Das Sumpfhorn

Anders als das Grashorn trägt das Sumpfhorn seinen Namen nicht als Tarnung, sondern es gibt damit gleich alles über sich Preis. In seinem Fall steckt im Namen sowohl das, worin es steckt, als auch das einzige, was es normalerweise rausstreckt.

Zoolographen gehen davon aus, dass es früher auch einmal Sumpfhörner gegeben haben muss, bei denen der damals noch viel längere, buschige Schweif ebenfalls aus dem Sumpf ragte. Die Evolution hat dieses Merkmal aber früh fallen lassen, weil „Sumpfschweifhorn“ unter den damals noch zu voreiligen Schlüssen neigenden Zoologen immer wieder zur völlig falschen Annahme führte, das Tier schweife in seinen Sümpfen umher. Wer mit Hilfe einer Sumpfbrille (einfache, durchaus brauchbare Modelle können mit etwas Glück inklusive Ersatzscheibenwischer auf e-bay ersteigert werden) schon einmal ein Sumpfhorn gesehen hat, weiss, dass die Vorstellung seines Umherschweifens völlig absurd ist.

Sumpfhörner stecken meist regungslos im Sumpf, stecken ihr Horn mit den durchschnittlich 62 (bei Weibchen können es bis zu 70 sein) Nasenlöchern an die Luft und das einzige, was sich ab und zu leicht bewegt, ist ihr Stummelschwanz. Warum sich dieser bewegt, ist den Forschern noch heute ein Rätsel, und wird es vermutlich ebenso bleiben wie die Art ihrer Fortpflanzung. Dies, obwohl Sumpfhörner als Studienobjekt kaum vor der Austrocknung der letzten Sümpfe verschwinden werden.

Sie stecken zwar im Sumpf fest, haben es durch ihre Standhaftigkeit aber geschafft, sich konsequent aus der Mythologie herauszuhalten. Sie liefen auch nie Gefahr, ausgerottet zu werden. Der Hauptgrund dafür ist sicher, dass sie generell nicht laufen. Geholfen hat ihnen aber vor der Erfindung des Artenschutzes auch der Umstand, dass ihr Horn, sogar wenn man es sehr fein zerreibt und mit der Essenz von Holunderblüten vermischt, lediglich leichtes Bauchweh macht, aber keinerlei besonderen Kräfte verleiht.

Sumpfhörner gelten als extrem gutmütig. Von Natur aus selbstgenügsam, eher scheu und zurückhaltend, wären sie trotzdem im Prinzip gelegentlichen Kontakten nicht abgeneigt. Sie würden vermutlich am ehesten auf den Namen Emma oder Ladislaus hören. Da sie aber weder Ohren noch ein Gehör haben und sowieso nicht kommen könnten, fällt es nicht ins Gewicht, dass ihnen keiner ruft.

(Aus:  Walters Tierleben, Hirnfort am Main, 2011. 26., unverändert sinnlose Ausgabe)

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