Obwohl es dem ausdrücklichen Wunsch meiner Mutter entsprochen hatte, in ihrer kleinen, regelmässigen Schrift auf die Innenseite einer Papiereinkaufstüte gekritzelt, hatte keiner von uns ernsthaft erwartet, mit Ausnahme vielleicht von Onkel Ernst, der alles so nahm, wie er hiess, dass tatsächlich die meisten der wenigen Verwandten, die sich zur Beerdigung eingefunden hatten, mit rosafarbenen Papierhüten erscheinen würden, einige originell, gar kunstvoll gefaltet, andere in der schlichten Art, wie wir sie uns als Kinder beim Soldatenspiel jeweils aus alten Zeitungen gefaltet und übergestülpt hatten.
Da standen wir also vor dem offenen Grab: Unser Vater hutlos und mit beträchtlichem Alkoholpegel, der ihn in diesen Tagen und Wochen aufrecht hielt, leicht schwankend wie ein Krahn im Wind, meine Schwester mit Admiralshut in Altrosa, sonst ganz in Schwarz, was mich an früher erinnerte, als der Club der Schwarzen Masken diesen Berg beherrschte, mein Bruder für einmal glattrasiert, mit pinkem Flieger und Zylinder, meine hochschwangere Frau, die an diesem Datum eigentlich im Gebärsaal hätte liegen sollen, und ich. Alle blinzelten wir in die tiefstehende Sonne, vor der sich die beiden Hochhäuser, von denen eines die Mordwaffe war, unübersehbar pervers in den Abendhimmel reckten.
Es wurde mir klar, dass ich nicht einmal wusste, es auch nie wissen wollte, von welchem der beiden sie gesprungen war.
Zwei Dinge gingen mir durch den Kopf, während die Frau Pfarrer Worte sprach, die von einer beruhigenden Irrelevanz waren: Das eine war der Witz von dem, der von einem Hochhaus springt, und jemand, aus einem Fenster im siebten Stock gelehnt, fragt ihn beim Vorbeifliegen:
“Wie geht’s?“ und der Stürzende antwortet: “Bis jetzt gut…“
Das andere war die Idee zu einer Geschichte, als Beschäftigung, als Therapie. Zu schreiben, wenn sich die Trauergemeinde verzogen hätte, der Regen gestoppt, frisches Gemüse in den Gestellen (ein Montagmorgen).
Im obersten Stockwerk des Hochhauses beginnend erzählen, was die Leute (x-beliebige Leute, herrgottnochmal, eine Alltagsbesetzung) gerade tun, während jemand, eine Frau, meine Mutter, die zum Schluss gekommen ist, und diesen Entschluss mit einem letzen Schritt in die Tat umgesetzt hat, nichts mehr machen zu wollen, an ihren blinden Fenstern vorbeistürzt wie in einem Stummfilm.
Im zwölften Stock wäscht eine Frau gerade das Geschirr vom Vortag ab. Es wird später (anderes Essen, andere Gäste) wieder schmutzig werden. Die vollen Aschenbecher stehen noch im Wohnzimmer. Ein Beweis für Gäste?
Im siebten Stock ist keiner zuhause, die Läden geschlossen, ein Hahn tropft. Das muss man nicht dichten.
Mit etwas Glück für den Erzähler ist in einem der Hinterzimmer sogar eine Vierzehnjährige unter der Bettdecke am Onanieren. Sie wird es bis ins hohe Alter tun, hin und wieder unterbrochen von einem Mann, der ihr zwischen Hand und Scheide gerät. Irgendwo wird sie lesen, Onanieren sei Ausdruck eines kreativen Geistes. Daran wird sie sich halten.
Im selben Moment, als mir diese unmögliche Geschichte durch den Kopf ging (alle Geschichten sind unmöglich an einem offenen Grab), hörte ich Mutter rufen, sie möchte jetzt endlich schlafen, wie sie jeweils aus dem Schlafzimmer gerufen hatte, wenn Vater und ich bis tief in die Nacht hinein unsere Geschichten erfanden, allenthalben laut lachend, die Balkontüre geöffnet, kalter Tee auf dem Beistelltisch.
