Die Befragung

«Ich bin schon a Bisserl traurig.», sagte die eine Frau zur andern, als sich unsere Wege gegen Ende der Hundezone kreuzten, kurz bevor ich, vom Stadtpark kommend, wieder zu den Behältern für die Mülltrennung an der Neulinggasse gelangte. Und bevor sie ausser Hörweite war, fügte sie an: «Er hat in München kein Klavier», als ob das der Grund ihrer leichten Trauer wäre.  

Ich bin bei Klavieren hellhörig, ohne je selber gespielt zu haben, und obwohl ich das Instrument nicht besonders mag.  Wenn ich ein Instrument für die Insel auswählen müsste, wäre es jedenfalls nicht das Klavier. Eher das Saxophon oder die Bassgeige. Die Blockflöte wäre natürlich handlicher, man weiss ja nie, wann man auf einem selbst gebastelten Floss versuchen wird, die Insel zu verlassen, weil man die Hoffnung auf ein rettendes Schiff aufgegeben hat.  Aber die Flöte habe ich in meiner Jugend bereits unter dem Christbaum abgespielt und das Etui war aus Stoff, nicht wasserdicht.

Hätte die Frau gesagt: «Er hat in München keine Trompete», hätte ich es wahrscheinlich nicht einmal gehört. Gehört vielleicht schon, Trompeten sind ja schwer zu überhören, aber keine Notiz davon genommen und ganz sicher später keine darüber verfasst. Ich habe zu Trompeten keinerlei Beziehung. Wenn ich vor einem postdiplomatischen Ausschuss eine herstellen müsste, wäre es über Louis Armstrong, den meine Eltern 1955 im Zürcher Kongresshaus erlebt haben. Satchmo!

Wäre die Frau auch traurig, wenn er in München keine Trompete hätte? Und ist der, der ohne sein Klavier abgereist ist, ihr Sohn? Fragen Sie mich das im Ernst? Ich weiss es nicht. Ich nehme es an. Es bleibt mir, nachdem wir uns in der Hundezone flüchtig gekreuzt haben, nichts anderes übrig, als mit Annahmen zu arbeiten.

Wenn ich gesagt habe, ich hätte nie Klavier gespielt, stimmt das in der Regel, denn es gibt eine Ausnahme. Es gibt eine Filmsequenz, auf der ich Mitte der Achtzigerjahre durch ein stillgelegtes Hotel in Glion über dem Lac Léman führe, von einem Freund gefilmt, und lauter Unsinn rede. Im Salon setzte ich mich ans Klavier und spiele etwa drei Minuten, wobei sämtliche Finger zum Einsatz kommen und es klingt als spiele jemand, der Klavier spielen kann. Wie ich das hingekriegt habe? Ich kann es mir bis heute nicht erklären.

Nein, ich kann nicht sagen, ob die beiden Frauen mit Hunden unterwegs waren, klein oder gross oder gar nicht. Schauen Sie, die langgezogene Hundezone, in der wir uns gekreuzt haben, ist wirklich etwas Besonderes. Sie zieht sich etwa zweihundert Meter lang den abgesenkten Geleisen entlang und viele Passanten, die von der Neulinggasse in Richtung Stadtpark unterwegs sind, durchschreiten sie ohne Hund, weil es eben keine dieser mit Mulch bedeckten, unappetitlichen Versäuberungszonen ist, in denen man eher früher als später auf Hundekot tritt, sondern ein schöner Spazierweg entlang eines Streifens Wiese.

Es hat Sandhaufen, wo die Hunde Löcher graben, und Sitzbänke, auf denen die Herrchen und Frauchen sitzen und miteinander reden oder lesen oder telefonieren und dabei ihren Hunden zuschauen, wie sie mit anderen Hunden herumtollen. Auf der linken Seite die abgesenkte Bahn und auf der rechten ein mannhoher eiserner Zaun, durch den ein Baum gewachsen ist. Oder sie haben den Zaun um den Baum herum gebaut.

Sehen Sie das vor sich? Habe ich es anschaulich genug beschrieben? Natürlich ändert sich alles, wenn man vom Stadtpark herkommt. Alles ist dann seitenverkehrt. Die Bahnlinie ist rechts und der Zaun links und es können einem zwei Frauen entgegenkommen, von denen mindestens eine traurig ist, wegen dem in München fehlenden Klavier.   

Nein, auch wenn Sie mich noch ein drittes und viertes Mal fragen: Ich weiss nicht, ob die Frauen mit Hunden unterwegs waren. Warum ist das so wichtig? Meine Hunde würden es wissen. Wollen Sie meine Hunde fragen? Das Einzige, was ich Ihnen zu diesem Thema sagen kann, ist Folgendes: falls die beiden Frauen Hunde dabeihatten, war mit Sicherheit kein Männchen darunter.

Hätten die beiden Frauen ein Männchen dabeigehabt, würde ich mich daran erinnern, denn eines meiner zwei Pudelweibchen gerät jedes Mal ausser sich, wenn sie auf ein Männchen trifft. Sie beginnt dann in den hellsten Tönen zu quietschen (ich kann es nicht anders sagen) und einen Tanz, durchsetzt mit wilden Sprüngen, aufzuführen. Daran würde ich mich erinnern, denn dann wäre ich stehen geblieben, aber ich erinnere mich nicht.  

