Was ich lese, wenn ich lese, entscheidend sei nicht, wie ich lese, sondern was ich lese

 „Entscheidend ist nicht, wie, sondern was Sie lesen.“ (NZZ-Eigenwerbung)

Was heisst hier entscheidend? Was wird entschieden, und von wem? Entscheidungen aussprechen, hat Günter Eich in seinem Gedicht Timetable festgehalten, sei Sache der Nilpferde. Er ziehe es vor, Salatblätter auf ein Sandwich zu legen und unrecht zu behalten.
Entscheiden hat etwas mit Recht haben zu tun. Wer entscheidet, muss glauben, oder zumindest hoffen, Recht zu haben. Recht mit seinen Überlegungen oder seinem Bauchgefühl oder was immer zum Entscheid in diese oder eben die andere Richtung geführt hat. Und ich schreibe ganz bewusst von seinen Überlegungen und seinem Bauchgefühl, weil nach einer Statistik, die ich soeben erfunden habe, weltweit noch immer mehr als drei Viertel aller Entscheidungen von Männern gefällt werden. Das ist eindrücklich, ich weiss, und es klingt auch ohne Beleg glaubhaft. 
Entscheidend sei also, so die NZZ in ihrer Eigenwerbung, nicht wie ich lese (ich nehme der Einbildung halber an, die Werber meinten mich), sondern was ich lese.
Das mag als Werbeslogan auf den ersten Blick überzeugen (wer liest schon gerne Käse), aber es trifft leider nicht ganz zu, meine Herren. Es überzeugt höchstens halb. 
Mein Geschichtslehrer sagte uns zu Beginn der Mittelschule, das Ziel seines Unterrichts sei, uns beizubringen, wie man Zeitung liest. Wie, nicht welche. Ich habe erst viele Jahre später zu begreifen begonnen, was er damit gemeint haben könnte. Es hat zunächst einmal damit zu tun, nicht alles zu glauben, was man liest. Es hat mit Kritik zu tun, mit Zweifeln an Darstellungen, die auf unüberprüfbarem Wissen beruhen, mit ständigem Hinterfragen, wer was warum so und nicht anders darstellt. Mit der Frage, warum über etwas nicht berichtet wird. Es hat mit Quellenkritik zu tun, mit Sorgfalt und Aufmerksamkeit und mit der Unterscheidung von Meinungen und Fakten, mit dem Erkennen von Absichten. Es hat damit zu tun, nicht alles bereitwillig zu glauben, was in mein Weltbild passt, und nicht alles reflexartig abzulehnen, was mich verunsichert oder meine Überzeugungen erschüttern könnte.
Es macht einen gewaltigen Unterschied, wie ich lese. Umso besser, wenn ich dann auch noch etwas lese, was von hoher Qualität ist, weil es in etwa mit denselben Grundsätzen geschrieben wurde, wie ich lese. Aber es ist schon eher umgekehrt: Wenn ich nie richtig lesen gelernt habe, kann ich auch mit der NZZ wenig bis gar nichts anfangen. Wenn ich lesen kann, tun es zur Not auch mal ein paar Blick-Schlagzeilen. Ich kann die Zeitung (irgendeine) natürlich auch ungelesen dazu nutzen, mein Sandwich einzupacken, und mich damit in die Landschaft verabschieden, während die Manager im Flugzeug über Bochum ihre einsamen Entscheide treffen.

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