Kurz nach der Invasion der Osterküken

Vom ersten fand ich nur ein kleines Stück, ohne zu wissen, wozu es gehört. Unser Roboter hätte es eingesaugt, wenn es mir nicht vorher aufgefallen wäre: ein hellblaues Stück Filz, einen knappen Centimeter lang, einen Millimeter breit und an einem Ende in einen Dreiviertelkreis gebogen. Es lag in der Küche auf dem Boden. Ich hob es auf und warf es, während ich mich noch wunderte, was es war, in den Müll.  

Am nächsten Morgen sprang mir, als ich in die Küche trat um Kaffee zu machen, vom Balkon etwas leuchtend Gelbes ins Auge.  Wahrscheinlich eines der Spielzeuge der Hunde, dachte ich, während ich die Balkontüre öffnete, aber es war ein Küken aus Stoff mit roten Plastikfüssen, einem kleinen orangen Schnabel, schwarzen Knopfaugen und einem Brillengestell aus hellblauem Filz. Das war es also, was ich am Vortag gefunden hatte. Ein Stück eines Brillengestells eines kurzsichtigen Osterkükens.

Wahrscheinlich war es von der Terrasse über unserem Balkon runtergefallen oder ein Kind hatte es runtergeworfen. Kinder werfen manchmal ihre Spielzeuge von Balkonen. Ich hob es auf und betrachtete es. Seine Brillenfassung war intakt. Das Stück Stoff vom Vortag musste zu einem anderen Küken gehört haben. Ich warf es in den Müll.

Am nächsten Tag lag wieder ein Küken auf dem Balkon. Ich hob es auf und schaute zur Terrasse hoch. Man konnte sie nicht sehen, aber ich wusste, dass über uns eine Terrasse war. Ich konnte ihr gemauertes Geländer beim Haus gegenüber sehen, das wie das unsere gebaut war, nur seitenverkehrt. Sollte ich das Küken aufbewahren, falls das Kind oder dessen Eltern an unserer Türe klingeln und nach ihm fragen würden? Ich warf es in den Müll.

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, war mein erster Gedanke, ob erneut ein gelbes Küken auf unserem Balkon darauf wartete, entdeckt zu werden. Als ich beim Flur um die Ecke kam, sah ich gleich drei gelbe Gegenstände auf dem Balkon liegen. Nicht ein, drei Küken waren über Nacht gelandet.  Alle mit hellblauen Brillenfassungen. Was ging hier vor sich? Spielte mir jemand einen dummen Streich? Ich trat auf den Balkon und schaute mich um. Der Balkon gegenüber war zu weit entfernt, als dass man einen so leichten Gegenstand wie ein Stoffküken (mit Filzbrille) auf unseren Balkon hätte werfen können.

Dass ein Vogel die Küken irgendwo aufgegabelt hatte und dann, wenn er im Flug feststellte, das sie zum Nestbau nicht taugen, über unserem Balkon fallen gelassen hatte, konnte ich mir nicht vorstellen. Einmal vielleicht, aber zweimal hintereinander und nun gleich drei aufs Mal? Das schien mir völlig ausgeschlossen.

Vom Balkon unter uns konnten sie auch nicht kommen.  Aus demselben Grund, aus dem ich den Balkon gegenüber als Herkunftsort ausgeschlossen hatte. Und vom Balkon unter uns kam ab und zu Zigarettenrauch hoch. Raucher sind seriöse Menschen. Sie  werfen keine Stoffküken auf den Balkon über ihnen. Blieb die Terrasse im 5. Stock. Ich beschloss, der Sache nachzugehen.

Die drei Küken stellte ich derweil auf die Küchenkommode. Ein Stoffküken in den Müll werfen ging. Ein zweites ging auch noch. Drei zusammen in den Müll zu werfen, brache ich nicht mehr übers Herz. Es wäre eine Art Massenmord gewesen. Die männlichen Küken, die im Schredder landen, kamen mir in den Sinn, und es tat mir jetzt leid, dass ich die ersten zwei Küken in den Müll geworfen hatte. Irgendjemand hatte sie ausgesetzt, auch wenn ich noch nicht wusste, wer. Ich hatte nicht das Recht, sie in den Müll zu werfen.

Am nächsten Tag regnete es, und ich stellte beruhigt fest, dass keine neuen Küken auf unserem Balkon gelandet waren. Auch am nächsten Tag regnete es, und wieder erschienen keine neuen Küken auf dem Balkon. Ich hätte die rätselhafte Landung der Küken vergessen, wenn nicht die drei, die ich nicht zu den ersten zwei in den Müll geworfen hatte, mich von der Küchenkommode her durch ihre leeren Brillenfassungen angeschaut hätten, als erwarteten sie Futter oder wollten mit mir wegen einem wichtigen Anliegen dringend reden. So weit kommt es noch, dachte ich, und drehte sie zur Wand.  

