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Meine grauen Nomaden

13. Februar 2017

Graue Rouladen sind entweder alt und in meinem Kühlschrank schimmlig geworden oder sie sind das Werk eines überdrehten Zuckerbäckers, der allen Ernstes daran glauben will, dass sich irgendjemand (IRGENDjemand) eine graue Roulade kaufen möchte, um sie dann genüsslich zuhause zu verspeisen, die Küchenvorhänge zugezogen, damit niemand etwas abhaben will von dieser wunderbaren grauen Roulade.

Graue Nomaden waren hingegen nie in meinem Kühlschrank und die Wahrscheinlichkeit ist ein Riese, dass sie bezüglich Rouladen einen ganz normalen Geschmack haben. Es handelt sich, so las ich vor ein paar Monaten in einer Sonntagszeitung, um nicht mehr arbeitende Menschen über 55 Jahre, die in Australien herumreisen, und sich alles anschauen, was sie sich während ihrem Erwerbsleben nicht anschauen konnten. Ich möchte gerne die weiten Ebenen sehen, Loretta, oder den roten Felsen, Du weisst schon, aber ich habe die nächsten 30 Jahre grad keine Zeit. Später vielleicht? Kommst Du mit?

Es gibt schätzungsweise mehrere Zehntausend von ihnen und man rechnet offenbar für jeden, der unterwegs ist, mit fünf weiteren die mit dem Gedanken spielen, selber aufzubrechen. Fünf zu eins, man stelle sich das kurz vor. Sogar Kleines wird ziemlich gross, wenn man es oft genug mit Fünf multipliziert.

Dass die Population von grauen Nomaden nicht bereits zu gross geworden ist und zum Schutz des Artengleichgewichts während gewissen Phasen zum Abschuss freigegeben werden muss, ist allein dem Umstand zu verdanken, dass die fünf weiteren mit dem Gedanken spielen wie eine Katze mit einer erwischten Maus. Sie klopfen ein wenig auf dem Gedanken herum und lassen ihn dann liegen.

Unter den grauen Nomaden gibt es Untergruppen, wie der Artikel ausführte, wovon sich eine mit einem Augenzwinkern «geriatric gypsies» nenne, was grob als betagte Zigeuner zu übersetzen sei. Es könnte natürlich auch sein, dass die eines vorgerückten Tages nach dem Einkaufen im Supermarkt einfach vergessen haben, wo sie wohnen, und seither in der Gegend herumkurven und kein Geld haben, um das Augenzwinkern behandeln zu lassen, weil ihr Krankenkassenausweis ja irgendwo dort in einer Schublade liegt und verstaubt, wo sie zuhause wären.

Die «geriatic gypsies», erklärt uns ein wie aus dem Nichts auftauchender Mann namens Cough, den man uns als Experte für ältere Menschen vorstellt, die den Heimweg nicht mehr finden, wollen nie mehr sesshaft werden. Keine Ahnung, woher er das wissen will. Vielleicht haben sie es ihm ja so gesagt, bevor sie losfuhren, aber er kann es sich ebenso gut aus den Fingern gesogen haben, um sich wichtig zu machen und in einer Sonntagszeitung zitiert zu werden, der eitle Geck.

Wie weit sind wir überhaupt gekommen, dass wir einen Mann, der Husten als seinen Namen ausgibt, als Experten zitieren? Dabei genügte ein kurzer Blick in ein medizinisches Lexikon im Netz, um zu erkennen, wie unseriös das ist. «A cough is a reflex action to clear your airways of mucus and irritants such as dust or smoke. It’s rarely a sign of anything serious. «

Auf der Website der «geriatic gypsies» steht das Porträt von Bonny und Roy, nennen wir sie hier einmal so, um Klagen auszuweichen, die seit bald zwölf Jahren unterwegs sind. Sie wollen nicht mehr nachhause (es stimmt also doch). «Wenn es nicht mehr geht, fahren wir auf einen Caravan-Park und warten auf Gott», schreiben sie auf der Webpage. Das ist eine schöne Vorstellung, Kinder, man darf sie sich einfach nicht vorstellen.

Was immer man davon hält: Reuven Djemand hatte diese Vorstellung nie. Er glaubt weder an Caravans noch an die letzte Ausfahrt und im Gegensatz zu den meisten grauen Nomaden, die in Paaren unterwegs sind und sich die anfallenden Arbeiten teilen (Fahren, Beifahren, Essen, Kochen, nur die Landschaft wird zusammen bestaunt) ist er in seinem alten Chevy alleine unterwegs. Er hat öliges, nach hinten gekämmtes Haar wie in den 50er Jahren und sieht, wenn er seinen Wagen volltankt, trotz seiner Einsamkeit so aus, als möchte er nicht angesprochen werden. Bevor er eines Tages losfuhr, hat er sein Geld als Zuckerbäcker verdient. Sein Lebenstraum war die grosse Roulade. Guinessbucheintrag. Und dann die Backstube schliessen.

Aber Ich möchte hier nicht weiter auf ihn eingehen. Er lohnt sich nicht, denn ich habe ihn eben erst und rein zufällig erfunden. Ich habe auch keinerlei weitere Verwendung für ihn. Er ist mir untergekommen, als ich ganz zu Beginn IRGENDjemand schrieb, um das IRGEND optisch zu betonen, weil mein Blog noch immer nicht sprechen kann. Wie alt muss er noch werden? Seine Schwester hat in seinem Alter Bücher geredet.

Als ich das Wort dann noch einmal las, ist mich Djemand angesprungen. Der Name stammt aus einem Subkontinent, wo es wilde Tiger gibt, soviel kann ich sagen, und man betont ihn auf der zweiten Silbe, wenn überhaupt. Kann sein, dass er in gewissen Gegenden nur gemurmelt oder hinter vorgehaltener Hand gemauschelt wird, weil das Geschlecht zur Kaste der Fahlen gehört, die die Hände verwechseln. Ich kann’s echt nicht erklären und gerade jetzt merke ich, dass mir so ziemlich alles leid tut. Auch dass ich ihn erfunden habe und nun gleich wieder fallenlasse. Ich mach das nicht gerne, glauben Sie mir, aber ich weiss ja nicht einmal, woher der Vorname kam.

Scheint nicht mein Tag zu sein heute. Es müsste bei WordPress eine Software eingebaut sein, die den Text löscht, wenn man nicht gut drauf ist, bevor man ihn posten kann. Gesichtserkennung würde reichen. Ein paar einfache Algorithmen. DisAPPearence. Kann das jemand husch erfinden? Danke.

Ich möchte aufgrund meiner heutigen Erfahrung dringend davon abraten, vor allem jüngeren Kollegen, die es schreibend noch zu etwas bringen möchten, einen Text, den man im September begonnen hat, im Februar des folgenden Jahres beenden zu wollen. Das geht in der Regel schief und auch die Ausnahmen liest kein Schwein.

Entschuldigen möchte ich mich ausdrücklich bei den grauen Monaden. Ich stelle mir das wunderbar vor, was ihr macht, auch wenn alles ziemlich klein ist und wegen meiner schlechter werdenden Augen kaum noch etwas für mich sein wird.

Auch die letzten Jahre meines Lebens mit einem Camper kreuz und womöglich quer durch Australien zu fahren, dürfte kaum in meinem Buch stehen. Das heisst aber nicht, dass das keine gute Lösung ist. Lasst euch von mir nicht abbringen, schon gar nicht vom Weg. Zieht weiter! Die Welt gehört euch, seit sie euch nicht mehr gehört.

Der Mann, der nicht auf dem Mond war

13. Februar 2017

Andres Lavander, der einzige Schwede, der weder auf dem Mond noch auf dem Mars war, ist am Sonntag im Alter von 132 Jahren in seinem Haus in Westersund an einem Herzversagen gestorben.

Lavander hatte sich Zeit seines Lebens erfolgreich geweigert, die obligatorische Reise zum Mond anzutreten. Wie viele seiner Generation bekämpfte er vor 50 Jahren die Einführung des Mondreise- Obligatoriums und als einziger weigerte er sich nach dessen Inkrafttreten beharrlich (und wie nun feststeht erfolgreich), den Flug anzutreten.

Er liess sich selbst durch Drohungen der Behörden, ihn nicht sterben zu lassen, nicht einschüchtern. Sein beharrliches Festhalten an seiner Weigerung, die Erdatmosphäre zu verlassen, ist in verschiedenen Redewendungen in die schwedische Sprache eingegangen. Redensarten wie „und als Nächstes fliegt Lavander zum Mond“ (als Reaktion auf eine unwahrscheinliche Ankündigung) oder „wie Mondstaub in Lavanders Haaren“ (als Ausdruck der Verblüffung über etwas, was man nie erwartet hätte), sind in Schwedens Alltag seit Jahren geläufig und dürften Andres Lavander lange überleben.

Lavander wurde als Sohn eines Bienenpflegers in eine Familie mit zweieinhalb Kindern geboren. Seine Mutter war eine bekannte Kommatasammlerin. Ihre Sammlung von überflüssigen Kommata aus der Weltliteratur belief sich bei ihrer Pensionierung auf über 3,5 Trillionen Kommata. Seine Schwester Klara war eine Waldtraumpionierin der ersten Stunde, und sein um ein Vierteljahrhundert älterer Halbbruder Sven war lange Jahre Generalsekretär des nationalen Zentaurenverbands.

Seine ältere Schwester Norje, der Andres besonders zugetan war, verbrachte ihr halbes Leben in einer Anstalt, weil sie ein Gedicht geschrieben und publiziert hatte. Erst als es sich nicht mehr reimte, wurde sie entlassen. Sie lebt heute in Norköpping und singt, wenn der Nebel sich auflöst. Sein jüngerer Bruder Lars wurde nach dem Tod der Mutter zeitreisensüchtig und gilt auf seinem Acker als verschollen.

Andres Lavander hinterlässt vier entwachsene Kinder und eine elektrische Spielzeugeisenbahn.

Die Heimkehr

28. Januar 2017

Am Abend des 10. Oktober 2013 beobachteten Bewohner von Rumeli Kavağı, einem Quartier Istanbuls, wie eine Herde von Wildschweinen schwimmend den Bosporus überquerte. Die Wildschweine waren unterwegs vom europäischen zum anatolischen Ufer. Ein Fischer, der mit seinem Boot in der Dämmerung unterwegs war, sagte aus, er hätte zuerst nur eine Silhouette gesehen, und als er näher heranfuhr, erkannte er eine schwimmende Herde von zehn Wildschweinen, berichtete die Zeitung Habertürk am 11. Oktober.

Die Hürriyet Daily News, die den bemerkenswerten Vorfall in ihrer Ausgabe vom selben Tag mit einem Verweis auf Habertürk wiedergab, druckte ein grobkörniges Bild ab, auf dem in der Dämmerung schwimmende Wildschweine unscharf aber klar zu erkennen sind. Eine Bildlegende fehlt. Der Betrachter weiss so nicht, ob es sich um die Wildschweine handelt, die am 10. Oktober 2013 schwimmend den Bosporus überquerten, oder um andere schwimmende Wildschweine.

Schon im Jahr 2006, so schliesst die kurze Zeitungsmeldung, hätten Fischer vor der Küste der nordwestlichen Provinz Tekirdağ zwei schwimmende Schweine gefangen, was die Menschen der Region damals ebenfalls überrascht hätte.

Anderthalb Jahre nachdem die Wildschweine den Bosporus überquert hatten, im April 2015, berichteten die türkischen Zeitungen von einem Mann, der im Niksar Distrikt der Schwarzmeer-Provinz Tokat einem Baum gestattet, in seinem Haus zu wachsen.

Ein Bild war abgedruckt, auf dem man nicht das Innere des Hauses sah, wo der Baum mit Erlaubnis des Bewohners wächst, sondern eine Aussenansicht, die eindrücklich zeigt, wie der Baum aus dem Haus herauswächst, genauer gesagt aus einem Bretterverschlag, der neben einer Türe in die Mauer eingelassen ist.

Ein nicht mehr junger Mann in grauem Hemd und hellbrauner Hose steht neben der halboffenen Türe. Man sieht erst bei genauerem Hinsehen und wenn man in der Primarschule häufig Bildbeschreibungen machen musste, dass er die Hand nicht in der Hosentasche hat, sondern am Hosensaum angelegt. Ein Lieferwagen, dessen Heckklappe mit einer roten Blache verdeckt ist, steht vor dem Haus. Der Baum steht in voller Blüte. Die Strasse geht vom Betrachter aus gesehen bergab.

Wir erfahren nicht, ob der Lieferwagen dem Mann mit dem grauen Hemd gehört, oder ob es sich bei ihm um den im Artikel beschriebenen Hausbesitzer handelt. Vielleicht befindet sich der Hausbesitzer gerade im Haus und giesst den Baum. Der Mann mit der Hand am Saum wäre dann zum Beispiel ein Nachbar oder ein Onkel oder der Fahrer des Lieferwagens, der gerade etwas geliefert hatte, was auch immer, als der Fotograf der Zeitung erschien. Vielleicht liegt die Lieferung auch noch unter der Blache.

Der Hausbesitzer, der mit Namen genannt und dem Leser als 54-jähriger Textilarbeiter vorgestellt wird, habe es nach eigener Aussage nicht über’s Herz gebracht, den Maulbeerbaum zu fällen, der seit Jahrzehnten in seinem Haus gewachsen sei.

Wenn ich hier vom Hausbesitzer schreibe, muss ich gestehen, dass ich zunächst nicht wirklich wusste, ob der Bewohner, der den Baum seit Jahrzehnten in und aus seinem Haus wachsen lässt, tatsächlich der Besitzer des Hauses ist. Es schien mir aber wahrscheinlich, denn dass ein Vermieter einem Mieter gestatten würde jahrzehntelang einen Baum in seinem Haus wachsen zu lassen, kann ich mir auch ausserhalb der Schweiz schlecht vorstellen. Der Mietvertrag wäre unendlich lange und kompliziert geworden.

Wenn man den Artikel zu Ende gelesen hat, was ich hätte tun sollen, bevor ich darüber zu schreiben begann, erfährt man, dass der Hausbewohner tatsächlich der Hausbesitzer ist. Er erzählte dem Journalisten, der Baum sei vor vierzig Jahren, als er selber vierzehn Jahre alt war, in einem Holzverschlag neben der Eingangstüre des Hauses gepflanzt worden.

Heute ist vom Holzverschlag nur noch die Frontseite übrig und das Haus scheint auf der der Haustüre abgewandten Seite um den Verschlag herum aus- oder angebaut worden zu sein. Anders ausgedrückt hat der Baum also in einem ans Haus angebauten Holzverschlag zu wachsen begonnen (wobei mir rätselhaft bleibt, warum man einen Baum in einem Holzverschlag pflanzt), der durch den Ausbau des Hauses dann in dessen Mitte rückte, aus der der Baum nun herausragt.

Anstatt «der Baum wächst im und aus dem Haus» könnte man also auch sagen, «das Haus wurde um den Baum herum gebaut». Der Baum würde dann dem Haus erlaubt haben, um ihn herum gebaut zu werden. Es verhielte sich dann so wie mit den Wildpfaden, die ja auch nicht unsere Autostrassen kreuzen, sondern umgekehrt.

Wie dem auch sei. Ohne Kenntnis der Vorgeschichte stellen Passanten heute beim Vorübergehen fest (denn das machen Passanten: sie gehen vorüber): aha, da wächst ein Baum aus dem Haus. Die meisten finden das vermutlich einfach bemerkenswert. Man sieht das ja nicht alle Tage. Dann gehen sie weiter. Vermutlich ist aber auch schon hin und wieder einer beim Anblick des Baumes, der aus dem Haus herauswächst, kurz stehen geblieben, und hat für sich gedacht: Man sollte ihn fällen. Oder das Haus abbrechen.

***

Mir kommt jetzt in den Sinn, wie es war. Es liegt tatsächlich noch etwas unter der Blache. Ich kann es natürlich nicht beweisen, aber ich bin mir ziemlich sicher. Der Mann mit den hellbraunen Hosen ist nicht der Besitzer des Hauses. Es ist auch kein Nachbar und nicht der Onkel des Besitzers. Es ist sein Bruder.

Er ist Fischer und er hatte am Abend zuvor Wildschweine im Meer entdeckt, vielleicht die gleichen, die schon im Herbst 2013 gesichtet worden waren. Es war ein gutes Dutzend und eines von ihnen, ein Jungtier, obwohl schon von stattlicher Grösse, ist ganz am Ende geschwommen. Es war entkräftet und musste abreissen lassen, während der Rest des Rudels hinter den mächtigen Keilern dicht zusammenblieb und in ihrem Kielwasser irgendwann das sichere Ufer erreicht hat.

Der Fischer, dessen Bruder im Haus mit dem Baum wohnt, zog das entkräftete Tier mit seinen Gefährten ins Boot und tötete es mit einem Vorschlaghammer, weil er sich vor ihm fürchtete und sich nicht anders zu helfen wusste. Er konnte mit Raubfischen umgehen, auch mit grossen, aber er fürchtete sich vor Wildschweinen, von deren Kraft und Gewalt er Geschichten gehört hatte. Das Tier röchelte, zuckte mit den Beinen und lag dann still. Was hätte er tun sollen.

Früh am nächsten Morgen hievte er es mit einem Gehilfen auf die Ladefläche seines Lieferwagens, verdeckte die Sicht darauf, indem er eine rote Blache über die Hecktüre hängte, und machte sich auf den Weg zu seinem Bruder. Der Verkehr war dicht, wie stets in Istanbul. So hatte er Zeit auf dem Weg, viel Zeit, um nachzudenken, wie es sein würde, wenn er seinen Bruder wiedersehen würde, nach über zwanzig Jahren.

Ihr Vater erschien ihm, während er im Stau stand, wie er sie eines Tages zu sich rief, und ihnen erklärte, ohne Einleitung und in knappen Worten: Einer von euch kann das Haus behalten, der andere erhält das Fischerboot. Der Baum wird nicht angerührt. Habt ihr mich verstanden? Eure Mutter hat ihn gepflanzt. Wenn ihn einer von euch fällt, steige ich aus dem Grab und bringe ihn um.

Er hatte erwartet, dass sein älterer Bruder sich für das Boot entscheiden würde. Ein Fischerboot war eine Lebensversicherung. Der Maulbeerbaum war damals noch kleiner, aber er machte ein normales Leben im Haus bereits unmöglich. Doch sein Bruder entschied sich für den Baum.

Als er ein paar Wochen später zu Besuch gekommen war, fand er seinen Bruder alleine im Haus. Wo ist Vater? Was ist passiert? fragte er ihn. Sein Bruder sass am Küchentisch, am Baum angelehnt. Er packte ihn am Hemd und schüttelte ihn. Wo ist Vater? Sein Blick war leer. Wir haben uns gestritten, kam es aus ihm heraus. Er ist fort.

Er erfuhr nie, was genau vorgefallen war. Sein Bruder wollte es ihm nicht sagen und die Nachbarn wussten nichts. Ihr Vater war verschwunden. Der Baum wuchs weiter.

Obwohl er über zwanzig Jahre nicht mehr im Quartier gewesen war, und obwohl sich seither vieles verändert hatte, fast alles eigentlich, ausser dass die neuen Strassen keine Namen und die Häuser noch immer keine Nummern hatten, war es einfach, sein Elternhaus zu finden. Ein Baum wuchs aus ihm.

Er war soeben vorgefahren, hatte seinen Lieferwagen vor dem Haus geparkt und wollte gerade an der Türe seines Bruders klingeln, als zwei Männer aus einem Auto ausstiegen, das gegenüber auf der anderen Strassenseite angehalten hatte. Einer hatte eine Kamera und begann das Haus mit dem Baum zu fotografieren. Er machte rasch ein paar Schritte zur Seite, um nicht auf dem Bild zu sein, aber er vermutete, dass es ihm nicht gelungen war.

In der nächsten halben Stunde drehte sich alles um den Baum, nicht um das tote Wildschwein, den verschwundenen Vater oder darum, dass er seinen Bruder mehr als zwanzig Jahre nicht gesehen hatte. Er stand hinter der Hausecke und konnte die Stimme seines Bruders hören, wie er den Männern erklärte, dass der Maulbeerbaum im Innern des Hauses Luftwurzeln geschlagen hatte, die zum Teil bis an die Decke des Hauses reichten. Dass die Rinde des Baumes im Hausinnern mit einer Metallfolie überzogen war, wegen der Käfer und dem anderen Ungeziefer, das in Baumrinden wohnt. Kommen Sie herein, ich zeige es ihnen.

Als sein Bruder und die beiden Männer im Haus verschwunden waren, ging er zu seinem Lieferwagen und fuhr los. Luftwurzeln. Was das wohl sein sollte.

Am nächsten Tag fand er ein Bild seines Elternhauses in der Zeitung, und er sah, dass es ihm nicht gelungen war, rasch genug aus dem Bild zu verschwinden. Er las, dass sein Bruder ein gutes Herz hat, ein grosses Herz, in dem ein Baum Platz hat, und dass es ihm reicht, wenn Passanten Früchte von seinem Maulbeerbaum essen und ihm für die Beeren danken, das reicht ihm. Er habe im Innern des Hauses lediglich diejenigen Äste gestutzt, die den elektrischen Kabeln in die Quere gekommen seien. Sonst liess er den Baum wachsen. Sein Bruder hat ein gutes Herz.

Er faltete die Zeitung und legte sie in die Schublade, wo er seine Papiere aufbewahrte. Irgendwann, nicht morgen, auch nicht übermorgen, aber vielleicht in ein paar Wochen würde er noch einmal nach Hause fahren. Und diesmal würde er klingeln, und sein Bruder würde die Türe öffnen und sie würden sich anschauen und sich umarmen. Sie würden zusammen in der Küche stehen und die Fische braten, die er mitgebracht hätte. Sein Bruder würde ihm die Luftwurzeln zeigen und er würde ihm vom jungen Wildschwein erzählen, das an der zweiten Brücke plötzlich die Hecktüre des Lieferwagens aufgestossen hatte und ins Meer gesprungen war. Manchmal war etwas so stark, dass man es nicht zurückhalten konnte. Nicht einmal mit einem Vorschlaghammer.

Nichtfliegermeilen

22. Januar 2017

Irgendwann fliegt man nicht mehr. Mein erster Schwiegervater wäre Pilot gewesen. Leider starb er, bevor er es geworden wäre. Sein letzter Flug lag zudem bei seinem frühen Tod schon ein paar Jahre zurück. Mein zweiter Schwiegervater war im Krieg. Er konnte nie selber und darf jetzt gar nicht mehr fliegen. Er hat eine Aorta, durch die ein Hamster mit gefüllten Backen kriechen könnte. Sein letzter Flug führte vor ein paar Jahren nach Istanbul und wieder zurück nachhause.

Ich weiss, was Sie jetzt denken, und ja, der Hamster könnte noch alleine fliegen. Aber Hamster können bei den meisten Airlines nicht fest buchen und es ist schwierig, stand by zu sein, wenn man schlecht stillstehen kann. Vielleicht sollten wir es mit einem Hamsterrad im Check-in-Bereich probieren. Es wäre sein grösster Wunsch, das Touch Namal zu sehen, die Geburtsstätte des Goldenen Hamsters in Petshopistan.

Was mich betrifft, so bereitet mir die Vorstellung, vielleicht bald einmal nicht mehr fliegen zu können, keine schlaflosen Nächte. Sie hat für mich eher etwas Beruhigendes, denn ich gehöre zu den Menschen, denen das Fliegen Mühe bereitet. Ich musste einen kurzen Moment lang der Versuchung wiederstehen, «ich hasse fliegen» zu schreiben. Aber das wäre übertrieben gewesen und ich habe mit dem Ausdruck «hassen» mehr Mühe als mit dem Fliegen.

Hassen wird viel zu oft gebraucht von Leuten, die etwas nicht mögen. Ich hasse Kuchen. Ich hasse Überstunden. Ich hasse lila Schuhe. So, wie viele Leute heutzutage etwas zu lieben meinen, was sie mögen oder gerne haben. Man wird aber nicht jeden Morgen geboren, man wacht auf. Und man stirbt nicht jeden Abend, man schläft ein.

Ich werde wahrscheinlich noch ein paar Jahre fliegen müssen. Das hat mit meinem Beruf zu tun, der etwas mit der Welt zu tun hat. Wenn ich eines nicht mehr allzu fernen Tages meinen Beruf nicht mehr ausüben werde (ich bin nach fast dreissig Jahren ordentlich geübt darin und irgendwann werde ich ausgeübt haben), werde ich nur noch fliegen, wenn es unumgänglich ist, weil man dahin, wo ich gehen will, weder gehen noch schwimmen kann.

Und ich werde selber bestimmen, wann ich fliegen muss. Wenn es nicht sein muss, werde ich es sein lassen. Wenn man alt wird, stelle ich mir vor, muss man nicht mehr alles machen. Wenn einem die Zeit langsam ausgeht, geht es darum, möglichst viel sein zu lassen.

Es wird in meinem Fall eine kurze und abschliessende Liste von Gründen geben, warum ich noch fliegen werde, und die Gründe werden praktisch alle Namen von Personen tragen, die mit mir verwandt oder eng befreundet sind. Nicht auf der Liste sein werden Orte, die ich unbedingt noch sehen möchte. Was soll ich dort?

Allenfalls könnte es der eine oder andere Ort auf die Liste schaffen, den ich noch einmal sehen möchte. Aber ich werde mir das sehr gut überlegen, weil es bekanntlich völlig unmöglich ist, an einen Ort zurückzukehren. Wenn es einer ab und zu trotzdem versucht hat, hat er danach ein Buch geschrieben (You can’t go back), das als Taschenbuch vergriffen ist und die gebundene Ausgabe ist zu schwer, um sie ins Handgepäck zu nehmen.

Es gibt aber etwas, was dem Zurückgehen sehr nahekommt, und wobei man obendrauf viel Zeit, Geld und Mühe spart. Man bucht einen Flug und denkt bis zum Tag des Abflugs an den Aufenthalt, indem man sich an alles erinnert, weshalb man zurückkehren möchte. Gefühle, Ereignisse, Stimmen, Farben.

Aber anstatt hinzufliegen, um die Erinnerung zu giessen wie eine ins Fotoalbum gepresste, vertrocknete Blume, die kein Wasser mehr zum Blühen bringt. bleibt man zuhause. Im Jargon der Fluggesellschaft wird man so zum no show. Es hat sich einem aber vieles gezeigt, eigentlich alles, was es noch zu sehen gab, darunter Dinge, von denen man vor Ort nur ihr Verschwinden hätte feststellen können. Die einzige Chance, anzukommen, ist nie abzureisen.

Vor ein paar Wochen ist mir in den Sinn gekommen, obwohl der Himmel an diesem Tag nicht heiterhell, sondern bedeckt war, dass die Zeit langsam gekommen sein könnte, mich von den Orten zu verabschieden, die ich sicher nie sehen werde. Es wären kurze Abschiede, denn es gibt nicht viel zu sagen, wenn man sich nicht einmal oberflächlich gekannt hat. Eigentlich gar nichts. Du wirst mir auch weiterhin nicht fehlen? Auf Wiedersehen gilt nicht.

Ich könnte es kurz machen. Zum Beispiel Marrakesch. Es wird bei den Stimmen bleiben, von denen mir Elias Canetti einst erzählt hat. Ich habe das Buch noch, müsste es aber noch einmal lesen, um sie wieder zu hören. Vielleicht ein geeigneter Titel für mein erstes Hörbuch, wenn ich eines Tages nicht mehr lesen kann?

Ich sehe, so geht es nicht. Wenn mir bei jeder Verabschiedung von einer Stadt, in der ich nie war, ein oder zwei Dinge in den Sinn kommen, und das eine führt dann, wie bei mir oft, zum andern, sind wir morgen noch hier. So buchen wir nie einen Flug, um ihn zu verpassen. Dabei lohnt es sich wirklich. Für 80’000 Nichtfliegermeilen kriegt man die Erinnerung an einen Ort freigeschaltet, den man vergessen hat. Oder seinen alten Teddybär zurück.

Klein werden

12. August 2016

Ich habe einen acht Jahre jüngeren Bruder. Dass er dieses Jahr 50 Jahre alt geworden ist, tut nichts zur Sache und kann eigentlich nicht stimmen. Wie wenn ein Stromzähler viel zu schnell surrt, anstatt langsam zu ticken. Die Geburtsurkunde gefälscht. Die Kerzen im Angebot. Was weiss ich. Jedenfalls höchst unwahrscheinlich wegen der Rückschlüsse auf mich. Ich habe ihn erst noch als Baby über das Balkongeländer unserer Wohnung im dritten Stockwerk gehalten, worauf er heute noch gerne gewisse Probleme zurückführt, wie etwa Höhenangst und Fussschweiss und andere Dinge, die er gar nicht hat. Dafür hatte er als Junge einen grossen Bruder. Oder mindestens mich.

Ich weiss nicht, warum genau ich das damals gemacht habe, das mit dem Balkon. Eine Mutprobe kann es nicht gewesen sein. Dafür war er zu klein. Ich glaube auch nicht, dass es irgendwie grausam von mir war. Eher idiotisch. Und natürlich gefährlich. Auch wenn ich heute sage, wenn wir darauf zu sprechen kommen und jemand findet es ganz schlimm: Beruhigt euch, Leute, es bestand zu keiner Zeit irgendwelche Gefahr für meinen kleinen Bruder.

Und dann merke ich natürlich gleich, dass ich wie der Sprecher einer Airline klinge, der einen gefährlichen Riss in der Cockpithülle so erklären muss, dass nach dem notgelandeten Jet auch das Vertrauen in die Airline nicht abstürzt. Aber natürlich war bei mir alles viel harmloser. Ich war acht Jahre alt. Ich hatte alles unter Kontrolle. Und warum hat mich meine ältere Schwester nicht gestoppt? Wenigstens von ihr hätte man ja erwarten dürfen, vernünftig zu sein. Nicht? Gut, ich nehme es zurück und entschuldige mich bei ihr. Ich will es ja auch nicht auf sie abwälzen. Obwohl sie mindestens zehn war.

Wahrscheinlich muss ich mich auch bei meinem Bruder nochmal entschuldigen. Vielleicht hört das mit den ständigen Ausreden dann endlich auf. Um Nietzsche nicht bemühen zu müssen, wofür man mich tadeln würde, zu Recht, sage ich lieber, seht her, mein kleiner Bruder hat trotz seinem grossen Bruder überlebt. Und nicht nur das. Er ist selber stolzer Vater von drei Kindern geworden. Und sein ältester Sohn hat weder seinen jüngeren Bruder noch dessen kleine Schwester über das Balkongeländer im 3. Stock gehalten.

Weil es keinen Balkon gibt im Haus, wo sie aufwachsen. Nur deshalb. Das wäre sonst garantiert passiert. Das ist eine Familientradition. Vielleicht sogar ein Höngger-Initiationsrhythmus oder so. Ich muss meine jüngste Tochter fragen, wie das genau heisst. Sie studiert Ethnologie und ist als kleines Mädchen auf einem Body-Surfbrett ausgerutscht, das ihr ältester Bruder verbotenerweise in die Sprudelbadewanne mitnahm. Sie hat sich das Kinn am Badewannenrand aufgeschlagen und Ich musste mit ihr ins Spital zum Nähen.

Mein ältester Sohn, der mit dem Surfbrett, hat mich vor fünf Monaten zum Grossvater gemacht. Seine Frau hatte zwei Kinder aus erster Ehe in die Partnerschaft gebracht, ein Mädchen und einen Jungen, was zur für mich verblüffenden Folge hat, dass die kleine Emily, denn so heisst sie, von Anfang an ältere Geschwister hatte. Die waren schon da, verstehen Sie?

Als ich bei meinem Sohn und seiner Familie zu Besuch weilte, sagte ich zu Emilys Bruder, einem echten Wildfang, als er einen Augenblick lang neben seiner Schwester innehielt: Das ist wunderbar für Emily, dass sie einen grossen Bruder wie Dich hat. Meine älteste Tochter wollte immer einen älteren Bruder, aber sie war das erste Kind und wir haben es nicht mehr hingekriegt.

Ich weiss nicht, ob er verstanden hat, was ich ihm sagen wollte, ob er es überhaupt ganz gehört hat, denn er war bereits wieder weg. Halt sie einfach nicht über das Balkongeländer, rief ich ihm nach. Wobei die Wohnung meines Bruders unter der Dachschräge liegt und gar keinen Balkon hat. Wie bei den Kindern meines Bruders: Gewisse Verfehlungen erspart einem die Architektur.

Später am selben Tag, vielleicht als mein Sohn und seine Frau gerade die Kinder zu Bett brachten (Emily hat einen singenden Mond), dachte ich kurz über das Konzept des grossen Bruders nach, und warum jede und jeder einen haben will. Ich bin mit einer grossen Schwester aufgewachsen und fand das schön. Ohne eigentlich.

Jedenfalls habe ich meinen grossen Bruder nie vermisst. Sie hat mich sogar mindestens einmal beschützt, meine grosse Schwester, als sie etwa elf und ich neun war. Ein uns vorher nicht bekannter Junge war zu uns in den Garten gekommen, und als es offensichtlich wurde, dass wir nicht mit ihm spielen wollten, sagte er, er könne Judo. Er trug auch einen weissen Bademantel mit einem Gurt und mir machte das ziemlichen Eindruck, aber meine Schwester fackelte nicht lange und vertrieb ihn mit der sogenannten Windmühle, wobei sie die Arme in hohem Tempo gestreckt vor sich rotieren liess, aus unserem Revier. Wir haben ihn nie wiedergesehen. Auch in späteren Jahren nicht anlässlich von Olympia-Übertragungen.

War es das? Jemanden zu haben, der einen beschützen konnte? Jemanden, der sich nicht vor Bademänteln fürchtete? Jemanden, der das Body-Surfbrett in die Badewanne mitnahm, obwohl es die Mutter ausdrücklich verboten hatte? Und warum reichte dann eine grosse Schwester nicht, die das ja auch konnte? Was immer es ist, was einen grossen Bruder zu haben dermassen schön macht, dass alle einen wollen: Hatte ich es? Gab ich es meinem kleinen Bruder? War ich ihm ein grosser Bruder? Oder war er stets nur ein kleiner, und ich nie wirklich sein grosser Bruder, nur älter?

Ich habe ihm viel zu verdanken, meinem kleinen Bruder. Das Kind in mir, das auch heute noch bei mir ist und zu dem ich umso mehr Sorge trage, je älter ich werde (ich würde es nie über ein Balkongeländer halten, nicht einmal im ersten Stockwerk), hätte ohne ihn damals einen schweren Stand gehabt, als ich und meine Kameraden in die Adoleszenz gerieten, in den Pickelsturm der Mannwerdung. Dank ihm konnte ich unbeschwert und ohne Furcht vor dem Spott meiner Altersgenossen noch ein paar Jahre länger mit Lego, Match Box und Bauklötzen spielen. Ich tat es ja meinem kleinen Bruder zuliebe.

Einmal, als wir längst erwachsen waren (sogar er), erzählte er mir, wie er jeweils am Dorf- Grümpelturnier, bei dem sein grosser Bruder stets mit den anderen grossen Jungs in einem Team antrat, in kurzen Hosen und mit Turnschuhen auf der Böschung am Spielfeldrand sass und hoffte, es würde sich jemand ermüden oder verletzen und dann würde ich, sein grosser Bruder, ihn ins Team rufen. Das hat mich zu Tränen gerührt.
Es rührt mich noch jetzt. Weil ich es überhaupt nicht mitgekriegt hatte. Weder die Turnschuhe, noch die kurzen Hosen oder seine Bereitschaft, und schon gar nicht die Hoffnung, die er auf mich, seinen bewunderten grossen Bruder, gesetzt hatte, Jahr für Jahr, ich würde ihn in unser Team aufnehmen. Ich aber wetteiferte dem Turniersieg nach und war bemüht, in meinem Team möglichst gut zu sein.

Jahrzehnte später träumte ich ein paar Mal von diesem Turnier. Ich war entweder schon auf dem Platz und das Spiel lief an mir vorbei, weil ich nicht die richtigen Fussballschuhe trug, oder ich war noch zuhause, in der Wohnung meiner Eltern, wo ich mit meinem kleinen Bruder und meiner grossen Schwester nur ein paar hundert Meter vom Fussballplatz entfernt aufwuchs, und konnte meine Stollenschuhe nicht finden, obwohl das Spiel gleich beginnen würde oder vielleicht schon begonnen hatte. Immer derselbe Traum.

Ein Psychiater erklärte mir, es sei bei diesen Träumen um mein mangelndes Selbstvertrauen gegangen, darum, dass ich meinte, für das, was ich zu tun müssen glaubte (Tore schiessen?), nicht richtig ausgerüstet zu sein. Im übertragenen Sinn natürlich. Alles ist im übertragenen Sinn.

Vielleicht war ich auch nicht richtig ausgerüstet, um meinem kleinen Bruder ein richtiger grosser Bruder zu sein. Im übertragenen Sinn. Vielleicht war der Psychiater aber auch ein Schwachkopf und mein Bruder hat gar keine Erinnerung mehr daran, dass ich ihn über das Balkongeländer gehalten habe (im dritten Stockwerk).

Vor ein paar Wochen habe ich meinen Bruder und seine Kinder besucht. Mein Patensohn Moritz führte mich nach dem Essen in die Garage und zeigte mir den alten Puch-Velux, mit dem ich als 14-jähriger durch Höngg gefahren war. Ich hatte ihn damals meinem kleinen Bruder vererbt, und dieser hat ihn offenbar letzten Sommer in unzähligen Stunden wieder zum Fahren gebracht. Er habe ihn komplett auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt. Und oh Wunder, er fährt tatsächlich!

Mein Bruder (der begnadete Mechaniker, der die Hände unseres Vaters geerbt hat) seine Freundin, deren Tochter und seine drei Kinder schauten mir zu, wie ich mich nach 35 Jahren wieder auf mein altes Töffli setzte und um die Ecke der Singlistrasse verschwand, Easy Rider Melodien im Kopf.

Als ich einmal um den Block gefahren war und wieder in die Strasse einbog, schien mir von weitem, dass nur noch mein Bruder vor dem Haus stand, ein sechsjähriger Knirps mit Käsefüssen. Sobald das Motorrad zum Stillstand kam, würde ich ihn umarmen und nie mehr loslassen.

(12.08.2016)

Zio Matteo

16. Mai 2016

(Ben Dettis letzter Fall)

1. Kapitel: Die Suche beginnt

Er hiess Giaccomo Orsini, aber alle nannten ihn Nick. Erst Jahrzehnte später fand ich per Zufall heraus, dass sein richtiger Name Nicola Spadolino war. Hatten es die andern die ganze Zeit gewusst, oder war es in einem Milieu, in dem Spitznamen die Regel und Dumpfbacken die Ausnahme waren, ein purer Zufall, dass sie ihn beim richtigen Namen nannten? Und wieso haute er mir jedes Mal eine runter, wenn ich ihn in Gesellschaft Zio Matteo nannte?

Erzürnte es ihn, dass ich ihn in meiner jugendlichen Unschuld bei seinem Taufnamen nannte, auf den ich irgendwo in den alten Papieren auf seinem Estrich gestossen war, als ich die alten Ausgaben des Playboy suchte? Oder müsste ich eher sagen, bei dem Namen, den seine Eltern damals in der kleinen Kirche in Reggio di Calabrese dem Priester und den Taufpaten aufbanden wie einen ranzigen Bären?

Wer versuchte damals mit allen Mitteln etwas zu verheimlichen und verstecken, und vor wem? Und auch wenn seine Eltern bei allem, was ich über sie weiss (eigentlich nichts) einfache, ungebildete Menschen waren, die jeden Sonntag an der Kirche vorbeigingen: mussten nicht sogar sie sich bewusst gewesen sein, dass wer andern in die Grube kackt, … na Sie wissen schon.

Wenn ich durch meine Notizen gehe, fällt mir jedes Mal auf, und zwar so, wie der Esel dem Maulpferd auffällt: zu viele Sprichworte und Redensarten, zu viele Phrasen und Formeln, die am Ende überhaupt nichts aussagen, womit irgendjemand irgendetwas anfangen könnte, ausser der Lateinlehrer von Giulio vielleicht, mit dem ich als Knirps Fussball spielte, bis er sich einen offenen Beinbruch einfing und aufhören musste. Als er nach einer langen Zeit der Rehabilitation endlich wieder gehen konnte, fand er eine neue Stelle als Deutschlehrer in einem Gymnasium im Piemont.

Wie dem auch sei. Wenn ich diese Zeilen noch einmal lese, was ich gerade getan habe, denn ich lese meine Zeilen immer wieder, um sicherzustellen, das mir nichts entgangen ist, dann wird mir sofort klar (und das auch nicht zum ersten Mal): Zu viele leere Floskeln und zu viele Zufälle für meinen Geschmack.

In den Sechzigerjahren, denn damals fand das, wovon ich hier schreibe, alles statt (ausser da, wo ich in die Gegenwart springe, die aus damaliger Sicht die Zukunft gewesen wäre, wenn Onkel Matteo ihr nicht erlaubt hätte, sich seinetwegen zum Teufel zu scheren) machte ich mir noch keine solchen Gedanken. Ich hatte meinen ausgeprägten Sinn für das Unauffällige und meinen heute von der halben Unterwelt gefürchteten Instinkt noch nicht entwickelt. Ich war ein Junge wie der von nebenan, obwohl der keine toten Käfer sammelte und meines Wissens auch nicht tagelang in einem alten Lexikon las, bei dem der Einband und die Buchstaben L bis V fehlten.

Gauben Sie mir, heute rieche ich, wenn etwas stinkt, und ich rede nicht von meinen Füssen. Es gibt so vieles, was ich ihn heute gerne fragen würde, Zio Matteo, aber er weilt nicht mehr unter uns. Ich habe keine verfluchte Ahnung, wo sich der alte Scheisskerl aufhält. Vielleicht ist er tot. Es würde bei seinem Lebenswandel nicht erstaunen. Keiner seiner damaligen Kumpane ist alt geworden. Die meisten sind eines unnatürlichen Todes gestorben und nicht wenige wurden umgebracht. Was ist das überhaupt, ein natürlicher Tod, wenn ich es mir überlege? Ich überlege es mir besser nicht, denn auf diese Art komme ich jeweils vom Hundertsten ins Tausendste und der Weg zurück ist lang.

Wenn Zio Matteo trotz der schlechten Prognosen noch am Leben ist, könnte er ebenso gut in einem Altersheim dahinsiechen, mit halboffenem Mund auf seinen Teller sabbernd, wie als Gärtner einer Schönheitsfarm in Kalifornien eine unauffällige Existenz fristen, obwohl ich bezweifle, dass die einen 96-jährigen beschäftigen würden, der den reichen Frauen nachstellt und eine Harke nicht von einem Laubgebläse unterscheiden kann. Wenn ich ihn mir vorstelle, wie er die App zu bedienen versucht, um den Roboter loszuschicken, der den zum Strand hin leicht abfallenden Rasen mäht, muss ich lachen, aber nur kurz, dann mach ich die paar Schritte und nehme ein Bad in der Brandung, bevor er mir eine runterhaut.

Ich sage Kalifornien, falls Ihnen das aufgefallen ist, denn Sie müssen aufmerksam lesen, um mir folgen zu können, weil er Südamerika liebte. Er sprach stets davon, «zu den Mexen» aufzubrechen, wenn er eines Tages von der ganzen Scheisse genug haben würde. Ihn aufzuspüren, kommt also der berühmten Suche nach der Nudel im Heuhaufen gleich. Und trotzdem werde ich genau das tun.

Aber ich werde es geschickt anstellen, denn ich bin kein Idiot, wie er es stets allen sagte («Der Junge ist ein Vollidiot»). Anstatt jeden Tag Pasta zu kochen, wie er sie liebte (ohne Teigwaren und nur mit ein wenig Ziegenkäse, der sich nicht mehr reiben lässt, weil er schon leicht hinüber ist), und dann wie eine verlassene Mutter darauf zu warten, ob er nach mehr als vierzig Jahren wieder einmal zum Essen nachhause kommt, als ob nichts gewesen wäre, werde ich mich aufmachen und ihn im Heuhaufen suchen gehen. Wenn der Onkel nicht zur Pasta kommt, geht die Pasta zum Onkel. Das wussten schon die Japaner, obwohl sie Milchprodukte schlecht verdauen können. Wenn etwas nicht kommen will, muss man selber hingehen. So einfach ist das, auch wenn es nicht einfach werden wird, denn ich habe eine Heuallergie und keine Ahnung, wie er heute aussehen könnte. Ich war erst 12 Jahre alt, als er verschwand, vergessen wir das nicht, und einer seiner unumstösslichen Grundsätze hatte immer gelautet: «Einem erwachsenen Mann schaut man nicht ins Gesicht. Vor allem nicht vor und nach dem Essen.»

Ich habe das damals nicht verstanden und konnte es mir schlecht merken, aber seine linke Hand erinnerte mich jedes Mal daran, wenn ich in meiner treuherzigen Bewunderung zu ihm hochblickte. Es macht auch heute, wenn ich es mir überlege, nicht wirklich Sinn. Nach den Mahlzeiten konnte ich mir ja erklären. Wegen den Speiseresten rund um den Mund. Aber warum vor den Mahlzeiten? Und warum galt die Regel nur für mich?

Wenn ich mich nun aufmache, ihn zu suchen, denn genau das werde ich tun, habe ich wenig Anhaltspunkte. Eigentlich fast gar keine. Ich werde meinem Instinkt folgen müssen, der in nunmehr drei erfolglosen Jahrzenten als Privatdetektiv zu einer gnadenlosen Bestie gereift ist, die sich wie ein unerbittlicher Spürhund auf eine Fährte heftet, auch wenn diese am Ende ins Nichts führt, wo es schwierig sein kann, noch ein Hotelzimmer mit W-Lan zu kriegen.

Dieser neue Fall, denn ein Fall ist es nun, wo ich beschlossen habe, Zio Matteo zu suchen, auch wenn mich niemand dafür bezahlen wird, kündigt sich in vielfacher Weise als mein schwerster an, denn es geht um meine Familie, oder um das, was ich bis heute dafür halte. Ein Onkel ist ein Onkel, bis es sich herausstellt, dass er gar kein Onkel ist. Aber das würde mich bei Zio Matteo erstaunen, denn er hat eindeutig die Nase der Dettis. Ich bin also ganz direkt betroffen, und das kann heikel sein, weil man, wenn man nicht aufpasst, emotional reagiert, und wenn man als Fahnder seinen Emotionen folgt anstatt den Fakten, kann einen das in die Irre führen. Ich werde meine Emotionen also aus dem Ganzen raushalten, so gut es eben geht, und werde mich an die Fakten halten, an die Indizien, und dabei meinem Instinkt folgen, wobei dieser nicht mehr warten wollte und bereits abgereist ist.

Als ich mich letztes Wochenende zum x-ten Mal durch meine Notizen wühlte, auf der Suche nach dem Detail, das ich bisher übersehen hatte (denn ich weiss, dass ich etwas übersehen habe), dem einen wichtigen Detail, das mir die Türe öffnen würde in den Raum, von dem aus ein Indiz zum anderen und das letzte in ein rauchgeschwängertes Hinterzimmer zu Zio Matteo führen würde, wo er gerade seine letzten drei Freunde abzockte, hörte ich eine andere Türe ins Schloss fallen, obwohl ich nur in einem Mietblock lebe, und ich wusste sofort, das war meine Wohnungstüre, und mein Instinkt war auf dem Weg zum Flughafen.

Wenn Sie sich jetzt Sorgen machen, wie ich den Fall ohne meinen berühmten Instinkt je lösen werde, kann ich Sie beruhigen. Ich weiss meinem Instinkt zu folgen. Wir sind ein gut eingespieltes Team, wenn man das so sagen kann, und wir ergänzen uns wunderbar. Er legt sofort los, wenn er auf eine Spur stösst, ohne zu zögern, wie ein Hund, der eine Fährte aufnimmt und unvermittelt losrennt, weil er nicht anders kann, er verliert keine Zeit, weil Zeit kostbar ist, während ich der Bedächtigere von uns beiden bin, weil ich weiss, dass vergeudete Zeit sich nicht mehr aufholen lässt und dass man manchmal zuerst warten muss, um schneller ans Ziel zu kommen. Man muss das richtige Schuhwerk wählen, bevor man in den Wagen steigt, und es schadet nichts, den Wagen vollzutanken und zu wissen, wohin die Reise geht, und wieviel das Dauerparken am Flughafen kostet, bevor man ein Ticket kauft.

Ich recherchiere also, ich wäge ab, ich überlege, ich mache mir Notizen und lese sie immer wieder durch. Ich mache Hypothesen und verwerfe sie wieder, ich koche mir etwas Kleines. Ich bin kein Feinschmecker wie Montalban, ich schiebe vielleicht eine Pizza in den Ofen. Später gehe ich dann doch auswärts essen, weil ich vergass, den Ofen einzuschalten, und wenn ich zu einem Schluss gekommen bin, spätabends, wenn die Fakten im milden Abendlicht ihre bedrohliche Absolutheit verlieren, dann reise ich meinem Instinkt nach und wir vergleichen bald darauf in einem Hotelzimmer meine Notizen mit seinem Gefühl, seine Spesen mit meiner Kreditkarte und meinen Geist mit seinen Träumen, denn er träumt viel und ich weiss seine Träume zu deuten, oder besser gesagt, weil Traumdeutung ein grosses Wort ist: ich weiss aus dem wirren Durcheinander seiner Phantasien, die ihm ein Unterbewusstsein vorgaukelt, das er tagsüber mit mir teilt, diejenigen Anzeichen herauszufiltern, die uns weiterbringen könnten.

Während er ihm also bereits hinterherjagt, meinem Onkel Matteo oder seinem Phantom, sitze ich in aller Ruhe hier, an meinem Küchentisch in einer Zweizimmerwohnung mit Balkon in Zürich-Oerlikon, und mache mich mit der mir eigenen Systematik daran, mir zurechtzulegen, was ich weiss. Ich gehe immer so vor, systematisch, und es hat sich bewährt. Nur einmal habe ich versucht, mir zurechtzulegen, was ich nicht weiss. Das hat dann wirklich lange gedauert und mir ging nach vier Tagen das Notizpapier aus, obwohl ich davon immer einen anständigen Vorrat zuhause habe, denn man weiss nie, was man weiss, wie Kurt Wallander immer sagte, bevor man realisiert, was man übersehen hat. Vielleicht sagte er auch etwas Anderes, denn seine Bücher sind aus dem Schwedischen übersetzt, und mein Englisch ist nicht sehr gut, aber ich kaufte das Buch am Flughafen in Reykjavik und Zio Matteo hasste den Norden sowieso – ganz sicher kein Ort, wo man ihn suchen musste.

Was habe ich also, um die Suche nach ihm zu starten? Der Name hilft, wie ich anfangs erklärte (Sie können das gerne nachlesen), kaum weiter. Es gibt unzählige Nicks, ganz abgesehen von den Niks und den Nics (obwohl ich nie einen Nic traf) und nicht zu reden von den Nicolas, den Nickolausen und den Niklasen und ganz zu schweigen von Namen wie Peter oder Rolf, die mit dem Fall herzlich wenig zu tun haben, obwohl auch sie früher einmal geläufig waren und in ihrer Zeit überdurchschnittlich oft auf Garderobenschränken auftauchten. Meine Generation trug weisse Unterhemden, an denen die Mutter ein Namensschildchen aus Stoff angebracht hatte. Ich könnte weinen, wenn ich an ihre Hände denke.

Namen konnten einen rasch in die Irre führen. Man durfte ihnen nicht auf den Leim gehen. Nick selber sagte einmal: «Namen und Amen», und als ich ihn fragte, denn ich fand es gut: «Von wem stammt das, Zio Matteo, und was bedeutet es?» (wobei ich darauf bedacht war, ihm nicht ins Gesicht zu schauen, denn wir waren gerade dabei, vom Tisch aufzustehen), antwortete er, während er seine Serviette faltete und neben seinen Teller legte: «Namen gehören auf Grabsteine», du kleiner Idiot. Ach so, sagte ich, obwohl ich noch immer und nun noch viel weniger verstand, was er meinte, aber ich wollte seine Geduld nicht strapazieren und er haute mir eine runter.

Was also habe ich, um die Suche zu beginnen und meinem Instinkt nicht einen fast uneinholbaren Vorsprung zu geben? Sein Aussehen sagen Sie? Ich bitte Sie. Sein Aussehen konnte sich in den 40 Jahren, in denen er mich nicht gesehen hatte (wobei ich Zweifel daran habe, dass er mich überhaupt je wirklich wahrgenommen hat) total verändert haben. Dazu kommt, dass er schon damals keine besonderen Kennzeichen hatte. So stand es jedenfalls auf der knapp gehaltenen Fahndungsmeldung, als er kurz nach der Ermordung von JFK von der Bildfläche verschwand.

Wie sie das fast zweieinhalb Zentimeter grosse, krebsrote Muttermal auf seiner linken Backe übersehen konnten, ist mir noch heute ein Rätsel. Der einzige Schluss, den man daraus vielleicht ziehen kann, nachdem einem die verflossene Zeit die Naivität aus den Gehirnwindungen gespült hat, wie ein Entkalker den Kalk aus einer Espressomaschine, ist, dass er die Polizei damals in der Tasche hatte. Die wollten ganz offensichtlich nicht, dass man ihn fand. Sie zogen es vor, ihn für immer zu suchen, und dafür zweimal bezahlt zu werden, von ihm und von den Behörden, und dabei stellten sie sich offenbar sehr geschickt an, denn sie fanden ihn nie.

Der neunte Mann

30. Januar 2016

Gestern haben sie den neunten Planeten entdeckt. Nicht gestern, vor Kurzem. Vor ein paar Tagen. Vielleicht ist es auch schon zwei Wochen her. Was willst Du von mir?
Was spielt das für eine Rolle, wenn der Neue 10’000 Jahre oder länger braucht, bis er die Sonne einmal umrundet hat? Er hat alle Zeit des Universums. Planeten machen ja sonst nicht viel, ausser die Sonne umrunden und ein wenig an ihrem Schwerefeld arbeiten. Man zieht ja andere nicht einfach so an. Da stecken Lichtjahre im stellarischen Kraftraum dahinter und konsequent gesunde Ernährung. Nur Rohmonde und kein Sternenstaub zwischen den Mahlzeiten.

Einen Namen haben ihm die Forscher noch nicht gegeben. Ist auch nicht einfach, wenn man jemanden noch nie gesehen hat. Stell Dir vor, sie nennen ihn «Däumelein» und dann stellt sich später heraus, dass er zehnmal so schwer ist wie die Erde. Ein ziemlicher Brocken. Wahrscheinlich ist er deshalb so langsam unterwegs. 10’000 – 20’000 Jahre, bis er einmal die Runde gemacht hat. Was, wenn er dann endlich vorbeikommt, und es ist gerade keiner da?

Dass es ihn gibt, schliessen seine Entdecker aus Beobachtungen und Berechnungen. Ansammlungen von anderen Körpern im All, die sich seltsam verkrümmen und erst nachhause gehen, wenn die letzte Bar schliesst. Forscher, die sich mit dem Phänomen befassen, heissen Trujillo und Sheppard, Batygin und Brown aber auch ein Schafhirte auf den Färöern, der nicht beim Namen genannt werden will, soll eisige Brocken gesehen haben, die sich nachts gefährlich neigten und auf Zurufe nicht reagiert haben sollen. Seine Hunde hätten irgendwann aufgehört, sie zu verbellen. Es sei kalt gewesen. Unheimlich kalt.

Etwas ist schief, wenn man als Laie die Berichte der Wissenschaftsjournalisten liest. Ich komme aber nicht dahinter und bin auf meine eigenen Vermutungen angewiesen. Ich vermute, ein mittelalterlicher Chronist hätte es damit bewenden lassen, festzuhalten, dass an einem bestimmten Tag in einem Dorf nahe eines bekannten Flusses ein Wolf während der Messe in die Kirche eingetreten sei, den Altar zweimal umrundet und die Kirche dann wieder verlassen habe. Das musste dann erst Jahrhunderte später interpretiert werden. Damals wussten alle, die auf den harten Bänken sassen, was das hiess, und gingen wortlos nachhause.

Heute reicht uns das nicht mehr. Wir geben sämtliche Daten in ein Computermodell ein, welches über Nacht das Universum simuliert, und wenn die Raumpflegerin eine Spionin wäre, würde sie den Papierkorb am Morgen umsonst leeren. Alles restlos untersucht und spurlos verstanden.
Aber dieser neunte Planet ist auch für uns nicht einfach einzuordnen. Er hat eine unglaublich lange Bahn, und er ist extrem weit draussen. 30 Milliarden Kilometer von der Sonne entfernt. Da wird niemand richtig braun. Aber wir geben nicht auf. Er kann sich ja nicht in Luft aufgelöst haben, dieser Wolf. Und es ist mir völlig egal, wie lange die Suche dauert, ist das klar? Das Planetenjahr dauert 10’000 Erdjahre. Ausschwärmen!

Schauen wir kurz zurück. Wie weit sind wir gekommen, seit wir Neptun entdeckt haben? Wir glaubten den lustigen Zwergstern Nemesis entdeckt zu haben, der alle 26 Millionen Jahre durch das Sonnensystem flitzt und mit leeren Dosen um sich wirft, und Tyche, seine gutaussehende Schwester, die bis dahin unbescholtene Kometen mit ihrem Lachen aus ihrer Umlaufbahn wirft. Dann mussten wir zugeben, uns geirrt zu haben. Dann starb David Bowie und nun will man uns glauben machen, es gäbe einen neunten Planeten, der zehnmal so gross sei wie die Erde und mit seiner starken Anziehungskraft seine Umgebung gesäubert habe – da fliegt nichts mehr herum. Zudem soll er ein Gasriese sein, seine Oberfläche von Furzgewittern überzogen.

Was wissen wir wirklich? Was ist gesichertes Wissen? Wie oft haben sich Annahmen, aus denen wir auf die Existenz von Planeten oder nachsichtigen Steuerbeamten geschlossen haben, im Nachhinein als falsch erwiesen?

Als Clyde Tombaugh endlich jenen Planeten X entdeckte, den sie später Pluto nannten, stellte er fest, dass er zu klein war, um die zuvor von Lowell verfolgten Auffälligkeiten in den Bahnen von Uranus und Neptun zu erklären. Er war auch zu klein, um eingeschult zu werden, und musste ein zusätzliches Kindergartenjahr absolvieren. Später stellte sich heraus, dass die Bahnen von Uranus und Neptun gar nicht so ungewöhnlich waren und es sich bei den vermeintlichen Unregelmässigkeiten um Messfehler handelte. Noch später wurde Lowell als eine Erfindung von Clyde Tombaugh entlarvt, der ihn nur deshalb erschaffen haben soll, um ihn zu widerlegen.

Trotzdem spekulieren wir weiter. Ein gefundenes Fressen für die Hunde des Schäfers, den sie jedes Mal fragen, wenn wieder irgendetwas auftaucht, was man noch nicht sieht. Er lässt sich in Hundefutter bezahlen und lacht sich in den Fäustling, wenn sich die Reporter wieder von dannen machen, während die Forscher daran festhalten, dass hinter dem Kuipergürtel nichts mehr kommt. Seien wir ehrlich: Niemand weiss, wie es im Niemandsland aussieht. Das sind wir der Logik schuldig. Sie war uns lange ein treuer, wenn auch manchmal tyrannischer Begleiter.

Ich könnte noch lange fortfahren, aber ich will es kurz machen, denn morgen ist ein ganz besonderer Montag. Das ganze Missverständnis lässt sich so zusammenfassen: 2014 berichtete Trujillo von einem Körper jenseits des Kuipergürtels. Er nannte ihn 2012VP113. Batygin und Brown waren überzeugt, dass Trujillo wieder getrunken hatte und schauten sich die Sache nur deshalb genauer an, um ihn endlich zu einer Entziehungskur zu überreden. Zu ihrem grossen Erstaunen mussten sie feststellen, dass Trujillo trocken war und es sich bei 2012VP113 um eine prall gefüllte Handtasche handelte, die Trujillos Frau zwei Jahre zuvor in San Francisco gestohlen worden war. Sie gaben auf und wiesen sich selber in eine Nervenheilanstalt im Norden Kaliforniens ein, wo sie die Belegschaft und die Insassen jeden Freitagabend mit einem vierhändigen Klavierrezital erfreuen.

Ihre Pfleger sind überzeugt, dass sie die Furzerei irgendwann in den Griff kriegen werden. Auch Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun seien schliesslich Gasplaneten, und es gäbe heute Medikamente gegen Wolfhaarallergien.

Nun muss ich aber wirklich Schluss machen. Für morgen hat sich ein Mitarbeiter auf der Botschaft angekündigt, der einen so langen Arbeitsweg hat, dass er nur alle sechs Jahre einmal zur Arbeit erscheint. Er arbeitet dann einen ganzen Tag und soll dem Vernehmen nach Ausserordentliches vollbringen. Mein Vorgänger hat ihn einmal erlebt und erzählt noch heute von ihm. Die Lokalangestellten ranken zahllose Geschichten um ihn. Sie nennen ihn den neunten Mann. Ich habe keine Ahnung wieso, und keiner konnte es mir erklären. Ich bin unheimlich gespannt auf ihn.

30.01.2016

Die schönste Nase des ganzen Gesichts

25. Februar 2015

(ein angemessener Beitrag zur Diskussion über die Unsitte des Übertreibens)

Es lässt sich ohne zu übertreiben festhalten, dass negative Übertreibungen immer Schaden anrichten, während positive Übertreibungen meist harmlos sind (they don’t do any harm) und manchmal sogar Gutes bewirken können. Als ich siebzehn Jahre alt war, sagte mir einmal ein Mädchen, ich hätte die schönste Nase des ganzen Gesichts.

Würde man hingegen die Behauptung aufstellen, negative Übertreibungen richteten den grössten Schaden an, wäre das eindeutig übertrieben. Die fahrlässig aufgestellte Behauptung würde bei der ersten Diskussion mit Fachleuten aus der Versicherungsbranche umkippen (nur Flamingos stehen nächtelang auf einem Bein) und was man hatte festhalten wollen, würde einem rasch entgleiten.

Negative Übertreibungen sind schädlich, weil sie etwas schlimmer, furchtbarer, falscher, schlechter, böser (auch schädlicher – mache weitere negative Beispiele) darstellen, als es in Wirklichkeit ist. Negative Übertreibungen schaden immer allen drei Beteiligten: dem Übertriebenen, dem Übertreibenden und dem Empfänger der Mitteilung.

Das Übertriebene verliert seine Konturen und Dimensionen und mithin seine Wahrheit, der Übertreibende seine Glaubwürdigkeit und der Empfänger der Übertreibung im besten Fall seine Zeit, weil er die Übertreibung durch eigene Recherchen zurechtstutzen muss, und im schlimmsten Fall seine realistische Einschätzung, weil er dem Gebot der Oberflächlichkeit erliegt und die Übertreibung glaubt.

Der durch negative Übertreibung angerichtete Schaden kann so weit gehen, dass die Existenz des Übertriebenen gänzlich angezweifelt wird und dem dauernd Übertreibenden irgendwann nicht einmal mehr das geglaubt wird, was er ohne zu übertreiben beschreibt, falls er dazu noch fähig ist, während der Empfänger der Mitteilung nur noch angewidert die Nase rümpft, die mit dem Alter grösser, aber nicht unbedingt schöner geworden ist.

Ich klage nicht gerne über die Zeit, denn sie kann nun wirklich nichts dafür. Es ist ihr ganz und gar egal, ob wir unter- oder übertreiben, denn sie nimmt ebenso wenig Teil an unseren Irrtümern wie an unseren Erkenntnissen; sie nimmt überhaupt nicht Teil, sie ist völlig teilnahmslos und lässt uns vergehen, während wir es vorziehen, zu meinen, sie gehe vorbei.

Ich meine also nicht die Zeit, sondern uns, wenn ich sage, wir leben leider in einer Zeit, in der es vielen notwendig und manchen unumgänglich scheint, zu übertreiben, weil sie meinen, das, was sie glauben, sagen zu müssen, werde in der Flut der Mitteilungen sonst nicht wahrgenommen, gehe sogleich unter und keiner könne es retten oder je wieder aus den Tiefen des Informationsgrabens bergen (was masslos übertrieben wäre, wenn Übertreibungen ein Mass hätten).

Wenn es nach mir ginge, würden die Übertreibenden nicht zum Schweigen gebracht, aber zur Rede gestellt. Ich wünschte mir, es würde sich so verhalten, dass Übertreibungen, weil sie schwer wiegen, rascher in die unendlichen Tiefen unseres Vergessens absinken als realistische Beurteilungen und Einschätzungen. In absoluter Dunkelheit würden sie dahin sedieren und nur ganz selten würde ein Tiefseefisch an ihnen vorbeischwimmen, vom enormen Druck so flach wie eine Tageszeitung und zur Sicherheit blind.

Ein gescheiterter Versuch, die Schweiz aus dem Gedächtnis zu skizzieren

22. Februar 2015

Skizzen faszinieren mich. Das mit rascher Geste flüchtig Hingeworfene, das dem vollendeten Kunstwerk hoch überlegen ist. Wie die Bergdohle der wissenschaftlichen Beschreibung der Schwerkraft, wenn sie sich auf der Terrasse des Kulmrestaurants rückwärts vom Geländer fallen lässt.

Ich weiss. Akt zeichnen geht mit Modell besser. Aber ich will die Schweiz ja nicht nackt zeichnen. Ich will sie überhaupt nicht zeichnen. Dafür ist sie zu weit entfernt und hält auch nie richtig still (dreisprachiges Geschwätz mir rätoromanischen Zwischenrufen). Ich möchte sie aus dem Gedächtnis skizzieren mit wenigen Worten (ein Land mit vier Konturen, einst locker um die Alpenpässe drapiert, dann sich langsam verhärtend).

Keine Angst, die Idee, die Schweiz aus dem Gedächtnis zu skizzieren, stammt nicht von mir. Sie stammt von einer Kunst-Postkarte aus einem Land, das sich ausgelobt hat. Keine meiner Ideen stammt von mir. Sie stammen ausnahmslos von anderen, die für einen Augenblick originell waren, im Zug zwischen Göschenen und Airolo, auf einer unbenutzten Papierserviette, von einem früheren Fahrgast liegengelassen.

Einige der originellen Ideen werden aber auch Fälschern und Hochstaplern zugeschrieben, die sich in ihrem Versteck meine Verachtung und Bewunderung teilen. Mein Geschäft sind die kleinen Variationen. Lassen Sie mich das anders sagen: ich formuliere um.

Als Diplomat lebt und arbeitet man mit dem Rücken zum eigenen Land. Man vertritt dessen Interessen nach bestem Wissen und bei möglichst gutem Gewissen, aber man kennt sein Land und dessen Leute, deren Interessen man angeblich vertritt, nach langen Jahren im Ausland nur noch vom unscharf gewordenen Blick zurück über die alternde Schulter.

Vorsicht ist angezeigt. Objekte im Rückspiegel können grösser erscheinen, als sie tatsächlich sind. Die Sorgen der Schweiz hätten 50 mal im Freizeitpark von Lahore Platz. Und trotzdem heisst es, die Schweiz stehe am Scheitelweg, obwohl das keine vorteilhafte Frisur ist, wenn einem nach über 700 Jahren die Haare langsam ausgehen. Auch die Bärte der jungen Schweizer gefallen mir nicht. Ich zähle darauf, ohne damit zu rechnen, dass sie ausser Mode gekommen sind, bevor ich für immer nachhause zurückkehren werde.

Vor bald zwanzig Jahren habe ich in Washington drei Lektionen eines Malkurses besucht. Einmal durften wir uns mit rötlicher Kreide versuchen, einmal mit Ölfarbe und am spannendsten war eindeutig der Abend, als wir ein Modell hatten, das für uns sass. Wir hatten einmal 20 Minuten, einmal 5 Minuten, einmal 2 Minuten und am Schluss gerade noch 30 Sekunden Zeit, um zu versuchen, irgendetwas mit einem Stück Kohle zu Papier zu bringen, was wenn möglich an die Pose erinnern sollte, im besten Fall an die posierende Frau.

Ich tat mich schwer. Je kürzer die Zeitspanne, desto weniger konnte man der eigenen Hand beim Zeichnen zusehen. Man blickte zum Modell, während die Hand zu zeichnen versuchte, und das Hirn stand wie so oft bloss im Weg. Es gab Instruktionen, ohne zu begreifen, was abging. Mach schon, Hand, zeichne was. Ich weiss, Du kannst das ohne mich.

Die Schweiz mit Worten aus dem Gedächtnis skizzieren ist ohne das Hirn nicht möglich. Es besteht auf die Kontrolle der Sprache. Es gibt sie nicht her. Wie eine Mutter bei den Hausaufgaben setzt es sich mit mir an den Tisch und holt viel zu weit aus. Also, sagt es, und wischt dabei meine spontanen Ideen und Assoziationen zur Seite wie störende Spielzeuge, machen wir zunächst einmal eine Auslegeordnung. Was kommt Dir alles in den Sinn, wenn Du die Schweiz skizzieren willst? Das sortieren wird dann. Was verstehen wir unter einer Skizze? Können wir unserem Gedächtnis vertrauen?

Lass gut sein, Hirn, möchte ich ihm sagen. Es ist Sonntag. Mach einfach mal nichts. Als ob Mütter das könnten.

Sieben mögliche Varianten für eine Umfahrung von Burlington, Kanton Zürich

8. Februar 2015

Ein Gutachten der Eidgenössischen Kommission für Kultur- und Heimatschutz hat vor einem Jahr empfohlen, die Projektierung der geplanten Umfahrung von Eglisau zu stoppen. Laut den Gutachtern störte die geplante Umfahrung das Zusammenspiel der kulturhistorisch bedeutsamen Rheinübergänge mit der bestehenden Strassenbrücke und dem Eisenbahnviadukt. Quote unquote.

Von Günter Ohnemus, den ein in Berlin lebender Freund in den Neunzigerjahren oberflächlich kannte, als offenbar viele Leute Günter flüchtig kannten, ihn aber dann wie die meisten jener Leute gründlich vergessen hat, weil es sich angeblich nicht richtig lohnte, ihn im Gedächtnis zu behalten, gibt es ein Buch mit dem Titel „Siebenundsechzig Ansichten einer Frau“. Ich besitze das Buch, habe es aber nur angelesen. Rund sechzig Ansichten fehlen mir, weshalb es mir noch nicht ganz gehört. Ich behalte es trotzdem. Auch wegen dem Titel.

Ohnemus ist gut mit Titeln. Eigentlich erstaunlich, dass ihm in einer Zeit, in der Verpackung wichtiger ist als Inhalt und ohnehin kaum einer ein Buch zu Ende liest, nicht mehr Erfolg beschieden war. „Alles, was Du versäumt hast“. „Ein Parkplatz für Johnny Weissmüller“. „Die letzten grossen Ferien.“ Das klingt doch bei einem Gespräch über Literatur nicht schlecht.

Aber diese schönen Titel haben offenbar – ausser ein paar Jünger der Subkultur, die alles kauften, was der Maro-Verlag publizierte, und mit etwas Verspätung mich – fast niemanden zum Kauf bewogen. Nur ich war bei Ohnemus ohne Mass und habe mir gleich sechs Bücher bestellt, nachdem ich vor ein paar Jahren zufällig auf „Zähneputzen in Helsinki“ gestossen war. Das dünne Buch hatte sich streckenweise so gelesen wie ein deutscher Richard Brautigan, ein anderer Meister der Titel. „Dreaming of Babylon“. „So the Wind Won’t Blow It All Away“. “ Sombrero Fallout“.

Von Brautigan las ich einst alles, was ich kriegen konnte, noch bevor es von Ohnemus ins Deutsche übersetzt wurde. Ohnemus‘ Bücher stehen bis heute mit ihren schönen Titeln in meinem Bücherregal wie geliefert und nicht gelesen. Es ist fast so, als hätte er seine Texte in der Fletcher Library in Burlington, Vermont, hinterlegt, wo im Gedenken an den zu früh verstorbenen Richard Brautigan eine Bibliothek für unveröffentlichte Manuskripte eingerichtet wurde. Kann man auch zu spät sterben?

Die Bibliothek soll vor 10 Jahren 325 unveröffentlichte Werke beherbergt haben. Vielleicht werde ich, wenn ich einmal in Vermont bin, hingehen und selber nachschauen, ob es die Bibliothek noch gibt und wie viele Manuskripte es bis heute geworden sind. Vorher muss aber in Eglisau noch eine Lösung gefunden werden für das Zusammenspiel der kulturhistorisch bedeutsamen Rheinübergänge. Ich würde sonst mit einem schlechten Gewissen nach Vermont aufbrechen.

Die Lösung zeichnet sich zum Glück ab. Der Zürcher Baudirektor hat soeben sieben Varianten für eine Umfahrung der schönen Stadt am Rhein vorgelegt. Fünf Linienführungen sehen eine Brücke über den Rhein vor, zwei eine Unterquerung per Tunnel. Die Brücken sollen zwischen 190 und 510 Millionen kosten, die Tunnels werden auf 780 Millionen geschätzt.

Beim ziellosen Blättern bin ich heute auf dem Parkplatz für Johnny Weissmüller auf einen wunderbaren Satz gestossen: „In Amerika will man immer alles so machen, dass jeder beim Anschauen es schon sehen kann.“

Genau das wünsche ich den Bürgern von Eglisau bei ihrem schwierigen Entscheid auch. Dass ihnen die Umfahrung so gelingen möge, dass man das Zusammenspiel der kulturhistorisch bedeutsamen Rheinübergänge schon beim Anschauen sehen kann. Und zwar schon von Weitem. Zum Beispiel aus Syrien.

(Dieser Text ist Günter Ohnemus gewidmet, der in einem Jahr seinen 70. Geburtstag feiern wird, und Richard Brautigan, der nicht einmal 50 wurde. Es lohnt sich, sie nicht ganz zu vergessen.)