(eine Erzählung von zwei Maurern)
Ich habe immer behauptet, dass ich mir die Menschen, denen ich zufällig begegne, sorgfältig aussuche, und wenn der Satz auch nicht völlig ernst gemeint war, haben ihn viele vorschnell als Wortspielerei abgetan oder ihn für einen billigen Scherz gehalten. Hinter manch einem meiner Zufälle steckt tatsächlich, wenn man sich Zeit nimmt und etwas genauer hinschaut, eine Verkettung von Entwicklungen, die an ihrem oft weit zurückliegenden Anfang mit mir zu tun hatte, dann aber wie eine gemächliche Wasserschlange in die Zeit abgetaucht ist, um erst viele Jahre später wieder aufzutauchen und den Lauf meines Lebens zu kreuzen, bevor sie erneut ins Nicht-Bewusste verschwunden ist, um dann – wie heute – unvermittelt wieder aufzutauchen.
Als im November 2018 der „Leitfaden für den Kontinuierlichen Verbesserungsprozess (KVP): Praxiserprobte Anleitungen für die Vorbereitung und erfolgreiche Einführung eines Kontinuierlichen Verbesserungsprozesses (KVP)“ von Manfred Maurer erschien, war der richtige Manfred Maurer, der Schriftsteller nämlich, den ich hier meine, schon 20 Jahre tot. Er starb am 11. November 1998 in Wien an den Folgen einer Gehirnblutung, die er sich bei einem Sturz zugezogen hatte.
Eine Verwechslung wäre auch sonst völlig ausgeschlossen gewesen. Obwohl ich ihn nicht persönlich gekannt habe, was ich seit heute bedaure, und auch sein Werk mit Ausnahme von ein paar kurzen Ausschnitten, die man im Internet findet, noch nicht kenne, wage ich zu behaupten, dass der richtige Manfred Maurer wenig mit kontinuierlichen Verbesserungsprozessen am Hut hatte, nur schon wegen der Abkürzung KVP, die wie das Kürzel einer Partei daherkommt, an deren Gründungsversammlung, hätte sie stattgefunden, weder er noch ich dabei gewesen wären.
Der Kontinuierliche Verbesserungsprozess (KVP) basiert offenbar auf der aus Japan stammenden Kaizen-Philosophie, die ihrerseits auf der Annahme aufbaut, dass alles verbessert werden kann und dass dafür die Mitwirkung aller Beschäftigten der wichtigste Erfolgsfaktor sei. Schon diese Annahme scheint mir zweifelhaft, lässt sie doch die Unbeschäftigten und Entlassenen ausser Acht, deren Beitrag mindestens so wichtig wäre. Es mag sein, dass Leute, die am Meer wohnen, am besten wissen, wie hoch der Deich sein muss, aber auch solche, die das Meer vertrieben hat, können etwas über Flutwellen und Salzgehalt erzählen.
Der richtige Manfred Maurer, auf dessen Spuren ich heute „zufällig“ gestossen bin, wurde am 8. November 1958, genau zehn Monate nach mir, im oberösterreichischen Steyr geboren. Er zog 1979, während ich in Zürich 21 war und gerade mein Studium begonnen hatte, nach Wien und schrieb neben Romanen, Krimis, Hörspielen, Drehbüchern, Erzählungen und Kurzprosa auch Rezensionen, Reiseberichte und Artikel für Presse und Rundfunk. Zu den Schwerpunkten seiner Themen gehörten, so lese ich, neben der internationalen Unterhaltungsindustrie und der anglo-amerikanischen Literatur das Leben der ArbeiterInnen und der Arbeitslosen (der Deich lässt grüssen).
Wie aber bin ich nun auf Manfred Maurer gestossen? Nicht zufällig. Ich habe ihn mir vor vielen Jahren ausgesucht, um ihm zu begegnen, nur hat es dann sehr lange gedauert, bis es zur Begegnung kam, so lange, dass er nicht mehr persönlich dabei sein konnte, und das kam so:
Seit einigen Jahren versuche ich erfolglos, einen Roman zu schreiben. Ich habe vielleicht ein Dutzend passabler Anfänge geschrieben, aber sie sind allesamt ins Stocken und Stottern geraten und bald einmal stillgestanden. An etwa der Hälfte von ihnen habe ich über die Jahre Reanimationsversuche appliziert, aber es war so, wie bei diesen Spielzeugen mit einer Schwungfeder, die man mit einem kleinen Schlüssel aufziehen konnte: Hatte man die Feder einmal überspannt, ging nichts mehr.
Für mein jüngstes Projekt, das sich, ich muss es mir wohl eingestehen, bereits nach acht Seiten im Sinkflug befindet, kam mir beim Versuch, die trudelnde Maschine abzufangen, die Idee, die eigentliche Geschichte, in der ein Rentner einer türkischen Gangsterbande hilft, eines ihrer Mitglieder aus dem Gefängnis zu befreien, an dem er jeden Tag mit seinen Hunden vorbeispaziert, mit einer zweiten Geschichte zu verflechten, in der ein von seiner Schwester um sein Erbe betrogener Waldarbeiter in den 40er- und 50er-Jahren des letzten Jahrhunderts in der Irrenanstalt Burghölzli Fenster reinigt und Obst von den Bäumen strahlt.
Der zweite Erzählstrang würde auf einer Traumebene stattfinden, und da kam mir natürlich gleich „Dreaming of Babylon“ von Richard Brautigan in den Sinn, und weil man nur lesend schreiben lernt, wollte ich nachschauen, wie Brautigan die Übergänge zwischen dem realen Leben seines scheiternden Detektivs und dessen Träumen von Babylon bewerkstelligt.
Als ich das Buch öffnete, fand ich auf zwei leicht gelblichen Zeitungsauschnitten, die ich im September 1986 aus der NZZ ausgeschnitten und von Hand mit dem Datum versehen hatte, einen Artikel mit dem Titel „Das Archiv für ungedruckte Manuskripte“. Der Verfasser erzählt darin von seinem enttäuschend verlaufenen Besuch in eben diesem Archiv in der Wiener Vorstadt. Der Kustodin des Archivs sagt er vor dem Besuch bei einem Glas Sodawasser, er fände die Idee des Archivs originell.
Das Wort originell hatte ich mit einem Sternchen versehen und am Fusse des Artikels notiert: siehe Brautigan, The Abortion (1966), weil die Idee eines solchen Archivs 1986 schon mindestens 20 Jahre nicht mehr originell war. Auf der Rückseite des grösseren der beiden Zeitungsausschnitte kann man (ohne Anfang und Ende) einen anderen Text lesen: „Das ganze Haus ist voller Fliegen. Mit dem Besenstiel gehe ich auf Spinnenjagd. Um unsere nackten Beine streicht die Katze, die du Miranda taufst und mit Schinken fütterst. Der scheckige Hund träumt unter einem Olivenbaum, und die weissen Hühner wetzen ihre Hinterteile auf den heissen Grasbüscheln.“
Wegen der Katzentaufe kommt mir ein alter Mann in den Sinn, dem ich beim letzten Besuch bei meiner Tante im Pflegeheim im Fahrstuhl begegnet bin. Er hielt sich an seinem Rollator fest, schaute hinunter zu meinen beiden Hunden und sagte „Hallo Nero!“. Er muss meinen etwas perplexen Gesichtsausdruck bemerkt haben (wie kann man angesichts eines blonden und eines aprikosenfarbenen Pudels auf Nero kommen?), denn er sagte lächelnd zu mir: „Ich nenne alle Hunde Nero.“
Der Textausschnitt endete mit den Worten: „Ich aber habe nur Augen für…“, und weil ich wissen wollte, wofür, habe ich die ersten beiden Sätze in die Google-Suchmaschine getippt und tatsächlich das Ende des Satzes gefunden: „…deinen weichen Körper, der sich im Zwielicht spannt.“ Der Satz stammt aus dem Text „Reiseminiaturen“ des Autors Manfred Maurer, der sich mit seiner Literatur gemäss Eintrag im Austria-Forum „zwischen Realismus und Fantasy, zwischen dem Trivialen und seiner Parodie“ bewegt haben soll, was immer das heissen mag.
Ich schaute bei Amazon nach, ob ich etwas von Manfred Maurer bestellen könnte, und traf zuerst auf den anderen Manfred Maurer, den von der KVP, der sich mit seinen Genossen dem festen Glauben verschrieben hat (und fleissig Anleitungen dazu verfasst) es liesse sich alles kontinuierlich verbessern, wenn nur alle Beschäftigten mitmachen.
Ich weiss nicht, wie viele Manager sich die Anleitungen zur kontinuierlichen Verbesserung noch in betriebsinternen Kursen anhören müssen. Ebenso wenig weiss ich, wie oft der alte Mann im Heim meiner Tante noch den Fahrstuhl benutzen wird. Irgendwann, hat meine Tante einmal gesagt, kommen sie nicht mehr runter. Vielleicht erinnert ihn jeder Hund, dem er begegnet, an seinen Nero, und er glaubt, wenn er ihn Nero nennt, ist Nero für einen Augenblick wieder bei ihm.
Jeder glaubt, was er will. Viele auch an Zufälle. Für mich ist der Bogen vom September 1986 bis in den Juli 2024 jedenfalls gespannt, mit einem Zwischenhalt im Jahr 2018, als wir in einer kleinen Ortschaft nahe bei Steyr unsere Zwergpudel abholten. Ich lege die Zeitungsauschnitte zurück ins Buch und stelle es zurück ins Regal, zwischen Sombrero Fallout und So the Wind Won’t Blow It All Away. Da die meisten Bücher des Steyrers Manfred Maurer nur gebunden erhältlich und mir damit zu schwer sind, verzichte ich für den Moment auf eine Bestellung, und weil ich spüre, wie die Spannung nachzulassen beginnt, mache ich hier Schluss und gehe mit unseren Hunden spazieren.
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