«Was ist Dein grösstes Problem?», fragte Dr. Grubenmann.
«Mein grösstes Problem?», fragte Hübner. Die Frage überraschte ihn. War das eine Frage, die ein Therapeut seinem neuen Patienten stellen durfte? Unterstellte er ihm mit dieser Frage nicht bereits, dass er gar keine richtigen Probleme habe?
«Weiss ich nicht, da muss ich nachdenken.»
«Ganz spontan…», sagte Grubenmann.
Hübner war versucht zu sagen: Da muss ich ganz spontan nachdenken, aber Grubenmann hatte schon früher keinen Humor gehabt, also liess er es sein.
Eigentlich hätte er sagen müssen: Die Texterkennungssoftware, die ich neulich gekauft habe, funktioniert nicht richtig. Und der Bot, mit dem man es bei der Help-Funktion zu tun bekommt, will nach jeder Frage die E-Mail-Adresse und das Kaufdatum noch einmal wissen.
Das war zwar nicht sein grösstes Problem, wenn es ein solches überhaupt gab, aber das, was ihn momentan am meisten ärgerte. Aber konnte man so etwas einem Psychiater sagen? Es gab Menschen, die hatten Probleme mit dem Betriebssystem. Er musste etwas anderes finden, was sein grösstes Problem sein könnte.
«Nun…?», fragte Dr. Grubenmann, «…fällt Dir nichts ein?»
Warum sitzen die Therapeuten immer mit dem Rücken zum Fenster, damit man ihr Gesicht nicht richtig sehen kann? dachte Hübner. Schon Carell in Washington D.C., der aus Genf stammte und an beiden Orten eine Praxis hatte, hatte das so gehalten. Wurde ihnen das in der Schweiz in der Ausbildung beigebracht? Damit die Patienten nicht sehen können, wie sie während dem Zuhören die Augen verdrehen? Hörten sie überhaupt zu? Oder sassen sie mit geschlossenen Augen im Lichtschatten, dachten an den Ausflug, den sie für das Wochenende geplant hatten, und nahmen den Ball dann erst beim letzten Wort des Patienten wieder auf?
«Meine Texterkennungssoftware funktioniert nicht», sagte Hübner.
«Und warum ist das so ein grosses Problem?», fragte Dr. Grubenmann, kurzfristig zurück von seinem Segelturn auf dem Zürichsee.
«Weil sie nicht funktioniert. Und die Help-Funktion ist auch Schrott.» antwortete Hübner.
«Was würdest Du denn für Texte damit erkennen wollen, wenn sie funktionieren würde?»
«Texte, die ich mit Schreibmaschine getippt hatte.»
«Alte Texte?»
Er ist wirklich ein schlauer Kerl, dachte Hübner.
«Zum Teil alt, ja. Zum Teil neueren Datums. Bis die Computer aufkamen.»
Ihm kam in den Sinn, wie er 1991 seinen eigenen PC in sein Büro in Teheran mitgenommen hatte, als die Bundesverwaltung noch mit elektrischen Schreibmaschinen funktionierte und nur die Sekretärinnen diese Schreibautomaten mit dem grünen, kleinen Display hatten.
«Reicht es Dir nicht, diese Texte zu lesen? Müssen sie dafür zuerst eingelesen werden?», fragte Dr. Grubenmann.
Worauf wollte er mit seiner Frage hinaus? Vermutete er, dass es sich um Texte über schwierige Dinge handeln könnte, die ihm, Hübner, Mühe machten, und die er deshalb lieber einscannte und ablegte, anstatt sie zu lesen? Wozu würde er dann eine Texterkennungssoftware brauchen? Damit er sie bearbeiten und leichter machen konnte, damit sie weniger bedrohlich waren, bevor er sie ablegte?
Vielleicht war es doch keine so gute Idee gewesen, zu einem Psychiater in die Therapie zu gehen, mit dem man in die Schule gegangen war, dachte Hübner. Es bestand die Gefahr, dass er alles (was auch immer) auf Ereignisse in der Zeit zurückführte, die man zusammen erlebt hatte. Oder darauf, wie er den Menschen, der ihm nun als 70-jähriger gegenübersass, drei Zentimeter kleiner als damals, als 16-jährigen Schüler in Erinnerung hatte. Wie hatte er ihn in Erinnerung? Grubenmann konnte ihn kaum in guter Erinnerung behalten haben.
Er hätte wohl ebenso wenig gedacht, dass aus Hübner einmal ein Diplomat werden würde, wie Hübner es für möglich gehalten hätte, damals, dass Grubenmann Psychiater wird. Aber Hübner war Diplomat geworden, und Grubenmann Psychiater. Er hatte nicht nur das Medizinstudium abgeschlossen – anders als drei ihrer Klassenkameraden, die nach der Mittelschule das Medizinstudium begonnen und bald einmal abgebrochen hatten (nur Carla Baronchelli hatte es wie Theodor Grubenmann abgeschlossen und später ihren Mathematiklehrer operiert) – er war Psychiater geworden, um sich dem komplexesten aller Studienobjekte zuzuwenden: der menschlichen Seele.
