Yul Briner ist jeden Tag rückwärts gerannt

Da wären wir also. Mitten im neuen Jahr. Und kommt mir jetzt nicht damit, es sei erst der Anfang. Wenn man ins Wasser gestossen wird, ist man mitten im Ozean.
Und nun? Welche Optionen haben wir, so zwischen Silvester und Silvester? Haben wir überhaupt welche?
Reinhard Lettau hat es einmal so formuliert: Schriftsteller sind Menschen, die sich der Illusion hingeben, es werde ein weiteres Buch von ihnen erwartet. Er hat auch Anderes sehr treffend formuliert. Hat sich auf einzigartige Weise zu relevanten Themen wie der Frage der Himmelsrichtungen oder den Schwierigkeiten beim Häuserbauen geäussert. Und das alles aus einer der deutschen Sprache abgewandten Ferne, von jenseits des Atlantiks, wo er an einer amerikanischen Universität einen Lehrstuhl für Deutsche Literatur bekleidete, bis er kurz vor seinem Tod nach Berlin zurückkehrte, wo er bald darauf starb, weil er erst kurz vor seinem Tod zurückgekommen war. Sein letztes Buch trug den Titel „Flucht vor Gästen“.
Ist eine Bloggerin oder ein Blogger ein Mensch, der sich der Illusion hingibt, es werde ein weiterer Eintrag im Blog von ihm erwartet? Oder ein Kommentar zu einem Blogeintrag eines anderen Bloggers, einer anderen Bloggerin? Sind da draussen tatsächlich Leute, die nicht nur ihr eigenes Business minden, sondern ihre Teilnahme an der Welt in ihren Blogs ausdrücken und ab und zu in die Blogs anderer Leute schauen, um mal nachzusehen, was los ist? Oder wird das alles von einem geschäftstüchtigen grossen Bruder generiert, der uns alle erfunden hat?
Das erste, was ich von Reinhard Lettau gelesen habe, vor vielen Silvestern, war ein Gedicht mit dem Titel „In Memoriam Peter S.“ Es handelt von eben diesem Peter S., einem Schriftsteller, der in Berlin Mädchen kennenlernt, die bald nach London fahren. Oder: in London eintreffende Berlinerinnen erzählen von Peter S., kehren aber nicht zurück nach Berlin – mein Gott, ich kann doch hier nicht das ganze Gedicht rezitieren. Obwohl es sich lohnen würde. Absolut. Es ist ein Gedicht, das seine Leser (mich, damals) wie ein Strudel hineinzieht in Lettaus Welt, die exakt unsere Welt ist, nur eine völlig andere, weil er sie in seiner ureigenen Sprache beschreibt. Wenn er einen Blog gehabt hätte, damals, dieser Reinhard L. – ich hätte sofort einen Kommentar verfasst. „Reinhard,“ hätte ich geschrieben, „Herr Lettau, vereehrter Professor: Ihr Gedicht ist der absolute Hammer. It’s a knock out, you know. Ich möchte unverzüglich die Anker lichten und in alle Himmelsrichtungen lossegeln und die Welt erkunden, die Sie beschreiben. Und es ist mir scheissegal (I don’t give a shit), dass ich kein Schiff habe. Notfalls fliege ich mit einem Betonballon los. Die erste Atlantiküberquerung auf dem Meeresgrund.“
Aber Reinhard Lettau hatte keinen Blog. Und Gäste gingen ihm sowieso auf den Keks. Was also können wir tun, Leute? Wie all die kommenden Tage verbringen, bis es wieder Silvester wird und wir wieder die Papierhüte aufsetzen und in die farbigen Plastiktrompeten blasen können? Yul Briner sei jeden Tag rückwärts gerannt, um sich fit zu halten. Dabei werden Muskeln aktiviert, die wir sonst kaum brauchen. Könnte vielleicht wirklich eine Möglichzeit sein. Auch für uns. Jeden Tag zwei Kilometer rückwärts joggen. Bis wir Ende Dezember mit dem Rücken zum Neujahr stehen.

Yul Briner ist jeden Tag rückwärts gerannt
Da wären wir also. Mitten im neuen Jahr. Und kommt mir jetzt nicht damit, es sei erst der Anfang. Wenn man ins Wasser gestossen wird, ist man mitten im Ozean.Und nun? Welche Optionen haben wir, so zwischen Silvester und Silvester? Haben wir überhaupt welche?Reinhard Lettau hat es einmal so formuliert: Schriftsteller sind Menschen, die sich der Illusion hingeben, es werde ein weiteres Buch von ihnen erwartet. Er hat auch Anderes sehr treffend formuliert. Hat sich auf einzigartige Weise zu relevanten Themen wie der Frage der Himmelsrichtungen oder den Schwierigkeiten beim Häuserbauen geäussert. Und das alles aus einer der deutschen Sprache abgewandten Ferne, von jenseits des Atlantiks, wo er an einer amerikanischen Universität einen Lehrstuhl für Deutsche Literatur bekleidete, bis er kurz vor seinem Tod nach Berlin zurückkehrte, wo er bald darauf starb, weil er erst kurz vor seinem Tod zurückgekommen war. Sein letztes Buch trug den Titel „Flucht vor Gästen“.Ist eine Bloggerin oder ein Blogger ein Mensch, der sich der Illusion hingibt, es werde ein weiterer Eintrag im Blog von ihm erwartet? Oder ein Kommentar zu einem Blogeintrag eines anderen Bloggers, einer anderen Bloggerin? Sind da draussen tatsächlich Leute, die nicht nur ihr eigenes Business minden, sondern ihre Teilnahme an der Welt in ihren Blogs ausdrücken und ab und zu in die Blogs anderer Leute schauen, um mal nachzusehen, was los ist? Oder wird das alles von einem geschäftstüchtigen grossen Bruder generiert, der uns alle erfunden hat?Das erste, was ich von Reinhard Lettau gelesen habe, vor vielen Silvestern, war ein Gedicht mit dem Titel „In Memoriam Peter S.“ Es handelt von eben diesem Peter S., einem Schriftsteller, der in Berlin Mädchen kennenlernt, die bald nach London fahren. Oder: in London eintreffende Berlinerinnen erzählen von Peter S., kehren aber nicht zurück nach Berlin – mein Gott, ich kann doch hier nicht das ganze Gedicht rezitieren. Obwohl es sich lohnen würde. Absolut. Es ist ein Gedicht, das seine Leser (mich, damals) wie ein Strudel hineinzieht in Lettaus Welt, die exakt unsere Welt ist, nur eine völlig andere, weil er sie in seiner ureigenen Sprache beschreibt. Wenn er einen Blog gehabt hätte, damals, dieser Reinhard L. – ich hätte sofort einen Kommentar verfasst. „Reinhard,“ hätte ich geschrieben, „Herr Lettau, vereehrter Professor: Ihr Gedicht ist der absolute Hammer. It’s a knock out, you know. Ich möchte unverzüglich die Anker lichten und in alle Himmelsrichtungen lossegeln und die Welt erkunden, die Sie beschreiben. Und es ist mir scheissegal (I don’t give a shit), dass ich kein Schiff habe. Notfalls fliege ich mit einem Betonballon los. Die erste Atlantiküberquerung auf dem Meeresgrund.“Aber Reinhard Lettau hatte keinen Blog. Und Gäste gingen ihm sowieso auf den Keks. Was also können wir tun, Leute? Wie all die kommenden Tage verbringen, bis es wieder Silvester wird und wir wieder die Papierhüte aufsetzen und in die farbigen Plastiktrompeten blasen können? Yul Briner sei jeden Tag rückwärts gerannt, um sich fit zu halten. Dabei werden Muskeln aktiviert, die wir sonst kaum brauchen. Könnte vielleicht wirklich eine Möglichzeit sein. Auch für uns. Jeden Tag zwei Kilometer rückwärts joggen. Bis wir Ende Dezember mit dem Rücken zum Neujahr stehen.

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