Man kann nicht alles behalten

(ein windiger Tag in Wien)

Man kann nicht alles behalten. Mein Bruder und ich haben die Möbel meiner Eltern (die meisten selbst gemacht wie ihr Tod) eines nach dem andern auf den Balkon ihrer Wohnung im dritten Stockwerk ihres Mehrfamilienhauses geschleppt und über das Geländer gehievt. Sie sind unten auf der Wiese krachend in die Brüche gegangen und es ist zu lange her, als dass ich noch wüsste, wer den meterhohen Trümmerhaufen am Ende beseitigt hat. Jedenfalls hatten wir Glück, dass niemand erschlagen wurde.  Vielleicht haben wir ja auch bei jedem Möbelstück laut gerufen, bevor wir es losgelassen haben: „Achtung, fliegendes Sofa!“, „Achtung, fliegender Schreibtisch!“, „Achtung, fliegendes Bett!“. Ich weiss es nicht mehr. Man kann nicht alles behalten. Auch im Gedächtnis nicht.

Getroffen wurde jedenfalls niemand. Auch vom eisernen Bücherbaum nicht, einem Spätwerk meines Vaters, der grün bemalt und unlackiert im Schlafzimmer meiner Eltern in einer Ecke stand.  Er trug zwar nicht sehr viele Bücher, hätte mit seinem Eigengewicht aber leicht jemanden erschlagen können. Ich habe viele Bücher aus der Bibliothek meines Vaters behalten, aber sie war so umfangreich, dass wir die Bücher gleich regalweise entsorgt haben.  Darunter einige, die ich heute gerne zurückhaben würde.

Ein paar wenige habe ich unterdessen antiquarisch wieder gekauft. Zum Beispiel vier Paperbacks von Don Martins „Fester and Karbunkle“ aus den 60er und 70er Jahren. Ich habe sie immer geliebt und ich kann mir nicht erklären, was mich damals geritten hat, sie nicht zu behalten.  Nur schon “The Motor Trip“ in „Don Martin Steps Out“ wäre Grund genug gewesen, diese paar Taschenbücher zu behalten.

Fester zu Karbunkle: „You know what’s fun when you’re driving up a hill like this, Karbunkle? Pretend it’s not a hill but the edge of a cliff, and we’re going to fly off into space.” Sie fahren den Hügel hoch und kommen über die erste Kuppe „Weeeee-ah – ha ha ha!“, dann den Hügel runter und den nächsten Hügel hoch, bis sie auf der zweiten Kuppe frontal in eine bemalte Mauer krachen.

Frontal in die Mauer oder über das Kliff ins Weltall: Fester und Karbunkle haben überlebt. Das Zentralverzeichnis Antiquarischer Bücher ist eine geniale Erfindung. Man findet alles, meist in mehreren Exemplaren. Nur das Kinderbuch Tupfi habe ich nur einmal und danach bis heute nicht mehr gefunden. Ich hatte das damals einzige auf ZVAB auffindbare Exemplar vom getupften Hasen, der in einer Familie von weissen Hasen aufwächst, bei einem Antiquar in Aachen bestellt. Ein paar Tage später meldete er sich zerknirscht und bedauerte, sich geirrt zu haben. Er hätte das Buch bereits verkauft und nicht aus dem Verzeichnis genommen. Wenn er wieder eines erhalten würde, würde er sich bei mir melden. Seither warte ich auf Tupfi.  

Eine glücklichere Hand hatte ich, als ich die beiden Gedichtbände von Ogden Nash behielt. Wie glücklich, merkte ich allerdings erst letztes Jahr, als ich beim Blättern auf eine Zeile stiess, die seither auf der Liste der Lyrik-Zeilen, die ich zuletzt vergessen möchte, ganz oben steht: Der Wind kann auf kurzer Distanz längere Zeitspannen überbrücken

Heute ist nach ein paar Tagen schwüler Hitze, die nur schwer zu ertragen war, ein sehr windiger Tag in Wien, und wahrscheinlich deshalb hat es mich, als ich mit den Hunden spazierte, ihre Schnauzen im Wind und ihre Ohren flatternd am Hals, zurückgetragen bis in den Sommer 1987, als neun Monate nach meiner Mutter auch mein Vater starb.   

Ich erinnere mich an vieles aus jenen dunklen Tagen, und ich befürchte, dass es selber Erlebtes ist, auch wenn ich es so lieber nicht erlebt hätte. Der selbst nicht mehr junge Ich-Erzähler in Lars Gustafssons „Die Sache mit dem Hund“ sagt am Ende des 5. Kapitels, er habe festgestellt, dass die alten Männer, wenn sie im Country Club von ihren Erlebnissen im 2. Weltkrieg erzählten, Episoden der schwarzweissen Dokumentarfilme nacherzählten, die in endlosen Wiederholungen auf dem pädagogischen Kanal 9 gezeigt würden, und glaubten, sie hätten sie selber erlebt.   

Es ist bestimmt nicht immer einfach, klar und zweifelsfrei zwischen selber Erlebtem und allem andern zu unterscheiden, was man über die Jahre gelesen, gesehen und gehört hat. Gut gelesen ist fast wie selber erlebt. Und in vielen Filmen kommen wir selber vor, wenn auch die Stimme schludrig synchronisiert ist.

Auch das wirklich selber Erlebte (in Abgrenzung von der nicht selber erlebten Wirklichkeit) ist, wenn wir uns Jahrzehnte später daran erinnern wollen, längst nicht mehr das, was wir einst erlebt haben. Manchmal gleicht es sich kaum noch. Das Gedächtnis ist nicht sorgfältig damit umgegangen. Hat wie ein unbeaufsichtigtes Kind, dem langweilig war, daran herumgebastelt. „Um Himmels Willen, das war meine liebste Erinnerung – wie sieht das jetzt aus! Ich hab Dir doch gesagt, Du sollst die Finger von diesen Erinnerungen lassen.“  

Die Schwester meiner Frau hat mir bei unserem letzten Besuch ein Spielgerät in die Hand gedrückt, bei dem es darum geht, die beiden ineinander verhakten Holzteile voneinander zu trennen., ohne Gewalt anzuwenden.  Der Trick dabei ist, dass man das Ding wie einen Kreisel um die eigene Achse drehen muss, damit sich die Stäbchen, die in den Hohlräumen die beiden Holzteile zusammenhalten, durch die Zentrifugalkräfte zu deren Enden hinbewegen und die Holzteile freigeben.   

Wer weiss, Vielleicht funktioniert auch das Gedächtnis so. Man müsste nur die Gedanken so schnell um ein Zentrum kreisen lassen, bis sich die Erinnerung an das selber Erlebte am Rande sammelt und alles andere, was nicht das Gewicht des selber Erlebten hat und nur den Anschein machen will, selber erlebt worden zu sein, trudelt ins Zentrum und fällt dem Vergessen anheim.   

Von der Rückseite betrachtet wohnten meine Eltern übrigens im zweiten Stockwerk des am Rande von Zürich an den Hang gebauten Hauses, nicht im dritten. Aber da wird man keinen Balkon finden. Nicht einmal wenn man im Zentralverzeichnis aller Gedächtnisse danach suchen könnte.

Eine Antwort to “Man kann nicht alles behalten”

  1. Anonymous Says:

    Lieber Walti, danke für einen weiteren schönen Text aus deiner Werkstatt. „Tupfi“ müsste auf Ebay zu finden sein, hab grad nachgeschaut.

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