Das achte Land oder der wahre Grund meiner Pensionierung

Ein Wohnort unterscheidet sich von einem Aufenthaltsort insofern, als man sich an einem Aufenthaltsort aufhalten kann, ohne gleich dort wohnen zu müssen, während man an einem Wohnort seinen Lebensmittelpunkt haben sollte, weil man sonst Probleme mit den Steuerbehörden kriegen kann.

Es reicht zum Beispiel nicht, eine Adresse in Obermumpf zu haben, oberhalb von Mumpf im nördlichen Kanton Aargau, um behaupten zu können, man wohne in Obermumpf, wenn man sich dann praktisch nie in Obermumpf, sondern meistens im oberen Calancatal, einem Seitental des Misox, oder in Monaco aufhält.

Wobei ich nicht einsehe, warum jemand in Obermumpf ein Haus kaufen würde, das bis vor drei Jahren nicht nur nebelfrei (im Gegensatz zu Mumpf, wo man sich im Herbst von Haus zu Haus tastet), sondern noch erschwinglich war, und es dann für viel Geld renovierte (Sonnenkollektoren im Keller und ein WC mit Luftwärmepumpe), wenn er dann doch nie dort wäre. Was ist so besonders an Monaco?

Bei Diplomaten ist der Lebensmittelpunkt eine unstabile Angelegenheit. Er verschiebt sich im Vierjahreszyklus auf der Weltkarte. Gegen Ende eines Einsatzes, etwa ein halbes Jahr vor dem Transfer, verabschiedet sich der gefühlte Lebensmittelpunkt dann vom Wohnort und macht sich auf zum neuen Dienstort.

Anders sieht es am Ende der beruflichen Laufbahn aus. Erhält man nach bestandener Eitrittsprüfung eine Anzahl Tickets an noch nicht feststehende Dienstorte im Ausland, sind diese am Ende der Karriere aufgebraucht und es stellt sich die Frage: wohin nun?  Zurück in die Heimat? OK! In welche?   

Ich zähle in meinem Kopf (ich will Ihren nicht damit belasten) die Länder auf, in denen ich gelebt habe, und ich komme auf sieben. Sonderbar, es waren gerade noch acht. Ich kann mich klar und deutlich hören, wie ich gestern Abend einem Gast antwortete, der mich nach meiner Ankündigung, ich würde nach 35 Berufsjahren bald in Pension gehen, nicht nur gefragt hatte, wo ich in Zukunft leben würde, sondern auch, wo ich bisher gelebt hätte.

„Ich habe in 8 Ländern gelebt“, antwortete ich, und begann damit, sie aufzuzählen (auf einer 1987 beginnenden Zeitachse, da eine alphabetische Aufzählung wenig Sinn macht). Seine Neugier, sofern es denn Neugier war und nicht, wie ich vermute, Konversation, war beim fünften Land gestillt und er unterbrach meine wie immer viel zu ausschweifenden Ausführungen mit dem Ausruf: „Aahh, Tel Aviv! Da habe ich einmal…“.

Bei diesem Stichwort gesellte sich meine Frau zu uns und steuerte das Gespräch von Tel Aviv zum Krieg in der Ukraine, wo ich nie auf Posten war, womit meine Aufzählung unvollendet blieb, was, wenn ich es mir überlege, praktisch immer der Fall ist, wenn ich sie in Gesellschaft beginne. Meistens bleibt eine Zuhörerin oder ein Zuhörer in einem Land hängen und ich muss sie später evakuieren. Die Frage, wo ich in Zukunft leben werde, blieb so im Raum stehen.   

Ich bin mir sicher, es waren acht Länder, nicht sieben. Ist mir eines abhandengekommen? Habe ich es glatt vergessen oder verkauft, um mir mit dem Erlös doch noch eine Wohnung in Zürich kaufen zu können? Man kann eine zutreffende Äusserung, wenn sie einen wirklich trifft, verinnerlichen. Aber kann man Erinnerungen veräussern?

Wenn ja, welches Land hätte ich verkauft? Eines, an das ich schlechte Erinnerungen hatte, oder dasjenige, welches am meisten einbrachte? Überwiegend schlechte Erinnerungen habe ich an keines der Länder, in denen ich lebte. Jedenfalls nicht an eines, an das ich mich noch erinnere, woraus man nun den Schluss ziehen könnte, dass ich das achte Land genau aus diesem Grund verkauft und vergessen haben könnte.

