(aus «Three Stories», auf Englisch geschrieben in Potomac, Maryland 1995-1997, ins Deutsche übertragen mit deepl)
Cynthia Knapp saß am Küchentisch und starrte auf das Spiegelbild ihres Gesichts in der Thermoskanne. Ihre Nase war zu groß. Selbst in einem flachen Spiegel, das wusste sie, wäre ihre Nase zu groß. Aber sie hatte schon vor langer Zeit aufgehört, sich in Spiegeln zu betrachten. Wenn sie die Spiegel in ihrer Wohnung reinigte, sah sie das Gesicht der Frau, die den Spiegel reinigte. Ein Gesicht mittleren Alters mit einer zu großen Nase.
Als sie jung war, dachte Cynthia, muss ihre Nase kleiner gewesen sein. Oder aber der Rest ihres Gesichts war im Laufe der Jahrzehnte geschrumpft. Nur die Nase hatte ihre ursprüngliche Größe beibehalten. Ihre Wangen, die einst rot waren und geküsst werden wollten, als sie ein Teenager war, waren verzweifelt geschrumpft. Ihre Augen, die einst groß waren und die ganze Welt sehen wollten, hatten ihr Licht und ihre Neugierde verloren und wollten sich schließen. Ihr Mund, der einst so fröhlich mit allen sprach, war durch das, was ihr widerfahren war, und durch das, was nie eingetreten war, verstummt.
Nur ihre Nase weigerte sich, zu schrumpfen. Die Nase war da, genau in der Mitte ihres Gesichts, und wollte riechen, riechen, riechen! – all die wunderbaren und seltsamen Gerüche dieser Welt.
Cynthia schüttete das restliche heiße Wasser aus der Thermoskanne in ihre Tasse mit dem Instant-Kaffeepulver. Es war nur noch ein kleiner Schluck übrig. Nicht wirklich genug, um Milch und Zucker hineinzutun und es Kaffee zu nennen. Sie schüttete den Inhalt der Tasse in die Spüle und spülte das Waschbecken mit etwas Wasser aus.
An der Spüle stehend, konnte sie auf die Straße hinunterblicken. Es war niemand zu sehen.
Die Mütter, die ihre Kinder zur Schule gebracht hatten, waren einkaufen gegangen und noch nicht zurückgekehrt. Die Väter hatten alle schon vor Stunden ihr Haus verlassen. Alex war auf jeden Fall einer der letzten, die gingen, als er schließlich um halb acht mit seinem großen Auto aus der Einfahrt fuhr, und sie stand am Fenster und winkte ihm zum Abschied, obwohl sie wusste, dass er sich nicht nach ihr umdrehen würde.
Jetzt war es fast zehn Uhr. Cynthia räumte das Frühstücksgeschirr ab und ging ins Schlafzimmer, um sich anzuziehen. Sie hängte ihren Hausmantel an den Haken hinter der Badezimmertür und stieg unter die Dusche. Als das warme Wasser über ihre Haut floss, fragte sie sich, ob auch der Rest ihres Körpers geschrumpft war. Ihre Hände, ihre Arme, ihre Brüste. Ihr Bauch war es sicher nicht. Sie war nicht wirklich dick, aber sie war auch nicht mehr schlank. Aber wen interessierte das schon. Alex hatte schon vor Jahren aufgehört, mit ihr zu schlafen. Kurz bevor sie von Bern nach Zürich gezogen waren.
Zürich, so erinnerte sie sich mit Bitterkeit, hätte ein Neuanfang sein sollen. Für ihn. Für sie. Für ihre Ehe. Weißt du, Cindy, hatte Alex damals gesagt, vielleicht ist alles, was wir brauchen, ein Neuanfang. Einen Ortswechsel. Andere Luft. Das alles hinter uns lassen und in einer Gegend (Gegend, hatte er gesagt, nicht Ort, sie erinnerte sich genau) neu anfangen, in der uns niemand kennt. Ein neues Leben beginnen. Und sie hatte ihm zugestimmt.
Es war ihr nicht aufgefallen, damals, dass es eigentlich nichts gab, was sie zurücklassen konnten. Es gab keine Nachbarn, zu denen sie Kontakt hatten. Sie hatten niemanden wirklich gekannt. Tatsächlich lebten sie bereits an einem Ort, an dem sie niemand kannte.