Sie warf uns jeweils vor, wir schwebten wieder auf den Wolken unserer Phantasie, wogegen sie mit beiden Füssen auf dem Boden der Realität stehen müsse, und diese Realität fange morgen wieder um 6.30 Uhr an. Unsere philosophischen Gespräche ein Luxus, den sie sich nicht leisten konnte. Der Tag für sie eine freudlose Abfolge von stumpfen Arbeiten, danach die Flucht in ein Buch, einschlafen, vergessen, aufwachen, aufstehen, arbeiten.
Ich habe den Witz damals keinem erzählt, obwohl ich wusste, dass ich alle Witze sofort wieder vergesse, wenn ich sie nicht unverzüglich weitergebe (kennst du den?) und die Geschichte habe ich nie geschrieben.
Seltsam berührt haben mich hingegen die Teppichhändler, die während der Bestattung versuchten, uns ihre Teppiche anzudrehen, allerdings schöne Stücke. Zuerst nur am oberen Eingang des Friedhofs in Umrissen zu erkennen, bei der kleinen Kapelle, eine lose Gruppe, unauffällig, aus dem Augenwinkel als andere Trauergruppe abgehakt, die sich nach der Andacht langsam auflöst.
Dann trotzdem näherkommend, mit ihren Teppichen über dem Arm, unpassend leicht gekleidet, andere ganze Ballen hinter sich durch den Schnee schleifend, der sich dunkel verfärbt vom Staub des Bazaars. Mischen sich unter uns. Spricht mich tatsächlich einer an.
Dieser hier, zum Beispiel, sagt er ganz ohne weiteres, als sprächen wir schon stundenlang, ein erstklassiger Täbriz, garantiert pflänzengefärbt (ein Aussprachefehler?), keine Chemie, schnippt mit den Fingern, zwei Helfer falten ihn auf die Seite. Oder dieser hier: Kelardasht. Ein ganz besonders feines Stück. Weich wie ein Tier, fühl doch mal…
Und immer wieder die Versicherung, wenn der Teppich nicht gefällt, nehmen wir ihn zurück. Kein Problem. Nimm ihn nachhause, zur Ansicht, gehe darauf, sitze darauf, schlafe darauf, streichle ihn.
Ich kann jetzt nicht. Sehen Sie denn nicht, dass wir gerade beerdigen? Später vielleicht.
Ein Sonderpreis?
Ein Anflug von Trauer in seinen dunklen Augen. Sie sind wirklich sehr schön, will ich sagen, habe ich ihn beleidigt?
Schneewehen, Staubwolken, flüchtige Umrisse zwischen den Gräbern. Dann sind sie fort.
Regen und grau. Später vergessen, die anderen zu fragen, was sie davon hielten, oder ob alles geträumt. Mein Bruder aber besass bald danach, gib oder nimm ein paar Jahre, einen kleinen Wandteppich, dessen Motiv – trabende Kamele – ihn, wenn er lange davorsitzt, zum Weinen bringt, eins ums andere Mal.
Während der Beerdigung hat es zu regnen begonnen, zuerst unmerklich, tränenverdünnend, dann heftiger, einen Augenblick lang sah es aus, als wolle ein Sturm aufkommen, bis ein Landregen einsetzte, der danach lange nicht mehr aufgehört hat. Jetzt höre ich gewisse Leute einwenden, zum Beispiel Onkel Ernst mit seinen Tatsachen, das sei Unsinn, es sei Dezember gewesen, bitterkalt, und es habe nicht geregnet, sondern, bitteschön, geschneit.
Bei allem Respekt vor meinem Onkel (er hat mit seiner Frau vier Kinder grossgezogen und ist immer noch verheiratet) und einem geregelten Ablauf der Jahreszeiten muss ich aber darauf bestehen, dass es Regen war.
