Die Schuldkröte

Die Schuldkröte hat neben ihrem Äusseren wenig gemeinsam mit der Schildkröte, obwohl sie ebenfalls zu den eierlegenden Reptilien gehört und es auch bei den Schuldkröten Land- und Wassertiere gibt. Flussschuldkröten sucht man allerdings vergebens. Das ginge ihnen zu schnell.

Schuldkröten gibt es, im Gegensatz zu den Schildkröten (die Jahrhunderte lang geduldig auf das Erscheinen der Dinosaurier gewartet hatten, nur um dann von diesen plumpen, viel zu grossen Tieren ziemlich enttäuscht zu sein), noch nicht sehr lange.  Einigermassen sicher nachweisen  kann man Schuldkröten erst, seit es Menschen mit einem Gewissen gibt, genauer genommen seit Sigmund Freud sie 1883 zufällig in seinem Garten entdeckt hat, nachdem er dort schon im Sommer 1874 auf Menschen aufmerksam geworden war, die auf ihn wirkten „…als hätten sie mit allem nichts zu tun, dies aber gründlich.“

Freud (vielleicht auch nur Freuds Gärtner, der sein Manuskript dann mit Hilfe von Freuds Haushälterin in seine geschummelten Werke geschmuggelt hat) nahm an, die Schuldkröte habe sich entwicklungsgeschichtlich aus der Unfähigkeit des Menschen entwickelt, die ganze Schuld auf sich zu nehmen. Wobei er mit „ganz“ offenbar alles meinte, was nicht in seinem Geräteschuppen verstaut werden konnte, wenn es plötzlich zu regnen begann. Wer soviel Schuld auf sich laden würde, so Freud, könnte sich nur noch sehr langsam fortbewegen und bräuchte zudem, so sein Gärtner, eine ziemlich harte Schale (Freuds Haushälterin nannte es liebevoll einen  „Panzer“) damit die Schuld nicht gleich wieder entweichen und sich auf die ahnungslos im Garten Karten spielenden Menschen verteilen könne.

Schuldkröten leben heute fast überall auf der Welt. Die Weibchen legen ihre Eier in den Sand und sobald die jungen Kröten geschlüpft sind, sind sie selber schuld.  Wasserschuldkröten rennen dann so rasch wie möglich ins Meer. Viele von ihnen werden aber gleich nach dem Schlüpfen von Lachmöwen gedemütigt und werden, auch wenn sie das Meer noch erreichen,  später nie mehr ganz froh. Der einzige natürliche Feind der Landschuldkröten ist die Spottdrossel. Schuldkröten können schlecht mit Spott umgehen. Wenn es ihnen zuviel wird, erzählen sie sich in ihren Verstecken indianische Mythen, wie zum Beispiel die Vorstellung der Irokesen, dass die Erde sich auf dem Rücken einer Schuldkröte befindet. Die Schuldkröten wissen zwar, dass dies eine grobe Vereinfachung ist , und sie nur die Schuld der Erde auf ihrem Rücken tragen, aber die Vorstellung tröstet sie irgendwie.

(Zitiert aus: Walters Tierleben, Hirnfort am Main, 2011, Sechste, total überarbeitete und ferienreife Ausgabe)

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