Der Wertfisch

Der Wertfisch ist ein seltener Tiefseefisch. Jedenfalls meint er das und ist jedesmal sehr erstaunt, wenn er im Spätsommer nach langwierigen Vorbereitungen, während deren er sein Schwert zweimal abstösst und seiner Umgebung ganz schön auf die Nerven gehen kann, zum Laichen in weit entfernte, seichte Gewässer aufbricht und sofort da ist.

Er schreibt diese überraschend schnelle Ankunft jedes Jahr auf’s Neue seinem flinken Schwimmstil zu und scheint sich auch nicht weiter darüber zu wundern, dass es in seinen heimatlichen Tiefen gleichviel Tageslicht hat wie an seinem Laichplatz wenige Schwertlängen unter der Wasseroberfläche.

Wertfische scheinen ein eigenes Wertesystem und eine eigene Wahrnehmung zu haben, die oft wenig mit der realen Umwelt zu tun haben, in der sie sich bewegen. Auch mit ihrer Selbsteinschätzung liegen sie zuweilen etwas schief im Wasser, was bei in Gefangenschaft geratenen Wertfischen schon dazu geführt hat, dass sie für krank oder tot gehalten und entsorgt wurden.

Wertfische eignen sich ohnehin sehr schlecht für die Haltung in Gefangenschaft, da sie sehr gesellige Tiere sind, die sich, einmal von ihrem Schwarm getrennt, einseitig ernähren und rasch an Verstopfung leiden, was zu Magenkrämpfen und einer schrägen Schwimmlage führt, worauf sie sich extrem auf die andere Seite neigen, um nicht entsorgt zu werden. Abgesehen davon, dass Wertfischen auch in sehr grosszügig angelegten Meeresaquarien die imaginäre Tiefe fehlt, sollten sie deshalb, wenn überhaupt, höchstens im Schwarm gehalten werden.

Dies wiederum ist schlecht möglich, da sich Wertfische in Gefangenschaft nicht vermehren, weil ihnen der lange Weg zum Laichplatz fehlt, und es kaum je gelingt, mehr als ein oder zwei Exemplare auf einmal zu fangen. Wenn Wertfische beim Laichen in Gefahr geraten, opfert sich spontan einer von ihnen und hilft so seinem Schwarm, zu entkommen.

Nähert sich ihnen zum Beispiel etwas Grosses, was sie nicht für ein Riff halten, das sich von den Korallen losgerissen hat, opfert sich der älteste Wertfisch (oder der mit dem längsten Schwert), indem er sich – wilde Pirouetten drehend und dabei laut grunzend – mit enormer Sprungkraft hoch in die Luft schraubt, und so unweigerlich die Aufmerksamkeit der Jäger auf sich zieht, während sich sein Schwarm lautlos auf den mehrere Meter entfernten Meeresboden sinken lässt, um dort regungslos in Schieflage zu verharren, bis der Öltanker vorüber ist.

Am meeresbiologischen Institut von Lübeck ist es einem Team von Seichtwasserpsychologen erst neulich gelungen, nachzuweisen, dass Wertfische Trauer für ihre verstorbenen Artgenossen empfinden können und dies vermutlich auch tun, solange sie über genügend Sauerstoff verfügen und selber noch am Leben sind. Wie tief diese Trauer tatsächlich geht, ist noch Gegenstand weiterer Forschungen. Es wird aber schon heute angenommen, dass die Trauer bei direkten Verwandten so gross werden kann, dass diese von ihr plattgedrückt und danach für Tiefseefische gehalten werden.

(Aus: Walters Tierleben, Sonderbeilage zur Festschrift für Professor emeritus Dr. Ernst-Ludwig Tümpel, Entdecker der Kraulquappe und Erfinder des Unterwassertoasters,  Lübeck 2007.)

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