Es regnete bereits während des Gottesdienstes, bei dem ein mir völlig fremder Pfarrer meine Mutter und ihren kurzen Lebenslauf (den kurzen Lauf ihres Lebens) zwischen einem eindringlichen Aufruf für unsere sofortige Solidarität mit einem afrikanischen Land (ich habe vergessen, welches) und einem Spendenaufruf für eine Auffangstation für Drogensüchtige im Zürcher Unterland erwähnte. Ich habe bei einer zugegebenermassen kleinen Anzahl vergleichbarer Anlässe noch nie eine so völlig absurde Predigt gehört. Mein Vater, der stockbetrunken neben mir in der Kirchenbank hing, fluchte einigermassen verhalten aber für die braven Kirchgänger der umliegenden Sitzreihen doch deutlich hörbar vor sich hin, indem er sich immer wieder wunderte was für einen gottvergessenen Scheissdreck der Herr Pfarrer von der Kanzel herab zum Besten gab, derweilen ich mich über mich selber wunderte, weil es mir tatsächlich egal war, was die Leute um uns herum dachten. Mein Vater hatte Recht. Das Recht der Besoffenen über die Nüchternen. Das Recht der Ungläubigen über die Gläubigen. Das Recht der Toten über die Lebenden. Denn er war schon beinahe tot.
Nach der Predigt gab es vor der Kirche dann eine Abfolge von Umarmungen, mein Vater erstaunlich gefasst, die meisten Kondolierenden weinend, das Ganze im Regen.
Es regnete tagelang, wochenlang. Der Regen blieb auf den Gräbern liegen, auf den Hausdächern, Wiesen und Wegen. Automobilisten schaufelten ihre Autos frei am Morgen und Kinder bauten hinter dem Haus, aus dessen Fenstern meine Mutter eben noch das Bettzeug ausgelüftet hatte, Regenmänner mit Gurkennasen. Schön habt ihr das gemacht, Kinder. Wirklich schön.
Es regnete so lange ohne Unterbruch, dass der Verkehr zusammenbrach, der Strom in der Agglomeration ausfiel und überhaupt fast alles zu einem momentanen Stillstand kam. Sogar der Mixer stoppte unvermittelt bevor der Rahm geschlagen war. Die Kinder weinten bei Kerzenlicht und assen die Beeren widerwillig mit flüssigem Rahm.
Wer kein Kaminfeuer hatte, und wir gehörten dazu, musste vom Komfort her bös untendurch in diesen Tagen. Verschiedene Schichten von Unterkleidern, dicke Pullover, Pulswärmer und früh zu Bett, die Decke hochgezogen unter das zitternde Kinn. Am Morgen zuerst der Blick aus dem Fenster: immer noch Regen. Man wusste es, hätte es hören können, vom Bett aus, ohne aufzustehen, wenn nicht dieser tückische Regen lautlos und weiss auf die Dächer gesunken wäre.
Unbestritten waren die positiven Aspekte des Stromausfalls. Nach den ersten paar Nächten, die wir in einem Zustand nervöser Erschöpfung sprach- und meist schlaflos auf einem rasch hergerichteten Matratzenlager verbrachten, aufschreckend wenn aus Vaters Zimmer nebenan ein lautes Geräusch vernehmbar war, eine Faust gegen die Wand, ein Kopf. Jeder für sich mit dem Ereignis beschäftigt (spring, sprang, gesprungen), begannen wir uns die Dunkelheit mit Geschichten zu verkürzen, so, wie wir das als Kinder ein paar Zimmer weiter vor zwei Jahrzehnten auch getan hatten.
Zuerst kam der Strom zurück. Die Milch allerdings sauer. Wir hatten vergessen, sie vor das Fenster zu stellen, auf das eiskalte Sims. Mit dem Strom kamen die Nachrichten. Berichte von eingeregneten Dörfern in den Alpen und ganzen Talschaften im Mittelland vom Hochschnee in Mitleidenschaft gezogen. Alles musste entwässert, getrocknet und zum Teil frisch gestrichen werden. Nichts war versichert. Dann Meldungen aus dem Ausland, extrem weit entfernt. Bürgerkriege, verschobene Wahlen, der zweite Jahrestag der Besetzung einer russisch-amerikanischen Raumstation durch oppositionelle Astronauten. Gegen die Schwerkraft?
