Abgesehen vom Gulasch, das nur meine Schwiegermutter so zubereiten kann – und mein Gott, sie hat es gerade wieder getan und sich dabei selber übertroffen -, basiert alles auf Annahmen. Man nimmt an, dass etwas so ist, weil man es so gelernt oder gelesen hat, vielleicht auch nur gehört (und wenn möglich falsch verstanden), bis man eines Tages selber feststellt, dass es doch anders ist, manchmal zum Glück, manchmal leider. Von da an nimmt man an, dass es nun so sei, und nicht mehr anders, und geht davon aus, dass es so bleibt, auch wenn man gerade nicht hinschaut.
Ben Gurion, Uziel und Haroe sind Parallelstrassen verschiedener Grösse in meinem neuen Universum. Dank Ihnen finde ich mich auf den langen Spaziergängen mit unseren Hunden zurecht, auch wenn ich mein Mobiltelefon nicht dabeihabe. Ben Gurion, Uziel, Haroe – alles andere sind Seitenstrassen.
Ich wurde dank den Hunden, die mich im Auge des Betrachters zum Ortsansässigen machen, auch schon nach dem Weg gefragt und konnte tatsächlich schon einmal Auskunft geben. Od shloshim metrim bne jemina. Noch dreihundert Meter, dann rechts abbiegen. Vielleicht waren es auch nur 200 Meter, aber den Satz hatte ich vom GPS gebrauchsfertig im Ohr.
Ich bin diese drei Strassen, Ben Gurion, Uziel und Haroe, von denen Ben Gurion mit zwei Spuren in jede Richtung die grösste ist, schon in beide Richtungen gegangen, Uziel (am einen) und Ben Gurion (am anderen) sogar bis an ein Ende oder einen Anfang – ich habe nicht auf die Hausnummern geachtet.
Heute bin ich die Haroe bis an eines ihrer Enden spaziert. Der Plan war, gegen Ende der Strasse in eine Seitengasse einzubiegen, die zur Ben Gurion führt, und dann auf der Ben Gurion zurück in Richtung unserer Wohnung an der Elyashiv. Am besten geht man von der Ben Gurion die Yad Shalom hoch. Die ist trotz der Baustelle angenehmer als die Ruchama, die irgendwie nicht sehr einladend wirkt. obwohl sich die älteren Häuser Mühe geben.
Die erstaunliche Entdeckung auf diesem Spaziergang war, dass sich Parallelen nicht erst in der Unendlichkeit schneiden, sondern einiges vorher.
Wenn man von der Elyashiv her kommend die Uziel überquert und dann die Ehud oder die Avishai genommen hat, bis man auf die Haroe getroffen ist, die wie gesagt parallel zur Uziel und zur Ben Gurion verläuft, und auf der Haroe dann nicht nach rechts, in Richtung Metzger Friedman, sondern nach links, in Richtung Bnei Brak gegangen ist, stellt man, nachdem man eine ganze Weile an Häusern vorbeigegangen ist, deren Bewohner in der Ruhe des Schabbats hinter heruntergelassenen Jalousien Musik hören, fest, dass sich die Haroe nach links zu krümmen beginnt.
Man merkt es daran, dass schneller gehende Hundehalter, Frauen wie auch Männer, die gerade erst mit ihrem Tier aus einem der Häuser getreten sind, nach einer Weile hinter der Biegung verschwinden.
Der Plan war nun. wie gesagt, und nachdem der Spaziergang jetzt doch schon eine ganze Weile gedauert hatte, nach links in eine der nächsten Seitenstrassen einzubiegen, um hinüber auf die Ben Gurion zu gelangen, aber die Seitenstrassen erwiesen sich eine nach der anderen als Sackgassen.
Wenigstens, dachte ich, zog es die Haroe ganz offenbar nach links, womit ich die beruhigende Gewissheit hatte, dass ich mich zwar weiter von zuhause, aber nicht von der Ben Gurion entfernte, die mich am Ende wieder sicher nachhause führen würde. Je länger die langgezogene Kurve dauerte, desto näher kam die Haroe der Ben Gurion. Sie würde doch nicht…?
Ich weiss nicht, wie alt ich war, als ich in der Schule lernte, dass sich zwei Parallelen in der Unendlichkeit kreuzen. Oder war es berühren, treffen, schneiden? Oder war es nur der Anfang eines weiteren Witzes, nach dem Muster von „Zwei Pferde treffen sich in einer Bar“?
Ich weiss auch nicht mehr, es ist einfach zu lange her, ob man damals versucht hat, es mir zu erklären, und wenn ja: hatte ich es begriffen, oder hatte ich, wie ich das als Kind so oft tat, ja gesagt und genickt, als man mich fragte, ob ich es verstanden hätte, weil ich weder als dumm gelten noch dem Erwachsenen das Gefühl geben wollte, es mir nicht gut erklärt zu haben?
Falls ich es damals verstanden hätte (irgendetwas mit der Erdkrümmung?), was ich bezweifle, hätte ich es längst wieder vergessen, und wahrscheinlicher ist ohnehin, dass ich es (erklärt oder nicht) nie verstanden habe.
Ich verstehe es auch heute nicht, obwohl ich gerade versucht habe, es zu verstehen, aber ich bin bei den ersten paar Formeln steckengeblieben. Wenn zwei Geraden parallel verlaufen, berühren sie sich auch in der Unendlichkeit nicht. Und wenn sie das doch tun, weil sie so lange unterwegs waren, dass es ihnen ohne Berührung oder wenigstens einen Annäherungsversuch langweilig wurde, sind sie keine Parallelen mehr.
Und da stand ich nun also unvermittelt an der Stelle, an der sich zwei Parallelstrassen schneiden. Wobei man nicht wirklich von schneiden sprechen kann. Es ist vielmehr so, dass die kleinere Haroe in die groessere Ben Gurion mündet. Trotzdem musste das hier die Unendlichkeit sein, wenn die Schule für irgendetwas gut war.
Ich schaute mich um. Ein Mann in Sandalen kam mir entgegen. Von der anderen Strassenseite bellte ein Hund, der nicht zu sehen war. Der Verkehr war noch immer sehr dünn. Die wenigen Autos waren langsam unterwegs. Keinerlei Hupen. Ich schaute auf meine Uhr. Es war viertel vor zwei. Der Shabbat dauerte noch ein paar wenige Stunden. Die Unendlichkeit war schon fast wieder vorbei.
Ich muss nachhause, dachte ich, und fasste die Leinen der Hunde kürzer. Ich muss so schnell wie möglich nachhause, auf direktem Weg.
***
(„Zwei Parallelen treffen sich in der Unendlichkeit. Wer hat denn sowas behauptet? fragt die eine. Ein Wegweiser, sagt die andere.“)
8. Januar 2025 um 14:28
Happy Birthday. Weil der grad zufällig heute ist.
Sandra