Dmitris Schneider

(ein fiktives Gespräch)

Es ist schwierig zu sagen, warum das so ist. Aber es ist so. Jeder kann es sehen.  Dmitris Anzüge sitzen zwar, sie sitzen sogar ausgezeichnet, aber genau das ist das Problem. Sie sitzen ihm zu gut. Sie sind für seine Figur unvorteilhaft geschnitten. Und es ist nicht, weil er eine unvorteilhafte Figur hätte. Niemand hat eine unvorteilhafte Figur. Jemand, der das behauptet, hat die Schöpfung nicht begriffen oder keinen Respekt davor. Vielleicht ist er etwas klein geraten, Dmitri, mag sein, jedenfalls wirkt er klein, obwohl er nicht kleiner ist als Wladimir, eher grösser, aber Wladimir wirkt grösser. Er kommt ja auch immer wie sein Ziehvater daher, obwohl er das als eine haltlose Behauptung von sich weisen würde, und Dmitri wirkt dann neben ihm wie eine Figur, die Wladimir in seiner Freizeit beim Fischen geschnitzt hat – etwas ungelenk. Vielleicht hatte er kalte Hände.
Aber es liegt nicht an ihm, glauben Sie mir, an Dmitri meine ich, wenn er manchmal  etwas steif und ungelenk wirkt. Es liegt einzig und allein am Schnittmuster seiner Anzüge und damit an seinem Schneider. Dmitri hat offensichtlich, jeder kann das sehen, der ein klein wenig etwas vom Geschäft versteht, einen unfähigen Schneider. Und so etwas sollte es nicht geben. Wenn es sich jemand leisten kann, seine Anzüge bei einem Schneider anfertigen zu lassen, sollte es ein guter Schneider sein. Schlechte Anzüge kann man von der Stange kaufen. Wenn ich Dmitris Schneider wäre, hätte ich ihn jedenfalls anders beraten.

„Sie wollen also, Herr Präsident, dass ich Ihnen ihre Anzüge so zuschneide, dass sie ihre breiten Schultern und die V-Form ihres Oberkörpers betonen? Ich verstehe. Und natürlich kann ich das, Herr Präsident, ich bin Ihr Schneider. Ich kann alles, was Sie von mir verlangen. Ich bin aber nicht nur ihr Schneider, Dmitri, ich bin auch ihr Freund. Ich bin Ihnen wohlgesinnt, wenn Sie erlauben. Ich bin Ihnen treu ergeben.
Habe ich mich nicht geweigert, damals, Wladimir seine Anzüge zu schneidern, als er mich fragte? Habe ich ihm nicht gesagt, es tut mir Leid, Herr Ministerpräsident, aber ich bin Dmitris Schneider, ich kann nicht zwei Herren dienen. Ich schätze es sehr, und es ehrt meine Arbeit, dass sie mich anfragen, aber ich kann nicht ihr Schneider sein. Beim besten Willen nicht. Wäre ich ein Hutmacher, würde ich vielleicht ja sagen, aber ich bin kein Hutmacher. Ich bin ein Schneider. Dmitris Schneider. Auf Wiedersehen, Wladimir. Es tut mir Leid. 

Ich bin Ihnen treu ergeben, Dmitri. Ich habe Wladimir damals abgewiesen, obwohl er bestimmt ein sehr guter Kunde geworden wäre. Ein vorzüglicher Kunde. Er hat eine sehr einfache Figur. Unter Schneidern nennt man es eine Stangenfigur. Man kann alte Schnittmuster verwenden. Ich habe ihm die Adresse eines mir bekannten Schneiders gegeben. Ich kann nicht sagen ein Freund, aber jemand, den ich von früher kannte und um den es gerade finanziell nicht gut bestellt war. Seine Frau hatte ihn verlassen und er gab sich dem Alkohol hin. Aber Wladimir würde er schaffen. Eine Stangenfigur kriegt ein solider Schneider auch leicht alkoholisiert auf die Reihe. Ich habe Wladimir abgewiesen. Ihretwegen, Dmitri. Der einzige Tipp, den ich ihm gab, weil er unzufrieden war mit seinem Erscheinungsbild, und weil er mich bat, ihm wenigstens ein paar Ratschläge zu geben, war, dass ich ihm riet, in seiner Freizeit Rollkragenpullover zu tragen.  Das war alles, wozu ich ihm geraten habe.
Ich habe das nicht überprüft, Dmitri, denn Wladimir interessiert mich nicht, ich bin nicht sein Schneider, aber man trägt mir zu, er werde seither oft mit Rollkragenpullovern fotografiert.

