Die Saison der Entschuldigungen

Der Tag begann mit einem sonderbaren Telefonanruf. Ich hörte die Stimme meiner Sekretärin sagen, sie hätte Mahmud Abbas am Apparat und ob sie ihn mir durchstellen könne. Mahmud wer? Machen Sie keine Scherze mit mir, gute Frau, ich habe schlecht geschlafen.

Aber sie hatte bereits durchgestellt und Präsident Abbas bat mich ohne Umschweife um Entschuldigung.

I am sorry, Walter, I am deeply sorry. Seine Stimme klang brüchig und im Hintergrund war Strassenlärm zu hören. 

Why should you be sorry, dear friend? hörte ich mich sagen, obwohl wir uns nur einmal gesehen hatten, und da hatte er kurz zuvor sein Gesicht verloren gehabt.

Er entschuldigte sich für all die Sorgen, die er mir in den letzten vier Jahren bereitet hatte. Es sei nicht seine Absicht gewesen (I didn’t mean it). Er wisse, wie mühsam das für mich und die anderen Diplomaten die ganze Zeit gewesen sei, dieser ewige Konflikt. Diese Unversöhnlichkeit. Die hohlen Parolen. Die lärmige Larmoyanz. Es tue ihm unsäglich leid, und ob ich seine Entschuldigung annehmen würde, es sei ihm wichtig. Hatte ich ihn schluchzen gehört?

Of course I accept your apology, Mr. President. It’s a very nice gesture. It is confidence building. It is very constructive. It makes my heart light at the time of my departure. I really appreciate. And please stop crying, will you?

Ich hörte, wie er sich schneuzte. Dann waren für einen Moment nur Geräusche von vorbeifahrenden Autos zu hören, Hupen, arabische Wortfetzen, das Furzen eines Esels?

Are you still there, Mr. President?

Thank you, Walter. Thank you for your understanding. It means a lot to me. I pass you Bibi now for the details.

WHAT???

Walter, that you? This is Bibi the brave. How are you? We heard you are leaving soon. No, don’t tell me where you go. I know you are not allowed to tell and I know it already, anyway. Nice country, congratulations! Listen, I know you’re busy, but Mahmud and I are sitting here, drinking a cup of tea, and we wanted to apologize before you leave.

Dann schien er die Hand auf die Sprechmuschel zu halten und ich hörte ein schwaches No, thanks, Mahmud, no sugar!

You still here, Walter? Listen I want you to know that I am sorry. Like Mahmud I feel that it wasn’t right to cause you so much trouble. I am sorry for the settlements and all the mess we created. The pitty peace talks. The cheeky checkpoints. I know it wasn’t nice, none of it. You could have had such a good time. Could have enjoyed beautiful Palestine instead of writing all these confidential reports about our sad conflict. Good reports by the way, most of them. My compliments. But completely pointless, you know that. We used to call it the diplomatic treadmill, Mahmud and I, and we both had our favorite ambassador-hamsters in the wheel. We used to read the reports of you guys together and have a good laugh. No offense. We had to have some fun, after all. What is it, Mahmud? Sorry Walter, just a second… No, Mahmud. I don’t give a shit. You can have it. But take the inhabitants too, please.

I’m back. You still there, Walter? The connection is not really outstanding here in Jenin. I promised Mahmud I ‘ll send him my technicians over this afternoon, as soon as I got back to Jerusalem after we finished the maps.

So what I wanted to tell you is that we are both terribly sorry, Mahmud and I, we really are. We hope you accept our sincere apologies and we want you to leave here with a quiet mind, knowing everything will be all right. We have the peace treaty right in front of us. It’s based on the Geneva Initiative with a few article swaps. Gonna sign it tomorrow. Was about time, I know. Send you a copy.

This is great news, Mr. Netanyahu! sagte ich, völlig überwältigt. I can hardly believe my ears. You tell me you finally sorted everything out, you and Mr. Abbas? You found solutions to close all the enormous gaps? What about Jerusalem, for instance?

Forget Jerusalem. It is gonna be the undivided capital of two states. Neat, isn’t it?
And the right of return…?

Granted.

Whaddayamean?

The Palestinians get a state. If they don’t like it, they can give it back. But listen, gotta go. My regards to Tamar. She’s a nice girl. Don’t forget to allow her to visit Israel often enough after you two have left the country. She’s a native. She needs the sun.

Dann kam ein weicher Summton. Netanjahu hatte aufgehängt.

Ich rief meine Sekretarin an und bat sie, mir in der nächsten halben Stunde keine Anrufe durchzustellen und keine Besucher einzulassen, damit ich in Ruhe an meinem Verstand zweifeln konnte, aber mein Blick viel auf die Frontseite der International Herald Tribune und ich kam nicht umhin, die fett gedruckte Schlagzeile zu lesen: „Iranian nuclear program a big bluff!“

Die Inspektoren der Internationalen Käse- und Emmentaler Agentur (IKEA) hatten den etwas streng riechenden Beweis vorgelegt, dass es sich bei den vermeintlichen nuklearen Installationen in Tat und Wahrheit um gigantische Anlagen zur unterirdischen Produktion von Weichkäse handelte. Das Rezept stammte aus einem alten koreanischen Kochbuch und eine pakistanische Werbeagentur hatte die geniale Verkaufsstrategie entwickelt: „Unterirdisch produziert – überirdisch gut!“.

Die islamische Republik würde, verkündete ein schelmisch grinsender Ahmadinejad im Exklusivinterview, durch diesen gelungenen Coup nicht nur von einem Tag auf den anderen weichkäseautark werden, sondern voraussichtlich auf absehbare Zeit hinaus im ganzen Mittleren Osten Fäden ziehen.

Ich legte die Zeitung auf einen Stapel mit Altpapier, auf dessen Behälter jemand POSTEINGANG geschrieben hatte, band meine Krawatte um, die den Sommer über hinter meiner Bürotüre hing, und verliess das Gebäude. Ich überquerte die hupende Strasse und ging Richtung Strand. In meinem Kopf begann ich eine Liste mit Personen zu erstellen, bei denen ich mich bei nächster Gelegenheit entschuldigen wollte. Gründe gab es genug. Es würde eine lange Liste werden. Parallel dazu, das war mir jetzt schon klar, würde ich nach einer Weile eine Liste der Menschen und Organisationen anlegen müssen, bei denen ich mich zu entschuldigen vergessen hatte, was ihnen deutlich anzumerken war. Und vielleicht noch eine dritte Liste, die die Namen der Personen oder Organisationen enthalten würde, die fälschlicherweise auf der zweiten Liste gelandet waren, weil ich es versäumt hatte, sie nach erfolgter Entschuldigung auf der ersten List zu streichen. Es muss etwas anderes gewesen sein, was ich ihnen angesehen hatte. Und vielleicht würde es noch eine vierte Liste brauchen, die jene Namen (oder Organisationen) enthalten würde, die auf keiner der drei Listen auftauchten, und eine fünfte, streng vertrauliche, mit Namen von Personen, allenfalls auch Organisationen, welche ich bewusst aus Datenschutzgründen weggelassen hatte, oder weil es politisch zu heikel gewesen wäre oder weil sie mir zu nahe gestanden waren (ich machte mir eine mentale Notiz: vielleicht ist es ratsam, diese letzte Liste in Unterlisten zu unterteilen, vielleicht überhaupt alle Listen unterteilen?) und dann stand ich am Strand und stellte fest, dass ich die Badehose in der Botschaft liegen gelassen hatte. Es tat mir Leid für das Meer, und ich entschuldigte mich in aller Form, aber es ging nicht anders, ich musste umkehren.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: