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Das Leben reute ihn

26. April 2025

Das Leben reute ihn. Seit ihm bewusst geworden war, wie kurz es war, gab er es nur noch ungern aus. Er teilte es widerwillig, und wenn, dann höchstens mit Menschen, die ihm viel bedeuteten, oder mit seinen Hunden.  Und verschenken kam nicht in Frage, keinen einzigen Tag!

Er hatte lange gebraucht, um zu begreifen, wie kurz sein Leben war. Wenn er daran dachte, wie achtlos und verschwenderisch er davor mit seinen Tagen umgegangen war, wurde ihm schwindlig und er musste sich hinsetzen.

Jahrzehntelang hatte er in den Tag hineingelebt, unbeschwert, als gäbe es immer ein Morgen.  Schlimmer noch: es hatte ihn gar nicht gekümmert, ob es ein Morgen geben würde und wie oft noch. Er hatte die Tage gepflückt und verwelken lassen, als würden sie in ihm nachwachsen.

Hin und wieder hatte es alte Menschen gegeben, die ihm freundlich geraten hatten, er solle das Leben geniessen, es sei kurz. Damit konnte er wenig anfangen. Er genoss es ja meistens. Und es klang für ihn so, als sagte man ihm, die Sonne schrumpfe und werde irgendwann verschwinden.

Er würde selber nie einem jungen Menschen sagen, das Leben sei kurz. Das glaubte nur einer, der es schon wusste. Es war das Privileg der Jungen, das Leben mit vollen Händen aus dem Fenster zu werfen. Eine Freundin hatte einmal zu seinem Sohn gesagt: «Ich will Deine Zeit verschwenden.»

Manche Tage entwickelten sich so, dass es ihn gegen Mittag ärgerte, sie begonnen zu haben. Handwerker, die um 8 Uhr da sein sollten, kamen erst um 10 Uhr, oder der Pollenflug machte ihm so zu schaffen, dass der Spaziergang zur Plage wurde. Er hätte diese Tage gerne zurückgegeben.

Ein Freund hatte ihm vorgeworfen, geizig zu sein im Umgang mit seiner Zeit. Er hatte ihm nicht widersprochen. Grosszügig war er nur mit Absagen. Er erteilte sie links und rechts. Du vereinsamst mir noch, sagte seine Frau. «Welcher Verein?», fragte er.

Neulich stand er am Grab seiner zweitletzten Tante. Sie war viel und weit gereist. Seit sie ihr Haus hatte verlassen müssen und im Altersheim ein Zimmer bezogen hatte, fehlte ihr die Freude am Leben. Sie wollte es loslassen. Wie eine Handtasche an der Reling eines Hochseeschiffs.  

Das Leben reute ihn. Manchmal wusste er wenig mit seinen Tagen anzufangen, und es betrübte ihn. Oft gelang es ihm, sie auszukosten, und er ging an ihrem Ende glücklich zu Bett. Dann blickte er, bevor er das Licht ausmachte, auf seinen kleinen Vorrat wie auf einen Schatz.   

Schlechtes Eis

31. März 2025

Er hielt den Stuhl an der Lehne und zog ihn vom Tisch weg, als ob er sich, wie wir andern das gerade taten, hinsetzen würde, setzte sich dann aber nicht, sondern zog den Stuhl weiter bis zum Nachbartisch, wo er ihn gegen einen anderen austauschte, den er an unseren Tisch brachte, und erst auf diesen neuen Stuhl setzte er sich und lächelte in die Runde.  

Die ersten zwei drei Male, nachdem ich ihn in jenem Frühling kennengelernt hatte, nahm ich an, es sei sein kleines Pech, dass jedes Mal ausgerechnet auf seinem Stuhl, den ihm der Zufall zugewiesen hatte, ein kleines Stück Thunfisch oder (in einem Gartenrestaurant) ein Vogeldreck lag, oder vielleicht ein paar Katzenhaare, auf die er womöglich allergisch war, denn es hatte sehr viele streunende Katzen in der Gegend, in der ich damals bereits etwas mehr als zwei Jahre gelebt hatte.    

Darum ging es aber nicht. Da war rein gar nichts auf seinem ersten Stuhl. Kein getrockneter Vogeldreck, kein öliges Stück Thunfisch, keine Katzenhaare, kein gerissenes Sitzgeflecht. Die ihm jeweils zufällig zufallenden Stühle waren einwandfrei oder zumindest nicht in schlechterem Zustand als diejenigen, auf die wir anderen uns ohne Umschweife setzten. Ich will auch nicht sagen, dass es sein Tick oder seine Marotte war, und die Sache damit auf sich bewenden lassen, dieses seltsame Ritual.  

In jenen Tagen im Mai, als der Horizont über dem Meer braun gefärbt war, wie er das oft ist im Frühling, wenn die Winde aus der Sahara den Sand gegen Nordwesten treiben, tauschte er seinen Stuhl jedes Mal aus, wenn er sich in seinem kleinen Restaurant in Jaffa zu uns setzte, und wir sahen uns in diesen Tagen oft, bis es mir auffiel und ich begann, darüber nachzudenken.

Dazu muss ich sagen: es braucht etwas, bis mir etwas auffällt. Ich nehme die Handlungen meiner Mitmenschen sehr wohl wahr, und manchmal beobachte ich sie sogar sehr genau, aber ich nehme vieles, was andere tun, eigentlich das Meiste, als selbstverständlich hin, ohne mir etwas dabei zu denken. Die Dinge sind für mich so, wie sie sind, und die Leute tun etwas so, wie sie es tun. Wenn ein Mensch etwas nicht auf die eine, sondern auf die andere Art tut, hat er wahrscheinlich seine Gründe dafür. Vielleicht hat er schlechte Erfahrungen gemacht mit der einen Art und probiert nun die andere aus. Wieso sollte ich mir darüber Gedanken machen?

Hunde, bevor sie sich niederlegen (um wenig später einen Hundetraum zu haben und sich mit den Hinterbeinen am Rand ihres Traums abzustossen, was sie nicht ins Erwachen, sondern in einen nächsten Traum befördert), drehen sich ein paar Mal im Kreis, machen Umschweife, könnte man sagen, um das hohe Gras wegzudrücken, um Skorpione und Schlangen zu vertreiben. Was weiss ich, sie legen sich jedenfalls nur sehr selten, und nur wenn sie wirklich sehr, sehr müde sind, einfach hin.  

War der Tausch des jeweils ersten Stuhls eine ähnliche Vorsichtsmassnahme? Hatte man vor vielen hundert Jahren einem seiner Vorfahren ein Stuhlbein angesägt (ein wirklich dummer, gefährlicher Streich) und er hatte sich beim Aufprall auf den Steinboden einen Hirnschlag zugezogen, von dem er sich nicht mehr erholen sollte? War es seither im Erbgut der Familie, ein über Generationen vererbter Instinkt, sich nie auf den ersten Stuhl zu setzen, schon gar nicht auf einen angebotenen und erst recht nicht auf den erstbesten, weil es der schlechteste und letzte Stuhl sein konnte?

Ich habe es nicht herausgefunden und ich habe es leider, vielleicht aber auch zum Glück, wer weiss das schon, verpasst, ihn danach zu fragen. Gelegenheit dazu hätte ich gehabt, zur Genüge, aber ich traute mich nicht. Was, wenn ihn die Frage beleidigen würde, weil wer sie stellte vielleicht dachte, seines sei ein seltsames Verhalten? Was, wenn er sich gar nicht bewusst war, dass er jedes Mal, bevor er sich hinsetzte, seinen Stuhl austauschte? Wäre es dann nicht so gewesen, als hätte ich einen Schlafwandler angesprochen, was man ja bekanntlich tunlichst vermeiden sollte?

Ich fragte ihn also nicht. Auch am letzten Abend nicht, an dem wir uns in jenem Frühling trafen, ohne zu wissen, dass es das letzte Mal sein sollte, dass wir uns von Angesicht zu Angesicht begegneten. Ich sage von Angesicht zu Angesicht, weil ich ein paar Wochen nach unserer letzten Begegnung, von der ich gleich berichten werde, als ich am Abend alleine durch die Altstadt von Jaffa spazierte, eine männliche Gestalt dahinschreiten sah, vielleicht 50 Meter vor mir, in dieselbe Richtung.

Ich dachte, wohl wegen seinem typischen Gang und seiner durchschnittlichen Grösse, er sei es, und rief laut seinen Namen, aber er reagierte nicht und bog in eine Seitengasse ein, in der er bereits nicht mehr war, als ich dort angelangte. War er in einem der Häuser verschwunden oder hatte er, sobald er in die Seitengasse eingebogen war, zu rennen begonnen und hatte sie bereits am anderen Ende verlassen, als ich endlich Einblick nehmen konnte? War er es überhaupt? Wie viele Männer durchschnittlicher Grösse mit seinem Gang gab es in Jaffa? Hatte er mich gehört und war in die Seitengasse verschwunden, weil er nicht mit mir sprechen wollte? Und warum nicht? Wir waren doch Freunde. War er es und er hatte mich nicht gehört? Oder war er es nicht und hatte mich einen Namen rufen hören, der zwar laut aber nicht seiner war? Rief ich also umsonst?

Am Abend, als wir uns das letzte Mal sahen, war ich von meinem Haus in Ramat Gan aus noch bei Tageslicht mit dem Fahrrad nach Jaffa aufgebrochen. Ich fuhr damals oft Fahrrad, manchmal auch zur Arbeit, und an jenem Abend schien mir die Möglichkeit, dass ich an seinem Ende nicht mehr ganz nüchtern sein würde, gross zu sein, trafen wir uns doch in der neuen Bar, die er vor Kurzem am Hafen eröffnet hatte. Ich bog also von meinem Haus in Ramat Gan aus zuerst gegen links in die Bialik ein, dann von der Bialik rechts in die Aba Hilel, um wenig später linkerhand in den Yarkon Park zu gelangen, der fast bis hinunter ans Meer führt, wo ich dann nur noch der Uferpromenade folgen musste, um nach Jaffa zu gelangen.  

Seine neue Bar war, wie bereits erwähnt, direkt am alten Hafen, der damals erst teilweise renoviert war und ungleich mehr Charme hatte als heute, wo alles renoviert ist und fast gleich aussieht wie ein paar Kilometer nördlich. Das Kernstück der Bar war ein riesiger, halbkreisförmiger Tresen, an dem hohe Barstühle standen. Nachdem er uns (es waren noch ein Kollege und zwei Kolleginnen von der Botschaft dabei) von hinter der Bar eine erste Runde hingestellt hatte, kam er um die lange Bar herum, begrüsste uns alle mit einer Umarmung, tauschte den Barhocker aus und setzte sich zu uns.  

Das Getränk, das er uns serviert hatte, war ein grosses, mit Eiswürfeln gefülltes Wasserglas, in dessen Zwischenräume er Cognac gefüllt hatte. «Das Verrückte daran ist,» sagte er, «dass man von eisgekühltem Cognac nicht betrunken wird.» Da sassen wir also, redeten und tranken einen eisgekühlten Cognac nach dem andern. Ich mag Cognac nicht besonders, aber eisgekühlt schmeckte er mir vorzüglich und da er nicht betrunken machte, was ich ihm als einziger glaubte, schien es mir ein perfektes Getränk für einen langen, warmen Abend an einer Bar am Mittelmeer zu sein.

Mein Freund (mon ami, denn er stammte aus der Westschweiz), wie ich ihn nicht erst nach dem dritten Drink nannte, erzählte uns, dass er Israel schon bald verlassen werde, was uns überraschte, hatte er doch erst gerade sein zweites Lokal eröffnet und einen köstlichen Drink erfunden, der nicht betrunken machte.

Zwei Barstühle weiter fand eine ziemlich heftige Diskussion zwischen einem jungen Mann und einer schönen Frau statt. Immer wieder hörte ich ihn sagen „Ja, aber darum geht es nicht.“ Er konnte dann aber nie richtig sagen, worum es wirklich ging. Jedenfalls habe ich es nicht mitbekommen, falls er es ihr im Verlauf des immer länger werdenden Abends noch gesagt hätte. Ich glaube eher, er wusste es selber nicht. Irgendwann ging er dann, ich glaube alleine, weil sie vorher gegangen oder gerade auf der Toilette war, als er vom Stuhl kletterte. Er schien mir ziemlich betrunken, der arme Kerl, aber vielleicht war ja sie die arme Frau.

Jedenfalls waren die zwei Barhocker neben mir (ich sass am Rande unserer kleinen Gesellschaft) plötzlich leer, und es leerten sich irgendwann auch die anderen Stühle, bis nur noch mon ami, meine Kolleginnen und mein Kollege von der Botschaft und das Ungefähre, was von mir nach 10 Gläsern Eiscognac noch übrig war, im Lokal waren, das irgendwie, wie mir erst jetzt auffiel, gar kein richtiges Lokal war, denn es hatte gegen das Meer hin keine Wände, und man konnte in den nun länger werdenden Gesprächspausen die Wellen gegen die Hafenmauer schlagen hören. Schwap… schwap… schwap…  

Bezahlen durften wird nicht. Es war ja auch fast nur Wasser in den Gläsern und mon ami ist ein grosszügiger Mensch. Wenn ich mich richtig erinnere, was unwahrscheinlich ist, aber keine Rolle spielt, war es lange nach Mitternacht, als ich von meinem Barhocker stieg und mit einem Schlag spürte, wieviel Cognac ich getrunken hatte. Es musste schlechtes Eis gewesen sein, denn ich war entgegen der Anpreisung des Drinks durch mon ami sturzbetrunken. Und – es kam, wie es kommen musste – ich bin dann auf dem langen Heimweg auch tatsächlich gestürzt.

Irgendjemand hatte die lobenswerte Idee, auf der Meerespromenade seitlich gegeneinander verschobene, kniehohe Betonblöcke zu platzieren, die von links und rechts in die Promenade ragen, damit keine Zweiräder die Promenade entlang rasen und die Fussgänger umfahren können. Man muss zwischen den Betonblöcken hindurch Schlangenlinien fahren. Das gelang mir anfangs ziemlich gut, und es kam völlig unerwartet, als ich mit dem Vorderrad einen der Betonblöcke rammte, worauf es mich, obwohl ich mir sicher war, langsam unterwegs zu sein, in einem Salto, dessen ich mich nicht für fähig gehalten hätte, über den Lenker und den Betonblock katapultierte.

Ich lag leicht verkrümmt auf dem Asphalt und mehrere Passanten eilten sofort zu mir, um mir aufzuhelfen und mich zu fragen, wie es mir gehe, ob ich OK sei. «Ja,» sagte ich, «danke, nichts passiert.» Ich liess alle meine Helfer ihre Hand vor ihr Gesicht halten und mir sagen, wie viele Finger sie sehen, dann liess ich es gut sein und verabschiedete mich. Ich hatte ein paar Schrammen und meine erst vor ein paar Jahren ersetzte Hüfte tat mir furchtbar weh, aber mein Fahrrad hatte zum Glück keinen Schaden genommen, wohl wegen der Federung des Vorderrads, und so kam ich, wenn auch langsam und immer wieder vom Rad steigend, aus eigener Kraft nachhause, von dem ich erstaunlicherweise noch wusste, wo es war.

Eis mit Cognac habe ich seither nicht mehr getrunken, und mon ami nie mehr gesehen. Ich wünsche ihm alles Gute, wo immer er ist, vielleicht irgendwo in Afrika (er hatte Afrika erwähnt), an einem Strand, in einer Bar, die nicht seine sein muss, oder irgendwo in den goldenen Hängen am Lac Léman, im eigenen Weinberg, mit einem kleinen Winzerhaus mit einem Tisch und zwei austauschbaren Stühlen.

Fetter Junge, dünne Tante

15. März 2025

(Abschied nehmen)

Es gibt ein Bild, es ist noch kein Jahr alt, auf dem man meine Tante in unserer damals gerade frisch bezogenen Wohnung in Regensdorf (Manhattan) in unserem Fat Boy sitzen sieht, einem breiten, schwarzen Fauteuil, in dem es sich superbequem fernsehen, lesen oder auch einfach nur dösen liess und den man mit einem Hebel umlegen und darin wunderbar ein- und weiterschlafen konnte. Meine Tante, früher eine füllige Person, der wir als Kinder auch mal den Spitznamen «Tanti Fanti» gegeben hatten, sieht im grossen Sessel klein und leicht aus, wie ein freudig strahlendes Murmeltier oder ein Klippschliefer, die ja mit den Elefanten nahe verwandt sein sollen.  

Wir hatten den Fat Boy aus Ankara nach Wien und von da in die Schweiz mitgenommen. Er stand mit seinem Bruder im Wohnzimmer, als wir zum ersten Mal in die Wohnung im ersten Stock der Residenz der Schweizer Botschaft am Atatürk Bulvari in Çankaya traten. Dumm, wie ich manchmal bin, wollte ich beide Fat Boys nicht in meinem neuen Wohnzimmer. Die Vorstellung, wie viele Botschafter und ihre Frauen sich bereits in den Sesseln geräkelt hatten, war abstossend für mich. Zum Glück bestand meine Partnerin und spätere Frau darauf, wenigstens einen Fat Boy zu behalten. „Du musst ja nicht darauf sitzen“, sagte sie. „Es wird mein Sessel sein.“  

Natürlich wurde es dann bald einmal mein Sessel, weil er einfach zu bequem war, um sich von der eingebildeten Erinnerung an alt Botschafter und ihre Gattinnen daraus vertreiben zu lassen. Wenn ich diese Zeilen schreibe, kommt mir natürlich mein Vater in den Sinn, wie er sich ein paar Wochen lang weigerte, auf das neue Sofa zu liegen, das meine Mutter aus ihrem eigenen Geld gekauft hatte, ohne ihn zu fragen. Mein Vater sah nicht ein, weshalb man etwas entsorgen sollte, wenn es noch zu gebrauchen war. Ein paar Wochen später legte er sich dann nach dem Abendessen auf das neue Sofa, als wäre nichts gewesen.

Als es klar wurde, dass der Fat Boy mein Sessel geworden war, bat meine Frau den Hausmeister der Botschaft, er solle doch bitte den anderen Fat Boy aus dem Keller holen und ihn in unser Wohnzimmer zu seinem Bruder bringen, aber es stellte sich heraus, dass ihn die unterdessen transferierte Kanzleichefin einer vor ihr in die Schweiz zurückgekehrten Kollegin geschenkt hatte, was sie eigentlich gar nicht durfte, denn es handelte sich um Mobiliar des Bundes. Erst kurz bevor wir Ankara in Richtung Wien verliessen, wurde es möglich, altes Mobiliar aus der Residenz zu kaufen, da die zukünftigen Botschafter ihre Privaträume in den Residenzen selber möblieren durften. Es tat mir natürlich Leid, dass ich verantwortlich für die Trennung der beiden Brüder war, aber ich konnte es nicht mehr ändern. Alles, was ich noch tun konnte, war, meiner Frau ab und zu den Fat Boy zu überlassen.

****

Aus dem Zentrum von Höngg, wo ich aufgewachsen bin, führt die Regensdorferstrasse, so weit so gut, direkt nach Regensdorf. Leicht befremdend ist lediglich, dass man sich, wenn man kurz nach dem Restaurant Grünwald aus dem Wald kommt und  Regensdorf sehen kann, nicht mehr auf der Regensdorferstrasse, sondern auf der Hönggerstrasse befindet. Sollte man wenden?

Als wir von Wien nach Regensdorf zogen, hiess das auch, dass unser Wohnzimmer anstatt sechzig plötzlich nur noch zwanzig Quadratmeter gross war. Als wir das erste Mal von Höngg aus kommend mit dem Wagen aus dem Wald kamen, sagte ich zu meiner Frau mit Blick auf die alten und gerade neu entstehenden Hochhäuser: Manhattan!

Alles in Regensdorf, auch unser Wohnzimmer, ist lediglich etwas kleiner, aber sonst fast wie in Manhattan. Mit unseren beiden Sofas, einem Kasten, einem Beistelltisch, einem TV-Möbel und zwei türkischen Heiratsboxen war unser Wohnzimmer bereits voll, mit dem Fat Boy klar übermöbliert. Trotzdem brauchte es fast ein Jahr, bis wir uns dazu durchringen konnten, uns von unserem Fat Boy zu trennen. Natürlich hätten wir auch eines der eben erst in Wien gekauften teuren Sofas weggeben können, und vielleicht hätten wir genau das tun sollen, aber es schien uns wenig Sinn zu machen.

So fiel das Los auf unseren Fat Boy, und meine Frau gab ihn schweren Herzens im Nachbarschafts-Chat zur Adoption frei. Am Abend des 13. März kam ihn dann ein junges Paar aus der Nachbarschaft abholen und wir waren froh, dass er, anstatt auf der Müllhalde zu landen, eine sympathische neue Familie gefunden hatte. Am Tag danach erreichte uns zuerst eine Whatsapp-Meldung des jungen Paars, wie glücklich sie mit dem superbequemen Fat Boy seien, dann die Kurzmitteilung meines Bruders, dass unsere Tante um die Mittagszeit friedlich eingeschlafen sei.

Meine Frau und ich hatten sie vor drei Wochen noch zum Mittagessen in ein Restaurant in Höngg ausgeführt, wo sich der Kellner sehr gefreut hatte, sie wiederzusehen. Kurze Zeit später hatte sie einen Hirnschlag und wurde ins Spital eingeliefert. Als mein Bruder und ich sie besuchten und ihr nach einem Gespräch mit den Ärzten mitteilten, sie würde am folgenden Tag entlassen und dürfe in ihr eigenes Zimmer im Pflegezentrum in Höngg zurück, wusste sie nicht mehr, dass sie die letzten fünf Jahre dort verbracht hatte. «Ich will nachhause» sagte sie, «Gehen wir jetzt?»   

Zurück im Pflegeheim begann dann die palliative Pflege. Das erste Mal, als meine Frau und ich sie besuchten, konnte man noch mit ihr kommunizieren, obwohl sie nicht mehr viel sagte. «Sprecht nur,» sagte sie ab und zu, «Ich kann euch hören.» Beim nächsten Besuch sprach sie kaum noch. Zu Beginn des Besuchs richtete sie sich im Bett auf, schaute meine Frau an, und sagte zu Ihr «I love you!» bevor sie wieder in den Nebeln der Opiate versank. Später sagte sie noch «Es nimmt mich einfach» und gegen Ende unseres Besuchs noch ein Mal: «Es nimmt mich einfach». Zwischendurch griff sie mit ausgestreckten Armen in die Luft, als wollte sie etwas fangen.

Bei unserem letzten Besuch am Donnerstag, am Tag bevor sie starb, dämmerte sie nur noch vor sich hin, die Augen einen Spalt weit geöffnet, die immer länger werdenden Atempausen von einem unruhigen, mühsamen Ringen um Luft unterbrochen. Uns war klar, dass das unser Abschiedsbesuch sein würde. Wir sprachen wenig auf der Heimfahrt. Als wir aus dem Wald kamen, brannten in Manhattan bereits die Lichter.

Obwohl ich vorbereitet war, musste ich am Freitag, als ich meiner ältesten Tochter, die es gerade noch geschafft hatte, am Vormittag von ihrer Grosstante Abschied zu nehmen, mitteilte, sie sei nun gestorben, weinen. Als wäre ihr Sterben erst real geworden, als ich es aussprach.

Meine Tante wollte gehen, und ich wusste, dass dieses Gehen (oder genommen werden?) unmittelbar bevorstand, trotzdem überkam es mich. Im Fleischli in Rümlang, bei Kaffee und einem Stück Osterkuchen. Mein Frau legte ihren Arm um mich und die Hunde schauten mich verwundert an.

Heute ist Samstag. Ich habe einige Dinge entsorgt und einen langen Spaziergang mit den Hunden gemacht, bei dem sie auf einer Wiese neben dem Fussballplatz frei rennen konnten. Zum Abendessen hat meine Frau Filet und Reis zubereitet. Nun stehe ich an meinem PC und habe gerade Ben Gurion das Gesicht gewaschen und ihm die Sonnenbrille gereinigt. Zu viele braune Ringe von meinen Kaffeetassen auf dem Untersatz mit seinem von der Illustratorin Amit Shimoni gemalten Pop-Art Brustbild. Ben Gurion trägt ein pinkes Hemd mit kleinen Ananas, vermutlich mit kurzen Ärmeln (man sieht das auf dem Untersatz nicht mehr), er hat schlohweisses Haar und trägt eine dunkle Sonnenbrille. Der Hintergrund ist gelb.

Was es sollte

27. Januar 2025

„Was soll das?“, fragte Jossi, zeigte mit der offenen Hand auf das Schachbrett und schaute Avitai entgeistert an.

Es war 9 Uhr. Zwei Tassen Kaffee, eine links und eine rechts, und ein Aschenbecher (rechts) standen neben dem Schachbrett, Jossi hatte sich seine erste Zigarette angesteckt und nach einem ersten tiefen Zug, gefolgt von einem Hustenanfall, in den Aschenbecher geklemmt, wo sie verglühen und verlöschen würde, und Avitai hatte die erste Partie des Tages, die sie auf dem kleinen, runden Blechtisch vor Jossis Laden spielten, gerade mit d2-d4 eröffnet.   

Seit nun bald 20 Jahren kam Avitai, der in Ramat Gan gleich an der Grenze zu Givataim wohnte, („Ich bin kein reicher Ladenbesitzer wie Du, ich kann mir Givataim nicht leisten.“) jeden Morgen kurz vor 9 Uhr zu Fuss nach Givataim, an die Shenkin Strasse, wo Jossi bei seiner Ankunft bereits den Klapptisch und die Stühle aufgestellt und auf der Herdplatte in seinem Laden den Kaffee aufgebrüht hatte („Du willst nur Steuern sparen, Du alter Geizhals. Wohnst in Ramat Gan und wo treibst Du Dich den ganzen Tag rum? In Givataim!“).

Die beiden alten Männer, die sich seit ihrer frühen Kindheit kannten, spielten jeden Tag zur selben Zeit die exakt gleiche Partie, die mit der italienischen Eröffnung begann. Avitai liess seinen Bauer von e2 auf e4 vorrücken, worauf Jossi mit einem Bauernzug von e7 nach e5 antwortete. Als Nächstes wurden die Pferde bewegt, die auf ihren Feldern schon unruhig scharrten und schnaubten:  Avitai rückte mit seinem Springer von g1 auf f3 vor und Jossi bewegte im Gegenzug seinen Springer von b8 nach c6, wie es beim Giuoco piano vorgesehen war, das sie, des Italienischen beide nicht mächtig, Schokopiano nannten.

Die Partie ging mit dem ersten Auslauf der beiden Läufer weiter (f1-c4 und f8-c5) und mündete nach den exakt gleichen Zügen und ohne dass dabei ein einziges Wort gesprochen worden wäre nach einer gute halben Stunde – ausser wenn die Partie von einem Kunden unterbrochen wurde, was am Vormittag kaum je der Fall war, dann dauerte es ein paar Minuten länger – in ein Patt, weil Avitai seinen König nicht mehr bewegen konnte, ohne sich ins Schach zu begeben. „Hab‘ ich Dich!“ sagte Jossi dann, und beendete damit die morgendliche Stille, und Avitai räusperte sich und antwortete: „Hast Du eben nicht!“

Danach spielten sie eine zweite und nach der zweiten eine dritte Partie, oft wurden es sechs oder sieben Partien bevor die Sonne unterging, wobei einmal Avitai gewann, dann wieder Jossi, nur selten gewann einer zwei Partien hintereinander, und Unentschieden gab es den ganzen Tag keines mehr, obwohl nur diese in die Wertung kamen. Der Spielstand, nach jedem Unentschieden von Jossi säuberlich mit einem kurzen Bleistift in ein kleines Notizbuch eingetragen, lautete mittlerweile 2561:2561.

Sieben Jahre war es nun her, seit Udi gestorben war. Seit sieben Jahren stand Udis Klappstuhl nun in Jossis Laden an der Wand, und als der Postbote ihn einmal aufgeklappt hatte, um ein Paket mit fragilem Inhalt darauf abzustellen, hatte ihn Jossi so zusammengestaucht, dass er sich seither weigerte, ihm die Post zu bringen. Er deponierte sie stattdessen im Kiosk auf der anderen Strassenseite („Das ist für den Wüterich“), wo Jossi sie einmal pro Woche abholte, um nicht den Eindruck zu erwecken, er warte darauf.  Auch wenn sich Jossi entschuldigt hätte (was er weder vorhatte noch je tun würde): der Postbote war unversöhnbar und die Post blieb dauerhaft umgeleitet.

Udi war mit Abstand der beste Schachspieler von den drei Freunden. Er war es, der Jossi und Avitai das Schachspielen überhaupt erst beigebracht hatte. Sie wussten zwar, wie man die einzelnen Figuren bewegt, aber Udi konnte Schach spielen. Einmal, so will es die Legende, als er noch jung war, soll er es bis in die zweitletzte Runde der israelischen Schachmeisterschaft geschafft haben. Ob er es noch weiter, vielleicht sogar bis zum Titel des israelischen Meisters hätte bringen können, lässt sich nicht sagen. Udi sei, so erzählt es Jossi, am Tag der zweitletzten Runde nicht mehr zum Turnier in Tel Aviv erschienen, und niemand werde je wissen, warum, während Avitai meint, es zu wissen. Udi sei der drohenden Niederlage ausgewichen, behauptet er, das, und nichts anderes, sei der Grund für sein Fernbleiben gewesen.

Als sie eines Tages wieder zu dritt vor Jossis Laden kalten Kaffee getrunken und geraucht hatten, hatte Udi gesagt: Warum spielen wir eigentlich nicht eine Partie Schach? „Schach ist für zwei“, hatte Avitai geantwortet, und Jossi hatte angefügt: „Das kann ich nicht.“ Aber Udi liess nicht locker.  Am nächsten Tag brachte er ein Schachbrett samt Figuren mit, und so kam es, dass er ihnen die verschiedenen Eröffnungen zeigte, wie man Angriffe durchschauen und Fehler vermeiden, Opfer bringen und den Gegenspieler übertölpeln oder auskontern konnte, und wie sich ein Endspiel erfolgreich gestalten liess.

„Schachspielen ist definitiv besser als Herumsitzen, Rauchen und Kaffeetrinken“ sagte Jossi eines Morgens, als das Schachspiel bereits zu einem festen Teil ihres Tages geworden war, man könnte auch sagen zum wichtigsten und eigentlich einzigen Inhalt ihrer Tage (was hatten sie bloss vorher gemacht?), und wie er es sagte, war es ein Dankeschön an Udi, ohne dass er danke sagen musste. Die Spiele folgten der einfachen Regel, dass der Sieger am Brett blieb, was nichts anderes bedeutete, als dass Jossi und Avitai abwechslungsweise gegen Udi spielten und der andere musste zuschauen und die Klappe halten.

Als Udi an Leberkrebs erkrankte und nach wenigen Wochen starb, waren Jossi und Avitai verloren. Am Tag nach der Beerdigung sassen sie vor Jossis Laden am Blechtisch, vor ihnen Udis leerer Stuhl und das Schachbrett mit den wartenden Figuren. Keiner sprach ein Wort. Gegen Ende des Vormittags stand Jossi auf, klappte Udis Stuhl zusammen und trug ihn in den Laden, wo er bis zur unbedachten Aktion des Postboten und auch danach wieder unberührt in einer Ecke stand.

„Was machen wir nun?“ fragte Avitai mit brüchiger Stimme, als sich Jossi wieder hingesetzt hatte. „Ich weiss es nicht“, antwortete Avitai. Und nach einer kurzen Pause: „Wieder nichts wahrscheinlich, wie vorher.“ Eine Frau ging am Tisch vorbei und trat in Jossis Laden. Nach einer Weile erschien sie wieder im Eingang mit einem alten Kerzenständer aus fleckigem Messing.
„Was wollen Sie dafür?“
„Nichts“ sagte Jossi, ohne sich zu ihr umzudrehen.
Die Frau schaute Avitai, der den Eingang zum Laden in seinem Blickfeld hatte, fragend an.
„Sie haben ihn gehört“, sagte Avitai, „Nehmen Sie das Ding und gehen Sie.“
„Im Ernst…? Danke…“ sagte die Frau. Und verschwand mit dem fleckigen Kerzenständer in Richtung Weizmann.

„Es gibt zwei Möglichkeiten“, sagte Jossi, als die Frau ausser Sichtweite war. „Entweder wir hören mit dem Schachspielen auf, oder die erste Partie des Tages gehört Udi.“
„Wie meinst Du das?“
„Wir spielen zuerst ein rituelles Unentschieden. Jeden Tag genau dieselbe Partie. Eröffnung mit dem Schokopiano und dann weiter bis zum Patt, mit den exakt gleichen Zügen, bis Du Dich nicht mehr bewegen kannst. Das spielen wir für Udi. Jeden Tag. Das schulden wir ihm.“

Und das taten sie dann auch. Jeden Tag, sieben Jahre lang. Die immer gleichen Züge. Avitai mit seinem Bauern von e2 auf e4, Jossi mit seinem von e7 nach e5, dann die Pferde, dann die Läufer, wie das beim Schokopiano eben vorgesehen war. Und nun, nach sieben Jahren ritueller Unentschieden, also dies: Avitai eröffnete mit d2-d4!

„Was soll das? Was machst Du da?“ entfuhr es Jossi.
„Ich eröffne die Partie“ antwortete Avitai ruhig.
 „Aber doch nicht so“ ereiferte sich Jossi. Er nahm Avitais Bauern, setzte ihn zurück auf d2 und fuhr stattdessen mit dessen Bauern von e2 auf e4. „So geht das“ sagte er dabei, und als er den Bauern auf e4 abgesetzt hatte, griff er zur glühenden Zigarette und nahm tatsächlich einen zweiten Zug.

                                           ***

Am nächsten Morgen sass Jossi vor seinem Laden am Schachbrett. Es war bereits viertel nach 9, aber Avitai war nicht gekommen. Als er auch um 10 noch nicht erschienen war, ging Jossi, der kein Mobiltelefon besass, in den Laden und rief Avitai an, aber Avitai antwortete nicht. Auch am nächsten Tag erschien Avitai nicht zum Schach, und Jossi begann sich Sorgen zu machen.

Als Avitai auch am vierten Tag nicht erschien und Jossis Anrufe nicht beantwortete, schloss Jossi seinen Laden ab und überquerte die unsichtbare Grenze nach Ramat Gan. Die Haustüre stand offen, damit Passanten bei einem Bombenalarm in den Schutzraum konnten. Jossi ging die Treppen hoch bis ins oberste, dritte Stockwerk und klingelte an Avitais Wohnungstür. Für einen Augenblick meinte er, aus der Wohnung Schritte zu hören, aber er musste sich getäuscht haben. Er klingelte ein zweites und ein drittes Mal, aber die Tür öffnete sich nicht.

Am letzten Tag der ersten Woche nach Avitais Verschwinden überquerte Jossi die Strasse und holte beim Kiosk seine Post ab. Er steckte die drei Umschläge, die ihm der Verkäufer aushändigte, in die Jackentasche und überquerte die Strasse in die andere Richtung. In der Mitte der Strasse blieb er stehen, und erst als mehrere Autos hupten, ging er weiter. Er setzte sich wieder an den Blechtisch vor seinem Laden und zündete sich eine Zigarette an. Er nahm einen Zug und behielt die Zigarette vor seinem Mund. Mit der anderen Hand berührte er die drei Briefe in seiner Jackentasche. Er hatte Angst davor, sie vor sich auf den Tisch zu legen. Was, wenn einer von ihnen einen schwarzen Rand hatte?

Als er sich gegen Mittag einen Ruck gab und die Briefe aus seiner Jacke nahm, war er erleichtert. Keiner der drei Umschläge hatte einen schwarzen Rand.  Die ersten zwei enthielten Rechnungen. Der dritte war von Hand adressiert. Er enthielt eine schwarz-weisse Postkarte. Auf der Vorderseite war ein Strand mit Strandkörben und einem wolkenverhangenen Himmel zu sehen. Auf der Rückseite stand in wackliger Schrift:

Ich habe Schilddrüsenkrebs, ich werde sterben. Mach’s gut, lieber Freund.
Avitai


Jossi schluckte leer. „Das sollte es also bedeuten, als Avitai die Schachpartie falsch eröffnete, dachte er, während seine Hände mit der Postkarte und der Zigarette auf den Blechtisch sanken und ihm Tränen über die Wangen rollten.

                                           ***

PS: Drei Jahre sind unterdessen seit dem Tod von Avitai vergangen. Wenn man an Jossis Trödlerladen vorbeigeht, sieht man ihn wieder am Blechtisch sitzen und mit einem pensionierten Postboten Schach spielen. Die einen sagen, Jossi habe sich nur mit dem Postboten versöhnt, weil ihm der Weg zum Kiosk zu beschwerlich geworden sei. Andere glauben zu wissen, die Initiative zur Versöhnung sei nach dem Tod von dessen Frau vom Postboten ausgegangen, der lernen wollte, wie man Schach spielt.

Vielleicht ist Glück ein Halstuch, das man auf dem Weg verloren hat, und jemand hat es aufgehoben und an einen Gartenzaun gehängt, und wenn man weit genug zurückgehen würde, fände man es wieder (vielleicht ist das auch nur eine zu lang geratene Überschrift)

25. Januar 2025

Es gibt keine verlässlichen Umfragen dazu, aber man darf davon ausgehen, und das tue ich hier, dass wir in einer Welt leben, in der nur noch eine verschwindend kleine Anzahl Menschen weiss, wer Helen Shapiro war, und diese fast ganz aus alten Menschen bestehende, rasch schrumpfende Gruppe ist mittlerweile so klein geworden, dass sie  drauf und dran ist, in absehbarer Zeit ganz zu verschwinden, sang und klanglos, wie man in diesem Kontext sagen könnte. Sie liefert sich dabei ein Wettrennen mit dem Polareis und es sieht so aus, als könnte sie es gewinnen.

Ich wüsste auch nicht, wer Helen Shapiro ist, wäre sie mir nicht vor einem Vierteljahrhundert am Arm von Bob Geldof begegnet. Ich war ziemlich unglücklich damals und nicht gut unterwegs, als mir Helen und Bob auf einem Gehsteig in Ausserholligen Arm in Arm entgegenkamen und singend an mir vorbeigingen. Ich wusste nicht, wer sie waren, was bei Helen Shapiro nichts Ungewöhnliches war, aber auch Bob Geldof erkannte ich nicht, weil er eine Fellmütze trug und den Mantelkragen hochgeschlagen hatte. Sie sangen, als sie mich auf dem mit nassem Schnee bedeckten Gehsteig kreuzten, zusammen ein englisches Lied.  

„Was ist das für ein Lied?“, rief ich Ihnen nach, denn es gefiel mir, und Bob drehte den Kopf und rief über die Schulter zurück: „Walking Back To Happiness.  Es ist von mir. Aber eigentlich ist es von ihr“, worauf Helen lachte und ihn weiterzog.

Ihr Glück musste, obwohl sie mir nicht unglücklich zu sein schienen, irgendwo auf dem Weg verlorengegangen sein, und sie hofften offenbar, es wiederzufinden, wenn sie weit genug zurück gingen. Vielleicht hatte es ja jemand aufgehoben und an einen Gartenzaun oder eine Hecke am Wegrand gehängt, wie das gute Menschen manchmal mit einem Handschuh machen, den jemand fallen gelassen hatte. Sogar weniger gute Menschen könnten das tun, denn niemand kann mit einem einzelnen Handschuh viel anfangen, ausser eine Hand damit zu wärmen, was natürlich nicht nichts ist.

Nun kann man mit Recht sagen, es spiele überhaupt keine Rolle, dass kaum noch jemand weiss, wer Helen Shapiro ist, und wenn das jemand sagt, habe ich dafür Verständnis und kann dem nicht wirklich viel entgegenhalten (ausser vielleicht, dass für viele Menschen wenig wirklich eine Rolle spielt), aber wenn man nicht weiss, wer sie ist (oder war, denn sie ist vor Kurzem verstorben), versteht man auch nicht ganz, warum in Geldofs Version des Songs Nebelhörner dröhnen, während er mit seinem Vater am East Pier steht.

Es ist nicht nur wegen dem Nebel und den Schiffen. Es hat auch damit zu tun, dass Helen Shapiro wegen ihrer tiefen Stimme von ihren Klassenkameradinnen und -kameraden Nebelhorn genannt wurde. Zwei ihrer Songs sind Anfang der 60er-Jahre an der Spitze der britischen Charts gelandet. Einer davon war Walking Back To Happiness (der andere hiess You don‘t know, aber das muss man nicht wissen). Wissenswerter ist vielleicht, dass bei einem Auftritt der 16-jährigen Helen in Bradford am 2. Februar 1963 die Beatles ihre Vorgruppe waren, aber man kann auch gut leben, ohne das zu wissen.

Man kann gut ohne die Musik von Helen Shapiro leben. Auch ohne die Musik der Beatles kann man leben (was allerdings schade wäre) und ohne die Beatles geht problemlos, sie sind bereits halb verschwunden. Auch Bob Geldof wird verschwinden, lange vor seiner Musik, und die Musik der Beatles (kurz nach der Musik von Beethoven). Alles wird irgendwann der Furie des Verschwindens zufallen, zuerst langsam, dann schnell. Auch ihrem Erfinder, Hans Magnus Enzensberger, ist das 2022 widerfahren. Seine Gedichte lungern noch ein wenig in meinem Kopf herum.

Die Suche nach dem Glück sollte nicht in die Vergangenheit führen. Man kann aus der Vergangenheit nichts, wenn man es noch fände, mitnehmen in die Gegenwart. Glück ist kein verlorenes Halstuch, das jemand aufgehoben und an einen Zaunpfahl gehängt hat. Glück sitzt Dir auf der Schulter, ein Vogel so leicht, man spürt ihn kaum.

Eine kurze Unendlichkeit

4. Januar 2025

Abgesehen vom Gulasch, das nur meine Schwiegermutter so zubereiten kann – und mein Gott, sie hat es gerade wieder getan und sich dabei selber übertroffen -, basiert alles auf Annahmen. Man nimmt an, dass etwas so ist, weil man es so gelernt oder gelesen hat, vielleicht auch nur gehört (und wenn möglich falsch verstanden), bis man eines Tages selber feststellt, dass es doch anders ist, manchmal zum Glück, manchmal leider. Von da an nimmt man an, dass es nun so sei, und nicht mehr anders, und geht davon aus, dass es so bleibt, auch wenn man gerade nicht hinschaut.  

Ben Gurion, Uziel und Haroe sind Parallelstrassen verschiedener Grösse in meinem neuen Universum. Dank Ihnen finde ich mich auf den langen Spaziergängen mit unseren Hunden zurecht, auch wenn ich mein Mobiltelefon nicht dabeihabe. Ben Gurion, Uziel, Haroe – alles andere sind Seitenstrassen.

Ich wurde dank den Hunden, die mich im Auge des Betrachters zum Ortsansässigen machen, auch schon nach dem Weg gefragt und konnte tatsächlich schon einmal Auskunft geben. Od shloshim metrim bne jemina. Noch dreihundert Meter, dann rechts abbiegen. Vielleicht waren es auch nur 200 Meter, aber den Satz hatte ich vom GPS gebrauchsfertig im Ohr.