Wir erwachten alle aus einem langen, unruhigen Schlaf und hatten zunächst überhaupt keine Ahnung, was geschehen war. Wir stellten die Unordnung fest, überall Kerzenwachs und umgestossene Gegenstände, unfertige Träume und die Morgensonne irgendwie zu grell. Es half nichts, die Pyjamas zu sortieren, im Dunkel vertauscht (mein zweiter Sohn schlief in einem Ärmel meiner Hose während meine jüngste Tochter entweder gar nicht geschlafen hatte oder erst später geboren wurde) und alles einigermassen aufzuräumen. Man ist, das wussten wir nun, nie mehr dieselben.
Noch im Traum hatte ich gespürt, dass ich hier wegmusste. Auf der Stelle fort von diesem Trauerhaus, dieser Stadt, raus aus meiner Kindheit, die viel zu lange gedauert und nun doch zu abrupt geendet hatte. Neue Kleider, ein neuer Beruf und mindestens zwei weitere Kinder als Ausgleich und Trotz.
Träumend fiel es mir leicht. Ich wurde Berufsfussballer, womit die Wahrheit meiner Jugend endlich Traum wurde. Keiner störte sich an meinem ausgedribbelten Alter. Das kriegen wir hin, sagte mein Wunschtrainer beim ersten Zusammenzug – eine Vaterfigur, gleichzeitig Nationaltrainer, vor dem wir Spieler den grössten Respekt hatten, weil er Reporter, mit denen er sonst per Du war, nach verlorenen Spielen hinterlistig siezte. Sie haben das ja alles schon vorher gewusst, nichtwahr. Für Sie musste das ja so kommen, oder. Keine Überraschungen für Sie, mein Herr.
Später, als wir in der REM-Phase immer öfter verloren, wurde ihm dieser Kniff allerdings zum Verhängnis, indem ihn die frustrierten Medienleute so lange totschwiegen, dass eines Tages keiner mehr seinen Namen kannte.
Das war kurz nach der verpassten Qualifikation für die Weltmeisterschaften in Frankreich, als man einen Schuldigen suchte und feststellte, dass man keinen benennen konnte. Wie hiess der Unerwähnte doch gleich, der ehemalige Ex-Trainer?
Er wurde durch die erste Frau auf dem Trainerstuhl der Schweizer Nationalmannschaft ersetzt, eine Deutsche, deren Kernsatz, “Saubere Schuhe, sauberes Spiel!“ mir irgendwie bekannt vorkam.
Aber bevor das alles passierte, blühte ich unter der Führung meines verehrten Trainers im Tiefschlaf auf wie ein Nachtschattengewächs. Mit meinen knapp vierzig Jahren war ich zu langsam, um als Spielmacher zu reüssieren, obwohl es mein Trainer zunächst mit mir in dieser Rolle versuchte (Mach endlich mal ein Spiel!).
Als Verteidiger fehlte mir der Biss, weil ich mich oft mit meinem direkten Gegenspieler in faszinierende Gespräche über Gott und die Welt verlor, woraus sich in einigen Fällen Freundschaften entwickelt haben (wo ist eigentlich der Ball?), die bis heute anhalten. Es stellte sich nach ein paar für mich ernüchternden Spielen, nach denen mein Trainer in bewundernswürdiger Weise an mir festhielt (Es steht Ihnen nicht an, meinen Spieler zu kritisieren. Er ist noch alt und hat sich schon entwickelt.) heraus, dass ich nur etwas im bezahlten Fussball Wesentliches wirklich gut, das dann aber extrem gut konnte. Ich war ein Kopfballmonster. Keine Flugkopfbälle, nein, nein. Das hielten meine Knochen nicht mehr aus. Aber ich konnte aus dem Stand extrem hoch hochsteigen. Höher als Horst Hrubesch. Höher als alle anderen, die dazu erst noch Anlauf nehmen mussten. Ich stand also irgendwo anscheinend teilnahmslos im Sechzehnmeterraum des Gegners herum (man verzeiht ihm die Pausen), zwei gegnerische Verteidiger, nachdem man mich einmal kannte, nervös um mich herumtänzelnd, bis ich unvermittelt und praktisch ansatzlos hochstieg, immer höher, und im Augenblick des Kulminationspunktes meines Steigfluges kam von der Seite der wohltemperierte Flankenball meines Flügels, den ich, den rückwärts gedehnten Oberkörper wie eine Feder nach vorne schnellen lassend, unbedrängt weil hoch über allen andern unhaltbar einsandte, versenkte, einnickte, reinmachte, gooooooal!
Es war unglaublich, sogar im Traum. Mein Trainer hatte sein ganzes System auf mich zugeschnitten und mein Verein hatte speziell wegen mir zwei brasilianische Flankengötter engagiert, filigrane Techniker, die mir von ihren Seiten her zudienen mussten. Ihre Aufgabe bestand darin, an den Seitenlinien so lange verwirrend zu dribbeln, bis sie von einer neu erfundenen Position im Mittelfeld, dem Zurufer (es gab je einen auf jeder Seite), das Signal zum Flanken kriegten. Die Zurufer beteiligten sich selber nicht aktiv am Spiel, wurden aber ab und zu von frustrierten Gegnern rüde gefoult (Nichtspieler Maul halten). Es waren gute Freunde von mir, mit denen ich aufgewachsen war, die mich spürten und genau wussten, wann ich in die Luft gehen würde. Dann riefen sie ihrem Flügel blitzschnell auf Portugiesisch zu “Er steigt!“, worauf der Flügel mit dem Ball am Fuss eine letzte Drehung machte und der Rest steht im Sportbericht. Es war eine fantastische Zeit. Die Fans lagen mir zu Füssen (sie nannten mich den Turm, the Rocket, Sputnik oder Heli Hansen) und es wurden mehrere Fanclubs gegründet, der Briefkasten jeden Tag voll.
Später hat mir mein Psychiater den ganzen Traum, an dem er unsägliche Freude hatte (ich musste ihn mehrmals erzählen und Bilder dazu malen), ausführlich erklärt.
Der Trainer, sagte er, während er für mich nur in den Umrissen erkennbar war, aus seiner dunklen Ecke, mit dem Balkonfenster im Hintergrund, durch welches das Abendlicht auf die alten Möbel und wohl auch auf mein Gesicht fiel, ist ihr Vater. Und ihr Kopf ist ihr Penis. Dass sie so hochsteigen und so viele Tore schiessen, zeigt die Konkurrenzsituation zu ihrem Vater. Sie wollen ihn überragen, übertrumpfen, sein Auto klauen und seine Sekretärin vögeln.
Und die eingeflogenen Flügel? Die Fanclubs? Meine Freunde auf und neben dem Platz?
Vergessen Sie das, sagte mein Psychiater. Erzählen Sie mir nochmal Ihren Traum.
Am ersten Donnerstag nach der Beerdigung wusste ich unvermittelt, wahrscheinlich zum allerersten Mal in meinem Erwachsenenleben, was ich mit mir anfangen wollte, schöpfungsweise. Ich schaute aus dem Fenster und sah, was man aus jenem Fenster immer sieht – nichts Besonderes – als mich die Eingebung traf: Das ist es. Ich fühlte mich ungeheuer erleichtert. Endlich, nach all den Jahren des Zweifels und der Mutlosigkeit. Die Gicht am Ende des Tunnels. Ein Silberfisch am Horizont. Ich war so euphorisch, dass ich mich hinlegen musste, worauf ich unverzüglich einschlief und erst am nächsten Vormittag wieder erwachte.
