Das Leben als Cocktailparty

eine Entgegnung aus dem versetzbaren Dienst

Der Vorwurf der Oberflächlichkeit trifft uns hart, aber er geht nicht sehr tief. Die sich rasch folgenden Verset-zungen vom einen Ende der Welt ans andere, wo jedesmal ein neuer Anfang stattfand, der sich dann in der Mittelmässigkeit verlor, haben unser Beziehungsnetz ausgedünnt. Auch unser Empfinden ist seichter gewor-den. Ein notwendiger Selbstschutz, sagen wir uns und andern. Sich alle vier Jahre von wirklichen
Freunden trennen zu müssen, wäre zuviel verlangt, sogar von uns. Also lassen wir uns auf Freundschaften kaum noch ein, bevorzugen lockere Kontakte mit anderen Entsandten, Tischgespräche mit beliebigen Nach-barn. Phasenverschoben verpassen sie ihr Leben im gleichen Rhythmus wie wir. Selber nicht dort, wo sie einmal hätten hingehören können, machen wir uns nichts vor.
Wenn wir sie später trotzdem kurz vermissen, sind sie längst selbst nicht mehr dort, wohin wir an sie zurück-denken. Wie hiessen die doch gleich, die damals dort. Oder waren das andere? Oder weisst Du noch die, die gerade gingen, ich habe vergessen wohin, als wir beginnen wollten, sie etwas interessanter zu
finden? Das ist alles so lange her, dass wir uns manchmal fragen würden, was aus ihnen geworden wäre, hätten wir sie damals besser gekannt.
Durch Schmerz klüger geworden, nehmen wir uns heute bereits bei der Ankunft zurück. Kaum, dass wir noch alle Koffer auspacken. Wir bringen Vorhänge mit, die auch hier nicht passen. Unsere Möbel sind vom vielen Umziehen rund an den Ecken, keine harten Kanten mehr. So machen wir auch Karriere. Keine schartigen Sätze, an denen das Geplauder abreissen könnte. Auf unsere einfachen Fragen hat jeder eine Antwort, die uns auch nicht interessiert. Wir ersetzen den Vorgänger zwar nicht, aber auch unser Nachfolger hat schliess-lich später alles falsch gemacht.
Mit fortschreitendem Dienstalter gleichen wir uns dann zunehmend und werden so immer leichter versetzbar. Spätestens bei der Pensionierung oder bei der Ernennung zum Postenchef sieht ein Lebenslauf wie der an-dere aus. Paris, London, Bern, Wien – Wien, Paris, Washington, London, – es ist einerlei, auch wenn es sich anders liest als Akkra, Islamabad, Lagos, Bern.
Wenn wir dann wieder gehen, meistens früher als von unseren freundlichen Gesprächspartnern in den
Ministerien erwartet, waren wir gar nie ganz hier und es schmerzt erträglich. Wer hätte das gedacht, dass die Zeit auch hier so schnell vergeht. Das Haus war schön, nachdem wir es einmal instand gesetzt hatten, trotz der Handwerker, die dabei hartnäckig im Weg standen.
Kurz nach dem Einzug haben wir Geranienkisten an die Sprachbarriere gehängt, gleich vor die Fliegengitter. Es sollte schliesslich schön aussehen. Und an etwas erinnert uns das. Vielleicht an ein Land, in dem wir ge-nau das nicht mochten, was wir jetzt vertreten.

