(es darf nur nicht regnen)
Es ist acht Uhr morgens. Mitte April. Die Sonne ist an der Rückseite des Hauses gegenüber hochgeklettert und hat sich an ihren frühen Strahlen über den Giebel gezogen. Am Morgen ist die Sonne übermütig wie ein Kind. Sie klettert überall hoch. Du kommst jetzt sofort da runter!, ruft ihre Mutter, aber die Sonne denkt nicht daran. Nicht am Morgen. Sie kommt erst am Abend wieder runter. Auf der anderen Seite, wenn sich die Mutter beruhigt hat.
Die Sonne scheint auf den Balkon, auf dem Gottfried im vierten Stock auf einem weissen Klappstuhl sitzt, auf den er sich ein Sofakissen gelegt hat, weil es so weicher ist. Und wärmer. Morgens um acht ist es im April noch kühl, an manchen Tagen sogar richtig kalt. Auf dem Balkontisch steht eine halbvolle Tasse Kaffee, und daneben noch eine zweite Tasse, die fast leer ist. Gottfrieds Frau sitzt neben ihm auf dem Balkon. Gottfried hat ihr auch ein Kissen auf den Stuhl gelegt. Sie hat eine zweite Jacke um ihre Schultern gelegt. Sie hat ihre Lesebrille auf und liest in einem Buch.
Auch Gottfried liest in einem Buch. Die erste Geschichte war nicht so gut. Auch die Art, wie sie geschrieben war, mochte er nicht. Ab der zweiten Geschichte war Gottfried begeistert. Die Sprache passte genau zu den Geschichten. Diese Geschichten konnten gar nicht in einem anderen Stil erzählt werden. Gottfried war froh, dass er das Buch nach der ersten Geschichte nicht weggelegt hatte. Er dachte daran, wie er früher jeweils in einer Buchhandlung die erste Seite eines Buches gelesen hatte (Gedichtbücher hatte er irgendwo aufgeschlagen), und wenn ihm nicht gefiel, was er las, legte er das Buch auf den Tisch oder stellte es zurück ins Regal und kaufte es nicht. Dieses Buch hätte er damals verpasst.
Heute kaufte Gottfried Bücher nicht mehr zufällig. Er kaufte entweder neue Werke von Autoren, die er schon gelesen hatte, oder von solchen, auf die er aufgrund von Empfehlungen von Freunden oder wegen einer Buchbesprechung in der Zeitung aufmerksam geworden war. Es kam ab und zu trotzdem vor, dass er ein Buch überhaupt nicht mochte. Sogar eines von einem Autor oder einer Autorin, von denen er schon Bücher gelesen und gemocht hatte.
Neulich hatte er ein in der Zeitung äusserst wohlwollend besprochenes Buch eines Schweizer Schriftstellers, von dem er schon zwei Bücher gelesen hatte, kurz nach der Hälfte in die Mülltonne geworfen, enttäuscht über die Art, wie es geschrieben war (schlechter als die Buchbesprechung) und verärgert über den Inhalt der zuletzt gelesenen Geschichten. So ein Buch konnte man weder verschenken noch in sein Büchergestell stellen, wo der Platz beschränkt und unter Büchern begehrt war. Es verdiente nicht einmal, zum Altpapier gelegt zu werden. Es gehörte in den Müll, und den Name des Autors wollte er für künftige Bücherkäufe vergessen.
Gottfried fragte sich, ob sich in einem solchen Fall der Autor verändert hatte, ob er anders und Anderes schrieb, oder ob er, Gottfried, sich verändert hatte und anders oder lieber Anderes las. Um sich der Antwort auf diese Frage anzunähern, hätte er die alten Bücher des Autors noch einmal lesen müssen, aber dazu fehlte ihm jede Lust, auch wenn dadurch vielleicht zwei Plätze in seinem Büchergestell frei geworden wären. Lieber las er in diesem wunderbaren Buch weiter, dessen Geschichten ihn (ab der zweiten) fesselten und inspirierten.
