Es war nicht einmal, und auch nicht in einem fernen Land vor unserer Zeit. Es ist jetzt und zuletzt ganz in meiner Nähe. Mirlind lebt mit seiner Mutter Herlinde seit ein paar Monaten in einem Vorort von Zürich, wo die Hochhäuser nicht gerade wie Pilze, aber doch eines nach dem andern aus dem Boden schiessen, um die schnell wachsende Bevölkerung des Furttals aufzunehmen.
Und begonnen hat es so:
Mirlind ist ein Riese. Verglichen mit anderen Riesen wäre er mit seinen drei Metern Körpergrösse (dreimeternullzwei, um genau zu sein) wohl eher ein kleiner Riese, aber die Hochhäuser der Vorortsgemeinde sind, wenn man sie mit jenen in New York oder Shanghai vergleicht, auch ziemlich klein, und Riesen sollte man nicht vergleichen. Sie kriegen Kopfweh davon.
Dass Mirlind nicht wie andere Riesen in einem Märchenbuch lebt, hat mit seinen Eltern zu tun. Seine Mutter Herlinde stammt aus dem Montafon, wo sie als jüngstes von sechs Kindern auf einem kleinen Hof in Gaschurn aufwuchs. Mit 18 zog Herlinde nach Wien, wo sie Arbeit fand als Serviertochter im Hotel Sacher, und dort Sorin kennenlernte.
Sorin arbeitete als Tellerwäscher im Hotel Sacher. Er stammte aus Rumänien und war kleinwüchsig. Um seiner Arbeit nachgehen zu können, musste er einen Schemel ans Spülbecken stellen, aber niemand hat Sorin deswegen je ausgelacht oder auch nur gehänselt, denn die gesamte Küchenmannschaft wusste, und Neue lernten es schnell und einige von ihnen auf schmerzhafte Weise, dass Sorin nicht mit sich spassen liess.
Als Herlinde Sorin zum ersten Mal nach Gaschurn mitnahm, um ihren zukünftigen Mann ihren Eltern vorzustellen, fragte sie ihr Vater nach dem gemeinsamen Mittagessen, als Sorin auf die Toilette verschwunden war, die sich ausserhalb des Hauses befand:
«Was willst Du mit diesem Zwerg?»
«Er ist kein Zwerg, Vater, sag das nicht!» hatte Herlinde geantwortet, «Er hat ein grosses Herz.»
Ein Jahr später waren Herlinde und Sorin verheiratet und lebten in einer Einzimmerwohnung in Schwechat. Drei Jahre später wurde Herlinde schwanger. Die ersten drei Monate der Schwangerschaft verliefen normal. Im vierten Monat stellte die Kinderärztin beim Ultraschall fest, dass das Baby zu schnell wuchs. Zu Beginn des sechsten Monats war es grösser als die meisten Neugeborenen und Mitte des siebten Monats brachten die Ärzte es mit Kaiserschnitt zur Welt. Sorin stand weinend vor Freude am Bett und Herlinde hielt einen gesunden jungen Riesen im Arm.
«Wollen wir ihn Mirlind taufen?», fragte Herlinde. Und Sorin, der nicht aufhören konnte zu weinen, sagte mit brüchiger Stimme «Ja».
Mirlind war ein sehr ruhiges Kind. Er lernte schnell gehen, sass aber am liebsten. Er konnte stundenlang zuhause auf dem Fussboden sitzen und mit den drei Holztieren spielen (zwei Kühe und ein Schwein, dem ein Bein fehlte), die ihm Sorin auf einem Wiener Flohmarkt gekauft hatte. Als er an seinem dritten Geburtstag noch kein Wort gesagt hatte und keine Reaktion zeigte, wenn man ihn ansprach, machte sich Herlinde Sorgen und liess ihn abklären, ohne dass sie Sorin etwas davon sagte.
Das Resultat der Abklärung war, dass Mirlind hören konnte und auch die physischen Voraussetzungen hatte, um sprechen zu können. Es handle sich wohl lediglich um eine Verzögerung in seiner Entwicklung, meinte der junge Arzt. Möglich sei aber auch, sagte er, dass Mirlind autistisch veranlagt sei, aber um dies festzustellen, sei es noch zu früh. Dass er sich ungern bewegte, hänge wahrscheinlich mit seinem schnellen Wachstum zusammen, mit dem die Muskeln nicht mithalten.