Am folgenden Tag schien die Sonne durch die Storen im Schlafzimmer und ich ging leicht angespannt den Flur entlang in Richtung Küche, als hätte ich es geahnt.  

Eine ganze Schar gelber, kurzsichtiger Küken stand oder lag auf dem Balkon.  

Ich war jetzt nur froh, hatte ich während der Regenpause nichts von den Küken zu meiner Frau gesagt, die für einen Monat zu ihrem Sohn und seinen frischen Zwillingen (zwei Mädchen) nach Israel gereist war. Was hätte sie von mir denken müssen, wenn ich ihr zuerst vom gebrochenen Brillenrahmen, dann von den zwei einzelnen Küken erzählt hätte, und dass es nun zum Glück vorbei sei (weil es regnet), und am Tag darauf erzähle ich ihr dann von einem ganzen Trupp gelandeter Küken? Ich sei völlig meschugge?   

Trupp war im Übrigen das richtige Wort: es war ein Spähtrupp von Küken, das wurde mir am darauffolgenden Tag klar. Die ersten zwei gelandeten Küken waren einzelne Aufklärer, dann kam ein Spähtrupp, und  am Tag danach bedeckte eine Unzahl von Küken wie ein gelber Teppich den Balkon. Auch auf dem kleinen Balkontisch und den beiden Stühlen sassen oder lagen sie. Die Invasion der kurzsichtigen Küken hatte begonnen.

Es dauerte eine gute halbe Stunde, bis ich alle eingesammelt hatte, beobachtet von unseren beiden Hunden, die von der Küche aus zuschauten und sich nicht trauten, einzugreifen. Ich hätte gerne gewusst, was sie dachten, als sie mich dabei beobachteten, wie ich massenweise leblose Küken aufsammle und in unsere Wohnung trage.

Nachdem ich für alle Küken einen Standplatz gefunden hatte, gab es kaum noch ein Möbel in Küche und Wohnzimmer, das nicht von Küken besetzt war.  Ich ass meine Haferflocken im Stehen und versuchte zu begreifen, was gerade geschah. Es war eine Invasion, das stand fest, aber wer steckte dahinter? Jemand musste diese leblosen kleinen Dinger ja auf meinem Balkon abgesetzt haben. Aber wer?

Kinder schienen mir mittlerweile nicht nur deshalb ausgeschlossen, weil das Paar über uns keine hatte. Aufklärer – Spähtrupp – Invasion: diesen Dreisprung schaffte kein Kind, auch wenn man ihnen heute viel zutrauen musste, bei allem, was sie in ihren Videospielen vorgeführt erhalten. Was hier vor sich ging, war das Werk eines oder mehrerer Erwachsenen.

Die Frage nach dem geografischen woher kannte noch immer nur eine Antwort: die Invasion kam von oben. Aus der Luft oder von der Terrasse über uns, und da der Abwurf aus einem Truppentransporter für Küken (oder einer Hühnerdrohne) absurd schien, blieb die Terrasse.

Das Paar über uns hatte offenbar einen seltsamen Humor, oder die Küken waren eine Retourkutsche für das gelegentliche Bellen unserer Hunde. Wir kannten uns nicht, man traf sich lediglich ab und zu im Fahrstuhl und sagte Hallo. Aus der Art ihres Grüssens war zu hören, dass sie keine Schweizer waren, was den humorvollen Abwurf wahrscheinlicher werden liess.

Als der Balkon am nächsten Tag wieder von Küken übersät war, reichte es mir. Ich zog über dem Pyjama den Morgenmantel an, griff mir eine Handvoll Küken, stapfte die Treppe hoch und klingelte an der Tür über uns. Unser Nachbar öffnete.  Er trug einen Anzug, roch nach Rasierwasser und war offenbar gerade dabei, die Wohnung zu verlassen um zur Arbeit zu gehen. Er sagte etwas auf Spanisch in einem höflichen Tonfall, was wahrscheinlich Was wollen Sie hiess.  

Ich hielt ihm die Küken unter die Nase und sagte: „Das muss aufhören!“ Er nahm sie an sich, lächelte erfreut und sagte; „Muchas Gracias!“ Dann schloss er langsam die Türe.

Ich ging zurück in unsere Wohnung.  Ich war mir nicht mehr sicher, ob er etwas mit den Küken zu tun hatte. Er sah freudig überrascht aus und schien die Küken für ein verspätetes Ostergeschenk zu halten.  Vielleicht schenkte man sich da, wo er herkam, unter Nachbarn in der Osterzeit kleine Osterküken.

Aber Ostern war schon mehr als zwei Wochen vorbei. Woher kamen all die Küken? Noch im Morgenmantel verliess ich die Wohnung, überquerte die Strasse und ging ins Shoppingzentrum.