Der höchste Erlös war kaum das entscheidende Kriterium, da die USA und Deutschland noch auf meiner Liste sind und ich mir kaum ein Land vorstellen kann, das beim Verkauf mehr einbringen würde, während Frankreich heute wegen der ständigen Unruhen keiner mehr will. Oder war ich in China und habe China verkauft? An die Chinesen?

Eine Wahrsagerin hatte mir 1996 in Washington prophezeit, ich werde in China Wichtiges für mein Land tun. Habe ich China für die Schweiz verkauft wie andere ein Generalkonsulat schliessen? Oder später in Ankara unter dem Ladentisch? „Schauen Sie jetzt nicht in die offene Schublade, aber ich habe eine absolute Rarität für Sie. Ein Land mit 1,4 Milliarden Einwohnern. Es ist zusammengefaltet und ich kann es hier nicht aufklappen, aber es ist in tadellosem Zustand und ich mache Ihnen einen guten Preis.“

Ich gehe die Kontinente durch, Land für Land, und stelle fest, ich finde auch da nicht mehr alle. Europa und die drei Amerikas kriege ich noch zusammen. Australien und Neuseeland sind einfach, Asien scheint mir, rasch und aus geringer Höhe überflogen, ziemlich vollständig vorhanden (gib oder nimm ein paar Inseln), während Afrika südlich der Sahara blinde Flecken hat.

Dann sitze ich in meinem zu grossen Anzug im Zug von Zürich nach Bern und lerne vor der diplomatischen Eintrittsprüfung die Hauptstädte der Welt auswendig, obwohl das später nie jemand wissen wollte. Auf der Vorderseite des A4-Blatts eine Weltkarte mit Nummern, auf der Rückseite eine Liste mit den Hauptstädten. Ouagadougou.

Im Calancatal war ich zum letzten Mal als Gymnasiast. Ich wanderte mit einem später früh verstorbenen Schulfreund und seinem belgischen Schäferhund Zigano das Tal hoch. Zigano war ein lebhaftes, fröhliches Tier. Ja, ich denke, Hunde können fröhlich sein. Obwohl ihn Äste, Kastanien und Tannzapfen auch interessierten, hatte Zigano am liebsten, wenn man ihm Steine warf. Ich sehe sie auf der Strasse aufprallen und wie er sie im Flug fängt, bevor sie wieder landen. Mir taten seine Zähne leid.  

In Monaco war ich in meinem Leben bisher zweimal und ein drittes Mal muss nicht sein. Einmal mit Freunden an einem Fussballspiel, an dem sich die Einwohner der fünf Gemeinden des Calancatals im Gästesektor verloren, und ein zweites Mal Jahre später auf einer Reise durch Südfrankreich mit meiner zweiten Frau. Es war schwierig einen Parkplatz zu finden, und die Reisebusse aus dem Graubünden verstopften noch immer die engen Strassen auf dem Weg nach der Ausfahrt. Nicht einmal Jody Scheckter hätte überholen können.   

Ich weiss, es klingt dumm. Natürlich müsste ich mich an mein achtes Land erinnern, China hin oder her. Erstaunlicherweise weiss ich noch, dass ich da unbedingt hinwollte. Ich schrieb diesbezüglich sogar meinem Aussenminister, was ich sonst nie tat. Und jetzt ist es spurlos verschwunden und er längst zurückgetreten. Ich muss mich entscheiden, ob das seltsam oder sonderbar ist.

Ungeklärt sind bis heute auch die Umstände meiner Pensionierung. Das Erreichen der Altersgrenze halte ich für einen Vorwand. Vielleicht bin ich untragbar geworden aus Gründen, die mit meinem Einsatz im achten Land zusammenhängen. Oder hat meine zunehmende Vergesslichkeit den Ausschlag gegeben? Dass mir der Lebensmittelpunkt abhandengekommen ist? Oder war es das Ergebnis der letzten Sicherheitsüberprüfung? Zu viele Parkbussen in Monaco?  Dass ich einem Hund Steine warf anstatt Stöcke?

Was auch immer den Ausschlag gegeben hat, es interessiert mich nicht mehr. War es mein fehlender Ehrgeiz? Dass ich mich nie für den Posten als Staatssekretär beworben habe? Galt es von Anfang an als ausgemacht, dass meine Aufnahme ins Corps ein Fehler war und ich beim ersten Anzeichen des Erreichens des Pensionsalters in die Wüste geschickt würde? Namibia? Windhoek!   

Eine Antwort to “Das achte Land oder der wahre Grund meiner Pensionierung”

  1. Anonymous Says:

    Er kann schreiben! Das kann er wirklich. Gruss aus dem Orbit.

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