Der Elektriker kommt (Teil 1)

(aus dem Erzählband „Alte Männer ohne Meer“, erschienen 2025 bei Nagel und Feile)

Es war an einem Montag im Herbst, kurz vor Mittag. Bertrand Mesmer war gerade fertig geworden mit Staubsaugen. Er wusste, dass noch überall Staub in der Wohnung herumlag. Staub, den er nicht gesehen hatte. Aber deswegen waren seine Bemühungen nicht umsonst. Niemand konnte den Staub ganz beseitigen. Auch Leute mit besseren Augen und mehr Ausdauer als er nicht. Gegen den Staub liessen sich einzelne Schlachten gewinnen – der Krieg war von Anfang an verloren.

Er hatte den vollen Staubbeutel in den Müll geworfen, dabei (wie er das immer tat) „Fuck Dyson“ gesagt und sich gefragt, wie lange es wohl noch dauern würde, bis eine neue Tonne auf dem Gehsteig auftauchen würde, wo man die vollen Staubsaugersäcke entsorgen konnte. Mit Staub liesse sich ganz sicher mehr anfangen, als ihn in den Restmüll zu werfen. Alles wurde irgendwann zu Staub. So gesehen war Staub prozessierte Materie und es musste sich lohnen, ihn zu sammeln und wiederzuverwerten.   

Montag war Bertrands Haushaltstag, seit seine Frau Luzia gestorben war. Als Nächstes wollte er sein Bett frisch beziehen und die Bettbezüge waschen.  Als er ins Schlafzimmer kam, fiel ihm etwas Kleines, Schwarzes am Boden auf. Er bückte sich, wobei er darauf bedacht war, in die Knie zu gehen, um seinen Rücken zu schonen, und hob es auf. Der Rücken tat trotzdem weh, als er sich wieder aufrichtete. In seiner Hand lagen zwei kurze, schwarze Kunststoffröhrchen, offensichtlich von einem Elektrokabel, das jemand abisoliert hatte.

Seltsam, dachte er. Wie konnte es sein, dass er sie beim Staubsaugen übersehen hatte? Und wenn er sie übersehen hätte, was trotz seiner schlechten Augen unwahrscheinlich war auf dem hellen Parkettboden, hätte er sie wohl aufgesaugt. Oder hatte er im Schafzimmer noch gar nicht Staub gesaugt? Er ging auf die Knie und griff mit der Hand unter das Bett. Tatsächlich, Staub. Er hatte das Schlafzimmer vergessen. Trotzdem war es seltsam, dass ihm die beiden Kabelhülsen nicht schon vorher aufgefallen waren.

Hatte er neulich einen Stecker repariert? Luzia hatte wenig gehalten von seinen handwerklichen Fähigkeiten, und ihm insbesondere alles verboten, was mit Elektrizität zu tun hatte. „Dafür gibt es Elektriker. Ich will Dich nicht pflegen, wenn Dich ein Stromschlag gelähmt hat.“ Dabei konnte er einiges. Zum Beispiel Lampen verkabeln. Er konnte die dreifarbigen Kabel sehr wohl auseinanderhalten. Aber er stieg schon lange nicht mehr auf Leitern.  Sein Gleichgewicht war nicht mehr, was es einmal war.  War ein Elektriker da?  Er konnte sich nicht erinnern. Woher also kamen die beiden schwarzen Kabelhülsen?

Er versuchte sich daran zu erinnern, was er zuletzt repariert hatte. Es fiel ihm nichts ein. Ausser, dass er den Abfluss in der Dusche und den Siphon im Badezimmer gereinigt und dabei geweint hatte. Die langen weissen Haare, die den Abfluss und den Siphon verstopften, waren Luzias Haare. Zwei Jahre nach ihrem Tod hielt er ihre Haare in der Hand.

Sonst viel ihm nichts ein, und ob dem Versuch, sich zu erinnern, vergass er, dass er die Bettwäsche wechseln wollte, und beschloss stattdessen, einkaufen zu gehen, obwohl er sonst immer am Mittwoch einkaufen ging. Der Mittwoch schien ihm als Einkaufstag am besten geeignet. In der Mitte der Woche liess sich gut kaufen, was man über das Wochenende und Anfang Woche verbraucht hatte und was man für das nächste Wochenende brauchte. Verbrauchen und brauchen – der ewig gleiche Zyklus. Bis man eines Tages Pizzateig, Mozzarella, Tomaten und Oliven kaufte, um am Wochenende Pizza zu backen, und dann musste jemand anders den Kühlschrank räumen.   

Als er die Türe des Fahrstuhls öffnete, ärgerte er sich einmal mehr. Schon wieder lag eine klebrige Flüssigkeit in einer Ecke des Fahrstuhls. Er war sicher, dass jemand aus den oberen Stockwerken jeweils seinen tropfenden Müllsack in die Ecke stellte, wenn er oder sie ihn runterbrachte. Reichte es nicht, dass das Treppenhaus meist dreckig war, weil die Hausverwaltung eine Reinigungsfirma bezahlte, die billig war und dafür kaum je erschien? Musste auch der Fahrstuhl wie ein Pissoir riechen?  

Als er aus dem Fahrstuhl trat und in Richtung Haustüre schaute, sah er, dass ein Zettel an der Glasscheibe hing.  Er ging näher und las: „Der Elektriker war da. Wir konnten Sie leider nicht erreichen. Bitte melden Sie sich unter …“. Interessant, dachte Bertrand. Dann war vielleicht wirklich der Elektriker da und er hatte es einfach vergessen? Aber warum hinterliess er dann einen Zettel an der Türe, dass er ihn nicht erreichen konnte? Meinte er überhaupt ihn? Da stand kein Name. Wie sollte der, der gemeint war, es wissen? Weil er einen Elektriker bestellt hatte? Hatte er einen Elektriker bestellt? 

Bertrand sagte die Telefonnummer laut vor sich hin, womit er sie in seinem Kurzzeitgedächtnis ablegte, und ging wieder hoch in seine Wohnung, die seit Luzias Tod viel zu gross war. Er sagte die Nummer noch einmal laut und schrieb sie auf einen Zettel. Dann rief er an.  Aber noch bevor es klingelte, stoppte er den Anruf. Vielleicht rufe ich besser zuerst die Hausverwaltung an, dachte er. Vielleicht hatten die ja den Elektriker bestellt und ihn in die Wohnung gelassen.

„Wir bestellen keine Handwerker“, antwortete die Dame von der Verwaltung. Wir haben keine Schlüssel zu den Wohnungen. Alle Wohnungsschlüssel sind bei Ihnen.“

„Danke“, sagte Bertrand. „Das ist beruhigend“. Er wünschte der Dame einen schönen Tag, hängte auf und wählte noch einmal die Nummer des Elektrikers.

Eine junge Frauenstimme meldete sich. Jedenfalls klang sie jung.

„Elektro-Wagner, was können wir für Sie tun?“

„Hallo, hier ist Mesmer. Bertrand Mesmer, Neulinggasse 34, 3. Bezirk, Ich rufe an wegen dem verpassten Elektriker.“

„Wie lautet nochmal die Adresse?“

„Neulinggasse 34, 3. Bezirk. Bertrand Mesmer.“

„Kleinen Moment, bitte.“ Und nach einer Minute: „Keiner unserer Monteure war an der Neulinggasse.“

„Sind Sie sicher? Da ist dieser Zettel an der Haustüre…“

„Tut mir leid, aber ich bin ganz sicher, dass niemand von uns an der Neulinggasse war in letzter Zeit. Ich mache die Einsatzplanung. Ich würde das hier auf dem Einsatzplan sehen.“

„Und woher dann der Zettel an der Haustüre mit ihrer Telefonnummer?“

„Vielleicht hat sich jemand einen Scherz erlaubt.“

„Ein seltsamer Scherz, finden Sie nicht auch? Wer sollte darüber lachen?“

„Brauchen Sie nun einen Elektriker oder brauchen Sie keinen?“

„Nein“, sagte Bertrand, und dann: „Doch, ja, Ich brauche einen. Ich brauche einen. Eine Steckdose hat sich aus der Wand gelöst. Meine Adresse haben Sie ja nun. Bertrand Mesmer, bei Top 2a klingeln, das ist die 3. Etage, weil es ein Zwischenstockwerk gibt, verstehen Sie? Die Türe links, wenn man aus dem Fahrstuhl kommt. Der Fahrstuhl funktioniert wieder.“

„Alles klar. Passt es morgen Vormittag, Herr Mesmer?“

Als er aufgehängt hatte, zog er seine Schuhe an, liess den Fahrstuhl kommen und ging noch einmal hinunter zur Haustüre. Der Fahrstuhl war ganze vier Wochen defekt gewesen. Jetzt funktionierte er wieder. Als er aus dem Fahrstuhl kam, vor sich die Milchglasscheibe der Haustüre, sah er schon von innen: der Zettel war verschwunden. Er trat aus dem Haus und betrachtete die Glasscheibe der Türe von aussen: kein Zettel. Auch keine Klebespuren, soweit er sehen konnte.  

Hatte er sich das alles nur eingebildet? Es wäre ja nicht das erste Mal, dass er sich etwas einbildete. In den letzten Jahren war es ab und zu vorgekommen, dass er etwas erlebte, was, wie sich später herausstellte, gar nicht stattgefunden hatte. Oder jedenfalls nicht so, wie er es erinnerte, und schon gar nicht so, wie er es erzählte. Du hast eine blühende Fantasie, sagte Luzia dann jeweils, und sein Hausarzt sprach von den Anfängen einer Demenz. Sollte er den Elektriker noch einmal anrufen und fragen, ob er gerade einen Termin vereinbart habe?

Als er wieder ins Haus treten wollte, hielt ihm eine Frau mit einem kleinen Kind an der Hand die Türe auf.

„Danke“, sagte Bertrand. „Sagen Sie, war da ein Zettel an der Haustüre, vom Elektriker?“

„Nicht, dass ich wüsste“, antwortete die Frau, und hob den Schnuller auf, den ihr Kind gerade zu Boden geworfen hatte.  Ohne ihn abzuwischen, steckte sie ihn dem Kind wieder in den Mund. „Gut gemacht!“, sagte Bertrand, „Dreck ist gesund, so entwickelt der Kleine später weniger Allergien.“ „Der Kleine ist ein Mädchen“, antwortete die junge Mutter.

Bertrand stellte den Wecker für den nächsten Tag auf 7 Uhr. Wenn Handwerker für Ende Vormittag angekündigt waren, konnten sie ebenso gut gar nicht kommen oder schon um 8 Uhr vor der Türe stehen. Bevor er zu Bett ging, ging er zum Sicherungskasten und nahm vorsichtshalber sämtliche Sicherungen raus. Dann ging er mit der Taschenlampe und einem Schraubenzieher ins Schlafzimmer, löste eine Steckdose aus der Wand, nahm zwei der vier Schrauben, ging im Licht der Taschenlampe in die Küche und warf sie in den Müll.

Wenn Diebe gerade meine Wohnung beobachten, dachte er, als er zurück ins Schlafzimmer ging, meinen sie, es sei schon ein Dieb da, und sie streichen die Wohnung von ihrer Liste.  Er kicherte und ging zu Bett.  

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