(Beobachtungen zu Ohrläppchen und ihrem Zusammenhang mit dem Auftauchen von Erinnerungen)
An der Nordstrasse in Zürich-Wipkingen gibt es eine kleine Confiserie, hinter der sich ein Durchgang in die frühen Sechzigerjahre befindet. Das wissen aber die allerwenigsten Leute, wenn es ausser mir überhaupt jemand weiss.
Viele fahren hier jeden Tag mit nur noch 30 Stundenkilometern vorbei und es ist, obwohl es ihnen unendlich langsam vorkommt und sie damit drohen (wem, ist nicht ganz klar), eines Tages am Steuer einzuschlafen, immer noch zu schnell, als dass ihnen irgendetwas auffallen könnte.
Die meisten bemerken nicht einmal die kleine Confiserie mit den drei Treppenstufen, der verglasten Eingangstür und dem schmalen Schaufenster mit dem rosa gestrichenen Rahmen.
Aus Distanz betrachtet könnte es auch ein Änderungsschneider sein, oder einfach ein schmucker Hauseingang. Es ist aber eine Confiserie, von deren Existenz nur die Glücklichen wissen. Auch von ihnen, so vermute ich wenigstens, die hier – je nach Saison – Profiteroles, Blätterteigpastetli oder Osterkuchen kaufen, hat kaum je einer den Durchgang gefunden. Dabei ist er an Tagen, an denen er geöffnet ist, nicht besonders schwierig zu entdecken.
Wenn man unter dem Jugendstil-Kronleuchter steht und den Confiseur, einen freundlichen alten Mann, nach Saint-Honorés fragt, kann man hinter ihm den Durchgang zu seiner Wohnung sehen. Direkt hinter dem Durchgang hängt ein Spiegel im Flur an der Wand. Dieser Spiegel führt in die frühen Sechzigerjahre, und man braucht dazu nicht einmal Madeleines zu essen.
Es ist nun nicht so, dass ich besonders aufmerksam wäre und den Durchgang deshalb entdeckt hätte. Ich bin nicht dafür bekannt, Dinge zu sehen oder zu finden, die sonst keiner sieht und findet. Im Gegenteil, ich gehöre eher zu denen, die Dinge übersehen und verlieren, und wenn ich ab und zu einen Moment lang glaube, ich hätte etwas erfunden, stellt sich im nächsten Augenblick heraus, dass es schon Hunderte vor mir erfunden haben.
Dass ich den Durchgang in die frühen Sechzigerjahre gefunden habe, hat allein damit zu tun, dass ich in den letzten Jahren viel Zeit in Augenkliniken zugebracht habe und dabei immer wieder aufgefordert worden bin, auf das linke Ohr des behandelnden Augenarztes (in Ankara ein Arzt, in Wien eine Ärztin, in Zürich ein Arzt) zu schauen, während er (dann sie, dann wieder er) mit Hilfe einer blendend hellen Spaltlampe mein Auge untersucht hat.
Irgendwann ist es mir dann zur festen Angewohnheit geworden. Ich schaue meinem Gegenüber während wir reden früher oder später unaufgefordert auf das linke Ohr. Nicht andauernd natürlich, ich starre das linke Ohr nicht an. Ich will es nicht in Verlegenheit bringen.
Ich behalte den Augenkontakt mit der Person, mit der ich spreche, aber zwischendurch schaue ich immer wieder auf das linke Ohr, womit ich möglicherweise – aber bestimmt ohne jede Absicht – den Eindruck erwecke, ich würde mich für die Vielfalt der Formen von Ohrläppchen interessieren.
Einmal hat mich eine Schuhverkäuferin, der aufgefallen sein muss, wo ich während unserem Gespräch über Turnschuhe hinschaute, begeistert gefragt, ob ich auch Ohrläppchen studiere. Sie glaubte in mir einen Gleichgesinnten gefunden zu haben.
„Was soll ich studieren?“
„Ohrläppchen. Lobulus auriculae...“
Und als sie meinen leeren Gesichtsausdruck sah, fügte sie mit einem verschwörerischen Unterton an:
„Seth Weinberg und die 49 Gene…“
Blank…
„Sagt Ihnen nichts?“
„Nein, tut mir Leid. Haben Sie die in Grösse 44?“
Natürlich habe ich das zuhause nachgelesen. Ich wollte kein zweites Mal so unwissend in einem Schuhgeschäft stehen.
Lange war man offenbar davon ausgegangen, dass die Form des Ohrläppchens, ob freihängend oder angewachsen, von einem einzigen Gen bestimmt wird.
Der Inder Pratap Dutta hat dann 1963 zuerst „A Note on the Ear Lobe” und danach “Further Observations on Ear Lobe Attachment” publiziert und dabei nachgewiesen, dass Eltern mit angewachsenen Ohrläppchen auch Kinder mit freihängenden Ohrläppchen haben können. Es war eine Befreiung.