Dabei war Hübner damals sicher, dass Grubenmann das Medizinstudium nicht schaffen würde. Wie sollte jemand, der in der Biologie grösste Mühe damit hatte, Hühnerembryos zu töten (sie hatten eine Weile lang jede Woche unter Anleitung eines sadistischen Biologielehrers befruchtete Eier geöffnet, um das Wachstum der Embryos zu messen), eine menschliche Leiche sezieren? Er war sich sicher, dass Grubenmann schon beim Gedanken daran in Ohnmacht fallen würde. Offenbar hatte er sich in ihm getäuscht. Aber hatte sich Grubenmann auch in ihm getäuscht?
Er hatte selbst auch grösste Mühe damit gehabt, die Embryos aus dem Ei zu nehmen, zu strecken und zu messen und dann zu entsorgen, aber das wäre kein Grund gewesen, in ihm keinen zukünftigen Diplomaten zu sehen. Im Diplomatenlehrgang werden keine Leichen seziert. Man lernt, wie man Tote als nicht mehr sehr lebhafte Personen umschreibt.
Grubenmann hatte ihn damals bestimmt für einen lauten, dumme Witze machenden Fussballer gehalten, dem jegliches Feingefühl abgeht, was er wahrscheinlich auch war, und nun musste er feststellen, dass aus ihm ein Botschafter in sechs Ländern geworden war. Ein Botschafter allerdings, aber das wusste Grubenmann nicht, der so oft er konnte Fussballspiele schaute und bei offiziellen Essen unsäglich dumme Witze erzählte, und alle mussten zuhören und auch noch lachen, weil er der Gastgeber war.
«Ich will die Texte bearbeiten können», sagte Hübner, als Grubenmanns Segel gerade um das Zürichhorn verschwinden wollte.
«Worum geht es in diesen Texten?» fragte Grubenmann.
«Um Verschiedenes» antwortete Hübner.
«Auch um den frühen Tod Deiner Eltern?»
Was wusste Grubenmann vom Tod seiner Eltern? Hatte er an einer der Klassenzusammenkünfte, an denen Hübner wegen seiner Auslandaufenthalte nicht hatte teilnehmen können, davon erfahren? Er hatte noch mit zwei ehemaligen Mitschülern Kontakt. Aber warum hätten sie Grubenmann davon erzählen sollen?
«Auch, ja», sagte Hübner.
«Und das möchtest Du nun umschreiben?»
Er hatte das gesagt, nicht diese Texte.
Carell hatte Orgel gespielt. Wenn Hübner jeweils nach der Therapie auf den Lift gewartet hatte, hatte er aus Carells Wohnung Orgelmusik gehört. Als müsste Carell sich alles, was ihm Hübner gerade erzählt hatte, von der Seele spielen. Spielte Grubenmann auch ein Instrument? Am Ehesten Geige, dachte Hübner. Geige würde zu Grubenmann passen. Geige oder gar nichts.
Carell hatte Hübner zum Abschied eine CD mit seiner Orgelmusik geschenkt. Die Therapie war nicht abgeschlossen, die wöchentlichen Sitzungen liefen aus, weil Hübners Einsatz in Washington an sein Ende gelangt war. Carrels CD hatte Hübner danach in sechs Länder begleitet, ohne dass er je hineingehört hätte. Auch die Aussage von Carell, er, Hübner, müsse vielleicht (oder hatte er wahrscheinlich gesagt?) irgendwann etwas tun, was für ihn und seine Familie sehr schwer sein werde, begleitete Hübner auf seinem weiteren Lebensweg, aber im Gegensatz zu Carells Orgelmusik hörte er sie immer wieder.
«Nicht umschreiben, neu formatieren», sagte Hübner, und war sicher, dass der Psychiater Grubenmann mit dieser Aussage etwas anfangen konnte.
«Hallo Theodor, da ist Werner», hatte Hübner gesagt, als er, nachdem er zuvor dreimal an seiner Vorzimmerdame abgeprallt war (Herr Grubenmann ist gerade in einer Sitzung), endlich direkt mit Dr. Grubenmann verbunden worden war.
«Werner…?»
«Werner Hübner…»
Einen Moment lang war es still am anderen Ende. Dann sagte Grubenmann:
«Ahh…. aus dem Gymnasium, nicht wahr? Stadelhofen…»
«Zuerst Rämibüel, dann Stadelhofen», sagte Hübner.
Sie waren als erst zweiter Klassenzug des Kurzzeitgymnasiums an der Kantonsschule Rämibüel nach zwei Jahren aufgelöst worden, weil von den verbliebenen sieben Schülern vier im Provisorium waren. Drei retteten sich, nachdem bekannt geworden war, dass sie mangels einer Parallelklasse am Rämibüel an die Kantonsschule Stadelhofen transferiert würden, um dort – als erste Knaben an einer bis dahin reinen Mädchenschule – in eine Mädchenklasse integriert zu werden.
«Das waren noch Zeiten», hatte Grubenmann gesagt.
