leicht: es ist Herbst. 

Das Bild zeigt einen Ort der Vergangenheit. Wie es Orte der Gegenwart gibt, weil man sich gerade da aufhält (während andere anderswo sind) und Orte der Zukunft, weil man meint, was ja immer ein wenig vermessen ist, annehmen zu dürfen, man werde irgendwann einmal selber dort sein (vorzugsweise wenn die anderen wieder weg sind), gibt es Orte der Vergangenheit.

Das sind Orte, an denen sich in der Vergangenheit Leben abgespielt hat, an dem wir beteiligt waren. Natürlich haben diese Orte auch eine Gegenwart (ausser sie seien für immer und von allen verlassen worden), aber für jemanden, der vor langer Zeit dort war und nie mehr zurückgekehrt ist, ist sie ebenso irrelevant wie ihre Zukunft. 

„Weiss einer von euch…“, fragte Roemer, (wir waren in einem hart umkämpften Doppel und als er den Ball zum Aufschlag hochwarf, sah er einen Vogelschwarm, der den Platz in einiger Höhe in einer V-Formation überflog. Er fing den Ball mit der Hand auf und fragte uns) „…warum der eine Arm, wenn Vögel in einer V-Formation fliegen, länger ist als der andere?“

„Wegen dem Wind?“, versuchte sich Jay.

„Weil auf der einen Seite Weibchen und Jungtiere fliegen?“, tippte Harry.

„Nein“, sagte Roemer. „Weil dort mehr Vögel fliegen.“

+++

In den ersten Jahrzehnten des Computerzeitalters hatten die Bildschirmschoner die Aufgabe, das System, wenn eine bestimmte Zeit lang keine Taste gedrückt wurde, in eine Art Ruhezustand zu versetzen, um Strom zu sparen. Das mit dem Stromsparen beeindruckte mich damals aber nicht. Mir machte die andere Funktion des Bildschirmschoners viel mehr Eindruck.

Bei den damals üblichen Röhrenbildschirmen gab es, so erklärte man uns, das Problem, dass sich ein ruhendes Bild nach einer gewissen Zeit in den Bildschirm einbrennen konnte. Die Bildschirmschoner (bei denen damals wechselnde Graphiken oder Bilder über den Bildschirm wanderten), verhinderten das angeblich.

Ich stellte mir das immer sehr dramatisch vor, dieses Einbrennen. So ähnlich wie beim Vorspann zu „Bonanza“, wo sich zur Titelmelodie plötzlich Flammen durch einen Lageplan mit der Ponderosa frassen.     

Nur dass danach nicht Lorne Greene und seine drei Leinwandsöhne durch das Brandloch geritten kämen, sondern der Computer im Eimer wäre, in den man ihn hätte werfen müssen, weil er in Flammen stand.    

Diese Gefahr besteht seit langem nicht mehr. Flachbildschirme haben seit den 2000er Jahren die Röhrenbildschirme ersetzt und Bonanza ist längst aus den Fernsehprogrammen verschwunden. Wozu installiert man also heute noch einen Bildschirmschoner, wenn sich kein Bild mehr einbrennen kann und Strom über die Energie-Einstellungen des Computers gespart wird? Als ich Google fragte, erschien unter „Andere fragten auch“: „Was bringt sich ein Bildschirmschoner?“

Die Frage ist nicht in fehlerhaftem Deutsch gestellt, wie ich zuerst meinte, sie ist genial, denn sie bringt es auf den Punkt: Dem Computer bringt der Bildschirmschoner nichts mehr. Er dient heute nur noch der Unterhaltung, und weil wir, wenn der Bildschirmschoner aktiv wird, nicht vor dem Computer sitzen und hinschauen, unterhält er sich offenbar selber. Was ihm das bringt, ist eine Frage, auf die er wahrscheinlich eine Antwort weiss, die er nicht mit uns teilt.  

Den Pavillon neben dem Tennisplatz benutzten die Spieler, die gerade nicht auf dem Platz standen, um Kaffee zu trinken, den wir uns aus Roemers Küche holten, um Zeitung zu lesen und um miteinander zu reden. Das Ganze hiess ja auch „Potomac Tennis and Conversation Club“. Wir spielten einen Satz Doppel und wer verlor, ging vom Platz, sofern andere Spieler da waren. Sonst wechselte man einfach die Seiten.

Arthur und ich waren mit Abstand die Jüngsten, beide um die vierzig. Dann kamen Michael und Richard, der mich in den Club eingeführt hatte, wofür ich ihm dankbar sein werde, bis Hoss wieder reitet.

Sie waren damals wohl zwischen 50 und 60, Michael und Richard. Michael war der einzige, der mit einiger Verbissenheit bei der Sache war und sich jedes Mal hasste, wenn er einen Aufschlag neben die Linie setzte. Obwohl er eigentlich hätte stolz sein müssen, denn er war der einzige Spieler, der wirklich einen Aufschlag hatte. 

Der Gastgeber, Roemer McPhee, ein wunderbarer Mensch, war damals um die 70. Er war Ende der 50er-Jahre Berater von Präsident Eisenhower gewesen. In seiner Küche hingen alter Fotografien, auf denen man ihn mit drei republikanischen Präsidenten sah.

Harry, Jay und Compton waren ungefähr in seinem Alter. Ach ja, da war auch noch Frank, von unbestimmtem Alter, der ein wenig wie Jack Nicholson aussah, aber er tauchte eher selten auf, wahrscheinlich wegen den Dreharbeiten. 

