Der Weisbär

Der Weisbär stammt vom Weissbären ab, der sich dermassen unbeliebt gemacht hatte, dass er eines schönen Frühlings mit dem Winterpelz auch das zweite „S“ abstiess. Weisbären sind heute unter den Tieren ihres angestammten Habitats (der Weisbär braucht eine farnreiche Flora und verträgt wenig Lärm) wohlgeduldet. Sie gelten zwar als etwas schrullig und tollpatschig, sind aber sehr bescheiden und wollen nie im Mittelpunkt stehen. Nicht einmal ihre Beutetiere könnten, wenn es sie geben würde,  etwas wirklich Schlechtes über sie sagen. Weisbären sind Vegetarier und ernähren sich hauptsächlich von Farn.

Obwohl Weisbären überzeugte Einzelgänger sind, können sie, wenn es darauf ankommt,  nicht alleine einschlafen. Gegen Ende November sucht sich der Weisbär deshalb ein gut genährtes Winterschaf aus und zieht sich mit ihm in seine Höhle zurück, wo er ihm Bärenflachsereien erzählt, bis es, vom Zuhören völlig erschöpft, in einen winterschlafähnlichen Tiefschlaf fällt. Erst jetzt beginnt auch der Weisbär mit dem Rücken zum Winterschaf seinen Winterschlaf, aus dem er auch dann nicht erwacht, wenn sein Winterschaf aufwacht und das Weite sucht.

Winterschafe gelten in ihren Herden, wenn sie sie wiederfinden, als heilige Kühe, was sie ziemlich verwirrt. Sie werden zwar nicht verstossen, wie man dies lange angenommen hatte, gelten aber als unberührbar, und die anderen Schafe kichern hinter ihrem Rücken. Die meisten Winterschafe sondern sich deshalb bald wieder von ihrer Herde ab und machen sich auf die Suche nach ihrem Weisbären. Wenn sie ihn wiederfinden, können sich wunderbare Lebensgemeinschaften zwischen Weisbären und Winterschafen bilden, die wegen der Vorliebe der Weisbären für Farne auch Farnbeziehungen genannt werden und oft über lange Jahre hinweg Bestand haben.

Wenn ein Winterschaf eine solche Gemeinschaft eingeht, lebt es zwischen April und November in Sichtweite „seines“ Weisbären und stellt seine Nahrung fast ausschliesslich auf Farne um. Der Weisbär lässt sich nichts anmerken, betrachtet „sein“ Winterschaf aber aus sicherer Distanz mehrere Stunden am Tag und würde sofort eingreifen, wenn es in Gefahr geraten würde. Ende November stürmt der Weisbär dann eines Tages mit grossem Getöse auf sein Winterschaf zu, um es in seine Höhle zu entführen. Das Winterschaf tut dann so, als wäre es völlig überrascht und überrumpelt, und macht jedes Jahr einen kurzen Fluchtversuch.   Weisbären, die mit einem Winterschaf eine Farnbeziehung führen, gehören zu den glücklichsten ihrer Gattung. Ihr Fell hat einen ganz besonderen Glanz und obwohl sie viel älter werden können als Schafe, sterben Weisbären meist kurz nach ihrem Winterschaf.

(Zitiert aus: Walters Tierleben, Hirnfort am Main, 2011, ohne besondere Auflagen)

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