Die erste Sitzung fand zwei Wochen nach dem Telefonat statt. Es war Ende Juli und Grubenmann war, obwohl er, wie Hübner von dessen Vorzimmerdame bei der Vereinbarung des Termins erfahren hatte, direkt aus den Sommerferien kam, bleich wie ein Leintuch. Hübner glaubte sich zu erinnern, dass er schon in der Mittelschule stets bleich gewesen war, während der andere Theodor, der kleiner war als Grubenmann, stets rote Backen hatte.
Sie sprachen praktisch die ganze erste Sitzung von der gemeinsamen Schulzeit, und als Hübner auf dem Heimweg war, fand er, das sei doch mal ein schöner Beruf. Eine Stunde mit einem Patienten über die gemeinsame Schulzeit sprechen und dafür bezahlt werden.
«Weisst Du, was aus Gasteiger geworden ist?» hatte Grubenmann gefragt, als sie schon unter der Tür standen.
Und Hübner, seit Inspektor Colombo immer auf der Hut vor Fragen, die unter der Tür gestellt werden, hatte geantwortet: «Keine Ahnung».
Seltsam, dachte er, als er draussen auf der Strasse war und über den Sechseläutenplatz zum Seebecken blickte, dass Grubenmann nach Gasteiger fragte. Theodor Gasteiger war in der Schulzeit der ständige Gefährte von Grubenmann. Theodor & Theodor waren praktisch unzertrennlich.
Natürlich konnten sie sich aus den Augen verloren haben, oder sie hatten sich kurz nach der Mittelschulzeit zerstritten und wollten einander nicht mehr sehen. Hübner hätte sich gerne einen Moment auf Grubenmanns Lehnstuhl vor dem Fenster gesetzt und Grubenmann hätte für ihn auf dem Sofa platzgenommen und ins Gegenlicht geblinzelt.
Soll ich die Jalousien runterlassen? Hätte Hübner ihn gefragt, und dann, wann es zum Streit unter Theodoren gekommen war. Und warum er jetzt von ihm, ausgerechnet von ihm, der mit Gasteiger schon während der Schulzeit kaum Kontakt gepflegt hatte, wissen wollte, was aus Gasteiger geworden war. Was war der Sinn dieser Frage? Und was war sein grösstes Problem (spontan)?
Hätte Grubenmann ihn gefragt, was aus Wild oder Barcola geworden sei, hätte er das verstanden und die Frage nicht hinterfragt. Sogar nach Ramon Zoss hätte er ihn fragen können, ohne seinen Argwohn zu wecken. Ramon Zoss war auf der Klassenliste, als sie zusammen im Rämibüel das Kurzzeitgymnasium begannen, aber Ramon Zoss war nie aufgetaucht. Die ersten zwei Wochen (jedenfalls schien es ihm, als habe es zwei Wochen gedauert), fragten alle Lehrer am Anfang der Stunde, wo Ramon Zoss sei, bis die Schulleitung ihn von der Liste strich. Ob die Schulleitung wusste, was aus Ramon Zoss geworden war?
Die Frage nach Roman Zoss wäre eine gute Frage gewesen. Eine Frage, die sich Hübner auch ab und zu gestellt hatte, noch lange nach der Mittelschulzeit: Was war aus Ramon Zoss geworden? Seine entschiedene Abwesenheit, von der er sich auch von der Nachfrage der Lehrer nicht abbringen liess, machte ihn interessanter, als er wahrscheinlich gewesen wäre, wenn er zum Schulantritt erschienen wäre. Einmal wollte Hübner sogar einen Roman über ihn schreiben. Er entwarf ein Umschlagbild dafür, und dieser Umschlag ist das Einzige, was von dem Vorhaben blieb. Roman Zoss und darunter, in etwas kleineren Lettern: Roman.
Gasteiger war nicht halb so interessant wie Roman Zoss. Hübner hatte, nachdem er ein Jahr nach seiner Pension in die Schweiz zurückgekehrt war, die Namen seiner Klassenkameraden gegoogelt und war dabei auf das LinkedIn Profil von Theodor Gasteiger gestossen. Es war ein sehr reichhaltiges Profil mit viel Information über Gasteiger. Weshalb hatte Grubenmann ihn also gefragt, wenn sich Gasteiger doch so einfach finden liess und sein Leben so offenherzig vor allen ausbreitete, die es sehen wollten?
«Wenn man etwas umformatiert», sagte Grubenmann, vom Horn eines Raddampfers aus seinem Segel Tripp aufgescheucht, «bleibt der Inhalt derselbe, nicht wahr?»
«Ja», sagte Hübner, der den langgezogenen, tiefen Ton auch gehört hatte, «aber es sieht dann anders aus. Ein wenig besser.»
Die Stunde war zu Ende. Hübner verabschiedete sich von Grubenmann und fragte sich, während er in Richtung des Sternengrills spazierte, wie diese Therapie enden würde. Sein Wegzug kam als Grund nicht mehr in Frage. Am wahrscheinlichsten war, dass Grubenmann altersbedingt seine Praxis schloss und jedem Patienten zum Abschied ein kleines Segelboot schenkte.
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