Die Regel war die, dass am Samstag- und am Sonntagvormittag gespielt wurde, und zwar das ganze Jahr hindurch, rain or shine. Man konnte kommen ohne Anmeldung, was besonders angenehm war, weil man nicht planen musste, und es waren praktisch immer mindestens vier Spieler da, öfter sechs oder sieben und ab und zu, ganz selten, auch acht.

Im Winter nahm man zuerst einen Kaffee und schaufelte dann zur Musik von Jimmy Durante, die aus den Aussenlautsprechern vom Haus herüberdrang, den Platz frei.

You must remember this, a kiss is just a kiss, a sigh is just a sigh… the fundamental truth ist this, as time goes by. Natürlich stammen die meisten Lieder, die Durante sang, nicht von ihm, aber für mich sind es seit diesen Vormittagen auf dem Tennisplatz seine Songs und ich verzichte dafür gerne auf die Originale, die mir nichts bedeuten: ich kann mit ihnen nicht reisen. 

Durante, Sohn eines aus Italien in die USA eigewanderten Friseurs, war zweimal langjährig verheiratet. Das erste Mal bis zu ihrem Tod und das zweite Mal bis zu seinem. In seinen Radio-Shows und manchmal auch am Ende seiner Konzerte verabschiedete er sich mit den Worten: „Goodnight Mrs. Calabash, wherever you are“.

Es herrscht offenbar die Meinung vor, er wende sich damit an seine erste Frau, mit der er bis zu ihrem Tod in Calabasas, Kalifornien wohnte. Andere glauben zu wissen, der Gruss zur Nacht ginge an eine Bedienung, die Durante 1940 im kleinen Ort Calabash, South Carolina, auf der Durchreise kennengelernt hatte. Wer immer sie gewesen sein mag – Mrs. Calabash, die er geliebt haben muss, war für Jimmy Durante nicht mehr erreichbar.

+++

Es ist nun nicht so, dass es Röhrenbildschirme nicht mehr gibt. Sie wurden lediglich von den Flachbildschirmen verdrängt, so wie allgemein viel Altes von Neuem verdrängt wird. Wobei man in diesem Fall zugeben muss, dass die Vorteile der Flachbildschirme (dass sie anstatt schwer und sperrig leicht und flach sind wie ein Fenster oder ein Bild) gegenüber ihren Nachteilen klar überwiegen. Denn auch Flachbildschirme habe Nachteile – die Vorteile der Röhrenbildschirme.

Röhrenbildschirme haben eine vom Betrachtungswinkel fast völlig unabhängige Farbdarstellung und sie haben eine, man staunt, schnellere Reaktionszeit als Flachbildschirme. Selbst modernste LCD-Bildschirme haben im Vergleich noch immer ein minimales Problem mit der Trägheit und einer damit einhergehenden Unschärfe des Bildes.    

Ein Nachteil des Röhrenbildschirms war hingegen das Nachleuchten des Bildschirms, was jedoch nur bei direkten Wechseln auf Schwarz und in abgedunkelten Räumen aufgefallen sei. Dieses Nachleuchten konnte dazu führen, dass man das vorhergehende Bild noch ein bis zwei Sekunden erkennen konnte.

Es gibt Orte der Vergangenheit, und es scheint mir nicht völlig unmöglich, dass es an diesen Orten auch die Vergangenheit noch gibt. Man kann sie nur mit Google Earth und Flachbildschirmen nicht sehen. Ich ziehe deshalb ernsthaft in Betracht, mir einen Röhrenbildschirm zu besorgen. Einen schweren, grossen, der ungemein viel Abstellfläche braucht und Strom frisst wie ein alter Kühlschrank.

Ich könnte damit die herbstlichen Farben der Blätter der Bäume der Partridge Lane besser sehen, und zwar aus jedem Winkel meiner Gegenwart. Ich sässe in einem abgedunkelten Raum und wenn das Bild am Ende auf Schwarz wechseln würde, sähe ich für eine oder zwei Sekunden das vorhergehende Bild: Roemer, Compton, Harry und mich, wie wir an einem sonnigen Samstagmorgen im Oktober 1996 mit unseren Rackets auf den Platz schlendern, begleitet von Jimmy Durantes „Young at Heart“.  

Queen of my Heart

27. September 2020

Oil on Canvas (150×120)

Eine schwimmende Insel im Weissensee

23. August 2020

(Nachrichten aus dem Basiscamp)

Jeder macht Dinge zum ersten Mal. Bloss liegen die Premieren, je älter wir werden, oft lange zurück, und die, die sich viel besser als wir daran erinnern könnten, sind lange tot. Die ersten Schritte, ohne sich am Sofa festzuhalten.

Bei den meisten von uns kommt Neues ab einem gewissen Alter immer seltener vor. Wir begegnen zwar noch viel Neuem, manchmal werden wir von Neuem geradezu überrollt, aber wir tun selber nicht mehr viel Neues. Wir machen lieber Bewährtes und wiederholen endlos dieselben Betätigungen, als müssten wir sie für eine grosse Schlussprüfung so lange einüben, bis wir sie im Schlaf beherrschen.

Natürlich gibt es Ausnahmen. Reinhold Messner suchte sich nach jeder Erstbesteigung sofort ein neues Ziel. Ich hätte ihm bei seinen Aufbrüchen in den Siebzigerjahren nicht folgen können, obwohl ich schon damals 14 Jahre jünger war als er.