Vor seinem fünften Geburtstag war Mirlind eins zweiundsechzig. Er sprach noch immer nicht, sass weiterhin am liebsten auf dem Boden und betrachtete – ganz offensichtlich zufrieden – die Dinge um ihn herum.
«Wir können ihn so nicht in den Kindergarten schicken» sagte Herlinde eines Abends zu Sorin.
«Wie so?» fragte Sorin.
«Er spricht nicht, er bewegt sich kaum, und Frau Henggart sagt mir, er spielt auch nicht mit ihren Kindern, obwohl sie sich ganz süss um ihn bemühen.»
Frau Henggart war Mirlinds Tagesmutter in Schwechat. Sie hatte selber zwei kleine Kinder und hatte sich bereit erklärt, Mirlind während der Woche, wenn Sorin und Herlinde in Wien bei der Arbeit waren, bei sich aufzunehmen, wenn ihr Herlinde dafür am Wochenende die Wäsche machte und ihr die Sachertorte brachte, die die Angestellten des Sacher alle drei Monate günstiger erhielten. Also sass Mirlind von Montag bis Freitag in Frau Henggarts Wohnzimmer und schaute Fernsehen, der bei Frau Henggart den ganzen Tag lief.
«Er mag Trickfilme» sagte Frau Henggart eines Abends, als Herlinde Mirlind abholte. «Er lacht zwar nie, aber er strahlt wie ein Glückskäfer, wenn der Kojote über die Klippe rennt.»
Als ein Brief von der Schulbehörde eintraf mit der Einteilung Mirlinds in den Kindergarten und der Einladung zu einem Elternabend, geriet Herlinde in Panik und sah nur noch einen Ausweg. Sie packte noch in derselben Nacht ihre sieben Sachen, fuhr mit Mirlind mit dem Regionalexpress nach Wien und von dort aus mit dem Nachtzug nach Innsbruck, wo sie den ersten Reisebus ins Montafon bestiegen.
Ihr Vater war unterdessen gestorben und ihr ältester Bruder hatte den Hof übernommen. «Du kannst kommen und hier wohnen,» hatte er am Telefon gesagt, «aber Du musst arbeiten, und Dein Sohn auch. Kann er Kühe hüten?»
Sorin war traurig, als Herlinde und Mirlind Schwechat verliessen, aber er wusste auch keine bessere Lösung. Womöglich hätte man ihnen Mirlind weggenommen, und in den Bergen würde es ihm gut gehen. Vielleicht würde auch er später ins Montafon ziehen, aber im Moment konnte er es sich noch nicht vorstellen, der Knecht des Bruders seiner Frau zu sein.
Es stellte sich bald heraus, dass Mirlind sehr gut Kühe hüten konnte. Er bewegte sich zwar noch immer sehr langsam und nur ungern, aber es gefiel ihm ganz offenbar, auf der Weide zu sitzen und den Kühen und Rindern zuzuschauen, wie sie den ganzen Tag Gras assen und widerkauten.
Und die Kühe schienen sich in seiner Anwesenheit wohlzufühlen und entfernten sich nie weit von ihm. «Ich glaube, ich kann mir den Zaun sparen», sagte Herlindes Bruder eines Tages zu seiner Schwester. «Der Kleine» (so nannte er Mildrid seit seiner Ankunft) «ist der geborene Hirt.»
Herlinde arbeitete viel, meist im Haus und im Garten, und wenn das Heu eingebracht werden musste auch an den steilen Hängen, aber sie war zufrieden, weil sie sah, dass es Mirlind gut ging.
«Er liebt die Tiere,» schrieb sie Sorin auf eine Postkarte, die das Gebirge zeigte, «vor allem die Kühe. Und die Kühe lieben ihn.»
Und Sorin schrieb zurück (auf einer Postkarte, die das Riesenrad auf dem Prater zeigte):
«Das wundert mich nicht. Spricht er jetzt?»
«Nein, er spricht nicht,» antwortete Herlinde. «Aber er ist ein guter Junge. Zwei Meter und vierundvierzig.»
Alles passte auf dem Hof im Montafon, es war wie ein Paradies für eine Mutter und ihren Riesen, aber irgendwann kam es zum Streit zwischen Herlinde und ihrem Bruder. Wegen einer Lappalie, aber der Streit eskalierte und führte am Ende dazu, dass Herlinde mit Mirlind den Hof verliess und aus dem Montafon wegzog. Sie reiste nur nachts und kam irgendwann in einem Vorort von Zürich an, wo es ihr, Gott weiss wie, gelang, eine Wohnung zu mieten.
