Auf- und leider durchgefallen (NZZ-Kolumne vom 2.2.2011)

Keiner hat heute Zeit, die ganze Zeitung zu lesen, und morgen will sie sowieso keiner mehr lesen. Das haben schon die Rolling Stones in ihrem 1967 veröffentlichten Song „Yesterday’s Papers“ in eine Welt hinaus gesungen, die uns rückblickend noch einigermassen über- und vielleicht sogar durchschaubar vorkommt.

Natürlich trügt dieser Eindruck und hat nur damit zu tun, dass es damals noch viel weniger und vor allem viel weniger schnelle Medien gab. Die Informationskeule, die wir heute täglich verpasst kriegen, lässt ab und zu einen nostalgischen Gedanken hochkommen an eine Zeit, in der alles noch ein bisschen weniger hektisch war, weil man zwar viel weniger mitkriegen konnte von dem, was auf der weiten Welt vor sich ging, dafür aber nicht andauernd das Gefühl haben musste, wichtige Berichte zu verpassen.

Zu den wenigen Dingen, die ich nicht lesen muss und trotzdem jeden Tag lese, gehört die Rubrik AUFGEFALLEN in der NZZ. Ich gönne mir diese kurzen, meistens sehr gut geschriebenen Häppchen zu einem oft spannenden Thema jeden Tag als Frühstückslektüre. Heute ärgert mich Herr Gerste allerdings. Ich weiss, dass das sowohl ihm wie auch der NZZ völlig egal ist, aber ich will es hier trotzdem für meine acht Leserinnen und Leser festhalten.

Herr Gerste lässt sich in abschätzigem Ton über Joseph Patrick Kennedy II aus, der sich im US-Fernsehen zu bester Sendezeit bei Hugo Chávez für die Öllieferungen bedankt, welche dieser seit einigen Wintern einigen der ärmsten Amerikaner unaufgefordert und gratis zukommen lässt. Jeder halbwegs gebildete Amerikaner, so Herr Gerste, wisse, dass Hugo Chávez alles andere als ein Demokrat sei, um seinen Artikel dann mit dem Kommentar zu beenden, es stehe dem Neffen des grossen Joe Kennedy schlecht an, einen Diktator zu unterstützen.

Das liest sich zwar, mit Verlaub, Herr Gerste, wie ein eleganter oder zumindest eloquenter Verriss, es greift aber etwas gar kurz und gehört in der unbeholfenen Polemik, in der es daherkommt, genau dort hin, wo Sie trotz gegenteiliger Aussage einen Teil der Amerikaner und offenbar auch den Grossteil der NZZ-Leser zu verorten scheinen: in die Halbbildung.

Um die Frage, wie demokratisch Hugo Chávez ist, sorgfältig zu beantworten, müssten wir zunächst sorgfältig definieren, von welcher Art Demokratie wir reden, und uns dann gemeinsam Zeit nehmen, die Zustände und Vorgänge in Venezuela mit dem zu vergleichen, was in anderen demokratischen Staaten abläuft. Ist es, um nur ein Beispiel zu nennen, eindeutig undemokratisch, wenn durch Landreformen erreicht werden soll, dass mehr Bauern die Früchte ihrer Arbeit geniessen können? Ist es, um doch noch ein zweites Beispiel anzuführen, auch wenn Sie, ich weiss, keine Zeit haben, absolut undemokratisch, wenn der Staat den Arbeitern ermöglicht, von ihren Besitzern stillgelegte Fabriken zu übernehmen und wieder zum Leben zu erwecken?

Ich weiss, was Sie jetzt sagen, Herr Gerste: der Privatbesitz darf nicht, unter gar keinen Umständen, angetastet werden. Es käme aber auch hier auf die Definition an. Die arabischen Herrscher, die im Moment gerade unter den Druck der Strasse geraten, haben auch Privatbesitz. Sehr viel sogar. Gilt er uns nur deshalb plötzlich nicht mehr als unantastbar oder zumindest verhandelbar, weil einige dieser Herrscher im selben Augeblick, in dem sie nicht mehr zu halten sind, in unserem offiziellen Vokabular von Präsidenten zu Despoten mutieren und wir durch die Ereignisse gezwungen werden, nach vorne zu blicken, in die noch unbekannten Gesichter der neuen Regime, mit denen wir uns rasch arrangieren werden (wenn nötig mit einer Prise Menschenrechtsdialog)?

Anreden und Bezeichnungen ändern sich offenbar rasch. Auch der von Ihnen benutzte Begriff Diktator müsste genauer definiert und Hugo Chávez anhand des geklärten Begriffs mit den Präsidenten anderer demokratischer Staaten verglichen werden. Aber das hätte keinen Platz in einer Kolumne, ich weiss.

Deshalb breche ich hier auch mit der Bemerkung ab, dass unser virtuelles Zwiegespräch den Armen New Yorks ganz sicher am dank Hugo Chávez etwas wärmeren Hinterteil vorbeigeht. Ich wäre Ihnen dankbar, Herr Gerste, wenn sie die von mir jeden Tag wegen ihrer Kürze geschätzte Kolumne AUFGEFALLEN nicht auf Kosten der intellektuellen Redlichkeit mit schlecht recherchierten Halbwahrheiten und unzulänglichen Verkürzungen würzen würden.

Mit freundlichen Grüssen,

Walter Haffner III (sorry, aber wir pflegen auch in meiner Familie eine royale Zählweise)

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