2017 bewies ein von Seth Weinberg geleitetes Forschungsteam an der Universität von Pittsburgh mittels einer Studie an fast 75‘000 Probanden aus aller Welt, dass mindestens 49 Gene Einfluss darauf haben, ob das Ohrläppchen hängt, angewachsen ist oder irgendetwas dazwischen.
Fünf Jahre später, an einem sonnigen Mittwoch im September 2022, ich hatte den Confiseur gerade nach Saint-Honorés gefragt, schaue ich also auf sein linkes Ohr und daran vorbei, weil sich im Spiegel, der im Flur hinter der Confiserie hängt, etwas bewegt hat.
Es sieht so aus, als wäre der Spiegel flüssig und eine sanfte Welle würde ihn von unten nach oben durchwandern.
***
Ich war an jenem Tag, als ich den Wasserspiegel entdeckte, zum ersten Mal seit meiner Gymnasialzeit wieder durch die Nordstrasse gefahren. Ich half meiner jüngeren Tochter beim Einzug in eine kleine Wohnung in einer Seitenstrasse der Nordstrasse, und wir hatten in ihrer alten Wohnung ein paar Kartons mit Hausrat geladen.
Als wir durch die Nordstrasse fuhren, sagte ich zu meiner Tochter: „Siehst Du die pinke Tür und das Schaufenster? Das ist eine Confiserie. Kaum zu glauben, dass sie noch existiert.“
„Warum sollte sie nicht mehr existieren?“, fragte meine Tochter.
„Weil mir meine Tante Pia, als ich ein kleiner Junge war, hier Süssigkeiten gekauft hat. Das war Anfang der 60er-Jahre. Ich war 5 oder 6 Jahre alt. Die kleine Confiserie wirkte schon damals wie aus einer anderen Zeit und heute gehört sie eigentlich in ein Märchenbuch. Tante Pia wohnte damals hier an der Nordstrasse. Von ihr stammt die Geschichte von Barry, die ich euch einmal erzählt habe. Erinnerst Du Dich?“
„Nicht gerade, nein… hilf mir auf die Sprünge“, sagte meine Tochter.
„Barry war der Familienhund, als Tante Pia im Aargau aufwuchs. Als die Familie Konrad nach Zürich in eine kleine Stadtwohnung in Albisrieden zog, konnten sie Barry nicht mitnehmen. Sie beluden einen kleinen Lastwagen mit ihrem Hausrat und fuhren nach Zürich. Ich erinnere mich nicht, bei wem sie Barry zurückliessen. Bei einem Nachbarn? Auf jeden Fall blieb Barry nicht dort, wo sie ihn zurückgelassen hatten. Barry riss aus und stand eines Tages vor dem Miethaus in Zürich, wo die Konrads seit zwei Wochen wohnten. Wie er es gefunden hatte, konnte man sich nicht erklären, und ob er bleiben durfte, habe ich vergessen. Ich will nichts anderes glauben als ja.“
„Doch, das hast Du uns schon einmal erzählt“, sagte meine Tochter, „Es ist eine schöne Geschichte.“
„Ja, das ist es. Ich weiss nur nicht, ob sie Tante Pia wirklich erlebt hat.“
„Was meinst Du?“
„Ich bin sicher, sie wird in vielen Familien erzählt. Ob sie in allen von einem Familienmitglied erlebt wurde, ist eine andere, im Gunde genommen völlig irrelevante Frage, weil sie der Schönheit der Geschichte nichts hinzufügt und ihr nichts wegnimmt. Vielleicht war Barry genau genommen nicht Tante Pias Hund, aber Tante Pia war genau genommen auch nicht meine Tante, sondern die Tante meiner Mutter.
Das war mir als Kind aber nicht bewusst, und es hätte auch keinen Unterschied gemacht. Tante Pia war unser aller Tante Pia, auch mein Vater, der ihr einst (Kraft seines Amtes als mein Vater) den Titel des Familien-Pabstes verliehen hatte, nannte sie Tante Pia, obwohl sie nicht seine Tante war.
Den Titel hatte er ihr verliehen, weil sie gegen die Heirat meiner Eltern war. Unsere Mutter, eine Konrad, war Katholikin, und Tante Pia opponierte gegen ihre Heirat mit meinem protestantischen Vater. Sie kam nicht an die Hochzeit und unsere Mutter soll deshalb am Hochzeitstag geweint haben.
Tante Pia war die Schwester meines früh verstorbenen Grossvaters. Ob die jüngere oder die ältere kann ich nicht sagen. Das lässt sich nicht mehr mit Sicherheit eruieren, weil man niemanden mehr fragen kann, der es wüsste.
Einmal im Jahr, um die Weihnachtszeit, nahm Tante Pia meine Schwester Marianne und mich mit ins Bernhardtheater oder ins Metzenthin Theater.
Diese Theaterbesuche waren jeweils ein Ereignis für uns, denn wir gingen nicht ins Theater mit unseren Eltern. Wir gingen auch nicht ins Kino, an Konzerte oder an Sportanlässe. Genau genommen gingen wir nirgendwo hin, ausser ab und zu in die Berge.
