(anstelle einer Oster-Reise nach Paris)
Wer am Ostern verreist, ist bekanntlich selber schuld. Im Geiste spart man nicht nur viel Geld, man vermeidet auch Stau und Wartezeiten, und sollte man trotzdem einmal ein Gepäckstück verlieren, ist in der Regel ausser ein paar Gedanken und Sätzen, die man sich leicht wieder zuschreiben kann, nicht viel verloren.
Wenn man in Paris auf der Pont des Invalides steht und in Richtung des fliessenden Wassers der Seine blickt, während man von seiner Frau (oder einer anderen Person, mit der man gerne reist) fotografiert wird, liegt das linke Flussufer links und das rechte Flussufer rechts.
Durch die praktische Konvention, dass mit Blick in Fliessrichtung eines Flusses das linke Ufer links und das rechte Ufer rechts liegt, in die angenehme Lage versetzt, mit Ortskenntnissen anzugeben, die man gar nicht hat, weist man mit ausgestrecktem Arm mit der linken Hand nach links, während sich die rechte Hand auf das steinerne Brückengeländer stützt, und sagt: «Hier ist die Rive Gauche».
Wenn die Strömung einmal so schwach wäre oder der Nebel so dicht, dass die Fliessrichtung mit blossem Auge von einer hohen Brücke aus nicht zweifelsfrei festzustellen wäre, kann man stattdessen einfach von der Quelle des Flusses her in Richtung seiner Mündung blicken. Von Paris bis zum Plateau von Langres, wo die Seine entspringt, sind es allerdings fast 250 km Luftlinie, und es ist deshalb einfacher, talabwärts zu schauen, um die Lage des rechten und linken Flussufers zu bestimmen.
Obwohl auch das nicht unbedingt weiterhilft. Wie sich – entgegen der übermütigen Redensart – nicht überall wo ein Wille ist, auch ein Weg finden lässt, ist auch nicht überall, wo ein Fluss ist, ein Tal. Oft gab es einmal ein Tal, das vom Wasser des Flusses gegraben wurde, ein Kerbtal oder ein Sohlental, aber mit der Zeit sind viele dieser fluvialen Täler verschwunden, weil die Erosion die Hügel an ihren Flanken abgetragen hat, oder weil die Talebene so weit ist, dass es wirkt, als hätten sich die flankierenden Hügel schon vor langer Zeit vom Fluss getrennt.
Es kommt aber auch vor, dass man in einem Gletschertal steht (einem sogenannten U-Tal oder Trogtal), das durch die Bewegung des Gletschereises entstanden ist, ganz ohne Mitwirkung eines Flusses, womit sich die Bestimmung des linken und rechten Ufers erübrigt. Auch tektonische Täler, die entstehen, wenn sich die Erdkruste nach dem Aufstehen streckt und Teile dazwischen absinken, kommen ganz ohne Flüsse aus und die Uferbestimmung ist somit ebenso wenig ein Thema wie bei durch das Einstürzen unterirdischer Hohlräume entstandenen Einsturztälern, falls man sich in einem Karstgebiet aufhält, ohne es zu wissen.
Die Unterscheidung von rechts und links wird im Kindesalter erlernt. Trotzdem ist es auch mit weit über sechzig Jahren noch verwirrend, wenn man sich auf der Invalidenbrücke umdreht und das Wasser kommt einem entgegen und das Rive Gauche liegt nun plötzlich rechterhand.
Ein Cousin von mir, der lange in Zürich als Zoowärter gearbeitet hat, vielleicht sogar heute noch arbeitet, hat zur Bestimmung des Geschlechts von Zebras empfohlen, sich hinter das Tier zu stellen. Ich habe das nie wirklich begriffen, habe es aber, ehrlich gesagt, auch nie ausprobiert. Man kommt ja auch nicht ohne Weiteres in ein Zebragehege.
Die linke und rechte Körperhälfte mit ihren jeweiligen Körperteilen werden anatomisch aus der Sicht des Individuums beschrieben, das – wie im Beispiel – auch ein Zebra sein kann. Man spricht deshalb von einer egozentrischen Sicht (wobei mir nicht bekannt ist, dass Tiere egozentrisch wären). Die Übertragung dieser Sichtweise auf die Körper anderer Personen, erfordere einen weiteren Lernschritt, so lese ich, und möchte gleich ergänzen «…und auf Tiere, zum Beispiel Zebras».