Als er 1978 als erster Mensch (das war vor ihm auf zwei Beinen nur Yetis gelungen) ohne Sauerstoff aus Flaschen den Gipfel des Mount Everest erreichte, war ich gerade 20 Jahre alt und für meine Verhältnisse dank Militärdienst und Handball gut in Form. Trotzdem hätte ich keine Chance gehabt, ihm zu folgen, und die auch nicht nutzen wollen, danke Herbert, lieber nicht.

Ich muss Dich hier ziehen lassen, Reinhold, habe ich zu ihm gesagt. Ich kann Dich nicht begleiten. Du musst diesen und die anderen Achttausender alleine besteigen, es tut mir leid. Ich bin eine dieser Flaschen, die Du nicht mittragen willst. Nun geh schon. Nimm den Peter und ein paar Sherpas mit, die sind dafür besser geeignet. Ich bleibe im Basiscamp und schreibe Gedichte.

Er ist dann losgezogen, in einem Höllentempo, und als meine Mutter starb, hatte er bereits alle vierzehn Achttausender bestiegen (einen davon ganz alleine). Nur bei den Seven Summits war er nicht der erste. Aus Ärger darüber hat er die Antarktis, Grönland und die Wüste Gobi durchquert. An drei aufeinanderfolgenden Wochenenden.

Als wir uns 1978 trennten, oder vielleicht muss man sagen, als sich unsere Wege trennten, denn er hat sich nicht von mir verabschiedet, vielleicht, weil er mir mein Zurückbleiben übel nahm, vielleicht aber auch, weil er mich gar nie richtig wahrgenommen hatte, kehrte ich im Gefühl ins Tal zurück, wir könnten trotz allem, was zwischen uns nicht war und nie sein würde (all die Achttausender), Freunde bleiben, oder es irgendwann werden, sollten wir uns bei einer Buchsignierung kennenlernen.

Schreiben Sie „Für meine Tochter“, bitte. Nein: „für meine Söhne und Töchter“. Haben Sie schon begonnen? Schreiben Sie einfach: „Für meine Kinder“. Ich meine natürlich meine, nicht Ihre. Schreiben Sie “Für seine Kinder“. Oder besser „Für Walters Kinder“. Ich bin Walter, erinnerst Du Dich, Reinhold?

Wir haben vieles gemeinsam. Auch ich habe ein Jahr an einer Mittelschule unterrichtet. Nur nicht Mathematik, sondern Geschichte. Aber ich habe auch keinen Zweitwohnsitz in München, dafür einen guten Freund, und anstatt das Messner Mountain Museum (MMM) habe ich lediglich Walters Wunderbare Welt (WWW) gegründet.

Ich bin nach unserer Trennung nicht Extremsportler geworden wie Du, sondern Diplomat, und während Du das Höhenbergsteigen stilistisch verändert hast, habe ich Berichte ohne Tiefgang und Leser geschrieben. So spielt das Leben.

Wie bitte? Ach so. Entschuldigen Sie, Herr Messner. Schreiben Sie einfach: „Für Herrn Haffner, in Erinnerung an gar nichts.“
(er schreibt…)

Danke. Es wäre mit zwei „f“ gewesen, Haffner mit zwei „f“. Macht aber nichts.

Nach dieser zweiten Trennung von Reinhold, die nicht weniger schmerzhaft war als die erste im Jahr 1978, weil sie diesmal endgültig war oder zumindest endgültig schien, weil man sich ja immer zweimal verlässt im Leben, war ich niedergeschlagen und ging während Monaten kaum noch unter die Leute. Vielleicht war es auch wegen der COVID19-Epidemie.

Jedenfalls habe ich das fehlerhaft gewidmete Buch nie gelesen und es wird, wie so manches andere unnötige Buch, das als Mitbringsel und Geschenk den Weg in unseren Haushalt gefunden hat, den Auszug aus Wien mit Sicherheit nicht mitmachen. Vielleicht werde ich es auf einer Börse für signierte Bücher ausschreiben. Möglicherweise haben fehlerhaft gewidmete Bücher, ähnlich wie Fehldrucke bei Briefmarken, einen besonderen Wert.

Als meine Frau und ich mit den beiden Hunden Anfang August zum Weissensee aufbrachen, einem wunderbaren Bergsee in Kärnten, nahe der Grenze zu Italien, war ich müde, ja geradezu ermattet vom Nachdenken über das Bergsteigen, und ich fühlte mich, als wäre ich unterwegs in einen lang ersehnten Kuraufenthalt.

Wir waren schon ein Jahr zuvor im August eine Woche da gewesen und hatten es so genossen, dass wir – damals ein absolutes Novum in meinem Leben – beim Auschecken gleich wieder eine Woche für den nächsten Sommer gebucht hatten. Und ich nehme es hier vorweg: Wir haben auch nach dieser Ferienwoche, obwohl sie ganz anders verlief als die erste, gleich wieder für das nächste Jahr gebucht. Der Gast fällt bekanntlich nicht weit vom Stamm, und das sind wir ja nun wohl: Stammgäste.

Der Weissensee ist kurz gesagt ein kleines Paradies. Im Gegensatz zu vielen anderen, bekannteren österreichischen Seen, ist ein Grossteil seines Ufers unverbaut und wird es auch bleiben. Weite Teile der schilfbedeckten Uferlandschaft sind Naturschutzgebiet und mit seltenen Ausnahmen, die – johlende Kinder auf Bananenbooten hinter sich herziehend – nur die Regel bestätigen, sind Motorbote mit Verbrennungsmotoren auf dem See nicht erlaubt.