Wie bitte? Nein, Ihnen kann ich Rollkragenpullover nicht empfehlen, Dmitri. Ich muss Ihnen im Gegenteil davon abraten. Ich rate Ihnen auch ganz dringend von Anzügen ab, die in ihrem Schnitt ihre Taille betonen und dann eng anliegend zu ihren Schultern hoch in die Breite gehen. So etwas steht Ihnen nicht. Wenn ich tue, was Sie von mir verlangen, erweise ich Ihnen einen schlechten Dienst. Man erweist einem Freund keinen schlechten Dienst.

Ihr Kopf ist zu gross, Dmitri. Es ist ein schöner Kopf und es ist an sich kein Problem, dass er so gross ist. Überhaupt nicht. Nur ist ihre Haltung, wenn ich das als Ihr Schneider so sagen darf, manchmal ein wenig steif, und ihr Gang tendiert dazu, leicht hölzern zu wirken. Sagen Sie jetzt noch nichts, bitte, lassen Sie mich zuerst ausreden. Danach werde ich schweigen und ihre Anzüge nach Ihren Wünschen zuschneiden, ich verspreche es.
Für jemanden wie Sie, Dmitri, ist ein Jackett, das unter der Achsel gerade bis über die Hüfte fällt, wesentlich vorteilhafter. Und wenn wir dann die Hosenbeine noch etwas weiter machen, wirken sie kompakt und geschmeidig und ihr Kopf hat die richtigen Proportionen. Ich weiss, was Sie jetzt sagen wollen, Dmitri Anatoljewitsch: ihr Kopf hat jetzt schon die richtigen Dimensionen. Natürlich hat er das. Und ich habe auch nie das Wort Marionette in den Mund genommen. Ich habe geschnitzt gesagt, ja, aber Marionette? Ich bitte Sie, Dmitri. Ich bin ihr Freund.

Wenn ich mir erlaube, Sie bezüglich Schnittmustern für ihre Anzüge zu beraten, dann nur deshalb, weil ich mir um Ihr Aus- und Ansehen ernsthafte Sorgen mache. Es ist richtig und wichtig, dass unser stolzes Land eine eigenständige Politik führt, und ich bin der erste, der für unser Recht darauf einsteht. Ich bin ein Patriot, Dmitri. Ich liebe unser Land. Ich liebe es ebenso wie Sie, und ich bin dankbar dafür, dass Menschen wie Sie unsere Geschicke leiten. Gute Menschen. Fähige Menschen. Auch Wladimir ist gut für unser Land, auch wenn sich sein Schneider nie davon erholt hat, dass ihn seine Frau verlassen hat.

Ich schlafe ruhig, Dmitri, seit Wladimir und Sie am Ruder sind. Ich schlafe gut und erwache nur ganz selten mit einem unguten Gefühl im Magen. Mitten in der Nacht, obwohl ich vor dem zu Bett gehen nur eine leichte Mahlzeit zu mir genommen hatte. Es ist absurd. Dann gehe ich hinunter in mein Atelier und schaue mir alte Schnittmuster an. Sie sind zum Teil beschädigt, angerissen und zerknittert (es ist dünnes Papier), und alle sind leicht vergilbt.

Wenn ich mir dann vorstelle, wie wichtige Persönlichkeiten wie Sie, Dmitri, in den Anzügen, die auf der Grundlage dieser leicht zerstörbaren Papiere entstanden sind, Entscheidungen getroffen und Verträge unterzeichnet haben, wie sie immer wieder ihr Veto im Sicherheitsrat eingelegt oder erfolgreich damit gedroht haben, dann ist das eindrücklich, Dmitri, für einen einfachen Schneider wie mich, der nichts von der hohen Politik versteht, und es ergreift mich so etwas wie Ehrfurcht. Ehrfurcht und Dankbarkeit, dass ich Ihr Schneider sein darf. Das ist ein gutes Gefühl. Und besser, viel besser, glauben Sie mir, als noch ein Glas zu trinken, bevor man sich wieder schlafen legt.

Und jetzt sagen Sie mir, was sie für Anzüge wollen, Dmitri. Sagen Sie es mir. In die Taille geschnitten? Wie Sie wollen. Über die Hüften fallend und die Hosenbeine etwas weiter geschnitten? Auch gut. Sie treffen die Entscheidung, Dmitri. Sie sind der Präsident. Ich bin Ihr Schneider.“

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