Die ersten fünfzehn Jahre ihrer Ehe waren ereignislos verlaufen. Es war bald klar geworden, dass sie keine Kinder haben würden. Es passierte einfach nicht. Alex lehnte ihren Wunsch ab, sie beide untersuchen zu lassen, um abzuklären, ob man etwas dagegen tun konnte. Es funktioniert einfach nicht für uns, sagte er. Es soll nicht sein. Vergiss es. Also vergaß sie es.
Aber was konnte eine Frau tun, wenn es in einer Ehe keine Kinder gab? Sie war dazu erzogen worden, Ehefrau und Mutter zu werden, und in ihren Teenagerträumen hatte sie sich immer als Mutter von zwei oder drei Kindern gesehen. Die Sonne schien und sie saß mit ihnen im Sandkasten vor dem Haus. Sie sangen fröhlich und manchmal stritten sie sich, und sie saß da und passte auf sie auf. Und nun sollte es nicht sein. Und arbeiten gehen durfte sie nicht. Alex erlaubte es nicht. Sollen die Leute denken, ich könnte uns nicht ernähren?
Sie stieg aus der Dusche. Als sie ihre Haut mit einem Handtuch abtrocknete, begann sie zu weinen. Nein, nicht! Nicht! Sie wollte nicht weinen. Sie hatte schon so oft geweint. Sie wusste, dass es nicht gut war. Ihre Augen würden anschwellen und ganz rot werden und wenn es vorbei war, würden sie noch mehr schrumpfen. Hör auf! Hör auf zu weinen!
Die Straße war noch leer, als sie das Haus verließ. Sie ging mit ihrem üblichen schnellen Schritt den Gehsteig entlang, leicht nach vorne geneigt, als ob sie gegen einen imaginären Wind ankämpfen müsste. Es gab niemanden zu grüßen, und heute war sie irgendwie froh darüber. Am Anfang, als sie gerade hierhergezogen waren, wollte sie die Nachbarn kennen lernen.
Dieses Mal, sagte sie zu Alex, werden wir alle unsere Nachbarn kennen lernen. Mit einigen werden wir uns anfreunden und die anderen werden wir grüßen, wenn wir sie auf der Straße treffen. Klar, antwortete Alex. Aber jedes Mal, wenn sie ihn fragte, ob sie ein paar Nachbarn auf einen Drink oder ein kleines Abendessen einladen wollten, sagte er, er sei zu müde und erzählte ihr, er habe einen harten Tag hinter sich. Vielleicht am Wochenende? Vielleicht.
Und am Wochenende wollte er dann wieder seine Ruhe. Was hätte sie denn sagen sollen?
Es war jetzt vier Jahre her, dass sie hier eingezogen waren. Und sie kannten immer noch niemanden. Sie grüßte die Nachbarn auf der Straße und kannte die meisten von ihnen mit Namen, weil sie sich ihnen vorgestellt hatte, als sie sie das erste Mal traf, aber das war alles. Für die Nachbarn war sie Frau Knapp. Keiner von ihnen interessierte sich dafür, wie schön ihr Vorname war: Cynthia.
Für die Nachbarn sie war sie einfach Frau Knapp, die höfliche, aber etwas seltsame Frau mittleren Alters mit ihrem Berner Dialekt, die in Nummer 27, dritter Stock, wohnte und die man kaum sah, außer wenn sie zum Gemischtwarenladen an der Ecke ging. Da geht sie wieder: Frau Knapp, leicht nach vorne gebeugt, wahrscheinlich wieder sturzbetrunken, auf dem Weg zum Einkaufen. Frau Knapp mit ihrem Mann, den man nur sah, wenn er mit seinem teuren Auto den Drosselweg hinauf oder hinunter fuhr, immer viel zu schnell für eine Sackgasse, in der Kinder unbeschwert spielen sollten.
Und es gab viele Kinder, die am Drosselweg lebten. Etwa ein Dutzend. Cynthia mochte sie alle. Aber einige von ihnen waren ihr besonders ans Herz gewachsen. Wie zum Beispiel der kleine Walter, der schräg gegenüber in Nummer 15 wohnte. Walter war fünf Jahre alt und hatte eine Schwester, Marianne, die zwei Jahre älter war. Sie waren beide sehr nette Kinder. Sie waren sehr freundlich und gut erzogen und grüßten sie immer auf der Straße.
Walter war so ein süßer kleiner Kerl. Er hatte ein rundes, fröhliches Gesicht und sehr dünne Beine. Man fragte sich, wie so dünne Beine einen so großen Kopf tragen konnten. Walter war ein sehr fröhliches Kind. Wenn sie ihn traf, sprach sie mit ihm, und Walter hörte ihr zu, beantwortete ihre Fragen und winkte ihr zum Abschied fröhlich zu. Cynthia mochte ihn sehr. Manchmal konnte sie nicht anders, als ihn zu umarmen.
Aber Walter war heute nirgends zu sehen. Er muss im Kindergarten sein, dachte Cynthia. Er würde gegen elf zurück sein. Seine Mutter würde ihn abholen und nachhause bringen. Cynthia Knapp ging zum Gemischtwarenladen und kaufte etwas zu essen. Sie hatte noch keine Ahnung, was sie heute kochen wollte. Alex kam jeden Tag zum Mittagessen nach Hause. Also kochte sie das Mittagessen für ihn. Das gab ihr etwas zu tun. Sie bereitete immer etwas Frisches und Gesundes zu. Keine Konserven. Etwas Einfaches, aber etwas Frisches. Alex ass seine Mahlzeiten wortlos. Er schien zu mögen, was sie für ihn zubereitete. Schmeckt es Dir, Alex? Magst du es? Er nickte-
Dann fuhr er wieder los, fuhr viel zu schnell den Drosselweg hinunter und ließ sie zurück mit ihrer Einsamkeit und dem Alkohol. Am Anfang, als sie anfing zu trinken, kaufte sie ihren Schnaps im Gemischtwarenladen an der Ecke. Aber Alex stoppte das. Dies ist eine kleine Nachbarschaft, sagte er eines Tages zu ihr. Die Leute reden. Ich will nicht, dass sie über uns reden. Wenn du trinken musst, kaufe ich den Schnaps für dich. aber wage es ja nie wieder, ihn im Laden zu kaufen. Hast du mich verstanden? Niemals!
Also hatte sie nie wieder Schnaps im Laden gekauft. Er kaufte den Schnaps für sie. Irgendwo in der Stadt, vermutete sie, vielleicht auf dem Heimweg von seinem Büro. Sicher nicht im Laden um die Ecke. Er selbst trank nie Alkohol, höchstens ab und zu ein Bier, wenn es im Sommer richtig heiß war. Er kaufte das Zeug einfach und sie trank es ganz allein. Normalerweise fing sie an, wenn er nach dem Mittagessen ging, und wenn er nach der Arbeit nach Hause kam, war sie betrunken. Ihn schien das nicht wirklich zu stören. Nur einmal, als sie morgens, nachdem er gegangen war, zu trinken begann und dann vergaß, ihm das Mittagessen zuzubereiten, wurde er wütend. Er schrie sie an und beschimpfte sie. Schreckliche Schimpfworte. Worte, die sie nicht hören wollte und die sie sofort vergass, nachdem er sie ihr an den Kopf geworfen hatte.
Und dann war da noch dieser eine Morgen, an dem sie feststellte, dass ihr der Alkohol ausgegangen war und sie nicht widerstehen konnte, im Laden eine Flasche weißen Rum zu kaufen.
Sie vergaß dann, das Preisschild von der Flasche zu entfernen, und als er es sah, schlug er sie.
Sie nahm es ihm nicht übel. Sie hatte es verdient. Und das war das einzige Mal, dass er sie geschlagen hatte. Nur, sie brauchte den Alkohol. Und sie verstand nicht, warum er immer so schnell den Drosselweg rauf und runter fuhr. Es war gefährlich mit all den kleinen Kindern in der Nähe. Ihre Kinder. Er könnte eines Tages eines ihrer Kinder überfahren. Er könnte den kleinen Walter anfahren.
Sie hatte es ihm mehrmals gesagt. Fahr nicht so schnell, Alex. Ich bitte dich! Warum fährst du so schnell? Warum hast du es so eilig? Es lag sicher nicht an seiner Sehnsucht, zu ihr nach Hause zu kommen. Wenn er zur Arbeit fuhr, konnte sie es ein wenig besser verstehen. Er wollte so schnell wie möglich von ihr wegkommen. Aber warum fährt er so schnell, wenn er zum Mittagessen oder abends nach Hause kommt?
Warum fährst Du so schnell, wenn du nach Hause kommst, Alex? hatte sie ihn einmal ganz direkt gefragt. Ich weiß, es liegt nicht daran, dass Du dich nach mir sehnst. Warum musst Du so schnell da sein, wo Du gar nicht sein willst? Alex sah sie mit einem leeren Gesichtsausdruck an. Er wischte sich den Mund ab, stand vom Tisch auf, ging aus der Wohnung, und fuhr mit hoher Geschwindigkeit bis ans Ende des Drosselwegs, wo er mit quietschenden Reifen in die Michelstrasse einbog.
Vielleicht war er ja verrückt. Sie war Alkoholikerin, sicher, aber er war vielleicht verrückt. Vielleicht war ihm gar nicht bewusst, wie schnell er fuhr, wenn er in den Drosselweg einbog. Zum Teufel mit ihm.
An diesem Tag, nach dem dritten Whiskey, fasste Cynthia einen Entschluss. Sie dachte lange darüber nach und hatte das Gefühl, dass heute der Tag war, an dem sie es ihm sagen würde.
Wenn sie es ihm heute nicht sagte, so wurde ihr klar, würde sie es ihm nie sagen. Und eines bösen Tages, wenn ein Kind unter seinem Auto lag, würde es zu spät sein.
Während sie das Mittagessen zubereitete – Würstchen und Sauerkraut – ging sie die verschiedenen Sätze durch, die sie sich ausgedacht hatte, und übte, wie sie aussprechen konnte, wenn er vor ihr stand.
Sie ging sogar einmal auf die Toilette und sprach mit der Frau, die die Spiegel reinigte, um zu testen, wie es aussah und wie jemand reagieren würde, wenn sie so etwas sagte. Aber die Frau im Spiegel reagierte überhaupt nicht. Sie hatte ihren üblichen stumpfen Gesichtsausdruck und ihre große Nase war rot wie ein Leuchtturm. Du dummes Miststück, dachte Cynthia. Hast wohl wieder getrunken, was?
Ich bin Cynthia, sagte sie zur Frau im Spiegel, ich habe einen sehr schönen Namen. Aber hier kennt mich niemand. Für die bin ich Frau Knapp und die Hälfte der Zeit betrunken. Das ist es, was sie über mich denken. Kannst du mich hören, Dumpfbacke? Hör auf zu trinken! Das ist eine kleine Nachbarschaft. Die Leute reden. Hast du das verstanden?
Als Alex nach Hause kam, wunderte er sich, dass er nichts riechen konnte, als er die Wohnungstür öffnete. Er ging in die Küche und fand das Gas abgestellt. Die Würstchen schwammen in kaltem Wasser und das Sauerkraut lag in der Verpackung neben dem Spültrog.
Cindy?
Bist du da?
Alex suchte sie im Wohnzimmer, im Schlafzimmer, in allen Zimmern. Schließlich fand er sie auf dem Bett im Gästezimmer liegen, ein Zimmer, das er sonst nie betrat. Sie sah aus, als würde sie schlafen.
Was ist mit Dir los, Cindy?
Er packte sie an den Schultern und schüttelte sie sanft. Cynthia öffnete ihre Augen. Sie waren rot und geschwollen. Es dauerte einen Moment, bis sie begriff, wo sie war.
Wenn du jemals, begann sie, als sie ihn erkannte, wenn du jemals eines meiner Kinder mit deinem verdammten Auto überfährst, bringe ich dich um. Hast du mich verstanden, du Bastard? Ich werde dich umbringen. Das werde ich. Gott helfe mir.
Dann war sie wieder weg. Sie war weit weg, dort, wo sie aufgewachsen war, sie lief über eine grüne Wiese und ihre Füße waren so klein und leicht, dass sie kaum den Boden berührten.
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