Hatte sich im Jahr zuvor ein Rhythmus eingespielt, bei dem wir mit dem Schiff zu einem Restaurant fuhren, dort eine leichte Mahlzeit einnahmen und dann auf einem entlang dem Ufer leicht erhöhten Pfad durch den schattigen Wald nachhause wanderten, dabei immer wieder den See mit seinen diversen Schattierungen von grün und blau im Blick, verbrachten wir diesmal die meiste Zeit auf dem See.

Wir mieteten jeden Tag nahe bei unserer Unterkunft ein Tretboot, ausgerüstet mit Kissen und Sonnenschirm, und stachen mit den Hunden, die sich auf dem kleinen Boot rasch wohl fühlten und sich auch bei Wellengang auf sicheren Pfoten bewegten, für vier Stunden in See.

Das Wetter spielte vorzüglich mit. Die Tage begannen sonnig und warm und gegen Mittag bildeten sich Wolken, die sich am späteren Nachmittag, wenn wir wieder zurück im Hotel waren, in zum Teil heftigen Gewittern entluden. Genau so, sagte ich zu meiner Frau, genau so waren die langen Sommer meiner Kindheit: am Tag sonnig und heiss und am Abend ein die Luft reinigendes und abkühlendes Gewitter. Wunderbar!

Eines dieser Gewitter hat dann beide hauseigenen Ruderbote vom Steg unseres Hotels losgerissen, und während das eine zurückgebracht wurde, ist das andere noch irgendwo draussen auf dem See oder – wahrscheinlicher – es verbirgt sich irgendwo am Ufer im Schilf, wenn es nicht vom Blitz zerstört gesunken ist.

Das bringt mich zum Schilf. Und ans Ufer. Zum schilfbewachsenen Ufer.

Bevor ich erzähle, worum es hier wirklich geht (alles bisher Geschriebene könnte man eine Einleitung nennen, wenn es mit dem, worum es hier geht, nur irgendetwas zu tun hätte) muss ich noch sagen, was am Tag zuvor geschah.

Am Tag zuvor kam uns mitten auf dem See ein von einem Elektromotor angetriebenes Floss entgegen, etwa zehn auf vier Meter, auf dem eine Gesellschaft bei Tisch sass. Das Floss zog mit fast unhörbarem Summen des Elektromotors an uns vorbei und aus einer Entfernung von sagen wir 30 Metern waren die Stimmen der Gesellschaft zu hören, ohne dass man verstehen konnte, worüber sie sich unterhielten.

Die Szene hatte etwas Unwirkliches oder Inszeniertes an sich, als stammte sie aus einem Film und auch da nur aus einer Traumsequenz. Das einzige, was fehlte, war Musik.

Am selben Nachmittag begann sich einer unserer Pudel, Sheli, seltsam zu benehmen. Sie lief sichtbar unwohl und unruhig auf dem Boot hin und her, wollte nicht gestreichelt werden (was sie sonst immer will), wollte keine Goodies (denen sie sonst nie widerstehen kann) und schien nach einem Platz zu suchen, wo sie gut von Bord gehen könnte.

Obwohl sie auch schon von Bord gesprungen war, um einer Ente nachzujagen, sprang sie aber nicht, und meine Frau liess sie schliesslich ins Wasser. Sofort schwamm sie in Richtung Ufer, auf das Schilf zu. Da ich befürchtete, dass sie sich mit ihrem Halsband im Schilf verheddern könnte, holte ich sie mit dem Tretboot ein und wir fuhren zu einem nahegelegenen Steg, wo meine Frau mit ihr ans Ufer ging, wo sie sogleich ihre Blase leerte.

Als ich am nächsten Morgen die Vorhänge in unserem Hotelzimmer aufzog, sah ich auf dem See etwas, was vorher nicht da war. Zunächst dachte ich, weil man in allem, was man sieht, Bekanntes erkennen will, es sei wieder ein Floss mit einer Gesellschaft, diesmal einer Frühstücksgesellschaft, aber ich realisierte im selben Augenblick, dass dem nicht so war. Das Ding, das da im See trieb, war mit Schilf bewachsen. Es war eine kleine, schwimmende Insel, kein Mensch zu sehen, kein Motor zu hören.

Ich habe, und ich weiss, dass das dumm klingt und es auch ist, die Insel nicht fotografiert. Man findet sie aber, wie alles, im Internet, auf Facebook, unter «Schwimmende Insel an Weissensee gesichtet…»

Die Hotelbesitzerin hat uns erklärt, dieses kleine Stück Land hätte sich vor ein paar Jahren bei einem Sturm vom Ufer losgerissen und habe dann irgendwo wieder angelegt. Bei jedem starken Sturm löse es sich wieder vom Ufer und drifte über den See zu einem neuen Ort.

Ihre Tochter ergänzte, es gäbe Leute, die behaupten würden, ein Seeanlieger hätte das kleine Stück Land absichtlich vom Ufer gelöst, um seinen gesetzlich limitierten Zugang zum See zu vergrössern. Seitdem sei die Insel, wann immer sie an einem bewohnten Ufer anlege, unerwünscht und werde von den Anrainern wieder hinaus in den See gestossen.

