Das Ende der Treibjagd

Manchmal ist es gut, wenn man sich an gewisse Dinge erinnert, auch wenn sie einem beim Erinnern dann oft eher ungewiss erscheinen. Mit dem Erinnern verhält es sich, wenn man älter wird, wie mit einem antiken Fernrohr: es ist immer noch schön anzusehen, lässt sich aber nicht mehr ganz scharf einstellen. Manchmal vergisst man zudem, noch während man das Instrument zum Auge führt, was man betrachten wollte, entdeckt aber dann etwas anderes, worüber man sich mindestens ebenso freut.

Die momentane Aufregung um das Hicks-Teilchen erinnert mich ein wenig an die Zeit, als sie noch nach dem Quark suchten. Die Suche verlief damals wohl ähnlich fieberhaft wie heute, nur hörte man einfach viel weniger davon, weil es noch kein Internet gab und die Forschungsassistenten noch nicht auf der Toilette twitterten. Früher wurde auf den Toiletten noch gelesen.

Ich habe damals lange nicht mitgekriegt, dass alle nach dem Quark suchten. Wobei ich zugeben muss, dass ich ganz allgemein nur wenig mitgekriegt habe damals, weder vom Weltgeschehen noch von den Ereignissen in Zürich, wo es offenbar Jugendunruhen gab, von denen ich erst später erfuhr. Ich war in meiner Jugend meistes alleine unruhig und hielt mich vorwiegend im Spätmittelalter und in Gedichtbüchern auf. Meine Gruppenerlebnisse beschränkten sich auf Fussballplätze. So war in meiner Welt alles bereits passiert, auf das Wesentliche zusammengekürzt oder es hatte klare Spielregeln. Ein guter Freund, der aus der real existierenden Aussenwelt zu Besuch kam, war dann eines Tages bass erstaunt darüber, als er zufällig entdeckte, dass die Quarks seelenruhig im Kühlschrank meiner Eltern sassen, die meisten mit Aprikosenaroma.

Nun scheinen die Wissenschaftler also wild entschlossen, die Existenz des Hicks-Teilchens endlich nachzuweisen. Die Wissenschaftsjournalisten sind ganz nervös und sollten vielleicht eine Weile keinen Kaffee mehr kriegen. Wenn man ihren blumigen Beschreibungen glaubt, kreisen die Forscher am CERN das Hicks-Teilchen sozusagen ein und machen den Raum, in dem es sich noch verstecken kann, immer kleiner.

Das klingt wie eine moderne Treibjagd und man möchte sofort eine NGO gründen, die sich für den Schutz von Hicks-Teilchen einsetzt. Bloss weil man noch nicht sicher ist, ob sie wirklich existieren, dürfte es nicht erlaubt sein, sie gnadenlos zu jagen.

Falls es die Hicks-Teilchen tatsächlich nicht gäbe, wäre alles halb so schlimm, auch für die Teilchenjäger. Die aufwendige und sehr kostspielige Suche wäre nicht umsonst gewesen, da die Elementarteilchenphysiker behaupten, und wer von uns Laien wagte es, ihnen zu widersprechen, mit dem Beweis für die Nichtexistenz des Hick-Teilchens ebenso gut leben zu können, wie mit dem Beweis seiner Existenz. Und den Medien ist es letzten Endes egal, worüber sie berichten.

Das ist nicht bei allen Forschungen so. Amundsen und Scott wären enttäuscht gewesen. Von ihren Schlittenhunden gar nicht zu sprechen. Zuerst diese ganze Mühsal, der Skorbut und die abgefrorenen Zehen, und dann kein einziger Nordpol?

Die Teilchenphysiker müssten lediglich das Standardmodell leicht anpassen, dann könnten sie weiter forschen. Alles also halb so wild. Irgendwann werden zukünftige Forscher ohnehin beim Gedanken kichern (und sich dabei leicht beschämt ob soviel Emotionen die Hand vor den Mund halten), dass ihre berühmten Vorgänger so dumm sein konnten, allen Ernstes anzunehmen, das Hicks-Teilchen liesse sich nur über seine Zerfallsprodukte nachweisen. Anstatt unablässig Teilchen zu beschleunigen und mit grosser Wucht aufeinander und gegen Wände prallen zulassen, hätte es vielleicht genügt, einmal über Nacht alles abzuschalten, den Securitas-Wächtern frei zu geben und ein Stück Käse neben den Beschleuniger zu legen.

 

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