Ich sass auf der Bettkante und versuchte mich zu erinnern, was es war. Der feste Entschluss des Vortages, was mit mir nun endlich zu tun sei, der mein Leben radikal verändert hätte (The time has come for more than small decisions): Ich hatte ihn vergessen. Aber das Gefühl der Erleichterung war geblieben. Es hielt einige Tage an, bis es sich in eine Pension in den Voralpen zurückzog, wo meine Mutter kurz vor ihrem Tod (alles war nun kurz vor ihrem Tod) zur Kur war. Wir schreiben uns ab und zu.
Was mir übrigblieb, war weiterzuleben wie bisher. Keine Spur von Läuterung. Nichts gelernt durch das Leid der Mutter. Nicht fähig, sie gehen zu lassen, ihr einhändig die Hand zu schütteln und ihr zu sagen: Es ist gut so, Mutter. Nicht einmal fähig, die eigene Unfähigkeit zu artikulieren. Es ist, wenn man nicht weiss, was man nachher sagen will, nicht nötig, sich zu räuspern. Also hustete ich weiter, lange Jahre, wenn ich auch zwischenzeitlich aufhörte zu rauchen und jeweils erst später wieder anfing damit.
Es folgten schwierige Wochenenden nach dumpfen Arbeitswochen an drei verschiedenen Wohnorten im Ausland. Die Kontinente wechselten, die Pflichtenhefte und die Zahl der Kinder wuchs. Was von Land zu Land blieb, war die Unfähigkeit, in einen Liegestuhl zu sinken mit einem guten Buch und einem Bier und den Rest einfach Rest sein zu lassen. Ich legte mich stets auf meine eigenen, zerknüllten Pläne und stand jeweils bald wieder auf. Es war entweder zu heiss oder zu windig oder beides. Das grelle Licht der Sonne entweder im Buch oder im Gesicht. Den Garten aufräumen. Ein Zimmer umgraben. Gedichte kompostieren. Vertrocknete Äste, verkrustete Malutensilien, alte Papiere. Wenn alles aufgeräumt ist, dachte ich manchmal, könnte man vielleicht etwas Neues anfangen. Etwas, was zufrieden macht. Aber es war nie alles aufgeräumt. Der Anfang begann nie.
Und meine Mutter merkte es natürlich auch und sprang noch einmal. Sie sprang in Strassburg vom unfertigen Turm der Kathedrale, in Bern von der Lorrainebrücke, in Teheran vom Turm einer Moschee und in Washington von einem Wolkenkratzer downtown, vor dessen Eingang sich im Winter die verfemten Raucher die braunen Finger abfroren. Und jedes Mal, wenn sie starb, rückte ich ein bisschen näher zusammen.
Bis ich merkte, dass ich allein bin. Noch näher zusammenrücken ging nicht mehr. Es war Zeit für den Trick des Erscheinens im eigenen Leben. Es war Zeit, mich zu verabschieden. Von mir.
Keine Sprünge mehr, Mutter. Es reicht. Dieser eine Satz in der Muttersprache hat gereicht. Ich habe ihn bloss nicht verstanden, all die Jahre. Bis jetzt. Meine eigenen Sätze sind immer wieder an seinen schartigen Kanten abgerissen.
Hörst Du, wie ich mich räuspere (how I clear my throat)? Hör mir gut zu. Was ich sage, hätte auch für Dich gelten können. Gelten sollen. Gelten müssen.
Ich bin glücklich geworden. Viele Jahre später. Aber ich bin glücklich geworden. Ich habe unterdessen vier wunderbare Kinder, denen ich von Dir erzählt habe und weiter erzählen werde, damit Du nicht in Vergessenheit gerätst und noch einmal stirbst. Und ich habe drei Grosskinder: schau sie Dir an! Und eine Frau, die mich liebt, wie ich bin.
15. Januar 2024 um 20:12
Was für ein glorios-famos fabulierender Text. Voller Wahrheit und Verdrehung, vernebelnd poetisch. Einfach nur wohltuend – und sicher nicht nur für jene, die auch am offenen Grab standen. Mit oder ohne rosa Papiertütenhüten.