Ich bin weitergegangen und habe über das Klavier nachgedacht, auf das ihr Sohn nun in München verzichten muss. Wird es ihm fehlen oder ist er froh, eine Zeit lang nicht mehr üben zu müssen? Wie bitte? Nein, ich weiss es nicht. Es ist eine Annahme. Es könnte sich natürlich auch um ihren Ehemann oder Freund handeln, der Wien ohne Klavier in Richtung München verlassen hat. Beruflich bedingt vielleicht, für ein paar Monate, denn wenn er sie ganz verlassen hätte, wäre sie dann traurig, dass er am neuen Ort kein Klavier hat?

Vieles wäre vielleicht klarer, wenn man wüsste, was die andere Frau ausser Hörweite dazu gesagt hat. Wenn man die Hundezone in Richtung Stadtpark verlässt, geht man die nächsten zweihundert Meter der Akademie für Musik und bildende Künste entlang. Im Sommer und an warmen Herbsttagen sind die Fenster offen und man hört die Studentinnen und Studenten an ihren Instrumenten üben.

Vielleicht war Klaviermusik zu hören, als die beiden Frauen an den offenen Fenstern vorbeigingen, und es hat die traurige Frau zum Weinen gebracht. Hat ihr die andere Frau Trost zugesprochen? Das interessiert hier nicht? Was interessiert Sie denn? Sie stellen so viele Fragen, dass ich nicht weiss, was Sie von mir wissen wollen. Ist das eine Technik von Ihnen? Kommen Sie erst ganz am Ende zu dem, was Sie wissen wollen? Wenn man zermürbt und verwirrt ist und Hundekacke an der Sohle hat?

Ja, ich war mit den Hunden einmal im Innenhof der Akademie. Im Frühjahr. Ist ja nicht verboten. Und die Hunde waren angeleint. Ich bin durch dasselbe Tor wieder rausgegangen, wie ich eintrat, weil ich auf dem ganzen, riesigen Areal der Akademie keinen anderen Ausgang gefunden habe. Es gibt sicher einen, aber ich habe ihn nicht gefunden. Stattdessen ist mir ein Vers aus den Rubaiyats von Omar Khayyām in den Sinn gekommen, in der Übersetzung von Fitzgerald:  Myself when young did eagerly frequent doctor and saint, and heard great argument about it and about: but evermore came out by the same door as in I went. Ja, ich kann das auswendig. Nicht die ganzen Rubaiyat, aber einige.

Woher wissen Sie, dass ich im Innenhof der Akademie war? Natürlich – die Kameras. Überall  Überwachungskameras. Und die Hundezone – ist das der blinde Fleck? Müssen Sie mich deshalb all diese Dinge fragen? Oder ist das alles aufgezeichnet, wie ich (meine Gattin und ihre Tochter mit dem Kinderwagen ein paar Schritte hinter mir) mit unseren Pudeln zwei Frauen kreuze, und die eine, ich glaube sie war die ältere der beiden, sagt zur anderen: „Ich bin schon ein Bisserl traurig“ und kurz darauf: „Er hat in München kein Klavier“?

Wieso fragen Sie mich dann all diese Dinge, wenn sie alles schon wissen? Geht es darum, ob ich die Wahrheit sage? Oder wo ich davon abweiche? Oder geht es gar nicht um mich, sondern um eine der beiden Frauen? Sind es Spioninnen, von denen es ja in Wien nur so wimmeln soll, und „das Klavier nicht haben“ ist ein Code für etwas ganz anderes?  Sind Spioninnen traurig, oder ist das auch ein Code? 

Diese Befragung dauert nun bereits geschlagene drei Stunden, meine Herren. So lange haben nicht einmal meine Sicherheitsprüfungen als Botschafter gedauert. Da war übrigens immer eine Frau dabei. Es ist kaum zu glauben, dass in ihrem Ausschuss nur Männer sitzen. Heutzutage.

Wenn Sie herausfinden wollen, ob ich Kontakte zu Spionen pflege, ob ich am Ende selber einer bin, oder zumindest war, kommen Sie damit reichlich spät. Nein, jetzt rede ich. Sie wollten mich doch zum Reden bringen. Als ich 1994 den Iran in Richtung Washington verliess, wo ich 4 Jahre als Kulturattaché tätig war, machte in Teheran sofort das Gerücht die Runde, ich sei ein amerikanischer Spion. Ich bin sicher, es ist auch bis zu Ihnen gelangt.  Warum haben Sie damals nicht nachgehakt? Weil es lächerlich war? Das war es tatsächlich. Und ist es noch heute.

Es gibt Dinge, für die gibt es keine Erklärung. Auch von mir nicht. Da können Sie noch drei Stunden weiterfragen. Die Frau ist ein Bisschen traurig, weil der Mann in München ohne (s)ein Klavier auskommen muss, die Akademie für Musik und bildende Künste hat nur einen Ein- und Ausgang, die Hundezone zwischen der Neulinggasse und dem Stadtpark ist ein beliebter Treffpunkt für Spioninnen und Spione, die sich im Vorübergehen Codes zuraunen, und ich erkläre diese Befragung jetzt für beendet.

(Postscriptum: Um sicher zu sein, dass das Konzert von Louis Armstrong im Zürcher Kongresshaus wirklich im Jahr 1955 stattfand, habe ich es gerade gegoogelt.  Es hat heute vor 68 Jahren stattgefunden, am 7. November, 1955. Und es hat um 20:15 Uhr begonnen. Genau jetzt. Ich muss mich beeilen, wenn ich noch zu spät kommen will.)

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