Luther, leicht gestresst

Gegen Ende dieses Sommers weilten wir kurz zu Besuch bei einem befreundeten Paar, das wir, seit wir nicht mehr im selben Land wohnen, einmal im Jahr sehen. Der Sommer ging bereits zur Neige und ich war ebenso müde, weil unsere Ferien noch bevorstanden, wie froh, sie zu sehen.

Irgendwann zwischen Gott und der Welt, über die wir lange bei Rotwein und Wähe redeten, wollte ich eine alte Dame zitieren, die, als sie nicht nur sehr alt und gebrechlich, sondern auch von schweren Krankheiten geplagt war, auf die Frage, wie es ihr gehe, geantwortet haben soll: „Es gibt gute und es gibt …. Tage.“ Mir fiel weder der Schluss des Zitats noch dessen Autorin ein, was mich geärgert hätte, wäre ich dafür nicht zu müde gewesen. Ich konnte mich nur noch erinnern, dass es eben nicht die handelsüblichen guten und schlechten Tage waren, sondern etwas anderes, positiveres, aus dem eine wunderbare Dankbarkeit sprach, noch am Leben zu sein.

Wieder zuhause kam mir dann ohne Grund und Anstrengung in den Sinn, wie simpel und einfach der Ausspruch war, dessen zweiten Teil ich wegen meiner damals die Oberhand gewinnenden Müdigkeit nicht mehr zusammengekriegt hatte. Es gibt gute und es gibt weniger gute Tage.

Ich googelte das Zitat, um zur Autorin zu gelangen, die unterdessen längst, daran erinnerte ich mich, an einer ihrer Krankheiten oder an ihrem Alter gestorben war. Sie war aber, wie ich feststellen musste, nicht nur verstorben, sie war auch verschwunden. Vielleicht hatten ihre Erben von Google verlangt, ihre Spuren im Netz zu löschen oder sie zumindest zu verwischen und eine Anzahl falscher Fährten zu legen, damit man ihre liebe Urgrossmutter, Grossmutter und Mutter, die – ich wünsche es ihr – an einem guten Tag sanft entschlafen war, nicht dauernd aufspüren und zitieren würde (Was soll ich gesagt haben?). Ich fand sie jedenfalls nicht. Dafür fand sich unter den ersten 20 Treffern mindestens zehnmal folgender Satz: ”Ich bin übrigens nie gestresst. Es gibt nur gute und weniger gute Tage, um mir eine Kettensäge zu überlassen.“

Nachdem ich mich endlich von meinen nicht enden wollenden Lachkrämpfen soweit erholt hatte, dass mein Kleinhirn seine Funktion wieder aufnahm, begann ich über dieses blödsinnige Zitat nachzudenken, mich gleichzeitig fragend, ob es hilfreich oder wünschenswert wäre, wenn wir beim Lachen denken könnten. Ich machte mir eine geistige Notiz, mir den Zusammenhang zwischen Lachen und Denken in einem ruhigen Moment näher anzuschauen. Und dann schaute ich kurz hin.

Muss man denken können, um zu lachen (zum Beispiel, um einen Witz zu begreifen), oder lachen wir oft gerade deswegen, weil wir nicht oder zu spät denken? Darf man lachen, nachdem man lange und ergebnislos nachgedacht hat, oder sollte man sogar? Wäre es ratsam, jedes Mal zuerst zu lachen, bevor man nachzudenken beginnt, weil man danach oft nur noch wenig zu lachen hat? Und ist alles, was lächerlich ist, automatisch unbedenklich, während vieles, was durchaus denkbar ist, überhaupt nicht zum Lachen wäre?

Ich beschloss nach dieser spontanen und völlig unzulänglichen Auslegeordnung, das Thema als abgehakt zu betrachten und strich die geistige Notiz wieder aus meiner ohnehin dem Vergessen geweihten Liste. Der ruhige Moment kommt erfahrungsgemäss nie. Und wenn er wider Erwarten doch einmal käme, wäre ich bestimmt wieder so müde, dass mir nur die Hälfte der Liste in den Sinn käme, und wahrscheinlich die weniger spannende. Legen wir uns hin.

Zwischen all den Kettensägen, die auf fast jedem Blog, der etwas auf sich hält, zum festen Bestand zu gehören scheinen, meldete sich, vom vielen Predigen heiser und durch Jahrhunderte abgedämpft nur noch halblaut, Martin Luther. „Die Welt kann nichts weniger ertragen als gute Tage.“

Über die theologische Deutung dieser Aussage, liebe Gemeinde, bin ich mir im Unklaren und werde es ebenso bleiben, wie bezüglich ihres reformatorischen Gehalts. Wenn ich versuche, den Satz losgelöst vom Autor zu verstehen, im Freien sozusagen, stelle ich fest, dass sich mir auch dann nicht ohne weiteres erschliesst, was mit der Welt gemeint ist. Was genau soll sie kaum ertragen? Und wie würde sich das äussern? Es scheint mir doch so zu sein: Die Welt erträgt alles und geht zugrunde daran.

Sollten mit der Welt aber die Menschen gemeint sein, bleibt mir die volle Einsicht ebenfalls versagt. Die Menschen brauchen gute Tage, und sie ertragen sie auch. Dass in diesen guten Tagen vieles schief läuft (vielleicht weil man nicht lachen und gleichzeitig denken kann?) und einige von uns auf Abwege geraten, weil und während es ihnen gut geht, mag sein. Ist so. Und jetzt?

Vielleicht wurde Luther ja föllig valsch zitiert und keiner hält es für notwendig, das Zitat zu korrigieren. Vielleicht hat er ursprünglich gesagt: „Man soll den Rasen nicht mit dem Mäher mähen, den Baum nicht mit der Säge fällen. Nimm die Axt, Eugen, und Finger weg von Motoren!“.
Oder sein Gedanke über die guten Tage musste, um die lange und beschwerliche Reise durch die Jahrhunderte zu überstehen, einen Teil seines tieferen und dadurch schweren Sinns zuhause im 16. Jahrhundert lassen. Alles hat einfach nicht Platz, wenn man leicht reist, und Koffer aus Aluminium gab es noch nicht.

Vielleicht hätte Luther etwas ganz anderes gesagt, wenn es damals bereits Motorsägen gegeben hätte. Oder er hätte sich angewidert abgewendet, weil ihm ein Rad vom Koffer gebrochen wäre, und hätte das Ganze als unreformierbar deklariert, Kirche und Menschheit. Nur eine einzige These an der Türe: Macht doch was ihr wollt.

Das will ich aber nicht glauben. Grosse Reformatoren darf man nicht abschreiben, nur weil man ein Zitat nicht ganz versteht. Am wahrscheinlichsten ist, wie so oft, dass es an mir liegt. Ich bin ja nicht blöd. Es gibt nur gute und weniger gute Tage, um mich einen Blog-Eintrag schreiben zu lassen.

2 Antworten to “Luther, leicht gestresst”

  1. Andi Says:

    P.S. Danke!!!

  2. Andi Says:

    So zu schreiben, erlaubt es, dem Schreibenden beim Denken zuzusehen. Das ist wohltuend, und es bleibt Raum fürs Lachen, und paradox: Der Koffer wird etwas voller und zugleich leichter.

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