And suddenly my mind began to dance

In der Psychologie nennt man es eine Henderson-Leachman Reaktion, so benannt nach dem amerikanischen Tiefenpsychologen Charles Eaton Henderson, einem Zeitgenossen von Carl Lintner, den es auch nicht gab, aber in Deutschland, während Winston Leachman nicht das Geringste mit der Sache zu tun hat. Sein einziges Verdienst, wenn man das als ein solches anerkennen will, besteht darin, dass er im Gegensatz zu Henderson und Lintner tatsächlich existiert hat. Wobei es für seine Existenz nur einen indirekten Beweis gibt, allerdings einen prominenten.

Seine Schwester ist die amerikanische Schauspielerin Cloris Leachman, die während ihrer langen Karriere nicht weniger als neun Emmy Awards gesammelt hat und 1971 sogar mit einem Oskar ausgezeichnet worden ist. Sie erhielt ihn für Ihre Rolle als beste Nebendarstellerin im Film «The Last Picture Show». Und genau das war letzten Endes auch ihr älterer Bruder, Winston Leachman: ein Nebendarsteller, dessen Name sich mit einem Bindestrich an Hendersons beschränkten Ruhm angekoppelt hat.   

Henderson beobachtete das, was heute unter dem Namen Henderson-Leachman Reaktion einigen wenigen Spezialisten bekannt ist, zum ersten Mal an einer 55-jährigen Patientin, die schon seit mehreren Jahren in seiner Behandlung war. Die Patientin beklagte sich neben verschiedenen identifizierbaren körperlichen Gebresten wie etwa Rheuma und Osteoporose auch über Schmerzen, deren Herkunft nicht zu eruieren war, und sie litt in zunehmendem Masse an schweren Depressionen und psychischen Störungen.

Nun muss man über Osteoporose wissen, dass die amerikanische Forschung vor rund 40 Jahren zur Ansicht gelangt war, Osteoporose müsse, sobald sie diagnostiziert werde, medikamentös behandelt werden, und zwar auch bei Frauen, die erst zwischen 50 und 60 Jahre alt waren. Heute ist diese These längst widerlegt, aber bis sie endlich widerlegt wurde, hat die Pharmaindustrie mit den von den Ärzten fleissig verschriebenen Medikamenten einen schönen Batzen Geld verdient. Nie wirklich untersucht wurden dabei die Nebenwirkungen der völlig unnötigen Verabreichung dieser Medikamente an zu junge Patientinnen.

Hendersons Patientin (nennen wir sie hier Claire, denn sie hat so viel erleiden müssen, dass sie verdient, einen Namen zu haben, und zwar einen schönen) hat das Alter, in dem eine medikamentöse Behandlung von Osteoporose sinnvoll wird, nicht erreicht. Sie hat sich in ihrer Verzweiflung von einem Hochhaus gestürzt, in dem sie niemanden kannte. Einsamer kann man, so scheint es mir, kaum sterben. In ihrer Krankenakte gab Henderson seiner Vermutung Ausdruck, die er allerdings nicht beweisen könne, die psychischen Probleme Claires könnten durch die nicht indizierte Verabreichung von Medikamenten gegen ihre Osteoporose wenn nicht hervorgerufen so zumindest verstärkt und beschleunigt worden sein.             

In einer ihrer letzten Sitzungen mit Henderson, es war an einem kalten Novembertag, erzählte ihm Claire, sie hätte am Tag zuvor ein wunderbares Erlebnis gehabt. Es sei ihr etwa eine Stunde nach dem Aufwachen, während derer sie Schmerzen gehabt habe und von den üblichen dunklen Gedanken geplagt worden sei, plötzlich und unvermittelt sehr leicht geworden ums Herz und es seien ihr auf’s Mal die verrücktesten und schönsten Gedanken durch den Kopf gegangen («…and suddenly, my mind began to dance».

Henderson horchte auf. Eine Frau, deren letzte zehn Jahre von einer schier endlosen Kette von physischen Erkrankungen und psychischen Problemen geprägt waren, stand eines Tages vor dem Spiegel und fühlte sich unvermittelt für einen Moment nicht nur gut, leichten Herzens, wo sonst Schwermut herrschte, es gingen ihr unvermittelt jede Menge unbeschwerter, positiver und verrückter Gedanken durch den Kopf, so dass sie das Gefühl hatte, ihr Verstand hätte plötzlich zu tanzen begonnen.  