Wir hatten den Garten und den Sandhaufen und den Birnbaum hinter unserem Haus und die stetig um- und ausgebaute Baumhütte auf dem Birnbaum (unser Vater sagte einmal, der Birnbaum hätte mehr Nägel als Äste).
Wir hatten den Bauernhof unten an der Michelstrasse und die Kuhweide hinter dem Haus. Wir hatten den Wald hinter der Hügelkuppe, wir hatten die Pfadfinder im Wald, deren Schnitzeljagden wir regelmässig in die Irre leiteten, und wir hatten den Club der Schwarzen Masken – wir hatten alles, was wir für eine glückliche Kindheit brauchten.
Tante Pia hatte fünf Freunde. Vielleicht hatte sie mehr als fünf, aber es gab fünf, von denen wir Kinder wussten, sofern es sich nicht um ein und denselben handelte, was sich wie so vieles nicht mehr klären lässt.
Der erste hiess Werner. Mit ihm ging sie in die Oper. „Gestern war ich mit Werner in der Oper“, würde sie uns auf dem Weg ins Bernhard Theater sagen. „Sie haben Tosca von Verdi aufgeführt.“
Meine Schwester und ich, sauber gekleidet links und rechts an ihrer Hand gehend, neigten uns vor und schauten uns fragend an ihrem Rock vorbei an. Wir wussten nicht, was eine Oper war, und auch diesen Fredi, der Tosca verführt hatte, was immer das auch heissen mochte, kannten wir nicht. Wovon sie wohl sprach?
Mit ihrem zweiten Freund ging Pia wandern. Erstaunlicherweise hiess auch er Werner. „Werner und ich waren letztes Wochenende auf der Rigi, Kinder. Wart ihr auch schon auf der Rigi?“ Wir sagten nein, weil es stimmte, wir waren noch nie auf der Rigi, obwohl wandern eines der Dinge war, die wir (neben Eile mit Weile spielen) regelmässig mit unseren Eltern taten.
Das war dann aber eher in den Flumserbergen oder im Bündnerland, und die Begeisterung meiner Schwester für das Familienwandern hielt sich in Grenzen, weil fast auf jeder Wanderung unweigerlich der Moment kam, wo ich in einen Bergsee oder einen Bergbach fiel und sie mir einen Teil ihrer Kleider abgeben musste, damit ich nicht nass nachhause wandern musste.
Der dritte Werner war der Werner für Konzerte. Tante Pia ging mit ihm in die Zürcher Tonhalle und ab und zu reiste sie mit ihm bis nach Leipzig oder Wien, wo sie zusammen den dortigen Philharmonikern zuhörten. „Werner und ich haben die Philharmoniker gehört“, sagte Tante Pia dann. Und man konnte ihr ansehen, dass es ihr gefallen hatte.
Marianne und ich vermuteten, dass es sich um den selben Werner handeln könnte, mit dem Tante Pia die Oper besuchte. Das würde doch passen, oder nicht? Der Musikwerner.
„Ist der Konzertwerner eigentlich der selbe wie der Opernwerner?“ fragte ich Tante Pia einmal, aber sie lachte nur (sie hatte ein helles Lachen, das ihr, wenn sie länger lachte, Tränen in die Augen drückte) und sagte „Du hast eine blühende Phantasie, Walterli.“
Ich verstand das als Nein und ging in der Folge davon aus, dass jeder Werner sein eigener Werner war, ausser natürlich dass sie alle fünf Pias Werner waren. Ich stellte jedenfalls keine Fragen mehr.
Mit dem vierten Werner ging Tante Pia in den Zoo und am See spazieren. Sie schien ihn nur im Sommer zu sehen. Wo er sich in den anderen Jahreszeiten aufhielt, war unbekannt.
Der fünfte und letzte uns bekannte Werner war der Werner für Café-Besuche. Ihn erwähnte Tante Pia etwa, wenn sie uns vor dem jährlichen Theaterbesuch zu Honold am Rennweg mitnahm, wo wir uns etwas Süsses, wie sie es nannte, aussuchen durften. „Diese Erdbeertörtchen sind köstlich“, sagte sie, um uns von der Qual der Wahl zu befreien, „Werner hat mich letztes Mal von seinem kosten lassen“.
Die mit Abstand besten Süssigkeiten aber gab es in der kleinen Confiserie an der Nordstrasse, nicht weit von Tante Pias Wohnung, in der sie mit ihrer Mutter (unsere Urgrossmutter) lebte, einer kleinen alten Frau, stets mit einer Wolldecke auf den Knien.
Wenn wir sie mit Mutter besuchen gingen, nahm uns Tante Pia jedes Mal, während Mutter mit ihrer Grossmutter Tee trank, mit in die kleine Confiserie, die damals noch von einer Frau geführt wurde.
All diese Dinge kamen mir wieder in den Sinn, als ich am Tag des Umzugs meiner Tochter mit ihr in die kleine Confiserie trat und am Ohr des Confiseurs vorbei den Spiegel im Flur sah, in dem sich etwas bewegte.
Ich ergriff die Hand meiner Tochter, aber sie war plötzlich gross und meine Hand sehr klein.
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