Ich bin diese drei Strassen, Ben Gurion, Uziel und Haroe, von denen Ben Gurion mit zwei Spuren in jede Richtung die grösste ist, schon in beide Richtungen gegangen, Uziel (am einen) und Ben Gurion (am anderen) sogar bis an ein Ende oder einen Anfang – ich habe nicht auf die Hausnummern geachtet.  

Heute bin ich die Haroe bis an eines ihrer Enden spaziert. Der Plan war, gegen Ende der Strasse in eine Seitengasse einzubiegen, die zur Ben Gurion führt, und dann auf der Ben Gurion zurück in Richtung unserer Wohnung an der Elyashiv. Am besten geht man von der Ben Gurion die Yad Shalom hoch. Die ist trotz der Baustelle angenehmer als die Ruchama, die irgendwie nicht sehr einladend wirkt. obwohl sich die älteren Häuser Mühe geben.

Die erstaunliche Entdeckung auf diesem Spaziergang war, dass sich Parallelen nicht erst in der Unendlichkeit schneiden, sondern einiges vorher.  

Wenn man von der Elyashiv her kommend die Uziel überquert und dann die Ehud oder die Avishai genommen hat, bis man auf die Haroe getroffen ist, die wie gesagt parallel zur Uziel und zur Ben Gurion verläuft, und auf der Haroe dann nicht nach rechts, in Richtung Metzger Friedman, sondern nach links, in Richtung Bnei Brak gegangen ist, stellt man, nachdem man eine ganze Weile an Häusern vorbeigegangen ist,  deren Bewohner in der Ruhe des Schabbats hinter heruntergelassenen Jalousien Musik hören, fest, dass sich die Haroe nach links zu krümmen beginnt.

Man merkt es daran, dass schneller gehende Hundehalter, Frauen wie auch Männer, die gerade erst mit ihrem Tier aus einem der Häuser getreten sind, nach einer Weile hinter der Biegung verschwinden.  

Der Plan war nun. wie gesagt, und nachdem der Spaziergang jetzt doch schon eine ganze Weile gedauert hatte, nach links in eine der nächsten Seitenstrassen einzubiegen, um hinüber auf die Ben Gurion zu gelangen, aber die Seitenstrassen erwiesen sich eine nach der anderen als Sackgassen.

Wenigstens, dachte ich, zog es die Haroe ganz offenbar nach links, womit ich die beruhigende Gewissheit hatte, dass ich mich zwar weiter von zuhause, aber nicht von der Ben Gurion entfernte, die mich am Ende wieder sicher nachhause führen würde. Je länger die langgezogene Kurve dauerte, desto näher kam die Haroe der Ben Gurion. Sie würde doch nicht…?

Ich weiss nicht, wie alt ich war, als ich in der Schule lernte, dass sich zwei Parallelen in der Unendlichkeit kreuzen. Oder war es berühren, treffen, schneiden? Oder war es nur der Anfang eines weiteren Witzes, nach dem Muster von „Zwei Pferde treffen sich in einer Bar“?

Ich weiss auch nicht mehr, es ist einfach zu lange her, ob man damals versucht hat, es mir zu erklären, und wenn ja: hatte ich es begriffen, oder hatte ich, wie ich das als Kind so oft tat, ja gesagt und genickt, als man mich fragte, ob ich es verstanden hätte, weil ich weder als dumm gelten noch dem Erwachsenen das Gefühl geben wollte, es mir nicht gut erklärt zu haben?

Falls ich es damals verstanden hätte (irgendetwas mit der Erdkrümmung?), was ich bezweifle, hätte ich es längst wieder vergessen, und wahrscheinlicher ist ohnehin, dass ich es (erklärt oder nicht) nie verstanden habe.

Ich verstehe es auch heute nicht, obwohl ich gerade versucht habe, es zu verstehen, aber ich bin bei den ersten paar Formeln steckengeblieben. Wenn zwei Geraden parallel verlaufen, berühren sie sich auch in der Unendlichkeit nicht. Und wenn sie das doch tun, weil sie so lange unterwegs waren, dass es ihnen ohne Berührung oder wenigstens einen Annäherungsversuch langweilig wurde, sind sie keine Parallelen mehr.  

Und da stand ich nun also unvermittelt an der Stelle, an der sich zwei Parallelstrassen schneiden. Wobei man nicht wirklich von schneiden sprechen kann. Es ist vielmehr so, dass die kleinere Haroe in die groessere Ben Gurion mündet. Trotzdem musste das hier die Unendlichkeit sein, wenn die Schule für irgendetwas gut war.  

Ich schaute mich um. Ein Mann in Sandalen kam mir entgegen. Von der anderen Strassenseite bellte ein Hund, der nicht zu sehen war. Der Verkehr war noch immer sehr dünn. Die wenigen Autos waren langsam unterwegs. Keinerlei Hupen. Ich schaute auf meine Uhr. Es war viertel vor zwei.  Der Shabbat dauerte noch ein paar wenige Stunden. Die Unendlichkeit war schon fast wieder vorbei.

Ich muss nachhause, dachte ich, und fasste die Leinen der Hunde kürzer. Ich muss so schnell wie möglich nachhause, auf direktem Weg.

***

(„Zwei Parallelen treffen sich in der Unendlichkeit. Wer hat denn sowas behauptet? fragt die eine. Ein Wegweiser, sagt die andere.“)

Der Elektriker kommt (Teil 2)

6. September 2024

Als sein Telefon ihn am nächsten Morgen um 7 Uhr mit den ersten Klängen von „It’s a Wild World“ weckte,  wusste Bertrand Mesmer  nicht, wo er war. Bin ich in einem Hotel? Fragte er sich, nachdem er die Schlummertaste gedrückt hatte. Wie bin ich hierhergekommen? Bin ich in Hamburg? Wieder in Hamburg? Er war vor mehr als dreissig Jahren einmal nach Hamburg geflüchtet, als ihm alles zu viel geworden war. Er wohnte damals in Adliswil, im Zürcher Sihltal, und arbeitete in Bern, und eines morgens stieg er am Zürcher Hauptbahnhof anstatt in den Frühzug nach Bern in einen Intercity nach Hamburg. Von Hamburg aus fuhr er dann ans Meer und machte lange Spaziergänge.

„Tada-da-data – da-datta-taaa, …“ klang es zum zweiten Mal aus seinem Telefon, und er schaltete den Alarm ganz aus. „Ich muss die Sicherungen einschalten“ sagte er. Er drehte sich zur Seite, stützte sich auf den Ellbogen und die rechte Hand, bis er aufrecht im Bett sass und seine Füsse den Boden berührten. Er betrachtete seine dürren Beine. Welches wohl das längere war?  Kein Mensch hatte zwei genau gleich lange Beine.  Aber die wenigsten wussten, welches länger war. Von allem, wovon der Mensch zwei hatte, war immer eines kürzer oder kleiner und das andere länger oder grösser. Wenn der Mensch zwei Nasen hätte, wäre eine grösser als die andere.

Bertrand ging in die Küche und machte Frühstück. Er nahm das Brot aus dem Brotkorb, schnitt zwei Scheiben ab und steckte sie in den Toaster. Er drückte das Fach mit den zu toastenden Brotscheiben nach unten, aber es arretierte nicht. Er versuchte es noch einmal. Wieder nicht. War der Toaster nicht eingesteckt…? Natürlich, fiel es ihm ein – kein Strom. Die Sicherungen!

Nachdem er die Sicherungen wieder eingeschaltet hatte (der Sicherungskasten war gleich neben der Wohnungstür), öffnete er die Tür und hob die Zeitung auf, die ihm seine Nachbarin jeweils hochbrachte, wenn sie vom Morgenspaziergang mit ihrem Hund zurückkam. Sehr nett, dachte er, wie jeden Morgen, Sehr nett von ihr. Zurück in der Küche drückte er das Toasterfach runter. Es arretierte und der Toaster begann sich aufzuheizen.

Während er darauf wartete, dass das Kaffeewasser sieden würde, öffnete er die Zeitung und blätterte durch, bis er bei den Todesanzeigen angelangt war. Luzia hatte das nie verstanden. „Das ist doch nicht das Wichtigste und vor allem nicht das Erste, was man lesen muss“ hatte sie einmal gesagt.  Und er hatte geantwortet: „Aber das Unwiderruflichste“.

Die Menschen, die in diesen Wochen und Monaten starben, waren alt, aber jünger als er. Wir trauern um unseren Vater, Grossvater und Freund, Rudolf Matzinger. Er ist nach kurzer Krankheit friedlich entschlafen. Rudolf Matzinger? Er hatte einen Studienfreund, der Rudolf Matzinger hiess. Aber der hatte keine Kinder. Schwer zu sagen, wer um ihn trauern würde, wenn er starb. Das musste ein anderer Matzinger sein, der hier gestorben war. Mein Matzinger, dachte  Bertrand, lebt noch.

Zuletzt hatte ihm ein gemeinsamer Bekannter von Matzinger erzählt. „Hast Du das gehört, vom Matzinger?“, hatte er ihn gefragt, als sie im Goldenen Mond ein Bier tranken. „Was?“ hatte Bertrand gefragt. „Was soll ich gehört haben vom Matzinger?“

„Na von seinem letzten Wohnungswechsel.“

„Was war damit?“

„Er sei jetzt in eine Zweizimmerwohnung in Schwechat gezogen.“

„Und…?“

„Ach, Du weisst gar nichts von seinem Projekt?“

„Welches Projekt?“

„Das Matzinger-Projekt“

„Und was wäre das?“

„Er hat dieses Projekt, der Matzinger, dass seine Wohnung bei jedem Umzug ein Zimmer kleiner wird und näher an den Zentralfriedhof rückt, bis er dann beim Letzten Umzug bequem und ohne Umzugsgut in eine Holzkiste umziehen kann.“

„Hat er das tatsächlich vor?“

„Wir haben alle gedacht, dass sei nur ein dummer Spruch, eine Bieridee, aber er hat es voll durchgezogen, der verrückte Hund, bis vor Kurzem jedenfalls. Vor etwa 8 oder 10 Jahren zog er aus seiner schönen 5-Zimmerwohung in Döbling in eine 4-Zimmer Wohnung nach Ottakring, von dort drei Jahre später in eine 3-Zimmerwohung in Margareten, und als er vor zwei Jahren in eine 1-Zimmerwohung in Simmering zog, haben wir alle gedacht, so kommt es nun also, wie er es geplant hatte: sein nächster Halt wird der Zentralfriedhof sein.

Und nun das! Er ist in eine Zweizimmerwohnung in Schwechat gezogen und hat sich, so hat es mir Krupsky erzählt, wieder Möbel gekauft, nachdem er zuletzt in Simmering nur noch ein Bett und einen Stuhl hatte, nicht einmal einen Tisch. Auch keinen kleinen.“

„Verrückt…“

„Nichtwahr? Er hat den Tod sozusagen ausgelassen, übersprungen. In zehn Jahren wird er in einer 5 Zimmerwohnung leben in Sarasdorf oder Sommerein.

