Was uns wirklich den Rest gab

„Diesen Ausguss haben sie aber nicht gereinigt.“ Sagte der geschniegelte Typ von der Verwaltung und zeigte mit seinem kurzen Zeigefinger auf den Ausguss der Badewanne.

„Doch, hab ich. Sauberer kriegt man den nicht.“

Sie hatte diesen jungen Macker schon bei der Wohnungsübernahme vor einem halben Jahr völlig daneben gefunden und wirklich gehofft, er würde seinen Job verlieren, bevor sie wieder ausziehen würde. Leider wurde ihr Wunsch nicht erhört.   

„Haben Sie eine Zitrone im Haus? Wenn Sie mir eine Zitrone geben, sieht dieser Ausguss in fünf Minuten wie neu aus.“

„Ich habe überhaupt nichts mehr im Haus. Ich ziehe hier aus, falls Sie das noch nicht bemerkt haben“, sagte sie, und dachte Du kleinkarierter Klugscheisser.

„Der muss auf jeden Fall nachgereinigt werden. Bringen Sie das selber in Ordnung oder sollen wir Ihnen die Nachreinigung zusammen mit der Reparatur der Kratzer im Parkett und der ungestopften Bohrlöcher in Rechnung stellen?“

„Schauen Sie sich doch noch etwas genauer um, bevor Sie Bilanz ziehen. Vielleicht finden Sie ja noch das eine oder andere, was Sie beanstanden können, damit die Rechung auch nach etwas aussieht.“

Der Verwaltungsmacker schaute sie verständnislos an und sah sich weiter um.

„War dieser Fensterrahmen schon immer so verzogen? Hat das Fenster mal bei Regen längere Zeit offengestanden?“

„Ich habe die Fenster überhaupt nie aufgemacht. Das war gar nicht nötig, weil es in dieser Scheisshütte auch bei geschlossenen Fenstern dauernd zieht.“

„Fräulein Wegmüller: Ich mache hier nur meinen Job. Wenn Sie denken, dass mir so etwas Spass macht, irren Sie sich. Wir können das Ganze unter Erwachsenen erledigen, ich kann aber auch einen anderen Ton anschlagen.

Frau Wegmüller. Und ihr Ton ist mir scheissegal.“

Der Typ ging auf den Balkon und löste mit der einen Hand das Zugseil des Sonnenrouleaus, während er mit der anderen den Stoff auf Feuchtigkeit prüfte. 

Er musste diese Handgriffe schon so oft gemacht haben, dass er sie im Schlaf beherrschte. Er schien überhaupt nur aus automatisierten Bewegungsabläufen und Verhaltensweisen zu bestehen.

„Da sind ein paar ziemlich dunkle Flecken drin. Das kommt normalerweise davon, dass man einen noch nassen Storen wieder hochrollt…“

„Magengeschwüre kommen normalerweise davon, dass man zuviel Zeit in der Nähe von Kotzbrocken verbringt. Wussten Sie was? Machen Sie den Rest der Wohnungsabnahme alleine fertig. Nehmen Sie sich ruhig Zeit. Notieren Sie alles sorgfältig in ihre schönen Formulare und ziehen Sie alles, was Sie zu beanstanden haben, von meinem Mietzins-Depot ab. Wenn am Schluss noch etwas davon übrig bleibt, kaufen sie sich damit einen Sack Zitronen.“

Sie machte auf dem Absatz kehrt (was hoffentlich einen weiteren Kratzer im Parkett hinterliess) und ging hallenden Schrittes ein letztes Mal durch die leere Wohung, in der sie am Anfang so glücklich gewesen war. Den Gefallen, die Wohnungstüre zuzuknallen, machte sie ihm nicht. Sie liess sie offenstehen.

„Wohin können wir Ihnen den Restbetrag des Depots überweisen? Wir haben keine neue Adresse von Ihnen…“ rief er ihr ins Treppenhaus nach.

„Fick Dich ins Knie!“

„Gibt es ein Problem?“ fragte Frau Weichelt vom zweiten Stock, die (rein zufällig natürlich) gerade im Treppenhaus war.

„Für mich nicht mehr. Und Ihnen wünsche ich alles Gute. Am besten fahren Sie hier, wenn Sie dieses Haus erst im Sarg verlassen.“

Frau Weichelt schaute dumm hinter der Wäsche hervor, die sie in einem geflochtenen Korb vor sich her trug.

„Und übrigens: Sie sollten ihre Fussmatte mal wieder giessen. Das Entchen sieht ziemlich vertrocknet aus.“

Dann war sie an der Haustüre und im Freien und konnte tief durchatmen. OK, das Gift gegen Frau Weichelt wäre nicht nötig gewesen. Ausser mit ihrer gutbürgerlichen Neugier war ihr die Frau nie gross auf den Keks gegangen. Ihr Pech, dass sie im falschen Moment im Treppenhaus auftauchte.

Es war wieder kälter geworden und hatte leicht zu regnen begonnen. Und natürlich hatte sie keinen Schirm dabei. Sie schlug den Kragen ihres leichten Mantels hoch und ging schnellen Schrittes in Richtung Bushaltestelle. Jetzt noch kein Kleingeld für das Billet und dann eine Kontrolle und der Tag war wirklich gelungen.

Sie konnte es sich überhaupt nicht leisten, auf einen einzigen Franken des Mietzinsdepots zu verzichten. Aber sie hatte ihre Grenzen. Und dieser Verwaltungsarsch hatte sie definitiv und mehrmals überschritten.

Ralf würde lachen, wenn sie ihm die Wohnungsübergabe erzählen würde. Er würde lachen und dann sagen, was er ihr bei solchen Gelegenheiten immer sagte: Man muss dort kämpfen, wo es sich lohnt, nicht dort, wo es nichts bringt. Ralf hätte den Verwaltungsheini mit seiner einnehmenden Art um den Finger gewickelt und das ganze Depot zurückerhalten. Plus Zinsen.

„Zitrone? Wirklich? Und ich habe mich eine halbe Stunde lang mit einem Putzmittel abgemüht. Man lernt eben nie aus!“ – „Na ja, Herr Kemp, das sind halt so kleine Tricks, die man in meinem Metier lernt. Aber ich will mal nicht so sein. Die Wohnung ist ja sonst in sehr gutem Zustand. Man sieht sofort, ob ein Mieter dem Objekt Sorge getragen hat oder nicht. Die paar Striemen im Parkett sind nicht de Rede wert. Kann ich unter normale Abnützung verbuchen. Die Sonnenstoren? Muss ich doch bei Ihnen nicht kontrollieren, Herr Kemp. Vertrauenssache. Haben sie noch Zeit für ein Bier?“

Sie beschloss, Ralf nichts von der Wohnungsabgabe zu erzählen. Sie würde seine guten Ratschläge jetzt schlecht ertragen. Dort kämpfen, wo es sich lohnt. Nicht an allen Fronten gleichzeitig präsent sein wollen. Nicht alle Eier in einen Korb legen. Sich auf eine Sache konzentrieren, sich gut vorbereiten und dann gezielt zuschlagen. Erst Stricken, dann Häkeln. Heute hier, morgen fort. Zickezacke, Hühnerkacke. Scheisseier. Scheisszitronen. Scheissratschläge.

Wo lohnte es sich überhaupt, zu kämpfen? Es war einfach, mit allen Spiessern per Du zu sein. Einfach und angenehm, weil sie einen dann als Ihresgleichen erkannten und einem alles gaben, was sie einem geben konnten: ihre armseligen Gefälligkeiten und ihre widerliche Kumpanei. So oder ähnlich hatte sie es ihm einmal gesagt, aber er hatte ihr wohl nicht richtig zugehört. Er hörte überhaupt kaum je richtig zu. Er war zu beschäftigt damit, gute Ratschläge zu erteilen.   

„Wie alt bist Du eigentlich, Angela? Hör endlich auf, zu pubertieren. Es bringt nichts, sich mit der ganzen Welt anzulegen..“ hörte sie ihn sagen.

Bringt nichts bringt nichts bringt nichts. Mir nichts dir nichts. Wie Du Dir solala.

Musste es immer etwas bringen? Sie war 34 Jahre alt. Und sie hatte offenbar noch immer nicht begriffen, wo es sich zu kämpfen lohnte und wo nicht.

Es regnete nun wirklich. Ihr dünner Mantel war an den Schultern bereits durchnässt und es war kein Bus in Sicht, weder weit noch breit. Sie wünschte sich, Ralf würde endlich einmal die Klappe halten. Aber nach acht Jahren war das wohl zuviel verlangt. Sie würde weiterhin mit seiner Stimme leben müssen. Mit seinen ungefragten Ratschlägen und seinen behämmerten Theorien über das, worum es wirklich ging. Wahrscheinlich ging es um überhaupt nichts und Menschen wie Ralf, die mit diesem Nichts nicht leben konnten, hatten sich ein Set von lapidaren Inhalten und Zusammenhängen zurechtgelegt, von denen sie glauben wollten, dass es darum wirklich ging, damit sie sich darauf konzentrieren und es mit sich und den andern einigermassen aushalten konnten.

Ralf hätte sich mit dem Verwaltungsheini sicher ausgezeichnet verstanden. Wahrscheinlich mit jedem Verwaltungsheini. Auch mit dem, der damals bei ihrer ersten Wohnungsübergabe die dunklen Flecken im Parkett moniert hatte, die von den Ästen im Holz stammten.

Als der Bus endlich kam, war sie bereits völlig durchnässt. Der Bus war leer. Sie drückte den Einstiegsknopf, wartete, bis sich die Türen geöffnet und wieder geschlossen hatten, dann ging sie stadteinwärts. Wahrscheinlich würde sie sich jetzt erkälten, aber das spielte heute auch keine Rolle mehr. Sie ging schnellen Schrittes und irgendwann stand sie vor einem Café. Sie trat ein und setzte sich an einen der freien Tische am Fenster.

«Was darf ich Ihnen bringen?» fragte die Serviererin.

«Einen Holundertee und die Rechnung, bitte.» antwortete Angela.

Sie nahm ihr Telefon aus der Manteltasche und wählte Ralfs Nummer.

«Angela…» meldete sich Ralf, «…hast Du die Wohung abgegeben?»

«Ja. Willst Du das Übergabeprotokoll lesen?»

«Was meinst Du…?»

«Ich kann es Dir schicken.»

«Wieso schicken?»

«Wir werden uns nicht wiedersehen.»

«Was…»

«Ciao, Ralf, mach’s gut.»

Sie hängte auf.

«3 Franken 50» sagte die Serviererin, stellte den dampfenden Tee vor Angela auf den Tisch und legte die Rechung daneben.   

Angela legte ein 5 Franken Stück auf die Rechnung, stand auf, zog den nassen Mantel an und ging zur Türe.

«Danke. Und Ihr Tee?»

«Der ist für Sie.»  

Es hatte tatsächlich aufgehört zu regnen. Während Angela noch überlegte, wo sie die Nacht verbringen wollte, klingelte ihr Telefon.

Ralf.

«Ja?»

«Du machst wirklich Schluss, Angela? Warum? Was habe ich falsch gemacht?»

«Du? Du weisst gar nicht wie das geht.»

«Was soll ich ohne Dich tun?»

«Kauf Dir ein Okapi.»

«Ein was…?»

«Ein Okapi», dann hängte sie auf.

Sie löschte Ralf aus ihren Kontakten und sperrte ihn bei Whatsapp. Dann ging sie weiter in Richtung Innenstadt. Unterdessen hatte Ralf ganz sicher nachgeschaut, was ein Okapi ist.

Das einzige Säugetier, das mit der Zunge seine eigenen Ohren reinigen kann. Oder mit der eigenen Zunge seine Ohren. Je nachdem, wie man es sehen wollte.

Eine Antwort to “Was uns wirklich den Rest gab”

  1. Anonymous Says:

    Ein köstlicher Sturm der Selbstermächtigung in entwaffnender Entrüstung!

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