Betrachten heisst verschwinden lassen

– Vaclav Nedskys Installation „Vanishing Faces“ als spektakuläre Wiedereröffnung des MOTAL

Das Museum of Temporary Art, London hat am vergangenen Wochenende nach einem rund acht Monate dauernden Umbau seine Tore mit einer spektakulären Ausstellung wieder geöffnet. Der vom holländischen Stararchitekten Sten Hidding völlig neu gestaltete Westflügel, der mit seiner einzigartigen Bündelung des  Aussenlichts auf die Exponate neue Massstäbe in der Museumsarchitektur setzen dürfte, wäre wohl für viele Besucher Grund genug gewesen, dem nasskalten Wetter der Londoner Eastside und dem Knatsch um den EURO für ein paar Stunden zu entfliehen. Die von der wachsenden Fangemeinde des Museums herbeigesehnte Wiedereröffnung mit der neusten Installation des tschechischen Malers und Installations-Künstlers Vaclav Nedsky  zu feiern, erwies sich jedoch für das zu Unrecht im Schatten anderer grosser Londoner Museen stehende MOTAL als absoluter Glücksgriff.
Neben dem handverlesenen Kreis illustrer Gäste aus aller Welt (der Schauspieler Ben Styler, die Schriftstellerin Melissa Willows, die Kunstmäzene David und Frank Martinson – um hier nur einige wenige zu nennen) strömten Londoner und Touristen von der Insel und vom Festland gleich in Scharen ins Museum und schenkten dem Anlass somit die Beachtung und den Rahmen, den er zweifellos verdiente.

Arthur Bellinger, langjähriger künstlerischer Direktor des MOTAL, sprach von einem in jeder Hinsicht einmaligen Ereignis in der Geschichte des traditionsreichen Museums. „Wir sind überwältigt von der Reaktion des Publikums. Es ist der schönste Lohn für die grosse Arbeit, die unser Team unter nicht immer einfachen Bedingungen in den vergangenen Monaten geleistet hat.“ Mit den nicht immer einfachen Bedingungen spielte Bellinger auf Ungereimtheiten bei der Finanzierung des Umbaus an, die die Londoner Steuerfahnder auf den Plan gerufen hatten und zwischenzeitlich sogar die Schliessung des renommierten Hauses befürchten liessen. Nun scheint das MOTAL wieder auf sicherem Grund zu stehen und in neuem Glanz zu dem zurückgekehrt zu sein, wofür es vor rund 40 Jahren konzipiert worden ist: der Beschäftigung mit temporärer Kunst.

Vaclav Nedsky setzte mit seiner neuen Installation „Vanishing Faces“ ein weiteres Highlight in seinem an Höhepunkten reichen Schaffen und festigte so seinen Ruf als einer der wohl originellsten und begabtesten Künstler der Gegenwart. Jedes seiner 24 grossflächigen Frauen-Portraits zieht den Betrachter mit seiner Intensität sofort in seinen Bann. Das ganz Besondere an der Installation ist aber ihre Vergänglichkeit.

Die 24 Portraits befinden sich – eines pro Raum – jedes in einer Art separatem Rollladenkasten. Wer ein Bild betrachten will, muss einen Knopf drücken. Der durch den Knopf ausgelöste Mechanismus lässt aber nicht nur den Rollladen hochfahren und gibt so – für gerade einmal 10 Minuten – den Blick auf das Portrait frei, er setzt beim Runterfahren des Rollladens auch einen automatisierten Spray-Prozess in Gang, der das Portrait mit einem extrem dünnen Film halbtransparenter, weisser Farbe überzieht.  Die Portraits werden so nach jeder Betrachtung leicht aufgehellt, bis sie – nach ungefähr 10‘000 Betrachtungen – ganz verschwunden sein werden. Der letzte Besucher hat dann sozusagen wieder eine weisse Leinwand vor Augen. Eine Vorstellung, die in der Tat gewöhnungsbedürftig ist.

Viele Besucher gaben denn auch spontan ihrem Bedauern darüber Ausdruck, dass die wunderbaren Portraits tatsächlich verschwinden werden, und in der Presse wurden bereits erste Kritiker-Stimmen laut, die dafür plädieren, den Blick auf die Kunstwerke streng zu limitieren, um sie möglichst lange zu erhalten. Für wen? – möchte man gleich zurückfragen. Und wer würde darüber bestimmen, wer die Bilder betrachten darf und wer nicht? Sind wir weniger Wert als jene, die nach uns kommen? Haben wir andererseits das Recht, Schönes unwiederbringlich wegzuschauen?

„Vanishing Faces“ ist auf jeden Fall eine Reise nach London wert. Nicht zuletzt deshalb, weil einem die geniale Installation in letzter Konsequenz die Interdependenz von Kunstwerk und Betrachter vor Augen führt. Der Betrachter ist nicht nur ein Teil des Kunstwerks, das ohne ihn keines wäre. Die Installation lässt auch den Schluss zu, dass die Unterscheidung zwischen temporärer und sogenannt ewiger Kunst letztlich ein Konstrukt ist, das sich bei genauerem Hinschauen als unhaltbar erweist.

Nedsky selber hütet sich wie immer davor, sich explizit zum Sinn seiner Installation zu äussern. In einem sehr kurzen Text im schön gestalteten Ausstellungskatalog, der bei Schooster & Schooster in einer auf 2000 Exemplare limitierten Ausgabe erschienen ist, schreibt er lediglich, „Man wird nun sehen, was noch zu sehen sein wird, wenn man nichts mehr sieht.“

Man braucht kein Prophet zu sein, um vorherzusagen, dass der Katalog trotz seines unbescheidenen Preises von £  250 wohl sehr rasch zum gesuchten Sammlerobjekt werden dürfte. Die Ausstellung im MOTAL ist noch bis Ende Februar zu sehen – falls die Exponate, was zu befürchten ist, nicht schon viel früher durch die Augen der Betrachter zum Verschwinden gebracht werden.

2 Antworten to “Betrachten heisst verschwinden lassen”

  1. Sandra Cantieni Says:

    Die Metapher lässt mich nicht los. Dass Dinge verschwinden, wenn man nur lange genug hinsieht. Aber wer zum Henker ist Vaclav Nedsky? Ist die Geschichte ben trovato?

  2. Sandra Says:

    Ja gut, wenn das so ist, ist mir London eine Nichtreise wert!

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