Es klingelte an der Türe. Bertrand hörte es nicht.

Er ging zurück and den Anfang der Zeitung und las die Überschrift des Leitartikels: Zuwanderungsbeschränkungen der Regierung wiedersprechen der Europäischen …

Es klingelte erneut.  

Das musste der Elektriker sein. Bertrand stand vom Küchentisch auf und ging zur Wohnungstüre. Obwohl er wusste, wer vor der Tür stand, öffnete er vorsichtig die Klappe des Spions und schaute ins Gesicht eines glattrasierten Mannes mit kurzen Haaren. Er schloss die Klappe, öffnete die Türsicherung, zog die Kette des Türstoppers aus ihrer Schiene, drehte den Schlüssel zweimal nach links und öffnete die Türe.

„Grüssgott Herr Mesmer“, sagte der Mann, „Ich bin der Elektriker.“

„Grüssgott…“ sagte Bertrand.

„Darf ich eintreten?“ fragte der Elektriker. Bertrand wollte eigentlich fragen, ob er kein Werkzeug dabei habe, aber er sagte nur „Ja, bitte..“ und trat beiseite.

Der Elektriker trat ein. Bertrand zog die Tür zu und ging voraus in die Wohnung. „Waren Sie schon einmal hier?“ fragte er über die Schulter.

„Ich komme nur einmal“, sagte der Elektriker, und schloss hinter sich die Wohnungstüre ab.

***   

Der Elektriker kommt (Teil 1)

22. Juli 2024

(aus dem Erzählband „Alte Männer ohne Meer“, erschienen 2025 bei Nagel und Feile)

Es war an einem Montag im Herbst, kurz vor Mittag. Bertrand Mesmer war gerade fertig geworden mit Staubsaugen. Er wusste, dass noch überall Staub in der Wohnung herumlag. Staub, den er nicht gesehen hatte. Aber deswegen waren seine Bemühungen nicht umsonst. Niemand konnte den Staub ganz beseitigen. Auch Leute mit besseren Augen und mehr Ausdauer als er nicht. Gegen den Staub liessen sich einzelne Schlachten gewinnen – der Krieg war von Anfang an verloren.

Er hatte den vollen Staubbeutel in den Müll geworfen, dabei (wie er das immer tat) „Fuck Dyson“ gesagt und sich gefragt, wie lange es wohl noch dauern würde, bis eine neue Tonne auf dem Gehsteig auftauchen würde, wo man die vollen Staubsaugersäcke entsorgen konnte. Mit Staub liesse sich ganz sicher mehr anfangen, als ihn in den Restmüll zu werfen. Alles wurde irgendwann zu Staub. So gesehen war Staub prozessierte Materie und es musste sich lohnen, ihn zu sammeln und wiederzuverwerten.   

Montag war Bertrands Haushaltstag, seit seine Frau Luzia gestorben war. Als Nächstes wollte er sein Bett frisch beziehen und die Bettbezüge waschen.  Als er ins Schlafzimmer kam, fiel ihm etwas Kleines, Schwarzes am Boden auf. Er bückte sich, wobei er darauf bedacht war, in die Knie zu gehen, um seinen Rücken zu schonen, und hob es auf. Der Rücken tat trotzdem weh, als er sich wieder aufrichtete. In seiner Hand lagen zwei kurze, schwarze Kunststoffröhrchen, offensichtlich von einem Elektrokabel, das jemand abisoliert hatte.

Seltsam, dachte er. Wie konnte es sein, dass er sie beim Staubsaugen übersehen hatte? Und wenn er sie übersehen hätte, was trotz seiner schlechten Augen unwahrscheinlich war auf dem hellen Parkettboden, hätte er sie wohl aufgesaugt. Oder hatte er im Schafzimmer noch gar nicht Staub gesaugt? Er ging auf die Knie und griff mit der Hand unter das Bett. Tatsächlich, Staub. Er hatte das Schlafzimmer vergessen. Trotzdem war es seltsam, dass ihm die beiden Kabelhülsen nicht schon vorher aufgefallen waren.

Hatte er neulich einen Stecker repariert? Luzia hatte wenig gehalten von seinen handwerklichen Fähigkeiten, und ihm insbesondere alles verboten, was mit Elektrizität zu tun hatte. „Dafür gibt es Elektriker. Ich will Dich nicht pflegen, wenn Dich ein Stromschlag gelähmt hat.“ Dabei konnte er einiges. Zum Beispiel Lampen verkabeln. Er konnte die dreifarbigen Kabel sehr wohl auseinanderhalten. Aber er stieg schon lange nicht mehr auf Leitern.  Sein Gleichgewicht war nicht mehr, was es einmal war.  War ein Elektriker da?  Er konnte sich nicht erinnern. Woher also kamen die beiden schwarzen Kabelhülsen?

Er versuchte sich daran zu erinnern, was er zuletzt repariert hatte. Es fiel ihm nichts ein. Ausser, dass er den Abfluss in der Dusche und den Siphon im Badezimmer gereinigt und dabei geweint hatte. Die langen weissen Haare, die den Abfluss und den Siphon verstopften, waren Luzias Haare. Zwei Jahre nach ihrem Tod hielt er ihre Haare in der Hand.

Sonst viel ihm nichts ein, und ob dem Versuch, sich zu erinnern, vergass er, dass er die Bettwäsche wechseln wollte, und beschloss stattdessen, einkaufen zu gehen, obwohl er sonst immer am Mittwoch einkaufen ging. Der Mittwoch schien ihm als Einkaufstag am besten geeignet. In der Mitte der Woche liess sich gut kaufen, was man über das Wochenende und Anfang Woche verbraucht hatte und was man für das nächste Wochenende brauchte. Verbrauchen und brauchen – der ewig gleiche Zyklus. Bis man eines Tages Pizzateig, Mozzarella, Tomaten und Oliven kaufte, um am Wochenende Pizza zu backen, und dann musste jemand anders den Kühlschrank räumen.   

Als er die Türe des Fahrstuhls öffnete, ärgerte er sich einmal mehr. Schon wieder lag eine klebrige Flüssigkeit in einer Ecke des Fahrstuhls. Er war sicher, dass jemand aus den oberen Stockwerken jeweils seinen tropfenden Müllsack in die Ecke stellte, wenn er oder sie ihn runterbrachte. Reichte es nicht, dass das Treppenhaus meist dreckig war, weil die Hausverwaltung eine Reinigungsfirma bezahlte, die billig war und dafür kaum je erschien? Musste auch der Fahrstuhl wie ein Pissoir riechen?  

Als er aus dem Fahrstuhl trat und in Richtung Haustüre schaute, sah er, dass ein Zettel an der Glasscheibe hing.  Er ging näher und las: „Der Elektriker war da. Wir konnten Sie leider nicht erreichen. Bitte melden Sie sich unter …“. Interessant, dachte Bertrand. Dann war vielleicht wirklich der Elektriker da und er hatte es einfach vergessen? Aber warum hinterliess er dann einen Zettel an der Türe, dass er ihn nicht erreichen konnte? Meinte er überhaupt ihn? Da stand kein Name. Wie sollte der, der gemeint war, es wissen? Weil er einen Elektriker bestellt hatte? Hatte er einen Elektriker bestellt? 

Bertrand sagte die Telefonnummer laut vor sich hin, womit er sie in seinem Kurzzeitgedächtnis ablegte, und ging wieder hoch in seine Wohnung, die seit Luzias Tod viel zu gross war. Er sagte die Nummer noch einmal laut und schrieb sie auf einen Zettel. Dann rief er an.  Aber noch bevor es klingelte, stoppte er den Anruf. Vielleicht rufe ich besser zuerst die Hausverwaltung an, dachte er. Vielleicht hatten die ja den Elektriker bestellt und ihn in die Wohnung gelassen.

„Wir bestellen keine Handwerker“, antwortete die Dame von der Verwaltung. Wir haben keine Schlüssel zu den Wohnungen. Alle Wohnungsschlüssel sind bei Ihnen.“

„Danke“, sagte Bertrand. „Das ist beruhigend“. Er wünschte der Dame einen schönen Tag, hängte auf und wählte noch einmal die Nummer des Elektrikers.

Eine junge Frauenstimme meldete sich. Jedenfalls klang sie jung.

„Elektro-Wagner, was können wir für Sie tun?“

„Hallo, hier ist Mesmer. Bertrand Mesmer, Neulinggasse 34, 3. Bezirk, Ich rufe an wegen dem verpassten Elektriker.“

„Wie lautet nochmal die Adresse?“

„Neulinggasse 34, 3. Bezirk. Bertrand Mesmer.“

„Kleinen Moment, bitte.“ Und nach einer Minute: „Keiner unserer Monteure war an der Neulinggasse.“

„Sind Sie sicher? Da ist dieser Zettel an der Haustüre…“

„Tut mir leid, aber ich bin ganz sicher, dass niemand von uns an der Neulinggasse war in letzter Zeit. Ich mache die Einsatzplanung. Ich würde das hier auf dem Einsatzplan sehen.“

„Und woher dann der Zettel an der Haustüre mit ihrer Telefonnummer?“

„Vielleicht hat sich jemand einen Scherz erlaubt.“

„Ein seltsamer Scherz, finden Sie nicht auch? Wer sollte darüber lachen?“

„Brauchen Sie nun einen Elektriker oder brauchen Sie keinen?“

„Nein“, sagte Bertrand, und dann: „Doch, ja, Ich brauche einen. Ich brauche einen. Eine Steckdose hat sich aus der Wand gelöst. Meine Adresse haben Sie ja nun. Bertrand Mesmer, bei Top 2a klingeln, das ist die 3. Etage, weil es ein Zwischenstockwerk gibt, verstehen Sie? Die Türe links, wenn man aus dem Fahrstuhl kommt. Der Fahrstuhl funktioniert wieder.“

„Alles klar. Passt es morgen Vormittag, Herr Mesmer?“

Als er aufgehängt hatte, zog er seine Schuhe an, liess den Fahrstuhl kommen und ging noch einmal hinunter zur Haustüre. Der Fahrstuhl war ganze vier Wochen defekt gewesen. Jetzt funktionierte er wieder. Als er aus dem Fahrstuhl kam, vor sich die Milchglasscheibe der Haustüre, sah er schon von innen: der Zettel war verschwunden. Er trat aus dem Haus und betrachtete die Glasscheibe der Türe von aussen: kein Zettel. Auch keine Klebespuren, soweit er sehen konnte.  

Hatte er sich das alles nur eingebildet? Es wäre ja nicht das erste Mal, dass er sich etwas einbildete. In den letzten Jahren war es ab und zu vorgekommen, dass er etwas erlebte, was, wie sich später herausstellte, gar nicht stattgefunden hatte. Oder jedenfalls nicht so, wie er es erinnerte, und schon gar nicht so, wie er es erzählte. Du hast eine blühende Fantasie, sagte Luzia dann jeweils, und sein Hausarzt sprach von den Anfängen einer Demenz. Sollte er den Elektriker noch einmal anrufen und fragen, ob er gerade einen Termin vereinbart habe?

Als er wieder ins Haus treten wollte, hielt ihm eine Frau mit einem kleinen Kind an der Hand die Türe auf.

„Danke“, sagte Bertrand. „Sagen Sie, war da ein Zettel an der Haustüre, vom Elektriker?“

„Nicht, dass ich wüsste“, antwortete die Frau, und hob den Schnuller auf, den ihr Kind gerade zu Boden geworfen hatte.  Ohne ihn abzuwischen, steckte sie ihn dem Kind wieder in den Mund. „Gut gemacht!“, sagte Bertrand, „Dreck ist gesund, so entwickelt der Kleine später weniger Allergien.“ „Der Kleine ist ein Mädchen“, antwortete die junge Mutter.

Bertrand stellte den Wecker für den nächsten Tag auf 7 Uhr. Wenn Handwerker für Ende Vormittag angekündigt waren, konnten sie ebenso gut gar nicht kommen oder schon um 8 Uhr vor der Türe stehen. Bevor er zu Bett ging, ging er zum Sicherungskasten und nahm vorsichtshalber sämtliche Sicherungen raus. Dann ging er mit der Taschenlampe und einem Schraubenzieher ins Schlafzimmer, löste eine Steckdose aus der Wand, nahm zwei der vier Schrauben, ging im Licht der Taschenlampe in die Küche und warf sie in den Müll.

Wenn Diebe gerade meine Wohnung beobachten, dachte er, als er zurück ins Schlafzimmer ging, meinen sie, es sei schon ein Dieb da, und sie streichen die Wohnung von ihrer Liste.  Er kicherte und ging zu Bett.  

***

Das Ende des Satzes

14. Juli 2024

(eine Erzählung von zwei Maurern)

Ich habe immer behauptet, dass ich mir die Menschen, denen ich zufällig begegne, sorgfältig aussuche, und wenn der Satz auch nicht völlig ernst gemeint war, haben ihn viele vorschnell als Wortspielerei abgetan oder ihn für einen billigen Scherz gehalten. Hinter manch einem meiner Zufälle steckt tatsächlich, wenn man sich Zeit nimmt und etwas genauer hinschaut, eine Verkettung von Entwicklungen, die an ihrem oft weit zurückliegenden Anfang mit mir zu tun hatte, dann aber wie eine gemächliche Wasserschlange in die Zeit abgetaucht ist, um erst viele Jahre später wieder aufzutauchen und den Lauf meines Lebens zu kreuzen, bevor sie erneut ins Nicht-Bewusste verschwunden ist, um dann – wie heute – unvermittelt wieder aufzutauchen.  

Als im November 2018 der „Leitfaden für den Kontinuierlichen Verbesserungsprozess (KVP): Praxiserprobte Anleitungen für die Vorbereitung und erfolgreiche Einführung eines Kontinuierlichen Verbesserungsprozesses (KVP)“ von Manfred Maurer erschien, war der richtige Manfred Maurer, der Schriftsteller nämlich, den ich hier meine, schon 20 Jahre tot. Er starb am 11. November 1998 in Wien an den Folgen einer Gehirnblutung, die er sich bei einem Sturz zugezogen hatte.

Eine Verwechslung wäre auch sonst völlig ausgeschlossen gewesen. Obwohl ich ihn nicht persönlich gekannt habe, was ich seit heute bedaure, und auch sein Werk mit Ausnahme von ein paar kurzen Ausschnitten, die man im Internet findet, noch nicht kenne, wage ich zu behaupten, dass der richtige Manfred Maurer wenig mit kontinuierlichen Verbesserungsprozessen am Hut hatte, nur schon wegen der Abkürzung KVP, die wie das Kürzel einer Partei daherkommt, an deren Gründungsversammlung, hätte sie stattgefunden, weder er noch ich dabei gewesen wären.

Der Kontinuierliche Verbesserungsprozess (KVP) basiert offenbar auf der aus Japan stammenden Kaizen-Philosophie, die ihrerseits auf der Annahme aufbaut, dass alles verbessert werden kann und dass dafür die Mitwirkung aller Beschäftigten der wichtigste Erfolgsfaktor sei. Schon diese Annahme scheint mir zweifelhaft, lässt sie doch die Unbeschäftigten und Entlassenen ausser Acht, deren Beitrag mindestens so wichtig wäre. Es mag sein, dass Leute, die am Meer wohnen, am besten wissen, wie hoch der Deich sein muss, aber auch solche, die das Meer vertrieben hat, können etwas über Flutwellen und Salzgehalt erzählen.   

Der richtige Manfred Maurer, auf dessen Spuren ich heute „zufällig“ gestossen bin, wurde am 8. November 1958, genau zehn Monate nach mir, im oberösterreichischen Steyr geboren. Er zog 1979, während ich in Zürich 21 war und gerade mein Studium begonnen hatte, nach Wien und schrieb neben Romanen, Krimis, Hörspielen, Drehbüchern, Erzählungen und Kurzprosa auch Rezensionen, Reiseberichte und Artikel für Presse und Rundfunk. Zu den Schwerpunkten seiner Themen gehörten, so lese ich, neben der internationalen Unterhaltungsindustrie und der anglo-amerikanischen Literatur das Leben der ArbeiterInnen und der Arbeitslosen (der Deich lässt grüssen).

Wie aber bin ich nun auf Manfred Maurer gestossen? Nicht zufällig. Ich habe ihn mir vor vielen Jahren ausgesucht, um ihm zu begegnen, nur hat es dann sehr lange gedauert, bis es zur Begegnung kam, so lange, dass er nicht mehr persönlich dabei sein konnte, und das kam so:

Seit einigen Jahren versuche ich erfolglos, einen Roman zu schreiben. Ich habe vielleicht ein Dutzend passabler Anfänge geschrieben, aber sie sind allesamt ins Stocken und Stottern geraten und bald einmal stillgestanden. An etwa der Hälfte von ihnen habe ich über die Jahre Reanimationsversuche appliziert, aber es war so, wie bei diesen Spielzeugen mit einer Schwungfeder, die man mit einem kleinen Schlüssel aufziehen konnte: Hatte man die Feder einmal überspannt, ging nichts mehr.

Für mein jüngstes Projekt, das sich, ich muss es mir wohl eingestehen, bereits nach acht Seiten im Sinkflug befindet, kam mir beim Versuch, die trudelnde Maschine abzufangen, die Idee, die eigentliche Geschichte, in der ein Rentner einer türkischen Gangsterbande hilft, eines ihrer Mitglieder aus dem Gefängnis zu befreien, an dem er jeden Tag mit seinen Hunden vorbeispaziert, mit einer zweiten Geschichte zu verflechten, in der ein von seiner Schwester um sein Erbe betrogener Waldarbeiter in den 40er- und 50er-Jahren des letzten Jahrhunderts in der Irrenanstalt Burghölzli Fenster reinigt und Obst von den Bäumen strahlt.

Der zweite Erzählstrang würde auf einer Traumebene stattfinden, und da kam mir natürlich gleich „Dreaming of Babylon“ von Richard Brautigan in den Sinn, und weil man nur lesend schreiben lernt, wollte ich nachschauen, wie Brautigan die Übergänge zwischen dem realen Leben seines scheiternden Detektivs und dessen Träumen von Babylon bewerkstelligt.

Als ich das Buch öffnete, fand ich auf zwei leicht gelblichen Zeitungsauschnitten, die ich im September 1986 aus der NZZ ausgeschnitten und von Hand mit dem Datum versehen hatte, einen Artikel mit dem Titel „Das Archiv für ungedruckte Manuskripte“. Der Verfasser erzählt darin von seinem enttäuschend verlaufenen Besuch in eben diesem Archiv in der Wiener Vorstadt.  Der Kustodin des Archivs sagt er vor dem Besuch bei einem Glas Sodawasser, er fände die Idee des Archivs originell.

Das Wort originell hatte ich mit einem Sternchen versehen und am Fusse des Artikels notiert: siehe Brautigan, The Abortion (1966), weil die Idee eines solchen Archivs 1986 schon mindestens 20 Jahre nicht mehr originell war. Auf der Rückseite des grösseren der beiden Zeitungsausschnitte kann man (ohne Anfang und Ende) einen anderen Text lesen: „Das ganze Haus ist voller Fliegen. Mit dem Besenstiel gehe ich auf Spinnenjagd. Um unsere nackten Beine streicht die Katze, die du Miranda taufst und mit Schinken fütterst. Der scheckige Hund träumt unter einem Olivenbaum, und die weissen Hühner wetzen ihre Hinterteile auf den heissen Grasbüscheln.“  

Wegen der Katzentaufe kommt mir ein alter Mann in den Sinn, dem ich beim letzten Besuch bei meiner Tante im Pflegeheim im Fahrstuhl begegnet bin. Er hielt sich an seinem Rollator fest, schaute hinunter zu meinen beiden Hunden und sagte „Hallo Nero!“. Er muss meinen etwas perplexen Gesichtsausdruck bemerkt haben (wie kann man angesichts eines blonden und eines aprikosenfarbenen Pudels auf Nero kommen?), denn er sagte lächelnd zu mir: „Ich nenne alle Hunde Nero.“

Der Textausschnitt endete mit den Worten: „Ich aber habe nur Augen für…“, und weil ich wissen wollte, wofür, habe ich die ersten beiden Sätze in die Google-Suchmaschine getippt und tatsächlich das Ende des Satzes gefunden:  „…deinen weichen Körper, der sich im Zwielicht spannt.“ Der Satz stammt aus dem Text „Reiseminiaturen“ des Autors Manfred Maurer, der sich mit seiner Literatur gemäss Eintrag im Austria-Forum „zwischen Realismus und Fantasy, zwischen dem Trivialen und seiner Parodie“ bewegt haben soll, was immer das heissen mag.

Ich schaute bei Amazon nach, ob ich etwas von Manfred Maurer bestellen könnte, und traf zuerst auf den anderen Manfred Maurer, den von der KVP, der sich mit seinen Genossen dem festen Glauben verschrieben hat (und fleissig Anleitungen dazu verfasst) es liesse sich alles kontinuierlich verbessern, wenn nur alle Beschäftigten mitmachen.  

Ich weiss nicht, wie viele Manager sich die Anleitungen zur kontinuierlichen Verbesserung noch in betriebsinternen Kursen anhören müssen. Ebenso wenig weiss ich, wie oft der alte Mann im Heim meiner Tante noch den Fahrstuhl benutzen wird. Irgendwann, hat meine Tante einmal gesagt, kommen sie nicht mehr runter. Vielleicht erinnert ihn jeder Hund, dem er begegnet, an seinen Nero, und er glaubt, wenn er ihn Nero nennt, ist Nero für einen Augenblick wieder bei ihm.

Jeder glaubt, was er will. Viele auch an Zufälle. Für mich ist der Bogen vom September 1986 bis in den Juli 2024 jedenfalls gespannt, mit einem Zwischenhalt im Jahr 2018, als wir in einer kleinen Ortschaft nahe bei Steyr unsere Zwergpudel abholten. Ich lege die Zeitungsauschnitte zurück ins Buch und stelle es zurück ins Regal, zwischen Sombrero Fallout und So the Wind Won’t Blow It All Away. Da die meisten Bücher des Steyrers Manfred Maurer nur gebunden erhältlich und mir damit zu schwer sind, verzichte ich für den Moment auf eine Bestellung, und weil ich spüre, wie die Spannung nachzulassen beginnt, mache ich hier Schluss und gehe mit unseren Hunden spazieren.

Unverrichtete Dinge

30. Mai 2024

(Tom Waits on my shoulders)

Wenn man gedanklich nach Österreich fliegt und noch nicht über Wien hinweg ist (man wird es nie ganz sein), ist der Anflug zum 3. Bezirk aus geringer zeitlicher Höhe problemlos zu bewerkstelligen. Aus der Schweiz kommend gleitet man zunächst dem Voralpenrand entlang bis nach Salzburg, wo man wegen der allgegenwärtigen Mozartkugeln höchstens notlanden sollte, und überfliegt dann nacheinander den Mondsee, den Attersee und den Traunsee, bis man ostwärts weiterfliegend das Almtal überquert hat und kurz nach Kienberg auf den Fluss Steyr trifft, dessen Verlauf man jetzt nur noch nordwärts folgen muss, um nach einer schönen Weile nach Waldneukirchen zu gelangen.

Nun werden die mit einem Zwillingsbabysack vorgeschnallten Zwergpudel, die kurz nach dem Arlberg eingeschlafen sind und meinen Bauch schön warmhalten, unruhig und wollen runter zu Monika und Manfred, bei denen sie vor bald sechs Jahren die ersten 9 Wochen ihres Lebens verbracht haben.  Das geht leider nicht, weil mir die Zeit fehlt, aber erklären kann ich ihnen das nicht, denn für sie gibt es keine Zeit, es gibt nur das jetzt von gerade erst, das jetzt von jetzt und das jetzt von jetzt gleich. Kein jetzt gibt es nicht.  

Wir fliegen also weiter der Steyr entlang Richtung Norden, bis sie in die Enns fliesst, dann der Enns entlang, bis sie in die Donau mündet, und schliesslich der Donau entlang bis nach Wien, wo wir mit dem Donaukanal gegen rechts abzweigen, und ihm folgen, bis man etwa auf der Höhe der Schwedenbrücke rechterhand den Stadtpark erkennen kann. Von dort geht es – mit einem kurzen Schwenker gegen Süden über dem Westflügel des Palais Schwarzenberg – via Rennweg und Ungargasse zum Arenbergpark, wo die monströsen Flaktürme noch immer darauf warten, dem Erdboden gleichgemacht zu werden.

Solange sie noch stehen, lässt es sich auf der Wiese zwischen ihnen trefflich landen, direkt neben einem Yoga-Grüppchen, das gerade in der stehenden Vorbeuge verharrt und deshalb nicht sehen kann, was von oben kommt (alles Gute). Schnell die Flügel abgenommen, die Hunde losgeschnallt und angeleint und ab durch die Büsche vor zwei kleinen Gören flüchten, die sich sicher sind, und dies auch lautstark ihren den Kopf schüttelnden und weitertratschenden Müttern mitteilen, einen Mann mit Flügeln und zwei kleinen Hunden vorgehängt landen gesehen zu haben. «RIESIGE Flügel mit Federn, Mutti! Ein Engel! Mit zwei kleinen Hunden auf dem Bauch, in einem Babysack!»

Nachdem die Flügel sorgfältig gefaltet unter dem untersten Regal in der Telefonzelle mit den Leihbüchern deponiert sind, geht es, die vom langen Flug steif gewordenen Beine lockernd, was einen schlenkernden Gang ergibt, bei dessen Anblick sich die Passanten das Ihre denken, die Neulinggasse entlang, vorbei am Antiquariat des leider erst sehr spät kennengelernten Alexander Franz, der für mich nachgeschaut hat, ob das Kinderbuch «Tupfi» von Margret Rey vielleicht wieder irgendwo erhältlich ist, was es nicht war, aber man muss es hin und wieder versuchen. Dinge verschwinden, aber manche tauchen auch wieder auf.

In drei Minuten ist die Engelsberggasse erreicht und wenn man dann im Haus Nummer 4, wo die Haustüre – es ist ärgerlich, kommt aber diesmal gelegen – einmal mehr weit offensteht, nach sechzig Treppenstufen im zweiten Stockwerk vor der Wohnungstüre angelangt ist und einem klar wird, dass man keinen Schlüssel mehr hat, weil man vor gut einem Monat ausgezogen ist und alle abgegeben hat, ist man angekommen, ohne sein Ziel erreichen zu können. Klingeln macht keinen Sinn. Was sollte man sagen? Was fällt Ihnen eigentlich ein, neuerdings hier zu wohnen? Sind Sie überhaupt ein Engel?

Man fährt also mit dem Fahrstuhl, weil Treppen hinuntersteigen kleinen Hunden nicht bekommt, unverrichteter Dinge wieder zurück ins Erdgeschoss, tritt aus der Haustüre und biegt unverzüglich (man darf der Nostalgie jetzt keinen Raum geben) nach links ab. Auf der Neulinggasse geht man dann schnellen Schrittes, soweit es die schnüffelnden Hunde erlauben, nach links, und dann wieder links um die Ecke zur Ungargasse, vorbei am Eingang zur Neuling Apotheke mit ihren stets freundlichen Damen, die wissen, wo man Augentropfen für Hunde bestellen kann.

Die Strassenbahn 0 (oder O? – ich weiss es bis heute nicht) kommt gemäss Anzeige in zwei Minuten. Rasch den Hunden die Maulkörbe übergestreift, damit sie sie wieder abstreifen können, und schon öffnen sich die Türen der Strassenbahn. Sie fährt zunächst vorbei an der Rochusgasse, die nicht, wie man gemeinhin erwarten würde, in den Rochusplatz mit seinem kleinen Markt mündet, sondern in die Landstrasser Hauptstrasse, aber auch das nur, um diese in der nächsten Grünphase zu überqueren und auf der anderen Strassenseite als Kundmanngasse zu verlassen.  Aus Trotz vermute ich, weil eine andere Strasse zum Rochusplatz führt.

Das einzig Interessante an der für ihren schönen Namen viel zu kurzen Rochusgasse liegt ohnehin an ihrem numerischen Ende, das der Anfang ist, wenn man, wie ich üblicherweise, von der Ungargasse herkommt. Es ist das Büromaschinengeschäft Schilhan an der Rochusgasse 23. Nachdem ich einige Male mit den Hunden vor dem Schaufenster stand und die alten, restaurierten Schreibmaschinen bewundert habe, die Hermes, die Remington, trat ich eines Tages ein.

Bevor ich nach einem Aktenvernichter fragen konnte, denn das war es, was ich suchte, seit mir der Zugang zum Schredder in der Botschaft verwehrt war, entwickelte sich ein gutes Gespräch mit Michael Schilhan, der das Geschäft in der dritten Generation führt. Er habe eine Zeit lang, erzählte er, einen Kabarettisten als Kunden gehabt, der sehr gross gewesen sei und als Hobby boxte. Seine Hände seien riesig gewesen. Bratpfannen würden nicht ausreichen, sie zu beschreiben. Es seien Landschaften gewesen.

Sie seien ins Gespräch gekommen und hätten sich schliesslich geduzt, von Michael zu Michael. Er habe ihn jedes Mal, wenn er später in sein Geschäft trat, gefragt, ob er etwas kaufen oder sich prügeln wolle.  Von diesem Kabarettisten stamme auch der schöne Witz, bei dem ein Autofahrer, der zuvorderst an der Ampel steht, eine Grünphase vorbeigehen lässt. Als das Licht der Ampel gelb und wieder rot wird, steigt der Fahrer aus dem Auto hinter ihm aus, tritt ans Fenster des vorderen Wagens und sagt zu ihm: «War wohl keine passende Farbe dabei für Sie, was?»

Einen Schredder hat mir der Herr Schilhan dann nicht verkauft. Ich wollte einen kleinen, aus Platzgründen, und er erklärte mir: kleine Schredder taugen nichts. Ich kann nicht mehr genau sagen, warum nicht (hatte es etwas mit einer überforderten Kurbel oder Walze zu tun?), aber damals, vor ein paar Monaten, hat es mir eingeleuchtet, und ich fühlte mich, obwohl ich nicht erhielt, was ich wollte, gut bedient. Herr Schilhan hatte durchaus kleine Schredder im Sortiment, aber die verkaufte er nur Menschen, die er nicht mochte.

Danach fährt die Strassenbahn zur Sechskrügelgasse, wo sie nach der Neulinggasse ein erstes Mal hält. Die Sechskrügelgasse führt, falls man aus der Strassenbahn aussteigt, vorbei an unserem Zahnarzt direkt zum Rochusplatz, was wahrscheinlich der Grund ist, dass die Rochusgasse da nicht hinführt, weil die Sechskrügelgasse sich vorgedrängelt hat, die dumme Kuh. Wir steigen zur Strafe nicht aus.  Wir fahren weiter nach Landstrasse, wo die Hunde unruhig werden und aussteigen wollen, weil meine Frau oft im Starbucks an der Ecke sass und mit Johanna Deutsch gebüffelt hat, obwohl das gar nichts mit Büffeln zu tun hat.

Zwei Stopps weiter, gleich bei der Haltestellte Hintere Zollamtstrasse, gibt es an der Radetzkystrasse 3 ein Pub mit dem Namen The Church. Im Fenster des Pubs kann man, wenn man auf die Strassenbahn wartet, eine Zeichnung sehen, auf der eine Frau einem Mann gegenübersteht, der einen anderen Mann auf der Schulter trägt, der aussieht wie Tom Waits, und zur Frau sagt: I think there’s Tom Waits on my shoulders.

Nun könnte man, wenn man wollte, ohne Weiteres weiterfahren bis zum Praterstern, dort aussteigen und den Alleen entlang in Richtung Wald spazieren, der nach der Jesuitenwiese beginnt, wo sich die grösste und schönste Hundefreilaufzone befindet, die ich kenne und mir vorstellen kann. Vielleicht werde ich das auch tun, denn die Hunde verdienen Auslauf, bevor wir zurückfliegen. Ja, der Moment ist gekommen, umzukehren.

 Ich mag die Musik von Tom Waits nicht mehr. Ich muss sie einmal gemocht haben, denn als ich meine CD-Sammlung beim Umzug auf diejenigen CDs reduzierte, die ich vielleicht irgendwann einmal doch noch aus dem CD-Rack nehmen und abspielen werde, auch wenn die Wahrscheinlichkeit sehr klein ist, gehörten meine 5 oder 6 Tom Waits CDs zu denen, die ich aussortierte. Seine Musik ist mir zu schwer. Er ist mir zu schwer. Mit ihm auf der Schulter käme ich, falls der Start überhaupt gelingen würde, was ich bezweifle, allerhöchstens bis Powang am Spranzelbach.