Der Autor war zwanzig Jahre jünger als Gottfried. Gottfried wünschte ihm ein langes Leben und sich, dass er noch viele solche Bücher schreibe. Wenn Sie so weiterschreiben, lieber Herr S., hätte Gottfied ihm geschrieben, wenn er seine Adresse gekannt hätte (an den Verlag schreiben mochte er nicht), kann ich mit dem Schreiben aufhören und nur noch lesen.
Er wünschte sich, dieses wunderbare Buch (auch der Titel und der Umschlag gefielen ihm) würde noch lange nicht zu Ende gehen. Aber er hatte schon weit über die Hälfte davon gelesen und wusste, dass er schon bald am Ende des Buchs angelangt sein würde. Jedes Mal, wenn er eine Seite umblätterte und eine neue aufschlug, wurde es ihm bewusst. Er hoffte, die zweite Hälfte würde länger halten als die erste, aber er wusste auch, dass der Heimweg immer kürzer ist als der Hinweg. Es sind vielleicht noch drei oder vier Geschichten, dachte er. Maximal. Er mochte nicht nachschauen.
Jeden Morgen vor dem Frühstück liest Gottfried eine Geschichte. In drei oder vier Tagen wird er das Buch ganz gelesen haben. Es war, wie so vieles, was sie gemeinsam taten, eine Erfindung seiner Frau Chana: Jeden Morgen um acht auf dem Balkon sitzen mit einer Tasse Kaffee, noch vor dem Frühstück, auch wenn es noch kalt ist. Nur regnen darf es nicht. Er fand das im März keine gute Idee. Es war wirklich noch kalt am Morgen auf dem Balkon. Er blieb lieber noch etwas länger im warmen Bett, während Chana dick eingehüllt mit ihrem Kaffee auf dem Balkon sass und las. Im April setzte er sich dann eines Morgens neben sie und seither fangen alle ihre Tage gemeinsam an, mit einer Tasse Kaffee und einem Buch auf dem Balkon, ihre Hunde neben ihnen auf einem Hundekissen, dass er ihnen auf den kalten Boden legt.
Chana liebt Balkone. Sie kann den ganzen Tag auf dem Balkon zubringen. Wenn sie sich in letzter Zeit manchmal nach einer neuen Wohnung umsahen, suchten sie einen Balkon mit Wohnung. Der Balkon ist für Chana das Wichtigste. Wo sie herkommt, verbringen die Menschen auch im Winter viel Zeit auf den Terrassen und Balkonen, weil es nie so kalt wird, dass man lieber drinnen bleibt. Vielleicht auch deshalb, weil die Heizungen nicht viel taugen und es drinnen kaum wärmer ist als draussen.
Als Gottfried umblättert und feststellt, dass er auf der letzten Seite der heutigen Geschichte angelangt ist, sieht er im Augenwinkel links neben dem Buch, wie ein Insekt über die Betonplatten des Bodens rennt. Er schaut ihm nach, aber es verschwindet in einer Ritze zwischen den Platten. Eine Zecke? Rennen Zecken? Zecken sind Spinnen. Spinnen können ziemlich schnell rennen. Muss er die Hunde in Sicherheit bringen?
Gottfried liest die Geschichte zu Ende. Mo hat unten vor dem Haus gerade den Motor des Panzers angelassen, den es gar nicht gibt. Wieder huscht etwas über den Boden, aber diesmal ist es keine Spinne, sondern einer dieser schwarzen Punkte, die manchmal durch Gottfrieds Augen wandern. Keine Angst, es war keine Zecke, sagt er zu den Hunden. Es ist nur ein schwarzer Punkt.
Gottfried trägt seine leere Tasse in die Wohnung, stellt sie auf den Esstisch und schaut durch die offene Balkontüre die lesende Chana mit den Hunden zu ihren Füssen an. Ich muss das einmal zeichnen, denkt er, und: Gott ist gnädig mit mir.
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