Das Leben reute ihn. Seit ihm bewusst geworden war, wie kurz es war, gab er es nur noch ungern aus. Er teilte es widerwillig, und wenn, dann höchstens mit Menschen, die ihm viel bedeuteten, oder mit seinen Hunden. Und verschenken kam nicht in Frage, keinen einzigen Tag!
Er hatte lange gebraucht, um zu begreifen, wie kurz sein Leben war. Wenn er daran dachte, wie achtlos und verschwenderisch er davor mit seinen Tagen umgegangen war, wurde ihm schwindlig und er musste sich hinsetzen.
Jahrzehntelang hatte er in den Tag hineingelebt, unbeschwert, als gäbe es immer ein Morgen. Schlimmer noch: es hatte ihn gar nicht gekümmert, ob es ein Morgen geben würde und wie oft noch. Er hatte die Tage gepflückt und verwelken lassen, als würden sie in ihm nachwachsen.
Hin und wieder hatte es alte Menschen gegeben, die ihm freundlich geraten hatten, er solle das Leben geniessen, es sei kurz. Damit konnte er wenig anfangen. Er genoss es ja meistens. Und es klang für ihn so, als sagte man ihm, die Sonne schrumpfe und werde irgendwann verschwinden.
Er würde selber nie einem jungen Menschen sagen, das Leben sei kurz. Das glaubte nur einer, der es schon wusste. Es war das Privileg der Jungen, das Leben mit vollen Händen aus dem Fenster zu werfen. Eine Freundin hatte einmal zu seinem Sohn gesagt: «Ich will Deine Zeit verschwenden.»
Manche Tage entwickelten sich so, dass es ihn gegen Mittag ärgerte, sie begonnen zu haben. Handwerker, die um 8 Uhr da sein sollten, kamen erst um 10 Uhr, oder der Pollenflug machte ihm so zu schaffen, dass der Spaziergang zur Plage wurde. Er hätte diese Tage gerne zurückgegeben.
Ein Freund hatte ihm vorgeworfen, geizig zu sein im Umgang mit seiner Zeit. Er hatte ihm nicht widersprochen. Grosszügig war er nur mit Absagen. Er erteilte sie links und rechts. Du vereinsamst mir noch, sagte seine Frau. «Welcher Verein?», fragte er.
Neulich stand er am Grab seiner zweitletzten Tante. Sie war viel und weit gereist. Seit sie ihr Haus hatte verlassen müssen und im Altersheim ein Zimmer bezogen hatte, fehlte ihr die Freude am Leben. Sie wollte es loslassen. Wie eine Handtasche an der Reling eines Hochseeschiffs.
Das Leben reute ihn. Manchmal wusste er wenig mit seinen Tagen anzufangen, und es betrübte ihn. Oft gelang es ihm, sie auszukosten, und er ging an ihrem Ende glücklich zu Bett. Dann blickte er, bevor er das Licht ausmachte, auf seinen kleinen Vorrat wie auf einen Schatz.
26. April 2025 um 19:36
Besten Dank, lieber Clemens, für diesen schönen Hinweis!
26. April 2025 um 12:23
lieber walter —
dazu kommt mir ein fundstück in den sinn…
hier ist es
verbunden mit einem herzlichen gruss
von clemens theo aus wien
:
Es gibt Menschen mit Größenwahn.
Die denken, sie seien Napoleon.
Das ist eine Krankheit.
Aber der größte Größenwahn ist, sich einzubilden man glaube an Gott.
Der Glaube ist eine Größe die dem Menschen nicht entspricht.
Er ist mehr als man selbst.
Man kann es nicht erklären.
Aber man kann damit leben.
Ein bisschen.
[…]
Ich bin dumm genug, mich des Lebens zu freuen.
Mutlosigkeit ist eine der größten Sünden.
Ich habe eine Regel, die besagt,
man darf nicht alles auf sich selbst beziehen.
[…]
Doch jedes Leben kann erzählt werden
als eine Kette von Wundern.
Glauben Sie auch an ein Wunder des Todes?
Das ist Gottes Geheimnis.
Die Menschen hätten längst einen Weg gefunden,
um den Tod zu erklären, wenn dieses Programm im Gehirn nicht blockiert wäre.
Diese Blockade ist vielleicht der strengste Gottesbeweis.
Wir wissen nichts über den Tod.
Vielleicht ist er ein Wunder wie die Geburt.
Vielleicht ist er das größte Wunder überhaupt.
[…]
Das ist es: Man muss zum Sterben bereit sein.
Es ist wichtig dem Tod würdig zu begegnen.
Aber der Mensch ist ein schwaches Geschöpf.
»Um leichtes Leben habe ich
Gott gebeten, um leichten Tod hätte ich bitten sollen«,
schrieb Mandelstamm.
Ärgern Sie sich nie darüber,
im Leben schon so viel Zeit für unwichtige Dinge vergeudet zu haben?
Ich bin ein freier Mensch.
Es ist der größte Luxus, Zeit zu vergeuden.
Andrei Georgijewitsch Bitow im Gespräch mit Iris Radisch
aus »Die letzten Dinge« | Rowohlt Verlag | 4. Auflage | Oktober 2020