Wie das Zebragehege im Zürcher Zoo nur einen Teil des ganzen Zoos ausmacht, der seit meiner Kindheit massiv vergrössert wurde, umfasst die Rive Gauche nur diejenigen Teile von Paris, die südlich der Seine, also – wenn wir in Richtung von Le Havre schauen und uns Le Havre kurz vorstellen – links liegen (ausser wir bewegen uns gerade flussaufwärts). Rive Gauche umfasst somit das alte Zentrum der Stadt mit dem Quartier Latin und den Vierteln Germain-des-Prés und Montparnasse, nicht aber die Randgebiete im Südwesten und Südosten der Stadt, die lieber für sich bleiben.
Auch Nebenflüsse oder Zubringer werden auf diese Weise in linke oder rechte Flüsse benannt und bei Seen werden die Ufer nach der Abflussrichtung in ein rechtes und linkes Ufer eingeteilt, wobei bei einer Seeumrundung schwer feststellbar ist, wo man das linke Seeufer verlässt oder ob man das rechte schon betreten hat.
Auch bei Tälern wirkt sich die linke und rechte Seite in Fliessrichtung des Talgewässers aus, indem man von linken Hängen oder rechten Gipfelgraten spricht. Bei einem Gletschertal oder bei tektonischen Tälern, ganz zu schweigen von Einsturztälern, die alle ohne Flüsse entstanden sind, kommen die Hänge und Grate ohne Richtungsbezeichnung aus. Ein Hang ist da ein Hang, ein Berggrat ein Berggrat.
Das Einzige, was sich überall gleichbleibt, ist, dass auf der gegenüberliegenden Seite, je nachdem, aus welcher Richtung man gerade kommt, alles anders ist, oft sogar umgekehrt.
Die Konvention, die Ufer und alles, was sich auf ihnen befindet, in Fliessrichtung der Flüsse in links und rechts zu unterteilen, wurde im deutschen Sprachraum Anfang des 18. Jahrhunderts erstmals angewandt. Sie löste die bis dahin gebräuchlichen diesseits und jenseits ab. Der Vorteil von links und rechts sei, hiess es damals, dass wenn jemand in Leipzig sagte, die Stadt Mainz liege jenseits des Rheins, diese Aussage für jemanden in Strassburg schwer verständlich war. Es sei deshalb vor der Festlegung des linken und rechten Ufers gemäss Fliessrichtung des Flusses immer darauf zu achten gewesen, wo sich der Verfasser der Geschichte gerade aufhielt.
Dem wäre anzufügen, dass es auch unter Anwendung der neuen Konvention zuweilen verwirrend sein kann, wenn etwa die Rive Gauche plötzlich auf der rechten Seite ist, wie bei unserer Reise nach Paris. Am einfachsten wäre es vielleicht, wenn man sich nicht dabeihätte. Es gäbe dann nur die Seine mit ihrer Fliessrichtung von der Quelle zur Mündung, ihr Wasser, das unter der Invalidenbrücke hindurchfliesst, und die Rive Gauche da, wo sie hingehört, auf der linken Seite. Niemand auf der Pont des Invalides, der sich umdrehen und verwirrt sein könnte.
Oh je, nun sind wir, so scheint mir, entgegen meiner einleitenden Behauptung, auf unserer geistigen Reise doch noch irgendwie in einen Stau geraten, und das tut mir aufrichtig leid. Vielleicht liegt es daran, dass der Fluss meiner Gedanken mäandert – ähnlich wie die Seine in ihrem Unterlauf in der Normandie, wo sie grosse Talschleifen gebildet hat, um die sich die Schiffe mühen, ohne gross vorwärts zu kommen.
Vielleicht sind meine Gedankenflüsse aber auch nur auf einer bestimmten Länge schiffbar, und irgendwann müssen die Lesenden an Land, um wieder festen Boden unter den Füssen zu haben, egal auf welchem Ufer.
(Frohe Ostern!)
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