Aufhören für Anfänger

Man sagt uns hier nicht alles. Ich fahre zum Beispiel mit dem Zug kurz vor oder nach Burgdorf  an einer Maschinenfabrik vorbei und denke, schön: Wir haben hier eine Maschinenfabrik. Aber wer stellt die Maschinen her, mit denen sie in dieser Maschinenfabrik Maschinen bauen? Und wer stellt die Maschinen her, mit denen sie in dieser Fabrik die Maschinen bauen, mit denen sie dann – Sie wissen, was ich meine. Sitzt irgendwo einer im Wald, dort wo er noch dicht und geheimnisvoll ist und unverjoggt, auf einer Lichtung, die ihm einmal aufgegangen ist, vor seiner Hütte und bastelt von Hand die Teile, aus denen man dann die erste Maschine baut? Ich meine den Ursprung der Dinge, vestehen Sie? Er wird uns verheimlicht. Dadurch, dass alles rund um uns herum und dank uns und mit uns (übrigens auch ohne uns) auf Hochtouren läuft, wird andauernd der Anfang vertuscht und das Ende verpfuscht. Nur schon die Frage nach dem Anfang kann kaum aufkommen, weil man stets mit Weitermachen beschäftigt ist. Geschweige denn das Ende vorbereitet. Das entfremdet unheimlich, auf die Dauer, wenn alles einfach dauert und keiner weiss, wie es begonnen hat und wo man es anständig enden  lassen könnte.  Man automatisiert sich und existenzielle Krisen werden zu Kaffeepausen degradiert. Mehr liegt einfach nicht drin im Gehen.  Noch etwas Zucker?
Kolumbus sitzt vor seinem Frühstücksei und zweifelt, ob er wirklich ein Huhn ist. Kann man den Tisch umrunden, ohne irgendwo in den Abrgund zu stürzen? Was war zuerst: Amerika oder diese Kolumne? Man wusste es wahrscheinlich einmal, hat es auf hoher See vergessen, wird es womöglich nie mehr wissen.
Selbst wenn Sand im Getriebe ist, läuft hier alles wie geschmiert. Die Entsorgung des Sandes, die Betreuung der Ausrastenden, Abgehalfterten, aus dem Tritt Gekommenen, – alles findet als Teil eines rollenden Ganzen statt, das sich in seinem ruhelosen Stattfinden längst verselbständigt hat (Hintenanstehen bitte).  Ich fahre zum Beispiel mit dem Zug an dieser Fabrik vorbei, in der sie Maschinen herstellen, und eine Lichtung entsteht in meinem Hirn.  Ich mache mir ein paar Gedanken dazu, schreib sie vielleicht sogar in stumpfen Stichworten auf, aber dann muss ich wirklich weiter und die Lichtung wächst noch vor der Einfaht des Zuges in Bern wieder zu, Dieser Zug fährt weiter bis Interlaken, Neufundland und Persepolis. Der Mann, der gerade noch vor seiner einfachen Hütte  Handarbeit machte (die ersten Teile für Maschinen, die erst viel später erfunden werden), hat sich einen grellfarbigen, atmungsaktiven und windschlüpfrigen Anzug übergestülpt und joggt durch den gar nicht mehr märchenhaften Wald. Wahrscheinlich bin ich das, denkt Columbus. Diese unbekannte Küste gibt es nur in meinem Kopf. Die abwinkenden Eingeborenen eine Erfindng der Renaissance und der den Entdeckungen vorhergegangene  heroische Kampf des Abendlandes gegen die Araber sinnlos. Von Weitem hat es ausgesehen wie Blumen, was sie da zur Begrüssung schwenkten. Oder zumindest langstielige Disteln. Oder doch Speere? Wie aber vollbringt man das Aufhören ohne Anlauf, aus dem Stand?
Alle mal herhören, ruft Wilhelm der Eroberer seinen Männern zu. Change of plans! Wir drehen um oder segeln zumindest in die entgegengesetzte Richtung bis an den Rand der Scheibe, von der wir ohnehin irgendwann fallen (das glaubt ihr doch selber nicht).  Wenn etwas schief geht, nehme ich es auf meinen Helm. Und zur Feier des Tages jedem eine Extraportion Erbeerjoghurt, vollfett, megakrass. Der Jubel der Männer (Erdbeerjoghurt!) klingt dann bereits wieder wie eine Brandung, die ihrerseits ein Ufer bedingt, einen Strand womöglich. Nennen wir dieses neue Land einmal Undien. Oder Etwasien. Insofernien. Werweissika. Nein, darüber wird nicht abgestimmt. Die Demokratie wird diesmal umsegelt. Wir wollen nur noch aufgeklärte Monarchinnen mit Mittelscheitel die autonom entscheiden. Alles andere führt rasch wieder dorthin, von wo es kein Entrinnen mehr gibt. An die Drehbank einer Maschinenfabrik. In einen Städtschnellzug.  Ohne Halt bis Balla-Balla.

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