***

Auf der Heimfahrt nach Wien, während meine Frau mit Kopfhörer eine Lektion ihres Deutschkurses wiederholte und die Pudel auf dem Rücksitz in ihrer Box schliefen, ging mir Verschiedenes durch den Kopf.

Lange Autofahrten setzen bei mir immer allerlei Gedanken in Gang und bringen Erinnerungen an die Oberfläche, meist in rascher Reihenfolge und wild durcheinander, während die Landschaft ruhig vorbeizieht, und manchmal muss ich meine Frau dann bitten, etwas sofort aufzuschreiben, damit ich es nicht vergesse.

Reinhold Messner kam mir wieder in den Sinn. Warum hatte ein Mann, dem kein Gipfel zu hoch ist, mir zweimal den Handschlag verweigert und am Ende noch meinen Namen falsch geschrieben, als wollte er meine Existenz löschen, zumindest aus seinem Gedächtnis?

Bei Pferden sagt man, dass die Ursache für eine Verweigerung falsches Anreiten sein kann (zu nah, nicht nah genug, falsches Tempo, zu wenig Schwung, Unsicherheit beim Reiter). Was war bei Reinhold Messmer schiefgelaufen?

Gab es einen Zusammenhang zwischen der schwimmenden Insel im Weissensee und dem verschwundenen Ruderboot?

Wie würde ich mich fühlen, wenn nach dem bevorstehenden Ende meiner beruflichen Laufbahn der Strom der E-Mails, der täglich in ebenso end- wie belanglosen Wellen an mein Ufer plätscherte, von einem Tag auf den andern abbrechen würde?

Wenn die berufliche E-Mail-Adresse einmal wegfiel, blieb nur noch die private, und ein Blick in meine private Inbox zeigte klar: 9 von 10 E-Mails stammten von mir. Ich hatte sie mir aus dem Büro geschickt. Woher würde ich mir E-Mails schicken, wenn ich kein Büro mehr hatte?

Wo würde ich mich niederlassen nach dem Ende meiner Berufstätigkeit? Würde es mir gehen wie dieser entwurzelten Insel auf dem Weissensee, die keiner wollte?

Hatte meine Frau recht, wenn sie sagte, am besten würden wir nach dem Wegzug aus Wien ein Jahr in Paris leben, ein Jahr in London, ein Jahr ein Nizza?

Würde mich, einmal fest und nicht nur für vier Jahre irgendwo niedergelassen, die Angst packen und ich würde auf einen heftigen Sturm hoffen, auf dass er mich vom Ufer losreisse?

Musste Sheli gar nicht ihre Blase entleeren? Hatte sie die Insel entdeckt? Oder das Zweite Ruderboot? Lauerte etwas im Schilf?

Tamar…
Tamar…!
(sie nimmt die Kopfhörer ab…)
Ja?
Kannst Du bitte aufschreiben: Schwimmende Insel. Sommer meiner Jugend. Verschwundenes Ruderboot. Schilf…

Gines Traum

23. Januar 2020

– die Geschichte am Punkt, bis zu dem sie erzählt wurde

Wenn sich in einem Raum vier Menschen aufhalten und drei von ihnen sind wach, wie gross ist dann die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich im Traum des Schlafenden befinden?

Oder möchten Sie lieber eine andere Frage?

Was ist das Leben eher: ein Taubenschiss auf dem Fensterbrett eines unbewohnten Hauses, der vom Regen weggewaschen wird, bevor er trocknen kann, oder ein bunter Schmetterling, der auf einer Wildwiese von Blume zu Blume flattert, während die Vögel harmlos zwitschern und die Sonne seine Flügel wärmt?

***

Meine Tante ist 86. Vielleicht auch 85. Es läuft auf fast auf dasselbe hinaus. 86 und 85 ist wie Höngg und Wipkingen. Ich meine, sie sei sechs Jahre jünger als ihr Bruder, der im Alter von 28 mein Vater wurde. Er hat sie in ihrer gemeinsamen Jugend in Höngg im Wald an ihren langen blonden Zöpfen an einem Baum festgebunden, wenn er sie an einem schulfreien Nachmittag hatte mitnehmen müssen und auf dem Weg zu einer Massenkeilerei war, zu einer dieser epischen Prügeleien, bei denen sich die Jugend ganzer Schulhäuser, manchmal auch ganzer Quartiere, in den letzten Kriegsjahren gegenüberstand. Ich stelle es mir vor wie die Schotten gegen die Engländer, nur ohne Waffen.

Jetzt liegt sie in einem Spitalbett im Stadtspital Waid, in der Luftlinie keine zwei Kilometer von ihrem Haus mit dem halb verwilderten Garten entfernt, in dem sie ihr ganzes Leben verbracht hat und das nun, an diesem sonnigen Sonntag im Januar, an dem man aus dem Panoramafenster des Spitalzimmers das höchste Gebäude der Stadt und dahinter den Zürichsee sehen kann, unendlich weit weg ist für sie, vielleicht fast schon unerreichbar. Ihre Hühner gehen lautlos gackernd im Garten umher.

Mein Bruder ist da, der vor anderthalb Jahrzehnten in diesem Spital gearbeitet hat, und ich bin mit meiner Frau am Sonntagmorgen von Wien nach Zürich geflogen, als wir erfuhren, dass Gine am Tag zuvor in die Notfallstation eingeliefert worden war. Es klang nicht gut. Es klang, als würde es gleich zu regnen beginnen. Es klang, als wäre das Vogelgezwitscher verstummt und ein Vogel würde sich dem Schmetterling nähern.