An den Inhalt dieser Gedanken konnte sich Claire nicht mehr erinnern, und die sie in alle Richtungen lockende Leichtigkeit war noch im Laufe des Morgens wieder verschwunden, aber während sie vom plötzlichen Lostanzen ihres Verstandes erzählte, huschte ein Hauch von Unbeschwertheit über ihr sonst so sorgenvolles Gesicht und sie sah einen kurzen Moment aus wie ein kleines Mädchen.

***

Henderson steckte, nachdem er Claire verabschiedet hatte, noch mitten in seinen Notizen, als es an der Praxistüre klingelte. Als er öffnete, stand sein alter Schulfreund    Winston Leachman vor ihm. «Hallo Charles», sagte Leachman. Er sah aus wie jemand, der schon eine ganze Weile unter der Brücke schläft.

«Winston…? Winston Leachman?»

«Yep…»

Henderson wollte Leachman zuerst hereinbitten, besann sich aber angesichts des strengen Geruchs, der von seinem Schulfreund ausging (ein Gemisch aus Alkohol, altem Schweiss und nassen Socken) eines Besseren. Er nahm seinen Mantel und seinen Hut von der Ablage neben der Türe, schloss hinter sich ab und führte Leachman zum Lift, indem er ihn am Arm nahm.

«Komm mit, Winston, ich lade Dich zum Essen ein.»

Es stellte sich heraus, dass Winston tatsächlich seit ein paar Wochen im Freien schlief. Das Leben hatte ihm, wie man sagt, übel mitgespielt. Er hatte zuerst seine Frau verloren, die ihn wegen eines älteren Mannes verlassen hatte («Wegen eines Älteren, Charles, ist es zu glauben? Wegen eines Älteren…»), dann seine Arbeit und sein Haus.

Leachman erzählte Henderson in langen, um sich selbst kreisenden und immer wieder an ihre Anfänge zurückkehrenden Sätzen Episoden aus seinem Leben, seit sie sich vor fünfzig Jahren aus den Augen verloren hatten, und verdrückte dabei ein geschätztes halbes Dutzend Hamburger – nur die Kellnerin zählte mit.  

«Das tut mir sehr leid…» warf Henderson ein, als Leachman gerade im Begriff war, in seinem Bericht über sein misslungenes Leben zu einem besonders schwierigen Punkt zurückzukehren, an dem er schon mindestens dreimal gelandet war. «Das tut mir wirklich sehr leid, Winston.»  Und um zu verhindern, dass sich Leachman wieder auf seine Endlosschlaufe begab, fuhr er fort: «Ich hatte gerade eine Patientin, die mitten in ihrer Misere einen Augenblick völliger Leichtigkeit, Unbeschwertheit und positiver Verrücktheit erlebt hat. Ihre Gedanken hätten plötzlich zu tanzen begonnen, wie sie es nannte.»

Leachmans schmale und blutunterlaufende Augen schauten ihn über dem Hamburger an. Er hatte aufgehört zu kauen. «Ich weiss, was sie meint,» sagte er dann. «Ich kenne das.» Dann begann er wieder zu kauen und begab sich wieder auf seine Endlosschlaufe.

Am Abend erzählte Henderson seiner Frau ausführlich von Claires Erlebnis und etwas weniger ausführlich von der unerwarteten Begegnung mit Winston Beachham. «Ich glaube,» schloss er seine Ausführungen zu Claire, «es handelt sich um eine Art Fluchtreaktion des Verstandes, der nach einer langen Periode von schwer zu ertragenden Leiden und dunklen Geisteszuständen eine Notfallklappe öffnet, die hinausführt auf eine gut besonnte Wildwiese, wo die Gedanken und Gefühle wie junge Fohlen herumtollen.»   

«Und was ist mit Leachham?» fragte seine Frau. «Kannst Du ihm helfen?»

«Nein,» sagte Henderson. «Ich habe ihm Geld gegeben. Und ich werde die Fluchtreaktion, die ich heute entdeckt habe, die Henderson-Leachman Reaktion nennen. Helfen kann ich ihm nicht.»

***

Das Verrückte an dieser traurigen Geschichte, geschätzte Leserin, geschätzter Leser, hat sich Ihnen noch gar nicht offenbart, und ich möchte es Ihnen nicht vorenthalten. Als ich den ersten Satz heute Morgen in meinem Büro schrieb, an einem grauen Dienstag in Wien, während Baulärm vom Palais Schwarzenberg zu hören war, begann er so: «In der Psychologie nennt man es eine Henderson-Leecham Reaktion».