***
Als ich Mirlind zum ersten Mal sah, erkannte ich ihn nicht. Es war zwei Uhr morgens. Ich war aufgestanden, weil ich auf die Toilette musste. Danach ging ich in die Küche, weil ich Durst hatte. Es war Vollmond. Ich brauchte das Licht nicht anzumachen. Ich öffnete den Wasserhahn und liess das Wasser laufen, bis es wirklich kalt war. Dann trank ich und drehte mich während dem Trinken vom Spülbecken weg zur Balkontüre.
Alle Häuser in der Umgebung waren dunkel. In keinem einzigen Fenster brannte Licht. Auch die Wohnung gegenüber war dunkel. Aber im Mondlicht konnte ich erkennen, dass die Balkontüre offenstand. Mit dem Rücken an den Türrahmen gelehnt glaubte ich die Silhouette unserer Nachbarin zu erkennen. Was machte sie da um diese Zeit?
Am Balkontisch, mit dem Rücken zur Wohnung, war ein Umriss, der aussah wie ein sitzender Mann, nur viel zu gross. Ich ging wieder zu Bett und träumte mit seltener Klarheit von Menschen, die ich seit der gemeinsamen Schulzeit nicht mehr gesehen hatte.
Mitsamt ihren Namen marschierten sie vor mir auf – ein nicht enden wollender Umzug von Kindern, die ich mit ganz wenigen Ausnahmen gleich nach der Schulzeit aus den Augen verloren und seither kaum einmal an sie gedacht hatte. Es war unglaublich, wie viele Gesichter und Namen aus dem Nichts auftauchten und sich in meinem Traum anmeldeten.
Jetzt, wo sie pensioniert und einige, wie mir zu Ohren gekommen war, bereits verstorben waren, kamen sie als Kinder zu mir zurück. Sie versammelten sich auf dem Pausenplatz des Bläsi-Schulhauses in Höngg, wo heute ein Hallenbad steht, als wollten sie ihr Leben von da weg noch einmal leben. Oder war ich es, der das wollte?
Ein paar Tage später erwachte ich um drei Uhr und ging auf die Toilette. Danach ging ich in die Küche und goss mir ein Glas Wasser ein. Als ich mich umdrehte und zum Balkon hinüberschaute, sah ich denselben Umriss am Balkontisch wie vor ein paar Tagen. Ein sitzender, übergrosser Mann.
Ein grosser Mann in den kleinen Stunden, dachte ich. Vielleicht träumte ich ihn ja. War das Wasser wirklich kalt? Dann bewegte er sich. Es sah so aus, als wollte er aufstehen, aber die Nachbarin trat sofort aus dem Schatten, legte ihre Hand auf seine Schulter und sorgte dafür, dass er sitzen blieb.
Seine Schultern waren breit, sein Kopf war grösser als ein normaler Kopf.
Ich rührte mich nicht, damit man mich nicht entdecken würde, und wartete darauf, wie es weitergehen würde.
Mein Traum von den Schulkindern hatte nach ihrer Parade auch ein paar Erlebnisse aus der Schulzeit zurückgebracht. Am Rande des Pausenplatzes gab es einen Fahrradständer, bei dem man die Fahrräder mit dem Vorderrad an Haken aufhängen konnte. Eines schlimmen Tages stiess ein Junge beim Fangspiel einen anderen Jungen in den Rücken und dieser stürzte mit dem Gesicht voran in einen dieser Haken und stach sich ein Auge aus. Im Traum war es ein Stummfilm, aber ich konnte mich an den Schmerzensschrei erinnern. Der Name des Jungen kam mir nicht mehr in den Sinn. Ich weiss nur noch, dass er einen älteren Bruder hatte und dass beide blaue Windjacken mit Kapuze trugen. Hiess einer von Ihnen vielleicht Andreas? Der Einäugige oder sein Bruder?
