Ob es sich lohnt

Neige ich dazu, Dinge zu übertreiben? Man sagt das, aber was heisst schon «zu etwas neigen»? In romantischen Gemälden neigen sich am Flussufer stehende Bäume meistens zum Fluss hin, nicht nur die Weiden. Manchmal so stark, dass ihre Äste das fliessende Wasser berühren, ohne dass sie je in den Fluss fallen würden. Sie sind dem Wasser zugeneigt, ins Wasser wollen sie nicht. Und ich bin jedes Mal beeindruckt, wie die Maler der Romantik fliessendes Wasser hingekriegt haben.     

Als ich heute früh mit den Hunden den Aufzug betrat, stand der alte Mann vom vierten Stockwerk mit dem Rücken zu mir und schnitt sich vor dem Spiegel mit einem surrenden Stift die Nasenhaare. «Verzeihen Sie,» sagte er, und schaute mich im Spiegel an, «aber hier ist der einzige Ort, wo ich genug sehe. In meinem Badezimmer ist das Licht unmöglich.»  

Ich wusste genau, wovon er sprach, denn ich hatte dasselbe Problem, und ich war bereit, ein gewisses Mass an Verständnis für ihn aufzubringen, aber es gibt Grenzen. Hemingways Kurzgeschichte über die Schlaflosen heisst «A Clean, Well-Lighted Place», und sauber war der Aufzug nun nicht mehr. Ich fasste die Leine meiner Hunde kürzer, damit sie nichts vom Boden aufnehmen konnten. Sie nehmen alles vom Boden auf, was ein bisschen nach einem Bisschen riecht.  

Kurz vor dem Erdgeschoss entglitt dem alten Mann der Stift und beim Aufprall fiel eine kleine Abdeckung weg und die Batterie raus. Ich widerstand dem meiner Höflichkeit geschuldeten Reflex, mich zu bücken und ihm den Nasenhaarschneider und die Batterie samt Abdeckung aufzuheben. Wir waren jetzt ganz unten. Die äussere Tür des Fahrstuhls öffnete sich, ich drückte die innere auf und trat aus dem Lift, während der alte Mann sich hinter mir bückte. 

Ich drehte mich zum Aufzug um. Was, wenn er nicht mehr hochkommen würde? Aber er kam wieder hoch und kurz darauf schloss sich die äussere Türe des Fahrstuhls. Er musste den Knopf gedrückt haben oder jemand hatte den Fahrstuhl gerufen. Wie oft fuhr er rauf und runter, bis er fertig war?  Ein oder zwei Mal pro Nasenloch? Und was kam danach? Die Ohren? Stellte er sich, wenn wir in den Ferien waren, einen Stuhl in den Fahrstuhl und schnitt sich die Zehennägel?

Als wir auf der Strasse standen, schüttelten sich die Hunde, und ich hätte mir gewünscht, ich könnte das auch so gut. Wir spazierten wie jeden Morgen zum wenige Gehminuten entfernten Arenbergpark.

Weil ich unsicher war, ob man Arenbergpark schreibt oder Aarenbergpark, habe ich es gerade kurz gegoogelt und bin auf einen Tripadvisor-Eintrag mit dem Titel: «Arenbergpark (Wien) – lohnt es sich?» gestossen.

Jemand aus Frankfurt am Main, ich vermute ein Mann, der Name lässt keine Rückschlüsse zu, schreibt: «Das Auffälligste am Arenbergpark – und auch schwer zu übersehen – sind die beiden Flaktürme. Der Park selbst ist nicht wahnsinnig gross, aber eine nette Grünfläche, auch mit Kinderspielplätzen. Öffentliche Toiletten gibt es auch hier – in einem sehr robusten Design, aber praktisch. »

Die Flaktürme aus dem 2. Weltkrieg sind tatsächlich nicht zu übersehen. Sie stehen wie Zwillingsmonster im Park und dominieren das ganze Quartier. Weil die massiven Stahlbetontürme aber die sechsstöckigen Wiener Wohnbauten wie eine Unverschämtheit überragen, tauchen die Morgen- und Abendsonne ihre Plattformen in warmes Licht, während alles darunter im Schatten liegt, was ihnen zweimal am Tag den Anschein gibt, das Werk eines romantischen Malers zu sein, der es nicht bis zum Fluss geschafft hat.

Meine Hunde erledigten wie jeden Morgen ihr Geschäft auf der netten Grünfläche, die dafür ausreichend gross ist, und da ich selbst kein Bedürfnis hatte, kann ich bis heute nicht sagen, was am Design der öffentlichen Toiletten robust ist, ihr Äusseres oder die Kloschüssel, und auch nicht bestätigen, dass sie wirklich praktisch sind.

Dass der Mann eigens aus Frankfurt am Main angereist ist, um den Arenbergpark zu beschreiben, damit in Wien lebende und nach Wien reisende Personen endlich beurteilen können, ob es sich lohnt, ist natürlich verdankenswert. Andererseits hatte es vielleicht schlicht mit seiner Abneigung gegen Hamburg zu tun. Von den 16 Flaktürmen, welche die Nazis in Berlin, Hamburg und Wien gegen Ende des Krieges gebaut haben, stehen heute nur noch zwei in Hamburg, wo er nicht hinwollte (weil ihm dort das Design der öffentlichen Toiletten missfällt?) und alle sechs in Wien.  

Die Berliner Flaktürme wurden nach dem Krieg von den Alliierten gesprengt. In Wien hatte man es offenbar nicht eilig damit (dafür hat die Technische Hochschule Wien dem deutschen Architekten 1972 einen Ehrendoktor verliehen). Fahrstühle hatte es in den Flaktürmen, soviel ich in Erfahrung bringen konnte, offenbar nur, um die Munition für die Fliegerabwehrkanonen ins oberste Geschoss zu bringen. Wo sich die Wehrmachtsoldaten damals ihre Nasenhaare geschnitten haben, entzieht sich meiner Kenntnis.

Hinterlasse einen Kommentar