Vorläufig ohne Titel

Was genau passiert war, konnte keiner wirklich sagen. Aber es wollte es auch keiner wirklich wissen. Es ging stets um Grösseres und dann gleich weiter. Gut, es hatte kurz geknallt. Aber das war vermutlich ein Korken. Nachbarn hatten keine reklamiert. Warfen zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich gerade Münzen in einen Brunnen oder Freunde von einer Brücke. Es war kalt. Und nass.

Auch ich war hier wohl nicht immer ganz alleine. Immerhin sass ich auf dem Trockenen und es gab keinen Anlass, zu frieren. Das in meinem leeren Kopf nachhallende, sich von links nach rechts entfernende Klappern von Stöckelschuhen liess auf die vorübergehende Anwesenheit von Frauen schliessen. Jemand sollte das Geschirr abräumen.

Jetzt, womit ich damals meine, denn heute ist lediglich der Tag, wo ich es niederschreibe, war ich wieder oder immer noch nüchtern, und hielt eine Zeitung ohne Datum in der Hand. Die elektronische hatte ich zuvor erfolglos zu öffnen versucht. Sie wollte nicht rascheln. Ich hatte das Passwort vergessen. Klicken Sie hier. Und hier. Und hier.

Kein Mensch ausser mir in der Wohnung. Die Betten zerwühlt. Ich musste mir selber Kaffee machen und war erleichtert, als es geklappt hatte. Bald würden es zwei Jahre sein, dass ich mir das Rauchen erspare. Eine Zeitung ohne Kaffee bleibt hingegen eine Notlösung, und das Lesen ohne Zeitung schaffe ich mit Bestimmtheit nicht mehr.

Es bestünde kein Grund zur Angst der anderen Europäer vor einem zu starken Deutschland, stand in der Zeitung. Brot war keines da. Und die Weichseln-Konfitüre hatte einen ganz feinen, transparenten Schimmelüberzug. Ich hätte sie ohne Brot ohnehin nicht gegessen.

Irgendwo hatte ich einmal gelesen, Schimmel würde Krebs fördern. Oder die Bildung von Krebszellen behindern? Und wie war das damals noch mit den Sprossen des Kopfsalats? Hat das je jemand widerrufen? Es ist alles zu lange her. Ich will mir auch nicht alles merken, aus Angst, irgendwann nichts mehr zu vergessen.

Mit Bestimmtheit könnte ich nur noch sagen, dass jeder dritte Mensch irgendwann in seinem Leben Krebs hat. Das stammt aus einer zuverlässigen Werbung. Ich traue der Werbung. Sie weiss und sagt genau das, was sie will, während die Zeitungen von Inseraten leben und der Raum für Leserbriefe beschränkt ist.

Ebenso unbegründet wie die Angst vor einem allzu starken Deutschland sei das Misstrauen gegenüber der chinesischen Entwicklungshilfe, stand da noch, währen mein Kaffee unbemerkt kalt wurde. Ich glaubte, mir ungefähr vorstellen zu können, worum es ging (um Infrastrukturprojekte und Rohstoffe) und blätterte weiter, ohne den Artikel zu lesen.

In einer anderen Wohnung, in einer neueren Ausgabe derselben Zeitung und unvermittelt in einem neuen Jahr las ich dann, im Kreml arbeite man nach Jahrzehnten der altbewährten Knüppelpolitik an der Formulierung eines neuen Verhältnisses zu Demonstranten. Hingegen werde der Raum für Dissidenten in China immer enger.

Ich gebe zu, ich habe Mühe, das alles richtig einzuordnen. Wahrscheinlich weil ich die Artikel nicht gelesen habe und mich immer öfter dabei erwische, wie ich mich mit den Titeln begnüge. Die sagen ja eigentlich alles. Und ich weiss ja auch, dass es richtig und falsch nicht richtig gibt. Aber man möchte halt doch ab und zu etwas ganz verstehen.

Es ist so, dass ich zu denen gehöre, die sich Sorgen machen, wenn man uns sagt, es bestehe kein Grund zu Beunruhigung. Wenn etwas zu gross oder zu mächtig wird, scheint mir ein wenig Skepsis und Misstrauen angebracht. Vor allem dann, wenn eine Politik demonstrativ neu formuliert wird. Vergessen wir nicht: Auch die Russen waren einst Chinesen, ganz egal, ob in Afrika.

Nein. Nicht einmal ich selber kann mit dieser letzten Aussage wirklich etwas anfangen. Aber ich mag sie und ich stehe dazu. Der Text ist mir offensichtlich irgendwie entglitten und ich stelle fest, dass ich jetzt, wo er zu Ende geht, nicht einmal einen Titel finde dafür. Sonst eine Stärke von mir. Oder zumindest etwas, woran ich immer wieder Spass habe.

Sollte ich mir Sorgen machen? Waren bald 25 Jahre Diplomatie zu viel für mich? Müsste ich mir Charlie Trotter zum Vorbild nehmen, der einst die Gastronomie in Chicago revolutioniert hatte und nun, nach 25 Jahren, sein berühmtes Lokal schliesst, weil es Zeit für etwas Neues sei? Kann ich meine Botschaft schliessen, ohne die Diplomatie revolutioniert zu haben? Müsste ich Bern vorher informieren? Und was wäre nachher das Neue?

Das sind etwas viele Fragen. Wahrscheinlich brauche ich nur ein wenig Schlaf. Dann fallen mir sicher weitere Titel ein. Sprechen wir morgen darüber. Meinetwegen auch über etwas anderes. Das Jahr ist jung und die Wohnungstüre ist offen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: