Fetter Junge, dünne Tante

(Abschied nehmen)

Es gibt ein Bild, es ist noch kein Jahr alt, auf dem man meine Tante in unserer damals gerade frisch bezogenen Wohnung in Regensdorf (Manhattan) in unserem Fat Boy sitzen sieht, einem breiten, schwarzen Fauteuil, in dem es sich superbequem fernsehen, lesen oder auch einfach nur dösen liess und den man mit einem Hebel umlegen und darin wunderbar ein- und weiterschlafen konnte. Meine Tante, früher eine füllige Person, der wir als Kinder auch mal den Spitznamen «Tanti Fanti» gegeben hatten, sieht im grossen Sessel klein und leicht aus, wie ein freudig strahlendes Murmeltier oder ein Klippschliefer, die ja mit den Elefanten nahe verwandt sein sollen.  

Wir hatten den Fat Boy aus Ankara nach Wien und von da in die Schweiz mitgenommen. Er stand mit seinem Bruder im Wohnzimmer, als wir zum ersten Mal in die Wohnung im ersten Stock der Residenz der Schweizer Botschaft am Atatürk Bulvari in Çankaya traten. Dumm, wie ich manchmal bin, wollte ich beide Fat Boys nicht in meinem neuen Wohnzimmer. Die Vorstellung, wie viele Botschafter und ihre Frauen sich bereits in den Sesseln geräkelt hatten, war abstossend für mich. Zum Glück bestand meine Partnerin und spätere Frau darauf, wenigstens einen Fat Boy zu behalten. „Du musst ja nicht darauf sitzen“, sagte sie. „Es wird mein Sessel sein.“  

Natürlich wurde es dann bald einmal mein Sessel, weil er einfach zu bequem war, um sich von der eingebildeten Erinnerung an alt Botschafter und ihre Gattinnen daraus vertreiben zu lassen. Wenn ich diese Zeilen schreibe, kommt mir natürlich mein Vater in den Sinn, wie er sich ein paar Wochen lang weigerte, auf das neue Sofa zu liegen, das meine Mutter aus ihrem eigenen Geld gekauft hatte, ohne ihn zu fragen. Mein Vater sah nicht ein, weshalb man etwas entsorgen sollte, wenn es noch zu gebrauchen war. Ein paar Wochen später legte er sich dann nach dem Abendessen auf das neue Sofa, als wäre nichts gewesen.

Als es klar wurde, dass der Fat Boy mein Sessel geworden war, bat meine Frau den Hausmeister der Botschaft, er solle doch bitte den anderen Fat Boy aus dem Keller holen und ihn in unser Wohnzimmer zu seinem Bruder bringen, aber es stellte sich heraus, dass ihn die unterdessen transferierte Kanzleichefin einer vor ihr in die Schweiz zurückgekehrten Kollegin geschenkt hatte, was sie eigentlich gar nicht durfte, denn es handelte sich um Mobiliar des Bundes. Erst kurz bevor wir Ankara in Richtung Wien verliessen, wurde es möglich, altes Mobiliar aus der Residenz zu kaufen, da die zukünftigen Botschafter ihre Privaträume in den Residenzen selber möblieren durften. Es tat mir natürlich Leid, dass ich verantwortlich für die Trennung der beiden Brüder war, aber ich konnte es nicht mehr ändern. Alles, was ich noch tun konnte, war, meiner Frau ab und zu den Fat Boy zu überlassen.

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Aus dem Zentrum von Höngg, wo ich aufgewachsen bin, führt die Regensdorferstrasse, so weit so gut, direkt nach Regensdorf. Leicht befremdend ist lediglich, dass man sich, wenn man kurz nach dem Restaurant Grünwald aus dem Wald kommt und  Regensdorf sehen kann, nicht mehr auf der Regensdorferstrasse, sondern auf der Hönggerstrasse befindet. Sollte man wenden?

Als wir von Wien nach Regensdorf zogen, hiess das auch, dass unser Wohnzimmer anstatt sechzig plötzlich nur noch zwanzig Quadratmeter gross war. Als wir das erste Mal von Höngg aus kommend mit dem Wagen aus dem Wald kamen, sagte ich zu meiner Frau mit Blick auf die alten und gerade neu entstehenden Hochhäuser: Manhattan!

Alles in Regensdorf, auch unser Wohnzimmer, ist lediglich etwas kleiner, aber sonst fast wie in Manhattan. Mit unseren beiden Sofas, einem Kasten, einem Beistelltisch, einem TV-Möbel und zwei türkischen Heiratsboxen war unser Wohnzimmer bereits voll, mit dem Fat Boy klar übermöbliert. Trotzdem brauchte es fast ein Jahr, bis wir uns dazu durchringen konnten, uns von unserem Fat Boy zu trennen. Natürlich hätten wir auch eines der eben erst in Wien gekauften teuren Sofas weggeben können, und vielleicht hätten wir genau das tun sollen, aber es schien uns wenig Sinn zu machen.