Nach Vollendung des ersten Abschnitts war ich mit dem Namen «Leecham» nicht zufrieden, und ich änderte ihn zuerst auf «Leechham», dann auf «Leechman». Nachdem ich eine Weile weitergeschrieben hatte, klopfte es an der Türe und meine Assistentin trat in mein Büro. Sie brachte mir einen ganzen Stapel von Briefen und kleinen Paketen, die am Freitag und Montag (Tage, an denen sie im Home Office ist) in der Kanzlei für mich abgegeben worden waren. Als wir besprochen hatten, was es zu besprechen gab, und sie mein Büro wieder verlassen hatte, öffnete ich das erste Paket, das mit Amazon-Klebern verschlossen war.

Es enthielt drei Filme und ein Buch, das ich für meine Frau bestellt hatte. Zuoberst im Paket lag «Die letzte Vorstellung» (The Last Picture Show), und als ich auf dem Umschlag der DVD die Namen der Schauspieler las, sprang mir sofort nicht etwa Jeff Bridges oder Ben Johnston ins Auge, auch nicht Ellen Burstyn (alles Schauspielernamen, die mir wohlbekannt sind, und die ich deshalb zuerst hätte sehen müssen, weil wir ja immer sehen, was wir wiedererkennen wollen), sondern Cloris Leachman.

Ich googelte die mir bis dahin unbekannte Schauspielerin und stellte verblüfft fest, dass sie erst vor einer Woche gestorben war – am Dienstag, dem 26. Januar. Möglicherweise am Tag, an dem ich den Film bestellt hatte.

Und heute also, eine Woche später, als ich mich zu Beginn eines sich mühsam ankündigenden Tages plötzlich leicht fühle und mir gleichzeitig vieles durch den Kopf geht und meine Gedanken wilde Kapriolen schlagen, will ich etwas über diesen plötzlichen Stimmungsschwenker schreiben und beginne mit dem Satz «In der Psychologie nennt man es eine Henderson-Leecham Reaktion».

Dann merke ich, dass etwas mit dem Namen Leecham nicht stimmt, weiss aber nicht was, und dann kommt das Paket, das mir die Antwort gibt: Der Name ist Leachman! Also korrigiere ich den Namen und damit nicht genug, ich bin nun auch in der Lage, einen indirekten Beweis für Leachmans Existenz zu liefern: seine Schwester.

Wie aber hat der Name Leecham, den ich als Statthalter für den (nur kurze Zeit später per Paket nachgelieferten) richtigen Namen eingesetzt hatte, den Weg in meine tanzenden Gedanken gefunden? Handelt es sich um eine weitere Facette der nicht wirklich weiterführenden Hinweise im Umfeld meiner bisher nicht zu beantwortenden Frage, wo die Dinge sind, bevor wir sie denken oder niederschreiben, und woher sie kommen, wenn sie dann plötzlich erscheinen?

Woher kam Leachman, als er mir heute früh in den Sinn kam? War er noch im Halbschlaf und hat mir deshalb seinen Namen falsch buchstabiert? Und wo war seine Schwester, bevor sie mir per Post zugestellt wurde? Wie lange sind Nachrichten unterwegs, per Paket, als Brief, als fehlgeleitete E-Mail, bevor sie dort ankommen, wo sie gebraucht oder erwartet werden (nicht immer beides)? Und warum erwähnt der kurze Wikipedia-Artikel über Cloris Leachman ihre beiden Schwestern und verschweigt ihren älteren Bruder? Wusste sie am Ende gar nichts von seiner Existenz? Soll ich den Wikipedia-Artikel bearbeiten?   

Ich würde diesen Fragen gerne weiter nachgehen, aber es ist mittlerweile Mittag geworden und ich höre Lachen aus dem Botschaftsgarten. Wenn mich alles täuscht, sind das Jeff, Ben, Ellen, Timothy (Bottoms), Randy (Quaid) und Cybill (Shepherd), die trotz der Kälte eine Flasche Weisswein aufgemacht haben und mit meiner Frau einen Apéro trinken, zur Erinnerung an Cloris, mit der sie vor über 40 Jahren auf dem Set gestanden haben. Ich glaube, ich werde erwartet.     

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