Kleinwikipedasien – ein Ortstermin

Antalya kennen wir als Touristen. Lange Strände, an denen sich ein niedlicher Hotelblock an den andern reiht. Charterflüge, Vollpension, reihenweise Liegestühle und am Abend ein mitreissendes Unterhaltungsprogramm, bei dem ein russisch sprechender Zauberer die gealterten Ehefrauen, die sich tagein-tagaus (auch an Sonntagen) für solche Urlaube abgerackert haben, in niedliche Mäuse verwandelt. Was wünscht Mann mit Bauch sich Meer.

Patara ist schon ein bisschen weniger bekannt, obwohl es auch in der Provinz Antalya liegt, zweihundert Kilometer östlich von Antalya, im Landkreis Kaş, an der Mündung des antiken Flusses Xanthos, der heute Eşen Çayı heisst, aber wir bleiben bei Xanthos, weil uns das leichter über die Zunge geht.

Ich war nie in Patara. Es existiert ja auch nicht mehr. Sie können mir trotzdem getrost alles glauben, was ich hier schreibe, obwohl ich es nur bis nach Kas geschafft habe, und auch das ist über drei Jahre her. Alles, was nun folgt, und es ist einiges, haben Leute, die es wissen müssen, so in Wikipedia eingetragen, obwohl ich mich immer frage, woher sie das alles wissen – weil es vor ihrem Eintrag ja nicht in der Wikipedia stand. Haben die zuhause noch ein Lexikon?

Patara war lange Zeit der bedeutendste Hafen der Region. Unter dem Namen Pttara war die Stadt wohl eine lykische Gründung, auch wenn eine spätere griechische Tradition sie auf Pataros, einen liederlichen Sohn Apollons zurückführte, dem eine Affäre mit einem lokalen Orakel nachgesagt wird.

Apollon soll versucht haben, die Affäre seines Sohns zu vertuschen, indem er das Orakel zum Kult erklärte, aber wenig später büsste die Stadt bei Unruhen innerhalb von nur drei Wochen auch noch das zweite und das dritte «a» ein und verlor als Pttr so viel von ihrem einst guten Klang, dass keiner mehr hinwollte, auch wenn die Preise tief und die Winde günstig waren.
Mir reicht’s. Ich nehme jetzt gleich das nächste Schiff nach Pttr.
Nach wo?

Der Hafen musste schliesslich geschlossen werden und heute erinnert kaum noch etwas daran, dass die Stadt unter Alexander dem Grossen eine wichtige Rolle bei den Diadochenkämpfen spielte, bei denen sich die Dorfältesten in langen, farbigen Gewändern mit zwei Meter langen Q-Tipps vom Boot zu stossen versuchten.

Drachmen aus Patara (aus dem zweiten Jahrhundert vor Christus) sind unter Numismatikern besonders beliebt, weil sie keine Vorderseite haben. Auf der einen Rückseite ist das Portrait des Orakels abgebildet, auf der anderen eine Lyra. Die Bevölkerung von Patara war im Übrigen dafür bekannt, dass sie aus allem ein Römisches Theater machte.

Im ersten Jahrhundert nach Christus weilte der Apostel Paulus im Verlauf seiner dritten Missionsreise kurz in Patara und soll sich über die Fliegen in seinem Zimmer dermassen aufgeregt haben, dass er die Stadt bei seiner vierten und fünften Missionsreise links liegen liess. Im 3. Jahrhundert nach Christus wurde dann der Bischof Nikolaus von Myra in Patara geboren, der später Bischof wurde und den wir noch heute jeden 6. Dezember feiern.

Er soll als Junge mit seinem Onkel nach Myra gezogen sein, weil ihm die Hafenstadt Patara zu laut war. Ihm oder seinem Onkel – die Überlieferung ist ungenau. Wenn er ein wenig gewartet hätte, hätte sich der Umzug vielleicht erübrigt. Wie viele andere Häfen verlandete auch der Hafen Pataras langsam aber unaufhaltsam.

Es ist dies ein Phänomen, das gemeinhin damit erklärt wird, dass die kontinuierliche Sandanschwemmung der Flüsse, an deren Mündung die Häfen liegen (in unserem Fall der Fluss Xanthos), die Hafenbecken auffüllt und nach einer Weile ein neuer Hafen gebaut werden muss, während der alte Hafen sozusagen landeinwärts wandert. So gibt es Häfen, die man im Inland drei oder viermal besichtigen kann, bevor man am Meer den heutigen Hafen besucht, sofern es einen gibt.

Euphanes der Weitsichtige (78-127 n. Christus) hat dieses Naturgesetz früh erkannt und soll den Baumeistern seiner Zeit dazu geraten haben, die Häfen gleich zu Beginn im Hinterland anzulegen, um späteren Generationen die Neugründungen zu ersparen. Seine Schriften waren aber fast unleserlich und deshalb wenig bekannt, was dazu führte, dass die Häfen auch weiterhin an den Flussmündungen gebaut wurden – mit den bekannten Konsequenzen.

Endgültig aufgegeben wurde der Hafen von Patara erst im Mittelalter, als es auch an Lykiens Küsten trotz Leuchttürmen finster geworden war und man aus ökologischen Gründen wieder zur Selbstversorgung überging. Der ökologische Sandalenabdruck war durch den römischen Fernhandel einfach zu gross geworden und nördlich der Alpen hatten sie die andauernden Austern satt.

Systematische Ausgrabungen der Stadt Patara wurden erst in den 2000er-Jahren durchgeführt. Neben Überresten grösserer Bauten (ein römischer Triumphbogen, mehrere Bäder, ein Theater, zwei Aquädukte und drei Aldi-Filialen) fand man auch Reste eines antiken Leuchtturms, dessen Leuchtfeuer seltsamerweise ins Landesinnere gerichtet war.

Diesen August ist Patara wieder in die Schlagzeilen gelangt. Bei Ausgrabungen habe man, so berichteten türkische Zeitungen, ein Pferderelief aus dem fünften Jahrhundert vor Christus gefunden. Der für die Grabungen zuständige Archäologe hat das in einer Basilika entdeckte Relief ohne zu zögern als den aufregendsten Fund seit Grabungsbeginn bezeichnet, weil das Pferd eine Decke trägt und keinen Sattel, woraus sich offenbar schliessen lässt, dass es sich um eine persische Darstellung handelt, womit eine Lücke in der Geschichte von Patara endlich geschlossen worden sei.

Hafen aufgefüllt, Lücke geschlossen – wir fassen zusammen: Ein Relief ist eine künstlerische Darstellung, die sich plastisch vom Hintergrund abhebt. Eine Decke (ein Stück Stoff) anstatt ein Sattel bedeutet, dass das Pferd aus Persien stammt, in Farsi gewiehert hat. Woraus sich abreiten lässt, dass die Perser im 5. Jahrhundert vor Christus tatsächlich in Kleinasien waren, auch wenn sich das aufgrund der Kreditkartenbelege nicht verifizieren lässt.

Ein Pferd ist in vierbeiniger Warmblüter, der alle 30 bis 120 Minuten äpfelt, was sich zu 50 Kilogramm pro Tag anhäufen kann. Im Vergleich zum Dung anderer Tiere riechen Pferdeäpfel nur wenig, während Reliefs geruchlos sind, was Pferdeäpfeln nur versteinert gelingt. Die Farbe der Pferdeäpfel hängt wesentlich von der Nahrung der Tiere ab. Die Farbe von Reliefs hängt hingegen davon ab, wie sie bemalt und ob sie lackiert wurden.

Das Relief steht als Kunstform zwischen der Bildhauerkunst und der Malerei. Auch dies so nachzulesen in Wikipedia. Macht aber wenig Sinn, wenn Sie mich fragen (und Sie sollten mich fragen). Vor allem, wenn der Lack und die Farbe einmal ab sind. Aber ich glaube ohnehin nicht alles, was in Wikipedia steht. Auch anderswo nicht. Ich glaube fast nichts, was ich nicht selber ein wenig verändert habe. Herodot ist ein Schwätzer.

Eine Antwort to “Kleinwikipedasien – ein Ortstermin”

  1. Andi Says:

    Eine Geschichte über die Herstellung von Geschichte aus dem Erzählen – wunderbar!

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