So fiel das Los auf unseren Fat Boy, und meine Frau gab ihn schweren Herzens im Nachbarschafts-Chat zur Adoption frei. Am Abend des 13. März kam ihn dann ein junges Paar aus der Nachbarschaft abholen und wir waren froh, dass er, anstatt auf der Müllhalde zu landen, eine sympathische neue Familie gefunden hatte. Am Tag danach erreichte uns zuerst eine Whatsapp-Meldung des jungen Paars, wie glücklich sie mit dem superbequemen Fat Boy seien, dann die Kurzmitteilung meines Bruders, dass unsere Tante um die Mittagszeit friedlich eingeschlafen sei.

Meine Frau und ich hatten sie vor drei Wochen noch zum Mittagessen in ein Restaurant in Höngg ausgeführt, wo sich der Kellner sehr gefreut hatte, sie wiederzusehen. Kurze Zeit später hatte sie einen Hirnschlag und wurde ins Spital eingeliefert. Als mein Bruder und ich sie besuchten und ihr nach einem Gespräch mit den Ärzten mitteilten, sie würde am folgenden Tag entlassen und dürfe in ihr eigenes Zimmer im Pflegezentrum in Höngg zurück, wusste sie nicht mehr, dass sie die letzten fünf Jahre dort verbracht hatte. «Ich will nachhause» sagte sie, «Gehen wir jetzt?»   

Zurück im Pflegeheim begann dann die palliative Pflege. Das erste Mal, als meine Frau und ich sie besuchten, konnte man noch mit ihr kommunizieren, obwohl sie nicht mehr viel sagte. «Sprecht nur,» sagte sie ab und zu, «Ich kann euch hören.» Beim nächsten Besuch sprach sie kaum noch. Zu Beginn des Besuchs richtete sie sich im Bett auf, schaute meine Frau an, und sagte zu Ihr «I love you!» bevor sie wieder in den Nebeln der Opiate versank. Später sagte sie noch «Es nimmt mich einfach» und gegen Ende unseres Besuchs noch ein Mal: «Es nimmt mich einfach». Zwischendurch griff sie mit ausgestreckten Armen in die Luft, als wollte sie etwas fangen.

Bei unserem letzten Besuch am Donnerstag, am Tag bevor sie starb, dämmerte sie nur noch vor sich hin, die Augen einen Spalt weit geöffnet, die immer länger werdenden Atempausen von einem unruhigen, mühsamen Ringen um Luft unterbrochen. Uns war klar, dass das unser Abschiedsbesuch sein würde. Wir sprachen wenig auf der Heimfahrt. Als wir aus dem Wald kamen, brannten in Manhattan bereits die Lichter.

Obwohl ich vorbereitet war, musste ich am Freitag, als ich meiner ältesten Tochter, die es gerade noch geschafft hatte, am Vormittag von ihrer Grosstante Abschied zu nehmen, mitteilte, sie sei nun gestorben, weinen. Als wäre ihr Sterben erst real geworden, als ich es aussprach.

Mein Tante wollte gehen, und ich wusste, dass dieses Gehen (oder genommen werden?) unmittelbar bevorstand, trotzdem überkam es mich. Im Fleischli in Rümlang, bei Kaffee und einem Stück Osterkuchen. Mein Frau legte ihren Arm um mich und die Hunde schauten mich verwundert an.

Heute ist Samstag. Ich habe einige Dinge entsorgt und einen langen Spaziergang mit den Hunden gemacht, bei dem sie auf einer Wiese neben dem Fussballplatz frei rennen konnten. Zum Abendessen hat meine Frau Filet und Reis zubereitet. Nun stehe ich an meinem PC und habe gerade Ben Gurion das Gesicht gewaschen und ihm die Sonnenbrille gereinigt. Zu viele braune Ringe von meinen Kaffeetassen auf dem Untersatz mit seinem von der Illustratorin Amit Shimoni gemalten Pop-Art Brustbild. Ben Gurion trägt ein pinkes Hemd mit kleinen Ananas, vermutlich mit kurzen Ärmeln (man sieht das auf dem Untersatz nicht mehr), er hat schlohweisses Haar und trägt eine dunkle Sonnenbrille. Der Hintergrund ist gelb.

2 Antworten to “Fetter Junge, dünne Tante”

  1. walter Says:

    Karl Krolow, hab ich zuerst gedacht. Aber natürlich: Günter Eich. Danke, Briederchen, für diese Himbeerranke, die nun den Text hochklettert.

  2. Anonymous Says:

    Fat Boy is gone, die Tante ist nicht mehr, aber der Hintergrund hinter Ben Gurion ist gelb, und bekanntlich schlägt der Mond sein Auge auf, gelb und für immer. Briederchen.

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