Schreib über mich!

(vom Erkennen)

«Schreib über mich.»

«Wie bitte…?»

«Schreib über mich!»

«Was soll ich denn schreiben? Ich weiss nichts über Dich.»

«Erfinde etwas. Oder erinnere Dich.»

Sagte es, und verschwand im Strom der Menschen, die an diesem strahlenden Vorfrühlingstag beim Mythenquai dem See entlang flanierten, tauchte unter in der Menge, im Stimmengewirr, im Nichts, aus dem sie gekommen war.

Es war lange kalt gewesen. Noch am Vortag lagen die Temperaturen bei drei Grad. Und dann so ein Tag, als wäre man mit einem Schlag mitten im Frühling angelangt, als wollten alle Knospen zusammen aufgehen, jetzt, sofort, als würde die Welt mit einem Mal zu tanzen und hüpfen beginnen, als seien alle Schlafenden zusammen aufgewacht und niemand, überhaupt niemand hätte es noch drinnen ausgehalten, alle drängten gleichzeitig raus ins Freie, in die Sonne, in ihr neu erwachtes Leben.

Schreib über mich, hatte sie gesagt. Unvermittelt hatte sie sich vor mir aufgebaut wie eine Zöllnerin am Grenzübergang in ein mir unbekanntes Land. Sie versperrte mir den Weg und sagte: Schreib über mich!

Woher wusste sie, dass ich schreibe? Ging sie davon aus, dass sie irgendjemanden aus der flanierenden Menge ansprechen konnte, eine zufällige Passantin, einen beliebigen Spaziergänger, weil heute fast jeder und praktisch jede irgendwann schreibt?

Was soll ich denn schreiben? hatte ich gefragt, Ich weiss nichts über Dich.

Erfinde etwas, hatte sie geantwortet. Dann hatte sie auf dem Absatz kehrt gemacht und kurz bevor sie in die Menge abtauchte, drehte sie sich noch einmal halb zu mir um und rief mir über die Schulter zu:

«Jetzt hast Du bereits einen ersten Dialog für meine Geschichte.»

«Das ist kein Dialog», rief ich ihr nach, «Das ist ein Wortwechsel…».

Dann war sie weg.

Ich schaute mich um.

«Wir kennen uns nicht» sagte ich zu einem älteren Mann, der stehengeblieben war und mich mit strengem Blick musterte.   

«Schämen Sie sich» sagte er, und wandte sich von mir ab, und eine junge Frau in einem roten Mantel, die offenbar die ganze Zeit direkt hinter mir gestanden hatte, fügte an: «Jawohl, schämen Sie sich. So geht man nicht mit seiner Freundin um!»

«Also…» sagte ich, «…spinnt ihr jetzt alle? Ich kenn die Frau doch gar nicht.»

Ich ging weiter. Wenn ich hier noch länger stehenbleibe, befürchtete ich, werden sie mich festnehmen und über mich zu Gericht sitzen. Zwei Jahre bedingt wegen mutwilliger Vernachlässigung einer Unbekannten, ein Rayonverbot an Wochenenden für das untere Seebecken, dazu eine Ordnungsbusse wegen Verursachung eines Volksauflaufs an einem sonst so sonnigen Sonntag (so-so, so-so!) plus natürlich die Anwalts- und Verfahrenskosten sämtlicher involvierter Parteien.

Was hatte diese Frau von mir gewollt? Warum sollte ich über sie schreiben? Und was? Wollte sie, dass ich ihr ein Leben erfinde? Ein kurz gefasstes, hätte ich ihr gesagt, wenn wir die Zeit gehabt hätten, ihren Auftrag zu besprechen, kriege ich vielleicht hin. Ich kann kurze Texte schreiben. Für ein ausführlich erzähltes Leben bin ich definitiv nicht der Richtige. Das endet bei mir unweigerlich als Anfang in der Schublade bei meinen anderen Anfängen. Soll aus Ihnen ein Anfang in meiner Schublade werden, der nie seine Mitte findet, obwohl er ein Ende wüsste? Das kann nicht Ihr Wunsch sein, oder? Wo rennen Sie hin? 

Oder erinnere Dich, hatte sie gesagt. Erfinde mich, oder erinnere Dich.

Läuft es am Ende nicht auf dasselbe hinaus? hätte ich Sie gefragt, wenn wir die Gelegenheit gehabt hätten, ihren Wunsch zu besprechen. Erinnerungen erfinden wir ja auch, je phantasievoller, desto weiter sie zurückliegen.

Kannte ich sie womöglich? Ich hatte keinerlei Erinnerung an sie. Sah sie jemandem ähnlich, den ich einmal gekannt hatte? Mir fiel keine Frau ein, an die sie mich hätte erinnern können. Hatte sie sich mit den Jahren so stark verändert, dass ich sie nicht mehr erkannte? Wahrscheinlich würde ich mich auch nicht mehr erkennen, wenn ich mich so lange nicht gesehen hätte. Hatte die Zeit sie unkenntlich gemacht für mich? Hatten sich die Jahre über sie gelegt wie Herbstblätter über einen Schlüsselbund, der einem beim Spazieren aus der Hosentasche gefallen ist, als man ein Taschentuch hervorkramte? Hatte ich sie absichtlich vergessen? Und woher kam all das Laub im März?  

Konnte man Menschen, die man einmal gekannt hatte, vielleicht sogar gut, ganz vergessen, aus Nachlässigkeit oder weil man sie vergessen wollte? Wer war sie für mich, als ich sie noch erkannte, weil ich sie zu kennen glaubte, und wer wurde sie, als ich sie vergass?

Hatte sie mich auch vergessen, dann aber wieder erkannt, als wir uns in der Menge über den Weg liefen? War es ein einseitiges Wiedererkennen? Und wenn wir uns wirklich gekannt hatten, wieso sollte ich dann über sie schreiben? Hätte sie dann nicht eher gefordert (denn das war es, eine Forderung, kein Wunsch), dass ich über uns schreibe? Über das, was damals zwischen uns nicht weitergehen konnte? Wegen mir?

Was für Unsinn rede ich da. Es konnte nichts gewesen sein zwischen uns. Dafür war sie viel zu jung, jetzt jedenfalls, und ich vermute, sie war es schon damals. Sie war maximal so alt wie meine Töchter, die damals, wenn es dieses damals wirklich gab, noch gar nicht geboren waren.

Ich trank auf dem Bauschänzli noch einen Kaffee und ging dann nachhause. Ich schaute die Sportschau und blieb danach beim Rumzappen bei einem alten Film mit Buster Keaton hängen. Ich wunderte mich, dass solche Filme immer noch ausgestrahlt werden, aber ja, es ist wahr: Die Trauer auf seinem Gesicht ist nicht zu überbieten.

In den nächsten Tagen und Wochen war ich sehr beschäftigt. Ich arbeitete viel, ohne zu wissen, woran, und an den Abenden traf ich mich mit niemandem. Ich las ein langes Buch von John Irving, in dem der Teufel Gott unter die Arme greift, und ging trotzdem früh zu Bett. Ich war im Begriff, die Frau, die sich mir unvermittelt in den Weg gestellt hatte, zum zweiten Mal zu vergessen, sollte ich sie wirklich einmal gekannt haben. Die seltsame Begegnung mit ihr trat immer mehr in den Hintergrund meines Bewusstseins. Länger werdende Schatten legten sich auf das Mythenquai und am Bürkliplatz wurden die Geleise erneuert, wieder einmal, bevor es, kurz darauf, wie mir schien, zum ersten Mal schneite, aber ich kann mich natürlich irren. Der Roman hatte mehr als 300 Seiten.  

Als ich sie fast restlos vergessen hatte, stand die Frau ein zweites Mal vor mir. Diesmal am Anfang des Rennwegs, wenn man von der Oetenbachgasse herkommt. Ich erkannte sie sofort. 

«Was machst Du denn für ein Gesicht?», fragte ich.

«Du hast mich falsch erfunden», antwortete sie, derweil ich mich wunderte, wie stark sie seit unserer letzten Begegnung gealtert war.  

«Das tut mir Leid» sagte ich. «Soll ich es noch einmal versuchen?»

«Nein» sagte sie, mit einer Bestimmtheit, die keinen Zweifel daran liess, dass das unsere letzte Begegnung war. Dann entfernte sie sich in Richtung St. Peter Kirche.  

Ich schaute ihr nach, bis sie ausser Sichtweite und, ich war mir sicher, aus meinem Leben verschwunden war. Als ich weitergehen wollte, stolperte ich über eine Einkaufstasche. Sie musste sie stehen gelassen haben.

Sie enthielt eine blaue Wolljacke von PKZ. Ich weiss bis heute nicht, wem ich sie schenken soll.

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