Kurz vor dem Ausbruch der totalen Ehrlichkeit

Man könnte meinen, ich sei als Diplomat eindeutig die falsche Person, um zur Debatte über die totale Ehrlichkeit irgendetwas halbwegs Brauchbares beizusteuern. Aber manchmal liegt man mit Meinungen falsch und ohnehin ist weit und breit keine Debatte über die totale Ehrlichkeit auszumachen. Sie gestatten also, und sehen mir meinen ungefragten Beitrag zu etwas, was es nicht gibt, bitte nach. Manchmal tut es ganz einfach gut, im luftleeren Raum zu einem Nichts beizutragen, das sich dadurch in nichts auflöst und den Reigen der Nichtigkeiten überflüssigerweise ergänzt.  
Es ist vielleicht aber auch für andere ein bisschen therapeutisch, denn wer falsch liegt, wacht unerholt auf und sucht seinen Standpunkt womöglich den ganzen Tag vergeblich. Falsches Liegen kann korrigiert werden, wenn man Dr. Klemp aufmerksam zuhört, sich nicht von seiner weissen Schürze ablenken lässt  und die Packungsbeilage sorgfältig liest.
Es liegt nicht an der Sprache, wenn es sich so liest und anhört und oft auch so aussieht (Fillon zu Gast bei Mubarak), dass Diplomaten und Staatsmänner nicht der absoluten Ehrlichkeit verpflichtet sind, wie wir sie von ihnen erwarten und selber jeden Tag praktizieren. Die Staatsfrauen habe ich ganz bewusst nicht erwähnt. Es gibt über sie schlicht nichts Negatives zu sagen. Ausser vielleicht über die paar wenigen, die genau so funktionieren wie ihre männlichen Kollegen, aber die sind ihrer Rede nicht wert. 

Man greift zu kurz und wahrscheinlich ins Leere, wenn man sich darauf hinausreden will, die Sprache der Diplomaten sei – wie jede Art von Sprachgebrauch, wenn wir kurz innehalten und es uns zwischen zwei Gedankenstrichen überlegen – lediglich kodiert, und eigentlich sehr klar und deutlich, fast schon restlos ehrlich, wenn man den Code kennt.
Hillary Clinton sagt, der israelische Siedlungsbau in der Westbank sei für den Friedensprozess „nicht hilfreich“. In der dechiffrierten Version heisst „nicht hilfreich für“ (je nach Dechiffriertabelle, die man benutzt) „unvereinbar mit“ oder „in krassem Gegensatz zu“. Nur sagt ein Freund einem Freund das in der Öffentlichkeit nie in dieser Deutlichkeit und ein Zyniker würde anfügen, dass es nicht einmal hinter verschlossenen Türen entscheidend sei, ob etwas (im vorliegenden Beispiel ein Siedlungsbau) für etwas, was es nicht gibt (einen Friedensprozess) nicht hilfreich oder damit nicht vereinbar sei.   
Ich mag aber Zyniker nicht und die Kodierung der Diplomatensprache ist auch nicht die Ursache des Problems, noch steht sie einer möglichen Lösung im Weg, weder beim Nahostkonflikt noch bei sonst irgendeinem Konflikt. Im Sprachgebrauch der Diplomaten tritt uns das Phänomen der begrenzten Ehrlichkeit lediglich besonders deutlich entgegen. Und wir zeigen schliesslich alle gerne mit dem Finger auf Mängel, wenn wir sie mit dieser lockeren Geste bequem bei anderen deponieren können.

Wir hingegen (ein „wir“ ohne mich für einmal – ich bin Diplomat) sind ihr in unserem Alltag, sowohl im Berufs- als im Privatleben natürlich stets verpflichtet, dieser frontalen, ungeschminkten Offenheit, dieser Ehrlichkeit ohne Rest und Rücksicht auf Verluste. Egal, ob es sich um Begegnungen auf der Strasse, um Arbeitskolleginnen und Kollegen, Vorgesetzte, Bekanntinnen und Bekannte, Freundinnen und Freunde, oder um die Person handelt, die wir gerade zu lieben meinen: wir sagen allen, auf Verabredung oder zufällig getroffen, stets nur das, was wir wirklich meinen, und zwar deutlich, und direkt: die Wahrheit.
Sollen selber schauen, wie sie damit zurechtkommen. Und wenn es ihnen nicht passt, können sie uns ja entlassen, die Freundschaft oder die Liebe kündigen oder uns aus dem Weg gehen. Der Gehsteig ist breit genug.
Nur der Scheisskellner kann das nicht, wenn wir ihn so richtig zusammenstauchen, weil die Espressotasse schon wieder nicht vorgewärmt war. Das arme Schwein kann uns weder aus dem Weg gehen noch kann er uns sagen, was er wirklich von uns hält. Sein Pech. Was hält er sich aber auch zuunterst in der Hackordnung auf. Hätte ja etwas länger zur Schule gehen können.
Lassen wir ihn (ohne Trinkgeld zurück). Wenden wir uns wieder den Diplomaten und Ministern zu. Die machen ja auch nur ihren Job. Vielleicht erscheinen sie uns ja nur deshalb so unappetitlich verlogen und verachtenswert, weil sie im grellen Rampenlichtlicht der Bühne, die wir ihnen überlassen, genau das in fast vollendeter Perfektion praktizieren, was wir im Grunde genommen an uns selber nicht wirklich mögen.

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