Archive for the ‘Gedichte’ Category

Junge, ich sage Dir

24. Februar 2017

(an den lange toten Vater)

 

Junge, ich sage Dir:
(und ich sage Dir Junge, denn ich bin älter als Du)
momentan sind es die Dreissiger-Jahrgänge,
von denen in den Todesanzeigen
Abschied genommen wird.
Nicht selten auch die Zwanziger.

Wir trauern um unseren
Urgrossvater, Grossvater, Vater, Freund,
und Jasspartner.

Aber Mutter und Du,
ihr musstet ja ums Verrecken
vor 60 sterben.

Ich habe euch längst vergeben.
Doch es ist trotzdem Scheisse.

Emily heisst übrigens
Euer erstes Urgrosskind.
Ich bin jetzt der Grossvater.

Grüss mir die Mutter, Junge.
(24.02.2017)

Schwer zu sagen

16. Februar 2015

ob uns alles zu schnell ging
oder ob es vielleicht
an uns lag
weil wir zu passiv waren
und irgendwie nicht bereit

Im Fussball sagen sie man muss
dem Ball entgegen laufen

aber das Leben ist
nicht immer ein Fussballspiel

sonst würde ja jeder
die Sonne flach halten
und mehr trainieren

Kleiner Beitrag zur Planung der Sommerferien

27. April 2014

Das Meer wird in der Regel überschätzt.
Es liegt den ganzen Tag am Strand,
während man im Inland
mit ein wenig Aufwand
Fuss fassen kann.

Fehltritt

13. Februar 2013

Druck mir den Himmel aus
– ich will genau dieses Blau!

Schau her: zwischen den Wolken
steckt noch Dein Absatz fest

Die Engel behalten ihn
weil Du geflucht hast beim Stolpern

Eines Tages womöglich
fällt er aus den Wolken
in einen Weinberg
und schlägt eine Schnecke tot

Du aber wirst wissen
ohne zu wissen, warum
dass Dir vergeben wurde

Dazwischen gekommen

7. September 2012

oft ist mir etwas
dazwischen gekommen

nichts Wichtiges jedenfalls
weiss ich nicht mehr, was es war

kann auch nicht sagen
was ich sonst unternommen hätte
oder behaupten es wäre
wichtiger gewesen
als was mir dazwischen kam

vielleicht war ich einfach
nicht konzentriert genug
auf das Leben

wahrscheinlich sind wir das
alle nur selten und
vielleicht reicht das ja auch sei nicht immer
so streng mit Dir

Rat an einen ruhelosen Blogger

31. Juli 2012

Du brauchst nicht zu allem
etwas zu sagen,
was passiert auf der Welt.

Du musst keine Antwort geben
auf sämtliche Fragen,
die man Dir stellt.                                        

Alles läuft wunderbar –
ganz ohne Dich.
Alles geht ganz von alleine
gut oder schief. 

Geh getrost weiter.
Leicht ist das eigne Gewicht.

Sei betrübt oder heiter.
Denk Dir das Deine.
Lesen müssen wir es nicht.

Der Tod in den Zeiten der Abfalltrennung

4. Mai 2012

Wie klar wir es auch
zu trennen versuchen: das Wesentliche
vom Unwesentlichen
das Notwendige vom Überflüssigen
das Besondere vom Beliebigen
das Geliebte vom Überdruss
die Spreu vom Weizen:

am Ende entgleitet uns alles
was uns nicht schon unterwegs
abhanden gekommen ist
und liegt losgelassen
von Hand und Gedächtnis 
wie trockenes Laub
in einem verwilderten Garten

Für einen kurzen Moment noch
wirbelt der Wind durcheinander
was uns lieb war
und was wir gar nie wollten
was uns wichtig war
und was uns belanglos schien

Dann wird es still und die Spreu
kehrt zum Weizen zurück
und alles beginnt wieder
ohne uns von vorne

Es kommt drauf an

17. Februar 2012

Wir hoffen oder hoffen nicht –
es kommt drauf an, wovon man spricht.

Der Krieg, den wir nun laut beklagen –
es kam so, wie mit allen Kriegen:
wir hätten ihn so gern vermieden,
und hofften, die Vernunft wird siegen.
Doch die Vernunft war angeschlagen
und spielte nur auf Unentschieden.

Wir wissen oder wissen nicht –
es kommt drauf an, wovon man spricht.

Wo Wissen hilft, sind wir bewandert, und wandern
wenn auch nur auf Krücken, bis es nicht mehr weitergeht.
Wo Wissen stört, sind Wissenslücken ein beliebtes Ruhekissen.
Es muss nicht jeder alles wissen.
Für irgendwas hat man die andern,
und wohl tut, was man nicht versteht.
Die Blüte jedes Intellekts
ist Zier und Tücke des Subjekts.

Kein Wort wirklich wichtig hier

27. Januar 2012

In Gedichten zähle jedes Wort
schrieb der Werber im Inserat
mit dem eine Zeitung
in einer anderen Zeitung
um Leser warb
indem sie ankündigte
das ganze Jahr über
jeden Tag ein Gedicht
zu publizieren

Bei Inseraten und Todesanzeigen
zählen die Zeitungen
jedes einzelne Wort
die entstehenden Kosten
verknappen die Trauer
und lassen die Werber
ihre Botschaft verdichten

Dies ist kein Gedicht
wegen fehlender Reime
(und weil es mitnichten
reicht, einen Text zu verdichten)
kein Wort wirklich wichtig hier – kein Anlass
die Worte zu zählen

Manchmal summiert sich auch
das Ungezählte
und nur wenn man Glück hat
wird keine Rechnung gestellt

 

Flüchtige Gedanken zu Händen

30. August 2011

(eine unbrauchbare Gebrauchsanweisung für das 21. Jahrhundert)

 

Offenbar gibt es in unserer Welt
falsche und richtige Hände
und Dinge die auf keinen Fall 
in die falschen fallen sollten

Auch wir sollten wahrscheinlich
vorsichtiger sein in wessen Hände
wir unser Schicksal legen
(wir haben nur eines)

Busfahrer, Piloten, Fahrstuhlmonteure.
Generäle, Diplomaten, Politiker.

Da es aber oft schwierig ist
die guten von den falschen Händen zu unterscheiden
und man nicht überall immer alles
in die eigenen Hände nehmen kann
und weil die Dinge wahllos fallen
sollten wir uns vielleicht fragen ob
wir in Zukunft nicht besser fahren
fliegen oder leben
wenn wir uns auf Dinge beschränken
die auch in falschen Händen
wenig Schaden anrichten können