Es klang, als hätten wir zwei Möglichkeiten: Entweder, wir setzten uns in ein Flugzeug, oder wir beschlossen, dass der Besuch in Höngg am Ende unserer Weihnachtsferien die letzte Begegnung mit Gine gewesen sein würde. Er hätte durchaus zur letzten Begegnung getaugt.

Wir sassen zu dritt in ihrem kleinen Wohnzimmer, in dem noch der geschmückte Weihnachtsbaum stand, löffelten zum Ticken der Wanduhr eine milde Gemüsesuppe, die meine Frau gekocht und mitgebracht hatte, und redeten über das Leben in Höngg in lange vergangenen Zeiten, während die tief stehende Wintersonne es gerade so durch die Vorhänge schaffte.

Irgendwann im Laufe des Nachmittags kam dann noch eine Nachbarin vorbei und wir tranken mit ihr Kaffee. Sie heisst Ruth und ist die kleine Schwester einer Schulkameradin von Gine. Wenn im Altersheim in Altstetten, auf der anderen Seite der Limmat, eine Vierzimmerwohnung frei wird, wird sie dort einziehen.

Wir beschlossen, zu fliegen. Obwohl wir nicht wussten, was uns erwarten würde. Würde Gine ansprechbar sein? Würde sie uns erkennen? Oder würde sie mich für meinen Bruder halten? Und wenn sie ihn nicht für mich halten würde, wer wäre er dann und was hatte er an ihrem Krankenbett zu suchen?

Im Flugzeug las ich einen Zeitungsartikel mit dem seltsamen Titel „Gibt es uns wirklich?“ Was für eine dumme Frage. Natürlich gibt es uns nicht wirklich. Aber es gibt uns auch nicht wirklich nicht. Definieren Sie Wirklichkeit, maximal zwei Seiten, sagte die Lehrerin am letzten Schultag zu den Gymnasiasten, Zeilenabstand 1.5, Arial 10. Und jetzt wünsche ich Ihnen schöne Weihnachtsferien und einen guten Start ins kommende Jahr und einen guten Start ins kommende Jahr und einen guten Start ins kommende Jahr.

Meine Schwiegermutter hat mir zum Geburtstag diese neuen Kopfhörer geschenkt. absolute Wunderdinger mit der Fähigkeit, Aussenlärm fast ganz zu unterdrücken, obwohl es nur Ohrenstöpsel sind. Man setzt sie ein und man hört, wie jemand eine Tür schliesst, durch die der Aussenlärm – immerhin zwei sich aufwärmende Flugzeugtriebwerke und das Geschnatter von missmutigen Passagieren, die versuchen, ihr Handgepäck in bereits vollen Fächern zu verstauen – danach nur noch gedämpft ans Ohr dringt. Ich wählte eine Leonard Cohen Playlist von meinem Telefon und begann zu lesen. There´s a crack, a crack in everything – that’s where the light comes in (that’s where the light comes in)…

Im Artikel ging es um die Frage, ob es sein kann, dass wir in einer Computersimulation leben. Wahrscheinlich wieder so ein Schwachsinn, ging es mir durch den Kopf, der darauf hinausläuft, dass Knaben und junge Männer viel zu viele Stunden mit Computerspielen verbringen und den Kontakt zur Wirklichkeit verlieren, in der die Generation ihrer Urgrossväter unablässig Kriege geführt hatte und sich ihre Grossväter quartierweise geprügelt haben. Ich wollte bereits zu den Sportseiten wechseln, las dann aber trotzdem weiter.

Es ging um drei Szenarien, die der Philosoph Nick Bostrom offenbar in einem im Jahr 2003 veröffentlichten Aufsatz mit dem Titel «Are You Living in a Computer Simulation?» beschrieben hat. Er stellte sich für das Universum in ungefähr 10‘000 Jahren drei Szenarien vor. Im ersten war die Menschheit ausgestorben. Das schien mir das angenehmste und einfachste Szenario, denn man musste nicht weiterdenken – es sei denn, man wäre an den Gründen des Aussterbens interessiert und meinte es vielleicht sogar verhindern zu müssen.

Im zweiten Szenario existiert in 10‘000 Jahren eine technisch weit fortgeschrittene posthumane Spezies, die in der Lage wäre, mit Megacomputern ihre Vorfahren in deren Welt und Zeit zu simulieren, inklusive ihres individuellen Bewusstseins, solche Programme aber nicht laufen lässt, zum Beispiel aus ethischen Gründen oder weil sie Besseres zu tun hat.

Das dritte Szenario geht davon aus, dass diese Spezies ihre Fähigkeit zur Simulation tatsächlich anwendet, was zur sogenannten Simulationshypothese führt. Diese besagt, dass wir gegenwärtig mit einiger Wahrscheinlichkeit in einer Computer-simulation leben. Dies deshalb, weil es als sehr unwahrscheinlich gelten müsse, dass gerade wir die „echte“ Zivilisation seien, welche die zur Simulation fähigen Superrechner eines Tages entwickeln wird.

Dass wir diese Zivilisation wären, sei deshalb unwahrscheinlich, weil es (auch das eine Annahme) nur eine „echte“ Welt gebe, jedoch vom Zeitpunkt an, an dem Welten simuliert werden können, fast unendlich viele simulierte Welten. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir nicht in der einzigen „echten“, sondern in einer dieser virtuellen Wirklichkeiten leben, wäre demnach sehr gross.