Und der Garten ein Traum. Der Gärtner ein fröhlicher Schlauchakrobat, von der Kenntnis europäischer
Blumen unbelastet, die er entweder weggeschwemmt oder als Unkraut erkannt und schon beim Keimen unter die Scholle gekehrt hat. Dafür die Caterer äusserst phantasievoll in der Preisgestaltung. Wir haben viel gelernt, was wir auch am nächsten Ort wieder falsch machen werden.
Die Einheimischen sonst bewusst vor uns in Schutz genommen, weil jemand, der schon bei der Ankunft  weiss, dass er wieder geht, allenfalls einen passablen Gast abgibt, aber keinen verlässlichen Freund.
Wer sich uns trotzdem nähert, stur auf Gastfreundschaft beharrend, wurde gewarnt: Nein danke – die Hand über’m Glas – uns keine Gefühle. Wir gehen bald wieder. Die Koffer sind abgezählt. Es bleibt wenig Platz für Neues. Wer uns dann doch einen Teppich schenkt, weiss wenigstens, woran er knüpfte. Auch wenn es zu-weilen hart war, unsere wohlmeinende Distanz als hochnäsige Distanzierung missverstanden, haben wir gehalten, was wir nicht versprochen haben. Wenn wir gehen, wird dann auch den Letzten klar, dass wir mit unserer Nähe stets das Weite suchen.
Anstatt Menschen bleiben Anekdoten haften, die wir auf Einladungen unermüdlich erzählen, bis alle, die nach uns angekommen sind, sie auswendig kennen und wir getrost versetzt werden können.
Zum Beispiel die, die damals beim Nachtisch einschlief, Kopf auf die Brust gesenkt, mitten im Satz. Links ein bornierter Minister, dem nichts weiter auffiel, rechts ein Enkel des verstorbenen Premiers, selbst fast schon hinübergetreten in den weiten Saal, wo der Kaffee serviert wird, der nicht mehr weckt. Alle paar Minuten klingelt  ein Taxifahrer und fragt ungeduldig nach seinen Gästen.
Später hörten wir von einem neuen Kollegen, der zuletzt dort war, wo auch wir einmal hin wollten, aber jetzt sind die Kinder zu gross,  dass jene gemeinsame Bekannte, nachdem sie wieder erwacht war, nach Y. ver-setzt wurde, dem Ziel ihrer Träume, wo ihr aber nach ein paar Wochen beim Überholen ein zwanzig Tonnen schweres Missgeschick widerfuhr,  worauf man sie heimschaffen musste, und schnell, denn es war unglaub-lich heiss.
Das allerdings als Ende ein Extremfall, sogar im Set der Diplomatenanekdoten. Üblich ist die kurze Notiz in der Beamtenzeitung, unter der Rubrik Ehemalige feiern nicht mehr Geburtstag. Eine häufige Haltung bei Versetzbaren kurz nach dem Tod. Irgendwie werden sie trotzig, machen nicht mehr alles mit.
Auch unter den Zuhausegebliebenen, das weiss man, fällt aber ab und zu einem ein Dossier auf den Kopf. Unversetzbar – unverletzbar. Das war vielleicht früher noch so. Heute sind wir für alles zu haben. Das Leben ist kurz genug.

Auf der anderen Seite haben einige sogar ihr Glück gefunden in der Fremde, eine Tochter des Gastlandes geheiratet, das gibt es noch immer. Bei der Heirat auf dem Lande dann allerdings ein schwieriger Moment, wenn das Ziegenauge vom Teller rollt und ein Bediensteter anstandslos ein frisches holt.
Jede Ehe, sess- oder sprunghaft, kennt schliesslich Bewährungsproben. In den meisten Fällen von gemisch-ten Ehen, von denen uns solche berichten, die gerade in Bern waren, wo sie es von anderen hörten, die selbst bald versetzt werden sollten, geht es erstaunlich gut. Natürlich reist ab und zu eine unvermittelt und für immer zurück. Früher wurde sie dann dort von ihren Brüdern verprügelt. Dein Mann muss gewusst haben, weshalb er dich zurückgeschickt hat. Wenigstens das ist, wie man uns versichert, besser geworden und ent-lastet unser Nomadengewissen. Es gibt ja auch genügend Beispiele, in denen monokulturelle Ehen in der Fremde scheitern als mischte sich zuhause die Verwandtschaft ein.
Da hat man sich vor der ersten Versetzung verheiratet, um offiziell empfangen zu können, Kinder und Gäste, und erkennt dann mitten in Afrika, dass es vielleicht nötig, aber nicht realistisch war. Eine feste Bindung ist auch nicht immer eine Lösung. Am besten, man trennt sich gleich wieder und reist gemeinsam zurück. Allein ist man dann auch wieder kostengünstiger versetzbar. Die Dienstwohnung gut gelegen, die Botschaft zu Fuss umgehbar, der Balkon von aussen nicht einzusehen, innen als Wohnung möbliert, nach dem Ge-schmack des Steuerzahlers, der es auch einmal so schön haben möchte, noch dazu steuerfrei. Aber das weiss man ja. Und was der Bauer nicht kaut, das die Kuh nicht verdaut.
Alles in allem also gelungene Jahre. Wer weiss, was man unterdessen zuhause erlebt hätte. Andere wissen auch nicht, was sie womöglich gehabt haben könnten. Wir wollen zufrieden sein. Die Rückhand ist verbessert und das Handicap lässt sich sehen. Das ist mehr, als manche uns zugetraut hatten.

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