Archive for the ‘Gedichte’ Category

Kein Wort wirklich wichtig hier

27. Januar 2012

In Gedichten zähle jedes Wort
schrieb der Werber im Inserat
mit dem eine Zeitung
in einer anderen Zeitung
um Leser warb
indem sie ankündigte
das ganze Jahr über
jeden Tag ein Gedicht
zu publizieren

Bei Inseraten und Todesanzeigen
zählen die Zeitungen
jedes einzelne Wort
die entstehenden Kosten
verknappen die Trauer
und lassen die Werber
ihre Botschaft verdichten

Dies ist kein Gedicht
wegen fehlender Reime
(und weil es mitnichten
reicht, einen Text zu verdichten)
kein Wort wirklich wichtig hier – kein Anlass
die Worte zu zählen

Manchmal summiert sich auch
das Ungezählte
und nur wenn man Glück hat
wird keine Rechnung gestellt

 

Flüchtige Gedanken zu Händen

30. August 2011

(eine unbrauchbare Gebrauchsanweisung für das 21. Jahrhundert)

 

Offenbar gibt es in unserer Welt
falsche und richtige Hände
und Dinge die auf keinen Fall 
in die falschen fallen sollten

Auch wir sollten wahrscheinlich
vorsichtiger sein in wessen Hände
wir unser Schicksal legen
(wir haben nur eines)

Busfahrer, Piloten, Fahrstuhlmonteure.
Generäle, Diplomaten, Politiker.

Da es aber oft schwierig ist
die guten von den falschen Händen zu unterscheiden
und man nicht überall immer alles
in die eigenen Hände nehmen kann
und weil die Dinge wahllos fallen
sollten wir uns vielleicht fragen ob
wir in Zukunft nicht besser fahren
fliegen oder leben
wenn wir uns auf Dinge beschränken
die auch in falschen Händen
wenig Schaden anrichten können

Dies und das

24. Juni 2011

Wir wollten dies und dann
wollten wir das
manchmal auch beides
oder weder noch
und wussten oft nicht was
und nicht warum
und fielen in ein Loch
dann wieder dies
und später wieder das

wie dumm

Unterdessen sind wir
alt geworden und vergessen
dauernd was es war, was wir gerade
wollten – unsre Zeit ist um

Wie war das noch
mit diesem dies und das?
Was ist in uns, was ist um uns herum?
ach so ach so
wie schade aber auch
wie dumm

In Al-Arakib

10. Februar 2011

In Al-Arakib gibt es Dinge
die gibt es eigentlich nicht
oder jedenfalls nie sehr lange

Es wird einem Angst und Bange
wenn Gestalten im Abendlicht
mit Latten und Nägeln hantieren
um etwas aufzurichten
was morgen schon nicht mehr steht
 
Wenn der Wind in die Planen weht
zieht Rauch vom Friedhof herüber
wo die Kinder und Frauen warten
bis am Morgen das Grauen anbricht

Irgendwann werden hier Bäume
ihre Äste bewegen im Wind
und die Wüste wird furchtbar sein

Sag mir: Was sind das für Träume
die anderen alles rauben
erst das Haus, dann den Schlaf, dann das Land?

In Al-Arakib gibt es Dinge
die dürfte es so nicht geben

In Al-Arakib gibt es Hütten
die nie lange stehen
und In Al-Arakib gibt es Menschen
die langsam verschwinden
weil wir sie nicht sehen

Menetekel

3. Februar 2011

Vielleicht wäre es besser

bevor die Paläste einstürzen

nicht nur die der Mächtigen

auch unsere,  die wir

von allem zuviel haben und nie

genug davon kriegen

anstatt das Chaos an die Wand zu malen

endlich die Schrift an der Mauer zu lesen

und anstatt zuzuschauen

wie sie immer deutlicher wird

und am Ende durch alles durchdrückt

was wir rastlos darüber kleben (Reklame,

Wahlplakate, Reklame)

und darüber malen (das Chaos)

einzusehen dass es

so nicht weitergehen kann

Anlässlich eines Spendenaufrufs

9. Dezember 2010

Natürlich können wir weiterhin so tun als ob
wir nichts tun könnten aber einmal abgesehen davon
dass es nicht stimmt: macht uns das wirklich
glücklich oder wenigstens zufrieden?  

Gerade weil wir vom Leid anderer
hoffnungslos überfordert sind wäre es gut
hin und wieder Dinge zu tun die so klein
und bedeutungslos sind
dass sie uns und die Welt vielleicht
langsam zu verändern beginnen

Konservative Vorhersage für das Jahr 2020

23. November 2010

Wenn man in der Schweiz das Zeitfenster öffnet,
riecht es zunächst einmal schlecht.
Neapel hat ein Müllproblem das mittlerweile
über die Alpen stinkt.

Die Amerikaner ziehen sich immer noch
oder schon wieder aus Afghanistan zurück.
Wohin ist unklar.

Die Chinesen haben wegen den Bodenschätzen
Afrika annektiert und damit die westlichen
Entwicklungshelfer lahm gelegt.
Es gibt eine Resolution des Sicherheitsrates
die das Lahmlegen in aller Schärfe
verurteilt.

Halb Deutschland diskutiert am Rande des Castortransportes
den Wiederausstieg aus dem Wiedereinstieg.
Die andere Hälfte hofft, Schalke werde Meister.

Vier EU-Länder stehen vor dem Konkurs,
Belgien vor der Wiedervereinigung und die Schweiz
kurz vor der Einführung der Jammersteuer.
Sie wird die Mehrwertsteuer ersetzen.
Und die Erbschaftssteuer.

Ach ja und im Nahen Osten
bleiben höchstens noch sechs Monate.
Wofür, wird noch verhandelt. 

Wenn es sich nicht von selber schliesst,
macht man das Fenster jetzt besser
wieder zu.
Es ist gut isoliert.
Wie übrigens das ganze Haus.
Man muss überhaupt nicht mehr heizen.

Am Strand

3. September 2010
Du darfst Dir keine Illusionen machen:
Wir wiegen schwer, doch wichtig sind wir nicht.
Wir meinen nur, dass diese Möwen lachen.
Dieses Rauschen heisst nicht, dass die Wellen
klagen, weil wir viel zu schnell vergehen.
Mehr als Treibholz sind wir ihnen nicht.
Diese Brandung murmelt vielleicht schon,
doch erzählt sie nicht von unsern Taten,
zu viel Nachsicht liegt in ihrem Ton.
Teilnahmslos ist dieser weite Himmel
über uns und unter uns der Sand.
Lass uns nicht versuchen, zu verstehen.
Lass uns einfach noch ein Stück weit gehen.
Absichtslos und still im Abendlicht.

Die anderen Dinge

29. Juni 2010

Lass uns nun wirklich
über das Wetter reden.

Hinter den ernsten Gesprächen
über die anderen Dinge
lacht sich der Wind
einen Schranz in die Wolken.

Der Tod in Tel Aviv

22. Juni 2010

Er sammelt die Schatten ein.
Ich habe ihn zweimal gesehen.

Einmal als Taxifahrer. Sein Arm hing
an der Kreuzung aus dem Fenster.
Beiläufig griff seine Hand nach dem Schatten
auf der Türe und zerknüllte ihn.
Als die Ampel auf Grün sprang, warf er ihn weg.

Das zweite Mal sass er am Strand
in Gestalt eines Kindes.
Er klaubte den Schatten aus Muscheln
und warf ihn ins Meer.

Er sammelt die Schatten ein.
Er mag es nicht, wenn man ihm
zuschaut dabei.