Mein Bruder sass rauchend auf einer Bank vor dem Spital, als wir uns von unserem türkischen Fahrer verabschiedeten und aus dem Uber stiegen. Wir umarmten uns und gingen unter seiner Führung auf die Station. Alles ist völlig anders hier seit dem Umbau, sagte er, während dem wir die Treppe hochgingen. Die haben alles völlig neu gemacht. Auf der Station angekommen, fragte er die diensthabende Schwester, ob wir zu Gine ins Zimmer gehen dürfen, und ob es später vielleicht möglich wäre, einen Arzt zu sprechen. Ja und wahrscheinlich nein lautete die Antwort.

Bostrom führt offenbar in seinem Artikel aus, dass eines der drei von ihm beschriebenen Szenarien eintreffen werde. Welches, liesse sich nicht sagen. Ob das so schlüssig ist, scheint mir zweifelhaft. Es sind ja neben seinen drei Szenarien (die im Grunde genommen nur zwei sind, wovon eines sich in zwei Unterszenarien aufteilt) ohne weiteres noch andere denkbar.

Neben dem Aussterben und der Weiterentwicklung zu einer posthumanen Spezies, die in der Lage wäre, ganze Welten zu simulieren, gäbe es ja zum Beispiel auch noch die Möglichkeit, dass die Menschheit zwar im 10‘000 Jahren noch existiert, aufgrund verschiedener Ereignisse jedoch einen beträchtlichen Teil ihres technologischen Wissens wieder verloren hätte und deshalb weit davon entfernt wäre, Welten zu simulieren.

Zudem ist es denkbar, dass es nie eine „echte“ Welt gegeben hat, in der sich im Zuge der Evolution die Spezies Mensch entwickelt hat, die dann auf einer Zeitachse Zivilisationen auf einem Planeten schuf, von denen einige wieder ausstarben und irgendwann eine die Technologie beherrschte, um ganze Welten zu simulieren. Es könnte auch sein, dass es nichts anderes als von Hochleistungscomputern oder Supergehirnen simulierte, virtuelle Welten gibt, die von irgendwelchen Wesen, die weder Gott noch Mensch sein müssen, als Nebenprodukt von etwas geschaffen wurden, das wir uns nicht vorstellen können.

Die Wahrscheinlichkeit, in einem städtischen Spital an einem Sonntagnachmittag den diensthabenden Arzt oder die diensthabende Ärztin sprechen zu können, ist unabhängig von der Annahme oder Ablehnung der einen oder anderen Hypothese verschwindend klein. Sie tendiert gegen Null, wenn man am Abend auf einen Rückflug nach Wien gebucht ist.

Gine schaute zufrieden in die Welt, in was für eine auch immer, simuliert oder echt. Sie beklagte sich über nichts, nur als ich fand, das sei ein schönes Zimmer, mit einer schönen Aussicht (ich wollte irgendetwas Positives sagen), meinte Sie, das Zimmer sei scheusslich. Wieviel der Zustand, in dem sie sich befand, mit den Medikamenten zu tun hatte, die man ihr wegen der Schmerzen gegeben hatte, weiss ich nicht. Dass sie sich an nichts erinnern konnte, auch nicht an unseren eine Woche zurückliegenden Besuch in Höngg, erstaunte nicht.

Sie hatte in den letzten zwei Jahren ab und zu Zustände der Verwirrung durchlebt, die jeweils ein paar Tage lang dauerten, an denen ihr Fernseher nur Programme und Nachrichten zeigte, die sie am Vortag genau so schon gesehen hatte.

Bostrom schätzt die Wahrscheinlichkeit dafür, dass wir in einer Computersimulation leben, auf ungefähr 20 Prozent. Elon Musk und der Computerspezialist George Hotz, der als Siebzehnjähriger das iPhone hackte, sollen von der Simulationshypothese zu 100% überzeugt sein.

Gine ist eine intelligente Frau. Man könnte mit ihr, sofern sie wieder klar wird, die Simulationshypothese sehr gut diskutieren. Ich wäre aber überrascht, wenn sie in die Nähe von Bostroms 20% kommen würde.

Während meine Frau Gines Hand hielt, sie auf die Stirne küsste und ihr sagte, sie sei eine schöne Frau, was Gine lächelnd abtat, stand ich auf und schaute aus dem Fenster. Im Park des Spitals spazierten ein paar Patienten mit ihren Besuchern. In Zeitlupe, wie es schien. Oder standen sie nur da und blickten auf die Stadt hinunter?

Ein paar Kinder spielten an einem Gerät, das entweder zu diesem Zweck bestimmt oder ein Kunstobjekt war, das sich bespielen liess. Für einen kurzen Augenblick meinte ich, im Gegenlicht Hühner zu sehen, die über den Rasen wackelten. Ich machte kurz hintereinander zwei Fotos mit meinem Telefon und musste an meine Eltern denken, die das Mobiltelefon-Zeitalter nicht mehr erlebt haben.

Seht ihr?, sagte ich zu ihnen. Man kann damit nicht nur telefonieren oder im Flugzeug auf seine ganze Musikbibliothek zurückgreifen, man kann auch fotografieren und in zehntausend Jahren ganze Welten simulieren, in denen Menschen mit ihrem Bewusstsein leben, zum Beispiel die Stationsschwester, die nun ins Zimmer tritt und uns erklärt, wie es weitergehen könnte mit Gine.

