Der Pleier

In der biologischen Systematik gehört der Pleier zur Untergattung der Pleitegeier, aber eigentlich möchte er weder da noch irgendwo sonst dazugehören. Er möchte am liebsten in Ruhe gelassen werden. Er ist ab seinem schlechten Ruf  enttäuscht und zeigt, durch den Verzehr der vielen Kadaver zu schwer geworden, ab und zu auch Anflüge von Verbitterung, weil er des Fliegens nicht mehr mächtig ist.
Trotz diesen auf Rückzug angelegten, depressiven Wesensmerkmalen findet man den Pleier praktisch überall auf der Welt. Er hat seinen festen Platz auf dem Henkersbaum oder dem Galgen längst eingetauscht gegen einen Platz hoch oben auf der Liste der definitiv nicht vom Aussterben bedrohten Tiere. Besonders eindrücklich ist die Bandbreite der Pleiten, bei deren Ankündigung sich der Pleier blicken lässt. Man trifft ihn ebenso knapp ausserhalb des Scheinwerferlichts von zum Scheitern verurteilten Friedensverhandlungen, wo er sich die Namen der Protagonisten merkt, die danach eigentlich definitiv entsorgt werden müssten, wie im Treppenhaus eines anonymen Wohnblocks, in dem sich gerade ein Ahnungsloser seinen persönlichen Lebensplan für die nächsten Jahre zurechtzimmert.
Trotz seines Schwermuts kann der Pleier zuweilen auch eine stupende Leichtigkeit an den Tag legen. Er pfeift dann sein Lieblingslied („Water of Love“ von den Dire Straits), in dem ein Vorfahr vorkommt, der noch fliegen konnte, und tanzt sich leichten Fusses an den Rand der nächsten Katastrophe.
(zitiert aus Walters Tierleben, 4. Auflage, Hirnfort am Main, 1975)

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