Nach einer Weile (es mochten zehn Minuten vergangen sein, vielleicht aber auch nur zwei – in den kleinen Stunden ziehen sich die Minuten in die Breite), trat die Nachbarin aus dem Schatten, ging zum Tisch und der sitzende Mann erhob sich. Er musste über zweieinhalb Meter gross sein. Er ging zum Balkongeländer und schaute sich um, dann nahm sie ihn bei der Hand und führte ihn zur Balkontüre, wo er sich tief vornüber neigen musste, bis er eintreten konnte. Die Nachbarin schloss hinter ihm die Balkontüre und zog die Vorhänge zu.
***
«Unsere Nachbarin versteckt einen Riesen» sagte ich beim Frühstück zu meiner Frau.
«Was…?»
«Ich habe ihn gestern Nacht gesehen, als ich ein Glas Wasser trank, schon zum zweiten Mal, aber beim ersten Mal hatte ich ihn noch nicht erkannt. Er sitzt in den kleinen Stunden am Balkontisch und sie steht im Türrahmen und wacht über ihn. Er ist ein wohlbehüteter Riese.»
«Bist Du sicher, dass es nur Wasser war…?»
«Du glaubst mir nicht, oder? Heute Nacht wecke ich Dich, wenn er wieder am Tisch sitzt.»
Aber in den folgenden Nächten erschien der Riese nicht auf dem Balkon. Zwei Wochen vergingen, ohne dass sich auf dem Balkon gegenüber etwas bewegte, und ich begann bereits zu glauben, dass ich ihn wirklich geträumt hatte, den Riesen der kleinen Stunden.
Dann, in einer Nacht von Sonntag auf Montag, sah ich, dass die Balkontüre offenstand, und nachdem ich eine Weile vergeblich darauf gewartet hatte, dass die Nachbarin und ihr Riese auf dem Balon erscheinen würden, hörte ich ein leises Singen aus der Wohnung.
Ich wusste sofort, dass es der Riese war, der mit heller Stimme ein Kinderlied sang.
«Jetzt falled d Blättli wieder, de Summer isch verbii…»
Er sang ganz langsam. Ich konnte nicht anders, ich musste weinen.
Als ob sie mein Weinen bemerkt hätte, kam die Frau und schloss hastig die Balkontüre.
***
Drei Wochen später ass ich mit einem Freund in einem Gartenrestaurant Eglifilets im Bierteig und Blattsalat. Wir sprachen über Arzttermine, Ferienpläne und darüber, dass wir wieder einmal zusammen eine Fahrradtour machen sollten.
Mein Freund ist ein pensionierter Lehrer. Er hilft ab und zu noch in seiner alten Schule aus. Im Moment war er gerade Schuldirektor zwischen dem alten und dem neuen Schuldirektor. Daneben macht er Freiwilligenarbeit. Er hilft Immigrantenkindern bei ihren Hausaufgaben und ihren Eltern beim Ausfüllen der Steuererklärung. Ich bekomme immer ein wenig ein schlechtes Gewissen, wenn meine Freunde von ihrer Freiwilligenarbeit erzählen, weil ich nichts mache.
«Ich leiste übrigens jetzt auch Freiwilligenarbeit», sage ich beim Dessert.
«Wirklich? Was machst Du?» fragt mein Freund.
«Ich gebe Kurse für Leute, die sich für die Diplomatenprüfung vorbereiten.»
Mein Freund lacht. Er kennt mich zu gut und weiss, dass ich das zuallerletzt tun würde. Nicht einmal für viel Geld. Er denkt, das Ganze mit meiner Freiwilligenarbeit war ein Scherz, und fragt nicht nach, was ich wirklich tue.
So kann ich ihm nicht erzählen, dass ich zweimal pro Woche einen Riesen hüte, um seine Mutter, unsere Nachbarin, zu entlasten.
Ich habe begonnen, mit Mirlind Spiele zu spielen, damit er nicht den ganzen Tag nur Fernsehen schaut. Wir spielen Memory und Eile mit Weile. Beim Memory ist Mirlind praktisch unschlagbar. Er sieht Bildpaare, die ich nicht erkenne. Beim Eile mit Weile fährt er mit seinen und meinen Figuren, vorwärts und rückwärts, und weil er so gerne würfelt, würfelt er auch für mich. Wenn eine Figur überholt wird, setzt Mirlind sie nicht in ihr Hau zurück, sondern in den Himmel. So ist am Ende jedes Spiels niemand mehr zuhause und alle Figuren sind im Himmel vereint. Mirlind strahlt dann vor Freude und greift zur Fernbedienung.
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