Während sie spricht und wir Fragen stellen, ist mir unwohl, weil Gine, über die wir sprechen, daneben liegt und uns zuhört und es geht doch um sie, und sie ist ja nicht taub, sie hört, was wir sagen, und sie müsste ja eigentlich selber entscheiden können, was mit ihr passieren soll und was nicht, zumindest dort, wo es Optionen gab. Wie aussterben oder sich weiter entwickeln bis zur Simulationsreife.

Als die Stationsschwester den Raum wieder verlassen hatte, sagte Gine: Was für einen Schmarren ihr alle redet. Ich habe das alles geträumt.  Was alles?, fragte mein Bruder. Das alles. Dass ich hier in diesem scheusslichen Zimmer bin, dass ihr mich besuchen kommt, dass wir dieses Gespräch führen, dass ich sage: Ich habe das alles genau so geträumt.

Und wie ging es weiter in Deinem Traum?, fragte mein Bruder. Das habe ich vergessen, antwortete Gine.

Wenig später kam die Stationsschwester mit einer zweiten Schwester zurück, um Gine wieder auf die Notfallstation zu bringen. Sie hatte Blut im Harn und sie wollten ihr einen neuen Katheter legen. Wir verabschiedeten uns und ich sagte zu ihr: Wir müssen zurück nach Wien, aber wir kommen wieder. Um die Geschichte weiter zu erzählen, sagte Gine, und ich sagte ja: um die Geschichte weiter zu erzählen.

Mein Bruder verabschiedete sich. Meine Frau und ich traten zur Seite, damit die Schwestern das Bett von Gine an uns vorbeirollen konnten. Wir gingen hinter dem Bett her und warteten vor dem Fahrstuhl, der Gine in den Notfall bringen würde. Während wir auf den Fahrstuhl warteten, sah ich aus dem Fenster, wie mein Bruder die Strasse überquerte, zur Bushaltestelle ging und sich dort auf die Bank setzte. Hatte er nicht gesagt, er würde zu Fuss nachhause gehen?

Als wir aus dem Krankenhaus traten, traf gerade ein Bus bei der Haltestelle ein. Als er wieder wegfuhr, sass mein Bruder immer noch auf der Bank. Hast Du gehört, was Gine gesagt hat?, fragte ich meine Frau. Sie erwartet, dass wir beim nächsten Besuch die Geschichte weitererzählen. Lustig, nicht wahr? Wir haben doch gar keine Geschichte erzählt. Nein, sagte meine Frau, das habe ich nicht mitgekriegt.

Als ich wieder zur Haltestelle schaute, war mein Bruder verschwunden.

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Wenn sich in einem Spitalzimmer vier Menschen aufhalten, wenn man aus dem Fenster einen kleinen Park sieht, dahinter die Kirche von Wipkingen, in der seit einiger Zeit nicht mehr gepredigt wird, etwas weiter entfernt das vorläufig höchste Hochhaus von Zürich und noch einmal weiter hinten den Zürichsee, und nur drei dieser vier Menschen glauben daran, wach und in ihrem echten Leben zu sein, während der vierte, eine alte Frau im Krankenbett, alles schon einmal genauso geträumt hat: wie gross ist dann die Wahrscheinlichkeit, dass sich die anderen drei im Traum der alten Frau befinden?

Und wie stehen die Chancen, dass sich die träumende Frau lediglich in einer Computersimulation aufhält, in der Linienbusse anhalten und wieder abfahren und Menschen abtransportieren, die gar nicht eingestiegen sind?

Dieser George Hotz mag mit 17 das iPhone gehackt haben, sein deklariertes Lebensziel, einen Weg aus der computergenerierten Welt zu finden, in der er sich zu befinden glaubt, wird er nicht erreichen. Maximal gelingt ihm die Flucht aus einer Computersimulation in die andere. Aber auch nur dann, wenn das in seiner Simulation so vorgesehen ist.

Vielleicht landet er aber auch in Gines Traum. Sollte es dazu kommen, was ich nicht völlig ausschliesse, bitte ich ihn, weil ich nicht weiss, wann ich selber wieder nach Zürich fliegen kann und ob mein Bruder wieder auftauchen wird, am Abend, jeden Abend, wenn die Hühner sich bei Einbruch der Dunkelheit ins Hühnerhaus zurückgezogen haben, die Türe gut zu verriegeln, wegen dem Fuchs.

Some Cartoons (2011-2016)

22. November 2019
5) Franz ist doof
11) November
5) Erklären und Verstehen
05) Mai
09) September_LI
11) November (Metafore)
2) Bernadette im Bad
11) November - BOXER
2) Bankgeheimnis
11) Auf dem Meer
04) April
1) Gerade gelandet
12) Panell-Diskussion
08) August
05) Mai - FUCK UP
02) Februar
10) Old friends
10) Idiotenbrunnen
03) März
1) An sich arbeiten
4) Schlecht machen lassen
9) Weinprobe
12) Dezember
09) September - TRANSPAR
10) Oktober
01) Januar
04) April - KONSTANZ
9) Swillinge
12) Dezember - DAHIN
08) August - YOGA
8) Gratiswanderung
4) Nicht jetzt
02) Februar - OHNE PC
3) Neue Personalpolitik
03) März - MÄTAS
9) September (Bildungsangst)
12) Dezember (genug gegrübelt))
8) August (spätes Glück)
12) Awsome!
7) Juli (nie getroffen)
4) April (oberflächlich)
10) Oktober (Geschmack)
01) Januar - ZU GUT