Im Coop hatten sie den Osterschmuck bereits weggeräumt, aber in der Migros gab es tatsächlich noch einen Restposten mit Osterhasen und Osterschmuck zu stark reduzierten Preisen. Aus drei offenen Kartons schauten mich Horden von gelben Stoffküken mit zusammengekniffenen Augen durch ihre Filzbrillen an.

Ich griff mir die drei Kartons und ging zur Kasse, wo mir beim Anstehen einfiel, dass ich die Wohnung ohne Geld oder Kreditkarte verlasen hatte. «Können Sie mir die bitte auf die Seite tun? Ich wohne gegenüber, ich komm sie gleich bezahlen».

Die Kassiererin schaute den älteren Mann im Morgenmantel, der ohne Geld drei Kartons Stoffküken kaufen wollte,  ungläubig an, aber sie legte die Kartons neben sich auf den Boden. Als sie wieder hoch kam,  blickte sie direkt ins Gesicht des Mannes, der umgedreht hatte. «Passen sie gut auf sie auf!» sagte er, und ging los.

Ich stellte die neuen Küken ins Badezimmer meiner Frau – der einzige Ort, wo noch Abstellraum vorhanden war (in ihrer Badewanne). Ich hatte mich mit dieser Aktion vielleicht lächerlich gemacht, aber mir war etwas Entscheidendes gelungen: Ich hatte dem Feind die Nachschublinien abgeschnitten! Wenn es mir gelang, die bereits gelandeten Truppen zu isolieren, war die Invasion abgewehrt und der Krieg gewonnen.

Die Nacht verbrachte ich in der Küche. Ich hatte ein paar Kissen so auf den Boden gelegt, dass ich liegend den Balkon im Blickfeld hatte. Meine Absicht war, wach zu bleiben, um für den Fall, dass es noch eine letzte Landung geben sollte, zu sehen, wie die Küken auf dem Balkon gelangten, und das gelang mir auch, bis ich gegen 5 Uhr einschlief und erst um 9 Uhr wieder erwachte, als einer unserer Hunde mein Gesicht leckte.

Ich öffnete die Augen. Irgendwann zwischen  5 und 9 Uhr musste die nächste Welle von kurzsichtigen Osterküken auf dem Balkon gelandet sein.

Völlig geschafft stand ich auf. Alle Knochen taten mir weh. Ich wischte mit dem Handrücken eine Ecke des Esstisches und einen Stuhl frei, setzte Kaffeewasser auf und sank erschöpft auf den Stuhl.  

Verlor ich gerade den Verstand? In der Zeitung hatte ich von einem Organismus gelesen, der sich nach einer kurzen Zeit, in der er zur Nahrungssuche herumgeschwommen ist (oder am Meeresgrund gewandert, ich weiss es nicht mehr) an einem Fels festklebt und für den Rest seines Lebens dortbleibt. Kurz nachdem er sesshaft wurde, beginnt er damit, sein Hirn zu essen, beziehungsweise es aufzulösen, weil er es nicht mehr braucht.  

Meine Frau hatte sich stets vor meiner Pensionierung gefürchtet. Sie hatte (erfolgreich) versucht, den Zeitpunkt möglichst lange hinauszuzögern, weil sie überzeugt ist davon, dass man in der Pension ohne die Herausforderungen der Arbeit geistig nur noch abbaut. Hatte sie Recht damit und ich begann, nach einem bewegten Arbeitsleben in acht Ländern in Regensdorf sesshaft geworden, gerade damit, mein Hirn aufzufressen?

Ich gab auf. Die Invasion war gelungen, meine Abwehr kläglich gescheitert. Ich rief meinen Bruder an, der in einem grossen Haus in Höngg lebt, und dessen ältester Sohn gerade erst ausgezogen war.

«Ich halte es in unsere Wohnung nicht mehr alleine aus», sagte ich ihm. «Kann ich mit den Hunden bei Dir wohnen, bis meine Frau nachhause kommt?»

Natürlich war das nicht die volle Wahrheit, denn alleine war ich in unsere Wohnung nun wirklich nicht, aber mein Bruder sagte ja und so begab ich mich nach der Besetzung meiner Heimat ins Exil. Als meine Frau zwei Wochen später zurückkehrte, holte ich sie mit den Hunden auf dem Flughafen ab. Als sie wieder aufrecht stand, nachdem sie von den Hunden – wie immer – über den Haufen gerannt worden war,  umarmte ich sie und fragte: «Wie war’s?»

«Schön, mit den Kindern und Grosskindern,», sagte sie, «aber auch sehr schwierig wegen dem Krieg.»

Und dann fügte sie an: «Wie viel Glück wir doch haben, hier in einem Land leben zu dürfen, das keine Kriege kennt.»

«Ich weiss.» sagte ich. «Gehen wir auf dem Heimweg noch irgendwo einen Kaffee trinken? Ich muss Dir noch etwas erzählen.»

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